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Thema: Minne - ein Essay

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Post Minne - ein Essay

    Ir sult sprechen willekommen:
    der iu maere bringet, daz bin ich.
    allez daz ir habt vernomen,
    daz ist gar ein wint: nu fraget mich.
    Walther von der Vogelweide
    Minne - Ein Essay (Auszug)


    Hinführung


    Wahrscheinlich übt keine weitere Geschichtsepoche auf uns Heutige eine solch breitgefächerte und nachhaltige Faszination aus wie gerade die Kultur der Menschen im europäischen Mittelalter (Im Nachfolgenden zu meiner Erleichterung als MA bezeichnet).
    In den letzten Jahren hat das MA, so paradox es auch klingen mag, wieder einmal eine bemerkenswerte Renaissance erlebt: Es gibt kaum eine Gemeinde in Deutschland mit einem einigermaßen intakten Altstadtkern, die kein mittelalterliches Stadtfest veranstaltet, und in mehr oder meist weniger authentischer Umgebung finden überall Ritterturniere statt. Mittelalterliche Mystiker wie die meiner Auffassung nach überschätzte Hildegard von Bingen oder Meister Eckehard werden von den Esoterikern wiederentdeckt und der Gregorianische Choral und die Musik der Troubadoure beeinflußt nachhaltig die New-Age-, sowie die Pop-Musik. Die Zahl der Neuerscheinungen in den Medien, die sich in irgendeiner Form mit dem MA auseinandersetzen, ist unüberschaubar. Eine besondere Variante auf dem Buch-, Film- und, in neuerer Zeit, auch auf dem Spielemarkt ist dabei die Sparte der sogenannten Fantasy, die nur selten in stimmiger Form alte mittelalterliche Sagenkreise wiederverwertet und in aller Regel in einer nicht näher topografierten, monarchischen Agrarkultur mittelalterlichen Zuschnitts angesiedelt ist. (1)
    Es drängt sich natürlich die Frage auf, welche Ursachen dieses Phänomen hat. Für Historiker läßt sie sich leicht beantworten: Sie lieben das MA wegen seiner Übersichtlichkeit. Obwohl man nicht vergessen darf, daß auch das MA eine Entwicklungsgeschichte hat und einen Wandel, sogar Revolutionen kennt, ist es doch ist die einzige Epoche in der Geschichte, die in allen Betrachtungsebenen eine in sich abgeschlossene Struktur bietet und einen relativ klar definierbaren Beginn und auch ein ebensolches Ende bietet; es ist, wie es Ferdinand Seibt (2) formuliert, eine endliche Geschichte; es ist das Jahrtausend zwischen dem noch heute nicht völlig erklärbaren Zusammenbruch der Kultur des alten Roms und der Entfaltung des neuzeitlichen Europas.
    Warum aber übt das MA auch auf den Nichthistoriker eine gleichbleibende Faszination aus? Obwohl es nicht nur eine Erklärungsmöglichkeit gibt, präferiere ich die Auffassung, daß diese innige Liebe zum MA in einer allgemeinen Flucht der Menschen vor der Überkompliziertheit der modernen Gesellschaft besteht. In der Vorstellung vieler ist das MA, und hier in erster Linie ihre höfische und ritterliche Welt ein Utopia, in dem das Leben einfach und klar strukturiert ist, es ist ein anderes, farbiges Dasein. Der Einzelne hat seinen festen Ort in der Ständegesellschaft und die Begriffe Gut und Böse sind deutlich von einander abgegrenzt und eindeutig besetzt. Dazu kommen die Unbekümmertheit und die Rustikalität der mittelalterlichen Sitten, die wohl mancher gerne zurückgewinnen würde.
    Gleichzeitig und das ist eine merkwürdige Kehrseite, haben die meisten in ihrem Hinterkopf ein abweisendes und bluttriefendes Bild vom MA als einem dunklen, intoleranten und grausamen Zeitalter voller dumpfer Vorurteile und Dummheit, einer rückständigen Epoche, die im hellen Lichte des Altertums einen um so sinistren Schatten auf Europa wirft; einer Zeit, in der die Menschen in uns heute unvorstellbaren hygienischen Zuständen am Rande des Existenzminimums lebten, ständig von Inquisition, Pest und kriegerischen Auseinandersetzungen bedroht; es ist ein Bild des MAs als einer Art von viehischer, aber in ihrer Entsetzlichkeit auch faszinierender Durststrecke in der Menschheitsgeschichte.
    Aus diesen beiden, in ihrer extremen Vereinfachung jedoch nicht einmal völlig falschen, aber diametralen Positionen heraus wird auch verständlich, wie fremd uns der Mensch dieser fernen Epoche ist, wie weit wir uns von seinem Fühlen, Denken und Wollen entfernt haben, wie schwer es wird, aus der Widersprüchlichkeit unserer Auffassungen Verständnis zu gewinnen. Auch jemand, der sich ernsthaft und intensiv mit dem MA beschäftigt hat, wird immer wieder verblüfft vor einem Lebensumstand oder einer Äußerung dieser so fernen Menschen zurückweichen und sich vergebens um Verständnis mühen. Als Paradigma für diese Fremdheit mag uns hier ein bekanntes Gedicht von Walther von der Vogelweide (um 1170 - 1230) dienen, dessen fulminanter Beginn seltsam vertraut und nah scheint.(3)

    Ich saß auf einem Steine,
    und verschränkte die Beine:
    darauf setzte ich den Ellenbogen.
    In meine Hand hatte ich geborgen
    das Kinn und eine Wange.
    Angestrengt überdachte ich
    wie man leben soll in dieser Welt.
    Ich wußte mir keinen Rat...



    Diese Suche nach dem Sinn ist sicherlich jedem bekannt und wahrscheinlich hat er dabei die selbe Haltung beim Nachgrübeln eingenommen. Vierhundert Jahre später wird dieser Sachverhalt von Descartes folgendermaßen ausgedrückt: "Unsere Vorurteile von der Erkenntnis des Wahren können wir, so scheint es, nur los werden, wenn wir einmal im Leben geflissentlich an allem zweifeln, worin sich auch nur der kleinste Verdacht einer Unsicherheit findet." (4) Dieses Zweifeln ist der Grundansatz der neuzeitlichen Philosophie. Man sieht, wir befinden uns auf sicherem Boden; der von Selbstzweifeln und Sinnleere geplagte Mensch an der Schwelle zum zweiten christlichen Jahrtausend fühlt plötzlich ein Seelenband, eine bequem zu beschreitende Brücke durch die Jahrhunderte hin zu diesem so fernen Minnesänger und Ritter. Doch dann liest er weiter und seine Interpretation bricht zusammen:

    Ich wußt mir keinen Rat,
    wie man drei Dinge erwürbe
    ohne nicht eines zu verlieren:
    Zwei sind Ehre und Reichtum,
    einander oft ausschließend:
    das Dritte aber ist die Gnade Gottes,
    die andern überstrahlend.



    Ehre, Reichtum, Gnade Gottes? Ist das für Walther der Sinn des Lebens? Und plötzlich entfernt er sich wieder in der Zeit, sind sein Sinnen und Trachten fremd, sogar abweisend, erzeugt sein Denken im besten Fall Achselzucken. Aber es kommt ein paar Strophen später noch schlimmer. Walther zieht hier einen Vergleich zwischen Insekten- und Menschenstaat und kommt zu einem seltsamen Ergebnis:

    Ich sage dir dies:
    All diese Tiere, all das Gewürm
    keines lebt ohne Haß.
    Sie leben in wütendem Kampf.
    Doch in einem haben sie Verstand:
    Sie wären nichts,
    hätten sie sich nicht ein starkes Gesetz geschaffen:
    Sie wählen sich Könige,
    sie bestimmen Herren und Knechte.
    Ach, Deutschland,
    wo ist deine Ordnung?
    Was hat dieser Ruf nach einem starken Mann mit der intensiven Selbsterforschung des Anfangs zu tun? Bricht Walther hier bereits dem Sozialdarwinismus eine Stange? Sein Gedicht jedenfalls gipfelt in dem Ausruf:
    Ach, Gott, der Papst ist zu jung.
    Hilf, Herr, deiner Christenheit!



    Erneut erleben wir das beständige Zurückgreifen in jener Zeit auf die Religion, sie ist das Färbebad, das jede Lebensäußerung des mittelalterlichen Menschen durchtränkt. Ein Leben außerhalb des Gottesstaates gab es nicht, es war in Hegelschem Sinne nicht einmal denkbar. Selbst der Ketzer zweifelte nicht an der göttlichen Ordnung, er hatte nur eine andere Methodenauffassung. Wenn also vom Mittelalter und seiner Kultur, speziell von seiner Literatur die Rede sein soll, muß zuerst über Religion gesprochen werden. Erst aus dieser Blickrichtung kann auf die nur scheinbare Gegenwelt der höfischen Minnedichtung, die in der Hauptsache die Popularisierung der ethischen Grundwerte des sich gerade entwickelnden neuen Standes Ritter ist, eingegangen werden. Und erst danach kann auch der Inhalt des zitierten Gedichtes, das im übrigen ein überragendes Thema des Mittelalters, die Auseinandersetzung zwischen Kaiser und Papst, thematisiert, verstanden werden.




