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Thema: Rußland 1917/18

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Rußland 1917/18

    1917: Im Spätwinter 1916/17 hatte die Not in Rußland eine Höhepunkt erreicht: Teuerung, Kälte, ungewisse politische Zustände, gut organisierte Staatsfeinde, die für alle Seiten wenig erfreuliche Arbeit der Geheimdienste, ein schwacher Zar: eine revolutionäre Situation. Aber nicht die Deutschen machten sie sich zunutze, sondern die westeuropäischen Demokratien. Sie glaubten, daß die Zeit in Rußland für einen demokratischen Umsturz bereit wäre und unterstützten diejenigen, die ihnen dies umzusetzen am ehesten fähig wären. Der Ort: die Duma, das russische Parlament. Anfangs appellierten die Parlamentarier an den Zaren, wünschten sich dies und jenes, v.a. Maßnahmen gegen Auswüchse der Mißwirtschaft und Korruption oder gegen unfähige Generale. Als nichts geschah, wurden die Appelle zu Forderungen, dann stellte man das System in Frage. Der Zar sollte abdanken und Platz schaffen für eine Demokratie nach westlichem Vorbild. Der Zar unterzeichnete ein Dekret zur Auflösung der Duma, die Duma erklärte sich in die Permanenz. Parallel tobte der Kampf auf den Straßen: Plünderungen, Straßenschlachten, MG-Feuer. Die rote Fahne wehte auf den Barrikaden, auf eroberten öffentlichen Gebäuden, auf Gefängnissen.

    Indem er sich gegen die Autorität der Provisorischen Regierung erhoben hat, hat der frühere Oberbefehlshaber, General Kornilow, der in all seinen Telegrammen seinen Patriotismus und seine Loyalität gegenüber dem Volk beteuert hat, jetzt in der Praxis seinen Verrat offenbart. Er zog Regimenter von der Front ab und schwächte so ihren Widerstand gegen den rücksichtslosen Feind - die Deutschen. Er spricht davon, das Heimatland zu retten, doch er entfesselt bewußt einen brudermörderischen Krieg.
    Er sagt, er kämpft für die Freiheit, aber er sendet eine einheimische Division gegen Petrograd. (Ministerpräsident A. F. Kerenski zum Kornilow-Putsch. Befehl an die Truppen in Petrograd, 29.8.1917.)

    Der Zar dankte am 2./15. März 1917 ab. Die Provisorische Regierung unter Fürst Lwow, der im Juli durch den sozialdemokratischen Freimaurer Kerenski [1] ersetzt wurde, verkündete nicht den Frieden, sondern die Entschlossenheit, an der Seite Britanniens und Frankreich gegen das Reich weiterzukämpfen. Enttäuschung im weiten Land. [2] Neben der Regierung bildeten sich auf anarchischer Grundlage Sowjets (Räte) in den einzelnen Kommunen und übten vor Ort die Macht aus, d.h., sie kontrollierten die von der Provisorischen Regierung [3] angeordneten Maßnahmen als eigentliche Exekutive. [4] Diese Räte wurden durch die Bolschewiken systematisch unterwandert und allmählich beherrscht. Sie standen für sofortigen Frieden und die entschädigungsfreie Enteignung des Großgrundbesitzes resp. der Großbetriebe. Der Kampf um die Macht tobte an vier Fronten:


    • die äußere Front im Westen Rußlands, wo im Juni 1917 eine neue Offensive die Kriegsentscheidung bringen sollte → wurde durch den deutschen Widerstand unterbunden;
    • ein Putschversuch General Kornilows [5] nach der mißglückten Offensive an der Front im August 1917 wurde von Provisorischer Regierung und Sowjets [russisches Wort für Rat] unterbunden;
    • die Provisorische Regierung wollte die Sowjets zurückdrängen, die gegen bürgerliche Ordnungsvorstellungen auftraten, während die Sowjets ihrerseits zur Macht drängten und
    • innerhalb der Sowjets kämpften Menschewiki und Bolschewiki um die Macht.


    Die Bolschewiki konnten als unverbrauchte politische Kraft zwei Totschlagargumente in den politischen Diskurs bringen:


