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Thema: hotel ganie

  1. #1
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    Post hotel ganie

    wie schrieb madonna: kritik bleibt in diesem forum vage, die urteile fallen umso kräftiger aus?
    bin gespannt.
    gruß, j.


    hotel ganie: das schild sehen, die tür aufdrücken war eins. neonblauer nervenreiz verwackelnder orthografie.
    mit der faust schlug er auf den tresen. endlich kam der portier aus seinem kabuff unter der treppe hervor. streckte sich, dass die jacke klaffte, zerrte sein meldebuch am eselsohr hinter sich her. kniehohe lederschwarte, und doch musste er lange blättern, bis er eine freie seite fand.
    es war tief in der nacht. ohne nachzudenken, trug er sich unter seinem wahren namen ein: julian d. der portier schob ihm den schlüssel zu: zimmer 727, kein lift. schielte aus alterstrüben augen an ihm vorbei, zur straßentür, wo die lettern hinter milchglas zuckten, schimmelblau.
    genie bin ich ganie. lächelnd machte sich julian an den aufstieg. schmale stiegen, singend bei jedem schritt. auf plattformen zweigten gänge ab, sternförmig, von schlaf erfüllt. mein siebenundzwanzigster geburtstag. was will ich hier? durst spürte er, nach wein, berührung, nicht nach der schwärze des schlafs. zimmer ansehen, dachte er, rasch unter die dusche, dann wieder raus in die stadt.


    ans fenster treten, zurückweichen. siebter stock? schweiß brach ihm aus. winzige lichtpunkte, in maßloser tiefe perlend. als stünde er auf einer schroffe und spähte ins tal. sein kopf in nebel. wie wäre das möglich: diese tiefe? knieweich ging er zum bett, sank darauf. so hoch gestiegen bin ich ganie.
    knöpfte hemd, hose auf, streifte alles ab, gedankenlos. auf dem nachttisch lag der zimmerschlüssel. klobiger hohlrumpf, eisenbart. im scheitel die blecherne fahne: 727. was bewies das?
    nackt ging julian zur tür und zog sie auf. draußen der gang im düstern, am türblatt die schwarzen zahlen, ein wenig verrutscht: 727. und es bewies nichts.
    er riegelte sich ein. ging durchs zimmer, noch immer schwindlig, zog die hintere tür auf und trat ein. das bad, was sonst. noch während er nach dem schalter suchte, fiel hinter ihm die tür zu. dunkelheit. mit beiden händen tastete er über die wand, und seltsam, da war keine wand, nur leibung neben leibung. sieben türen zählte er, im dunkeln tappend, tastend, dann endlich fand er einen schalter, altertümlicher buckel, und drehte ihn.
    ein runder raum, die wände wahrhaftig durchlöchert, tür an tür. wie warm es hier war. heiß und feucht. in der mitte des kreises eine säule, vom boden bis zur decke, ungewiss erleuchtet, beschlagenes glas.
    julian ging einmal um die säule herum, auf glitschigen fliesen, mit den fingerspitzen nach tropfen tupfend, die im innern der säule rannen. hier und da hatten hände, arme den dunst vom glas gewischt. er spähte hinein. die säule leer. sein herz begann hämmernd zu schlagen. und seltsam: erst als er in der säule stand, das wasser auf ihn nieder rauschte, fiel ihm der schriftzug auf. klobige lettern, halb hinter dunst verborgen, von außen aufgemalt.
    mit der schulter quietschte er die stelle frei. einag dab: spiegelfalsch und aderblau.

  2. #2
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    AW: hotel ganie

    Sprachlich gefällt's mir, aber ich komme nicht so recht rein. Ein Ausschnitt?
    Wovon? Die Fremdheit, die Höhe, der Geburtstag? Was ist das Thema? Die Irrealität des Bades will nicht so recht passen.
    Hilf mir noch ein wenig auf die Sprünge.


    it

  3. #3
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    Post AW: hotel ganie

    den strahl abstellen, aus der säule treten. wasser lief ihm aus den haaren, über rücken und brust. schon stand er in einer pfütze. bad ganie? kein wunder, dass es hier nicht mal ein tuch gab. aber im zimmer, dachte er, an den schrank sich erinnernd, im fenstereck.
    das fenster. sofort wieder schwindelgefühl. die höhe, niederziehend. und vollkommen rätselhaft. da ging er schon auf die tür zu, die seine schwarzen zahlen trug, glänzend vor nässe und eine sieben zuwenig.
    geht trotzdem in ordnung, oder? 27. tropfen rannen ihm den bauch, die beine hinab. er drückte die klinke und schob die tür auf: schwarz. hatte doch licht gelassen? da ging auch hinter ihm das licht aus. dunkelheit, murmelnd und glucksend. er spürte einen hauch, auf seinem rücken, machte einen schritt nach vorn und trat ins leere. über ihm ging die tür zu. julian fiel ins finstre, zählte drei - vier - sieben und prallte hart auf hölzernen boden auf.


