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Thema: Weil es hier so ruhig ist...

  1. #1
    zuz
    Laufkundschaft

    Post Weil es hier so ruhig ist...

    Aus: "Die kleinen Geschichten"


    Bücher! Ich interessierte mich nicht für Bücher, aber er schickte mir Bücher. Jedes Jahr. Keine Puppen mit lustigen Locken, keine Karten mit bunten Blumen, keine Briefe. Nein. Er schickte mir Bücher. Ich wußte nicht, warum er das tat. Vielleicht wollte er mir mit den Büchern etwas sagen. Vielleicht wollte er mich mit den Büchern erziehen. Ich weiß es nicht. Ich habe keines der Bücher gelesen. Ich riß ihnen die Seiten heraus und baute daraus kleine Papierschiffchen, Flugzeuge, Schmetterlinge und Blumen, die ich mit dicken Filzstiften anmalte.


    Die Papierschiffchen versenkte ich im Teich, die Flugzeuge ließ ich im Garten abstürzen und verbrannte sie mit den Streichhölzern, die ich aus dem Nachttisch meiner Großmutter gestohlen hatte. Nur die Schmetterlinge und die Blumen packte ich zusammen mit meiner Mutter im Winter in einen großen Umschlag und schickte sie ihm zum Geburtstag. Im Frühjahr, das wußte ich, würde ich wieder ein großes Paket mit Büchern bekommen.


    Aber der Frühling war immer anstrengend und aufregend für mich. Ich hatte keine Zeit, um Papierschiffchen, Flugzeuge, Schmetterlinge oder Blumen zu machen. Ich erkundete den Garten, den Teich, die Blumen und vor allem die Insekten, die sehr beschäftigt schienen und eilig durch das Gras krabbelten oder nervös über den Teich und von einer Blume zur nächsten summten. Ich fiel in einen Ameisenhaufen und meine Mutter beschmierte mich mit warmen, stinkenden Zwiebeln und wickelte mich in feuchte Handtücher. Zu meinem Geburtstag bekam ich ein Fahrrad mit einem hellblauen Lenkrad, und - Bücher. Manchmal blätterte ich ein wenig in ihnen, suchte nach Bildern, fand keine und ließ sie achtlos und aufgeschlagen auf den Boden fallen, lief mit nackten, schmutzigen Füßen über die schwarzen Druckbuchstaben und hinterließ kleine, braune Abdrücke auf den Seiten.


    Später, im Sommer oder vielleicht auch erst im Herbst, fing ich wieder an, die Seiten aus den Büchern zu reißen, um Papierschiffchen, Flugzeuge, Schmetterlinge und Blumen zu machen, aber es machte mir keinen Spaß mehr, die Filzstifte trockneten aus und wurden langweilig. Also schickte ich ihm nichts mehr zum Geburtstag und hätte ihn eigentlich auch ziemlich schnell vergessen, wenn er mir nicht weiterhin, jedes Jahr, diese Bücher, für die ich mich nicht interessierte, geschickt hätte. Ich packte sie in Kartons und stellte sie in den Schuppen, wo es reinregnete, und ihre Seiten wellten sich von der Feuchtigkeit und fingen an zu schimmeln.


    Im Frühjahr bekam ich wieder ein Paket mit Büchern. Aber der Frühling war immer noch anstrengend und aufregend für mich. Ich warf die Bücher in eine Ecke meines Zimmers und verbrachte den Tag damit, den dunkelhaarigen Jungen von nebenan zu beobachten. Ich versteckte mich hinter den Brombeerbüschen und betrachtete ihn aus sicherer Entfernung durch das dichte Geäst. Er lag immer auf einer roten Decke, las in einem dicken Buch und hatte nur eine Shorts an. Er war dünn und sehr braun. Er war interessant.


    Wir küßten uns. Ein Jahr später, glaube ich. Er hielt mich in seinen dünnen Armen und meine Finger verloren sich in seinem dunklen Haar. Er flüsterte meinen Namen und gab mir noch eine Menge neue Namen, die ich nicht mochte oder haßte. Aber er war nett und wirkte irgendwie klug. Wir gingen gemeinsam ins Freibad und er sagte mir, wie hübsch ich sei, und daß er meine grünen Augen mochte. Und zu meinem Geburtstag schenkte er mir - ein Buch. Ich lächelte und bedankte mich und küßte ihn und lächelte. Aber seitdem fand ich ihn seltsam. Er erzählte mir von den Büchern, die er las, wenn er im Garten auf der roten Decke lag und nur eine Shorts anhatte. Er erzählte mir Geschichten, die ich nicht verstand und die mich nicht interessierten. Ich stellte mir vor, daß es keinen Unterschied machen würde, ein Buch zu lesen oder ihm zuzuhören. Also hörte ich auf, ihm zuzuhören und beobachtete, wie sich seine Lippen bewegten, wenn er sprach und wenn er lächelte. Er zog den rechten Mundwinkel hoch, wenn er lächelte, ich erinnere mich - ich fand es schön.