    1. Frieden und
    2. Land für alle Ausgebeuteten.


    Frieden konnten die Bolschewiken versprechen, weil das Reich ihnen in dieser Argumentation half und man den führenden Köpfen, Lenin und Trotzki[6], mehr vertraute als dem wortbrüchigen Kerenski, dessen historische Aufgabe darin bestehen sollte, den Liberalismus in Rußland politisch zu verbrauchen - wozu ihn die taktisch kluge Arbeit der Bolschewiken verbrachte.
    Mit den Argumenten der Bolschewiken korrelierte ihre Forderung nach alleiniger Macht der Räte. Das leuchtete allen ein, denen das Sprichwort von den vielen Köchen, die den Brei verdürben, bekannt war. Macht ist unteilbar. Die Vorbereitung für den bewaffneten Aufstand begann, organisiert von Trotzki, während Lenin seine Bolschewiken auf Kurs brachte und nach der Erringung der Macht in den Sowjets von Petrograd und Moskau, das Signal zum bewaffneten Aufstand gab [7], der am 25. Oktober/7. November 1917 ausbrach.
    Die bolschewistische Propaganda rief die Freiheit der Völker aus, das Selbstbestimmungsrecht, rief einen Frieden frei von Annektion aus, frei von Kontribution und dergleichen imperialem Gehabe mehr. Das klang gut in den Ohren der meisten Menschen. Das Reich konnte sich diesem Ruf nach weltweiter Gerechtigkeit nicht verschließen und ging auf die Friedensvorschläge ein. Es gab einen separaten Friedensschluß zwischen dem Reich und Rußland. Der Frieden von Brest-Litowsk zwang die Russen zur Abtrennung von Gebieten, die mehrheitlich von Nichtrussen bewohnt waren; diese Gebiete wurden dem Reich nicht einverleibt (wie die westliche Propaganda bis heute behauptet), sondern als neutrale Schutzzone für beide Seiten konzipiert - allerdings verlor nur Rußland Territorium - , wobei die politische Zukunft dieser Zone ungewiß war. Den Bolschewiken brachte dieser Frieden den Vorteil, sich jetzt auf die Festigung ihrer Macht konzentrieren zu können und zudem im Reich selbst die Arbeiterklasse in ihrem Sinne zu politisieren. Dem Reich verschaffte er die Möglichkeit, Truppen aus dem Osten in den Westen zu beordern, um dort den Sieg zu erringen.
    Der Frieden hing an der Person Lenins, dessen Friedenswille ehrlich war, nicht aber an dem der Bolschewiken, in deren Kreisen die fata der Weltrevolution (Trotzki) stark vertreten war, anteilig weitaus stärker als die imperialen Phantasien der Alldeutschen auf Reichsseite. Im Frieden von Brest-Litowsk hatten sich jeweils die Minderheiten durchgesetzt und dementsprechend ein ephemeres Werk geschaffen, ein substanzloses, weil es nicht der wirklichen Mehrheits- und Machtverhältnissen entsprach. Der politischen Führung des Reiches muß hier ein Tadel ausgesprochen werden, eben dies nicht erkannt zu haben und sich des Spatzes in der Hand (Landgewinne mit wenig deutscher Bevölkerung) statt der Taube auf dem Dach (dauerhafte Friedenslösung im Osten) zu versichern und diesbezüglich zu handeln.
    So wurde im Frühjahr 1918 ein Korridor von Finnland bis zur Ukraine gezogen. Österreich-Ungarn brauchte diesen Brotfrieden für seine hungernde Bevölkerung, das Reich nicht weniger. Nur das Baltikum wollten die Bolschewiken behalten, aber genau dieses beherbergte die meisten Deutschen, also brachen die Mittelmächte die Verhandlungen ab und besetzten das Baltikum, von den Einwohnern dort jubelnd empfangen. Die Bolschewiken sahen Petrograd (so hieß St. Petersburg zwischen 1914 und 24) bedroht, aber die deutschen Truppen wurden im Westen benötigt und griffen die russische Hauptstadt nicht an. Rußland stimmte unter diesen Umständen den Gebietsforderungen des Reiches zu.

    lenin-trotzki.jpg
    Lenin (1870-1924) und Trotzki (1879-1940)

    Nebengeräusche
    : Polen wollte Gebiete um Cholm (Nordwestrußland), die Ukrainer eine eigene Republik. Beide Völker lebten durcheinander, also nicht in klar definierbaren Siedlungsgebieten. Die Schwierigkeit eines Selbstbestimmungsrechtes der Völker zeigte sich schon in den Anfängen. Jedes Völkchen wollte ein möglichst großes Gebiet zur Staatsgründung, auch gegen Minderheiten, die ihrerseits Selbstbestimmungsrechte geltend machten. Die territorialen Fragen bezüglich Rumäniens faßte der Frieden von Bukarest im Mai 1918. Bulgarien und das Osmanische Reich sahen sich hierin um den Lohn ihrer Mühen gebracht, denn die von beiden geforderte Dobrudscha (Trans-Danubien) blieb bei Rumänien, womit Rumänien Anrainer des Schwarzen Meeres blieb.

