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Thema: Schattenbruder

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Schattenbruder

    Eine nicht mehr ganz neue Geschichte, die ich kürzlich überarbeitet habe. Könnte man sie in eine Erzählungssammlung aufnehmen, oder ist sie zu schwach?


    Schattenbruder


    Ludwig Hermann wartete.
    Schon vor einer halben Stunde hatte er hinter der spaltbreit geöffneten Tür seines Zimmers Posten bezogen. Normalerweise fuhr Ganschow an jedem Wochentag gegen sechzehn Uhr in die Stadt. Welcher Art die Geschäfte waren, die der Mann seiner Mutter um diese Zeit dort erledigte, wußte Ludwig nicht. Sie waren ihm auch gleichgültig. Hauptsache, er war aus dem Haus.
    Es dauerte dennoch bis Viertel vor fünf, bis sich die Tür des Büros im ersten Stock endlich öffnete, und der Mann, den er über alle Maßen verabscheute, das Haus verließ. Ludwig lief noch einmal zurück zum Fenster und wartete, bis der hagere grauhaarige Mann in seinen Wagen gestiegen und davongefahren war.
    Erst dann atmete er tief durch und machte sich auf den Weg nach unten.
    Natürlich war die Tür mit der Aufschrift "H. Ganschow - Geschäftsführer" abgeschlossen.
    Dieser Schweinehund traut niemandem hier über den Weg, dachte Ludwig verächtlich und zog das Duplikat des Reserveschlüssels aus seiner Hosentasche, das er bei einem Schlüsseldienst am anderen Ende der Stadt hatte anfertigen lassen.
    Der Nachschlüssel drehte sich wie von selbst in dem neuen Sicherheitsschloß, das sein mißtrauischer Stiefvater erst vor einem halben Jahr hatte einbauen lassen. Also hatte der alte Schlossermeister, der ihn die ganze Zeit über unverschämt angegrinst und einen weit überzogenen Preis gefordert hatte, doch gute Arbeit geleistet.
    Ludwig atmete auf, als sich die dick gepolsterte Bürotür hinter ihm geschlossen hatte. Er konnte sich Zeit lassen, denn vor neunzehn Uhr kehrte Harry Ganschow nie aus der Stadt zurück.
    Behutsam nahm Ludwig das geschmacklose Aktgemälde von der Wand, das den Tresor verdeckte.
    Jetzt würde sich herausstellen, ob Gino ihm die richtige Kombination verraten hatte.
    Bisher hatte ihn Gino allerdings noch nie belogen. Für Ludwig war er längst mehr als ein Traumbild. Gino war sein Bruder, gewissermaßen ein Teil von ihm selbst ...
    Dennoch schlug Ludwig das Herz bis zum Hals, als er die sechs Ziffern der Safekombination nacheinander einstellte und durch einen Druck auf den Wählknauf bestätigte. Kein noch so leises Klicken verriet ihm, ob die vorangegangenen Eingaben korrekt gewesen waren.
    Dann kam der entscheidende Augenblick.
    Der vorher in der Senkrechten gesperrte Verschlußhebel ließ sich ohne größere Kraftanstrengung nach oben ziehen, und die schwere Tresortür schwang auf.
    Mit offenem Mund starrte Ludwig auf die sorgfältig aufgestapelten und mit Banderolen versehenen Geldbündel, die fast das gesamte obere Tresorfach ausfüllten.
    Obwohl ihn Gino gewarnt hatte, konnte Ludwig der Versuchung nicht widerstehen, eines der Banknotenbündel in die Hand zu nehmen und durchzuzählen. Es waren allesamt Hunderter. Fünfzig Stück in einem einzigen Bündel. Ludwig überschlug im Kopf die Gesamtmenge und kam auf die schwindelerregende Summe von mehr als hunderttausend Mark.
    Ludwig, der im anderen Teil Deutschlands aufgewachsen war, wo man für eine einzige D-Mark locker vier bis fünf Ostmark hinlegen mußte, war fassungslos. Seine Mutter hatte es also hier im Westen wirklich zu etwas gebracht.
    Gino hatte also wieder einmal recht behalten. Sofort fielen ihm dessen eindringliche Ermahnungen wieder ein, und er legte das Bündel zurück in den Safe. Er war nicht hier, um zu stehlen, sondern um etwas herauszufinden.
    Etwas, das nach Ginos Auffassung ungeheuer wichtig für ihn war.