    Im Winter lagen wir in seinem Zimmer auf dem Boden und starrten an die Decke, ohne sie anzusehen. Er sagte zu mir, daß es die kleinen Geschichten seien, die er mochte, keine langen, aufwendig konstruierten Geschichten, nein, die kleinen Geschichten, die nur von sich selber erzählten und hinter denen man keine verborgenen, großen Geschichten vermuten mußte. Er erklärte, daß er die Geschichten über die alltäglichen Dinge des Lebens mochte, keine außergewöhnlichen, einzigartigen Handlungen und ich dachte darüber nach, was die alltäglichen Dinge des Lebens seien und ob sie mich interessierten. Dann drehte er sich zu mir, sah mich an und fragte mich, woran ich denken würde und ich antwortete, daß er mich nicht mehr interessierte. Ich stand auf, stieg über ihn und ging nach Hause.


    Im Frühjahr bekam ich kein Paket mit Büchern. Ich wunderte mich ein wenig, aber beschloß, der Sache nicht weiter nachzugehen, denn schließlich interessierten mich die Bücher ja nicht. Aber ein Frühling ohne Bücher fühlte sich seltsam an. Ich lag im Garten auf dem Rücken und starrte in den Himmel. Ich hatte nichts zu tun. Ich beobachtete ein paar Insekten, doch sie langweilten mich. Dann ging ich in den Schuppen, nahm ein paar Bücher, riß ihnen die verschimmelten Seiten heraus und baute daraus kleine Papierschiffchen, Flugzeuge, Schmetterlinge und Blumen. Aber es machte keinen Spaß mehr, die Papierschiffchen zu versenken oder die Flugzeuge abstürzen zu lassen und meine Großmutter war mittlerweile gestorben. Schließlich steckte ich die Schmetterling und Blumen in einen großen Umschlag und schickte sie ihm. Er hatte in dieser Jahreszeit keinen Geburtstag, das wußte ich.


    Und dann, plötzlich, unerwartet, bekam ich eine Karte, auf der ein Schwarzweißphoto von einem Blumenstrauß zu sehen war. Ich glaube, es waren Tulpen, schwarze Tulpen, aber ich bin mir nicht sicher. Seine Frau hatte mir geschrieben. Er war gestorben. Ich ging zu seiner Beerdigung. Ich stand an seinem Grab. Ich weinte nicht. "Weißt du", sagte ich, "ich interessiere mich nicht für Bücher."

  2. #2
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Weil es hier so ruhig ist...

    nö. kein böses wort.


    wieso auch?


    ich finde die geschichte ganz gut.


    das lenkrad am fahrrad stört mich ein wenig. hört sich nicht lenker oder lenkstange o. ä. besser an?


    nur so: gehe ich richtig in der annahme, daß "er" der vater ist?

  3. #3
    zuz
    Laufkundschaft

    AW: Weil es hier so ruhig ist...

    Hallo Bo!

    Ja, "Lenker" hört sich besser an.


    Du hast Recht, "er" ist der Vater. Allerdings wird das erst in einer anderen Geschichte wirklich deutlich. Die Beziehung zwischen dem "Ich" und "ihm" (der die Bücher schickt) habe ich in dieser Geschichte nicht konkret festgelegt.

    Liebe Grüße,
    Zuz

  4. #4
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Weil es hier so ruhig ist...

    Ach, so geht es uns immer, uns intellektuellen! Kaum erzählen wir mal was interessantes, laufen uns die chicks weg


    Schöne Geschichte, die gefällt mir. Sie hat so schöne unterirdische verbindungen, die man nur erahnen kann, aber ich wäre nicht ich, hätte ich nich ein bißchen was zu nörgeln:

    die Blumen packte ich zusammen mit meiner Mutter im Winter in einen großen Umschlag und schickte sie ihm zum Geburtstag


    Das klingt, als würde sie die Mutter auch mit einpacken..