    Gott ist die Welt


    Es ist bei Nichtfachleuten wenig bekannt, daß der Begriff Mittelalter keine Verlegenheitserfindung von modernen Mediävisten ist, sondern aus der Theologie des Heiligen Augustinus (um 354 - 430) stammt, der den Schöpfungsbericht als eine Analogie für die Menschheitsgeschichte auslegt.(5) Die Werke von Augustinus, der am Ausgang der Antike lebte, waren für das MA die grundlegenden Staats-, Geschichts- und Gotteslehren; dieser afrikanische Bischof hat sozusagen die Theorie des MA's geschrieben, spätere Denker wie der unter ihnen weit herausragende Thomas von Aquin (um 1225 - 1274), also ein Zeitgenosse der Minnedichter, beschäftigten sich in der Hauptsache mit der Kommentierung und Auslegung seiner Schriften. Deshalb ist es nicht zu vermeiden, Augustinus in diesem Kapitel etwas ausführlicher zu Wort kommen zu lassen.
    Für Augustinus lebten die Menschen in einer Zwischenzeit, dem mittleren Zeitalter. Geschichte war ihm ein Altern der Welt zwischen der ersten und zweiten parousia, also dem ersten Auftreten Jesu und seiner erwarteten Wiederkunft, die das Ende aller Tage einläuten sollte. Die Zeit, die ihm übrigens einiges Kopfzerbrechen bereitete, (6) ist für ihn also von Anbeginn durch den Herrn terminiert: Es ist die Übergangsperiode der Bewährung auf der Erde, eine Zeit, in der jeder von Gott an seinen Platz gestellt dieses irdische Jammertal durchlaufen muß. Die Erde stellt dabei den weltlichen Teil des Gottesstaates dar, der aus einem Ort im Himmel (civitas Dei coelestis) und eben dem auf der Erde wandernden Gottesstaat (civitas Dei pereginans in terris) besteht. Der peregrinus ist laut römischem Recht ein ortsansässiger Fremder. Die Christen sind also, wo immer sie sich auf Erden aufhalten, nur Fremde. Ihr Ziel besteht darin, die nach dem Fall Luzifers und seiner Anhänger gelichteten Reihen der civitas Dei coelestis wieder aufzufüllen. Nicht alle Glieder des wandernden Gottesstaates - der Kirche - werden auch Mitglieder des himmlischen Staates sein; erst am Ende der Tage wird sichtbar werden, wer den ewigen Lohn verdient. Doch alle Christen möchten dazugehören; dieser Wille zur Zugehörigkeit macht Engel und Menschen bereits jetzt zu Mitgliedern eines Gottesstaates.
    Neben den hier nicht weiter behandelbaren rechtsphilosophischen Konsequenzen dieses Gedankens auf das Verhältnis von geistlicher und weltlicher Macht wird eines deutlich: die Erde ist nicht mehr als ein Wartesaal und sie ist statisch: Das Wort Zeit wurde im MA nahezu ausschließlich in seiner Mehrzahlform verwandt, also nie als eine fortlaufende Reihe von Ereignissen verstanden. Eine Entwicklung im Sinne von Fortschritt ist auf der Erde nicht denkbar und für den Christen nicht von Interesse. Die Himmels- und Weltmaschine, die Gott konstruiert hat, kann durch nichts gestört werden - es gibt zwar Beschädigungen, teuflische Störungen, aber der Ablauf bleibt gleichmäßig. Mit welchem Recht sollte ein Mensch wagen, diese Schöpfung zu ändern, und sei es auch nur in der Ausdeutung? Wissenschaftliche Erkenntnis ist also ein Widerspruch in sich selbst, da die Dinge, die Gott dem Menschen verborgen hat, ihn auch nichts angehen: Wissenschaft in heutigem Sinn ist teuflische Störung, Häresie. Deshalb kann es keinen Fortschritt über Aristoteles hinaus geben, der, soweit seine Schriften bekannt waren, für das MA den Gipfelpunkt menschlichen Erkenntnisvermögens darstellte.(7) Das Ende des MA läutet u. a. dann auch die Wiederentdeckung Platons und die Kritik an Aristoteles durch die Humanisten ein.
    Die Umwelt ist nur dazu da, dem Menschen Beschwernis aufzuerlegen. So etwas wie die gefühlvolle Betrachtung der Natur kann es nicht geben; sie wird ausschließlich von ihrem Nutzwert zum überleben oder als Strafe Gottes betrachtet. Der Dichter Neidhard aus dem Reuethal (1. Hälfte des 13. Jahrhunderts, ab 1215 in Bayern nachweisbar) hat z. B. in einem Gedicht über eine Italienreise fast überschwängliche Worte für die Fruchtbarkeit der für uns so langweiligen Po-Ebene, die Alpen, die er vorher überwinden mußte, sind ihm gleichgültig, ein lästiges Hindernis. Den Begriffen der Romantik würde er verständnislos gegenüberstehen. Erst Petrarca wird hundert Jahre später allein deshalb einen Berg besteigen, um die Aussicht zu genießen. Vielleicht ist das der Tag, an dem die Neuzeit beginnt.
    Der Eine Gott und das Ziel, einst in den himmlischen Teil des Gottesstaates einzuziehen, sind also die Fluchtpunkte im Unendlichen, auf die das ganze MA zentriert ist. (8) Auch die Kunst, die immer ja eine Funktion ihrer Zeit ist, ist von dieser Weltsicht dominiert. Ein hoher Prozentsatz der Kunst und damit der Literatur (manche Forscher sprechen von annähernd 90%) hat rein geistlichen Inhalt und er ist allein auf das von Walther von der Vogelweide bereits angesprochene Problem ausgerichtet, wie man leben solle, um das ewige Leben im Angesichte Gottes zu erringen. Ein beispielhafter anonymer mystischer Text aus dem 13. Jahrhundert rät deshalb zur Weltflucht:

    Werde wie ein Kind,
    werde taub, werde blind!
    Dein Selbst und dein Ich
    müssen zum Nichts werden.
    Jage alles Sein weit von dir.
    Laß die Erde, laß die Zeiten,
    mach dir kein Bild von ihnen.


    Gehe den schmalen Steig,
    geh ihn ohne Weg.
    Dann gelingt es dir,
    die Leere aufzuspüren.
    Dann, meine Seele,
    gehst du in Gott ein.
    Dann sinkt dein ganzes Sein
    in Gottes Nichts,
    versinkt in seiner grundlosen Flut.



    Dabei kann je nach Parteizugehörigkeit des Autors zwar durchaus Kritik an Papst oder Kaiser laut werden, die sich bekanntlich fast das ganze MA in den Haaren lagen, wer vom jeweils anderen seine Legitimation bekäme. Die göttliche Ordnung allerdings wurde nie in Frage gestellt, konnte auch nicht in Frage gestellt werden. Als Beispiel möge hier ein Ausschnitt aus der Bescheidenheit von Freidank (gest. 1233 in der Abtei Kaisheim/Donauwörth) dienen, der, von einem Kreuzzug desillusioniert, eine harsche Attacke gegen die weltliche und die geistliche Macht reitet, aber zuletzt seine Zuflucht doch wieder in Gott findet:

    Kein Kirchenbann reicht vor Gott
    weiter als die Schuld eines Menschen.
    Gehorsam ist nur so lange gut,
    als der Papst richtig handelt.
    Wenn er jemanden zu gottlosem Handeln zwingen will,
    dann soll man ihm nicht folgen.
    So viel zur Unfehlbarkeit des Papstes. Doch auch die weltliche Macht kriegt ihr Fett ab:
    Superschlau und Genausoschlau
    sollten sich drei Mark teilen.
    Superschlau wollte den größten Anteil.
    Genausoschlau ließ es nicht zu.
    Ihr Streit ist noch nicht entschieden.
    So streiten Kaiser und Sultan.
    [...]
    So helfe uns Gott!
    Papst und Kaiser sind irre geworden!



    Auch die Minnedichtung, zumal die der hohen Minne, kann nur aus diesem Ansatz betrachtet werden. Sie ist weit weniger weltlich, als sie sich bei einer flüchtigen Betrachtung darstellt.




    Minnedienst


    Das Frauenbild, das die deutsche Minnedichtung des 13. Jahrhunderts überhöht, stammt ursprünglich wie auch ihre Melodien aus dem Orient und kommt mit den verfeinerten maurisch-französischen Sitten an die deutschen Höfe. In dem Buch des buntbestickten Kleides des Bagdaders Ibn al-Wassa aus dem 11. Jahrhundert, der auch in Europa begeistert gelesen wurde, gibt es folgendes Gespräch über die Liebe, das die seit dem 7. Jahrhundert entwickelten Auffassungen des Morgenlandes treffend zusammenfaßt:
    "Da sagte ich zu ihm: „Bei uns in der Stadt ist die Liebe nicht so.“ Da fragte er: „Und wie ist sie bei euch?“ Da sagte ich: „Reiß ihr die Beine auseinander und wirf dich auf sie - das ist sie, die Liebe, bei uns!“ Da rief er entsetzt aus: „Bei meinem Vater! Wenn du das tust, bist du nicht einer, der liebt, sondern einer, der Kinder will! [...] Wisse! Liebe darf nicht mit lasterhafter Begierde verbunden sein. Wenn nämlich die wahre Liebe mit einer solchen Begierde vermischt wird, werden ihre Kräfte schwach, und ihre Bande werden bald gelöst sein. Leute von dieser Art wollen weiter nichts als Obszönitäten. [...] Bei Allah! Es gehört nicht zur Art eines Gebildeten, von einer Geliebten zur anderen, von einem Geliebten zum anderen überzugehen! Es geziemt sich für Leute von feiner Lebensart einfach nicht, eine Geliebte durch eine andere, einen Geliebten durch einen anderen zu ersetzen! Die Liebe besteht nämlich darin, daß ihre geheimsten Dinge rein bleiben. Aber ach! Leider kommt es nicht mehr vor, daß Menschen einander mit reiner Zuneigung, anhaltender Lauterkeit und bleibender Liebe begegnen. Die Blutzeugen der Liebe sind verschwunden. Die Fesseln der wahren Liebe sind zerrissen. [...] Leidenschaft ist Leiden. Nur derjenige vermag zu ermessen, was ich damit meine, der durch die Entfernung von den Stätten der Liebe und durch den Trennungsschmerz zum Weinen gebracht worden ist.“ "
    Die Frau wird in diesem und in ähnlichen Texten zu einem anbetungswürdigen, alle menschlichen Tugenden innehabenden Wesen stilisiert, einem Ideal, dem es nachzueifern gilt. Das eben entstehende Rittertum des christlichen Mittelalters scheint auf diesen Entwurf der Liebe als entsagungsvollem Sehnen nach Tugend und Sittlichkeit gewartet zu haben, er verbreitet sich durch die Troubadures (9) rasch in ganz Europa und gipfelt im Minnedienst. Der Ritter wählt sich dabei in einer bewußten Entscheidung eine zumeist unerreichbare Dame für seine Verehrung, in der Regel ist dies die Frau seines Herrn oder Fürsten, ihr Alter und Aussehen sind vor ihrem Ansehen nebensächlich, Liebeserwiderung darf auf keinen Fall stattfinden. Für die wahre Liebe ist die real existierende Person unerheblich, sie ist eine Imago, ein Mittel zum Zwecke des Sehnens und Leidens. Ihr weiht er sein ganzes Leben, für sie geht er in Turnier und Schlacht und freudig in den Tod. (Ich werde im Kapitel Lebensweisen noch einmal näher auf dieses Thema eingehen.)
    Tatsächlich gibt es aber hinter dieser Liebe und der angebeteten Frau noch eine Ebene, nämlich die Liebe zu Gott und zu der Jungfrau Maria. Sie sind die urgründlichen Ziele des Ritters, sie sind die eigentliche Richtung seiner Ideale, nur auf sie richtet er sein Leben aus. Diese Verherrlichung des Weiblichen als der Verkörperung Gottes auf Erden, in der Literatur als Hohe Minne bezeichnet, will die ritterliche Gesellschaft von ihren Dichtern hören und sie wird von ihnen reichlich bedient. Aus der Überfülle dieser anbetenden und anpreisenden Literatur gebe im folgenden einen typischen Ausschnitt aus einer Dichtung wieder, bei der man nie die eigentliche Adressatin aus den Augen verlieren darf. Ich zitiere Abschnitte aus dem exemplarischen Frauendienst des Ulrich von Lichtenstein (etwa 1200 - 1270), der sich bereits über den Verfall der höfischen Sitten beklagt. übrigens wurde, schwer vorstellbar, zu solchen Versen getanzt:

    Als ich noch ein kleines Kind war,
    da wurde mir oft vorgelesen
    und von klugen Menschen erzählt,
    daß wohl keiner ein wertvolles Leben
    gewinnen könne,
    wenn er wohl nicht bereit wäre,
    ohne zu zögern
    guten Frauen zu dienen:
    Sie allein hätten den höchsten Dank.
    Herz, Besitz und Seele und dazu das Leben
    ich will das alles den Frauen geben.
    Weil die reinen, süßen Frauen
    das Leben des Mannes so wertvoll machen,
    will ich den Frauen auf immer dienen,
    egal, wie es mir auch ergehen mag.
    Sie sind Herrin meines Lebens
    ihnen gehört mein Herz.
    [...]
    Meine Freude war oft groß,
    wenn ich betrachten konnte,
    daß man meiner geliebten Herrin
    das Wasser über ihre so weißen,
    so zarten Hände goß.
    Ich trug das Waschwasser heimlich fort,
    aus Liebe trank ich es.
    Das linderte meine Traurigkeit.
    [...]
    Wohin auch immer ich ritt oder ging,
    mein Herz entkam ihr nie.
    Ob es nun Tag oder Nacht war,
    meine Liebe gab mir die Macht,
    daß ich sie überall sah,
    das tat meine Liebe.
    Wie weit entfernt ich auch war,
    der Glanz ihrer Schönheit
    erleuchtete mein Herz.



    Und so weiter und so weiter, viele hundert Verse lang. Ulrich hatte Sinn für Dramatik; es ist von ihm überliefert, daß er sich einen Finger (Penis?) abschnitt, um ihn als Liebesgabe an seine Angebetete zu schicken.
    Obwohl wir heute mit dieser Art von Lyrik nicht mehr viel anzufangen wissen, uns ein solcher Gefühlsüberschwang peinlich berührt und in die Minnelieder häufig ungeschickt klingende Floskeln einfließen, die der Autor in der klassischen römischen, französischen oder eben arabischen Dichtung gefunden hat, dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, daß wir es hier mit einem Anfang zu tun haben, hier dichten plötzlich Männer und Frauen in ihrer Volkssprache und es ist das erste Mal, daß von der Liebe in solchen Worten gesprochen wird. Die Minnedichter können nichts dafür, daß ihre Lieder, ihre Bilder und Formulierungen, die sie, das darf man nie vergessen, als erste fanden, so oft kopiert und schließlich Allgemeingut wurden, bis auch der Geschmack des Originals schal wurde.(10)
    Deshalb wäre die deutsche Minnedichtung heute längst vergessen, zumindest für ein größeres Publikum uninteressant, wenn sie nicht selbst ein Mittel gefunden hätte, ihr Idealbild von der geistigen Liebe zu brechen. Ich spreche von der niederen Minne, die wohl besser als ebene Minne, als die Minne, die mit beiden Füßen auf dem Boden steht, bezeichnet werden sollte, und von dem Stilmittel der Ironie, das die Minnesänger erstmalig für das christliche Abendland entdeckten. Sie machen diese Dichtung abgesehen von der Schönheit ihres Ausdrucks noch heute lesenswert.




    Ironie und ein Griff ins pralle Leben


    Die Dichter der hohen Minne waren sich sehr wohl bewußt, daß es neben dem Preisen der geistigen Werte der unerreichbaren Liebsten und ihres Pendants im Himmel auch noch Handfesteres auf dieser Welt gibt und ihr Publikum an den Häfen, übrigens auch den bischöflichen, wollten dies begeistert hören. 11 Nicht einmal die Minnedichter lebten nach den Idealen, die sie vertraten, die meisten von ihnen waren verheiratet oder hatten diverse Liebschaften und besuchten gerne die Badehäuser, die nicht in erster Linie der körperlichen Hygiene dienten, sondern die mittelalterliche Variante eines Swingerclubs waren.

    Mancher begrüßt mich so
    und das macht mich gar nicht froh,
    Hartmann, gehen wir schauen,
    ritterliche Frauen.
    So laß er mich in Ruh
    und seh allein den Frauen zu.
    Wenn ich vor solche Frauen kam,
    war ich voller Scham.


    Bei Frauen hab ich nur eins im Sinn,
    daß sie so zu mir sind wie ich bin.
    Deshalb vertreib ich mir lieber den Tag,
    indem ich arme Frauen mag.
    überall gibt es von ihnen viel,
    und dort ist immer eine, die mich will.
    Die ist dann meines Herzens Spiel.
    Was also nutzt mir ein hohes Ziel?


    Noch heut geht mir die Torheit nach
    daß ich zu einer edlen Dame sprach:
    Edle Frau, ich habe alle meine Sinne,
    ausgerichtet auf Eure Minne.
    Da begann sie über mich zu klagen,
    Drum will ich, laßt euch sagen,
    nur noch solche Frauen suchen,
    die mich nicht so fluchen.



    So dichtete Hartmann von Aue (um 1165 - 1215), als Epiker einigen Schülern in schlechter Erinnerung (12) und er klingt ehrlich. Dennoch darf nicht vergessen werden, daß Dichter nie stärker stilisierten und an überkommene Formen gebunden waren als gerade im MA. Vorbild war auch hier die klassische lateinische Dichtung wie die von Ovid oder Vergil. Jedes Lied, das entstand, mußte in eine Gattungsschublade passen und sich auch inhaltlich an einen ganz eng gefaßten Rahmen halten. In diesem Kapitel will ich für die wichtigsten Liedgattungen jeweils einen paradigmatischen Vertreter zeigen.
    Der Grund für das Stilisieren der Minnedichter ist wieder in der Religion zu finden. Da, bedingt durch die bereits erläuterte Weltanschauung des MA, das Ich des Einzelnen, das erst eine Erfindung der Renaissance ist, nur eine verschwindend geringe Rolle spielen durfte und persönliche Eigenarten des Einzelnen im großen Ordnungsplan als eher störend empfunden wurden, wurde darauf Wert gelegt, daß dichterische Texte und Kunst überhaupt einen allgemeingültigen Aspekt aufwiesen. Fast nie wurde eine Statue mit individuellen Zügen ausgestattet, Portraits wurden nicht geschaffen.
    "Dabei gibt der Künstler Form und Gestalt nur einem Gegenstand, der bereits vorhanden ist und Dasein schon besitzt, wie der Erde, dem Steine, dem Holze, dem Golde oder einem beliebigen anderen Stoffe dieser Art. Und woher wären diese, wenn du, mein Gott, nicht ihnen Dasein verliehen hättest? Du hast dem Künstler den Leib gebildet, du ihm eine Seele geschaffen, die den Gliedern gebietet, du hast ihm den Stoff geliefert, aus dem er etwas bildet, du ihm das Talent gegeben, mit dem er die Kunst erfaßt und innerlich schaut, was er äußerlich darstellen soll, du die Sinne, durch deren Vermittlung er das Bild seines Geistes auf den Stoff überträgt und wiederum der Seele über die Verwirklichung der Idee berichtet, so daß dann dieser die in seinem Innern thronende Wahrheit fragen kann, ob das Abbild gut sei. Dich preist all dieses als den Schöpfer aller Dinge."
    So schreibt Augustinus, erneut als Zeuge für die mittelalterliche Weltanschauung dienend, und er macht deutlich, daß der Künstler nichts weiter als ein Sprachrohr Gottes ist, seine Person und sein Name weiter keine Bedeutung haben, vom tatsächlichen Urheber des Kunstwerkes nur ablenken.
    Obwohl die höfische Welt, die etwa 8-9% der Bevölkerung ausmachte, als erste so etwas wie „Selbst"-Bewußtsein entwickelte, waren ihre Dichter jedoch sehr vorsichtig mit einer Darstellung ihrer eigenen Persönlichkeit und gingen sehr ins Allgemeine oder Typische, wurden dadurch nur selten als Menschen greifbar. Auch aus diesem Grund ist sehr wenig über ihre Biographien erfahrbar. Es scheint, als seien sie wie der Moderne Mensch von einer promethischen Scham erfaßt, jedoch nicht gegenüber der Maschine, sondern gegenüber Gott. (13)


    Anmerkungen


    Diese Anmerkungen haben nicht den Charakter von wissenschaftlichen Fußnoten; sie sind vielmehr Randnotizen, ein nach allen Seiten offenes Flanieren in der Art eines Egon Friedell, dessen kulturgeschichtliche Bücher trotz ihrer Fehlerhaftigkeit noch heute lesbar und lesenswert sind. Meine bewußt kurzgehaltenen Fußnoten möchten den Leser auf weiterführende Texte und verwandte Gedanken hinweisen und nicht zuletzt zum eigenen Studium und, so weit dies möglich ist, zum eigenen Nachdenken anregen.




    (1) Die Wurzeln dieser Gattung reichen eben nicht nur zu J. R. R. Tolkin (Herr der Ringe) und den amerikanischen Pulpromanen der zwanziger Jahre (z. B. Robert E. Howards Conan, der eine sonderbare Vorwegnahme nationalsozialistischer 'Weltanschauung' und Allmachtsträume darstellt) zurück, sondern nicht von ungefähr auch zu der Ritterromantik des 19. Jahrhunderts. Stammvater ist hier Willam Morris mit seinem heute fast unlesbaren Epos Die Quelle am Ende der Welt (1896). Leider zeigt die Fantasy, die heute übrigens paradoxerweise von Autorinnen beherrscht wird, in ihrer Blut- und Bodenmentalität, ihrer Gewaltverherrlichung und ihrer häufigen Rassendiskriminierung nur allzu oft faschistische Züge.


    (2) F. Seibt, Glanz und Elend des Mittelalters, Berlin 1987 (Siedler), ein lesbares Standardwerk, das allerdings zu sehr den Investiturstreit in den Mittelpunkt des Interesses stellt.


    (3) Ich verwende, falls keine anderen Quellen angegeben sind, eigene, zugegebenermaßen unbekümmerte Übertragungen. Das hat den schlichten Grund, daß ich mit den meisten der tradierten Übertragungen nicht zufrieden bin. Sie halten sich entweder viel zu streng an das vorgegebene Versschema und entfernen sich durch den gekünstelten Reimzwang zu weit von der Vorlage. Die Prosaübertragungen hingegen leiden an ihrer Umständlichkeit, sie schwächen den Inhalt ab oder umschreiben ihn mühsam. Dies ist um so erstaunlicher, als gerade die Sprache der Minnedichter nichts an Prägnanz und sprachlicher, atmosphärischer Dichte zu wünschen übrig läßt. Als Beispiel möge eine herrliche Strophe des Wilden Alexanders (um 1280) dienen:
    Minne ist solch geselle,
    swer ir dienen welle,
    hiute sueze, morne sar.
    leit ist liebes nachgebar.
    Und jetzt die Prosaübertragung von Ingeborg Glier:
    "Minne ist dem, der ihr dient, eine Gefährtin, die heute freundlich, morgen grausam ist. Leid und Freude wohnen nahe beieinander."
    Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.