    Exkurs: Die Reise im plombierten Waggon (Hans B. v. Sothen)

    Die Russische Oktoberrevolution im Jahre 1917 blieb in Deutschland zunächst ohne größere Wirkung. Rußland – das war für den deutschen Arbeiter weit weg. Und Rußland, das galt dem durchschnittlichen Sozialdemokraten als ein zutiefst rückschrittliches Land, dem sich auch der einfache deutsche Arbeiter überlegen fühlte. Doch das wenige, was seit November 1917 aus dem neuen Rußland herausdrang, klang geheimnisvoll und faszinierend. Erstmals hatte es eine sozialistische Partei, die sich die Revolution – und damit den gewaltsamen Umsturz aller bestehenden Verhältnisse – auf die Fahnen geschrieben hatte, geschafft, in einem Land die Macht zu übernehmen.
    Zwar stand man mit diesem Land noch im Krieg. Doch hatte nicht die kaiserliche deutsche Regierung diesem Lenin, dem Anführer jener Revolution, in einem verschlossenen Wagen die Durchreise aus dem Schweizer Exil durch das Deutsche Reich nach Schweden und Petersburg erlaubt? (Der Revolutionär Radek wird später vom „plombierten Waggon“ erzählen). Die Gründe für Deutschland schienen klar auf der Hand zu liegen. War Lenins Partei doch die einzige russische Gruppierung, die klipp und klar gesagt hatte, daß sie, wenn sie an die Macht käme, sofort in Friedensverhandlungen mit den Mittelmächten eintreten würde. Warum es also nicht einmal mit Lenin versuchen? Selbst wenn er es nicht schaffen sollte, so würde er doch jedenfalls schon allein durch sein einfaches Auftauchen die innere Unruhe in Rußland vergrößern.
    Eine merkwürdige Koalition zur Befreiung Lenins hatte sich da gefunden. Der deutsche Botschafter in Kopenhagen, Graf Brockdorff-Rantzau, eine aristokratische Erscheinung par excellence, hatte sich zusammengetan mit einem etwas mysteriösen russischen Juden aus Odessa, Alexander Helphand, der sich selbst „Parvus“ nannte. Parvus war ein langjähriger Freund des russischen Revolutionärs Trotzki und galt als Erfinder des Begriffs „permanente Revolution“. Er haßte das russische Zarenregime, hatte aber andererseits eine verborgene Schwäche für alles Deutsche. Während des Krieges gab er eine Zeitschrift namens „Die Glocke“ in Kopenhagen heraus, die offen die Sozialisten aller Länder für die gerechte Sache Deutschlands in diesem Krieg einnehmen sollte.
    Parvus war schon vorher auf etwas undurchsichtige Weise zu märchenhaftem Reichtum gelangt. Im Auftrag der Reichsregierung sollte er nun seine Fähigkeiten dazu verwenden, während des Ersten Weltkriegs in Kopenhagen als Geschäftsmann tätig zu werden und vom neutralen Dänemark aus finanzielle Transaktionen vorzunehmen und solche der Alliierten in Skandinavien zu beobachten.
    Wenige Wochen seit seiner Ankunft im Frühling 1915 hatten genügt, da war er schon stolzer Besitzer einer einträglichen Werbefirma in Kopenhagen, die die meisten Litfaßsäulen in der dänischen Hauptstadt kontrollierte. Im Spätsommer des Jahres 1915 gründete er die "Handels- og Eksportkompagniet A/S", ein Import- und Exportgeschäft, das als Tarnorganisation für die Revolutionierung Rußlands gedacht war. Die Verbindungen dieser Firma reichten schon bald von Schweden, England und den Niederlanden bis nach Rußland und den USA. Das Geschäft war auf den Rußlandhandel spezialisiert, in dem es sogar zeitweilig eine gewisse Monopolstellung erreichte.
    Als kaufmännischen Direktor seiner Firma hatte er den Stockholmer Bankier und gebürtigen Polen Jakob Fürstenberg, bekannter unter seinem bolschewistischen Parteinamen "Hanecki", gewonnen. Nicht ganz zufällig war dieser Hanecki wiederum ein enger Vertrauter Lenins, der sich noch immer als Exilant in Zürich aufhielt. Hanecki hatte nach seinen Studienjahren in Berlin, Heidelberg und Zürich sein ganzes Leben der bolschewistischen Partei gewidmet. Er hatte 1912 bis 1914 zusammen mit Lenin in der Nähe von Krakau gelebt, danach taucht er 1914 in Zürich auf, um 1915 im Geschäft von Parvus in Kopenhagen einzusteigen. Seine enge persönliche Bindung zu Lenin machte ihn für Parvus unentbehrlich.
    Im April 1916 teilte Parvus seinen Geschäftsanteil an der Kopenhagener Firma mit einem Berliner Kaufmann namens Georg Sklarz, der seine ausgezeichneten Beziehungen zum deutschen Generalstab mit in das Geschäft einbrachte. Er stand wenigstens seit Beginn der Mobilisierung 1914 im Dienst des Geheimdienstes des Deutschen Admiralstabes Alfred v. Tirpitz’. Auf Anweisung dieser Dienststellen trat er 1916 in das Geschäft von Parvus ein. Zwei seiner Brüder, Waldemar und Heinrich Sklarz, arbeiteten ebenfalls für deutsche Interessen in Skandinavien: Waldemar als Parvus’ Sekretär in Stockholm und Heinrich, der Ende 1915 im Auftrag des deutschen Generalstabs nach Kopenhagen entsandt worden war, beobachtete im Auftrag der Wirtschaftsspionage den Einfluß der Entente auf das dänische Wirtschaftsleben.
    In eigenartigem Gegensatz zu seinem geschäftlichen Engagement steht Parvus’ Tätigkeit als Herausgeber der Zeitschrift "Glocke". Diese setzte sich für Deutschland und einen revolutionären Umsturz in Rußland ein. Doch der Zusammenhang zu Deutschland war zu offensichtlich, als daß dieses Organ dauerhaft eine übergreifende Wirkung hätte haben können. Immerhin fand sie international Beachtung. Rosa Luxemburg etwa fand einige der Thesen diskussionswürdig. Lenin in Zürich allerdings nannte im November 1915 die Zeitung des „Herrn Parvus“ „rundum eine Kloake des deutschen Chauvinismus“. Natürlich waren ihm die Verbindungen Parvus’ zu deutschen Regierungsstellen nicht verborgen geblieben. Er selbst hatte ja davon profitiert.
    Doch war Parvus durchaus nicht lediglich ein Befehlsempfänger. Durch seine häufigeren Besprechungen mit dem deutschen Botschafter in Kopenhagen, Graf Brockdorff-Rantzau, flossen seine Überlegungen auch in die deutsche Regierungspolitik ein. Ein wichtiges Gespräch der beiden über Rußland fand am 7. September 1915 statt. Parvus versicherte Rantzau, daß die Gärung in Rußland, „und zwar auch in der Armee“, soweit fortgeschritten sei, „daß sie zur Katastrophe führen muß“. Sollte Deutschland in der Lage sein, seine militärische Position an der russischen Front zu halten, so werde seiner Meinung nach die Entwicklung „von selbst zur offenen Revolution treiben“. In einem freilich irrte Parvus. Er setzte den Termin der Revolution Ende Januar 1916 an. Sie sollte erst ein gutes Jahr später stattfinden. In Berlin hatte man verstanden.