    Aber er war nett und wirkte irgendwie klug, irgendwie, ist verboten.

    Da muß man schon präziser sein.

    Ich lächelte und bedankte mich und küßte ihn und lächelte. und küßte ihn?

    keine langen, aufwendig konstruierten Geschichten
    ich finde, konstruiert paßt nicht zum restlichen stil. Aber vielleicht redet der junge ja so, der kleine intellektuelle

  5. #5
    zuz
    Laufkundschaft

    AW: Weil es hier so ruhig ist...

    Hey Iodin!

    Schön, dich hier anzutreffen...

    "...uns Intellektuellen"? Habe ich da etwas verpasst?


    - tja, ich glaube, dann muß ich die Mutter aus dem Spiel lassen...

    - "irgendwie" ist verboten? Das sehe ich nicht so. Und was heißt hier präziser?
    Mein "fiktives Ich" weiß nicht, warum er klug wirkt, und ich glaube auch nicht, daß "es" sich damit so sehr auseinandersetzt - er wirkt halt nur "irgendwie" klug.

    - und wieso darf denn nicht geküßt werden? Das hätte ich gerne etwas präziser.

    - über konstruiert denke ich noch mal nach.


    Liebe Grüße,
    Zuz

  6. #6
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Hübsch.
    Ein Textlein über die Gewalt kindlicher Phantasie. Oder sollte ich sagen, die Maßlosigkeit?
    Der Aufbau ist einfach, aber hier adäquat. Die Sätze sind nicht hingeschludert, sondern berühren die Weite eines Wortfeldes. Das gefällt mir.


    ein Satz wie
    Aber ein Frühling ohne Bücher fühlte sich seltsam an.
    will erst einmal erdacht sein. Da muß schon eine Grundierung vorhanden sein, ein Grund, der mich neugierig macht. Vorsichtig geworden frage ich an, ob der Satz eventuell..
    Man müßte ein wenig kürzen, hier und da einem Gedanken mehr Longe geben, doch die Tendenz des Schreibens behagt mir. Also, ich frage Dich, ob Du zu einer Exkursion in die Tiefen Deines eigenen Textes bereit bist!

  7. #7
    zuz
    Laufkundschaft

    AW: Weil es hier so ruhig ist...

    Leider bin ich nicht so gut im Gedankenlesen, also trau dich ruhig und frag richtig.




    Liebe Grüße

  8. #8
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Weil es hier so ruhig ist...

    Wo bleiben die besonderen Beobachtungen?

    Der Junge von nebenan. Ich habe das Gefühl, es gibt ihn, aber zugleich steht er nicht vor meinem Auge, ist eher in einiger Entfernung. Hol ihn mir doch mal näher heran! Wie? Indem Du ihm einen besonderen Anstrich verpaßt. Laß ihn schniefen oder popeln oder ein Bein nachziehen. Dünn und braun sind sie alle.


    Ja, später. Später beschreibst Du ihn. Du reichst nach. Das ist wie ein Nachschlag zu einem Salat als Hauptgang. Ich will aber keinen Nachschlag als Hauptgang.


    weiß noch nicht so recht, welche Sprache Du sprichst. Es ist eigentlich recht gut, was Du da schreibst, aber es ist auch recht flachbrüstig; will mehr Klippen. Weißt Du etwas von Klippen beim Schreiben, Suse?

  9. #9
    zuz
    Laufkundschaft

    AW: Weil es hier so ruhig ist...

    Original erstellt von Robert:
    Der Junge von nebenan. Ich habe das Gefühl, es gibt ihn, aber er steht nicht vor meinem Auge, ist eher in einiger Entfernung.

    Das finde ich gut, schließlich erinnere "ich" mich an ihn und manche Erinnerungen verblassen mach einiger Zeit.


    Aber laufe ich bei näherem Heranholen nicht Gefahr, ihn zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen?


    Dünn und braun sind sie alle.

    Eben.




    Weißt Du etwas von Klippen beim Schreiben, Suse?



    Nein, Robby. Aber ich bin ganz Ohr (oder Auge?)...


    Liebe Gr??e,
    Zuz

  10. #10
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Weil es hier so ruhig ist...

    1. Wie macht man Schmetterlinge?


    2.
    Also schickte ich ihm nichts mehr zum Geburtstag und hätte ihn eigentlich auch ziemlich schnell vergessen, wenn er mir
    nicht weiterhin, jedes Jahr, diese Bücher, für die ich mich nicht interessierte, geschickt hätte.

