Um mit dem Positiven zu beginnen: Ich bin über weite Strecken der Serie von der dichten Stimmung, einzelnen schauspielerischen Leistungen und der Dramaturgie begeistert. Die dichte Stimmung vermittelt sich über das Kolorit. Der Fundus in Babelsberg wurde offensichtlich geplündert. Von der Steckdose über die Blümchentapete bis zur Küchenausstattung scheint die Ausstattung authentisch zu sein. Manche Schauspieler tragen Frisuren, die nur über den Einsatz von Kernseife zur Haarpflege erklärbar sind. Andere wiederum sehen so aus, als ob sie soeben aus einem londoner Haarstudio kämen. Das Makeup ist zu modern für die Endzwanziger. Das benutzte Licht erinnert an die Lichtverhältnisse in den Comicstrips über Gotham City. Zuweilen wird die Szenerie auch im grellsten Tageslicht aufgeschnappt, aber in jeder Dunkelheit verwaister Straßen scheint irgendwo ein Lämpchen, glücklicherweise oft aus den Glühbirnen des nahegelegenen Osram-Werkes Bärlin und nicht aus postmodernen Energiesparlampen, zuweilen aber auch ist es schlichtweg zu hell für eine nächtliche Stadt in den Zwanzigern, besonders vor dem Tanzlokal der Halbseidenen. Aber das alles nehme ich hin. Der Wechsel der Lichttöne wirkt stimmig. Die eingesetzte Musik ist dagegen überhaupt nicht passend. Daß in Bärlin dieser Tage Charleston getanzt wurde, ist ja noch richtig, aber die Bewegungen der Tänzer muten keineswegs wie welche aus den 20er Jahren an, sie sind Offbeat, um ein freundliches Wort zu benutzen. Auch die Bluesmusiker spielen keinen Blues, wie er in den 20ern gespielt worden ist, sondern eher den einer Bluesband aus den späten 60ern. Mache. Der Einsatz der Sütterlinschrift erfolgt nicht durchgängig, zuweilen auch falsch. Paris muß mit rundem S am Ende geschrieben werden. An zu vielen öffentlichen Türen stehen lateinische Buchstaben. Das ist unschön, jedenfalls 1929 unüblich, gerade bei öffentlichen Mitteilungen.
Die Schauspieler spielen allesamt gut und sehr gut. Ich möchte keinen besonders loben oder tadeln. Besonders loben möchte ich die Verwendung des Dialekts, gleichwohl zu oft geglättet. Die Deutschen jener Tage sprachen nicht vom Deutschen Reich, sondern sagten "Reich", wenn sie den Staat meinten. All das sind Kleinigkeiten, nur Kleinigkeiten. Auch war seinerzeit die Körperhaltung der Polizisten straffer, besonders aber die der Offiziere, die mit dem schlaffen Auftreten heutiger Offiziere nicht zu vergleichen ist. Wer einmal den preußischen Schliff bekam, behielt ihn zeitlebens. Man erkannte einander an der Haltung. Die Offiziere in Babylon Berlin haben diese Haltung nicht, geschweige denn die (innere) eines preußischen kategorischen Imperativs, der ihnen doch mit der Muttermilch eingeflößt worden sein sollte.
Einige Worte zum Inhalt und zur Dramaturgie: Die Handlung konzentriert sich auf das Frühjahr 1929. Die Wirtschaftskrise kündigt sich schon an. Überproduktion bei gleichzeitiger Deflationspolitik zur Tilgung der immensen Verpflichtungen durch den Versailler Vertrag. Diese Hypothek konnte die Weimarer Republik nicht abbezahlen. Das war auch gar nicht vorgesehen. Die Dramaturgie verzichtet leider auf eine multiperspektivische Betrachtung der Historie. Statt dessen werden die Patrioten als ein Haufen Attentäter dargestellt, die sich als Elite verstehen und den Staat mit jedem Mittel beseitigen wollen, sich also von den Gangstern in Hinsicht auf den Einsatz der Mittel nicht unterscheiden. Auch die Bolschewiki fallen unter dieses linksgrüne Interpretationsraster. Sicherlich gab es unter Rechtsnationalen und Bolschewiken nicht wenige, die bereit waren, jedes Mittel zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele einzusetzen, aber gerade deswegen gab es viel Streit unter diesen Leuten, der in Babylon Berlin vollends ausgeblendet wird. Stereotype taugen poetisch wenig.
Eines der wichtigsten dramatischen Elemente ist die Exposition. In Babylon Berlin gehört zu ihr die Existenz eines wie ein Verhängnis über Bärlin dräuenden Giftgasgüterzuges, in dem, antithetisch verschränkt, ein Waggon Gold mitgeliefert worden sein soll, der, wieder antithetisch verschränkt, als Erbe einer Nebendarstellerin auf Erfüllung seines Schicksals wartet. Dichtung und Wahrheit. Nun ja. Es ist durchaus statthaft, Dichtung und Wahrheit miteinander zu verquicken. Ja, zur Erhöhung der poetischen Potenz der poetischen Fabel ist das ein Muß. Aber, nein, wenn durch solcherlei bösartige Fixierungen wie in Babylon Berlin in Millionen unwissende Zuschauer historische Wirklichkeit implementiert wird, die sich in politischen Meinungen und Bewertungen der Gegenwart niederschlägt - ganz im Sinne der linksgrünen Politik. Die historische Wahrheit ist die: Es gab nie einen Giftgaszug aus Rußland im Reich. Es gab keine reichsdeutsche Luftwaffe in Lipezk. Wer sollte diese Flugzeuge gebaut haben? Die Russen? Und die sollten die dann der klammen Reichswehr zur Verfügung stellen? Deutsche Flugzeuge aus einer abgewickelten Militär-Flugzeugindustrie? Unsinn. Aber es gab eine Schwarze Reichswehr, es gab ein Abkommen zwischen dem Reich und Sowjet-Rußland, den von Rathenau eingefädelten und auch vom Reichspräsidenten Ebert (SPD) unterzeichneten Vertrag von Rapallo, 1922. Dieser Vertrag gestattete der Reichswehr Reservistenausbildung in Rußland. Problematisch erscheint hier nur der Transport der Reservisten NACH Rußland zur Ausbildung. Wer mir das Wie glaubhaft erklären kann, der melde sich!

Genug gemeckert. Serie ist gut.