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Stolypin, erster russischer Ministerpräsident (1906-1911) - kam durch ein Attentat ums Leben

1906
: Die Revolution von 1905 führte zur Umgestaltung der Regierungsstruktur und zu einer vom Zaren erlassenden Verfassung, die seine dominierende Stellung im Staatsverband nicht antastete. Autokratie bedeutet, daß jemand ohne Beschränkung durch objektiv-faßbare Gesetze Entscheidungen für andere fällt. Selbstherrlichkeit. Das sollte auch nach 1905 so bleiben, wie die meisten höheren Beamten in St. Petersburg meinten. Aber zugleich sollte verhindert werden, daß der Zar jede Bagatelle auf seinem Schreibtisch zu entscheiden hatte, zumal etliche Minister glaubten, sich so lieb Kind machen zu können. Es wurde eine Art Ministerpräsident geschaffen, der den Ministern vorsaß und unkooperative Minister entlassen durfte, was der Zar zwar rückgängig machen konnte, aber letztlich war der froh, weniger Arbeit zu haben. Dennoch blieb andererseits den Ministern das Recht vorbehalten, bei ihrem Herrscher persönlich vorzusprechen, wovon u.a. Iswolski (-1910 russischer Außenminister) Gebrauch machte und den Zaren für seine Pläne (Eroberung Konstantinopels) begeisterte. Iswolski konnte das in Aussicht stellen, weil ihn der britische Premier Grey mitgeteilt hatte, Britanniens Einwand gegen ein russisches Vordringen ins Mittelmeer zu überdenken.
In der Duma gab es zwei Positionen:


  1. Konservative: verfolgten einen Kurs der Verständigung mit dem Reich und machten darauf aufmerksam, daß Britannien Rußland und das Reich gegeneinander hetzen wolle;
  2. Kadetten (Konstitutionelle Demokraten; Liberale): drängten auf die Bildung eines Dreibundes mit Britannien und Frankreich, um im Balkan politische Ziele verfolgen zu können


1860 1890 1900 1913
Bevölkerung [1] in Mio. 74,1 117,8 132,9 175,1
Roheisenproduktion (in Mio. t) 0,33 0,98 2,93 4,64
Kohle (in Mio. t) 0,47 6,01 16,16 36,04
Eisenbahnnetz (in 1000 km) 1,6 30,6 53,2 70,2
Goldproduktion (in t) 24,5 39,4 39,3 59,4
Quelle: K. Funken: Die ökonomischen Voraussetzungen der Oktoberrevolution. Zürich 1976. S. 203.

Stolypin erkannte, daß die Basis der zarischen Herrschaft in der Zufriedenheit der (russischen) Bauern lag und setzte eine Reform durch, eine zweite Bauernbefreiung nach 1861. Diese Reform befreite die Bauern von Hypotheken auf ihren Ländern, zugleich hob er die Schollengebundenheit auf und überließ es der Entscheidung der Bauern, wo sie leben wollten, wörtlich: „Von diesem Zeitpunkt an [1.1.1907] sind die bezeichneten Ländereien [Landanteile der Bauern in der Dorfgemeinde] von den Beschränkungen, denen sie kraft der Loskaufschuld [Hypotheken] unterliegen, befreit, und die Bauern bekommen das Recht des freien Austritts aus der Dorfgemeinde, wobei die einzelnen Hofbesitzer, die zu privatem Besitz übergehen, Anteile aus dem Land der Dorfgemeinde [das Mir [2], die russische Form der dörflichen Genossenschaft, bei der jeder jedem hilft] als persönliches Eigentum gewährt bekommen." [3]

Die Bauernbank wurde beauftragt, den von den Gutsbesitzern angebotenen Boden zu erwerben und parzellenweise, unter Gewährung von Hypothekarkrediten, an Bauern weiterzuveräußern. Auf diese Weise sollte der Landhunger eines Teils der Dorfbevölkerung nach und nach überwunden werden. Den Rest der Bauern wollte Stolypin rücksichtslos proletarisieren. Er strebte die Zerstörung des Kollektiveigentums der Mir-Gemeinde aus politischen Gründen an. Solange die Einrichtung des dörflichen Kollektiveigentums fortbestand, kehrten die Fabrikarbeiter, so oft sie arbeitslos wurden, in ihre Heimatgemeinde zurück, wo sie ein Ackerlos zur Nutzung beanspruchten. [..] Stolypin durfte hoffen, durch die Auflösung des Mir-Eigentums dieses Rückfluten der Arbeiter von der Maschine zum Pflug einzudämmen und so die Ausbreitung revolutionärer Ideen auf dem Lande zu erschweren. (Gitermann, S. 147.)
Damit wurde die auf Gemeinschaftssinn aufbauende russische Dorfgemeinschaft kapitalisiert, statt Gemeinschaftsbesitz wurde aus den einzelnen Feldern, Wiesen und Weiden privater Landbesitz. Den gab es zuvor zwar auch schon, aber die Basis der russischen Dorfgemeinde bildete das parzellierte und dennoch gemeinschaftlich bewirtschaftete Land. Nunmehr mußte jeder selbst zusehen, wie er sein Land bewirtschaftete. Alles auf Null, aber die Dummheit der meisten Bauern, ihre Trunksucht und ihre mangelhafte Disziplin würden sie schnell wieder in die Not bringen, aber jetzt fehlte ihnen die Gemeinschaft, was sie dann leicht zur Beute der Aufwiegler machen würde. Die Bolschewiken freute diese Reform, denn ihrer Theorie nach mußte auf dem Wege zum sozialistischen Staat zuvor der Kapitalismus auf seiner höchsten Form (Imperialismus) gestanden haben, was mit der Kapitalisierung des Bodens nunmehr erfolgte. Weniger erfreute die Bolschewiken Stolypins System der Feldkriegsgerichte (Militärgerichtsbarkeit) und die Verfolgung der bolschewistischen Staatsfeinde durch ordentliche Gerichte, die insgesamt 5000 Bolschewiken zum Tode durchs Schafott verurteilten.1914: Der Krieg hätte für die russische Elite die Chance bieten können, die Mißstände im Lande anzugehen:


  • das Mißverhältnis zwischen wirtschaftlicher Bedeutung und politischer Macht des wachsenden Bürgertums;
  • die autokratische und durch ein Parlament unreflektierte Herrschaftsform, der ein schwacher und durch seine Räte leicht lenkbarer Herrscher (Zar) vorstand;
  • Korruption, Wohnungsnot und Elend;
  • Bolschewismus als aggressivste Form der Herrschaftsbekämpfung.


All diese Dinge gab es seit eh und je in Rußland. Doch die starke Landflucht, das Massenelend in den ins Uferlose wachsenden Großstädten, das Erstarken des Marxismus und die Borniertheit vieler Adliger und des neureichen Bourgeois verschärften die Widersprüche. Die Soldaten blieben an der erstarrten Front, weil es dort zu essen gab, nicht aus Pflichtgefühl. Sie tauschten MGs gegen Tabak und Essen, was die Schieber wiederum in den Städten bei den Bolschewiki oder anderen Staatsfeinden gegen andere (meist gestohlene) Bedarfsgüter eintauschten. Da die Deutschen nicht angriffen, verschärften sich die Widersprüche auch an der russischen Front, denn der starke Beschützerinstinkt des russischen Soldaten für Mütterchen Rußland schlief im Unterbewußten und wurde durch ein mögliches aggressives Vorgehen der Deutschen nicht geweckt. Im russischen Hinterland bekam die russische Elite die mit dem Krieg verbundenen Wirtschafts-, Transport- und Versorgungsfragen nicht in den Griff. Zwar waren im Westen einige Fabriken in die Hände der Mittelmächte gefallen, aber die Versorgung des russischen Heeres hätte relativ leicht über das gut ausgebaute Streckennetz durch die Häfen in Ostasien und Murmansk, auch über das freie Petrograd erfolgen können, aber die Ostsee sollte für Handelsschiffe unbefahren bleiben, Murmansk war neun Monate im Jahr eisbedeckt und eine Versorgung über Sibirien war außerhalb der Vorstellungskraft der Russen. Die Russen waren trotz des großen Reichtums ihres riesigen Landes an Bodenschätzen und Menschen nicht in der Lage, ihre Wirtschaft auf Krieg umzustellen, gegebenenfalls Kapazitäten in den Ural oder nach Fernost zu verlagern, alles anders zu organisieren. So gab es zwar eine 50%ige Erhöhung der innerrussischen Transportleistungen, aber die Arbeitsproduktivität in der Industrie sank (!) zugleich, während sie im Reich oder in Amerika stark anstieg.Das sind Krisensymptome des Gemeinwesens, ein Versagen der auch bürgerlichen Eliten, des russischen Staates und seiner Bürokratie.
Es sei nur angedeutet, daß durchweg alle maßgebenden Persönlichkeiten, führenden Minister und zum Teil auch die Herrscher in den die Mittelmächte bekämpfenden Ländern Freimaurer des dreiunddreißigsten [und damit höchsten] Grades sind bzw. waren. (Ernst zu Reventlow: Politische Vorgeschichte des Weltkrieges. Berlin 1919. S. 30.)

Nach der von den Mittelmächten abgewehrten Brussilow-Offensive 1916 herrschte weitgehend Totenstille an der deutsch-russischen Front, die Folge einer Mischung aus Enttäuschung über die Erfolglosigkeit der vergangenen Offensivbemühungen, dem verlorengegangenen Glauben an die eigenen Eliten und der Zähigkeit des deutschen Widerstands gegen die überlegenen russischen Truppenmassen.


[1] Diese Bevölkerung bestand um 1900 aus 47,8% Russen und Weißrussen, 17,4% Ukrainern, 6,2% Polen, 3,9% Juden, 11,7% Turkvölkern, 1,7% Deutschen und 11,3% anderen Völkern (Balten, Finnen, Kaukasier, Ostasiaten u.a.).

[2] diese Bauerngemeinschaft haftete kollektiv gegenüber dem Gutsherren (Bojaren) und dem Staat (Zaren) für die zu erbringenden Abgaben zum Unterhalt derselben, was bedeutete, daß das Mir die Angelegenheiten selbst regelte, autonom von staatlichen Regulierungen: Landzuteilung innerhalb des Mir (nach Leistung), aber auch nach dem Gleichheitsprinzip → diese alte Form der Gemeinschaftsbildung aus dem Feudalismus wurde nach 1905 schrittweise zugunsten kapitalistischer Einzel-Bewirtschaftung abgeschafft

[3] Stolypin, Dekret vom 9. November 1906.


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