    Das ist kein Zeugma. Das ist schlechter Stil, wenn Du einem Verb zwei Verrichtungen zuweist.


    3.
    Ich glaube, es waren Tulpen, schwarze Tulpen, aber ich bin mir nicht sicher. Seine Frau hatte mir geschrieben. Er war gestorben. Ich ging zu seiner
    Beerdigung. Ich stand an seinem Grab. Ich weinte nicht.



    Als Idee brauchbar, die Handlungen an kurze Sätze, quasi syndetische Reihungen zu klammern; allerdings mueßtest Du hier die Logik einhalten, im Vorpreschen nicht die Phantasie des Lesers überbeanspruchen. Ein kurzer Einhalt wäre hier Gold wert. Genauer: Eine Allegorie wie die SCHWARZE TULPE muß angehalten sein, im Leser nachzuwirken. Du müßtest hier etwas Futter bei di Fische geben. Das nennt man verdichten, wenn's klappt, hermetisch, wenn's nicht klappt. Willst Du einen hermetischen Text schreiben oder verständlich sein?

  11. #11
    zuz
    Laufkundschaft

    Post AW: Weil es hier so ruhig ist...

    Du bist ja ganz schön frech.


    Also gut, Robi, Herzchen, ich versuche mal ein kleines Experiment:


    Bücher! Ich interessierte mich nicht für Bücher, aber er schickte mir Bücher. Jedes Jahr. Keine Puppen mit lustigen Locken, keine Karten mit bunten Blumen, keine Briefe. Nein. Er schickte mir Bücher. Ich wußte nicht, warum er das tat. Vielleicht wollte er mir mit den Büchern etwas sagen. Vielleicht wollte er mich mit den Büchern erziehen. Ich weiß es nicht. Ich habe keines der Bücher gelesen. Ich riß ihnen die Seiten heraus und baute daraus kleine Papierschiffchen, Flugzeuge, Schmetterlinge und Blumen, die ich mit dicken Filzstiften anmalte.


    Die Papierschiffchen versenkte ich im Teich, die Flugzeuge ließ ich im Garten abstürzen und verbrannte sie mit den Streichhölzern, die ich aus dem Nachttisch meiner Großmutter gestohlen hatte. Nur die Schmetterlinge und die Blumen packte ich im Winter in einen großen Umschlag und schickte sie ihm zum Geburtstag. Im Frühjahr, das wußte ich, würde ich wieder ein großes Paket mit Büchern bekommen.


    Aber der Frühling war immer anstrengend und aufregend für mich. Ich hatte keine Zeit, um Papierschiffchen, Flugzeuge, Schmetterlinge oder Blumen zu machen. Ich erkundete den Garten, den Teich, die Blumen und vor allem die Insekten, die sehr beschäftigt schienen und eilig durch das Gras krabbelten oder nervös über den Teich und von einer Blume zur nächsten summten. Ich fiel in einen Ameisenhaufen und meine Mutter beschmierte mich mit warmen, stinkenden Zwiebeln und wickelte mich in feuchte Handtücher. Zu meinem Geburtstag bekam ich ein Fahrrad mit einer hellblauen Lenkstange, und - Bücher. Manchmal blätterte ich ein wenig in ihnen, suchte nach Bildern, fand keine und ließ sie achtlos und aufgeschlagen auf den Boden fallen, lief mit nackten, schmutzigen Füßen über die schwarzen Druckbuchstaben und hinterließ kleine, braune Abdrücke auf den Seiten.


    Später, im Sommer oder vielleicht auch erst im Herbst, fing ich wieder an, die Seiten aus den Büchern zu reißen, um Papierschiffchen, Flugzeuge, Schmetterlinge und Blumen zu machen, aber es machte mir keinen Spaß mehr, die Filzstifte trockneten aus und wurden langweilig. Also schickte ich ihm nichts mehr zum Geburtstag. Ich packte die Bücher in Kartons und stellte sie in den Schuppen, wo es reinregnete, und ihre Seiten wellten sich von der Feuchtigkeit und fingen an zu schimmeln.


