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Thema: "Babylon Berlin" - kritisch beäugt

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post "Babylon Berlin" - kritisch beäugt

    Um mit dem Positiven zu beginnen: Ich bin über weite Strecken der Serie von der dichten Stimmung, einzelnen schauspielerischen Leistungen und der Dramaturgie begeistert. Die dichte Stimmung vermittelt sich über das Kolorit. Der Fundus in Babelsberg wurde offensichtlich geplündert. Von der Steckdose über die Blümchentapete bis zur Küchenausstattung scheint die Ausstattung authentisch zu sein. Manche Schauspieler tragen Frisuren, die nur über den Einsatz von Kernseife zur Haarpflege erklärbar sind. Andere wiederum sehen so aus, als ob sie soeben aus einem londoner Haarstudio kämen. Das Makeup ist zu modern für die Endzwanziger. Das benutzte Licht erinnert an die Lichtverhältnisse in den Comicstrips über Gotham City. Zuweilen wird die Szenerie auch im grellsten Tageslicht aufgeschnappt, aber in jeder Dunkelheit verwaister Straßen scheint irgendwo ein Lämpchen, glücklicherweise oft aus den Glühbirnen des nahegelegenen Osram-Werkes Bärlin und nicht aus postmodernen Energiesparlampen, zuweilen aber auch ist es schlichtweg zu hell für eine nächtliche Stadt in den Zwanzigern, besonders vor dem Tanzlokal der Halbseidenen. Aber das alles nehme ich hin. Der Wechsel der Lichttöne wirkt stimmig. Die eingesetzte Musik ist dagegen überhaupt nicht passend. Daß in Bärlin dieser Tage Charleston getanzt wurde, ist ja noch richtig, aber die Bewegungen der Tänzer muten keineswegs wie welche aus den 20er Jahren an, sie sind Offbeat, um ein freundliches Wort zu benutzen. Auch die Bluesmusiker spielen keinen Blues, wie er in den 20ern gespielt worden ist, sondern eher den einer Bluesband aus den späten 60ern. Mache. Der Einsatz der Sütterlinschrift erfolgt nicht durchgängig, zuweilen auch falsch. Paris muß mit rundem S am Ende geschrieben werden. An zu vielen öffentlichen Türen stehen lateinische Buchstaben. Das ist unschön, jedenfalls 1929 unüblich, gerade bei öffentlichen Mitteilungen.
    Die Schauspieler spielen allesamt gut und sehr gut. Ich möchte keinen besonders loben oder tadeln. Besonders loben möchte ich die Verwendung des Dialekts, gleichwohl zu oft geglättet. Die Deutschen jener Tage sprachen nicht vom Deutschen Reich, sondern sagten "Reich", wenn sie den Staat meinten. All das sind Kleinigkeiten, nur Kleinigkeiten. Auch war seinerzeit die Körperhaltung der Polizisten straffer, besonders aber die der Offiziere, die mit dem schlaffen Auftreten heutiger Offiziere nicht zu vergleichen ist. Wer einmal den preußischen Schliff bekam, behielt ihn zeitlebens. Man erkannte einander an der Haltung. Die Offiziere in Babylon Berlin haben diese Haltung nicht, geschweige denn die (innere) eines preußischen kategorischen Imperativs, der ihnen doch mit der Muttermilch eingeflößt worden sein sollte.
    Einige Worte zum Inhalt und zur Dramaturgie: Die Handlung konzentriert sich auf das Frühjahr 1929. Die Wirtschaftskrise kündigt sich schon an. Überproduktion bei gleichzeitiger Deflationspolitik zur Tilgung der immensen Verpflichtungen durch den Versailler Vertrag. Diese Hypothek konnte die Weimarer Republik nicht abbezahlen. Das war auch gar nicht vorgesehen. Die Dramaturgie verzichtet leider auf eine multiperspektivische Betrachtung der Historie. Statt dessen werden die Patrioten als ein Haufen Attentäter dargestellt, die sich als Elite verstehen und den Staat mit jedem Mittel beseitigen wollen, sich also von den Gangstern in Hinsicht auf den Einsatz der Mittel nicht unterscheiden. Auch die Bolschewiki fallen unter dieses linksgrüne Interpretationsraster. Sicherlich gab es unter Rechtsnationalen und Bolschewiken nicht wenige, die bereit waren, jedes Mittel zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele einzusetzen, aber gerade deswegen gab es viel Streit unter diesen Leuten, der in Babylon Berlin vollends ausgeblendet wird. Stereotype taugen poetisch wenig.
    Eines der wichtigsten dramatischen Elemente ist die Exposition. In Babylon Berlin gehört zu ihr die Existenz eines wie ein Verhängnis über Bärlin dräuenden Giftgasgüterzuges, in dem, antithetisch verschränkt, ein Waggon Gold mitgeliefert worden sein soll, der, wieder antithetisch verschränkt, als Erbe einer Nebendarstellerin auf Erfüllung seines Schicksals wartet. Dichtung und Wahrheit. Nun ja. Es ist durchaus statthaft, Dichtung und Wahrheit miteinander zu verquicken. Ja, zur Erhöhung der poetischen Potenz der poetischen Fabel ist das ein Muß. Aber, nein, wenn durch solcherlei bösartige Fixierungen wie in Babylon Berlin in Millionen unwissende Zuschauer historische Wirklichkeit implementiert wird, die sich in politischen Meinungen und Bewertungen der Gegenwart niederschlägt - ganz im Sinne der linksgrünen Politik. Die historische Wahrheit ist die: Es gab nie einen Giftgaszug aus Rußland im Reich. Es gab keine reichsdeutsche Luftwaffe in Lipezk. Wer sollte diese Flugzeuge gebaut haben? Die Russen? Und die sollten die dann der klammen Reichswehr zur Verfügung stellen? Deutsche Flugzeuge aus einer abgewickelten Militär-Flugzeugindustrie? Unsinn. Aber es gab eine Schwarze Reichswehr, es gab ein Abkommen zwischen dem Reich und Sowjet-Rußland, den von Rathenau eingefädelten und auch vom Reichspräsidenten Ebert (SPD) unterzeichneten Vertrag von Rapallo, 1922. Dieser Vertrag gestattete der Reichswehr Reservistenausbildung in Rußland. Problematisch erscheint hier nur der Transport der Reservisten NACH Rußland zur Ausbildung. Wer mir das Wie glaubhaft erklären kann, der melde sich!

