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Thema: Fridas Geheimnis

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Post Fridas Geheimnis

    Fridas Geheimnis


    Frida Wurst liebte die Beatles. Je älter sie wurde, desto öfter dachte sie an früher, als ihre Kinder Zita und Hans noch klein waren und ihr Mann Werner noch aussah wie John Lennon. Wie Ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie an ihrem einundzwanzigsten Geburtstag im Star Club auf der Reeperbahn nicht ohnmächtig geworden wäre? John hatte sie im Arm gehalten. Das stimmte wirklich! Dann wurde ihr schwindelig und als sie wieder zu sich kam, hing ein anderes Mädchen an seinem Hals und ein anderer Mann an ihrem. Sie hatte keine Chance gehabt, John zu zeigen, wie gut sie küssen konnte. Vielleicht hätte er sie eingeladen, hinter die Bühne zu kommen und vielleicht hätte er sich in Frida verliebt und sie mit nach Liverpool genommen. Frida hatte lange braune Haare, ihre Haut war blass und ihre dunklen Augen konnte sie zu ganz schmalen Schlitzen formen. Dann sah sie fast so aus wie Yoko Ono. Der Mann, der sie auffing, als sie in die tobende Fangemeinde fiel, das war Werner gewesen. Werner hatte eine Pilzfrisur, trug einen schwarzen Anzug und schwarze Schuhe und Werner umarmte nur sie. Frida mochte ihn. Hand in Hand standen sie still nebeneinander in Mitten des Tumultes um sie herum. Seit diesem Abend waren Frida und Werner ein Paar. Fridas Eltern waren entzückt von ihrem Zukünftigen, wie sie Werner schon beim ersten Kennenlernen zu nennen pflegten, denn Werner kam aus gutem Hause. Später würde er einmal die Schlachterei Wurst von seinen Eltern übernehmen. Fridas Mutter nahm den weiten Weg von Poppenbüttel bis raus nach Blankenese mit der S-Bahn auf sich, nur um vier Wiener Schnitzel zu kaufen, wie sie vorgab. Was waren drei Stunden, gegen die Ungeduld der Neugier. Im Geschäft wurde sie von Adele begrüßt. Adele trug ein enges Trikot, aus dessen Dekollete ihr großer Busen in den selbstgemachten Kartoffelsalat hinter der Wursttheke zu stürzen drohte. Fridas Mutter klammerte sich ganz fest an ihre Einkaufstasche, um nicht umzufallen. Adele kannte die Kundin nicht und spürte, dass eine Erklärung notwendig war. Sie würde gleich mit ihrem Verlobten Yefgeny im russischen Staatszirkus die Bären im Trapez vorführen. Das versöhnte Fridas Mutter nicht. Sie machte auf dem Absatz kehrt und stolperte aus dem Laden. Diese Geschichte war wochenlang der Renner unter den Nachbarinnen in Poppenbüttel. Selbst Frida konnte ihre Mutter nicht überzeugen, dass die Tante von Werner bloß ein bisschen verrückt war. Völlig harmlos. Frida beneidete Adele von ganzem Herzen. Die hatte nie Kompromisse gemacht. Nicht, dass Frida unglücklich war. So würde sie das nicht nennen. Sie hatte zwei wohlgeratene Kinder, die sie über alles liebte und mit denen sie eine ungewöhnlich innige Beziehung verband. Das würde an der langen Stillzeit liegen, antwortete Frida, wenn ihre Freundinnen um Rat fragten, wie sie die Kinder dazu brachte, so oft auf Besuch vorbei zu schauen. Es hatte sich gelohnt, gegen den Trend mit der Nuckelflasche und dem Fertigbrei anzugehen. Das war reiner Urinstinkt gewesen. Zita