    Im Frühjahr bekam ich wieder ein Paket mit Büchern. Aber der Frühling war immer noch anstrengend und aufregend für mich. Ich warf die Bücher in eine Ecke meines Zimmers und verbrachte den Tag damit, den dunkelhaarigen Jungen von nebenan zu beobachten. Ich versteckte mich hinter den Brombeerbüschen und betrachtete ihn aus sicherer Entfernung durch das dichte Geäst. Er lag immer auf einer roten Decke, las in einem dicken Buch und hatte nur eine Shorts an. Er war dünn und sehr braun. Manchmal kam es kam mir so vor, als würde er jemandem aus dem Buch vorlesen, denn seine Lippen schienen sich etwas zu bewegen und es gab Momente, in denen er plötzlich innehielt, sich seltsam ungelenk mit den Fingern durch die Haare strich und komische Laute von sich gab. Ich fragte mich nie, warum er das tat, aber vielleicht waren es diese komischen Laute, die mich irgendwann dazu veranlaßten, durch die Brombeerbüsche weiter nach vorne zu kriechen. Ich drückte mit meinen Armen das dichte Geäst wie schwere Vorhänge zur Seite, während ein paar Dornen mir das Gesicht zerkratzten und mir an den Haaren rissen, bis ich schließlich fast am Gartenzaun angelangt war, und dort - stand er. Er ließ einen kurzen, hellen Schrei von sich und starrte mich mit großen, fragenden, vielleicht auch erschrockenen Augen an. Er sah so eigenartig aus, daß ich ihm die Zunge herausstreckte und laut über sein Gesicht lachen mußte. Er war interessant.


    Wir küßten uns. Ein Jahr später, glaube ich. Er hielt mich in seinen dünnen Armen und meine Finger verloren sich in seinem dunklen Haar. Er flüsterte meinen Namen und gab mir noch eine Menge neue Namen, die ich nicht mochte oder haßte. Aber er war nett und wirkte irgendwie klug. Wir gingen gemeinsam ins Freibad und er sagte mir, wie hübsch ich sei, und daß er meine grünen Augen mochte. Und zu meinem Geburtstag schenkte er mir - ein Buch. Ich lächelte und bedankte mich und küßte ihn und lächelte. Aber seitdem fand ich ihn seltsam. Er erzählte mir von den Büchern, die er las, wenn er im Garten auf der roten Decke lag und nur eine Shorts anhatte und ich dachte daran, wie er sich seltsam ungelenk mit den Fingern durch die Haare fuhr und wie er komische Laute von sich gab. Er erzählte mir Geschichten, die ich nicht verstand und die mich nicht interessierten. Ich stellte mir vor, daß es keinen Unterschied machen würde, ein Buch zu lesen oder ihm zuzuhören. Also hörte ich auf, ihm zuzuhören und beobachtete, wie sich seine Lippen bewegten, wenn er sprach und wenn er lächelte. Er zog den rechten Mundwinkel hoch, wenn er lächelte, ich erinnere mich - ich fand es schön.


    Im Winter lagen wir in seinem Zimmer auf dem Boden und starrten an die Decke, ohne sie anzusehen. Er sagte zu mir, daß es die kleinen Geschichten seien, die er mochte, keine langen, aufwendigen Geschichten, nein, die kleinen Geschichten, die nur von sich selber erzählten und hinter denen man keine verborgenen, großen Geschichten vermuten mußte. Er erklärte, daß er die Geschichten über die alltäglichen Dinge des Lebens mochte, keine außergewöhnlichen, einzigartigen Handlungen und ich dachte darüber nach, was die alltäglichen Dinge des Lebens seien und ob sie mich interessierten. Dann drehte er sich zu mir, sah mich an und fragte mich, woran ich denken würde und ich antwortete, daß er mich nicht mehr interessierte. Ich stand auf, stieg über ihn und ging nach Hause.


    Im Frühjahr bekam ich kein Paket mit Büchern. Ich wunderte mich ein wenig, aber beschloß, der Sache nicht weiter nachzugehen, denn schließlich interessierten mich die Bücher ja nicht. Aber ein Frühling ohne Bücher fühlte sich seltsam an. Ich lag im Garten auf dem Rücken und starrte in den Himmel. Ich hatte nichts zu tun. Ich beobachtete ein paar Insekten, doch sie langweilten mich. Dann ging ich in den Schuppen, nahm ein paar Bücher, riß ihnen die verschimmelten Seiten heraus und baute daraus kleine Papierschiffchen, Flugzeuge, Schmetterlinge und Blumen. Aber es machte keinen Spaß mehr, die Papierschiffchen zu versenken oder die Flugzeuge abstürzen zu lassen und meine Großmutter war mittlerweile gestorben. Schließlich steckte ich die Schmetterling und Blumen in einen großen Umschlag und schickte sie ihm. Er hatte in dieser Jahreszeit keinen Geburtstag, das wußte ich.