    So sollte nun zunächst Parvus als Mittelsmann der deutschen Regierung diesen merkwürdigen Lenin in Zürich finanziell unterstützen – mit deutschem Geld selbstredend. Und dieser sollte damit gefälligst in Rußland eine Revolution anzetteln und, wie er versprochen hatte, umgehend mit den Deutschen einen Sonderfrieden aushandeln. So ungefähr hatte man sich das in Berlin vorgestellt. An die Konsequenzen, die eine Revolution Lenins über kurz oder lang auch in Deutschland haben könnte, hatte man nicht gedacht.
    Lenin wiederum roch den Braten. Zwar brauchte er wie immer Geld. Aber keins, das ihn so offen diskreditiert hätte. So schaltete er seinen alten Freund Hanecki in Stockholm dazwischen. Namhafte Geldbeträge von der deutschen Reichsregierung gingen nun vom Berliner Auswärtigen Amt an Brockdorff-Rantzau; der holsteinische Aristokrat leitete es weiter an Parvus in Kopenhagen. Von dort an Hanecki in Stockholm – und von diesem schließlich an Lenin. So konnte Lenin jederzeit nach außen den Schein wahren, er habe nichts von der Herkunft des Geldes gewußt.
    Nur wenige Leute im Ausland kannten diesen Lenin überhaupt oder wußten genau, was er wollte. Auf internationalen sozialistischen Treffen spielte die Richtung Lenins kaum eine Rolle. Zu übermächtig waren vor Ausbruch des Weltkrieges Persönlichkeiten wie August Bebel oder Jean Jaurès gewesen. Vielleicht hielt man Lenin für radikal und auch etwas absonderlich, für bedeutend hielt man ihn nicht.
    Das sollte sich schlagartig ändern, als es den russischen Bolschewisten unter Lenin schließlich im zweiten Anlauf am 8. November 1917 westlicher Zeitrechnung gelang, die Macht in Rußland durch einen Putsch an sich zu reißen. Man hatte über diesen Lenin und seine etwas krausen Ideen gelächelt. Jetzt stand er an der Spitze der ersten erfolgreichen kommunistischen Revolution. Jetzt lächelte niemand mehr.
    Deutschland schloß tatsächlich einen Separatfrieden mit Rußland ab. Das hätte vielleicht im Ersten Weltkrieg die entscheidende militärische und politische Wende zugunsten Deutschlands und der Mittelmächte herbeiführen können, wenn nicht einige Monate zuvor, am 6. April 1917, die Vereinigten Staaten von Amerika auf seiten der Alliierten in den Krieg gegen die Mittelmächte eingetreten wären.
    Trotzdem: der Separatfrieden mit der Sowjetunion brachte Deutschland einen ungeheuren strategischen Vorteil. Der Zweifrontenkrieg war beendet. Aber Lenin war noch nicht fertig. Er wollte die Revolution nicht nur in Rußland, sondern er wollte die Weltrevolution. Deutschland galt ihm als das fortgeschrittenste Land. Brach dort die Revolution aus, dann mußte die Umwälzung in allen anderen Ländern unweigerlich folgen. Und daß sich die Welt in einem Krieg befand – das begriff Lenin –, konnte einer solchen Entwicklung nur förderlich sein.
    Es war Lenin, der bereits kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs in seiner Schrift „Sozialismus und Krieg“ offen eine Politik des Defätismus propagierte: „Die Sozialisten müssen den Massen klar machen, daß es für sie kein Heil ohne die revolutionäre Niederwerfung der ,eigenen‘ Regierungen gibt und daß ihre Kriegsverlegenheiten eben zu diesem Zwecke ausgenützt werden müssen.“ Im Klartext: Revolutionäre Sozialisten müssen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die ein langer Krieg mit sich bringt, stets dazu ausnützen, im jeweils eigenen Land eine Revolution gegen die eigene Regierung anzuzetteln.
    Die deutsche Sozialdemokratie hatte mit einer solchen Denkweise so ihre Schwierigkeiten. Schließlich waren sie nicht wie die russischen Sozialisten in Untergrund und Illegalität verbannt, sondern saßen seit Jahrzehnten als inzwischen recht reputierliche Partei im Reichstag. Ja, man war vor dem Krieg sogar stärkste Parlamentsfraktion geworden. Man war vom Organisationsgrad her die stärkste sozialistische Partei der Welt. Das gab innere Kraft und Selbstvertrauen.
    Die russischen Sozialisten dagegen waren schwach, verfolgt und dazu auch noch tief gespalten. Lenins Defätismus sprach dort vielen aus der Seele. Das war in Deutschland anders. Die SPD hatte am 4. August 1914 im Reichstag fast einstimmig für die Kriegskredite gestimmt. Pazifisten oder solche Leute, die ihre Waffen lieber gegen die Machtelite im eigenen Land gerichtet hätten, wie Karl Marx dies wollte, gab es in Deutschland zu Beginn des Krieges kaum. Das war auch in Frankreich oder England nicht anders. Die Sozialisten, die noch wenige Wochen vor dem Ausbruch des Weltkrieges flammende Friedensappelle an die ganze Welt gerichtet hatten, reihten sich nun in ihre nationalen Armeen ein, um, wie sie alle meinten, der gerechten Sache ihres jeweils eigenen Volkes zu dienen.
    Lenin hatte für diesen Gesinnungsschwenk der europäischen Sozialisten nur tiefe Verachtung übrig. Er wollte keinen nationalen Krieg, er wollte aber auch keinen Pazifismus – er wollte Klassenkampf und Revolution. Hatte nicht bereits Friedrich Engels gesagt, daß die Revolution nicht mit friedlichen Mitteln erreicht werden könne, sondern die gewaltsamste Sache der Welt sei? Lenin machte ernst damit.
    In den ersten Wochen nach ihrer Machtergreifung lagen die Bolschewisten noch wirtschaftlich und militärisch am Boden. Doch die Siegesgewißheit der Gruppe um Lenin, Trotzki und Sinowjew war so groß, daß sie damit rechnete, daß an jedem Tag in den Ländern West- und Mitteleuropas und in den USA die Weltrevolution ausbräche. Und in der Tat: War nicht der Berliner Generalstreik in den Tagen vom Januar zum Februar 1918 ein sicheres Indiz dafür, daß es mit den „alten“ Staaten rapide bergab ging?