    (4) Rene Descartes, Prinzipien der Philosophie, 1. Teil. Übers. v. K. Fischer, S. 165f,Mannheim 1863


    (5) z. B.: Augustinus, De Genesis contra Manichaeus oder De diversis quaestionibus, Augustini opera, Wien 1887ff. Im folgenden wird in diesem Kapitel aus dem 11. Buch der Confessiones und aus De Civitate Dei zitiert.


    (6) "Meine Seele brennt vor Verlangen, diesen so überaus verwickelten Knoten zu lösen. Verschließe doch, Herr, mein Gott, du gütiger Vater, ich bitte dich um Christi willen, verschließe doch diese so alltäglichen und doch so geheimnisvollen Dinge nicht vor meinem Verlangen; laß meinen Geist darin eindringen, auf daß sie mir im Lichte deiner Barmherzigkeit, o Herr, klar werden. [...] Was ist die Zeit?"
    Ich glaube nicht, daß vor Goethes Faust die Leiden eines wissenschaftlichen Geistes, der mit der Erkenntnis ringt, noch einmal so eindringlich formuliert worden sind.


    (7) Auch hier ist die Ausnahme die Bestätigung der Regel. Interessant in unserem Zeitzusammenhang ist die Lehre des später mit einem Bann belegten und als Häretiker verfolgten Amalrich von Bena, der an der Pariser Universität zu Beginn des 13. Jahrhunderts lehrte, allein das philosophische Wissen sei heilsbringend: in dem Maße, in dem wir wissend seien, sei Gott in uns, ungeachtet jedes religiösen Bekenntnisses, den Gott sei die forma mundi. Das ist Aufklärung in ihrem besten Sinne.
    Bemerkenswert scheint mir, daß im Umfeld dieser Pariser Universität, in der solche Gedanken möglich wurden, in signifikanter zeitlicher Übereinstimmung auch die polyphone Musik entwickelt wurde. Ganz so, als käme das eine ohne das andere nicht aus, setzte die Polyphonie zu ihrem Siegeszug erst an, als sich in der Renaissance der wissenschaftliche Aufklärungsgedanke allgemein verbreitete.


    (8) Daß das MA keine Räumlichkeit in ihren Bildwerken entwickelte, liegt m. E. an eben dieser Tatsache, daß die Menschen ihren Blick nur hinauf zu Gott wendeten und mit ihren emporstrebenden gotischen Kirchen wie mit Fingern auf ihn und die Unendlichkeit deuteten, ihre Augen jedoch nur selten auf der Erde schweifen ließen, einer Erde, deren Erscheinungen sie kaum Interesse entgegenbrachten.


    (9) Unter diesen Troubadoures und später unter den Minnesängern gab es auch einige Frauen, die dann allerdings den idealisierten Mann, hinter dem sich natürlich Christus verbirgt, anpriesen. Da kann es auch nicht verwundern, daß die wichtigsten Autoren der christlichen Mystik jener Zeit Nonnen wie z. B. die schon erwähnte Hildegard von Bingen (um 1098 - 1179) oder Mechthild von Magdeburg (um 1207 - 1287) waren. Von der letzteren seien hier ein paar Verse aus einem ihrer Minnelieder zitiert. Sie verraten deutlich die Braut Christi:

    Herr, so harre ich deiner
    mit Hunger und mit Durst,
    mit Herzklopfen und viel Lust.
    Ich harre der Stunde,
    da aus deinem göttlichen Munde
    die gewählten Worte fließen,
    die nie jemand vorher gehöret hat.
    Worte, die allein die Seele versteht,
    die sich von der Erdenschwere befreit
    und ihr Ohr an deinen Mund erhebt -
    ja, sie allein begreift den Sinn der Minne.



    Die Rolle der Frau im MA wird übrigens oft falsch gesehen. Die Damen an den Häfen konnten im Gegensatz zu ihren Männern meist lesen und schreiben, beherrschten Musikinstrumente und betätigten sich überhaupt als Kulturträgerinnen. Sie holten die Dichter und Musiker an ihre Höfe und sorgten für deren Weiter- und Unterkommen. Ein beredtes Zeichen von dem Bild, das die Frau im Hochmittelalter von sich hatte, bietet das Schachspiel, das die Kreuzfahrer in dieser Zeit aus dem Orient mitbrachten. Es wurde zu einem beliebten Spiel der Frauen, die die Regeln allerdings so modifizierten, daß sie als mächtigste Figur die Dame einführten, die es in der Urversion nicht gab.


    (10) Künstler schaffen zu ihrer Zeit immer die Klischees ihrer Nachwelt. Heute ist z. B. die Mona Lisa nichts weiter als ein leeres und abgegriffenes Stereotyp, für daVincis Mitmenschen war das Bild eine Revolution. Ein zeitgenössischer Kritiker Bruckners schrieb in der Augsburger Allgemeinen um 1880, er hoffe, daß dieser Art von Katzenjammermusik nicht die Zukunft gehöre. Was er wohl über die Beatles gesagt hätte, deren Lieder bereits dreißig Jahre später nur mehr ein süßliches Klischee darstellen?


    (11) Daß sie dabei auch Schwierigkeiten hatten, es allen recht zu machen, spiegeln die folgenden, von Dieter Kühn übertragenen Zeilen (siehe Quellennachweis) wieder, die von einem recht verzweifelten Marner (gest. um 1270) stammen. Vor allem in der desillusionierten letzten Strophe gibt er eine zeitlose Künstlererfahrung wieder:

    Sing ich vor den Leuten meine Lieder,
    so hätte der erste gerne dies:
    wie Herr Dietrich floh, aus Bern;
    der zweite: wo herrscht König Rother;
    der dritte wünscht den Reussenkampf,
    der vierte: Eckehards Leid und Tod,
    der fünfte: wer war Kriemhilds Opfer;
    der sechste hörte lieber dies:
    wie's dem Volk der Wilzen geht;
    der siebte möchte irgendwas
    vom Kampf des Heime oder Wittich,
    vom Tod des Siegfried oder Ecke;
    der achte will aber nur eines:
    Minnesang im Stil des Hofes;
    den neunten langweilt dies alles sehr;
    der zehnte weiß nicht, was er will.
    [...]
    So dringt mein Lied in Ohren ein:
    wie weiches Blei in Marmorstein.




    (12) Wie die Schule mit diesen Dichtern umgeht, so sie nicht einen großen Bogen um sie macht, ist ein Thema für sich und zwar ein trauriges: Der Spaß an Lyrik und Literatur wird einem nirgendwo gründlicher verdorben als im Deutschunterricht. Oft hält diese ablehnende Konditionierung ein Leben lang. Die Erzeugnisse der Dichter werden in der Schule nicht nur gewalttätig mit Bildung, Kategorisierung und durch weihevolles Anbeten getötet, es wird dann auch noch mit hanebüchenen Deutungen so lange Leichenfledderei betrieben, bis auch dem Letzten, die Lust daran vergangen ist, sich mit Literatur auseinander zu setzen.


    (13) Der Begriff der promethischen Scham, den ich hier so bedenkenlos übernehme, stammt aus dem I. Band der Antiquiertheit des Menschen, München 1956, von Günther Anders.




    ------------------
    hks

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  2. #2
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Minne - ein Essay

    Da gibt's aber von mir was auf die Finger, klammer. Ich seh das anders als Du mit der historischen und psychologischen Bedeutung des Mittelalters, auch mit den Bedeutungen Hildegards und des Meisters...

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Minne - ein Essay

    Lieber robert,
    anderer Meinung zu sein, ist dein gutes Recht. Aber lass deine Lehrerallüren, ich weiß schon, wovon ich schreib.


    Gruß, Klammer
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  4. #4
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Minne - ein Essay

    Lehrerallüren? Gar nicht übel. Es juckt mir in den Fingern, wenn ich da jemanden reden höre, vier und vier seien acht. Da muß ich dann was sagen. Ich nenne es Wahrheitsdrang. Meinungen sind was für Probleme in der Liebe, im Leben, im Geschmack, nicht aber, wenn es um psychologische Bestandheit oder Bedeutung geht. Auch wenn die Wortbedeutung umstritten ist, so kann eines doch immer auch gemessen werden, das ist das Daß. Es wird gestritten, also ist da eine Bedeutung.
    Und hier setze ich an, auch bei Deiner Mittelalterauffassung.

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Minne - ein Essay

    Nun, auch für die "Minne" gilt der Ausspruch von Augustinus:

    "...dies alles ist auf eine Weise falsch, weil es auf eine andere richtig ist."


    Soviel zu Roberts Auffassung von Meinung.


    Gruß, Klammer
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  6. #6
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Minne - ein Essay

    ganz überflüssiger kommentar eines geschädigten:

    1. lehrer brauchen regelmäßig prügel
    2. auch wenn sie nur arme schweine sind, die mit besserwisserei ihr geld verdienen müssen.

  7. #7
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Minne - ein Essay

    Arbeite die chose nur aus. Würde mich über einen Aspekt hinsichtlich der These: "Die Liebe ist eine Erfindung des 14. Jahrhunderts" sehr freuen.

  8. #8
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Minne - ein Essay

    Ich glaube tatsächlich: Die (romantische) Liebe hat zusammen mit der Fiedel über das muslimische Spanien ihren Weg nach Europa gefunden. Wenn der Ausschnitt aus dem Essay eine Heimat gefunden hat, kann ich ja noch ein paar Auszüge anhängen.


    Gruß, Klammer
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  9. #9
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Minne - ein Essay

    So ganz von oben oder aus den Tiefen meiner metaphysischen Seele will ich hier ein paar Anmerkungen machen, die irgendwie 1350 verortbar ist. Das mit der Liebe hast Du bravourös gelöst, da hab ich doch was zu tun, Dir hier nicht widersprechen zu können. Und so I will.

