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Thema: Die Ängste des A.C. Hartmann

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
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    Post Die Ängste des A.C. Hartmann

    Der Maler A.C. Hartmann hatte nur ein Thema: Er malte die Angst. Er porträtierte sie in allen nur erdenklichen Gestalten, malte sie konkret und abstrakt, in Öl und Aquarell, und er zeichnete sie in Kohle, wenn er auf der Suche nach neuen, nie vorgestellten Posen war. Eines Tages malte er ein Aktbild von ihr, das nannte er "Nackte Angst".
    Das ist sein Meisterwerk, sagten die Leute, denn in ihrer Nacktheit zeigte sich die Angst so vielgestaltig, daß jeder - aber auch jeder! - sich selbst darin erkennen konnte. Einige Kritiker nörgelten allerdings, daß ihm kein originellerer Titel eingefallen wäre. Der Titel ist egal, erwiderte Hartmann, es geht nur um die Angst.
    Tags darauf starb er. Man suchte in seinem Nachlaß, doch die "Nackte Angst" blieb unauffindbar. Irgendwie mußte es ihm gelungen sein, sie mitzunehmen.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Die Ängste des A.C. Hartmann

    Das hat diesen trocknen Humor, der mir behagt. Prima. Aber was machen wir jetzt damit? Gib eine Richtung an, die Du mit diesem Text verfolgst, ein Interesse, ein Thema, dem wir uns stellen sollen. Oh, nicht so apodiktisch gesagt, daß alles gesagt sei: Angst. ist mir zu abstrakt. Ist es die Angst des Elfmeterschützen, die Angst des Tormanns, die des Schiedsrichters, des Kanzlers, des Dichters, des Schmetterlings, des Windes...


    Verve. Ich glaub aber nicht, daß Du mit diesem Schluß zufrieden sein kannst. Das darfst Du nicht sagen, aber mitgeteilt werden sollte es schon. Und dieser Gedanke bringt mich auf das Wesen der Miniatur: Wo sind ihre formalen Grenzen? der apodiktische Schluß, dieses Epitaph des Letzten, stößt an die Grenzen des Erträglichen, der Aufnahmebereitschaft des Lesers: Will der Leser belehrt oder informiert sein; nein! Er will unterhalten und angesprochen sein. Die Miniatur darf also nur andeuten, um einen Stein ins Rollen zu bringen. Du müßtest den Schluß kryptischer machen. Was weiß ich: Auf seiner Stirn waren noch kleine kalte Perlen zu sehen, als man ihn zu Grabe trug.

    Gib mal ein bißchen Holz, Vincent!

  3. #3
    Ulf
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    AW: Die Ängste des A.C. Hartmann

    Ja, Vincent, durchaus gelungen! Am Schluß störe ich mich gar nicht so sehr.


    Robert: Den Schluß kryptischer machen... Das ist ein schmaler Grat. Es ist eben schwer, das richtige Maß der Verschlüsselung zu treffen. Bleibt man zu vage, läuft man Gefahr, nicht verstanden zu werden. Wird man konkret, nimmt man dem Leser das Vergnügen, sich selbst den Kopf zu zerbrechen.
    Meine Erfahrung: Ist der Schluß nur ein klein wenig rätselhaft, ärgere ich mich über den Autor. Ich unterstelle ihm nämlich, daß er das nicht besser hinbekommen hat. Ist der Schluß nur zu verstehen, wenn man um ein paar Ecken denkt, ärgere ich mich auch. Könnte ja sein, daß ich irgendwo falsch abgebogen bin...


    Tja, Vincent... mit einem genialen Schluß könntest Du aus diesem Text also echt noch was rausholen. Mußt Du wissen...


    Gruß, ein Fan

  4. #4
    rodbertus
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    AW: Die Ängste des A.C. Hartmann

    Es ist eine crux mit dem Schluß kurzer Texte: Ja, man könnte meinen, daß ein kurzer Text eben keine Verschlüsselung, keine übermäßige, gebrauchen kann, dagegen aber steht, daß ein Kurztext sowieso nur andeuten kann, also dem Prinzip nach verschlüsselt ist bzw. nur andeutet, wo's dem Romancier in den Fingern juckt, er quasi unbefriedigt die Schlachtstätte der Phantasie verlassen muß, um sich in einem Tausendseitenwerk Labe zu verschaffen.
    Wenn aber ein kurzer Text das sowieso schon reduzierte Problem mitsamt seiner Lösung dem Leser zum Fraße vorwirft - wie hier geschehen -, dann fühle ich mich ein bissel desavouiert.

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die Ängste des A.C. Hartmann

    manches verliert seinen zauber, wenn man es beim namen nennt. nur der maler ist in der lage, das unaussprechbare greifbar zu machen. musik kann es begreifbar machen, aber nicht greifbar. ist ein armes ding, die sprache!