    Aufgaben:


    1. Weise Gemeinsamkeiten der Revolutionen von 1905, 1917 (I) und 1917 (II) nach! (II)
    2. Charakterisiere Kerenski, Lenin und Trotzki! (I)
    3. Inwiefern war die Politik der Bolschewiken verlogen? (III)
    4. Erörtere ff. These: „Rußland war reif für eine bolschewikische Revolution!“ (III)
    5. Vermute Gründe für die Unterstützung der bolschewikischen Revolution seitens des Reiches! (II)


    [1] Kerenski arbeitete als einziger Sozialrevolutionär innerhalb der Regierung Lwow mit, die ihn aufgrund seiner Reputation bei der Arbeiterschaft berufen hatte; er besaß zudem das Mandat des Petrograder Sowjets, fungierte also als Scharnier zwischen Rätemacht und Provisorischer Regierung.

    [2] Damit brach Kerenski sein Wort und ebnete den Bolschewiken den Weg, die uneingeschränkt für den sofortigen Frieden auftraten. Kerenski hatte am 15. Februar 1917 in der Duma erklärt: „Wir erkennen an, daß im gegenwärtigen Augenblick, nach drei Jahren Krieg, der Augenblick gekommen ist, für die Vorbereitung des öffentlichen Bewußtseins auf die Liquidierung dieses europäischen Konflikts. Und wir meinen, daß dieser Konflikt liquidiert werden muß auf der Grundlage des Rechts aller Nationalitäten auf Selbstbestimmung.“ Kerenskis Machtantritt, mit Britanniens und Frankreichs Hilfe gewonnen, setzte den Krieg uneingeschränkt fort.