    im dunkel kauern, auf händen und knien. tierisch, dachte er, witternd in die nacht. und da war nichts, kein licht, nur umschließende schwärze. kein laut, nur das rauschen seines bluts. auch keine empfindung, doch: schmerz in seinem linken knie. er tastete darüber. wie nass seine haut war: wasser, blut? im dunkel kriegst du's nie heraus. das nicht und dich nicht.
    julian stand auf. jetzt erst spürte er die weite des raumes, der ihn umgab. parkett unter seinen füßen, schrundig, abgeschabt. ein tanzboden, dachte er, ein bankettsaal. was, wenn auf einmal licht angeht? kindertraum. mit dem linken fuß fuhr er prüfend nach vorn, zur seite. keine stiegen, stufen. dann los.
    tappend voran, nur raus hier. humpelnd, sein linkes knie ein knorpelherz, die füße patschend auf parkett. immer noch rannen ihm tropfen aus den locken, über rücken und brust. im gehen streckte er die arme vor, waagrecht in die dunkelheit. die verwackelnde schrift fiel ihm ein, ganie. und sah auf einmal einen schimmer, weit weg, ein fahles blau.
    darauf humpelte er zu. immer rascher, immer hastiger, herzrasen im knie. die schwarze weite ringsum. kein laut, nur sein keuchen, das plitschplatsch seiner füße auf zerschabtem holz. bin von schlanker gestalt und spüre es doch wie nie: das tanzen meines fleischs. und in der ferne der lichtfleck, mit jedem schritt heller. lange zeit formlos, jetzt schon ein zickzack, gasflammenblau. und von massivem schwarz gerahmt.
    endlich war er heran. seine augen erkannten schneller, als sein geist auch nur ahnte. er drückte sich mit dem bauch gegen das bord. stützte die hände darauf und lehnte die stirn ans glas. wieder ein fenster, in maßloser höhe. winzig glitzernd dort unten die punkte aus licht. er schloss die augen. fuhr sich mit der hand über brust und schulter, flüchtiger trost. öffnete die augen wieder und las den schriftzug, der vor ihm über das fenster lief: sal ganie. gekrakel, gletscherblau.


    ein schauer lief julian den rücken hinab. was ist das hier? er wollte nachdenken, aber es ging nicht. las gar nie. die wörter murmelten auf ihn ein. lass dich nie. lange starrte er auf den schriftzug. riss sich endlich los und humpelte weiter, zurück in die dunkelheit. immer die mauer entlang, mit der linken darüber fahrend. grober kalkbewurf. irgendwann, irgendwo muss diese wand enden. nur ruhig.
    er fröstelte, dabei war es stickig warm. ein traum, dachte er und wusste doch, es war kein traum. in seinem knie der jagende schmerz. in seinem kopf das murmeln von wörtern, die es gar nicht gab. lass ganie. aber wie kann es sein? eine tür, viele schritte über dem boden? die dich ausspeit, aus jenem bad, wie wasser aus dem ausguss läuft? und ich bin nackt, ganz nackt, mit siebenundzwanzig jahren.
    wieder blieb er stehen, im finstern, seitlich an die wand gelehnt. muss mich besinnen, dachte er. das schild, ganie, was war davor? was danach? aber wie sich erinnern, in solcher dunkelheit? eine bar, für einen lidschlag sah er sie vor sich: dämmerlicht, ein lachender mund, kussnah vor seinen lippen. und dann? alles verschwamm. mit der rechten fuhr er sich über die brust, bis zum hals hinauf. das hotel: wieso bin ich hinein? und meinen wahren namen habe ich genannt: warum? fing damit alles an? oder hört es so auf?
    auf einmal hätte er weinen mögen. hast dich gezeigt. und bist nun für immer so: ein nackter narr. wieder setzte er sich in bewegung. das pulsen in seinem knie. das leise zittern seines fleischs. und er entzifferte: angst. ein brennen im hals. aber was beweist es? gar nichts.
    hatte es kaum gedacht, da griff seine linke ins leere. ein loch in der wand, hölzerne leibung. er tastete hinein, fand das türblatt, eine klinke. drückte sie herunter, und die tür glitt auf.

  4. #4
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    AW: hotel ganie

    Badeingang; Nr. 23 genauer; 8. Stock ist 7. Etage


    Schrullig, aber innovativ. Ach, ein schlichtes Wort.


    Schöne Neigung zu Adverbien und selten genutzten Adjektiven. Gefällt mir, weil's kein Nominalstil ist. Fällt aber auf die Nerven. Denn manchmal geriert es sich sehr verschroben. Die Perspektivität ist uneins, sie ist nicht mal schief. Daher kommt es, daß die lichte it hier Probleme hat. Ich hab sie (natürlich) nicht, aber deshalb darf ich auch knallhart sagen, daß Du in Deinem Schreiben nicht von der Stelle kommen wirst, wenn Du Dich nicht hinabbeugen kannst, wenn Du es nicht schaffst, Dich auf einer Ebene zu bewegen. Dann erst würden die virtuosen Sprachteppiche, die Du aufrollen kannst, ihre Wirkung tun.


    Ich mach's Dir gerne auch konkreter, doch dazu müßtest Du mich überreden, denn das ist (wäre) wirklich Arbeit.


    Grüße aus der Litfaßsäule!

  5. #5
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    AW: hotel ganie

    innovativ, virtuos? das sind lobesworte, die dem vertrauen des kandidaten in die kunst des meisters aufhelfen.


    schrullig, verschroben, schwankende perspektive, zu sehr von oben herab? das sind kritikpunkte, deren erläuterung mich sehr interessieren würde.


    und was heißt "nr. 23 genauer"? ("doderer dichtet präziser als it "? grrr.)


    überredet, robert?


    gruß des cand. j.

  6. #6
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    AW: hotel ganie

    schrullig aus des roberts mund, das ist schon ein ganz besonderes amüsement!


    dieser text hier ist ganz und gar nicht schrullig, wenn "schrullig" ein sich altmodisch gebendes sprachgebaren meint, das keine textnotwendigkeit hat. wie "schrullige" texte ausschauen, mag man bei wolkenstein nachlesen.


    bei dem text gefällt mir die präzision, in der welten ineinandergeschoben werden. die realität der außenwelt in ihrer dinglichkeit, die realität der innenwelt in ihrer dringlichkeit (?), die sie die dinglichkeiten überwuchern lässt. beides ist präsent. die figur des julian, eine genaue studie - auch sprachlich genau umgesetzt (einer meiner lieblinge: "herzrasen im knie"). die worte als buchstabengefüge, das durcheinandergerät? das sich blau verwäscht, wenn ...(?)


    nur ganz manchmal holpere ich beim lesen, wenn ich aus dem text in die textkonstruktions-welt gerate.


    ich bin neugierig, wie's weiter geht!


    andrea


    [Diese Nachricht wurde von andrea am 07. November 2000 editiert.]