    Es ist nicht die Kultur des Mittelalters, es sind die bunten Bestandteile. Der Anfang ist gut und schlecht zugleich. FASZINATION bedarf einer Hinführung, nicht aber einer Nennung in der Hinführung. Faszination ist Freude am Licht. Einschränkung: Wir sind nicht fasziniert, wir haben einen Verlust, wir suchen in uns Wurzeln, suchen Bilder, an denen wir uns orientieren können, suchen Tiefe und Heldenmut, suchen Ausflucht, all das eben. Das Mittelalter hat seine Bedeutung, weil es uns auch im Köpfchen suggeriert, daß es die Mitte aller Zeiten sein muß, wir aber vom Ende draufschauen. Es ist also keine Faszination, sondern Sinnsuche über einfache äußere Merkmale. Faszination lenkt das Schiff in die falsche Richtung, in die des leicht Wiederlegbaren. - NACHFOLGEND besser, sonst Nominalstil.
    In den letzten Jahren hat das MA, so paradox es auch klingen mag, wieder einmal eine bemerkenswerte Renaissance erlebt
    Paß hier ja auf, daß Du nicht in Klischees versinkst. Du willst doch einen intakten Text schreiben?! Hat das MA eine Renaissance erlebt? (Das kann nicht stimmen, ist bestenfalls tendenziell richtig, so, was die Aufzurrung des Gedankens betrifft...) Was bedeutet das? Du benutzt hier den Begriff, der doch nur für einen Teil stehen kann, verallgemeinerst den Teil zum Ganzen und erfreust Dich dann an den Möglichkeiten, diesen Teil widerlegen zu können. Nein, Klammer, so nicht. Seien wir hier ernsthaft.
    Es gibt kaum eine Gemeinde in Deutschland mit einem einigermaßen intakten Altstadtkern, die kein mittelalterliches Stadtfest veranstaltet, und in mehr oder meist weniger authentischer Umgebung finden überall Ritterturniere statt. Mittelalterliche Mystiker wie die meiner Auffassung nach überschätzte Hildegard von Bingen oder Meister Eckehard werden von den Esoterikern wiederentdeckt und der Gregorianische Choral und die Musik der Troubadoure beeinflußt nachhaltig die New-Age-, sowie die Pop-Musik.
    Nein nein nein. Hier bleibst Du alles schuldig. Selbst wenn Du später diese Überschätzung verifizieren mögest, Du mußt dem Leser hier Anhaltspunkte geben, inwiefern Du diese Überschätzungen anzeigen willst.
    Die Zahl der Neuerscheinungen in den Medien, die sich in irgendeiner Form mit dem MA auseinandersetzen, ist unüberschaubar.
    Vergleich fehlt.
    Eine besondere Variante auf dem Buch-, Film- und, in neuerer Zeit, auch auf dem Spielemarkt ist dabei die Sparte der sogenannten Fantasy, die nur selten in stimmiger Form alte mittelalterliche Sagenkreise wiederverwertet und in aller Regel in einer nicht näher topographierten, monarchischen Agrarkultur mittelalterlichen Zuschnitts angesiedelt ist.(1)
    Und hier bist Du zu schnell, was den Verdacht aufkommen, läßt, daß Du nicht das Mittelalter, sondern depravierte Vermanschungen im Auge hast.

  10. #10
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Minne - ein Essay

    Selbstverständlich sind Schubladen wie "Mittelalter" oder "Renaissance" problematisch. Allerdings sind wir sie durch unsere Schulgeschichtsbücher gewöhnt, und so behalten sie eine Autorität, die ihnen von der tatsächlichen Forschung her eigentlich nicht zukäme. Jeder Historiker, der einen Text des 12. oder des 15. Jahrhunderts interpretiert, weiß, dass er mit diesen Kollektivbegriffen keinen Erkenntnisfortschritt erzielen kann. Von Etienne Gilson stammt der Stoßseufzer: "Man müsste einmal die Geschichte des Denkens von Boethius bis Pomponazzi erzählen, ohne dabei die Wörter 'Mittelalter' und 'Renaissance' zu benutzen".
    Das Wort "Mittelalter" führt unter anderem die Vorstellung eines geschlossenen religiösen, stagnierenden Zeitalters mit sich, die "Renaissance" weckt spätestens seit Burckhardt Assoziationen wie "Entdeckung der Individualität", "Diesseitigkeit", "Fortschritt", Assoziationen, die sich in dieser Allgemeinheit nicht auf Quellen stützen können.
    Dieses Essay ist jedoch keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern eben wirklich nur ein Gedankenspiel. Zu meiner und des Lesers Erleichterung, den ich bei seinem allgemeinen Epochenwissen abholen will, habe ich den Begriff "Mittelalter" so weit simplifiziert, wie es für meine Beweisführung von Nöten war. Wer näheres erfahren will, kann sich jederzeit an die Fachliteratur wenden. Die Fachleute selbst zucken bei meinem Essay wahrscheinlich eh mit den Schultern.
    Für das sog. "Hochmittelalter", der Blütezeit des Rittertums und der Minne, um die in mir geht, sehe ich im christlichen Abendland drei "philosophische" Geistesströme, die die Gedankenwelt umreißen: Augustin (als Theoretiker des "Gottesstaates" näher im Essay erklärt), Boethius (der das Neuplatonische Gedankengut und dessen Logik ins Christentum trägt) und Dionysius Areopagita (der die "Mystik" begründet). Für dieses "Hochmittelalter" gehe ich tatsächlich von einer relativ homogenen Welt aus, in der, wie es Benn formuliert, "sich alle noch vor einem Kelch verneigten".


    Noch ein paar Worte zu Hildegard, der Naturforscherin und Heilerin, dem "hellen Licht" der Benediktinerinen, dem wir Hildegardbrote, Dinkelkissen und die Esoteriker eine Edelsteinheilkunde verdanken:
    Sie ist nur ein Kind ihrer Zeit, fleißig im Sammeln zwar, aber das völlig unreflektiert. Ein paar Hildegardzitate (von mir übertragen), zuerst zum Thema Naturkunde: "Die Katze zieht schlechte Säfte an sich, schreckt Geister weder ab, noch schrecken Geister sie ab, sie hat eine natürliche Bindung zur Kröte und zur Schlange, in heißen Monaten ist sie trocken und kalt, wird sie durstig, schleckt sie an Kröten, ihr Herz und Fleisch sind giftig." - "Der männliche Hase zieht seine Geschlechtsteile ein, so dass er wie ein weibliches Tier aussieht. Das weibliche Tier schiebt am Nabel einen Knochen aus dem Körper, so dass es wie ein männliches Tier aussieht." - "Wenn der Hirsch spürt, dass die Stangen seines Geweihs nicht mehr wachsen, steigt er in einen Fluss und atmet dessen Dampf ein. Wenn er den Fluss wieder verlässt, frisst er am Ufer ein paar Kräuter, die ihm zusagen. Dann sucht er einen Ort auf, wo er eine Unke findet. Weil er sich von ihr anblasen lässt, wird er sehr müde. Nun reißt er das Maul auf. Die Unke springt hinein und dringt in seinen Bauch vor." Ich erspare euch den unappetitlichen Rest, auf jeden Fall wird der Hirsch wieder gesund, sein Geweih wächst wieder, er bekommt Haare und sein Fleisch ist jetzt besser als vorher. Die Unke überlebt übrigens auch.
    Als Medizinerin ist sie ebenfalls bemerkenswert. Ein Beispiel nur: "Wird der Mann von geschlechtlicher Begierde allzusehr geplagt, so hilft der Sperber. Man tötet ihn, rupft ihn, schneidet ihm den Kopf ab, löst die Gedärme heraus, legt den ausgenommenen Körper in ein neues Gefäß mit einem kleinen Loch, erhitzt in diesem trockenen Gefäß den Sperber, stellt ein zweites Gefäß unter das Loch dieses ersten Gefäßes, fängt so das abfließende Schmalz auf, bereitet es mit anderen Zugaben (die Hildegard nicht verrät) zu einer Salbe"; die soll sich der Mann fünf Tage lang auf Glied und Lenden streichen und, oh Wunder, innerhalb eines Monats wird die Begierde ohne Gefahr für seinen Körper entweichen. Hildegard schließt mit dem Satz: Sonst taugt nichts vom Sperber als Nahrungs- oder Heilmittel.
    Nein, ich kann sie nicht ernst nehmen. Aber das ist eine persönliche Einschätzung, die ich im Essay weitergebe. Ein anderer mag das anders sehen.


    Gruß, Klammer
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  11. #11
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Minne - ein Essay

    Die Bedeutung eines Menschen liegt nicht so sehr in seinen Irrungen, sondern vielmehr in seinen Wegweisungen für die Nachwelt. Allerdings möchte ich den Mann sehen, der sich einer solchen Prozedur unterzieht, insofern bleibt das sehr theoretisch - ist aber interessant, denn ich frage mich, aus welchem Grund Hildegard Medizin aus Sperbern zusammenrührt?

    Es drängt sich natürlich die Frage auf, welche Ursachen dieses Phänomen hat. Für Historiker läßt sie sich leicht beantworten: Sie lieben das MA wegen seiner Übersichtlichkeit. Obwohl man nicht vergessen darf, daß auch das MA eine Entwicklungsgeschichte hat und einen Wandel, sogar Revolutionen kennt, ist es doch ist die einzige Epoche in der Geschichte, die in allen Betrachtungsebenen eine in sich abgeschlossene Struktur bietet und einen relativ klar definierbaren Beginn und auch ein ebensolches Ende bietet; es ist, wie es Ferdinand Seibt (2) formuliert, eine endliche Geschichte; es ist das Jahrtausend zwischen dem noch heute nicht völlig erklärbaren Zusammenbruch der Kultur des alten Roms und der Entfaltung des neuzeitlichen Europas.
    So geht das nicht. Methodischer Fehler. Du mußt hier wenigstens noch auf eine gegenteilige Meinung eingehen, und sei es, um sie zur Sau zu machen. Meinerzeit lernte ich, daß das Mittelalter eine Bezeichnung aus dem 18. Jahrhundert für eine Zeit sei, die man eben als Historiker nicht einordnen konnte. Es gab da in Göttingen einen Schlosser, der's dann vornahm, aber auch der Jenenser Oken versuchte sich dran, glaube ich. Die Grimms sind da auch noch, die kamen von der Sprachwissenschaftsseite und verbanden das mit bestimmten Lautverschiebungstatsachen. Wichtig bei allem: keiner konnte da genau Bescheid sagen.
    Und dann gibt es noch diejenigen, die behaupten, daß uns zweihundert Jahre fehlen, die um 600. Manche sagen, es beginnt 476, andere sagen erst viel später, dann haben wir die, die Karl den Großen an den Anfang setzen. Die haben aber keinen Epochenamen für die Merowinger und die germanischen Völkerwanderer... Zum Ende: 1491 wird oft genannt, aber die Soziologen meinen, daß bereits Anfang des 15. Jahrhunderts die Differenzierung BÜRGERLICHER NAMEN Indiz für die Individualisierung mithin die Lösung aus der mittelalterlichen Weltordnung gewesen sei. Und dann gibt es noch die völligen Querschießer, die der Meinung sind, daß es nirgendwann mehr Freiheit gab als im Mittelalter. Und daran dürfte auch etwas sein.
    Eines jedenfalls haben diese Meinungen alle, seien sie nun [i]richtig[/] oder nicht, sie vertragen sich nicht mit Deinem Diktum einer Eindeutigkeit der Epochenbezeichnung Mittelalter.
    Warum aber übt das MA auch auf den Nichthistoriker eine gleichbleibende Faszination aus? Obwohl es nicht nur eine Erklärungsmöglichkeit gibt, präferiere ich die Auffassung, daß diese innige Liebe zum MA in einer allgemeinen Flucht der Menschen vor der Überkompliziertheit der modernen Gesellschaft besteht.
    Gewagt. Mittelalter ist v.a. Gottesspekulation und Endzeiterwartung. Wie wär's mit diesem Aspekt?
    In der Vorstellung vieler ist das MA, und hier in erster Linie ihre höfische und ritterliche Welt ein Utopia, in dem das Leben einfach und klar strukturiert ist, es ist ein anderes, farbiges Dasein.
    Die Vorstellung bei vielen ist in der Tat so, aber darin liegt nicht der Reiz des Mittelalters. Feste und klare Strukturen gab es auch im Barockzeitalter, noch sehr viel früher...
    Der einzelne hat seinen festen Ort in der Ständegesellschaft und die Begriffe Gut und Böse sind deutlich von einander abgegrenzt und eindeutig besetzt.
    Sicher? Nur als Prinzip, aber der Teufel lauerte überall, selbst im schönsten Gewand?! - Allerdings stimme ich Dir hier zu: Für viele bedeutet die Nachahmung des Mittelalters im spaßigen Spiel eine gewisse Form der lebenssicherheit. Man war tatsächlich sicherer in dem, was man tat, denn es war weitgehend vorgeschrieben, vorgelebt. Ein Leben im Muster.
    Dazu kommen die Unbekümmertheit und die Rustikalität der mittelalterlichen Sitten, die wohl mancher gerne zurückgewinnen würde.
    Das glaube ich allerdings auch.