  6. #6
    Ulf
    Laufkundschaft

    AW: Die Ängste des A.C. Hartmann

    du hast ja recht, Robert. sehe ich ein. wo könnte ich Deiner meinung nach mal nachschauen, um ein paar beispiele für richtig gute miniaturen zu finden? dieses genre hat mich bis jetzt nicht besonders interessiert, aber zur zeit tendiere ich ein wenig zum rätselhaften. im moment arbeite ich zum beispiel an einem ähnlichen text. wenn ich den ins forum stelle, ist es wohl mit der narrenfreiheit des nichtregistrierten vorbei, was?


    bigvogel, das sind wirklich wahre worte! meine beziehung zur malerei ist zwar nicht besonders innig, aber was die musik angeht, kann ich Dir folgen. ich weiß nicht, ob Du die band TOOL kennst. nach dem hören dieser musik habe immer ich das gefühl, etwas begriffen zu haben. ich weiß nur nicht genau, was. diffuse erleuchtung nenne ich das.


    ulf (hat auch drei buchstaben, gell Robert?)

  7. #7
    rodbertus
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    AW: Die Ängste des A.C. Hartmann

    Narrenfreiheit haben wir hier alle. Freiheit des Närrischen. Die gehört zu den Regeln, die Maßvorzueglichkeit des Närrischen. Glaubst nicht langsam auch, daß nicht mit dem Holzhammer, sondern mit dem Herzen hier gemessen wird?, ist Dir nicht aufgefallen, daß all die Frager, die hier komische Anfragen stellen, nur mit dem Holzhammer philosophieren, nur in ihrer Briefmarkensammlung zu Hause sind, aber nicht in der Erfassung der Welt fragen, Fragen zu stellen imstande? Denn das ist die Not des Daseins, daß es immer auch die Regel hinterwirft und sich im gemeinsam erlittnen und somit geteilten Herzensleid ein Stelldichein gibt...


    Also, nur zu, stell Deinen Text hier herein, wenn er denn ehrlich ist. Aber ich will es gern glauben, daß er's ist, denn allzuoft hab ich mich da nicht geirrt.

  8. #8
    Ulf
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    AW: Die Ängste des A.C. Hartmann

    wie gesagt, mein text ist noch nicht fertig. hier (als kleine aussicht auf meine art zu schreiben und zu denken) ein gedanke, der mich heute beschäftigte. mit einem augenzwinkern tue ich kund:


    ***


    Als ich neulich Kafka las, kam ich zu dem Schluß, daß aufgrund der Tatsache, daß jeder schnell bedient sein will, keiner sich mehr für etwas Zeit nimmt, was ihm nicht in seiner eigenen Sache zugute kommt und nichts zur Kenntnis genommen wird, was nicht schockierend, grell und bunt oder vollkommen neu ist, folgende drei Dinge, und das sehr zu meinem Bedauern, für aufstrebende Autoren, wobei ich mich nicht unbedingt als einen solchen bezeichnen würde, immer wichtiger werden, nämlich: sich kurz zu fassen, seine Gedanken für sich zu behalten und vor allem einen gänzlich eigenen Stil zu entwickeln!


    ***


    ulf

  9. #9
    Kurzvormabschussiger
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    Post AW: Die Ängste des A.C. Hartmann

    Ooohh! War ich so lange nicht hier?
    Danke für Eure Kritiken, die haben ja eine klare Richtung. Und ich muß sagen: Da ist was dran - der Schluß sagt es allzu eindeutig. Wenn ich Eure Diskussion auswerte, komme ich zu dem Ergebnis, daß das Ende einer Miniatur zwar auf irgendeine Weise offen sein sollte, aber dabei nicht mißverständlich, sondern auf eine faßbare Weise mehrdeutig. Das bringt mich auf die Idee, den Schluß zwar ändern zu wollen, aber nicht so, daß einfach das gleiche kryptischer gesagt wird, sondern z.B. so:




    Die Ängste des A.C. Hartmann


    Der Maler A.C. Hartmann hatte nur ein Thema: Er malte die Angst. Er portraitierte sie in allen nur erdenklichen Gestalten, malte sie konkret und abstrakt, in Öl und Aquarell, und er zeichnete sie in Kohle, wenn er auf der Suche nach neuen, nie vorgestellten Posen war. Eines Tages malte er ein Aktbild von ihr, das nannte er "Nackte Angst".
    Das ist sein Meisterwerk, sagten die Leute, denn in ihrer Nacktheit zeigte sich die Angst so vielgestaltig, daß jeder - aber auch jeder! - sich selbst darin erkennen konnte. Einige Kritiker nörgelten allerdings, weil ihm kein originellerer Titel eingefallen wäre. Der Titel spielt keine Rolle, erwiderte Hartmann, es geht nur um die Angst.
    Bald darauf starb er. Man suchte in seinem Nachlaß, doch die "Nackte Angst" blieb unauffindbar. Irgendwie mußte es ihm gelungen sein, sie mitzunehmen. Auf die Frage, wohin und warum, wurden nur wenige kluge Antworten bekannt.




