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Thema: Immer wieder mittwochs

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Post Immer wieder mittwochs

    Immer wieder Mittwochs


    Er war dem Franz wie aus dem Gesicht geschnitten, nur markanter, hatte den gleichen Sprachfehler wie der Willi, nur charmanter und den athletischen Körper vom Gustaf, nur braun gebrannter. Alles beisammen in einem Mann! Adele war beim Frisör und bei der Maniküre gewesen und sie hatte das rote Kleid mit dem tiefen Ausschnitt gekauft. Vor dem Spiegel im Flur drehte und wendete sie sich von rechts, von links, hin und her. Der Saum wirbelte um ihre Knie herum, eine Flut aus Samt und Seide. Keine hatte so schöne Beine.
    An einem Mittwoch hatte sie ihn das erste Mal gesehen. Es roch nach frisch gemähtem Gras, früh am Morgen. Noch ganz entrückt im Nebel, lag die Straße vor ihrem Küchenfenster brach. Da kam er durch die Bäume geradelt und auf einmal schlich sich die Zeit davon.
    Der Vater mähte den Rasen im Hof. Von unsichtbaren Fäden dirigiert, tanzte sein Strohhut auf der Hecke, ahnungslos vergnügt. Dieser Duft der Wiesen! Diese Grübchen im Kinn. Die rauen Hände vom Franz unter ihrem Kleid. Warm war es und wohl war ihr, im Baumhaus der alten Eiche, von einem anderen Leben berauscht. Den ganzen, langen Sommer.
    Er lächelte zu ihr auf. Die Ellenbogen in einem weichen Kissen versunken, schaute Adele von oben hinaus, was es Neues gab, unten im Viertel am Hafen.
    "Gutn Mojen, ssöne Fau!"
    Dieser Swing. So voller Bewunderung, als wäre sie die leibhaftige Monroe. Geschmeichelt hatte sie die Finger zum Gruß gespreizt, fühlte das verräterische Strahlen ihrer Wangen, dass der Dunst von der Scheibe schwitzte.
    "Wir sehn unfs", sagte der Willi und trat in die Pedale. Ihre nackten Füße schaukelten über dem Lenker, zielten nach den Mücken in der Luft. Los ging es, geschwind den Berg hinab, dass die Schleifen der Zöpfe wehten wie die roten Fahnen im Wind von den Türmen der Stadt. Sein Atem an ihren Nacken geschmiegt.
    "Versprochen?"
    "Vesspochn!"
    Adele lehnte sich weiter aus dem Fenster hinaus. Vor dem Containerbüro auf dem Parkplatz warteten der Bauleiter, die Architektin und der Polier auf ihn. Er küsste der Dame galant die Hand und drückte dann bei den Herren zweimal kräftig zu, dass diese heimlich hinter dem Rücken die Finger streckten und dehnten. Seine gute Laune steckte alle an. Maurer, Elektriker und Zimmerleute, sogar die Maler, waren Feuer und Flamme, ein Stück Geschichte reparieren zu dürfen. Ihr Lachen hallte in der Häuserschlucht. Überall war das Hämmern, Bohren und Sägen zu hören. Jeden Mittwoch sah Adele ihm zu, er mit der Kamera Stockwerk für Stockwerk die Steigleitern hinauf, immer höher, höher! Wagehalsig über die Bretter balancierend. Muskelspiel im Stahlgerüst. Ihr Blut schoss durch die Arterien. Lauter, lauter! Hinter den Schläfen pochte es.
    Gustaf unterm Zirkuszelt, immer höher, höher! Bog den Rücken hohl, drehte sich um die Achse. Lauter, lauter! Ihr Herz schlug nur für ihn, dass er es doch erhören mochte, betete sie. Lauter, lauter! Der Applaus! Sein Herz gefällt mit Stolz, dass darin kein Platz mehr war, fürchtete sie.
    Und als keine Briefe mehr kamen, wusste Adele, dass es seine waren. Am Boden zerstört, belebte sie allein ihr zu Hause wieder. Sie war verwurzelt im Quartier. Hinter den alten Kacheln im Hausflur war der Schwamm infiltriert. Man hatte sie nach gegenüber verpflanzt. Jetzt blieb sie, wo sie war. Wegziehen, nein!, nur Sterben war schlimmer.
    Diesen Mittwoch war er zu spät, Adele hatte sich schon Sorgen gemacht. Ausgerechnet, wo sie ihn endlich auf einen Kaffee zu sich in die gute Stube einladen wollte. Ihr Kleid auf der blassen Haut glänzte im Farbton der Himbeeren unter dem Gelee. Auf weißem Porzellan thronten die Törtchen zum Anbeißen lecker. Sahne, Zucker, alles da. Sie kochte gerade das Wasser, da kam er durch die Bäume geradelt und auf ein mal war nichts mehr wie es war. Was er wohl von ihr denken würde? Sie kannten sich doch gar nicht. Es schickte sich nicht, einen Fremden zu sich in die Wohnung einzuladen, nicht mal auf einen Kaffee. Erst recht nicht auf einen Kaffee! Schon überhaupt nicht, wenn man über achtzig war! Gestern Abend wäre es Adele egal gewesen, was die Nachbarn denken würden oder er. Was scherte sie die Vergangenheit! Einmal darüber geschlafen, zog sie sich in ihre eigenen Wände zurück. Wie gerne würde sie mit ihm hier auf dem Sofa sitzen. Nicht bloß einsam träumen, ob er eher wie der Franz oder der Willi oder gar wie der Gustaf geschaffen war. Warum sprang sie nicht einfach über ihre Schatten? Es wurde ganz schwindelig in ihrem Kopf. Wenn sie ihn fragte, dachte er bestimmt schlecht von ihr, das wollte sie nicht, deswegen fragte sie nicht, darum saß er nicht auf dem Sofa mit ihr, wie sollte sie da wissen, ob er es wert war, dazu müsste sie ihn zum Kaffee einladen. Nächsten Mittwoch würde sie ihn fragen, ganz bestimmt! Das gelobte Adele zum letzten Mal.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Immer wieder mittwochs