    Genug gemeckert. Serie ist gut.

  2. #2
    Kurzvormabschussiger
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    AW: "Babylon Berlin" - kritisch beäugt

    Es gab keine reichsdeutsche Luftwaffe in Lipezk. Wer sollte diese Flugzeuge gebaut haben?
    Die Russen? Und die sollten die dann der klammen Reichswehr zur Verfügung stellen?
    Deutsche Flugzeuge aus einer abgewickelten Militär-Flugzeugindustrie?
    https://www.ifz-muenchen.de/heftarch..._2_speidel.pdf

    https://weimar.bundesarchiv.de/WEIMA...wjetunion.html

    Fokker_d13.jpg

    (Fokker, Hollandgebaute…)

    Alles rotgrüne Perspektive?

  3. #3
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: "Babylon Berlin" - kritisch beäugt

    Interessanter Text (Seidel). Daß es in Lipezk einen Flugwaffenstützpunkt gab, ist unbestritten. Unbestritten ist auch, daß es dort eine deutsch-russische Kooperation gab. Was ich allerdings bestreite, ist die im Film getroffene Aussage, daß dort eine neue deutsche Luftwaffe entstünde. Und das ist schlichtweg falsch, weil es KEINE deutschen Flugzeuge waren, die dort von den Russen den Deutschen zur Verfügung gestellt wurden. Die Russen wollten schlichtweg deutsche Kenntnisse vermittelt bekommen, um eine eigene Luftwaffe aufbauen zu können. Die Deutschen hatten den Vorteil, daß nicht nur ihre alte Garde in Schwung blieb und an technischen Verbesserungen herumbastelte, sondern auch neue Kräfte ausgebildet werden konnten. Es waren aber KEINE deutschen Flugzeuge, an denen diese Ausbildung stattfand. Das ist ein großer Unterschied zu dem, was im Film behauptet wurde.

