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Thema: Letzte Spiele

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
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    Post Letzte Spiele

    "Trockener Flachschuss", bemerkte Joe. Wie lässig er sowas sagte, als wär er durch nichts zu überraschen. Sachlich aber anerkennend. Und ich glaubte es kaum. War nur mitgelaufen über den betonierten Platz, mitgelaufen wie immer, denn wenigstens das konnte ich gut. Wenn dann der Ball - Joes Ball - unvermutet vor meine Füße sprang, wußte ich meistens nicht viel damit anzufangen. Deswegen raste ich immer kreuz und quer über den Beton und achtete nur darauf, nicht anspielbar zu sein. Und dann plötzlich der Pass - Joes Pass - und mein Herz schlug ganz schnell. Und da war kein anderer, der frei stand und keiner, an den ich den Ball verlieren konnte. Ich hasste den ******ball, denn ich wußte, ich würde mich hoffnungslos blamieren. Und dann haute ich drauf und er war im Tor. "Trockener Flachschuss". Wir klatschten ab, die Hände schweißnass.
    Als das Match vorbei war, steckten wir die Köpfe unter einen Hydranten und beutelten die Tropfen aus dem Haar. Joe hatte sich das T-Shirt über die Schulter gehängt und das Wasser lief in kleinen Bächen über seine bronzene Haut. Eine gezackte weiße Narbe zog sich quer über seinen rechten Arm und Oberkörper und ließ meinen Blick nicht los. Unsere Augen trafen sich und mir schoß das Blut in den Kopf.
    Dann wurde es schnell dunkel. Joe und die andern begannen, sich mit brennenden Streichhölzern zu bewerfen, das heißt sie warfen nicht, sie stützten das Hölzchen schräg auf die Reibfläche der Schachtel und katapultierten es weg, wobei es sich zischend entzündete. Sie hatten sich etwas entfernt und zwischen ihren Schatten kreuzten sich die Feuerlinien. Niemand rief mich, niemand vermisste mich. Joe auch nicht. Ich drehte mich um und ging.
    Da sah ich den Idioten. Er stand in der Lacke beim Hydranten und lallte. Mit runden Augen glotzte er ins Licht der Laterne. Schüttelte seinen übergroßen Schädel und lallte. Seine Augen waren wie tot. Ohne viel zu denken griff ich mir einen Stein und schmiss ihn. Es ging so leicht wie vorhin mit dem Lederball und ich traf ihn am Kopf.
    Da ertönte so ein Gebrüll, dass ich erst gar nicht verstand, wer da brüllte. Der ganze dunkle Park hallte wieder. Mit beiden Händen hielt sich der Idiot den Kopf und warf ihn von einer Seite zur anderen. Plötzlich bemerkte ich, dass ich ebenfalls begann, meinen Kopf hin- und herzuwiegen. Er schrie noch immer. Und alles schrie. Die Platanen und die Schatten und ich auch. Ich besonders. Mit der Hand schlug ich mir so heftig auf den Mund, dass meine Lippe aufsprang.


    Zu Hause bekam ich Fernsehverbot, weil ich nicht sagen konnte, wer mich geschlagen hatte.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Letzte Spiele

    Hallo Wofgang! Jetzt lockst Du den Fußball-Fan in mir. Und das Kind. Ich hatte als Siebenjähriger ein Urerlebnis: Thomas Albrecht. Und meine Mutter. Ich sollte nicht mit einem Albrecht spielen. Und ich sollte nicht Fußball spielen. Und ich sollte schon gar nicht mit einem Albrecht Fußball spielen. Ich spielte natürlich. Und wir zankten. Jeder verschwand hinter einem Sandhaufen einer Baustelle, dann warf ich Steine in seine Richtung. Er warf Steine in meine. Ich traf ihn. Er blutete. Ich trug ihn. Thomas' Mutter verklagte meine Mutter, ich durfte drei Wochen nicht "runter".
    So würde ich diese Geschichte auch heute schreiben.

    Aber in Deiner Geschichte geht es um etwas anderes, um die Angst vor dem Versagen. Es gab da mal einen Film: Angst essen Seele auf. Der war zwar schlecht, aber er sprach mich thematisch an. Dein Wortgebilde ist auch schlecht proportioniert, aber das Thema spricht mich an.
    Du kommst gut in Schwung, dann fällst du in ein Loch, aber du bleibst drin liegen. Das Ende ist mir zu theatralisch, wenn ich auch, rein spannungstechnisch, hier Gefallen finde. Die Zuspitzung ist für eine Kurzgeschichte schon ganz gut in Szene gesetzt. Doch feilen würde ich hier nicht wollen. Ist bei KG sowieso immer problematisch.