  7. #7
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    AW: hotel ganie

    andrea, Du neigst dazu, einen Begriff nach Deiner Facon zu definieren, um ihn flugs anzuwenden. Ist methodisch fragwürdig. Hier definierst Du SCHRULLIG als ALTMODISCH SICH GEBENDES SPRACHGEBAREN - glücklicherweise hast Du Gebaren nicht mit H geschrieben, was ich hier als ausgesprochen witzig empfunden hätte.


    Die Ebenen des Textes schieben sich ineinander?


    Nein, da fehlen Teile, die die Phantasie ersetzen muß. Schon im ersten Abschnitt springt sie zu schnell über die Pfützen. (Satz 2 zu 3) Der Held ist aus dem Nichts erstanden und schlägt auf einen Tresen, der im ersten Gesetzt nur mitgesagt wurde. Das ist nicht präzise. Präzise wäre es gewesen, hier das Schlagobjekt zu setzen, meinetwegen als Verwackeltes. Dann genaue Beschreibung des vis-a-vis. Dann die Zeitverortung. Dann weiter im Äußeren, wobei das OHNENACHZUDENKEN hier schon leis ein Thema anzeigt. Etwas im Trance.. Das mit dem selbstmitleidendem Genie sparen wir mal aus: Das müßte sich mitteilen, darf hier keine Referenz bekommen.

    Ich erwarte hier eine ineinander verzahnte Darstellung. Das ist präzise. Es ist NICHT präzise, wenn der Leser semantische Leerstellen selber ausfüllen soll. Einem gewieften Leser wie andrea ist das zuzumuten, aber alle anderen brauchen ein wenig Hinführung zum Text. Und diese Hinführung, Leserlenkung, erfolgt nicht, wenn der Autor springt und springt und in seinem Darstellen den Leser mitzunehmen vergißt.


    Die Duscherei ist amerikanischem Dramatisieren geschuldet. Sparen wir es als zu naturalistisch aus. Oder hat es motivierende Funktion? (Auch das ist eine unnötige Wackelei an der Stringenz der Konstruktion, also unpräzise.)


    Der zweite Abschnitt beginnt mit stakkato-Sätzen wie der erste. Nur wird hier schneller/geraffter eine Anbindung an den auktorialen Helden gefunden, was mich jetzt wieder ein wenig verwirrt. Haben wir einen Wechsel der Perspektive zu befürchten?


    Der Schluß ist virtuos und gefällt mir. Hier dürfte sich der Leser nun auch einfinden, es sei denn, er hat den Text schon anfangs verlassen, weil er da schlichtweg überfordert wurde.

  8. #8
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    AW: hotel ganie

    kandidat dankt für die unterweisung.


    ein paar nachfragen bzw. erwiderungen:


    inwiefern schrullig, verschroben, von oben herab (robert)?


    die auslassungen gerade am anfang sind natürlich absicht. warum sollten der tresen, der portier u.ä. beschrieben werden: das interessiert in dieser geschichte mich nicht, julian nicht, den leser (meine ich) auch nicht. da kann man ruhig aus der fantasie einsetzen, was durch die darstellung ja gezielt suggeriert wird: kaschemmen-charme.
    außerdem ist es inhaltlich motiviert: durch das trance-artige denken/schauen/wandeln julians.
    ist das nun innovativ oder unpräzise?


    die funktion der "duscherei" wird im weiteren noch klarer. hat mit amerikanischem dramatisieren (das mir!) wirklich nix zu tun.


    die perspektive wechselt immer wieder mal zwischen personalem erzählen und schlaglichtartiger innenschau in ich-form. falls das mit schwankender perspektive gemeint ist: ist auch so beabsichtigt, durch den ungewissen realitäts-/traumstatus des ganzen auch gerechtfertigt, meiner ansicht nach.



    Der Schluß ist virtuos und gefällt mir.

    dieser schluss gefällt mir auch.


    (der schluss des hier vorgestellten textes ist - wohl offenkundig - allerdings noch nicht das ende der erzählung.)


    gruß, it.

  9. #9
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    AW: hotel ganie

    die erzählung ist inzwischen fertig geschrieben und überarbeitet. insgesamt ungefähr doppelt so lang wie die hier vorgestellten ausschnitte.


    wenn das zu lang für dieses forum ist, halte bitte mal jemand ein stoppschild hoch. wenn nicht, stelle ich in kürze den ganzen text noch mal hier rein.


    würde mich natürlich sehr interessieren, wie sich das für euch nun als ganzes liest.


    gruß, it

  10. #10
    schreibt hier hin und wieder
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    Post AW: hotel ganie

    hier also "hotel ganie" als ganzes, abgeschlossen und überarbeitet.


    gruß, j.


    -------


    hotel ganie: Das Schild sehen, die Tür aufdrücken war eins. Neonblauer Nervenreiz verwackelnder Orthografie.
    Mit der Faust schlug er auf den Tresen. Endlich kam der Portier aus seinem Verschlag unter der Treppe hervor. Streckte sich, dass die Jacke klaffte, zerrte sein Meldebuch am Eselsohr hinter sich her. Kniehohe Lederschwarte, und doch musste er lange blättern, bis er eine freie Seite fand.
    Es war tief in der Nacht. Ohne nachzudenken, trug er sich unter seinem wahren Namen ein: Julian D. Der Portier schob ihm den Schlüssel zu: Zimmer 727, kein Lift. Schielte aus alterstrüben Augen an ihm vorbei, zur Straßentür, wo die Lettern hinter Milchglas zuckten, gletscherblau.
    Genie bin ich ganie. Lächelnd machte sich Julian an den Aufstieg. Schmale Stiegen, singend bei jedem Schritt. Auf Plattformen zweigten Gänge ab, sternförmig, von Schlaf erfüllt. Mein siebenundzwanzigster Geburtstag. Was will ich hier? Durst spürte er, nach Wein, Berührung, nicht nach der Schwärze des Schlafs. Zimmer ansehen, dachte er, rasch unter die Dusche, dann wieder raus in die Stadt.