    Entzückend. Diesen Charakterzug mag ich, Eule. Er verwischt das Nämliche und greift nach dem Bigotten, aber das Lächeln teilt sich mit. Und das ist okay.

    Er war dem Franz wie aus dem Gesicht geschnitten, nur markanter, hatte den gleichen Sprachfehler wie der Willi, nur charmanter und den athletischen Körper vom Gustaf, nur braun gebrannter. Alles beisammen in einem Mann! Adele war beim Frisör und bei der Maniküre gewesen und sie hatte das rote Kleid mit dem tiefen Ausschnitt gekauft.
    Zu hastig. DER, DIE, UND, EINEM - irgendwas ist da zuviel. Selbst in einem parodistischen Sinne. Hallo! ich bin der Eule! ist das nervig, muß nicht sein, es markiert den Text ungeheuerlich, drängt den Leser schon anfangs in eine Richtung, aus der Du Dich dann im Laufe des Schreibens kaum noch wirst befreien können.
    Vor dem Spiegel im Flur drehte und wendete sie sich von rechts, von links, hin und her.
    Wie muß ich mir das vorstellen? Nicht von links nach rechts...
    Der Saum wirbelte um ihre Knie herum, eine Flut aus Samt und Seide. Keine hatte so schöne Beine.
    An einem Mittwoch hatte sie ihn das erste Mal gesehen.
    Zu große Sprünge. Wieder diese Hast! Also, ich mag ja manchmal was gegen Hausfrauenpoesie sagen, aber hier ist mehr auch mehr fürs Verstehen; hier ist das Mehr fundamental für die Kommunikationsebene, die Du mit Deinem Leser aufbauen willst: Er will doch jetzt verschiedenes wissen...
    Es roch nach frisch gemähtem Gras, früh am Morgen.
    So ein zwischengeschobenes ES ist meistens schlecht.
    Er küßte der Dame galant die Hand und drückte dann bei den Herren zweimal kräftig zu, daß
    DASS nicht zu oft.
    diese heimlich hinter dem Rücken die Finger streckten und dehnten. Seine gute Laune steckte alle an. Maurer, Elektriker und Zimmerleute, sogar die Maler, waren Feuer und Flamme, ein Stück Geschichte reparieren zu dürfen.
    Kann wohl weg; diese Ebene kann weg; man muß ihn jetzt nicht auch noch breiter machen, als er es eigentlich verdient

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