    [3] Eine Wahl zur Konstituierenden Versammlung sollte das Provisorium beenden und zu stabilen inneren Verhältnissen führen; allerdings wurde der Wahltermin (auch im Sinne der Bolschewiki, die bei Wahlen keine Mehrheit erwarten durften) von der Provisorischen Regierung, die um ihre Macht fürchtete, mehrmals verschoben.

    [4] „Die Provisorische Regierung hat keine wirkliche Streitmacht zu ihrer Verfügung und ihre Anweisungen werden nur in dem Maße ausgeführt, wie es der [jeweilige] Sowjet zuläßt, der die wichtigsten Elemente der wirklichen Macht, Truppen, Eisenbahnen, Post- und Telegraphenverbindung, auf seiner Seite hat.“ (William H. Chamberlin: Die russische Revolution. 1917-21. 1958. S. 403.) „In Petrograd unterdrückte der Arbeiter- und Soldatenrat die gegenrevolutionäre Presse und begann, ein eigenes Nachrichtenblatt, die ‚Iswestija‘, herauszugeben. Er publizierte darin den ‚Befehl Nr. 1‘, worin angeordnet wurde, daß in allen Truppeneinheiten Komitees von und aus Mannschaften zu wählen seien; daß den Befehlen der militärischen Kommission der Duma nur zu gehorchen sei, sofern die zu den Befehlen und Beschlüssen des Arbeiter- und Soldatenrates nicht in Widerspruch stehen; daß den Offizieren die Verfügung über die Waffen zu entziehen sei; daß den Soldaten außerhalb des Dienstes alle Rechte zustehen sollten, welche die übrigen Bürger genießen; daß der militärische Gruß außerhalb des Dienstes abzuschaffen sei; daß den Offizieren fortan verboten sei, die Soldaten zu duzen.“ (Valentin Gitermann: Die Russische Revolution. In: Weltgeschichte, Band 9. S. 138. Berlin 1964.)

    [5] Ironie der Geschichte: Mit seiner Behauptung im Aufruf an die Russen vom 27. August 1917, daß die Bolschewiken mit den Deutschen zusammenarbeiteten, hatte Kornilow recht. Allerdings war den Bolschewiki nicht am Untergang Rußlands gelegen, sondern nur an dem des Zarenreiches. Auf seinen Trümmern wollten sie die Diktatur des Proletariats errichten. Etwas übereilt schlugen sie bereits im Juli 1917 in Petrograd los, wurden aber von bürgerlichen Kräften niedergerungen. Lenin floh nach Finnland und hauste bis zu seiner Rückkehr im Oktober in einer Waldhütte. Die Niederschlagung der Bolschewiki im Juli stärkte die antibolschewistischen Kräfte, u.a. Kornilow - ein retardierendes Zwischenspiel. Mit dem VI. Parteitag (26. Juli/8.August 1917) straffte die Bolschewiki ihre Strukturen, nahm die Meschrajonzi (Trotzki) in ihre Reihen auf und beschloß die Nationalisierung der Banken, der Produktion und Warenverteilung für den Fall ihrer Machtergreifung.

    [6] Lenin traf im April 1917 in Rußland ein, analysierte die Lage und formulierte einen Plan fürs weitere Vorgehen, die Aprilthesen. Trotzki kam im Mai aus einem britischen Konzentrationslager in Kanada, wo er mit deutschen Matrosen inhaftiert worden war, im Gepäck etliche Millionen in Gold, die er von jüdischen Bankhäusern erhalten hatte, um Rußland aus dem Krieg zu nehmen und zugleich für die mit diesen Bankhäusern verbundene Industrie Milliardengeschäfte (u.a. Elektrifizierung Rußlands) anzubahnen.

    [7] „Nachdem jetzt die Bolschewiki in beiden hauptstädtischen [Moskau und Petrograd] Arbeiter- und Soldatendeputiertenräten [Sowjets] die Mehrheit erhalten haben, können und müssen sie die Staatsmacht in die Hände nehmen. [..] Die Geschichte wird uns nicht verzeihen, wenn wir die Macht jetzt nicht ergreifen [und erst Wahlen abwarten, die die gefühlten Mehrheitsverhältnisse auch in Zahlen ausdrücken].“ (Lenin in einem Brief an die RSDAP, Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei, vom 12./25.9.1917) - Die Organisation des Aufstandes gegen die Provisorische Regierung, die im Sturm auf das Winterpalais (Sitz der Regierung) am 7.11.1917 gipfelte, übernahm der Vorsitzende des Petrograder Sowjets, Trotzki.