    Es dauerte nicht lange, bis er den Aktenordner mit der Aufschrift "Versicherungen" gefunden hatte. Schon beim ersten flüchtigen Durchblättern stieß Ludwig auf die gesuchte Police für die Gebäudeversicherung. Sie belief sich auf eine atemberaubende sechsstellige Summe. Und als Besitzer und Versicherungsnehmer war nicht etwa der Name seines Stiefvaters eingetragen, sondern der von Ludwigs Mutter, Margit Ganschow, geborene Hermann!
    Wenn seine Mutter die Besitzerin der Pension war, wieso ließ sie sich dann von Ganschow wie ein Dienstmädchen behandeln? Und warum ergriff sie immer die Partei ihres Mannes, wenn es zwischen Ludwig und seinem Stiefvater Streit gab? Ließ es sogar zu, daß dieses Scheusal ihn schlug? Liebte sie diesen Dreckskerl etwa mehr als ihr eigenes Kind?
    Noch bevor Ludwig den Aktenordner in den Safe zurückgestellt hatte, ließ ihn ein Geräusch herumfahren.
    Harry Ganschow stand in der Tür.
    Seine mißtrauischen grauen Augen wanderten zwischen Ludwig und dem weit geöffneten Tresor hin und her. Auf seine Wangen bildeten sich hektische rote Flecken. Er sagte kein einziges Wort, als er mit geballten Fäusten auf seinen Stiefsohn zuging, und das machte es noch schlimmer.
    "Ich ...", brachte Ludwig hilflos hervor, dann traf ihn ein brutaler Fausthieb in den Magen. Mühsam nach Luft schnappend krümmte sich Ludwig zusammen. Einen Augenblick später war sein Mund eine einzige blutende Wunde. Harry Ganschows Fuß hatte mit voller Wucht sein Kinn getroffen und ihm den Unterkiefer gebrochen. Erschrocken sah Ludwig den hellen Parkettfußboden auf sich zustürzen. Sein Kopf schlug hart gegen den Marmorfuß der Stehlampe, und er verlor das Bewußtsein...
    Das rettete ihm vermutlich das Leben, denn als sein am Boden liegendes Opfer auf den nächsten Tritt in die Hodengegend nicht mehr reagierte, verlor Harry die Lust an der seiner Meinung nach längst überfälligen Züchtigung seines mißratenen Stiefsohnes und ließ von ihm ab.
    "Fett, feige und verlogen", murmelte er verdrossen, während er sich an der Hausbar bediente. "Bestiehlt seine eigenen Eltern ..."
    ***
    Als Ludwig zu sich kam, hing sein Kinn in einem Käfig von Metallstäben. Er konnte den Kopf trotz aller Anstrengung kaum bewegen. Das Gefühl der Hilflosigkeit war schlimmer als der Schmerz. Ein blau bekittelter Quälgeist zog sein rechtes Augenlid nach oben und blendete ihn mit einer kleinen Taschenleuchte.
    "Aufwachen, Herr Hermann!" drang ein durchdringende Frauenstimme durch die Wattestopfen in seinen Ohren. "Aufwachen!"
    Ihm war übel, doch er konnte sich nicht einmal zur Seite drehen, um sich zu übergeben. Während er heftig aufstieß, fühlte er den widerlich sauren Geschmack seines Mageninhalts im Mund. Als er verzweifelt nach Luft schnappte, geriet etwas davon in seine Luftröhre und erstickte ihn beinahe in einem Hustenanfall. Jemand preßte ihm einen Gummikeil zwischen die Zähne und stocherte mit einem Rohr in seinem Rachen herum, das die Flüssigkeit schmatzend absaugte.
    Ludwig wäre gern gestorben. Er sehnte sich zurück in das warme Dunkel der Bewußtlosigkeit.
    Doch seine Peiniger hatten andere Pläne mit ihm.
    Sie stachen Kanülen in seine Armbeuge, klebten Elektroden auf seine Haut, schlossen Schläuche und Kabel an und verbanden sie mit einer verwirrenden Vielzahl von Geräten, die summende und piepsende Geräusche von sich gaben. Schließlich karrten sie ihn mit seinem Bett durch endlose, hell erleuchtete Gänge, schoben ihn in Fahrstühle und stellten ihn schließlich in einem sparsam möblierten Zimmer ab, das für die nächsten Wochen sein Domizil werden sollte.
    Aber auch hier ließen sie ihn nicht in Ruhe.