und Hans. Beide lagen mit drei Jahren noch an ihrem Busen, tranken oft und gerne ihre Milch und gnubbelten an ihren Brustwarzen bis zur Schmerzgrenze. Zita, die immer mit ihrem Dickkopf durch die Wand ging. Was hatten sie für einen Ärger mit ihr gehabt. Und jetzt machte Zita sie noch zur jüngsten Großmutter, die es je in ihrer Familie gegeben hatte. Frida war stolz auf ihre Tochter. Die wäre mit John Lennon durchgebrannt, daran zweifelte sie nicht. Hans war ganz das Gegenteil, ruhig, schüchtern und sehr sensibel. Auf dem Spielplatz verschenkte er seinen Bagger und seine Schaufeln und Eimer und wenn nichts mehr übrig war, sagte er - Alle, alle. Pomm Mamma, Hause gehen! - Er war auf dem Weg ein ganz Großer zu werden. Kochen war seine Leidenschaft. Mindestens ein Stern war sein Ziel. Er würde es locker erreichen. Auch daran zweifelte Frida nicht. Wenigstens ihre Kinder wussten, was sie wollten. Frida wusste, was sie nicht wollte. Im Geschäft wog sie den Aufschnitt darfs ein bisschen mehr sein? ab, legte einen Knochen für den Hund dazu, verschenkte ein Würstchen an die Kleine von nebenan. Wie ein Roboter, jeder Handgriff saß. Sie lächelte, nickte den Kunden freundlich noch einen schönen Tag! zu und träumte von John Lennon. Abends, wenn Werner vor der Glotze Ally McBeal nachstieg, hörte Frida Yesterday und las in ihren Tagebüchern. Johns Todestag. Sie war mit den Kindern in Europa zu Besuch bei ihren Eltern in Poppenbüttel gewesen, als er vor ihrem gemeinsamen Haus in New York erschossen wurde. Sie saßen im Wohnzimmer und schauten Tagesschau. Frida reiste sofort ab und identifizierte John in der Leichenhalle des Memorial Hospitals. Dort lag sein Körper, seine Seele war bei ihr. Das gab ihr die Kraft, jeden Tag im Geschäft durchzustehen, als wäre nichts geschehen. Frida blätterte zurück. John umarmte sie, dass ihr keine Luft mehr blieb, die sie atmen konnte. Ihr wurde schwarz vor Augen und sie fühlte, wie ihre Beine nachgaben. Die Kissen dufteten nach Lavendel und raschelten leise, wenn sie sich bewegte. Im Zimmer war es dunkel bis auf das Flimmern der Leuchtreklame hinter der Gardine. Auf dem Nachttisch lag ein Zettel. Please stay! John. Leise dröhnten die Bässe. Frida seufzte. War sie nicht viel zu alt für so einen Blödsinn? Wenn das Werner wüsste. Werner, der in den letzten Jahren ordentlich Fett angesetzt hatte und der steif und fest behauptete, seine Rückenschmerzen kämen von der alten Matratze und außerdem müsse ein Schlachtermeister mit eigenem Geschäft so aussehen, sonst würden die Leute denken, mit seinem Fleisch wäre etwas nicht in Ordnung. In Zeiten von BSE könnte er sich keine Schlankheitskur leisten. Werner. Wann hatte er zuletzt auf der Gitarre gespielt unten im Hobbykeller? Die Wände waren gepflastert mit den Postern der Beatles. Sie hatte Werner eine Nickelbrille geschenkt. Werner sang und Frida malte sich ihre eigene Wirklichkeit. Nach dreissig Jahren fühlte sich Frida zu jung, um Wurst zu verkaufen. Dies alles und noch viel mehr war Fridas Geheimnis. Niemanden hatte sie jemals davon erzählt. Nur eines wussten alle, Frida Wurst liebte die Beatles.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Fridas Geheimnis