    Und dann, plötzlich, unerwartet, bekam ich eine Karte, auf der ein Schwarzweißphoto von einem Blumenstrauß zu sehen war. Ich glaube, es waren Tulpen, schwarze Tulpen, aber ich bin mir nicht sicher. Jedenfalls war es keine Karte mit bunten Blumen, das weiß ich noch, denn bunte Blumen hätte ich interessant gefunden. Die schwarzen Tulpen aber fühlten sich an wie Bücher oder die Stimme des Jungen von nebenan, und ich fragte mich, ob sie zu den alltäglichen Dingen des Lebens gehörten, und ob sie ihm gefallen hätten.


    Ich hielt die Karte lange in den Händen, betrachtete sie von allen Seiten und war mir nicht sicher, ob ich sie interessant finden sollte. Vielleicht wäre sie interessant gewesen, wenn er sie mir geschrieben hätte, aber er hat mir nie geschrieben. Er schickte mir Bücher. Seine Frau hatte mir geschrieben, denn er war gestorben. Ich ging zu seiner Beerdigung. Ich stand an seinem Grab. Ich weinte nicht. "Weißt du", sagte ich, "ich interessiere mich nicht für Bücher."




    [Diese Nachricht wurde von Zuz am 17. Januar 2001 editiert.]

  12. #12
    Tochter aus gutem Hause
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    578

    Lightbulb AW: Weil es hier so ruhig ist...

    Wenn ich so schreiben könnte, wie ich möchte, würde ich vielleicht so schreiben.
    Trotzdem, ich achte die Bücher, wie auch das, was sie nicht wissen.

  13. #13
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Weil es hier so ruhig ist...

    gibt es noch eine geschichte?

  14. #14
    alex
    Laufkundschaft

    AW: Weil es hier so ruhig ist...

    Ich glaube was der Meister damit sagen wollte ist, dass wenn du auf genauere Beobachtung scharf bist, du deine Geschichten ins große Forum setzten solltest. Aber das willst doch du nicht, oder?

  15. #15
    zuz
    Laufkundschaft

    AW: Weil es hier so ruhig ist...

    Hallo ihr zwei!




    Original erstellt von Alex:
    Ich glaube was der Meister damit sagen wollte ist, dass wenn du auf genauere Beobachtung scharf bist, du deine Geschichten ins große Forum setzten solltest. Aber das willst doch du nicht, oder?
    Hm. Eigentlich finde ich das "große Forum" interessant, auch wenn es vielleicht nicht ganz meine Kragenweite ist.

    Ja, es gibt noch eine (oder ein paar) "kleine Geschichten", Bo. Ich stelle hier noch mal eine rein:


    2.
    Gustav war nicht alt. Er war Anfang vierzig. Aber der Frühling ließ ihn schneller altern. Der Frühling machte ihn müde. Er glaubte, im Frühling sei die Wahrscheinlichkeit zu fallen höher als in anderen Jahreszeiten. Unsicher ging er durch das Haus und hatte Angst vor falschen Bewegungen. Seine Tante war im Frühling ausgerutscht und hatte sich die linke Kniescheibe ausgerenkt und sein Bruder Hermann war über einen Bürgersteig gestolpert und hatte sich das rechte Handgelenk verstaucht.

    Gustav berührte mit den Fingerspitzen Wände. Er suchte nach Halt. Er berührte die Wände in den Fluren und Zimmern seines Hauses, er berührte die kalten Kacheln im Badezimmer und die rauhen Tapeten im Eß-, Schlaf- und Arbeitszimmer, bis seine Fingerspitzen wund wurden und schmerzten. Wenn draußen die Sonne schien, saß er in seinem alten Bambus -schaukelstuhl auf dem Balkon, wippte vor und zurück, schaute seiner Frau zu, wie sie im Garten arbeitete, und fror leise. Er dachte daran, daß der Frühling ihn müde machte, und daß er ihn frieren ließ. Manchmal stand er im Badezimmer vor dem großen Spiegel und starrte seinem Spiegelbild emotionslos in die Augen und sein Spiegelbild starrte emotionslos zurück. Abends kam er schweigend an den Eßtisch, setzte sich seiner Frau gegenüber, aß eine Scheibe Schwarzbrot mit Butter und blätterte lustlos in der Zeitung. Er dachte daran, daß die Geschichten alt geworden waren, daß sie ihn nicht mehr wütend oder fassungslos machten und er fragte sich, ob er sich an sie gewöhnt hatte oder ob sie ihm fremd geworden waren.