    Schwestern in makellos weißen Kitteln steckten ihm Thermometer in den Hintern, maßen Puls und Blutdruck und trugen die Ergebnisse in große Mappen ein. Sie ließen Ludwig aus einer Schnabeltasse trinken und fütterten ihn wie ein kleines Baby. Sie gaben ihm einen Klingelknopf in die Hand, auf den er drücken mußte, wenn er ein Geschäft zu verrichten hatte. Sie wechselten mit stets gleichbleibenden Lächeln seinen Schieber. Sie klopften ihm ermutigend auf die Schulter und erkundigten sich in regelmäßigen Abständen nach seinem Befinden, ohne die Anwort abzuwarten, die er ohnehin nicht geben konnte.
    Ludwig haßte sie dafür.
    Er stellte sich vor, wie das Lächeln von ihren Gesichtern fallen würde, wenn er einer von ihnen seine Faust in den Magen rammte. Oder noch besser, sie bei dem Haaren packte und ihr die Kehle durchschnitt.
    Die Vorstellung erregte ihn und machte die Schmerzen erträglich.
    Manchmal trug eine der unnahbar lächelnden Krankenschwestern, die er in seinen Fieberträumen zu Tode quälte, die Züge seiner Mutter.
    Sie hatte Ludwig noch nicht ein einziges Mal besucht.
    Gino hatte recht. Margit war nicht mehr seine Mutter. Sie hatte ihn verraten.
    Für das Personal in der Klinik waren Ludwigs Eltern auf einer unaufschiebbaren Geschäftsreise in den Staaten. Eines Tages würde er dafür sorgen, daß die beiden eine noch wesentlich weitere Reise unternahmen ...
    Dennoch verlor sich Ludwig nicht in seine blutigen Rachevisionen. Dafür sorgte schon Gino, sein einziger Freund.
    Gino hatte ihn nicht im Stich gelassen. Jetzt, wo Ludwig seinen Rat und seinen Trost besonders nötig hatte, war er in jeder Nacht bei ihm. Er saß neben seinem Bett, hielt seine Hand, tröstete ihn und schmiedete mit ihm Pläne. Gino repräsentierte all das, was Ludwig gern gewesen wäre. Er war größer als Ludwig, schlank und besaß ein schmales, intelligentes Gesicht mit dunkel glänzenden Augen. Augen, mit denen er in den Tiefen von Ludwigs Seele lesen konnte wie in einem offenen Buch. Er kannte Ludwigs geheimsten Gedanken und Ängste, und er war der einzige, der nie über ihn gelacht hatte.
    Und er wußte alles.
    Gino konnte zum Beispiel sofort erkennen, ob ein Mensch gut oder böse war. Zumindest wußte er es, wenn er böse war. Die langen Wochen im Krankenzimmer und die Gespräche mit Gino gaben Ludwig die Gelegenheit, sich über seine Gefühle gegenüber seinen Mitmenschen klar zu werden. Das Ergebnis war nicht besonders erfreulich. Er haßte nicht nur das Klinikpersonal und die beiden Fremden, die sich als seine Eltern ausgaben. Er verabscheute auch seine Lehrer und Mitschüler. Vor allem die Mädchen, die sich wegen seines Dialekts und seiner fülligen Statur über ihn amüsierten. Sie behandelten ihn zwar nicht direkt unhöflich, aber seine zaghaften Versuche, Anerkennung oder gar Freundschaft zu erringen, scheiterten sehr schnell an ihrer kühlen Distanz. Er konnte ihre spöttischen Blicke in seinem Rücken spüren, wenn Margit ihn mit dem protzigen BMW der Ganschows von der Schule abholte. Ludwig konnte noch so viel Geld für Kosmetik und neue Klamotten ausgeben, er blieb stets ein Außenseiter. Ein dicker unbeholfener Junge aus der Zone halt, der einfach nicht dazugehörte. Eine Einladung zu einer ihrer Partys hatte Ludwig in den vier Jahren, die er jetzt das Gymnasium besuchte, noch nie erhalten ...
    Obwohl Ludwig, nachdem man die Stäbe der Fixatur aus seinen Kieferknochen entfernt hatte, nur sehr langsam und unter höllischen Schmerzen wieder zu sprechen lernte, verstand Gino ihn mühelos. Worte waren eigentlich überflüssig, denn sein nächtlicher Gefährte kannte die Antworten, bevor Ludwig sie ausgesprochen hatte.
    Und er hatte die unschätzbare Fähigkeit, die Dinge beim Namen zu nennen, auch wenn sie unangenehm waren: „Das nächste Mal wird er dich totschlagen, Ludwig.“