    Der Seidel-Text bestätigt hier auch meinen Wissensstand:
    erstellt von Seidel, S. 18

    Die Aufgabenstellung bewegte sich dabei in folgender Richtung:
    1. Gewinnung einer laufenden theoretischen Orientierung über Taktik, Ausbildung und Technik einer in ihrer Entwicklung von außen her nicht behinderten Militärmacht.
    2. Schaffung von eigenen praktischen Ausbildungsmöglichkeiten als Basen für die Gewinnung von ausbildungsmäßigen und taktischen Erfahrungen auf dem Gebiet der verbotenen Waffen.
    3. Heranbildung von hochqualifiziertem Personal für solche Waffen, mit dem Ziel,Spezialisten zu gewinnen zur Fortführung der praktischen Entwicklung und zugleich als Stamm für eine etwaige spätere Aufstellung und Ausbildung gleicher Waffen in Deutschland.
    4. Schaffung von technischen Erprobungsmöglichkeiten für eine technisch-praktische Fronterprobung neuer Waffen als Fortsetzung und Bestätigung der technisch-theoretischen Entwicklung in Deutschland.
    5. Gewinnung von theoretischen Grundlagen auf Grund eigener praktischer Erfahrungen auf taktischem und technischem Gebiet zum Zweck der Gestaltung moderner Ausbildungs- und Einsatzvorschriften.

    Aus diesen Überlegungen und Zielsetzungen ergaben sich folgende praktische Forderungen an die Rote Armee:
    1. Zurverfügungstellung militärischer Stützpunkte in Sowjetrußland für Zwecke von Luftwaffe, Panzertruppe und Gaskrieg.
    2. Aktionsfreiheit für Ausbildung und technische Erprobung auf diesen Gebieten.
    3. Gegenseitiger Austausch der Erfahrungen und Erkenntnisse auf diesen Gebieten.

    Die Rote Armee sagte die Erfüllung dieser Forderungen zu. Die Realisierung der Zusagen begann auf dem Gebiet der Luftwaffe. Die Rote Luftflotte war bereit, der Reichswehr eine militärische Flugbasis zur Verfügung zu stellen und bot zunächst den Flugplatz von Odessa an, dessen geographische und klimatische Lage besondere Vorteile geboten hätte. Nachdem die Reichsmarine ihre ursprüngliche Absicht einer Beteiligung an diesem kombinierten Land- und Seeflugplatz rückgängig gemacht hatte, bestand von seiten des Reichsheeres nur noch Interesse an einem Landflugplatz. Moskau bot nun den Flugplatz Lipezk nördlich Woronesch an. Auf ihm wurde im Jahre 1924 mit dem Auf- und Ausbau eines deutschen Flugzentrums begonnen. Wenige Jahre später — etwa 1927/28 — folgte die Einrichtung einer Schule für Ausbildung und Technik des Gaskampfes in der Nähe von Saratow an der unteren Wolga. (Diese Basis trug den Tarnnamen „Tomka"; ein Ort dieses Namens existierte nicht.)
    Interessant in dieser Quelle ist die Behauptung des Autoren, daß die deutsch-russische Zusammenarbeit bereits VOR Rapallo begonnen haben soll und es im Vertrag von Rapallo keinen entsprechenden Geheimartikel gab, der diese Zusammenarbeit initiieren sollte. Ich habe das in meinem Geschichtsbuch entsprechend als Zweitauffassung aufgenommen. Multiperspektivität ist immer gut. Für die Quelle danke ich Dir.
    Daß Stalin bereit war, deutsche Kommunisten für seine politischen Ziele über die Klinge springen zu lassen, ist allgemein bekannt. Eben deshalb gab es in Deutschland starken Trotzkismus, denn dem wäre das nie eingefallen.

    Die zweite Quelle muß ich noch lesen.