    Hier Teil III meiner Befasse mit diesem wichtigen Thema. Machst Du dann einen Kommentar zu meinen Anmerkungen, damit ich weiß, worauf Du besonders wert legst; vielleicht kommen wir hier - bei all meiner Kritik - doch zu einem gemeinsamen Text, den wir irgendwann irgendwo aufnehmen könnten. Du weißt doch, wir sammeln ein, wir sammeln und sammeln.
    Gleichzeitig und das ist eine merkwürdige Kehrseite, haben die meisten in ihrem Hinterkopf ein abweisendes und bluttriefendes Bild vom MA als einem dunklen, intoleranten und grausamen Zeitalter voller dumpfer Vorurteile und Dummheit, einer rückständigen Epoche, die im hellen Lichte des Altertums einen um so sinistren Schatten auf Europa wirft; einer Zeit, in der die Menschen in uns heute unvorstellbaren hygienischen Zuständen am Rande des Existenzminimums lebten, ständig von Inquisition, Pest und kriegerischen Auseinandersetzungen bedroht; es ist ein Bild des MAs als einer Art von viehischer, aber in ihrer Entsetzlichkeit auch faszinierender Durststrecke in der Menschheitsgeschichte.
    Hier stimme ich Dir beinahe vorbehaltlos zu. Viele Menschen haben dieses Bild. Zumindest Teilbild. Allerdings ist das MA erst in seiner Spätphase inquisitorisch.
    Aus diesen beiden, in ihrer extremen Vereinfachung jedoch nicht einmal völlig falschen, aber diametralen Positionen heraus wird auch verständlich, wie fremd uns der Mensch dieser fernen Epoche ist, wie weit wir uns von seinem Fühlen, Denken und Wollen entfernt haben, wie schwer es wird, aus der Widersprüchlichkeit unserer Auffassungen Verständnis zu gewinnen.
    Ein wenig mehr relativieren. Das ist vielleicht Deine Annahme. Meine ist es nicht. Ich glaube an die Verständigung über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg. Mit meinesgleichen. Und Du hast im MA auch Deinesgleichen. Und jeder hat sie. Und jeder hat sie immer.
    Aber was ist anders? Was unterscheidet das MA von anderen Zeiten?
    Ich gebe zu, daß ich mich im Griechenland um 400 wahrscheinlich sehr wohl gefühlt hätte. Allein die Vorstellung, mich mit Sokrates unterhalten zu können (selbst wenn nur 10% des durch Platon überlieferten stimmen sollten!) erfüllt mich mit tiefer Freude. Und im MA gab es auch diese Leute, ich erinnre an Johannes Scotus oder Franziskus oder Albertus Magnus, um nur einige zu nennen. Die stehen nicht für sich, sondern immer auch Repräsentanten eines ganzen Haufens von Ähnlichdenkenden. Und dieser Menschen Denken ist mir zutiefst verwandt. Auch glauibe ich, daß ich mich beim einfachen Volk sehr wohl gefühlt hätte; ich liebe das Unverfälschte, sogar das Primitive, wenn es mir nicht gerade nach dem Leben trachtet.
    Auch jemand, der sich ernsthaft und intensiv mit dem MA beschäftigt hat, wird immer wieder verblüfft vor einem Lebensumstand oder einer Äußerung dieser so fernen Menschen zurückweichen und sich vergebens um Verständnis mühen. Als Paradigma für diese Fremdheit mag uns hier ein bekanntes Gedicht von Walther von der Vogelweide (um 1170 - 1230) dienen, dessen fulminanter Beginn seltsam vertraut und nah scheint.(3)
    okay, verfolge diesen Gedanken weiter; bette ihn aber bitte noch ein, und sei es durch eine Fußnote

  12. #12
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Minne - ein Essay

    Lieber Robert,


    danke für die Befasse. Ich bin gerade etwas klamm mit meiner Zeit, gibt mir ein paar Tage.
    So viel nur: Ich glaube nicht, dass du dich während des Perikleischen Zeitalters in Athen wohlgefühlt hättest und ich denke, du und Sokrates, ihr hättet euch nicht verstanden, im Wortsinne nicht verstanden. Ihr hättet zwar die gleichen Wörter benutzt (wenn du denn Altgriechisch kannst), aber die Begriffe hinter den Wörtern wären andere gewesen (Du kannst 2500 Jahre Philosophiegeschichte nicht einfach abschütteln. Der Begriff z. B. "Schönheit" trägt bei dir völlig andere Dinge mit sich als bei Sokrates. Deshalb streitest du dich übrigens auch so oft mit den Forenteilnehmern: gleiche Wörter, andere Inhalte). Doch zurück zu Sokrates: Ihr hättet einfach aneinander vorbei geredet; ihr hättet nicht die geringste Chance gehabt, einander zu verstehen. Bei Platon, seinem Paulus, wäre es vielleicht noch schlimmer gewesen.
    Gorgias hätte dich geliebt, nicht vestanden, aber geliebt.
    Drei Tage würde ich dir in Athen geben: Dann müsstest du bestenfalls nach Abdera flüchten, im schlimmsten Fall Schierling trinken.


    Gruß, Klammer
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  13. #13
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Minne - ein Essay

    Da dürftest Du wohl recht behalten, wenn es erst einmal soweit ist, daß ich nach Athen gereist werden bin. Man (in Form dieses allerschändlichsten aller Formen des sich darreichenden Menschen, dem ES) würde mich höchstwahrscheinlich schon nach einigen Tagen hinrichten wollen. Schließlich müßte ich einige Fragen stellen. Das Prinzip meines Daseins aber, das dürfte Sokrates gefallen, denn Fragen und Selbstreferenz sind es doch, die Sokrates, rein formell, auszeichneten.
    (Sprachprobleme lösen sich schnell, glaube es mir; ich könnte erst einmal als Engerling mich tarnen, nur zuhören... Aber ich wüßte ja, wer wer ist und wer welche Bedeutung hat, später. Ich würde nicht aufhören können, mich zu freuen. Ach, würde ich glücklich sein. Da nur zu sitzen, zu wissen und anzuschauen, was in den Urgründen unserer Philosophie gehauen und gestochen. Was könnte es Schöneres geben? Vielleicht auf den Tag zu warten, an dem ein junger Mann namens Aristokles zum Meister kömmt, einer wie Glaukon seine berühmte Geschichte vom unverdünnbaren Geist erzählt oder vielleicht ein Schauspiel von Sophokles das blöde, aber dieses Schauspiel doch verstehende (!) Volk ergötzt. Das alles wäre von unbezahlbarem Reiz.) All dieses Hoffen basiert auf der gesicherten Erkenntnis, daß sich die Menschen in den letzten fünftausend jahren nicht sonderlich änderten, andernfalls wäre es uns wohl kaum möglich, auch nur ein Iota ihrer Schriften für uns zu erschließen - bei aller verschichteten Sprach- und Bedeutungsveränderung.


    Und ich glaube, die Vorstellung, die für mich Griechenland heißt, die ist es auch, die viele Menschen heute zu Mittelalter-Spektakeln treibt. Es ist diese Freude an einer Art Zeitreise, an einem Versenken in etwas, das verloren scheint.




