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Thema: Grenzgänger

  1. #1
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    Post Grenzgänger

    Grenzgänger ich,
    der die Gefühle vorbei-
    schmuggelt zur Norne,
    der Allesvertilgerin.


    Im Grenzfluß, beim
    schiffbaren Rest
    vor dem Schlagbaum
    umwate ich Antworten.


    Vermesse das Land
    zu einer Karte, die wahr sagt,
    ein Tauschorakel, zu dem
    ich ging.


    Sie sagt: hier bist du.
    Aber ich bin da.

  2. #2
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    AW: Grenzgänger

    das beste, was ich von Dir kenne, Lester. Ich bin schwer beeindruckt.
    vor allem das ende!..

  3. #3
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Grenzgänger

    Nornen hatten wir noch nicht. Schön.


    Worin ihr Wesen liegt, wurde ich vor Zeiten gefragt. Es muß diese Not zur Handlungsunfähigkeit sein, die sie allegorisieren.
    Du schaffst ihnen ein griechisches Ambiente, eine Insel der Seligen, ein Schiff aber fehlt im Gedränge. Fiel's dem Sturm zum Opfer?


    Das Orakel ist nicht zu nennen. Es verwischt die Stringenz. Bleiben wir bei den Nornen, wobei ich fragen möchte, ob wir sie als Nornen oder Parzen oder Moiren begreifen sollen?


    Oder hat hier gar ein quasiatheistischer Wagner seine Finger im Spiel?

  4. #4
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    AW: Grenzgänger

    Ein sperriges Gedicht, das sich erst nach mehrmaligem Lesen öffnet.
    Aber dann richtig.
    Griechisch, Ed? Ich sehe Gischt/grau. Und eine Diskrepanz zwischen gefühlsgeladener Sprache und karger Emotionalität - die mir gefällt-

    it


    (aber passt nicht zu den Wörtern in der Hyperfiction - leider)

  5. #5
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    Smile AW: Grenzgänger


  6. #6
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    AW: Grenzgänger

    Danke iodin, Lob ist wichtig (macht hoffentlich nicht blind).


    Ed: gemeint war schon eine der drei Nornen. Aber interessant sind auch die Moiren: Zeus konnte, wie man weiß, Unsterblichkeit geben, wem er wollte, nur nehmen konnte er sie nicht, zu dem Behuf mußte er zu den Moiren gehen, die konnten das, taten es in der Regel aber nicht. Schön die Geschichte als Eos den Tithonos liebte und für ihn bei Zeus Unsterblichkeit erbat und erhielt aber vergaß auch für ewige Jugend zu sorgen. Und Tithonos wurde alt und hinfällig, ein Gespött, er faulte und stank, es war unerträglich, selbst der Hades weigerte sich, ihn zu nehmen- aber er war unsterblich. Schließlich ging Ganymed, Tithonos Bruder, zu
    Zeus: nimm ihm die Unsterblichkeit. Aber es war unmöglich, Zeus konnte nicht. Dann kam auch Eos zu Zeus mit der gleichen Bitte. Schließlich ging Zeus zu den Moiren. Und sie, die schrecklichen Schwestern, hatten ein Einsehen: Tithonos dürfe sterben, aber er müsse es wünschen. Aber Tithonos wollte nicht. Was aus ihm wurde ist nachzulesen bei Franz Fühmann: Der Geliebte der Morgenröte.


    it: sperrig? Bin mir nicht sicher, ob das negativ zu sehen ist - aber es vergrault Leser (in der ersten Version war noch eine 'Narrenorche', hab mich aber dessen entschlagen und gehofft, nun wär es nicht mehr so 'sperrig').


    Doderer: wie machst du das mit den smilies? Ansage frisch!
    Hyperfiction, hm, ich denk mal drüber nach.


    Lester

  7. #7
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Grenzgänger

    Hallo lester! Daß Du Fühmann nennst, erfreut mich ungemein. Bist Du ein Badenser? Ein neulicher.


    Ich sehe die Funktionalität der Moiren in einem noch weiter gespannten Kontext: Sie beherrschen Zeus! Und sie sind eigentlich die Herrscher der Zeit, ein factum, dem sich alles unterwerfen muß, nur sie nicht. Aber wer lenkt die Moiren? Wer lenkt Lachesis, Atropos und Klotho. Kurze Erklärung aus Platons STAAT über das Wesen von Verantwortlichkeit und Zeit: (617 e) "Der Dämon kürt nicht Euch, sondern Ihr wählt einen Dämon; die Verantwortung trägt, wer wählt, Gott trägt sie nicht."