    [8] Text über Alexander Helphand, dessen Memorandum eine Million wert gewesen sein soll. (Das gleiche hatte der russische Staatsrat Durnowo in einem Memorandum aus dem Februar 1914 seinem Zaren mitgeteilt, daß ein siegreicher Krieg benötigt werde, andernfalls, oder bei einem verlorenen Krieg, „wird die soziale Revolution mit ihren extremsten Aspekten bei uns nicht zu verhindern sein“.)
    Der Fehler des Textes liegt darin, daß es kein deutsches Geld war, mit dem Lenin ausgestattet wurde, sondern jüdisches. 6 Millionen von Warburg, Chef der Federal Reserve Board. Er hatte einen Bruder in der OHL, was diesbezügliche Fehler in der Überlieferung erklärt, der das dann mit Hilfe Helphands vermittelte. 20 Millionen gab es von einem der Morgan-Bank nahestehenden Konsortium, das Trotzki von Jakob Schiff, USA, erhielt.
    zweite wichtige Information: 1913 unterzeichneten Rußland, Britannien und Frankreich während der Vertragsverhandlungen zum Balkankrieg von 1912 in London ein Geheimabkommen über die Aufteilung Deutschlands, Österreich-Ungarns und der Türkei für die Zeit nach dem nächsten Krieg. Das Abkommen wurde 1917 ratifiziert, nachdem Kerenski (mit vornehmlich englischem Geld) in Rußland den kriegsmüden Zaren abgelöst hatte. Kerenski ratifizierte das Geheimabkommen, was wiederum die Amerikaner ins Spiel brachte, die Angst um ihre künftigen Geschäfte hatten und Lenin in Rußland stabilisierten, woran die Deutschen auch Interesse hatten, was dann zur zweiten Revolution in Rußland führte, den Deutschen den Ost-Frieden brachte, General Electric aber einen gigantischen Auftrag (1927) über 600 Millionen Dollar (27 Mrd. €) zwecks Bereitstellung von Elektrowaren (Kabel, Schächte...) zur Elektrifizierung der Sowjetunion, die diesen mit dem Gold der russischen Zarenfamilie bezahlte, die zuvor umgebracht worden war. Da hatte sich der Einsatz des Geldes von 1917 schon mit 3000% Gewinn amortisiert.



  2. #2
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    AW: Rußland 1917/18

    Ordnerpflege zum 100. Jahrestag eines weltgeschichtlichen Ereignisses...
    zitat von ntv:

    Still sein, das konnte Lenin nicht. Selbst im Schlaf fluchte er über seine politischen Gegner, drohte ihnen, agitierte. Eine unangenehme Gewohnheit, machte sie doch seinen nächsten Plan zunichte, wie er endlich nach Russland gelangen könnte, in seine Heimat, wo Anfang dieses Jahres 1917 der Zar gestürzt worden war. Wladimir Iljitsch Uljanow, 46 Jahre alt, Vorsitzender der russischen bolschewistischen Partei, saß 2000 Kilometer und eine Kriegsfront entfernt im Exil in Zürich. Ein Berufsrevolutionär am falschen Ort.
    Ein Schweizer Dokument aus dem Jahr 1917.(Foto: AP)
    In seiner Verzweiflung spielte er mit dem Gedanken, sich mit einem falschen Pass als taubstummer Schwede auszugeben. Seine Frau Nadeschda Krupskaja, wie immer umsichtig vorausdenkend, winkte ab. Er würde sich an seinen russischen Schimpftiraden im Schlaf verraten und Russland nie erreichen. Oder nur in Ketten. Selbst das schien ihrem Mann aber schon egal zu sein: "Wir müssen irgendwie aufbrechen, und wenn es durch die Hölle ist", schrieb er einem Genossen in Schweden. Und in so einer Situation bleibt nur eine Möglichkeit: Ein Pakt mit dem Teufel - dem deutschen Kaiser. Es sollte ein schicksalhaftes Bündnis werden, das den Lauf der Weltgeschichte entscheidend veränderte. Ohne diese Zugfahrt im April hätte es wohl keine Oktoberrevolution gegeben, und die Geschichte des 20. Jahrhunderts wäre ganz anders verlaufen.
    Ein windiger Mann mit einem Plan

    Die deutsche Führung hatte schon seit Weihnachten 1914 immer wieder über Bande versucht, dem russischen Zaren Friedenssignale zu senden. Der Zweifrontenkrieg in Frankreich einerseits und Ostpreußen andererseits überforderten die Kräfte der Armee, der Stellungskrieg machte schnelle Erfolge unwahrscheinlich. Die Strategen der Obersten Heeresleitung liebäugelten mit einem Ende des Krieges gegen Russland, um die freigewordenen Kräfte an die Westfront zu schicken. Weil alle Avancen an den Zarenhof versandeten, unterstützte das Auswärtige Amt Separatistengruppen, die das riesige russische Reich zersetzen sollten – finnische Freischärler, estnische Nationalisten, turkmenische Dschihadisten.
    Im März 1915 stellte sich ein massiger Geschäftsmann namens Helphand vor, damals unter Sozialdemokraten besser bekannt als Alexander Parvus. Er unterbreitete den Beamten einen Plan für einen Massenaufstand in Russland. In der Wilhelmstraße erregten seine Verbindungen in die Sozialdemokratie größten Argwohn, aber seine Idee überzeugte sie. Das Reichsschatzamt stellte dem windigen Anzug-Revoluzzer zwei Millionen Reichsmark zur Verfügung, zur "Unterstützung der russischen revolutionären Propaganda". Parvus mietete sich kurz darauf im noblen Züricher Hotel Baur au Lac ein, um Lenin zu treffen, der wie tausende Russen in dieser Zeit im Schweizer Exil lebte - unter armseligen Bedingungen, als Untermieter bei einem Schuhmacher. Krupskaja erinnerte sich, dass sie nur nachts das Zimmer lüften konnte, weil der Gestank einer nahen Wurstfabrik tagsüber Kopfschmerzen verursachte.
    Ein gefährlicher Pakt