    Ans Fenster treten, zurückweichen. Siebter Stock? Schweiß brach ihm aus. Winzige Lichtpunkte, in der Tiefe perlend. Als stünde er auf einer Schroffe und spähte ins Tal. Sein Kopf in Nebel. Knieweich ging er zum Bett, sackte darauf. So hoch gestiegen bin ich ganie.
    Knöpfte Hemd, Hose auf, streifte alles ab, gedankenlos. Auf dem Nachttisch lag der Zimmerschlüssel. Klobiger Hohlrumpf, Eisenbart. Im Scheitel die blecherne Fahne: 727. Was bewies das?
    Nackt ging Julian zur Tür und zog sie auf. Draußen der Gang im Düstern, am Türblatt die schwarzen Zahlen, ein wenig verrutscht: 727. Und es bewies nichts.
    Er riegelte sich ein. Ging durchs Zimmer, noch immer schwindlig, zog die hintere Tür auf und trat ein. Das Bad, was sonst. Noch während er nach dem Schalter suchte, fiel hinter ihm die Tür zu. Dunkelheit. Mit beiden Händen tastete er über die Wand, und seltsam, da war keine Wand, nur Leibung neben Leibung. Sieben Türen zählte er, im Dunkeln tappend, tastend, dann endlich fand er einen Schalter, altertümlicher Buckel, und drehte ihn.
    Ein runder Raum, die Wände wahrhaftig durchlöchert, Tür an Tür. Wie warm es hier war. Heiß und feucht. In der Mitte des Kreises eine Säule, vom Boden bis zur Decke, ungewiss erleuchtet, beschlagenes Glas.
    Julian ging einmal um die Säule herum, auf glitschigen Fliesen, mit den Fingerspitzen nach Tropfen tupfend, die im Innern der Säule rannen. Hier und da hatten Hände, Arme den Dunst vom Glas gewischt. Er spähte hinein. Die Säule leer. Sein Herz begann hämmernd zu schlagen. Und seltsam: Erst als er in der Säule stand, das Wasser auf ihn nieder rauschte, fiel ihm der Schriftzug auf. Klobige Lettern, halb hinter Dunst verborgen, von außen aufgemalt.
    Mit der Schulter rieb er die Stelle frei. einag dab: spiegelfalsch und aderblau.




    Den Strahl abstellen, aus der Säule treten. Wasser lief ihm aus den Haaren, über Rücken und Brust. Schon stand er in einer Pfütze. Bad ganie? Kein Wunder, dass es hier nicht mal ein Handtuch gab. Aber im Zimmer, dachte er, an den Schrank sich erinnernd, im Fenstereck.
    Das Fenster. Sofort wieder Schwindelgefühl. Die Höhe, niederziehend. Da ging er schon auf die Tür zu, die seine schwarzen Zahlen trug, glänzend vor Nässe und eine sieben zu wenig.
    27. Tropfen rannen ihm den Bauch, die Beine hinab. Er drückte die Klinke und schob die Tür auf: schwarz. Hatte doch Licht gelassen? Da ging auch hinter ihm das Licht aus. Dunkelheit, murmelnd und glucksend. Er spürte einen Hauch, auf seinem Rücken, machte einen Schritt nach vorn und trat ins Leere. Julian fiel. Über ihm ging die Tür zu. Er stürzte ins Finstre, zählte drei - vier - sieben und prallte hart auf hölzernen Boden auf.




    Im Dunkel kauern, auf Händen und Knien. Tierisch, dachte er, witternd in die Nacht. Und da war nichts, kein Licht, nur umschließende Schwärze. Kein Laut, nur das Rauschen seines Bluts. Auch keine Empfindung, doch: Schmerz in seinem linken Knie. Er tastete darüber. Wie nass seine Haut war: Wasser, Blut? Im Dunkel kriegst du's nie raus. Das nicht und dich nicht.
    Julian stand auf. Jetzt erst spürte er die Weite des Raumes, der ihn umgab. Parkett unter seinen Füßen, schrundig, abgeschabt. Ein Tanzboden, dachte er, ein Bankettsaal. Was, wenn auf einmal Licht angeht? Kindertraum. Mit dem linken Fuß fuhr er prüfend nach vorn, zur Seite. Keine Stiegen, Stufen. Dann los.
    Tappend voran, nur raus hier. Humpelnd, sein linkes Knie ein Knorpelherz, die Füße patschend auf Parkett. Immer noch rannen ihm Tropfen aus den Locken, über Rücken und Brust. Im Gehen streckte er die Arme vor, waagrecht in die Dunkelheit. Die verwackelnde Schrift fiel ihm ein, ganie. Und sah auf einmal einen Schimmer, weit weg, ein fahles Blau.
    Darauf humpelte er zu. Immer rascher, immer hastiger, Herzrasen im Knie. Die schwarze Weite ringsum. Kein Laut, nur sein Keuchen, das Plitschplatsch seiner Füße auf zerschabtem Holz. Bin von schlanker Gestalt und spüre es wie nie: das Tanzen meines Fleischs. Und in der Ferne der Lichtfleck, mit jedem Schritt heller. Lange Zeit formlos, jetzt schon ein Zickzack, von massivem Schwarz gerahmt.
    Endlich war er dort. Seine Augen erkannten schneller, als sein Geist ahnte. Er drückte sich mit dem Bauch gegen das Bord. Stützte die Hände darauf und lehnte die Stirn ans Glas. Wieder ein Fenster, in maßloser Höhe. Winzig glitzernd dort unten die Punkte aus Licht. Er schloss die Augen. Fuhr sich mit der Hand über Brust und Schulter, flüchtiger Trost. Öffnete die Augen wieder und las den Schriftzug, der vor ihm über das Fenster lief: sal ganie. Gekrakel, gletscherblau.