  4. #4
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    AW: "Babylon Berlin" - kritisch beäugt

    erstellt von Bundesarchiv zu Weimar:

    An deutsche Flugzeughersteller gingen nun Aufträge zur Entwicklung militärischer Prototypen und für die Zwischenzeit wurden von der Heeresleitung bei Fokker in den Niederlanden 100 Flugzeuge, darunter 50 neuentwickelte Fokker D XIII, bestellt. Als der Ruhrkampf am 26. September 1923 von der Reichsregierung abgebrochen wurde, stellte sich damit jedoch für die Reichswehr das Problem der Unterbringung der bestellten Flugzeuge (auch die Marineleitung hatte, wenn auch deutlich weniger, Flugzeuge bestellt). In dieser Situation bot sich die Sowjetunion (seit 30. Dezember 1922) als Partner an. Im Vertrag von Rapallo vom 16. April 1922 waren die deutsch-russischen Beziehungen normalisiert und sowohl wirtschaftliche als auch militärische Zusammenarbeit vereinbart worden. Erste Sondierungen im Frühjahr 1924 ergaben nun ein grundsätzliches Interesse der Sowjetunion an einer deutschen Fliegerschule und Erprobungsstätte auf ihrem Gebiet. Auch aus deutscher Sicht war über das Problem der Unterbringung der bestellten und 1924 zur Auslieferung bereitstehenden Militärflugzeuge hinaus die Notwendigkeit zur Ausbildung eines Stamms von Flugzeugführern und Ausbildern erkannt worden. Bereits seit Januar 1923 bestand auch ein Werk des deutschen Flugzeugherstellers Junkers in Fili bei Moskau, in dem militärische Prototypen entwickelt wurden.
    Anfang Juni 1924 wurde unter Oberst a.D. Hermann von der Lieth-Thomsen 1 in Moskau die verdeckte "Zentrale Moskau (Z.Mo.)" als ständige Vertretung des Truppenamts der Reichswehr (des getarnten Generalstabes) eingerichtet. Ebenfalls ab Mitte des Jahres 1924 wirkten auch sieben deutsche Berater und Instrukteure bei der Roten Luftflotte ("Gruppe Fiebig"). Am 15. April 1925 schließlich wurde ein Vertrag zwischen Lieth-Thomsen und dem Chef der Roten Luftflotte, Baranov, über die Einrichtung einer deutschen Fliegerschule und Erprobungsstätte in Lipezk unterzeichnet. Als Leiter der Schule war Major a.D. Walter Stahr 2 vorgesehen, im internen Verkehr lief der Stützpunkt in der Folge als "Schule Stahr" oder "WIVUPAL" für "Wissenschaftliche Versuchs- und Personalausbildungsstation".
    Der Stützpunkt mußte zunächst umfassend ausgebaut werden, sodaß der Flugbetrieb erst im Juni 1925 beginnen konnte und der eigentliche Ausbildungsbetrieb mit Flugschülern aus Deutschland erst im Frühjahr 1926. Bis zur Auflösung des Stützpunktes am 15. September 1933 wurden etwa 120 Jagdflieger und etwa 100 Beobachter ausgebildet, dazu zahlreiches deutsches Bodenpersonal. Diese Kräfte konnten wiederum in der Ausbildung in der Reichswehr eingesetzt werden und standen ab 1935 der neugegründeten Luftwaffe als erfahrene Ausbilder zur Verfügung.