    Du schwatzt drauflos, daß es eine Lust ist. Ich mag es. Es atmet Leben, ist wie von einem Fortsatz befreit und hinter jeder Textzeile steht ein neuer Gedanke, der erzählt wird oder unerzählt bleibt, sich dennoch mitteilt, also die Phantasie des Lesers anregt. Ja, Du hast es drauf, eule.


    Diese WASWÄREWENN-Geschichten haben sowieso einen eigenen Reiz, sie liegen dem Leser zu Füßen und tragen sich an. Meinethalben sollen sie betteln, bis sich der Leser erbarmt und das Geschichtete aufhebt, um es sorgfältig mit seiner Seele in Einklang zu bringen.


    Und nun: die Beatles. Ich bin ein großer Fan der Beatles. Vielleicht deshalb dieser Überschwang, der mir gar nicht typisch ist. Willst Du hier Striche haben, Anstriche?

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Fridas Geheimnis

    Ja, es liest sich in der Tat gut. Ein bißchen zu gut, wie ich meine, und das liegt m. E. an den verwendeten Klischees.
    Allein die Namen der Protagonisten - Frida und Werner Wurst - das müssen ganz einfach Spießer sein. Und sie sind es auch, alles kommt wie erwartet.

    Sie hatte zwei wohlgeratene Kinder, die sie über alles liebte und mit denen sie eine ungewöhnlich innige Beziehung verband.
    Ich bitte Dich, willst Du Geschichten für Frauen-Illustrierten schreiben?

    Was heiter ironisch gemeint ist, gerät bei näherer Betrachtung arg in die Nähe der Simplifizierung und der Verbeugung vor dem breiten Publikumsgeschmack.

    Die Fleischersfrau, die John Lennon liebt, ist ein dickes, wohlgenährtes Klischee, kein lebendiger Mensch.

    Aber der Text las sich wirklich gut. Und man bekam schon beim ersten Durchlesen alles mit.

    Viele Grüße
    K.

  4. #4
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Fridas Geheimnis

    yeah yeah yeah
    und wie wir alle wissen: all you need is love.
    gut erzählt, e.
    wenn ich mit werner verheiratet wäre, bräuchte ich auch (wenigstens) einen phantasie-liebhaber wie john lennon. oder ist das klischee, kassandra?

    miranda

  5. #5
    rodbertus
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    AW: Fridas Geheimnis

    Ich glaube, Johns Stärken lagen nicht im Bett. Ich fand es immer ein bißchen verklemmt, wie er da mit Yoko seine Sexualität thematisierte: Das war der Anspruch der Vollkommenheit, der nur zutiefst verunsicherten Menschen eigen.


    Kassandra, was hast Du gegen Illustrierte? Gerade für diese Branche muß man gute Texte produzieren - Klischees sind übrigens in der Welt, weil sie (meist) wahr sind -, damit das allgemeine Niveau nicht sinkt! Also, frische Texte für frischondulierte Blondinen.

    genau solche

  6. #6
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Fridas Geheimnis

    schön, wieder was von dir zu lesen. frisch von der leber weg.
    vielleicht nicht dein bestes, aber von einer lockerheit, die in diesen literarischen gefilden nur wenige drauf haben (etwas zu locker unter umständen ...)

  7. #7
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Fridas Geheimnis

    hallo robert,
    ups, so viel gutes. freut mich natürlich und gleichzeitig bin ich ganz verunsichert
    ...
    ja, streiche an!

    hallo kassandra,
    du legst den finger in die wunde. u. a. der von dir zitierte satz, behagt mir auch nicht so recht. aber mir fällt noch was ein.

    die geschichte ist eine von 5 über die Wurst-family. es gibt 2 über hans, in der ersten lässt er sich über seinen namen und sein leiden als schlachter-azubi aus, in der 2. scheint er seinen weg gefunden zu haben, er steht kurz vor der abschlußprüfung als koch.
    eine weitere handelt von zita, die im kh ihr kind zur welt bringt mit hilfe ihrer großtante adele (war früher hebamme) und in der 4. erzählt adele, inzwischen über 80, wie es ihr mit den männern ergangen ist, z. b. auch von yefgeny, dem artist im zirkus. jede geschichte steht für sich, in jeder erfährt der leser aber auch noch ein wenig mehr über die personen, die zunächst als nebenfiguren. das puzzle setzt sich zusammen.

    übrigens, ich finde nicht, dass frida spießig ist und auch werner hat seiten, die ihm bisher keiner zutraut (muß ich allerdings noch erfinden).

    ach ja, frauen zeitschriften sind manchmal besser als ihr ruf, sieht man mal von den langweilern - diäten und lebensberatung - ab.
    in echt.

    hallo miranda,
    wir verstehn uns

    Daphne,
    ja, wenn ich erstmal in die tasten haue, dann brennen sie manchmal durch. *grübel* welche stellen hast du als zu locker im visier?

    grüße an euch
    e.

  8. #8
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Fridas Geheimnis

    Kein MISZLUNGEN von mir. Immerhin. Eule hat sich hier selbst übertroffen und weidlich besser geschrieben, als sie es eigentlich kann.


    Daß da Klischees festzumachen wären - den Beweis bleibt Kassandra schuldig, denn das, was er anführt, das sind Ansprachen an die Zielgruppe mit ausgesprochen expositionierendem Aspekt -, liegt in der Natur der Sache. Eingängiges Schreiben fußt immer auf dem allgemeinen Lesekontext, will heißen dem Klischee.

    Textarbeit einmal dann, wenn ich in eules Schreiben eine Tendenz zum Buch erkennen könnte. Zu viel Putzerei würde hier eher schaden.

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