Der Zaubertrick


Es ist ein sehr alter Trick. Ein Klassiker sozusagen. Er wird immer noch gern gesehen und deshalb oft gezeigt.
Der Magier präsentiert einen stattlichen jungen Mann, der bis auf ein weißes Tuch um die Lenden und eine phantasievolle Maske völlig unbekleidet ist, und weist ihn an, in eine Holzkiste zu steigen. Diese wird dann von zwei Helfern sorgsam mit Ketten, Schlössern und Riegeln verschlossen.
Nun zeigt der Magier einen stählernen Nagel, etwa fingerdick und so lang wie ein Unterarm. Um seine Echtheit zu beweisen, reicht er ihn einem Mann in der ersten Reihe, der ihn gründlich untersucht und schließlich nickend dem Magier zurückgibt.
Auf einem Tischchen neben der Holzkiste liegen an die zwanzig Nägel derselben Sorte. Der Magier beginnt nun, diese einen nach dem anderen mit einem großen Hammer in die Kiste hineinzuschlagen. Er holt weit aus und schlägt kraftvoll zu. Es besteht kein Zweifel: der junge Mann muß von den Nägeln durchbohrt werden, da in der Kiste viel zu wenig Platz ist, um auszuweichen oder sich irgendwie zu verstecken.


(Warum schreit der junge Mann denn nicht?
Weil er geknebelt ist. Unsichtbar für das Publikum, das die schöne Maske bewundert. Und weil er betrunken gemacht wurde. Vielleicht wurde er auch anders betäubt... es gibt verschiedene Varianten dieses Tricks.)


Nachdem der Magier die Nägel wieder aus der Kiste herausgezogen hat, wird diese geöffnet, und aus ihr erhebt sich der junge Mann wie Phönix aus der Asche. Er dreht sich einmal um sich selbst und verbeugt sich in alle Richtungen.
Tosender Applaus. Ein Wunder! Ein Wunder! Was für ein Trick!


(Mit bloßer Willenskraft hält er seinen Körper davon ab zu bluten.)


Der Vorhang fällt.


(Zwei Helfer fangen den Verletzten auf, der im selben Augenblick zusammenbricht. Sie bringen ihn hinter die Bühne und legen ihn auf ein Bett. Sie nehmen ihm die Maske ab und befreien ihn von dem Knebel. Er schnappt nach Luft. Er läßt die Spannung von sich abgleiten. Seine Wunden öffnen sich, und sein Blut durchtränkt die weißen Laken.


Er überlebt. Meistens überlebt er. Und jeder Tag und jedes Jahr ein neuer Stich. Irgendwann hat er aufgehört, die Narben zu zählen. Es kommt nicht darauf an.
Wichtig ist nur, bald wieder auf der Bühne zu stehen. Und eine gute Figur zu machen. Und zu lächeln. Und zu bluten. Und den nächsten Auftritt zu überleben.)




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TRB