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Ergebnis 1 bis 13 von 13

Thema: Joshua

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Post Joshua

    Joshua betrat das Geschäft und sah sich um. Aus dem Hintergrund näherte sich eine unförmige Gestalt und bedachte ihn mit einem erwartungsvollen Blick. Joshua legte seine Beine auf den Tisch, der ihm dafür geeignet schien. Er sah deutlich, dass der andere geschwebt war, dass er offenbar über keine eigenen Beine verfügte und sich nur leicht in der Hüfte bewegt hatte, die Bewegung des Gehens andeutend. Joshua lachte höhnisch auf, obwohl er das eigentlich nicht vorgehabt hatte. Er wollte den anderen nicht kränken, soviel stand fest, es war ihm oft genug eingebläut worden, dass man sich nichts anmerken lassen sollte, aber einfach war das nicht. Er hoffte, dass der andere seine Entgleisung nicht gemerkt hatte. Joshua war es, trotz aller Schwierigkeiten, bisher gelungen, seine Gliedmaßen im wesentlichen zusammen zu halten. Da war es wohl verzeihlich, wenn ihm der Stolz darüber - was nicht oft vorkam - gelegentlich zu unbedachten Äußerungen verleitete.
    Er schob seine Beine zur Tischkante und fuhr mit der Hand leicht über die linke Bügelfalte, wo sich etwas Staub angesammelt hatte. Er drehte die Beine so, dass der andere die staubige Stelle nicht sehen konnte, dass es sich wenigstens nicht aufdrängte. Vielleicht hätte er die Hose noch einmal vorher bügeln sollen, dachte er. Dann wäre ihm der Staub bestimmt aufgefallen und er hätte ihn entfernen können.
    Aber der andere tat zumindest so, als hätte er nichts bemerkt.
    "Dreihundert!" sagte er.
    Joshua wusste, daß das nicht wenig war. Jedenfalls für den ersten Versuch. Andererseits - wenn er ehrlich mit sich war - hatte er sich mehr vorgestellt. In gewisser Weise war er enttäuscht.
    In einem Anflug von Trotz raffte er die Beine an sich und verließ das Geschäft.

  2. #2
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Joshua

    Fein gezeichnet. Aber wohin geht die Reise?


    Joshua! Was ist EINFACH? Schweben und Entgleisen? Das ist eine semantische Schieflage. Die Funktion des Staubes erschließt sich mir nur, wenn ich ihn vor meinem geistigen Auge nicht schweben lasse.


    Aus einem mir nicht ersichtlichen Grund denke ich an eine Spinne.

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Joshua

    Hallo bigvogel (was für eine Name...), Deine Story gefällt mir.
    Es ist also eine Tugend, seine Gliedmaßen zusammen zu halten, obwohl man sie gar nicht wirklich braucht. Warum wie alle schweben, wenn man doch ganz elegant dahinstolzieren kann? Aber Joshua benutzt seine Beine nicht einmal. Statt dessen läßt er sie verstauben. Sind Beine unpraktisch? Provozieren sie die beinlosen? Merkwürdig nur, daß Joshua überhaupt stolz auf seine "Vollständigkeit" ist, wo er ja gerade im Begriff ist, seine Beine zu versetzen. Hätte der Preis gestimmt, wäre er auch nichts Besonderes mehr... Ach, diese Geldnot. Sie bringt einen glatt dazu, einen liebgewonnen Atavismus zu verhökern.
    Kann es sein, daß Joshua manchmal beneidet wird, weil er leichtfertig verkaufen will, was andere so gern (wieder)hätten? Und: wo bleiben die ganzen Körperteile? Gibt es da etwa reiche Schnösel, die für jeden Wochentag ein anderes Paar Beine besitzen ?
    Der "Andere" ist auch gut angelegt. Erinnert mich an einen Bankangestellten, der täglich mit Unmengen Geld hantiert, aber letztendlich doch nur sein Gehalt mit nach Hause nimmt. So eine Art glatzköpfiger Friseur...


    In einem Anflug von Deja-Vu raffe ich mich auf, Dich zu fragen: Kennst Du die Band TOOL? Die haben ein ziemlich düsteres Video ("Prison Sex"), in dem einer kleinen, traurigen Gestalt im Gefängnis die Beine abgenommen werden. Der Übeltäter ist viel größer und braucht die Beine gar nicht, aber er will den Kleinen demütigen und ihn seiner Mobilität berauben...