    Ein Schauer lief Julian den Rücken hinab. Was ist das hier? Er wollte nachdenken, aber es ging nicht. Las gar nie. Die Wörter murmelten auf ihn ein. Lass dich nie. Lange starrte er auf den Schriftzug. Riss sich endlich los und humpelte weiter, zurück in die Dunkelheit. Immer die Mauer entlang, mit der Linken darüber fahrend. Grober Kalkbewurf. Irgendwann, irgendwo muss diese Wand enden. Warte nur.
    Er fröstelte, dabei war es stickig warm. Ein Traum, dachte er und wusste, es war kein Traum. In seinem Knie der jagende Schmerz. In seinem Kopf das Murmeln von Wörtern, die es gar nicht gab. lass ganie. Aber wie kann es sein? Eine Tür, viele Schritte über dem Boden? Die dich ausspeit, aus jenem Bad, wie Wasser aus dem Ausguss läuft? Und ich bin nackt, ganz nackt, mit siebenundzwanzig Jahren.
    Wieder blieb er stehen, im Finstern, seitlich an die Wand gelehnt. Muss mich besinnen, dachte er. Das Schild, ganie, was war davor? Was danach? Aber wie sich erinnern, in solcher Dunkelheit? Eine Bar, für einen Lidschlag sah er sie vor sich: Dämmerlicht, ein lachender Mund vor seinen Lippen, kussnah. Und dann? Alles verschwamm. Mit der Rechten fuhr er sich über die Brust, bis zum Hals hinauf. Das Hotel: wieso bin ich hinein? Und meinen wahren Namen habe ich genannt: warum? Fing damit alles an? Oder hört es so auf?
    Auf einmal hätte er weinen mögen. Hast dich gezeigt. Und bist nun für immer so: ein nackter Narr. Wieder setzte er sich in Bewegung. Das Pulsen in seinem Knie. Das leise Zittern seines Fleischs. Ein Brennen im Hals. Und er entzifferte: Angst. Aber was beweist es? Gar nichts.
    Hatte es kaum gedacht, da griff seine Linke ins Leere. Ein Loch in der Wand, hölzerne Leibung. Er tastete hinein, fand das Türblatt, eine Klinke. Drückte sie herunter und die Tür glitt auf.




    Ein schmaler Raum, in bläuliches Licht getaucht, so grell, dass er die Augen zusammenkniff. Für einen langen Moment sah Julian nur Kreise aus Licht. In seinem Rücken ein Luftzug, doch er nahm ihn kaum wahr. Ein Atelier, dachte er, aber wie karg und schmal. An der Stirnwand ein schwarzer Sessel, schräg davor eine Staffelei. Fenstergroß darauf das Gemälde, glänzend vor Feuchtigkeit.
    Die Farben spiegelten im Licht. Da trat Julian ein, gedankenlos. In seinem Rücken ging die Tür zu. Er fuhr herum und vor ihm stand eine hohe Gestalt, in blauem Kapuzenmantel. "Das Modell?" Heiser klang die Stimme, als ob der Maler selten spräche. Und singend, als wäre jeder Satz für ihn eine Frage. "Na, wurde auch Zeit?" Er hielt den Kopf gesenkt, sein Gesicht war nicht zu sehen. Aber Julian spürte die Augen, die unter der Kapuze nach ihm spähten.
    "Dorthin?" Der Maler deutete hinter ihn. War mit zwei Schritten bei ihm, so nah, dass Julian den Geruch seiner Kutte atmete. "In den Sessel?"
    Julian wich zurück. Zwängte sich an der Staffelei vorbei, machte einen weiteren Schritt, bis seine Kniekehlen an die Sesselkante stießen. Der Maler war ihm gefolgt. Nun legte er eine Hand auf Julians Brust und drückte ihn rücklings in den Sessel.
    Kalt war das schwarze Leder. Aber er blieb liegen wie vom Maler hingeworfen. Den Oberkörper weit zurückgelehnt, die Beine ausgestreckt, ein wenig gespreizt. Die Arme beiderseits des Kopfes erhoben.
    Der Maler trat vor seine Staffelei. Noch immer hatte Julian sein Gesicht nicht gesehen. Noch immer wusste er nicht, was auf dem Gemälde war. Von hinten sah es nichtssagend aus: Leinwand, nachlässig gerahmt.
    Da kam der Maler um die Staffelei herum, in der Rechten einen großen Pinsel. Farbe tränte vom Pinselkopf, leuchtendes Rot. Mit einem Schritt war er bei ihm, beugte sich über ihn, setzte den Pinsel an. Julian sah funkelnde Augen unter der Kapuze. Öffnete den Mund, schloss ihn wieder und die Augen gleich mit. Spürte, wie sich der Pinsel auf seine Kehle drückte, samthart und nass. "Gleich vorbei?"
    Der Pinsel fuhr abwärts, mit schmatzendem Laut. Julian fühlte, wie die rote Spur auf ihm wuchs. Kalt seine Brust hinunter. Nass über den Nabel. Klamm ins Schamhaar hinab. bad ganie. Die Wörter in seinem Kopf murmelten. giena lass. las ich nie.




