Der Schritt Amerikas aus der kontinentalen Beschränkung erfolgte mit dem spanisch-amerikanischen Krieg 1898. Der Krieg war ein Signal an die Welt: Amerika trat über seine kontinentale Beschränkung hinaus. Es gelang den Amerikanern in diesem Krieg, ihre Land- und Seestreitkräfte effizient einzusetzen. Die amerikanische Flotte konnte die im Hafen von Santiago de Cuba postierte spanische nicht bezwingen, also mußte Infanterie mit schwerem Geschütz auf Kuba gelandet werden. Ihr Auftrag: von Land aus die Flotte ins offene Meer hinaustreiben. Das strategische Ziel: den Entscheidungskampf zur See herbeiführen, der von den besseren amerikanischen Schiffen gewonnen werden würde.

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Werner Beumelburg: Sperrfeuer um Deutschland. Oldenburg 1929. S. 292.

Im Ersten Weltkrieg verhielt sich die amerikanische Politik scheinbar neutral, belieferte und unterstützte aber nur einseitig die Entente. Das waren die Amerikaner auch aus finanzpolitischen Erwägungen der Entente schuldig, denn Amerika war Schuldner bei den Westeuropäern. Aber der Bedarf an Kriegsmaterial war so groß, daß Amerika seine auf Rohstoffexport ausgerichtete Industrie umstellte, Kriegsmaterial herstellte, daher in die Rolle des Gläubigers wechselte und somit eine neue weltpolitische Rolle erhielt, die nach dem Krieg nicht ohne große wirtschaftliche Probleme in Amerika hätte aufgegeben werden können. Der 1913 wegen seines Reformprogramms der inneren Verhältnisse gewählte puritanische Demokrat Woodrow Wilson hielt die USA bis 1917 weitgehend aus dem Weltkrieg heraus, jedenfalls offiziell. Allerdings belieferte die amerikanische Industrie ausschließlich die Entente. Es ist hier nicht die Rede von einigen wenigen Lieferungen, sondern von einer systematischen seit 1914, einer milliardenschweren [1]. Die amerikanische Neutralität war also eine Lüge. Die dato vorherrschende Wiedergabe der amerikanischen Politik jener Jahre beschreibt folgende Zusammenhänge: Amerika besaß gegenüber dem Reich keine Verpflichtungen, keine Hemmungen wie gegenüber dem britischen Mutterland. Zwar stellten die Deutschen die größte Minderheit, aber gegenüber Slawen, Briten, Frankophonen und anderen waren sie in ihren Forderungen stumm, hatten sich in Amerika assimiliert, waren in erster Linie Amerikaner, dann in Hinsicht auf Brauchtum, Arbeitseifer und Aussehen Deutsche geblieben. Wilson konnte also bereits am Anfang des Krieges zwischen den offensichtlichen Menschenverlusten durch die U-Boot-Waffe und der nicht sichtbaren aus der Blockade hinweisen. Der Vergleich fiel zuungunsten der Deutschen aus. Tatsächlich jedoch kostete der U-Boot-Krieg weit weniger Menschen das Leben (etwa 180 deutsche U-Boote mit etwa 4000 Mann und ein paar Hundert auf zerstörten deutschen Kriegsschiffen; dagegen maximal 20000 Alliierte und Amerikaner auf „Handelsschiffen“ oder als Matrosen der Kriegsmarine) als die Blockade mit zirka 800000 verhungerten und an daraus folgenden Krankheiten gestorbenen Deutschen, Zivilisten, Nichtdeutsche, die im Ausland auf deutsche Produkte (Medikamente) angewiesen waren und wegen der Blockade auch betroffen waren, nicht mitgerechnet. Zudem muß man die „Handelsschiffe“ mit ihren tausenden versenkten Granaten als Lebensverlängerung für Abertausende Soldaten an der Front gegenrechnen, während die Blockade auch zahlreiche neutrale Staaten schädigte, im Ganzen also weitaus schädlicher für die gesamte Welt war als der propagandistisch verdammte U-Boot-Krieg, der angeblich der Grund für Amerikas Eintritt auf Seiten der Entente gewesen sein soll. England war, wie von Admiral Jellicoe 1917 Churchill enthüllt, einige Wochen vor dem Kollaps; das Reich war drei Jahre hindurch im Kollaps und konnte seine Bevölkerung nicht ernähren.
Das war typisch für diesen Krieg: die Entente und Amerika übertrugen kriegerische Aktivitäten aufs Zivile, die Deutschen weit weniger. Taten sie es doch einmal, wie beim Einsatz gegen zivile Heckenschützen und Franktireure beim Durchmarsch durch Belgien (sie wurden vor die Wand gestellt und erschossen), standen die Deutschen als Barbaren da. In Amerika nahm man deutsche Vergehen wahr, die der Entente nicht.
Wilson, ganz Puritaner, glaubte an die Durchsetzungspflicht internationalen Rechts. Einerseits. Andererseits sollte das Paradigma der Einhaltung internationalen Rechts nur für die Deutschen gelten, nicht für andere. Selbstgerechtigkeit ist ebenfalls typisch für Puritaner. Wilson hatte 1913 den FRA durchgedrückt, dessen außenpolitische Folge hegemoniale Politik sein mußte. Das Reich mußte als Konkurrent militärisch und wirtschaftlich ausgeschaltet und die Entente-Mächte ökonomisch in Abhängigkeit zu Amerika gebracht werden. Das war seit 1913 klar, eine andere politische Ausrichtung kam für Amerika nicht in Frage, andernfalls hätte man sich den FRA auch schenken können.
Dennoch schien es nicht wenigen Deutschen noch 1918 so, als ob Wilson den Vermittler spielen wollte. Nach seiner Wiederwahl im November 1916 gab er vor, die Vermittlerrolle einnehmen zu wollen und forderte beide Seiten dazu auf, ihre Bedingungen mitzuteilen. Ein Show-Akt, denn die Entente hatte schon im Vorfeld deutlich gemacht, daß ein status-quo-ante-Frieden, wie die Deutschen ihn wollten, nicht in Frage käme, zumal es angesichts starker Stimmen im Reich auf Sicherheitszonen, nicht sicher war, daß die Deutschen sich an ihre Grundforderung halten würden - letztlich waren Friedensbedingungen seit eh und je vom Frontverlauf abhängig. Angesichts der Möglichkeit Amerikas, den Krieg entscheiden zu können, war eine Vermittlung nicht beabsichtigt; es wurde nur ein Anlaß gesucht, vor der verdummten Öffentlichkeit unbescholten in den Krieg eintreten zu können. Mit dem Kriegseintritt Amerikas wurde die nächste Phase zur Erringung der Weltherrschaft eingeleitet:


  • nach der propagandistischen Vorbereitung zur Einstimmung der Amerikaner (Kriegführung als Kreuzzug im Namen von Demokratie und Humanität gegen das Reich der Finsternis und der mittelalterlichen Reaktion) wurde dem Reich der Krieg erklärt → zahlreiche neutrale Staaten wurden in den Krieg gegen das Reich diplomatisch oder wirtschaftspolitisch gezwungen (Norwegen und Holland lieferten ihre Handelsflotten aus; in neutralen Häfen liegende deutsche Schiffe wurden beschlagnahmt);
  • der Dollar wurde zur Leitwährung und bestimmte die Regulierung der Warenströme → Behebung der Finanzkrise der Entente;
  • Neuorganisation der Schiffsraumnutzung, der Rüstungsproduktion, des Schiffbaus, der Waffenentwicklung;
  • Einführung des Konvoisystems (insgesamt 16000 Schiffe) zur U-Boot-Bekämpfung → die deutschen Abschußquoten sanken auf 1%, die Belieferung Europas mit amerikanischem Material erreichte Rekordziffern;
  • Überführung von 1,5 Millionen amerikanischen Soldaten an die Westfront, die ab Juli 1918 das Übergewicht sicherten;
  • Ablehnung der Geheimverträge der Entente zur Nachkriegsordnung von 1913 und Durchsetzung eigener Vorstellungen [2] → Sicherung des nächsten Weltkrieges (Konjunkturprogramm in zwanzig Jahren)


1918: Präsident Wilson verstand es, die machtpolitischen Interessen der Westmächte, insbesondere die Amerikas, in einem nebelverhangenen pazifistischen Vielvölkerstaatsgebilde zu implementieren, das den vielen kleinen Völkern unter dem Schirm der Mittelmächte als Glücksverheißung erscheinen mußte, sie also dafür empfänglich machte, ihre politischen Verhältnisse zu hinterfragen.



[1] Vorsichtig geschätzt beliefen sich die Schulden der Briten und Franzosen nach dem Krieg auf 32 Mrd. $, etwa 1,5 Billionen €. Zwar erhielten die USA diese Beträge nur zu einem Bruchteil von ihren Assoziierten (die Amerikaner waren gemäß des Londoner Vertrages von 1917 keine Alliierten der Entente, sondern nur assoziiert worden) zurück, aber der Gewinn der wirtschaftlichen, finanziellen und politischen Hegemonie über Europa, die bis heute anhält, war und ist sehr viel mehr wert als 30, 100 oder 2000 Milliarden $ mit der Kaufkraft von 1918.

[2] Der Schein der amerikanischen Politik sah so aus: Kampf gegen Autokratie, gegen Geheimdiplomatie, gegen Expansionsdrang, für Selbstbestimmungsrecht der Völker, für dauernde Sicherung des Friedens durch einen Völkerbund, für öffentliche Verhandlung… Nichts davon wurde umgesetzt, obgleich Amerika die Macht besessen hätte. Nein, der Versailler Vertrag war genau so, wie Amerika ihn haben wollte: ein Kriegssicherungspamphlet für die nähere Zukunft, das die Besiegten widerspruchslos unterschreiben mußten.

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