    Gustav hatte eine Tochter. Er hatte ein Photo von ihr, das war ein Jahr alt. Er hatte es eingerahmt und über seinen Schreibtisch gehängt - er fand es schön. Oft setzte er sich an den Schreibtisch, schaltete den Computer ein und starrte auf das Photo. Sie stand in einem Garten am Rande eines Teiches, auf dem ein kleines Papierschiff schwamm. Sie hatte blonde Haare und trug ein gelbes Sommerkleid mit roten Blumen. Manchmal beugte er sich etwas vor, berührte das Photo zärtlich mit dem Zeigefinger und versuchte sich vorzustellen, wie es sein würde, sie zu berühren. Er fragte sich, ob sie den Blick ihrer Mutter hatte oder bekommen würde und er dachte daran, daß sie grüne Augen hatte.

    Er schickte ihr Bücher. Jedes Jahr im Frühling und auch zum Geburtstag. Warum, wußte er nicht. Sein Haus war voll mit Büchern, aber die Wände mit den Bücherregalen boten keinen Halt und erschöpften ihn. Wenn er vor ihnen stand, um für sie ein passendes Buch auszusuchen, wurde ihm oft schwindelig und er mußte sich setzen. Dann brachte seine Frau ihm einen schwarzen Kaffee und manchmal kam es ihm so vor, als wollte sie, daß er mit ihr stritt, denn sie sagte vorwurfsvoll, daß sein Leben sich im Kreis drehte, und daß sie die ständigen Wiederholungen seiner Gewohnheiten nicht mehr ertragen könnte. Er aber schloß die Augen und dachte daran, daß die Wahrscheinlichkeit, im Frühling zu fallen, höher sei als in anderen Jahreszeiten, und er erinnerte sich an seine Tante und an seinen Bruder Hermann.

    Der Winter beruhigte ihn. Er mochte seinen Winter. Im Winter bekam er Post. Er bekam einen großen Umschlag, den er, bevor er ihn öffnete, lange in den Händen hielt und von allen Seiten betrachtete. In dem Umschlag waren Schmetterlinge und Blumen aus Papier. Seine Tochter hatte sie gefaltet und angemalt, das wußte er. 'Wahrscheinlich mit dicken Filzstiften', dachte er und freute sich. Wenn er die Schmetterlinge und die Blumen genauer betrachtete, konnte er schwarze Druckbuchstaben, Satzteile und einzelne Wörter darauf erkennen. 'Sie ergeben keinen Sinn mehr', dachte er, 'sie hat aus den Geschichten Schmetterlinge und Blumen gemacht.' Er lächelte und betrachtete die Schmetterlinge und die Blumen und freute sich und lächelte. Er ging in das Arbeitszimmer, legte sie auf den Schreibtisch und schaltete den Computer ein. Er starrte auf das Photo und dachte daran, daß sie grüne Augen hatte. Seine grünen Augen.

    Gustav war nicht alt. Er war Anfang vierzig. Aber der Frühling ließ ihn schneller altern. Der Frühling machte ihn müde. Er starrte auf das Photo von seiner Tochter und fragte sich, ob sie den Blick ihrer Mutter hatte oder bekommen würde und er dachte daran, daß sie grüne Augen hatte. 'Wenn sie erwachsen ist', dachte er, 'dann wird sie mich besuchen. Ich werde ihr die Geschichten, aus denen sie die Schmetterlinge und die Blumen gemacht hat, erzählen, und ich werde ihr viele Bücher schenken.' Und er seufzte zufrieden.

    Liebe Grüße,
    Zuz

  16. #16
    Kurzvormabschussiger
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    73

    AW: Weil es hier so ruhig ist...

    hi zuz,


    das liest sich wie eine authentische autobiographie und man weiß doch: es ist finte, erfindung, artefakt. aber was für ein artefakt. und dieser stil: knapp, knochen, muskel, kein fett, in sich schlüssig, schlank wie ein drakkar, ebenso die haltung des ICH.


    die stelle mit den schwarzen tulpen war anfangs wortkarg, ließ so platz für die imagination des lesers. in der neufassung ist sie sülzig, geschwätzig, aufgeweicht. was immer robert gemeint haben mag: dies ist es sicherlich nicht, oder?