    Die Augen wieder öffnen: allein im Atelier. Und seltsam erfrischt, als hätte er lange geschlafen. Er stand vom Sessel auf, und der Farbstreif spannte sich auf seiner Haut. Von der Kehle bis zum Glied. Mit dem Finger fuhr er darüber: ein Wulst, daumendick und gummizäh.
    Er zwängte sich an der Staffelei vorbei. Sah endlich das Bild und Schwindel packte ihn. Roter Wulst, lotrecht. Darunter der Schriftzug: ganie tur, scheinvertraut und aderblau.




    Die Tür aufziehen, erstarren: gleißender Saal, Menschen überall. Fräcke und Roben, ein Gackern und Keckern. Julian sah lachende, sprechende Münder, die Gesichter darüber verschattet von Hüten, Strähnen, Mähnen. Er machte einen Schritt in den Saal. Hinter ihm ging die Tür zu, klack.
    Und ich bin nackt. Er drückte sich an die Wand. Wie groß dieser Saal ist, wie hell. In der Ferne sah er die Tür, hoch oben unter der Decke. Dort wurde ich ausgespieen, dort muss ich wieder hin. Das Näseln eines Saxophons, leise, wie im Selbstgespräch.
    Ein weiterer Schritt. Der Wulst spannte seine Haut. ganie tur. Vor ihm die Menschenmenge. Muss mich hindurchdrängen, mit bloßem Balg durch das Gezähn aus Händen, Hüften. Nah bei ihm stand eine schlanke Frau, in aderblauem Kleid. Er starrte auf ihren Rücken, da wandte sie sich um zu ihm. Schwarze Locken, lächelnder Mund, die Augen im Schatten. Das Seufzen des Saxophons. Schon war sie bei ihm, fasste ihn bei den Händen. Und Julian begann sich mit ihr, dem Saal im Tanz zu drehen.
    Wie eng sie sich an ihn presste. aneig rut. Er atmete den Duft ihres Haars. Fühlte ihre Brüste an seinen Rippen und den roten Wulst zwischen ihnen, wie ein Grenzbaum so starr. Ihre Hände auf seinem Rücken. Ihr Kleidstoff, reibend an seinem Bauch. Wie sie dahinglitten, im Blitzen der Lüster, im Samt des Saxophons. Das Pochen in seinem Knie: als säße ein Frosch drin, pumpend. Die vibrierende Gier seines Glieds. lass ganie. Wie es ihm den Wulst des Malers in die Kehle stieß. Mein Geburtstag, heut Nacht.
    Julian umklammerte den Leib der Schlanken, und seltsam: Wie sie auch schlingerten, in der Menge sich schlängelten, stets behielt er den fernen Fleck im Blick. Die Tür unter der Decke, die mich ausgespieen. Dort muss ich wieder hin.




    Herantanzen, verharren: tief unter der Tür, den Hals zurückgebogen, soweit der Wulst ihn ließ. Drei Schritte, schätzte Julian, höchstens vier. Aber zu hoch, viel zu hoch. Das Näseln des Saxophons, höhnisch, wie ihm schien. Und doch, es beweist gar nichts.
    Noch immer hielt ihn die Schlanke fest. Ihre Hände auf seinem Rücken, den Kopf an seiner Brust. Noch hatte er ihr Gesicht nicht gesehen, aber warte nur.
    Im Ring ihrer Arme schob er sich aufwärts, gedankenlos. Stützte die Hände auf ihre Schultern, klemmte die Knie um ihren Rumpf und zog sich hoch. Die Schöne stöhnte. Schrei des Saxophons. Julian, auf blauen Schultern kniend. Wäre fast vornüber gesunken, doch der Wulst zwang ihn empor. Eine Hand auf ihrem Scheitel, so stand er auf, in schaukelndem Triumph.
    Vor ihm nun die Tür, in Augenhöhe. Winseln des Saxophons. Julian streckte die Hand aus. Die Schlanke wankte. lass ganie. Er griff nach der Klinke, da gaben unter ihm die Schultern nach.
    Wieder fiel er, diesmal weich. Kam auf der Blauen zu liegen, rücklings unter den Wulst gestreckt. Trauben von Köpfen, die sich über ihn beugten. Ihre Gesichter hinter Krempen, Mähnen, Strähnen. Unter ihm regte sich die Frau. Julian spürte ihre Brüste in seinem Rücken, ihren Atem im Genick. Er wollte sich aufrichten, doch die Frau legte ihre Arme um seine Mitte und hielt ihn fest.




    Die Menge wich auseinander: Ein Alter schlurfte heran. Doch schon mal gesehen? Hagere Gestalt, verschlissene Uniform. Zerrte am Eselsohr die Lederschwarte hinter sich her. Und da fiel es Julian ein: hotel ganie, neonblau.
    Neben ihm ging der Portier in die Knie. Klappte sein Meldebuch auf und gleich wieder zu. lass ganie. Mit der Rechten packte er nach dem Wulst auf Julians Brust. aneig rut. Zwängte die Finger darunter, dass sich der rote Strunk zum Griff aufbog. So zog er ihn hoch und der Wulst riss an Julians Glied und stieß hinauf in seinen Hals, dass es ihm den Atem nahm.
    Im Laufschritt durch den Saal, hinter dem zerrenden Alten her. Gasse der Gaffer: funkelnde Augen, hohngespitzte Mäuler, gesichtslos. Hände, die nach ihm haschten, wankende Wände aus Schenkelfleisch. Das Plitschplatsch seiner Füße auf Parkett. Blut, das aus Julians Brust rann, wo die blauadrige Hand den Wulst losgerissen hatte. Und in seinem Knie das Froschherz: pumpend mit letzter Kraft.
    Eine Tür, schmal, schwarz. Vorhin doch nicht gesehen? Schluchzen des Saxophons. Mit der Faust schlug der Alte gegen das Blatt und die Tür sprang auf.