    „Ich weiß, flüsterte der Junge verzweifelt. „Aber was soll ich tun?“
    „Bevor du überhaupt etwas tust, mußt du dir über deine Interessen klar werden. Und über deine Gefühle erst recht. Du kannst niemanden töten, wenn du es nicht mit ganzem Herzen möchtest.“
    So selbstverständlich, wie Gino das Wort „töten“ aussprach, verlor es für Ludwig den Schrecken. Es wurde zu einer annehmbaren Alternative. Erst recht, als die Stimme aus der Dunkelheit gelassen fortfuhr: „Und ich bin sicher, daß du erleichtert sein wirst, wenn du es endlich getan hast.“
    Wenn er jemals den Mut dazu aufbrachte.
    „Wenn es herauskommt, werden sie mich einsperren“, gab er schließlich zaghaft zu bedenken.
    „Eingesperrt werden nur Dummköpfe, Ludwig. Und du willst mir doch nicht weismachen, daß du ein Dummkopf bist?“
    Darauf gab es wenig zu sagen.
    Doch die entscheidende Frage stand ihm noch bevor.
    Sie betraf Margit.
    „Bist du wirklich bereit, sie zu töten?“
    Die ungeheuerliche Anwort hatte Ludwig in seinen Fieberphantasien längst gegeben. Er haßte Margit viel intensiver als seinen Stiefvater. Ganschow war ihm gleichgültig, aber seine Mutter hatte er einmal geliebt. Auch wenn das sehr lange her war. Sie hätte bei ihm bleiben müssen. Damals, als er sie gebraucht hatte. Sie war doch alles gewesen, was er besaß ...
    Dennoch wehrte er sich mit einer halbherzigen Gegenfrage: „Wen?“
    Gino wartete schweigend. Er war sich seiner Sache sicher.
    „Ja, verdammt noch mal!“ hatte Ludwig schließlich zugegeben, und die Antwort hatte ihn nicht wenig erleichtert.
    „Dann sollten wir schleunigst darüber nachdenken, wie wir ihnen den Weg in eine bessere Welt ebnen können“, hatte Gino mit einem wissenden Lächeln erklärt und ihn in die Einzelheiten des Planes eingeweiht.
    Er tat dies so klar und anschaulich, daß Ludwig schließlich das Gefühl hatte, daß es sein eigener Plan war, der ihm bis zu seiner Entlassung aus Klinik nicht mehr aus dem Kopf ging ...
    ***
    Nach seiner Genesung spielte Ludwig die Rolle des reumütigen Sünders so überzeugend, daß es seinen „Eltern“ leichtfiel, zur Tagesordnung überzugehen.
    Margit war ganz offensichtlich nicht mehr in der Lage, die Veränderungen in seinem Wesen wahrzunehmen. Und Ganschow kümmerte sich ohnehin nicht um ihn. Die beiden hatten mit sich und ihren Geschäften vollauf zu tun. Geschäfte, die nicht legal sein konnten, wie Ludwig nach seinem Fund im Wandtresor klar geworden war. Summen in dieser Größenordnung bewahrte man nicht im Safe auf, wenn man ein reines Gewissen hatte.
    Aber das alles würde schon bald ein Ende haben.
    Doch zunächst mußte er sich um den alten Telefonapparat des Hausmeisters kümmern.
    Auf technischem Gebiet war Ludwig begabter als die meisten seiner Mitschüler. Praktika in Physik oder Chemie gehörten für ihn zu den Sternstunden des Unterrichts. Auch auf Grund der Tatsache, daß er dabei wenig oder gar nicht sprechen mußte. So hätte es Ginos Hinweise im Bezug auf die verdeckten Schrauben im Gehäuse oder die Funktionsweise der Klingelspule gar nicht bedurft. Ludwig brauchte nur wenige Minuten, um den altmodischen Apparat in der gewünschten Weise zu verändern.
    Der zweite Teil und entscheidende Teil seines Vorhabens war technisch kaum anspruchsvoller, aber von der Wahl des Zeitpunkts her wesentlich sensibler.
    Eine zweite Chance würde es nicht geben.
    Es dauerte eine ganze Woche voller quälender Anspannung, bis Ludwig sich endlich zum Handeln entschließen konnte.
    Margit und Ganschow waren bei Geschäftsfreunden eingeladen gewesen und erst nach Mitternacht heimgekommen. Keineswegs nüchtern, wie ihm Margits unmotiviertes Kichern auf der Treppe verriet. Und ihre spitzen Schreie, die kurz darauf das rhythmische Quietschen des Bettgestells im Nachbarzimmer begleiteten.