  17. #17
    zuz
    Laufkundschaft

    AW: Weil es hier so ruhig ist...

    Hi Asmodai!
    Schön, dich zu lesen.
    Die zweite Version gefällt mir (nach erneutem Lesen) ohnehin nicht mehr. Ich denke, ich werde beide Experimente erst mal auf Seite legen und dann beobachten, ob sich später in den Reagenzgläsern noch was entwickeln wird.


    Liebe Grüße,
    Zuz

  18. #18
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Weil es hier so ruhig ist...

    Zu Deinem zweiten Text, Sus..


    Einzelheiten, zu viele Einzelheiten, die im Raum umherschwirren und nicht verdichtet, schon gar nicht bedeutungsvoll sind. Ich will zwar immer Einzelheiten genannt wissen, doch nur, wenn sie einen Grund besitzen, auf dem sie stehen können. Hier flattern sie! Eine Hand, eine rechte, eine linke Hand, nimm's übel, Zuz, aber Du mußt diesen Händen schon eine Bedeutung zuweisen. Warum jeweils?
    Warum schreibst Du in alter Orthographie? ich denk, Du gehst zur Schule? Übertreib es nicht mit dem Versteckspiel; Dein Satzbau ist glatt wie die Abriebskräfte einer Vierzigjährigen, die im Schreiben schon mal Land sah, vor lauter Theorieduseligkeit aber dem Boden enthoben wurde/sich selbst?/, so daß nun die Sache nicht mehr greift, wohl aber ein Rest Verschämtheit Sehnsucht ständet.
    Der Schluß Deiner Geschichte versöhnt mich. Hier triffst Du einen Ton, der mir behagt, aber die Konstruktion ist erkennbar, sehr erkennbar, was mich irgendwie an Hans Fölz und Muskatblut erinnert.

  19. #19
    zuz
    Laufkundschaft

    AW: Weil es hier so ruhig ist...

    Eine Hand, eine rechte, eine linke Hand, nimm?s ?bel, Zuz, aber Du mußt diesen Händen schon eine Bedeutung zuweisen. Warum jeweils?
    Tja, du scheinst meinen Text schon besser zu kennen als ich...ähm...*räusper*...von welchen Händen sprichst du?

    Warum schreibst Du in alter Orthographie? ich denk, Du gehst zur Schule?
    Das stimmt auch. Allerdings hat man sich nie die Mühe gemacht, uns die neue Orthografie genau zu erklären (wahrscheinlich lohnt sich das bei Gesamtschülern nicht).



    Übertreib es nicht mit dem Versteckspiel; Dein Satzbau ist glatt wie die Abriebskräfte einer Vierzigjährigen, die im Schreiben schon mal Land sah, vor lauter Theorieduseligkeit aber dem Boden enthoben wurde/sich selbst?/, so daß nun die Sache nicht mehr greift, wohl aber ein Rest Verschämtheit Sehnsucht ständet.
    Hä? Ich glaube, für mich ist das schon fast ein Kompliment. Also, mein liebster Herr von Wolkenstein, wenn ich den Sprachschatz einer Vierzigjährigen hätte, dann hätte ich dir auf deine teilweise unverschämt undeutlichen Kritiken, für dessen Interpretation man in meinem Alter oftmals länger braucht, als für die Interpretation des kritisierten Textes (oder glaubst du, daß du damit das Wissen, daß ja angeblich in jedem vorhanden sein soll, herauskitzeln kannst?) längst mit ein paar schlauen, in Fremdwörter verhüllten Sätzen Kontra geboten. So aber...


    Liebe Grüße,
    Zuz

  20. #20
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Weil es hier so ruhig ist...

    Kommt in die Abteilung: "Junges Schreiben". Ist authentisch in seiner Kraft und seinem Enthusiasmus. Dafür steht Jugend.


    Kein Entwurf, aber ein Spreizen. Dafür steht Jugend nicht.

  21. #21
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Weil es hier so ruhig ist...

    Das war eine unprätentiöse Erscheinung, diese zuz. Zwei süße Texte, einfach gestrickt, aber doch mit einem hübschen Muster,, in dem sich ein unvorbereiteter Leser verlieren könnte. Leicht, aber o la la.

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