    Das scheint mir der entscheidende Passus der zweiten Quelle zu sein. Fragen über Fragen... Wenn Fokker diese Flugzeuge herstellte (die niederländischen Fokker-Werke gehörten Holländern und Amerikanern - General Motors), so dürfte dieser Auftrag zur Kenntnis der Westmächte gekommen sein, die sowieso scharf alle Aktivitäten in diesem sensiblen militärpolitischen Bereich überwachten. Eine Auslieferung an Rußland dürfte so ziemlich unmöglich gewesen sein, es sei denn, man (Westmächte) würde selber den Versailler Vertrag brechen wollen, was ich nicht ausschließen möchte, aber angesichts der Bestellmenge für eher unwahrscheinlich halte. Die kleinen Fokker flogen zudem nur 300 Kilometer weit, zu weit, um vom Reich aus nach Rußland zu gelangen. Ein Start von Ostpreußen war auch unmöglich, weil der königsberger Hafen von den Westmächten streng überwacht wurde und ankommende Flugzeuge aufgefallen wären. Nun ja, unmöglich ist nichts, aber doch sehr unwahrscheinlich. Auch ist kaum anzunehmen, daß die Reichwehr militärische Hochtechnologie den Russen einfach so übergeben hätte. Nein, wahrscheinlich ist folgendes Szenarium: deutsche Soldaten und Ausbilder helfen den Russen beim Aufbau ihrer Luftwaffe und benutzen dazu in Rußland gebaute und im Besitz der Russen befindliche Maschinen. Eine win-win-Situation für beide, ohne daß der eine dem anderen tatsächlich in die Karten schauen kann.

  5. #5
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    AW: "Babylon Berlin" - kritisch beäugt


  6. #6
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    AW: "Babylon Berlin" - kritisch beäugt

    Interessanter Artikel, Willi. Aber die Kardinalfrage beantwortet dieser Artikel immer noch nicht, nämlich die, wem diese Flugzeuge in Lipezk gehörten? Sind sie, nachdem 1926 das Projekt aufgeflogen war, wieder in Einzelteile zerlegt und nach Deutschland transportiert worden, was ja hätte geschehen müssen, wenn sie im Besitz des Reiches (Reichswehr) gewesen wären? Oder blieben sie vor Ort, weil die genannten 50 Fokker Eigentum der Sowjets waren? Ich glaube, sie blieben vor Ort, was bedeutet, daß das niederländisch-amerikanische Fokker-Werk in den Niederlanden amerikanische Gesetze brach, als es diese Maschinen nach Rußland verkaufte. Daß der Nießnutz bei der Reichswehr lag, steht außer Frage.

    Daß es in Lipezk gemeinsame Ausbildung von deutschen und russischen Fliegern gab, steht außer Zweifel. Der Punkt aber ist doch, ob die dort benutzten Maschinen deutsche Maschinen waren oder nur von Deutschen entwickelte, v.a., darum ging es den Russen ja hauptsächlich, weiterzuentwickelnde. Das Flugwesen entwickelte sich in diesen Jahren rasant. Ein Jahr Rückstand bedeutete unendlich viel. Die Maschinen von 1914 waren mit denen von 1918 nicht zu vergleichen. Die Einsitzer waren zudem Jagdflieger und keine Bombenflugzeuge. Aber das sind Einzelheiten, die die Kernfrage nicht berühren und die lautet: Waren es deutsche Flugzeuge in Lipezk oder waren es russische? Ich glaube, es waren russische, denn auch dieser Text oben erklärt nur, wie die in den Niederlanden bei einer niederländisch-amerikanischen Firma gekauften Flugzeuge nach Rußland gelangten, nicht aber, WEM sie gehörten.