    Ludwig bedauerte, daß er die beiden nicht mit eigener Hand totschlagen durfte.
    Mit einem schweren Knüppel, der Ganschows Schädel wie eine reife Melone platzen lassen würde ...
    Da er das Risiko für sich selbst so gering wie möglich halten wollte, wartete er dennoch bis in die frühen Morgenstunden, bis er sich barfuß in den Heizungskeller schlich.
    Dieses Mal mußte er sich auf Ginos Informationen über die nagelneue Flüssiggasanlage verlassen. Er setzte den mitgebrachten Gabelschlüssel erst an, nachdem er die Überwurfmutter hinter dem Verdunster mit seinem Taschentuch abgedeckt hatte. Wenn es eine Untersuchung gab, konnten ihn frische Kratzer verraten.
    Es dauerte endlose Sekunden, bis die Verschraubung endlich nachgab. Mit der Überwurfmutter stellte er den Fluß des ausströmenden Gases so ein, daß man das Geräusch durch die geschlossene Kellertür nicht wahrnehmen konnte. Er wechselte das Telefon aus und stellte es zur Vorsicht auf den Sims des geöffneten Kellerfensters.
    Dann schloß er die Tür ab, steckte den Schlüssel ein und schlich sich wieder nach oben.
    An Schlaf war nicht zu denken.
    Er hatte Angst.
    Am liebsten hätte er sich angezogen und wäre davongerannt.
    Aber wie hätte er das der Polizei erklären sollen, wenn alles vorbei war?
    Die Stunden auf dem Pulverfaß waren der Preis, den Ludwig für seine Befreiung zu bezahlen hatte. Das hatte ihm Gino nicht nur einmal erklärt.
    Doch Gino war nicht hier, und er würde auch nicht in die Luft fliegen, wenn irgendein zufälliger Funke das Gas-Luft-Gemisch im Keller vorzeitig hochgehen ließ.
    Vielleicht war es noch nicht zu spät, um das Gas abzustellen ...
    „Du solltest etwas mehr Vertrauen zu deinen Freunden haben, Ludwig“, drang plötzlich eine ruhige Stimme aus dem Dunkel.
    Dankbar leistete Ludwig seinem Bruder Abbitte.
    Gino war bei ihm. Jetzt konnte ihm nichts mehr passieren. Alles würde gut werden.
    Erleichtert fühlte Ludwig die beruhigende Wärme von Ginos Hand auf seiner Stirn und war Augenblicke später fest eingeschlafen.
    ***
    Der Rest war ein Kinderspiel gewesen.
    Wenn man einmal davon absah, daß das schrille Weckerklingeln Ludwig beinahe zu Tode erschreckt hatte.
    Doch dann war alles nach Plan gelaufen.
    Er hatte sich angezogen, mühsam sein Frühstück hinuntergewürgt und war dann zur Bushaltestelle gelaufen - nicht ohne vorher noch einen letzten Abstecher in den Heizungskeller unternommen zu haben. Viel war nicht mehr zu tun gewesen. Er hatte das Fenster geschlossen und das Telefon auf den Boden gestellt. Den Schlüssel hatte er steckenlassen.
    Ludwig sah auf die Uhr. In fünf Minuten begann sein Unterricht. Er mußte sich beeilen.
    Er betrat die Telefonzelle gegenüber dem Schulgebäude und warf die Münzen ein.
    Jetzt noch die Durchwahl zum Hausmeister.
    Der alte Mann lag mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus und ahnte nicht einmal, was für ein Glückspilz er war.
    Trotz seines Hochgefühls zitterte Ludwigs Hand beim Wählen. Nach der letzten Ziffer verharrte sein rechter Zeigefinger für einige Sekunden. Dann gab er entschlossen die Wählscheibe frei.
    Es dauerte eine Ewigkeit, bis die Drehwähler in den Vermittlungsstellen zur Ruhe gekommen waren und das Freizeichen ertönte.
    Die Druckwelle der Gasexplosion, die das vierstöckige Gebäude am Rande der Südvorstadt aus den Fundamenten riß, war so heftig, daß im Umkreis von fünfhundert Metern Fensterscheiben zu Bruch gingen.
    Selbst hier - am anderen Ende der Stadt - war der Donner der Explosion, die innerhalb von Sekunden das Leben von fünfzehn Menschen ausgelöscht hatte, noch überaus deutlich zu hören.
    Doch nur in Ludwig Hermanns Ohren klang er wie Musik...

