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Thema: Nikolaus

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post Nikolaus

    In seinem jungen Leben kannte er nur diesen einen Weg. Kim war von diesem kleinen Dreieck von Anfang an begrenzt. Im Osten befand sich die große Straße, an der sich langweilige Industriebauten aneinanderreihten. Im Westen der Wald. Es war ihm sowohl verboten alleine in den Wald zu gehen, als auch die Straße zu überqueren. Die Sozialbauten am Rande der Straße bildeten einen Lärmpuffer zu den dahinterliegenden Eigentumswohnungen. Sein Vater hatte ihm gesagt: "Sei froh, daß sie da sind." Kim hatte das Glück, hinter den Sozialwohnungen aufzuwachsen. Im Sommer konnte er in dem Biotop in der Mitte der Anlage beobachten, wie aus Kaulquappen Frösche wurden. Der Nachbar hatte sogar Goldfische in den Teich ausgesetzt. Nur hatte eines Tages ein Fischreiher seine Flügel ausgebreitet und die Goldfische weggefressen. Kim sagte sich dann achselzuckend: "Wenigstens können die armen Fische im Winter nicht festfrieren." Im Hof der Anlage war das Ballspielen verboten. Kim wagte es trotzdem hier und da mit einem Kameraden, Fußball zu spielen, bis böse Nachbarn kamen, um ihn und seinen Freund wegzuscheuchen.


    Kim befand sich auf seinem Weg. Es war Nikolaustag. Auf dem Stück von der Wohnung der Eltern bis zu seinem Schulfreund fiel es ihm wieder ein. Er kontrollierte es jeden Tag auf diesen paar Schritten. Hatte die Mutter das Vesper eingepackt? Mehrmals hatte sie es schon vergessen. Da heute Nikolaustag war, hatte sie bestimmt in der Hektik das Vesper nicht in seinen Schulranzen gepackt. Anfangs war es spannend gewesen an diesem Morgen. Er hatte vor die Tür gelinst und in seinem Stiefel, den er abends vor die Tür gestellt hatte, allerlei Geschenke vorgefunden. Die Verpackungen der Geschenke hatte er in dem aufgeräumten Wohnzimmer auf dem Boden verteilt. Die Mutter hatte ihn angehalten, das Geschenkpapier wegzuräumen. Aber da mußte er aufs Klo. Kim saß immer für eine lange Zeit auf dem Örtchen. Er hörte durch die Klotür, daß die Mutter und der Vater stritten über das Geschenkpapier, das auf dem Boden verteilt war und er nicht weggeräumt hatte. Er wurde immer kleiner auf dem Örtchen und dehnte die Prozedur, das Klopapier abzurollen, endlos aus. Er dachte, er würde endlos so sitzen, wenn der Vater und die Mutter nicht aufhören würden zu streiten. Seine Eltern stritten sehr oft. Jedesmal wenn sie anfingen, riß es ihm die kleine Seele in seinem Leib auseinander. Er wußte dann nicht, ob er auf der Seite der Mutter oder auf der Seite des Vaters stehen sollte. Das Gespräch wurde immer hitziger. Bis der Vater anfing, die Mutter zu schlagen. Das hatte er noch nie getan. Er hörte, wie die Mutter zuerst weinte und dann schließlich schrie: "Ich werde mich scheiden lassen!"
    Kim ließ das Klopapier fallen und riß sich die Hose hoch. Er vergaß über diesen Satz seiner Mutter, sich den Hintern zu putzen und starrte auf den blanken Wasserhahn. "Das wirst du nicht!" "Doch, werd ich! Ich lasse mich nicht schlagen! Wenn ich das zulasse, kann ich ja gleich in die Sozialbauten ziehen." Kim öffnete leise die Türe. Er wußte, er war schon zu spät. Heimlich schlich er an den streitenden Eltern vorbei, schnappte sich seinen Schulranzen und ging die Treppe hinunter.