    Über die Schwelle stolpern, mitgerissen vom Portier: runder Raum, Dämmerlicht. Hinter ihnen fiel die Tür zu, mit saugendem Laut. Stille, dann das Krächzen des Alten: "Der Taucher?"
    Zwei Dutzend Augenpaare, auf Julian gerichtet, mehr. Die Greisenhand gab ihn frei und er zählte: drei-, fünf-, sechsundzwanzig, aus. Im Halbkreis standen sie um ein rundes Bodenloch. Alle in blaue Kittel, Masken gehüllt. Nur die Augen frei.
    Chirurgenblau? Der Portier gab ihm einen Stoß. Julian taumelte in den Raum, Herzpoltern im Knie. "Der Taucher?" Er wiederholte die Frage, mit fremdem Ton. Und dann, ohne nachzudenken, in die blau vermummten Gesichter: "Ja."
    Da stand er schon am Loch. Jetzt erst sah er hinein. Und wollte schreien: Was ist das hier? Ein Schacht voll Nacht und Bracke. Wie tief, wie tief? Schwindel, schlimmer als je. Er wollte zurück, doch der Portier hielt ihn bei den Achseln fest.
    "Der Ausguss?" Die Stimme des Alten, von hinten an seinem Ohr. "Mach ihn frei?"
    Er sah hinab, wie aus größter Höhe. Gestank stieg von der Bracke auf, zersetzungss??. Brocken trieben darin, klobig, aderfahl.
    Der Alte dicht hinter ihm. Julian spürte seine Hand unter der Achsel, seinen Atem am Schulterblatt. Und dann den Stoß. Fiel über den Rand, Bracke umfing ihn, schwarz.




    Kam noch einmal hoch, wollte sich anklammern, die Schachtwand wie Schmiere. Schwarze Tropfen spritzten aus seinem Haar. Sein Keuchen. Mit beiden Händen riss er am Wulst des Malers: umsonst. Der Alte hob einen Fuß.




    Schwärze. Wie er tauchte. Lotrecht hinab. Die Brocken in der Bracke. Ihre weiche Berührung. Der Geruch, überall in ihm, Müdigkeit.




    Der Ausguss: steilwandiger Trichter, am Grund der Klumpen, plumper Pfropf. Der den Schacht verstopft. Schrie es in ihm, noch einmal: Ist das hier? lass ganie. Wollte den Klumpen packen, fuhren seine Arme bis zu den Achseln in Schleim. Traumflauen Schaum. Und hindurch, ganie meerblau.

  11. #11
    schreibt hier hin und wieder
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    Question AW: hotel ganie

    kein interesse mehr an diesem ungewöhnlichen übernachtungsversuch?


    muss ich das hotel wohl untern arm klemmen und weiterziehen.


    oder?


    J.

  12. #12
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: hotel ganie

    Wir sind immer an guten Manuskripten interessiert.


    Zu der hier geb ich Dir einen sauren Rest Zitronenbonbons.

    spüren, spähen, zurück, Tür sind die Worte, die immer wieder auftauchen. Türen werden nur geöffnet, nie aber geschlossen. Der Blickwinkel ist wie ein Zurück, niemals vorwärts oder anderswie. Der plot ist vorhersehbar, die Spannungsführung eher unterdurchschnittlich, aber die Stimmung ist dicht und gut getroffen. Der Aufbau hat sich verbessert, es ist eine Exposition erkennbar, auch eine klare Hinführung, aber, wie gesagt, eher vorhersehbar.

  13. #13
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    AW: hotel ganie

    hallo, it-julkin,
    ich hatte mir die geschichte gestern ausgedruckt und bei einigen glas wein gelesen- was letztes dem verständnis sehr zuträglich war. traumbilder. beim versuch einer logischen deutung bin ich gescheitert- und es war wohl auch nicht der sinn, es einer solchen zugänglich zu machen. es ist eine eigenartige geschlossenheit, die einem begegnet. ich will keine einzelheiten herausgreifen, aber was mir u.a. auffiel, waren diese fast intellektuellen sprachspielereien um das wort hotel ganie - wieso fehlt beispielsweise zu allem noch penetrant das "r" dazu? es ist ein traum mit aufwacheffekten, m?glicherweise notwendig, um das alptraumhafte zu konterkarieren, was aber nur bedingt gelingt. die spielereien um die farbe blau - zum teil etwas überzeichnet, wie ich finde. das falltürenhafte an der geschichte erscheint zum teil fast etwas vordergründig, etwas effektbetont, was gar nicht notwendig wäre. aber es hat mir gefallen, eine schwarze ballade, passend zu den rauhnächten, zwischen weihnachten und neujahr, in denen das vieh spricht und auch sonst alles möglich ist. in diesen zeiten bleibt man besser zuhause, aber bis dahin isses ja noch ein paar wochen
    findet bigvogel
    --------------------
    GOD BLESS AMERICA

  14. #14
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: hotel ganie

    hallo bigvogel,

    ausdrucken und mehrere gläser wein - ja, ich geb's ja zu, es ist kein vierzeiler. um so schöner, dass es dir (zumindest dank wein) gefallen hat.

    und was du dazu sagst, trifft auch ins blaue , meine ich. eine traumwelt, nicht "logisch" dechiffrierbar. ich will auch selbst gar nicht versuchen, viel dran herumzudeuteln.

    stimmt, die ganze angelegenheit ist "falltürenhaft". höhe-tiefe, stürzen, schwindelgefühl spielen durchgehend eine wichtige rolle. insofern ist es nicht vordergründig, glaube ich.

    und das blau? wo würdest du es zurückfahren?

    das "ganie": muss so sein. lässt sich notfalls auch begründen: damit nach durchschütteln der buchstaben "aneig(nen)" daraus werden kann.

    na ja. ist aber eine nachträgliche begründung. am anfang war das wort: ganie, neonblau.

    danke fürs lesen und kommentieren.

    gruß, j.