    Und um den Bogen zum Film zurückzuschlagen: 1926 flog das Projekt auf. Der Film spielt 1929. Wurden inzwischen neue Maschinen nach Lipezk transportiert oder sind das noch die alten von vor 1926? Und weiter gefragt: Sind die im Hangar stehenden Flugzeuge deutsche Flugzeuge oder russische? Und noch weiter gefragt: Wenn die Holländer keine Flugzeuge mehr lieferten, wer hat die neuen Flugzeuge, sofern es welche waren, dann gebaut? Haben die Russen inzwischen eine eigene Flugzeugindustrie aufbauen können? Und dann stellt sich auch die Frage, ob die Russen vielleicht die Deutschen belieferten? Und das wiederum zieht die Frage nach sich, wie sie bezahlt worden sind. Das Reich war seinerzeit klamm. 4 Millionen RM, die per annum für das Projekt "Lipezk" am Wehr-Etat vorbeigeschummelt werden mußten, der insgesamt nur etwa 700 Millionen RM umfaßte, dürfte ein ziemlich dickes Brett bedeutet haben. Ich erinnre mich einer Diskussion im Reichstag, in der genau die "schwarzen Konten" der Reichswehr Thema waren und die SPD ganz schön Erklärungsnot hatte. Die SPD! Die deutschen Kommunisten wußten durch ihre Kontakte nach Rußland über die auch von der SPD unterstützte Ausbildungspolitik in Lipezk bestens Bescheid und brachten das im Reichstag indirekt zur Sprache. Der 1937 in Rußland ermordete Abgeordnete Kippenberger ist hier zu nennen. (46. Sitzung, 1931, S. 1730.) Aber bereits 1926 hatte Scheidemann (SPD) die Verbindungen zwischen Bolschewiken und der "schwarzen" Reichswehr im Reichstag thematisiert (Rede vom 16.12.1926) und auch Zahlen genannt: 70 Millionen p.a. zur Finanzierung diverser Aktivitäten zur Aufstockung der Reichswehrverbände. Damit brachte er die bürgerliche Regierung Marx zu Fall. Doch auch als die SPD selber die Regierung unterstützte (bis 1932), blieb es offenbar bei dieser Zusammenarbeit mit den Bolschewiken. Merkwürdig? Oder ist das typisch für SPD-Politik?


    Die Sache mit dem Gas ist dagegen klarer. Nach den Erfahrungen des ersten Weltkrieges wäre es grob fahrlässig gewesen, sich dagegen nicht zu schützen. Daß die Russen riesige Arsenale an Giftgas besaßen, stand außer Frage. Erstaunlich ist, daß es im zweiten Weltkrieg so gut wie keinen Einsatz von Giftgas gab. Aber die Ausbildung ist schon wichtig, die Vorbereitung. Ich habe in der NVA selber als ABC-Ausbilder im Ganzkörperkondom wirken "dürfen", kenne also die ganze Scheiße. Dennoch besaß die NVA keine Giftgasbestände. Es ist NICHT anzunehmen, daß die Russen 1929 Giftgas ins Reich exportierten. Wo sollte das gelagert werden? Die Reichswehr hatte auch kein Interesse daran. Aber das ist eine andere Geschichte.

  7. #7
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    AW: "Babylon Berlin" - kritisch beäugt

    Nehmen wir an, die Fokker-Flugzeuge wurden nicht zurücktransportiert: Das wäre dann ein Beleg dafür, dass das vorher keine "deutschen Flugzeuge" waren. Nanu?

    Die Jahreszahlen, die in der Serie genannt werden als die genaue chronologische Fixierung, ja, das ist anders.
    Dass deutsche Piloten (und russische) in L. Ausbildungsstunden auf nichtrussischen Maschinen (Dornier) flogen, ist kaum zu bezweifeln.
    Im übrigen, diese Fragen sind einschlägig geklärt:

    fokker und co.JPG

    Und dann die Heinkel-Maschinen.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Geheim...der_Reichswehr
    Geändert von Willi Wamser (08.10.18 um 18:38 Uhr)

  8. #8
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    AW: "Babylon Berlin" - kritisch beäugt