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Schattenbruder

    Der erste Eindruck: reinnehmen.

    Ist wieder mal nicht schlecht, was und wie Du da erzählst.
    Dem Text fehlt ein zügigeres Tempo, anfangs zumindest. Und weil mir dies nicht das erste Mal auffällt, daß Deinen Texten eben anfangs Tempo fehlt, so schlage ich Dir hiermit vor, Deine Erzählhaltung zu prüfen. Du könntest mehr Leser interessieren, wenn Du nicht allzu neutral begönnest/beginntest (?), sondern auktorial loslegst, um dann nachzureichen, zwischenzeilig.
    Du neigst dazu, ganz behutsam und beharrlich die Geschichte erstehen zu lassen. Das sollst Du meiner Meinung nach auch nicht prinzipiell ändern, aber Du könntest eben die Dramaturgie neu entwerfen, von einer behutsamen Entwicklung hin zu einer aus dem Stand. Dann wärest Du nämlich gezwungen, bestimmte Informationen nachzuliefern, behutsam und trocken, wie wir's von Dir kennen, allerdings jetzt unter dem Zugzwang eines sich bereits entwickelt habenden dramatisch Gegenwärtigen. Dadurch entsteht Spannung, denn der Leser besitzt eine Erwartungshaltung, die Du nicht immer erfüllen mußt.