    Auf dem Weg zu seinem Schulfreund schaute Kim in den Schulranzen. Da war kein Vesper. Sollte er nocheinmal zurückkehren? Daß die Mutter immer das Vesper vergessen mußte. Seine Kameraden standen dann im Hof und aßen, während er mit hungrigen Augen zusah. Und welche Köstlichkeiten sie auspackten! Er wagte dann nicht zu fragen, ob sie ihm etwas abgeben würden. Aber in diese Hölle zurückzugehen! Lieber ein knurrender Magen, als dieses Inferno. Er klappte den Schulranzen zu und ging, um seinen Schulkameraden abzuholen. Er lief an dem Biotop vorbei und drückte auf die Klingel des postmodernen Hauses. Eigentlich wollte er nicht mit Carlo gehen. Auf dem Weg schwatzte er ständig. Und einmal hatte er ihn sogar angepinkelt auf dem Schulklo. Aber er hatte keinen anderen Schulkameraden. Kim drückte sich an den Türrahmen und dachte daran, daß er vergessen hatte, sich den Hintern zu putzen. Es begann zu jucken. Das würde richtig lästig werden. Er wagte aber nicht, die Mutter von Carlo zu fragen, ob er aufs Klo könnte. Wie immer war Carlo nicht fertig und suchte seine Sachen. "Carlo, dein Schreibheft!" schrie Carlos Mutter. Eine zerzauste Gestalt im Morgenrock zeigte sich kurz und rief: "Ach ja, Kim. Guten Morgen." Keine Frage, ob der Nikolaus schon da gewesen sei. Vielleicht hatte Carlo auch so einen schlechten Nikolaustag wie er. Carlo war schließlich doch noch fertig. Und sie gingen den schönen Weg am Wald entlang. Kleine Villen reihten sich dort am Waldrand auf. Während Carlo darüber schwatzte, was er vom Nikolaus geschenkt bekommen hatte, schaute Kim in die verwunschenen Gärten der Villen und dachte sich, daß er dort gerne gespielt hätte. Sein Vater hatte ihm versprochen, daß sie eines Tages in eine dieser Villen ziehen würden. Aber dies würde nun alles nichts werden. Kim seufzte. Aber Carlo bemerkte es nicht. Er stieß eine alte Dose vor sich her und freute sich an dem metallischen Klang auf dem Asphalt.


    Als sie in der Schule angelangten - ein langweiliger Betonbau, der in den fünfziger Jahren entstanden war - rannte Kim sofort aufs Klo, um sich den Hintern zu putzen. Aber das Malheur war bestimmt schon passiert, daß sein Po rot war. Mit hochrotem Gesicht kehrte er zurück in das Klassenzimmer. Die Lehrerin stand schon an der Tafel und begann zu schreiben. Kim setzte sich und nahm nur noch den Geruch des Linoleumbodens wahr. Dazwischen blickte er aus dem Fenster und schaute auf die kahlen Äste der wenigen Bäume, die einbetoniert zu sein schienen. Carlo neben ihm schrieb schon eifrig die Worte der Lehrerin ab. Kim nahm seinen Bleistift und starrte auf die Buchstaben an der Tafel. Er las noch sehr langsam und mußte immer laut lesen, damit er die einzelnen Buchstaben mit ihrer Betonung erfassen konnte, während Carlo schon sehr flüssig las. Kim begann unbeholfen zu schreiben: "Nikolaus". Nach diesem Wort blickte er wieder aus dem Fenster. Die Lehrerin fragte ihn: "Kim bist du da? Ist etwas?" Kim wurde dann wieder rot und sagte nur, während er auf seinem Stuhl hin und her rückte, da der Hintern juckte. "Nein, es ist nichts."


    In der Pause gingen alle auf den Schulhof, packten ihr Brot aus und aßen die Schokoladen-Nikoläuse. Kim ging in das Klassenzimmer und packte seinen Schulranzen. Er würde nach Hause gehen und nach der Mutter schauen. Die Mutter würde ihm bestimmt eine Entschuldigung schreiben aus einem triftigen Grund. Heimlich verließ er das Schulgelände und ging in Richtung der Straße mit den Villen am Waldrand. Er beschloß heute, den Weg durch den Wald zu gehen, obwohl es ihm verboten war. Heute war schließlich ein besonderer Tag. Es war Nikolaustag. Er spazierte durch den Wald und sah immer die Villen durch die Bäume blitzen. Er zählte seine Schritte. Bald würde er da sein. Der Wald schien wie ausgestorben. Als er schließlich doch noch von weitem eine Gestalt sah, dachte er: "Das ist der Nikolaus. Er ist der Einzige, der durch den Wald spaziert."


    Er erinnerte sich dunkel an diesen Nikolaus, der ihn in den Abendstunden des 6. Dezembers besuchte hatte, seit er denken konnte. Er hatte ein strenges Gesicht und fragte immer, ob er auch brav gewesen sei. Jedesmal packte er sein großes Buch aus und suchte in der Liste seinen Namen. Wenn er ihn gefunden hatte, lachte er mit einer dunklen Stimme. Dazu klopfte er mit seiner Rute gegen die Schenkel, soda? Kim jedesmal zusammenschrak, als wollte er ihn schlagen. Dann fragte der Nikolaus jedesmal, ob Kim auch brav gewesen sei. Kim war zwischenzeitlich auf dem Sofa zu einem Häuflein Elend zusammengeschrumpft. Schließlich verlangte der Nikolaus, daß er ein Lied sänge. Seine hohe Knabenstimme überschlug sich dann immer. Wenn er einen Ton falsch anschlug, zuckte der Nikolaus zusammen und seine Augen wurden hart. Er hatte blaue Augen, eisig wie der Schnee.