    Danke fürs Einstellen weiterer mutmaßlicher Quellen. Die Reichel-Quelle (Artikel) nehme ich ernst, aber Reichel behauptet nicht, die in Lipezk zuhandenen Maschinen seien deutsche Maschinen gewesen. Der wikipedia-Artikel allerdings behauptet das, ohne jedoch einen Beleg anzufügen. Den wikipedia-Auszug kennzeichnet zudem überholtes Wissen. Dort wird behauptet, daß durch Rapallo eine militärische deutsch-sowjetische Zusammenarbeit erst begonnen wurde. Wir wissen heute, daß bereits kurz nach dem polnisch-russischen Krieg Reichswehr und Sowjetarmee Verhandlungen über eine Zusammenarbeit aufnahmen. Beide hatten ein großes Interesse daran, denn die Polen griffen nach Ost und West aus und wurden von den Westmächten auch entsprechend unterstützt und angetrieben. Die 100000-Mann-Reichswehr hatte den zehn Millionen Sowjettruppen allerdings nur eines zu bieten: know how. Zwar hielten die deutschen Freiwilligenverbände (man lese ""Die Geächteten" von Ernst von Salomon!) die zahlenmäßig weit überlegenen Polen und Litauer vom Reich weitgehend weg, aber das war kein Zustand von Dauer und da die Reichswehr zum zuschauen verdammt war, wenn diese Horden ins Reich einfielen und plünderten und töteten, kam nur eines in Betracht: eine indirekte Ausbildung interessierter Wehrfähiger. Reguläre deutsche Truppen durften nicht, also lief das über Freiwilligenverbände, wovon es genug gab, denn eilf Millionen deutsche Soldaten mußten in der Heimat wieder ins Zivilleben integriert werden, was mancheinem Lanzer schwerfiel.

    Das nur zum Kolorit. Wir gehen hier der Frage nach, ob es in Lipezk deutsche Flugzeuge waren oder nicht. Die Frage zu beantworten ist so unwichtig nicht. Diese 50 1929 veralteten Fokker, die in Rußland zu Ausbildungszwecken hangarten, sollen, wie uns Babylon Berlin weismachen will, einen neuen Weltkrieg vorbereiten helfen. 40 (!) deutsche Helfer sind laut Quelle damit beschäftigt, die deutsche Luftwaffe aufzubauen und damit den Krieg gegen die Westmächte - und natürlich auch gegen Rußland selber - vorzubereiten. Mal abgesehen davon, daß das natürlich lächerlich ist, steht aber hier immer noch das Problem im Raum, ob dieses Verhalten ethisch sei.
    Ich halte es nicht nur für ethisch, sondern für pflichtgemäß. Die allermeisten Deutschen, auch die meisten Anhänger der SPD, sahen im Versailler Vertrag einen Unrechtsvertrag, gegen den Widerstand Pflicht war, denn zwar ist es besser, Unrecht zu erleiden als Unrecht zu tun, aber Widerstand empfanden die Deutschen als Pflicht. Sie wählten dann auch diejenigen, die ihnen am glaubhaftesten diesen Widerstand vermittelten. Ich erinnre mich eines Gespräches mit meiner sehr links stehenden Großmutter (Jahrgang 1908), die zur Weimarer Republik nicht viel sagen wollte, aber eines war's dann doch: "Versailles? Da haben wir geblutet." Das sagt unendlich viel, wenn das eine Rotfrontfrau sagt.
    Kurzum, Willi, ich bin mir nicht mehr so sicher, ob diese Flugzeuge in Lipezk nicht vielleicht doch im Besitz der Reichswehr gewesen sind, gleichwohl das wieder neue Fragen aufwirft, aber das ändert nichts an meiner Einstellung zu der von der Reichswehr begangenen Politik einer Umgehung der Bestimmungen von Versailles. Es war die Pflicht der Generale, die deutsche Wehrkraft zu erhöhen, also Reservisten auszubilden. Wenn das im Inland nicht möglich war, muß man eben im Ausland Verbündete suchen. Die Polen mit ihrer eine Million-Mann-Bedrohung, die Tschechen mit einem Heer, fünf Mal so groß wie das deutsche und die Franzosen, selbst die Belgier hatten viel größere Heere und ihre Aggressivität bereits mit der Ruhrbesetzung 1923 gezeigt, da war es Pflicht der deutschen Heeresleitung, den Bestand an einsatzfähigen Kräften zu erhöhen. Ob das mit den 40 (!) Helfern in Rußland maßgeblich gelungen ist, wage ich zu bezweifeln, aber es war die richtige Politik.

  9. #9
    Kurzvormabschussiger Avatar von WirbelFCM
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    AW: "Babylon Berlin" - kritisch beäugt

    Also ich hatte mir seinerzeit die ersten 4 (?) Folgen angeschaut, aber irgendwie wollte keine Spannung aufkommen. Bin mit der Serie irgendwie nicht warm geworden...

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