    Konkret: Beginn diese Geschichte mit
    ...schlug Ludwig das Herz bis zum Hals, als er die sechs Ziffern der Safekombination nacheinander einstellte und durch einen
    Druck auf den Wählknauf bestätigte. Kein noch so leises Klicken verriet ihm, ob die vorangegangenen Eingaben korrekt gewesen waren.
    Dann kam der entscheidende Augenblick.

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Schattenbruder

    Hallo Kassandra!


    Im ganzen nicht übel, liest sich flüssig und einigermaßen interessant. Die Sprache ist sehr korrekt und klassisch, aber ein wenig schmucklos, keine Sprache, die ich liebgewinnen kann. Nüchtern, teilweise wie ein Krimi, wo es um die Durchführung des Mordes geht. Die technische Seite des Plans - wie auch viele andere Beschreibungen - wirken präzise, manchmal ohne es wirklich zu sein; denn was ist es nun eigentlich, was Ludwig da aus der Gasheizung und dem Telefon gebastelt hat?
    Inhaltlich geht's ebenfalls recht konventionell zu - keine Geschichte, die mein Leben bereichern würde. Manchmal fehlt es zudem an Motivationen und Anknüpfungen zu Vorausgegangenem. Warum genau bricht der Junge ins Büro ein, warum ist das gefundene Dokument wichtig für ihn? Warum - außer aus allgemeinem Menschenhaß und der lieblosen Krankenhausbehandlung - haßt der Junge die Krankenschwestern so sehr, daß er ihnen gegenüber Mord- und Folterphantasien entwickelt?
    Die Antworten auf einige von Dir vorgetragenen Fragen (Zitat: "Wenn seine Mutter die Besitzerin der Pension war, wieso ließ sie sich dann von Ganschow wie ein Dienstmädchen behandeln? Und warum ergriff sie immer die Partei ihres Mannes, wenn es zwischen Ludwig und seinem Stiefvater Streit gab? Ließ es sogar zu, daß dieses Scheusal ihn schlug? Liebte sie diesen Dreckskerl etwa mehr als ihr eigenes Kind?") wären unter anderem aufschlußreich, um seine offensichtlich ernsthaften Mordabsichten gegen seine Eltern zu motivieren, bleiben aber aus.
    Die Mißhandlung durch den Stiefvater und das unerfreuliche Erwachen im Krankenhaus kommen in der Schilderung relativ gut rüber. Die anschließend beschriebene Krankenhausroutine wirkt auf mich aber so völlig normal, daß ich ihrer nicht bedarf und daß sie außerdem kaum die oben erwähnten extremen Gefühle gegenüber den Schwestern zu rechtfertigen scheint.
    Den Titel - und auch seine Funktion, die reale Existenz des allzu cleveren Bruders in Frage zu stellen - finde ich gelungen.
    Alles in allem ein Text, der sich zwar gut liest und mich auch nicht langweilt, aber am Ende wenig zurückläßt. Ob er in eine Sammlung hineinpaßt, hängt wohl unter anderem von den übrigen Texten ab.
    Ich hoffe, damit kannst Du was anfangen.

    Gruß


    Vincent

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Schattenbruder

    Hallo Vincent und vW,


    leider komme ich erst heute dazu, Eure Statements zu würdigen.


    Vincent hat sicherlich recht, wenn er schreibt, daß der Haß des Jungen nicht ausreichend begründet wird. Das Problem ist, daß die Geschichte aus einem Episodenroman herausgelöst wurde, so daß einige Hintergrundinformationen fehlen.
    Liefere ich diese, wie Vincent fordert, dann wird der Text "erklärungslastig" und genau das Gegenteil von dem, was vW fordert.
    vW möchte einen spannenden Einstieg mit nur beiläufiger Erklärung der Vorgeschichte.
    Beide Forderungen lassen sich kaum vereinbaren.