    Mach's gut! TRB.




    [Diese Nachricht wurde von Thomas R. Baker am 12. November 2000 editiert.]

  4. #4
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Joshua

    für den ersten versuch? es wird wohl keinen zweiten geben, oder hofft er auf einen besseren preis nächste woche oder in einem anderen geschäft? (vielleicht hätte er den staub vorher vom tisch abwischen sollen).
    gefällt.


    miranda

  5. #5
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    AW: Joshua

    ..so beginnen SiFi-Stories, dies Buch würde ich kaufen..


    by the way: 'Er sah deutlich, dass der andere geschwebt war', 'geschwebt war': schreibt man das so? oder ist das regional unterschiedlich...hm.


    Fein.


    Lester

  6. #6
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Joshua

    lester möchte gerne schwäbeln

  7. #7
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    AW: Joshua

    ok, lester! wie du meinst!
    also: "geschwäbt war .." so ok?

  8. #8
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Joshua

    Ich glaub, er schwob.


    Fein gezeichnet, aber ginge nicht ein bisschen mehr zusammenhang? ich muss gestehen, ich wusste erst überhaupt nicht, worum es da gehen soll. beinverkauf. so was

  9. #9
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    AW: Joshua

    mein erster gedanke war: eine zwischenwelt, direkt nach dem "tod". die personen nicht mehr ganz fleisch und noch nicht ganz geist. schwebend, aber noch nicht körperlos.


    nur: wer braucht dort beine, überhaupt gebeine, und wozu? zum rückverkauf in richtung lebendenwelt?


    und: an joshuas stelle hätte ich doch erst mal zu handeln versucht. aufgeben hätte er immer noch gekonnt, oder?


    gruß, it

  10. #10
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    AW: Joshua

    hi, it,
    gefällt mir, deine idee von der "zwischenwelt". jemand sammelt beine - bietet sogar geld dafür. die frage, wofür er das braucht, kann ich dir nicht beantworten.
    gebeine scheinen aber zu einer rarität geworden zu sein, man kann sie jedenfalls kaufen und verkaufen. könnte es sein, daß der besitz der gebeine - vielleicht von gebeinen schlechthin - zu einer art statussymbol geworden ist? was man vielleicht gar nicht richtig braucht. es ist so eine tugend, hat thomas gesagt. ein bedürfnis - im gegensatz zu bedarf im sinne der nationalökonomie, wenn das nicht zu weit geht. ja, so ungefähr seh ich das.
    aber ich geh noch mal auf die fragen ein, sind noch ein paar, aber ich muß vorher noch ein paar steine kloppen gehen ...

    cu
    bigvogel

  11. #11
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Joshua

    Klammer, aufgepaßt! Hier wird die ZWISCHENWELT thematisiert. Du willst doch nicht behaupten wollen, daß die MINNE bereitet sei, Nachkömmlingen anzupreisen?


    Einer von bigvoeglis besten Texten.

  12. #12
    Gast
    Status: ungeklärt

    AW: Joshua

    ich komm nicht klar: joshua heisst mein rottweiler...-namensforschung hat ergeben: "der herr der hilft" (hebräisch)

  13. #13
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Joshua

    Eine skurrile Geschichte, ein Anfang von etwas. Das Skurrile entsteht in einer durch und durch pragmatischen Welt dann, wenn der Leser den Sinn nicht erkennen kann, will hier heißen, er seinen Vorteil oder den des lyrischen Ichs nicht auszumachen weiß. Wenn jemand handelt, ohne einen fixierbaren Nutzen oder Sinn im Auge zu haben, dann begibt er sich zumindest in einen poetischen Raum. Das ist hier gegeben. Literatur hat u.a. diese Aufgabe, neue Räume zu kreieren. In denen sollte man sich anfangs nicht unbedingt wohlfühlen. bigvogel ist das mit diesem Text gelungen. Die hier aufgeworfenen Fragen sind allesamt berechtigt. Damit hat der Autor wohl ein Ziel erreicht und verdient Applaus.

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