    Platon benutzt aus der Frühzeit eine Vorstellung über das Schicksal, nach welcher die drei Töchter des Zeus und der Themis (als Göttin des gesetzten, ewigen Rechts), Klotho, Atropos und Lachesis (die sogenannten Moiren) an der Weltachse sitzen und die Lebenslose spinnen. Die Griechen stellten sich die Weltachse als eine sich drehende Spinnachse vor, an dessen einem Ende Klotho (zu deutsch: die Spinnende) den Faden spinnt und an dessen anderem Ende Atropos (zu deutsch: die Abschneidende) diesen abschneidet, so daß er in den Schoß der in der Mitte sitzenden Lachesis (zu deutsch: die Zuweisende; nicht zu verwechseln mit Ananke) fällt, aus welchem dann die Seelen ihr Lebensglück ziehen.


    Sie sind die Herrscher der Welt. Sie bestimmen, wann wer zu gehen hat. Und es wird noch materialer (mutterdienstlicher), sie selbst sind entsprungen der Dike und der Themis, zwei Rechtsbegriffen, einer unbestimmt, einer verifizierbar durch die Vernunft, die Athene -das ist eine wichtige Frage, die ich so beantworte(?)- ausschenkte. Wo sind die Männer? Zeus ist quasi der Leihvater, denn seine Macht -zeus definiert sich nur ueber Macht- über seine Töchter ist nicht existent, sie bestimmen auch über ihn, wissen wohl aber, daß sie, wenn sie den Vater töten, das Weltall zusammenstürzt. Aber ist es das wirklich?


    Zurück zu dem Bestand des Seins in den Moiren: Recht und Zeit sind die Konstanten des Menschen, beide sind weiblich. Und jetzt setz ich noch einen drauf: Diese griechischen Gottheiten sind germanischen Ursprungs! Bei unseren Vorfahren war es die Weltenesche, deren Wurzelwerk die Fäden lieferte... Und die Germanen waren Patriarchen, die Protogriechen dagegen Matriarchen. Verwirrend und herrlich. Phantasieanregend.


    Aber zurück zu Deinem Text:



    • Grenzgänger - assoziiert Wiedergänger
    • Grenzfluß - trägt die Welten durch die Scheide an aller Zeitlichkeit
    • Schlagbaum - übertrieben
    • Tauschorakel - hängt in der Luft, da uneingeleitet und den Rahmen verwischend




    Über diese Dinge laß uns reden!

  8. #8
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    AW: Grenzgänger

    Was ist ein Grenz-Gänger? Ein Gratwanderer? Hier ging es um iodins Fragetasche. Was er nicht weiß. Soll ich antworten..auf Fragen antworten?
    Lassen Sie mich antworten, nur dass ich Ihnen schreibe. Vielleicht auch, als ich auf jenes Ferne und Besetzbare zuzuhalten versuchte, das schließlich ja doch nur in Ihrer Gestalt sichtbar wurde. Erinnern Sie sich? Einmal waren wir auch, von der den Dingen und der Kreatur gewidmeten Aufmerksamkeit her, in die Nähe eines Offenen und Freien gelangt. Und zuletzt in die Nähe der Utopie. Ich bin ... mir selbst begegnet. Sind diese Wege nur Um-Wege, Umwege von Dir zu Dir? Aber es sind ja zugleich auch, unter wie vielen anderen Wegen, Wege, auf denen es stimmhaft wird, es sind Begegnungen, Wege einer Stimme zu einem wahrnehmenden Du, kreatürliche Wege, Daseinsentwürfe vielleicht, ein Sichvorausschicken zu sich selbst, auf der Suche nach sich selbst... Eine Art Heimkehr.
    Diese Unendlichsprechung von lauter Sterblichkeit und Umsonst!


    Paul

  9. #9
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Grenzgänger

    ..beim Werfen der Stäbchen öffnet sich das Buch und fragt nach Antworten, zu denen ich gehen könnte, lauscht den Horizont hinab, sucht das und auch das, das, zu denen ich ging, hofft auf mein Zustimmen, Nicken. Ein Tauschorakel kann auch ein Gruß sein.


    ..was fehlt noch? Grenzfluß, Schlagbaum. Ich denke drüber nach. Aber ist so offensichtlich.

  10. #10
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    AW: Grenzgänger

    Sichvorausschicken gefällt mir. Ein Grenzgang, ein Grenzübergang. Wenn ich an den Weg zu meiner Liebe denke, dann muß ich das zugeben: einen geraden Weg will ein Mensch von Geist doch gar nicht. Liebe ist immer ein Sichübertreffen, ein Grenzenübergehen.

    Das scheint mir eines von Leicesters Themen zu sein: Charon und der Weg von Ichts zum Nichts. Tatsächlich nichts?

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