    Der Plan des deutschen Kaisers geht nicht auf.(Foto: ASSOCIATED PRESS)
    Lenin hasste Parvus, wie er so viele Linke hasste, die er für Abweichler von der richtigen Linie hielt. Und Lenins richtige Linie war außerordentlich schmal. Er war ein Radikaler unter Radikalen. Während in St. Petersburg die Februarrevolution die alte Welt des Zaren hinweggefegt hatte, verlangte er nicht etwa eine Konsolidierung auf einen demokratischen Kurs, sondern die Umwandlung des Krieges in einen revolutionären Bürgerkrieg. Eine Idee, die seine eigene Frau zu der Bemerkung veranlasste, Lenin sei wohl "leider verrückt geworden". Doch sie und der getreue Haufen der Bolschewiki wollten nach Russland zurück. Und Parvus war der Mann, der die Reise durch Deutschland einfädelte und sich gleichzeitig wieder fünf Millionen Reichsmark zusätzlich sicherte. Ob und wie genau das Geld tatsächlich in die Kassen der Bolschewiki floss, wurde nie zweifelsfrei bewiesen. Die Indizien lassen aber den Schluss zu: Die gute Qualität der legendären Parteizeitung "Prawda" verdankt sich deutschem Gold.
    Jedenfalls willigten die Beamten des Kaisers trotz ihrer Abscheu vor Revolutionären wie Lenin in den Deal ein, "da wir Interesse daran haben, daß Einfluss des radikalen Flügel der Revolutionäre in Rußland Oberhand gewinnt", wie ein Staatssekretär vermerkte. Nur Lenin zögerte. Die ersten Annäherungsversuche deutscher Mittelsmänner wies er brüsk zurück. Zwar war der Zar gestürzt, doch die Provisorische Regierung führte den Krieg gegen das Deutsch Reich weiter. Nahm Lenin die Hilfe des Kaisers an, war er ein ausländischer Agent, ein Verräter. Letztlich folgte er aber doch einer Devise, die der junge Karl Marx einmal so beschrieben hatte: "In der Politik kann man mit dem Teufel paktieren. Aber man muss sich sicher sein, dass man selber den Teufel austrickst, und nicht andersherum." Der Bolschewistenführer stellte also Bedingungen, die wichtigste: Der Waggon gilt als exterritoriales Gebiet.
    Revolutionäre Disziplin im Zug

    Am Morgen des 9. April fand sich die Reisegesellschaft mit rund 30 Männern, Frauen und Kindern auf dem Züricher Bahnhof ein, unter wüsten Beschimpfungen von russischen Exilanten. Schweizer Sozialisten hatten Geld für die Tickets bis an die deutsche Grenze in Gottmadingen gesammelt, von dort sollte es über Stuttgart, Frankfurt und Berlin bis Sassnitz gehen. Der berühmte plombierte Waggon der Großherzoglich Badischen Staatseisenbahnen, in dem Lenin und seine Reisegefährten Richtung St. Petersburg zuckelten, war vieles: ungemütlich, muffig, laut. Eines war er nicht: plombiert. Tatsächlich wurden nur drei von vier Türen verschlossen, gelegentlich durften die Reisenden bei Stopps kleine Spaziergänge machen. Natürlich hatten die Deutschen zwei Begleiter abgestellt, doch eine Kreidelinie vor ihrem Abteil markierte das exterritoriale Gebiet.
    Lenin hatte sich einen einfachen Holzwaggon ausbedungen, mit Holzbänken und nur drei Abteilen der Zweiten Klasse. Eines davon belegte Lenin mit seiner Frau, im Abteil dahinter reiste seine ehemalige Geliebte Inessa Armand, die von Lenin immer noch mit wichtigen Aufgaben betraut wurde. Den Russen stand nur eine Toilette zur Verfügung, die ständig von Rauchern blockiert wurde, da Lenin das Rauchen auf dem Flur verboten hatte. Der Parteiführer regelte das Problem höchstselbst: Er verteilte Wartescheine. Außerdem erklärte er die Einhaltung der Nachtruhe zur revolutionären Pflicht - es nervte ihn gewaltig, dass einige Genossen ständig die Marseillaise schmetterten, angeheitert durch das Bier, das die deutschen Begleiter in Singen verteilt hatten.
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