Der unglückliche Weise


Es war einmal ein weiser Mann, der lebte in einem kleinen Haus am Rande der Stadt. Da der Mann bescheiden war, war er zufrieden mit seinem kleinen, ärmlichen Haus, und auch sonst mit seinem Leben, doch er war sehr einsam.


Eines Tages klopfte ein Reisender an seine Tür und bat ihn um Unterkunft für eine Nacht. Der weise Mann gewährte ihm gerne Einlaß, versorgte ihn mit Nahrung und einem warmen Schlafplatz, und unterhielt sich mit ihm. Der weise Mann fand heraus, daß der Reisende reiste, weil er Probleme in der Stadt hatte. Da bot der weise Mann dem Reisenden an, weil er sich freute, daß er mit einem Menschen so lieb reden konnte, doch seinen Kummer bei ihm zu lassen und in der früh in sein Heim zurückzukehren. Das tat der Reisende dann auch. Am nächsten Morgen verließ er das Haus des weisen Mannes, ließ sein Trübsal hinter sich und ging glücklich und zufrieden zurück in die Stadt. Und weil er so glücklich und zufrieden war, erzählte er allen anderen Leuten in der Stadt vom weisen Mann und daß er seine Probleme in seinem Hause zurücklassen durfte und daß er danach so glücklich und zufrieden war.


Da gingen all die Menschen, die Lasten hatten, zu dem weisen Mann und luden sie dort ab. Einige Menschen kamen jeden Tag, weil sie so großen Kummer hatten. Der Ehemann berichtete von den Plagen mit seinem Weib, das Weib sprach von den Schwierigkeiten mit dem Ehemann und das Schwesterlein schimpfte über das Brüderlein.


Der weise Mann war sehr glücklich, daß sie alle zu ihm kamen, denn so war er nicht alleine und es störte ihn nicht, daß sie all ihre Sorgen in seinem Hause ließen. Nein, er mochte ja die Menschen. Er liebte ihre brüchigen Stimmen, wenn sie erzählten, die warmen Tränen, die sie vergossen, und ihre strahlenden Gesichter, wenn es ihnen besser ging.


Doch es geschah, daß die Menschen allezeit weniger Kummer hatten. Und es schien, als ob die Menschen immer seltener zu ihm kamen, um so kleiner ihre Plagen wurden. Es war so, als ob jemand direkt vor ihm gestanden hätte, sich dann stets weiter entfernte, und in der Ferne stetig kleiner wurde, bis er gänzlich am Horizont verschwand. Und so waren die Menschen nach und nach auch verschwunden, und mit jedem verschwundenen Menschen wurde sein eigener Kummer größer, über den er mit niemandem sprach, weil er dachte, seine Last sei ja nicht so schwer, wie die der anderen Menschen. Eines Tages waren die Sorgen der Menschen alle fort und so waren auch die Menschen selbst alle fort.


Der weise Mann ward nun allein und traurig mit dem Kummer der Menschen, den sie in seinem Hause gelassen hatten, und starb an seinem eigenen Kummer, den er in keinem fremden Hause abladen konnte.