  15. #15
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: hotel ganie

    Einige Anmerkungen zu Deinem Text, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:


    Und ich bin nackt, ganz nackt, mit siebenundzwanzig Jahren.

    Da haben wir das Thema. Darum dreht es sich; doch angezeigt hast Du dieses Thema der Entfremdung mit sich selbst erst nach dem ersten Dritteil dieses Anfangs. Warum?
    Überhaupt habe ich festgestellt, daß in dem Anfang eine merkwürdige Neigung zur synästhetischen Nachreichung - wenn ich das mal so bezeichnen darf - besteht. Nehmen wir den Ausschnitt:
    Im Dunkel kauern, auf Händen und Knien. Tierisch, dachte er, witternd in die Nacht. Und da war nichts, kein Licht, nur umschließende Schwärze.
    Durch dieses Zeugma in bezug aufs Nutzen des Partizips entsteht hier eine semantische Schieflage. Warum benutzt Du sie in diesem Unmaß? Laß ihn doch nur wittern, dann kann das Licht umschlossen sein, nicht aber will das Nichts dann etwas tun.
    Weiter oben hast Du dann diese Neigung zum Synästhesieren übertrieben, als Du Durst nach der Schwärze des Schlafs spüren willst. Meinetwegen, dann tritt das Subjekt aus dem Kreis heraus (hinaus?), es läßt den hermetischen Riegel hinter sich und geht ins Nichts. Dort dann das Unverrückbare des Augenblicks. Ewig gedehnte Amnesie. Ich weiß nicht, wie ich das Thema anders umschreiben soll; es geriert sich auf einem blaufarbenen Silbertablett, aber es dehnt sich zuweilen unnötig. Willst Du in dieser Akrobatik fortfahren?
    Nach dem ersten Absatz (dem mit der Schwärze des Schlafs) solltest Du kürzen.
    Apostrophe sehen so ' aus, nicht so `.
    Das ER ist anfangs in zweifacher Zuweisung mißbraucht:
    Endlich kam der Portier aus seinem Verschlag unter der Treppe hervor. Streckte sich, daß die Jacke klaffte, zerrte sein Meldebuch am Eselsohr hinter sich her. Kniehohe Lederschwarte, und doch mußte er lange blättern, bis er eine freie Seite fand.
    Es war tief in der Nacht. Ohne nachzudenken, trug er sich unter seinem wahren Namen ein: Julian D.
    Hier ist ER einmal der Portier, das andere mal der Held, oder irre ich mich. Jedenfalls ist es unübersichtlich. Ich liebe klare und einfache Einführungen. Dann läßt es sich auseinanderdehnen, zerren, ziehen, kneten... Aber am Anfang muß alles klar sein: Personen, Ort, Thema. Bei Dir geht's da ein bissel durcheinander.


    Das soll aber nicht heißen, daß mir dieser Text nicht gefiel. Er fiel in mich hinein.

  16. #16
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: hotel ganie

    hallo ed,


    das thema: er kapiert es ja erst nach und nach, und der leser mit ihm. anfangs fragt er: "mein 27. geburtstag, was will ich hier?" und der satz, den du zitierst, ist die antwort, der beginn dieser antwort. darf deshalb nicht vorher kommen: der leser soll sich ja mit ihm fragen, was das ganze soll.


    synästhetische nachreichung: schön gesagt, und wohl wahr. vielleicht muss ich's wirklich hier und dort noch etwas begradigen. aber die "schieflage" soll schon so sein, in korrespondenz zur "verwackelnden orthografie". und es gerät ihm ja buchstäblich alles ins rutschen bzw. fallen. das "falltürhafte", wie bigvogel sagte.


    schwärze des schlafs: klingt wie mit dem romantischen pinsel gemalt, stimmt schon. ist hier aber mit bedacht so gesagt: die "schwärze des schlafs" ist das, was er bei der ankunft im hotel nicht will, nicht zu wollen glaubt, dann aber um so tintenschwärzer kriegt. happy birthday.


    und geht ins Nichts. Dort dann das Unverrückbare des Augenblicks: nunc stans, stehende zeit. an so etwas wie (allerdings quälende) ewigkeit des augenblicks dachte ich in der tat.


    kürzen im zweiten abschnitt: denk ich drüber nach. es dürfte aber deutlich geworden sein, dass die licht-/wasser-duschsäule am anfang nicht selbstzweck ist, sondern mit dem nacht-/bracke-schacht am schluss korrespondiert.


    doppeltes "er" am anfang: gefällt mir auch nicht recht. was tun? julian soll ja gerade hier, wo er seinen wahren namen nennt, nicht von außen gesehen werden. "der gast" o.ä. geht hier also nicht. muss ich auch drüber nachdenken.


    nein, so "akrobatisch" wie in dieser geschichte geht es bei mir schreiberisch nicht immer zu. hier wollte ich ja eine besondere situation darstellen, weder real noch traum, die mir deshalb auch ganz besondere erzählmittel zu erfordern schien.


    vielleicht stelle ich bald mal noch ein anderes (kürzeres) prosastückli hier ins forum.


    und der text gefällt dir? (gefällt zumindest nicht nicht?). freut mich.
    danke für die ausführlichen anmerkungen.


    j.

  17. #17
    rodbertus
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    AW: hotel ganie

    Darf annehmen, daß hier it-Julkin ihren Rettungsanker auswarf. Heben wir auf, einen kleinen schrulligen Text mit Ambitionen. Das ist es doch, was Schreibenden und Lesenden beieinander hält...

  18. #18
    schreibt hier hin und wieder
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    Cool AW: hotel ganie

    Perlentauchen...

  19. #19
    resurrector
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    AW: hotel ganie

    Weiß nicht, ob ich diesen text als "Perle" bezeichnen möchte. Eher nicht. Es fehlt an sprachlicher Virtuosität. Aber es ist ein Stück Literatur.

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