    Ich bin mir noch nicht so sicher, ob ich deine Geschichten mag, Wolfgang, aber missfallen wollen sie mir auch nicht tun. Vielleicht bringe ich es auf die Formel: Viel Arbeit!

    P.S. Entscheide Dich zwischen Rechtschreibung und neuerem Regelwerk!

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Letzte Spiele

    1 unangenehmer Rechtschreibfehler (hallte wieder).
    Dein Text: gefällt mir. Triftige pubertäre Gemütslage, gut erzählt (vor ein paar Monaten hab ich mit dem Gedanken gespielt, dir zu sagen: "bleib bei der Lyrik!" - da hattest du Indios afrikanische Gazellensprünge beigepracht, oh je...). Für eine Kurzgeschichte allerdings, etwas Ganzes, ist es mir zu mager; eine Anekdote, mehr nicht. Um das Ungleichgewicht zwischen dem zweiten (Steinwurf) und dem ersten (Joe) Teil zu beheben müßte etwas hinzukommen. Oder im ersten Teil könnte der Torschuß vom Hintergrund (der pubertären Befindlichkeit mit ihrem Drumherum) gelöst werden: das gemeinsame Dach über Torschuß und Steinwurf würde an seine rechte Position gerückt.


    Und weil es in diesem Forum üblich zu scheint, sich vielwissend&zweifellos zu gerieren: sag ich nicht sowas wie: Is ja nur meine Meinung.


    Gruß, luv.

  4. #4
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Letzte Spiele

    Ich denke, Wolferl hat das Zeug zum Geschichtenerzähler, allerdings will sintemalen die Not ihm den Stein aus dem Kreuz kratzen. Nu isses raus.


    Hast mich verstanden, Wolferl? ich mag deine Geschichten, aber du musst dich straffen, im Geiste wie im Worten. Grüße sein dir auf den Weg gebracht.

  5. #5
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Letzte Spiele

    ach ihr lieben leser und nörgler, was soll ich euch sagen? dass mich jede eurer wortmeldungen freut, auch wenn ich nicht immer mitkriege, worauf ihr hinauswollt? nun, vielleicht ist wirklich sehr viel in diesen sehr kurzen text hineingepackt, was ihn ins schlingern bringt: versagensangst, pubertäre verwirrung und einsamkeit, schuld, ja ist wohl etwas zuviel des guten... andererseits: grad diese überlappung von gefühlen, die in diesem alter mehr oder minder gleichzeitig auftauchen hat mich bewogen, diesen text zu schreiben.


    wolfgang


    ps: danke, luv! blöder rechtschreibfehler in der tat!
    pps: hab schon kapiert, robert, aber ich denke, mit meinem schreiben gehts eh in diese richtung. "letzte spiele" ist aus den letzten monaten, während zb "nach ihnen" schon 1-2 jährchen aufm buckel hat.

  6. #6
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Letzte Spiele

    ..eine Frage stellt sich: Welche Grundmuster unserer Kindheit verfolgen uns durchs Leben? Und welche Sozialisationsbedeutung hat Sport, v.a. Fußball?

  7. #7
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Letzte Spiele

    Ist der Fußball hier ein Medium oder zentraler Bestandteil, ohne den diese Geschichte nicht funktionieren würde?

    Etliche Texte gehen durch einen so durch, dieser bei mir nicht. Ich kann mich nicht nur daran erinnern, sondern bin erfreut, diesem Ordner wiederzubegegnen, in dem etliche Gesprächsfäden nicht aufgenommen worden waren.

  8. #8
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Letzte Spiele

    Wolfgang Ratz: fand ihn in einigen Foren und las ihn gern, lange her. Aber einige Zeilen nie vergessen, Lyrik damals, er machte sich rar:

    „dem besten gedicht meines lebens
    blieb die niederschrift erspart...“

    Niederschrift!
    oder:

    „diese geschenkten zeilen
    worte die ohne vorspiel kommen...“

    oder, was ich nie vergaß:

    „am pier

    leckte dich weckte mich, gestern am pier
    der ölige spiegel war blind
    trommelte meine bedenken im wind
    und ich fand keinen fehler an dir...“

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