    Gefällt es Euch so besser?


    Vincent

  10. #10
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Die Ängste des A.C. Hartmann

    Hallo Vincent!


    Dein Text gefällt mir. Die erste Version würde ich der zweiten sogar vorziehen. Jedoch nur als Ausgangspunkt sozusagen. Was den Schluß angeht: ich habe auch keine bessere Idee, aber es muß ja wohl noch eine zu finden sein!


    Ulf: Daß Du Tool kennst, freut mich ungemein. Ich kenne nur sehr wenige, auf die das zutrifft. Dein augenzwinkernder Monstersatz hat was. Lustig, daß die Machart völlig dem Inhalt widerspricht, obwohl ich diese Ansichten über "aufstrebende Autoren" nicht unbedingt teile.




    TRB

  11. #11
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    AW: Die Ängste des A.C. Hartmann

    Danke, Thomas R. - über den Schluß denke ich weiter nach.
    Übrigens: Wer ist selbst Schuld, wenn er sich womit rumquält?


    Vincent

  12. #12
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    AW: Die Ängste des A.C. Hartmann

    Ulf ist selbst schuld, wenn er sich mit Kafka rumquält.


    Ich persönlich bin nämlich der Meinung, daß Max Brod uns allen sehr viel Leid erspart hätte, hätte er doch nur Kafkas letzten Willen befolgt.


    (über die Interpretationsmöglichkeiten dieses Satzes habe ich ausführlichst nachgedacht und lasse ihn deshalb so stehen)

  13. #13
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die Ängste des A.C. Hartmann

    manchmal sprechen texte selbst an - ohne es zu beabsichtigen - , woran es hapert.


    in diesem fall sagt es (mir) dieses wort "pose". der maler sucht nach allen erdenklichen posen für sein thema. besser wäre es wohl, er suchte nach der (seiner) angst und ihren (seinen) ausdrucksmöglichkeiten.


    selbiges lässt sich über den text sagen. der text sucht (nur) nach einer pose, meint hier: hülle.


    so liest er sich zumindest für mich.


    a.

  14. #14
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die Ängste des A.C. Hartmann

    nimm meine bedenken wenigstens zur kenntnis, wenn du deinen satz stehen läßt, thomas!


    big

  15. #15
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Die Ängste des A.C. Hartmann

    Lieber Thomas R.,
    ich habe vielleicht nicht so viel darüber nachgedacht wie Du nach eigenem Bekenntnis, doch ebenso wie bigvogel bin ich nicht überzeugt, daß dem Werk von Kafka mit Deiner Bemerkung Genüge getan ist.


    andrea, ich danke Dir sehr für Deinen Kommentar; denn obwohl er nicht sehr positiv war, hast Du Dich mit der Geschichte auf eine (für mich) konstruktive Weise beschäftigt. Du hast dabei indirekt einen Punkt angesprochen, auf den es mir ankommt: Wenn ich die Geschichte lese - d.h. sie als Leser betrachte, und nicht als Autor - dann komme ich ebenfalls zu dem Ergebnis, daß es sich nicht um eine tief empfundene Geschichte handelt, sondern mehr um eine Spielerei mit einer bestimmten Idee. Der Maler sagt zwar, es ginge nur um die Angst, aber das sagt er über seine Bilder, die wir nicht sehen können, nicht über die Geschichte, die wir lesen. An der Geschichte ist nichts Ängstliches, auf keiner Ebene, soweit ich sehen kann. In ihr geht es also nicht wirklich um die Angst, sondern um das Spiel mit der Idee, Angst (nackt) zu malen. Und ich vermute mal, daß diejenigen hier, die gesagt haben, daß ihnen die Geschichte gefällt, damit auch nicht sagen wollten, daß es große Literatur sei (oder tief empfundene), sondern daß sie einfach diejenigen Leute sind, die sich auf das Spiel einlassen konnten. Mir reicht das in diesem Fall aus, meinetwegen muß nicht alles runter bis in die Socken gehen. Ich muß es mir gefallen lassen, wenn Du sagst, daß die Geschichte ihr Thema nicht ernst nimmt - stimmt!


    Vincent

  16. #16
    rodbertus
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    AW: Die Ängste des A.C. Hartmann

    Ich gebe zu bedenken, daß Spielen vor allem eins braucht: Geist. Den gab der Eingangstext preis. Aber dann nahm der Eingangstellende diesen angesagten Gedanken selbst nicht mehr wahr, er redete von Fallen, von Fällen, von Schließlichkeiten und vom Nebenbei.
    Er hätte bei der Malerei bleiben sollen, der Vincent. Abgesehen davon attestiere ich ihm eine Dasseritis.

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