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Thema: Ein Liebesbrief

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post Ein Liebesbrief

    Mit in Südfrankreisch possiblen Hitzegraden geliebte Deborah! Ich wähle, nicht willkürlich, diesen Namen für Dich, weil er exzellent zu Deinem rotschimmernden Haar paßt: De bo rah, do re mi geschnitten, gesteigert in drei Stufen; und Deinen wahren Namen durfte ich doch nie erfahren.


    Deborah, Du erinnerst Dich sicher der drei Sekunden... ja, genau heute vor vierunddreißig Jahren auf dem Blumenmarkt in Menton - oder waren es vielleicht sogar unzählige Ewigkeiten, nicht meßbare Zeitspannen, in denen Planetensysteme implodierten und Eintagsfliegen ihr Leben genossen? - also genau diese drei Sekunden, während der ich mich in Deinen Augen finden durfte... nachdem Du Dich umgedreht hast. Du erinnerst Dich, und auch mir waren diese drei schönsten Sekunden meines Lebens in den faden Sekunden, die folgten und folgten, stets bewußt.
    Du, seitdem und für immer mein Weg und mein Ziel, warst von Metzgern in blutigen, ehemals grau-blau karierten Kitteln umgeben. Bitte erklär mir, mein brennendes Herz, was verdammt noch mal blutige, rohe Metzger auf dem Blumenmarkt und in Deiner Nähe zu suchen hatten. Einer trug einen Hammel auf seiner linken Schulter, den Hintern des nackten Tieres, die Keulen, mir zugewandt, und die Köpfe der Schlachter, Schweinsköpfe, verdeckten fast Dein eigen Feenhaupt. Aber nur fast, denn Dein Nacken, und in einem Nacken steckt auch eine gehörige Portion nackter Sinnlichkeit, sog meine Blicke.
    Habe ich die Wahl zwischen einer Frau und einer Hammelkeule - ich spreche nicht von einer faden Lammkeule, von Teenager-Fleisch, einem Nichts gegen den aufregenden, Burgunder und Knoblauch fordernden Geschmack eines herrlich marmorierten Schlegels von einem auf Salzwiesen fressenden mouton -, dann wähle ich für gewöhnlich und ohne zu zögern das sinnliche Tier. Dazu ein Spinat aus jungen Brennesseln und Löwenzahnblättern, fingerdicke Nudeln in Rosmarinbutter und... lecker... wo war ich?
    Ach ja, Dein Haaransatz, Dein zarter Nacken sog, bannte meine Blicke, sie bohrten mit Glut, und Du, einzige Frau in meinen liederlichen Träumen, mußt dieses Feuer gespürt haben. Du drehtest Dich halb, zeigtest mir das Antlitz einer Lichtgestalt, und in Deinen Augen von der Farbe einer reinen salsa verde las ich unsere Geschichte: Die Schöpfung war wohlgeraten, Welt und Schatten, Erde und Phantasie. Es war gelungen, wie Ihm alles gelang. Alles war schön, entsetzlich schön, alles war entsetzlich langweilig, und nur um für ein bißchen Abwechslung zu sorgen in der ewigen Güte, erschuf Er aus Seinem Willen einen Mann und eine Frau. Er setzte sie einzeln in einen paradiesischen Garten zwischen zwei Flüssen, eine Insel, und hieß sie, sich zu finden.
    Bäume, die zugleich blühten und trugen, sorgten für Nahrung und den notwendigen Schatten der Entspannung; wiesen aber keinen Weg. Bäche und Seen, die tränkten und belebten, behielten und zeigten kein Bild des Gesuchten. Der Garten war riesig, und Mann und Frau fanden nicht zueinander.
    Der Mann, zornig bald, denn er spürte das Drängen des Triebes, versuchte seinen Verstand und die Regeln zu gebrauchen, forstete mit System durch das Paradies. Die Frau jedoch, ebenfalls von Verlangen erfüllt, setzte sich in die Feuchte einer Wiese und beobachtete die Gründe für die Paarung der Tiere. Sie erkannte und begann Spuren zu legen. Sie sang ihre schönsten Lieder und verriet sich so dem Ohr des gebannten Lauschers. Sie bereitete und hinterlegte gut schmeckende Nahrung und entzückte damit den Magen der herumirrenden Drohne. Und endlich preßte sie mit ihrer ganzen Nacktheit ein berauschendes Aroma in den Wind und lockte ihn somit auf den richtigen Pfad.
    Sie fanden zusammen, und er nannte ihr seinen Namen: "Ich bin H., was soviel heißt wie: Ich bin es nur!" Sie, die Leidenschaft, das Stöhnen und Seufzen, der starke Wind, die Sinnlichkeit, tiefe Freude und Tränen, sagte den ihr...
    Du warst verschwunden! Himmel, Herrgott, der alles hier erschaffen hat, Du warst verschwunden! Der Hammelarsch auf der linken Schulter jener Blutsau kippte nach oben und verbarg Deine Antwort!
    Und es wäre so schön gewesen, heute, nach genau vierunddreißig Jahren, diesen Brief hier mit Deinem richtigen Namen zu schmücken; den Brief, den ich dem Mittelmeer schenken möchte, dessen Wellen ich gerade zähle.