    Und tatsächlich. Der Mann, der auf ihn zukam hatte einen weißen Bart. Aber er hatte einen schwarzen Hut auf. War dies der Nikolaus? Bestimmt. Als er ihn erreicht hatte, sagte der Mann: "Willst du ein Bonbon?" Kim fragte. "Bist du der Nikolaus? Deine Augen sind braun. Ich darf von fremden Menschen keine Bonbons annehmen." "Natürlich bin ich der Nikolaus. Ich bin kein Fremder." "Aber du hast so einen schwarzen Hut auf! Der vom Nikolaus ist rot." "Nimmst du jetzt das Bonbon?" "Nein!" schrie Kim und rannte was das Zeug hielt. Er war immer gut im Rennen gewesen. Er rannte und rannte. Der Mann mit dem schwarzen Hut wurde immer kleiner. Schließlich gelangte er daheim an und drückte auf die Klingel. Er hatte immer wieder nach hinten geschaut, ob der Mann ihm gefolgt war. Dann ertönte ein Brummen. Er war in Sicherheit.


    Kim stand atemlos in der Tür. "Kim, was suchst du hier um diese Uhrzeit und warum röchelst du so?" "Mama, ich habe es nicht ausgehalten in der Schule. Warum müßt ihr immer streiten?" "Das wird dir der Nikolaus heute abend sagen." "Hast du ihm auch erzählt, daß ich einen roten Hintern habe?" "Nein, dein Vater ist schon bei der Arbeit." Bei diesem Satz biß sich de Mutter auf die Lippen.






    [Diese Nachricht wurde von Patina am 09. Dezember 2002 editiert.]

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Nikolaus

    Liebe Patina,


    vom Anfang und dem schwarzen Mann abgesehen, gefällt mir das sehr gut. Es hat diese beschauliche Advents-Kindheitserinnerung, aber es ist ständig in Gefahr, abzustürzen und ganz schlimm zu werden. Kinder bewegen sich auf dünnem Eis. Sprachlich machst du wirklich Fortschritte (jones? )
    Ich mach dir morgen etwas Textarbeit, heute muss ich unbedingt mein Buch auslesen (is sauschpannend).


    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  3. #3
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    AW: Nikolaus

    Hallo Klammer,
    das war prompt,
    *ganzrot werd ansichts des Kompliments" Bin gespannt auf deine Textarbeit. Les schön weiter in deinem spannenden Buch.

    lg Patina

  4. #4
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    AW: Nikolaus

    Hallo Angestaubte, du hast lange keine Kritik mehr von mir erhalten.
    Jetzt aber: Schick dieses Unsägliche Deinem Psychiater, der wird geraume Stunden daran kauen. Als Ergebnis seiner Überlegungen, wird er Dir verklickern, daß Kim mit dem roten Hintern ein Paviansyndrom, und mit dem bonbonverteilendem Zipfelvorzeiger nach seiner Schulzeit ein eheähnliches Verhältnis hat.


    Sonst aber, liebste Staubige, mag ich Dich sehr.

  5. #5
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    AW: Nikolaus

    Oh Hannemännchen, was bist du süß. Endlich hast mal wieder was hören lassen. Bist in letzter Zeit ganz schön fremdgegangen mit den Neuzugängen. Pfui. Mag dich aber trotzdem.

  6. #6
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Nikolaus

    Die Geschichte funktioniert, gerade wegen der vielen Stereotype und der überschaubaren Dramaturgie. Aber wie Hannemann muß ich fragen, ob eine solche Geschichte von einer Beinahemißhandlung im Wald und einer psychosomatischen Reaktion des sensiblen Kindes gegenüber der penetrierenden Ehestreitsituation seiner Eltern eine Neuigkeit für den gewieften Leser ist, für den Du doch diese Geschichte geschrieben haben wirst.
    Aus Sicht eines Verlegers hätte diese Geschichte eine Zukunft, wenn sich mehrere Erlebnisse ganz unterschiedlicher Erinnerung in einem Kurzgeschichtenbuch versammeln würden. Die hier vorgestellte Exposition eignet sich nicht für einen Roman.

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