    Technisch, Vincent, ist der Plan nicht allzu weit hergeholt. Ältere Telefone besaßen noch eine richtige Klingelspule, d. h. wenn man die Kontakte entsprechend verbog, konnte man einen schönen Funkenflug beim Klingeln erzeugen. Ob der ausreicht, um das Luft-Gas-Gemisch zu zünden, habe ich noch nicht ausprobiert, halte es aber für möglich.


    Ich wollte eigentlich auch eher wissen, ob Ihr die Geschichte für tragfähig haltet, oder ob sie zu banal ist.


    Ach ja, und die (mühsam erzeugte) Doppelung der Vornamem hat wohl niemand bemerkt?


    Viele Grüße
    K.


    [Diese Nachricht wurde von kassandra am 17. Dezember 2000 editiert.]

  5. #5
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    AW: Schattenbruder

    Hallo Kassandra,


    Du möchtest (noch genauer) wissen, ob Deine Geschichte tragfähig ist? Oder zu banal? Nun, das hängt nicht nur vom Inhalt ab, sondern auch von der Präsentation. In der vorliegenden Form würde ich sie für zu banal halten, um allein stehen zu können. Als eine Station in einem Episodenroman kann ich sie mir schon eher vorstellen, würde aber trotzdem mehrere konkrete Verbesserungen vorschlagen:

    1. Ein Einstieg mit mehr Pep, wie von Wolkenstein fordert. Die Erklärungen (z.B. über die Büro-Gewohnheiten des Stiefvaters) könnte man kürzer und brisanter bringen, indem diese Dinge z.B. dem Protagonisten nervös und leicht ungeordnet in den Kopf kommen, während er dabei ist, den Safe zu öffnen.
    2. Die Motivationsprobleme (in meinem letzten Beitrag angesprochen) sollten gelöst werden, ob nun innerhalb der Geschichte, sofern sie allein steht, oder auch außerhalb durch vorausgegangene Episoden, die entsprechende Erklärungen liefern.
    3. Insgesamt könnte die Sprache für meine Begriffe mehr Esprit gebrauchen, die nüchterne Wiedergabe von Handlung sollte sich weitgehend auf die (möglichst kurze & treffende) Beschreibung technischer Vorgänge beschränken. Ich könnte mir vorstellen, daß von Wolkensteins Forderung nach "mehr Tempo" das gleiche Gefühl beim Lesen zugrunde liegt wie meiner Forderung nach mehr Esprit in der Sprache. Der Text ist nicht schlecht erzählt, sondern durchaus korrekt, aber sehr, sehr nüchtern.

    Die Qualität eines beliebigen erzählenden Textes kann enorm ansteigen, wenn die Handlung in einer leckeren, knackigen Sprache präsentiert wird (die natürlich jeweils zum Text passen muß); auf diese Weise kann fast alles zu kunstvoller Literatur werden, die man - fast schon unabhängig vom Inhalt - mit Genuß liest. Wenn Du ein Beispiel dessen möchtest, was ich unter sprachlichem Esprit verstehe, dann nimm die "Eberling"-Geschichte von Mark. Sie lebt von der Sprache, in der Sprache, weniger von der Handlung, und ich lese und genieße sie vor allem wegen der opulenten sprachlichen Gestalt.
    Es ist ein bißchen gefährlich, so zu schreiben, denn manchmal schlägt man über die Stränge, übertreibt auf unangemessene Weise, aber das kann dann durch die Kritik von außen korrigiert werden. Du wirst sicher nicht in ein solches Extrem verfallen wollen, und dazu besteht ja für Deine Geschichte auch keine Notwendigkeit. Aber einen Schritt in diese Richtung empfehle ich Dir schon.

    Gruß,


    Vincent

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