    H.


    P.S.: Ich wünsche Mir und Dir, daß Du auch im nächsten Jahr, dem fünfunddreißigsten unserer wundervollen Beziehung, genauso jung und unverdorben von den Wirren des Lebens bleibst; so wie Du für mich immer in meiner Erinnerung lebst. Ich wünsche Dir das, weil ich es einfach nicht ertragen könnte, ein weiteres potthäßliches und total versoffenes Weib in meinem Bett der Phantasien herumliegen zu haben.

  2. #2
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Ein Liebesbrief

    laclos?


    gelegentlich untiefen des seelischen auslotend, dennoch den grad innrer verschmutzung nicht kaschierend könnend, so stampfe ich durch das irrlicht deiner wähnungen.
    ich las im angesicht des schimmernden kerzenlichts von den wirrungen des herzens, den dreistufig ungeraden bemühungen, im vater, sohn und nachgeborenen das feuer einer leidenschaft zu entfachen, das nur im entfachen, nicht aber im unterhalten bestand; allein, mein lieber freund, ich gerate zunehmend in den sog einer mißallianznen (wow!) krudität des ungefälligen.

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Ein Liebesbrief

    War ja auch nich für einen Mann, wirklich nich für einen Mann... ne, mehr für ein zartes Wesen mit super Gefühl. Laß doch mal ne richtige Frau ran... keine Blonde, dann wirste schon sehn... ja, was eigentlich? Aber das mit dem Hammelarsch stimmt auch für Dich... echt lecker!
    Nebenbei Eddilein: Do You remember? Gegongt? Was is mit Deiner Bon-Bon-Geschichte, auf die ich mich verlassen habe??

  4. #4
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Ein Liebesbrief

    Eine der besseren Geschichten unseres Hannemännles. Da greift einer in die leere Betthälfte und träumt sich aus dem Gespinst der Nacht eine Eule.


    Das DU und seine Deklination stehen hier zu sehr im Vordergrund, ungefähr fünfzehn streichen, meine ich. Dann wird's erträglicher, denn der Faden ist da, abgetroddelt jedenfalls und sparsam in seiner Leuchtkraft im Labyrinth unserer Wünsche. Phantasie ersetzt, was nicht dasteht. Das aber ist hier gut.

    P.S. Schade, daß Du das nicht für mich schriebest.

  5. #5
    Klaus
    Laufkundschaft

    Post Liebesbrief eines Staatsanwalts

    Geliebte, Du hast mich mit Deiner Schönheit geblendet (§ 223 StGB "Körperverletzung") und mich zur Liebe verführt (§ 182 StGB).
    Ich war wie berauscht (§ 223a StGB "Vollrausch" und § 316 "Trunkenheit im Verkehr") und ich dachte, ich müsste explodieren (§ 310b StGB "Herbeiführen einer Explosion durch Kernenergie").

    Ich bin Dir völlig ausgeliefert (§ 178 StGB "Sexuelle Nötigung") und bin nicht mehr Herr meiner selbst (§ 239 StGB "Freiheitsberaubung").

    Du hast mir meinen Verstand geraubt (§ 249 StGB) und mein Herz gestohlen (§ 248a StGB "Diebstahl und Unterschlagung geringwertiger Sachen").

    Dabei war mein Verlangen bereits abgestorben (§ 168 StGB "Störung der Totenruhe"), doch dann bist Du in mein Leben eingebrochen (§ 124 StGB) und hast meine Ruhe gestört (§ 125 StGB).

    Doch nachdem ich völlig entflammt war (§ 308 StGB), hast Du mich mit dem Milchmann betrogen (§ 263 StGB "Betrug" und § 266 StGB "Untreue") und mir damit alle meine Lebensenergie genommen (§ 248c StGB "Entziehung elektrischer Energie") und das trotz all Deiner Versicherungen (§ 265 StGB). Dabei hattest Du bei mir einen Kredit auf Lebenszeit (§ 265b StGB)!

    Du hast mich einfach so beiseite geschoben (§ 326 StGB "Umweltgefährdende Abfallbeseitigung"), spieltest aber weiterhin mit mir (§ 327 StGB "Unerlaubtes Betreiben von Anlagen")!

    Ist das Dein Lohn (§ 266a StGB "Vorenthalten und Veruntreuen von Arbeitsgeld") oder hast Du etwa nur mit mir gespielt (§ 284 StGB "Unerlaubte Veranstaltung eines Glückspieles")? Ich weiß wirklich nicht mehr, wo mir der Kopf steht (§ 303 StGB "Sachbeschädigung" und § 305a "Zerstörung wichtiger Arbeitsmittel")!

    Du hast mein Leben vergiftet (§ 330a StGB "Schwere Gefährdung durch Freisetzen von Giften")! Gib mir mein Herz zurück (§ 290 StGB "Unbefugter Gebrauch von Pfandsachen" und § 323b "Gefährdung einer Entziehungskur")!

    Bleib mir treu! (§ 240 StGB)

    Dein Klaus

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