    Ich saß auf einem Steine,
    und verschränkte die Beine:
    darauf setzte ich den Ellenbogen.
    In meine Hand hatte ich geborgen
    das Kinn und eine Wange.
    Angestrengt überdachte ich
    wie man leben soll in dieser Welt.
    Ich wußte mir keinen Rat...
    Wer hat den Text so schlecht übertragen? Klammer, hier bist Du gefordert!
    Diese Suche nach dem Sinn ist sicherlich jedem bekannt und wahrscheinlich hat er dabei die selbe Haltung beim Nachgrübeln eingenommen.
    Zu wenig. Da muß mehr kommen, wenigstens ein Zitat mit ff. Auslegung und Anwendung für Heutige, vielleicht eine Gegenüberstellung mit einem modernen Sinnsuchertext.
    Vierhundert Jahre später wird dieser Sachverhalt von Descartes folgendermaßen ausgedrückt: "Unsere Vorurteile von der Erkenntnis des Wahren können wir, so scheint es, nur los werden, wenn wir einmal im Leben geflissentlich an allem zweifeln, worin sich auch nur der kleinste Verdacht einer Unsicherheit findet." (4)
    schlecht; Descartes hat hier, wenn schon, bestenfalls als Zwischenglied zum heutigen Menschen zu dienen; Du motivierst die Aufrufung D.' nicht! Er kömmt hier wie Kai aus der Kiste.
    Dieses Zweifeln ist der Grundansatz der neuzeitlichen Philosophie.
    Nur an der Methode der Erkenntnis. Mit der Suche nach dem Lebenssinn hat das nicht viel zu tun, nicht viel. Zweifler gab es immer. Man denke nur an die Skeptiker.
    Man sieht, wir befinden uns auf sicherem Boden; der von Selbstzweifeln und Sinnleere geplagte Mensch an der Schwelle
    Nun, Walther lebte im 13. Jahrhundert, nix da mit Milleniumsverzweiflung. Mit Descartes hat das auch nichts zu tun. Wenn Du uns meinst, dann hast Du hier einen Zwischensatz vergessen, der Leser ist nämlich noch bei D. oder W.
    zum zweiten christlichen Jahrtausend fühlt plötzlich ein Seelenband, eine bequem zu beschreitende Brücke durch die Jahrhunderte hin zu diesem so fernen Minnesänger und Ritter. Doch dann liest er weiter und seine Interpretation bricht zusammen:
    Ich wußt mir keinen Rat,
    wie man drei Dinge erwürbe
    ohne nicht eines zu verlieren:
    Zwei sind Ehre und Reichtum,
    einander oft ausschließend:
    das Dritte aber ist die Gnade Gottes,
    die andern überstrahlend.
    Ehre, Reichtum, Gnade Gottes? Ist das für Walther der Sinn des Lebens? Und plötzlich entfernt er sich wieder in der Zeit, sind sein Sinnen und Trachten fremd, sogar abweisend, erzeugt sein Denken im besten Fall Achselzucken. Aber es kommt ein paar Strophen später noch schlimmer. Walther zieht hier einen Vergleich zwischen Insekten- und Menschenstaat und kommt zu einem seltsamen Ergebnis:
    Ich sage dir dies:
    All diese Tiere, all das Gewürm
    keines lebt ohne Haß.
    Sie leben in wütendem Kampf.
    Doch in einem haben sie Verstand:
    Sie wären nichts,
    hätten sie sich nicht ein starkes Gesetz geschaffen:
    Sie wählen sich Könige,
    sie bestimmen Herren und Knechte.
    Ach, Deutschland,
    wo ist deine Ordnung?
    Was hat dieser Ruf nach einem starken Mann mit der intensiven Selbsterforschung des Anfangs zu tun?
    W. ruft nicht nach dem starken Mann, sondern nach Ordnung und HERREN. Mehrzahl!
    Bricht Walther hier bereits dem Sozialdarwinismus eine Stange? Sein Gedicht jedenfalls gipfelt in dem Ausruf:
    Ach, Gott, der Papst ist zu jung.
    Hilf, Herr, deiner Christenheit!
    Erneut erleben wir das beständige Zurückgreifen in jener Zeit auf die Religion, sie ist das Färbebad, das jede Lebensäußerung des mittelalterlichen Menschen durchtränkt.
    Sozialdarwinismus bei W.? Hm. Wenn Du W. hier so definierst, dann mußt Du einen Bezug zu seinen Weltanschauungen setzen. Meines Teils ist W. ein Vertreter der Reichsidee, nicht einer Monarchie mit quasiabsolutistischer Attitüde. Nichts da mit starkem Mann, sondern nur die Sehnsucht nach einem starken Gemeinwesen. Klare Positionierung gegen den Papst, obwohl W. streng gläubig war.
    Ein Leben außerhalb des Gottesstaates gab es nicht, es war in Hegelschem Sinne nicht einmal denkbar.
    Wovon sprichst Du hier? Es gab mehrere Reiche in den Vorstellungen der Menschen.
    Selbst der Ketzer zweifelte nicht an der göttlichen Ordnung, er hatte nur eine andere Methodenauffassung. Wenn also vom Mittelalter und seiner Kultur, speziell von seiner Literatur die Rede sein soll, muß zuerst über Religion gesprochen werden. Erst aus dieser Blickrichtung kann auf die nur scheinbare Gegenwelt der höfischen Minnedichtung, die in der Hauptsache die Popularisierung der ethischen Grundwerte des sich gerade entwickelnden neuen Standes Ritter ist, eingegangen werden. Und erst danach kann auch der Inhalt des zitierten Gedichtes, das im übrigen ein überragendes Thema des Mittelalters, die Auseinandersetzung zwischen Kaiser und Papst, thematisiert, verstanden werden.
    Meinetwegen versuch es so. Ich mach hier nur Anmerkungen.

    Gott ist die Welt


    Es ist bei Nichtfachleuten wenig bekannt, daß der Begriff Mittelalter keine Verlegenheitserfindung von modernen Mediävisten ist, sondern aus der Theologie des Heiligen Augustinus (um 354 - 430) stammt, der den Schöpfungsbericht als eine Analogie für die Menschheitsgeschichte auslegt.(5)
    Das stimmt so nicht. Deine Fragestellung zielt auf die Bedeutung des Mittelalters, wie wir sie heute (diese Epoche) begreifen, nicht auf eine heilsgeschichtliche Exegese, die Du zudem hier in einem mutmaßt, der VOR einer Zeit lebte, die wir mit einem Historiker aus dem 18. Jahrhundert, dessen Name mir entfallen ist (zwing mich nicht, diesen Namen zu suchen: Schlosser?), als die Zeit des Mittelalters, zwischen Antike und Neuzeit so beinahe säkularisiert betrachten wollen.
    Die Werke von Augustinus, der am Ausgang der Antike lebte, waren für das MA die grundlegenden Staats-, Geschichts- und Gotteslehren; dieser afrikanische Bischof hat sozusagen die Theorie des MAs geschrieben, spätere Denker wie der unter ihnen weit herausragende Thomas von Aquin (um 1225 - 1274), also [beinahe!] ein Zeitgenosse der Minnedichter, beschäftigten sich in der Hauptsache mit der Kommentierung und Auslegung seiner Schriften. Deshalb ist es nicht zu vermeiden, Augustinus in diesem Kapitel etwas ausführlicher zu Wort kommen zu lassen.
    Für Augustinus lebten die Menschen in einer Zwischenzeit, dem mittleren Zeitalter. Geschichte war ihm ein Altern der Welt zwischen der ersten und zweiten parousia, also dem ersten Auftreten Jesu und seiner erwarteten Wiederkunft, die das Ende aller Tage einläuten sollte. Die Zeit, die ihm übrigens einiges Kopfzerbrechen bereitete, (6) ist für ihn also von Anbeginn durch den Herrn terminiert: Es ist die Übergangsperiode der Bewährung auf der Erde, eine Zeit, in der jeder von Gott an seinen Platz gestellt dieses irdische Jammertal durchlaufen muß. Die Erde stellt dabei den weltlichen Teil des Gottesstaates dar, der aus einem Ort im Himmel (civitas Dei coelestis) und eben dem auf der Erde wandernden Gottesstaat (civitas Dei pereginans in terris) besteht. Der peregrinus ist laut römischem Recht ein ortsansässiger Fremder. Die Christen sind also, wo immer sie sich auf Erden aufhalten, nur Fremde. Ihr Ziel besteht darin, die nach dem Fall Luzifers und seiner Anhänger gelichteten Reihen der civitas Dei coelestis wieder aufzufüllen. Nicht alle Glieder des wandernden Gottesstaates - der Kirche - werden auch Mitglieder des himmlischen Staates sein; erst am Ende der Tage wird sichtbar werden, wer den ewigen Lohn verdient. Doch alle Christen möchten dazugehören; dieser Wille zur Zugehörigkeit macht Engel und Menschen bereits jetzt zu Mitgliedern eines Gottesstaates.
    Bis auf den Einschub einer Erläuterung eines Wortes (in den Fußnotenbereich stellen) und ein überflüssiges ALSO ist das okay. Aber inhaltlich habe ich Einwände zu machen.

    1. Glaubst Du nicht auch, daß jede Generation sich als Zwischenglied empfindet, mehr oder weniger?
    2. a interregi recti - eine schamlose Bezeichung im Mittelalter bei jedem neuen König, nicht dieses ES LEBE DER KÖNIG, sondern dieses. Das Zwischenkönigtum als ständige Einrichtung.
    3. Zeitempfindung hatte schon Xenophanes, der nach einer Einteilung der Welt bis zu sich selbst fragte, auch, ob die Götter einst wiederkehren würden, mithin er nur in einem Übergangsstadium sich befände?!
    4. Hesiods Theogonie hat da auch schon was beschrieben, das abfallende Zeitalter, das erst durch die Neuankunft der Götter überwunden würde...



    Ich sehe Augustinus in dieser Reihe. Nun hatte er vor sich, was die Griechen nicht hatten, überkommen. Die Griechen kannten Jesus nicht.


    Sind so Denkanstöße für Dich.


    Heute jedenfalls haben wir andere Zeiteinteilungen und benennen das Mittelalter ganz prosaisch als Zeitspanne zwischen Antike und Neuzeit. - Womit wir Amerika zuviel Ehre erweisen. Oder der französischen Revolution. Oder Galileo. Oder Sven Kowollek.

  14. #14
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Minne - ein Essay

    Nur ein paar kleinere Anmerkungen, mehr würde den Rahmen sprengen:


    Um es gleich vorneweg zu sagen: Das Kapitel über Walther taugt nichts. Das muss umgeschrieben werden. Ziel war es, ihn als Zeugen aufzurufen, dass wir "Modernen" mit unserer Vorstellungswelt und unserem herkömmlichen Textverständnis eigentlich kaum in der Lage sind, die Texte der mittelalterlichen Dichter und Denker wirklich zu verstehen. Dazwischen stehen 800 Jahre mit mindestens zwei ideengeschichtlichen Wenden, die das Denken revolutionierten. Deshalb ist im Essay auch von Descartes die Rede, der mir dort erste symbolisiert. Nach ihm (und Kepler und Galilei und Bruno und und und...) war die Welt nicht mehr, wie sie vorher war, die Menschen dachten anders und konnten nicht mehr zurück. Die Bedeutungsinhalte der Wörter haben sich geändert und damit auch das Denken und die Wirklichkeit, die ja nur einen Kompromiss darstellt. (Ich habe mal eine Geschichte geschrieben, da war die Erde vor Kepler tatsächlich eine Scheibe und Mittelpunkt des Universums, erst nachdem alle etwas anderes glaubten, änderte sich das.)
    Vor allem unser neuzeitlicher Individualismus ist uns im Weg: Ich beharre weiterhin darauf, dass uns die Menschen des MA anfremden, dass ihre Sicht auf die Dinge eben grundlegend anders war. Uns Europäern ist es doch nicht einmal möglich, die Denkmuster, kulturelle Ausdrucksweisen und Interpunktionen (das Deuten von Ereignisabläufen) von z. B. Indern (warum gräbt sich einer zwei Jahre in den Sand ein?) oder Japanern (warum ist für einen Japaner das Höchste an Erotik, an der getragenen Unterhose eines kleinen Mädchens zu schnuppern?) so nachzuvollziehen, dass wir sie wirklich begreifen.
    Die Menschen des MA ähneln für uns Außerirdischen: Wir können nicht einmal mehr mit ihnen kommunizieren und wahrscheinlich könnten wir es selbst dann nicht, wenn wir mit einer Zeitmaschine ins Jahr 1200 zurückfliegen würden.
    Augustinus nun, ich habe das bereits oben ausgeführt, ist das Tor, durch das ich eintrete in eine durchaus nicht statische, aber sich selbst als statisch auffassende Welt. Darauf kommt es an: Es ist eine endliche, übersichtliche, von Gott geordnete Welt, in der jeder seine Rolle und Aufgabe hat. Die Geschichtsschreiber erforschten auch nicht die Dauer der Geschichte, sondern allein ihre Struktur. Nehmen wir z. B. Joachim von Fiore (ca. 1130 - 1202): Er weist jeder Person der Trinität eine Periode der Geschichte zu: die des Alten Testaments (Vater), des Neuen Testaments (Sohn) und des testamentum aternum (Heiliger Geist). Jede dieser Perioden, der tria tempora (ante legem, sub lege, sub gratia) bringt die Ereignisse und Personen der vorhergehenden auf einer höheren Ebene der Offenbarung zur Geltung. Folglich gab es zwar mehrere irdische Reiche, aber sie sind nur eine Spiegelung der Reiche ante legem und des Himmelreichs: vier K?nigreiche, sechs Zeitalter, die Parallelität von Ereignissen und Personen. Die mittelalterliche Historie dient übrigens nur einem einzigen, apokalyptischen Zweck: Das Ende zu erreichen (oder zumindest zu zeigen, wie nahe es gekommen ist).
    Minnesänger sind wie alle Dichter: Sie verkaufen sich und singen des Lied, der sie bezahlt. Das war entweder ein Fürst oder König oder, häufiger, der Klerus. In der Zeit der Minnesänger entdeckten die Könige erst allmählich das positive Recht, Gesetze zu schaffen und damit die absolute Monarchie, vorher galt das Gewohnheitsrecht (consuetudines), ein Recht, das der Herrscher "entdecken", aber nicht selbst schaffen konnte, z. B. das Widerstandsrecht der freien Adligen, sich gegen seinen König zu erheben, den ersten unter den Gleichberechtigten, der sein Königtum allein durch Wahl und Akklamation erworben hatte.
    Noch aber sieht sich der Mensch als Teil der Christenheit und nicht eines Staates. Man befindet sich im sechsten Zeitalter, in dem nichts anderes geschieht, als dass es "altert".
    Zum Schluss:
    Damit sollen nicht die kritische Funktion des modernen Historikers in der heutigen Gesellschaft bestritten werden. Aber selbst der bewussteste und kritischste Historiker und viel mehr noch der interessierte Laie ist durch Vorannahmen gebunden, deren er sich nicht immer klar ist. Auch das will ich hier zeigen.
    Die Tatsache, dass der Historiker immer durch die Perspektive der Zeit und des Ortes, von er er sich nie völlig lösen kann, beeinflusst wird, verhindert übrigens nicht notwendigerweise historisches Verstehen. Manchmal wird dadurch eine Dimension hinzugefügt, die im Horizont dem Diskurs der Zeit, die der Historiker verstehen möchte, fehlte. Das MA schrieb z. B. nie seine eigene Wirtschaftsgeschichte nieder.
    Historisches Bewusstsein nimmt seinen Anfang bei den Gegebenheiten der Gegenwart und jede Interpretation, die nicht der Grundlage von allgemein anerkannten Fakten widerspricht, trägt zu unserem "Verstehen" bei. Das wollte ich in diesem Essay versuchen.


    Gruß, Klammer


    P. S. Zwei Gedanken noch, über die ich gerade stolperte und die mir irgendwie in den Zusammenhang zu passen scheinen: Die Konklusion von Dostojewskijs "Großinquisitor" lautet doch wohl: "Alles ist wahr, auch das Gegenteil."
    und bei Koyrös (ich arbeite, wie du vielleicht mitbekommen hast, an Galilei) fand ich eben folgendes:
    "Die Vergangenheit, eben weil vergangen bleibt uns auf immer unzugänglich: sie verschwindet, ist nicht mehr greifbar für uns; und nur von noch vorhandenen Relikten versuchen wir sie zu rekonstruieren. Aber die tatsächliche Geschichte kümmert sich kaum um die Geschichte der Historiker..."


    Reduc me velocissime,
    o ductor clementissime!
    Nolo hic me magis esse,
    pater sancte,
    flatus alme veridice.
    Hoc rogo praecipue.
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  15. #15
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    AW: Minne - ein Essay

    Deine Erklärung Augustinus' liest sich spannender als der MINNE-Text. Darüber solltest Du nachdenken. Zu Deiner Erklärung habe ich nur zu sagen: Mehr davon! Das gefällt mir.


    Ich möchte zu verstehen geben, daß ich mich in manche Texte aus dem Mittelalter eindenken kann, verstehe, was da jemand von mir will. Wahrscheinlich bilde ich mir das nur ein, aber es macht mir die chose anschaulich und unterhaltsam. Wenn ich aber das kann, also Freude und Herausforderung gleichermaßen empfinde, dann kann Deine Annahme eines Fremdseins des MAs nicht unbedingt stimmen.

    Unser hermeneutischer Ansatz ist ein grundverschiedener: Du denkst an zeitabhängige Kontextualität, an bewußtseinsverändernde Umstände; ich dagegen glaube an die Unverrückbarkeit menschlicher Muster, daran, daß Lebensumstände, Hygiene oder Religion und dergleichen Akzidentien zwar Einfluß ausüben, die Substanz des Menschen aber nicht verändern.

    Neben den hier nicht weiter behandelbaren rechtsphilosophischen Konsequenzen dieses Gedankens auf das Verhältnis von geistlicher und weltlicher Macht wird eines deutlich: die Erde ist nicht mehr als ein Wartesaal und sie ist statisch:
    Doppeldoppelpunkt? Welche Funktion? Klammerung und Pointierung worauf? Das Rechtsphilosophische war bislang noch kein Thema in diesem Text, dann mußt Du auch nicht darauf verweisen, daß es eine solche Exegese ma. Texte gibt.
    Das Wort Zeit wurde im MA nahezu ausschließlich in seiner Mehrzahlform verwandt, also nie als eine fortlaufende Reihe von Ereignissen verstanden.
    Bitte? - Hier mußt Du exemplarisch werden, so bleibt es unverständlich, und Du willst jetzt nicht wirklich, daß ich Details benenne?!
    Eine Entwicklung im Sinne von Fortschritt ist auf der Erde nicht denkbar und für den Christen nicht von Interesse.
    Das ist falsch. Es gibt genug Bibelstellen, die darauf hindeuten, daß die Menschen sich zu entwickeln haben, Gottes Ratschluß aufnehmen und in die Welt bringen sollen. Das ist eben das Neue, was Jesus in die Welt brachte, einen sich verändernden Gottesbegriff, damit auch einen Menschenbegriff, der sich nicht an die starren Regeln des ATs zu halten haben soll. - Sicherlich war die Gottesauffassung eines starren und ewigen Gottes ohne Entwicklungspotential etc. im MA vorherrschend, aber gerade die Inquisition hatte eben v.a. damit zu kämpfen, daß innerhalb der Kirche viele Auffassungen Gottes zur Sprache kamen, auch die, Gott als einen Sich-Entwickelnden, eben weil er vollendet ist! (das ist der Prozeß des ewigen Werdens; ich erinnere nur an Johannes Scotus, der einer der wichtigsten Dogmatiker fürs MA wurde und klaren Pantheismus lehrte - ich hab mich in meinem Manifest damit befaßt) - aufzufassen. Du DARFST hier nicht so pauschalisieren.
    Die Himmels- und Weltmaschine, die Gott konstruiert hat, kann durch nichts gestört werden - es gibt zwar Beschädigungen, teuflische Störungen, aber der Ablauf bleibt gleichmäßig.
    Das ist auch nicht richtig, wenn Du es so verallgemeinert darstellst. - Diese Auffassung gab es, sie galt aber nicht für das ganze MA, war noch nicht einmal die vorherrschende, jedenfalls nicht in vielen Teilen Europas zu langen Zeiten. Denk nur an nordischen Gottesbilder (Muspilli), den ewigen Gang unserer Könige in den Süden, um eben die Welt im Gleichgewicht zu halten, den Weltbrand, der unmittelbar bevorstand, zu verhindern, denk an den Zug nach Osten, um ein Gleichgewicht der Kräfte herzustellen, Gottes Plan zu verwirklichen - das alles ist kaum möglich, wenn die Welt für alle Ewigkeit eingerichtet und nur bewahrt werden soll, denk an die südfranz. Untergangserwartung in Lyon und Umgebung... Tausende Beispiele für eine dynamische Weltauffassung, und nicht alle waren Ketzer.
    Mit welchem Recht sollte ein Mensch wagen, diese Schöpfung zu ändern, und sei es auch nur in der Ausdeutung?
    Schon die Fragestellung ist verfänglich. Es geht nicht um SCHÖPFUNGSÄNDERUNG?! Wem ging es jemals darum? Schöpfung wurde auch im MA als Prozeß begriffen. Das sagt doch alles. Ein Prozße, der auch Schöpfung basiert, endet nicht.
    Wissenschaftliche Erkenntnis ist also ein Widerspruch in sich selbst, da die Dinge, die Gott dem Menschen verborgen hat, ihn auch nichts angehen: Wissenschaft in heutigem Sinn ist teuflische Störung, Häresie. Deshalb kann es keinen Fortschritt über Aristoteles hinaus geben, der, soweit seine Schriften bekannt waren, für das MA den Gipfelpunkt menschlichen Erkenntnisvermögens darstellte.(7)
    Und eben forderte, die Dinge in ihrem Kern zu erforschen, um zu wissen, was sie bedeuten. - Du könntest hier bestenfalls behaupten, daß Aristoteles falsch ausgelegt wurde, aber einen zumindest umstrittenen Sachverhalt für das ganze Zeitalter nicht so ungehalten mit Ar. ausschütten. Abgesehen davon änderte sich die Bewertung Aristoteles' im Laufe der ma. Jahrhunderte oft genug.
    Das Ende des MA läutet u. a. dann auch die Wiederentdeckung Platons und die Kritik an Aristoteles durch die Humanisten ein.
    Die Umwelt ist nur dazu da, dem Menschen Beschwernis aufzuerlegen. So etwas wie die gefühlvolle Betrachtung der Natur kann es nicht geben; sie wird ausschließlich von ihrem Nutzwert zum überleben oder als Strafe Gottes betrachtet.
    Falsch. Denk nur an den heiligen Franziskus und die Bedeutung, die Menschen im MA besaßen, die mit den Tieren reden konnten, weil sie eben ein Einsehen des Unsichtbaren besaßen. Ein wichtiger Gedanke im MA war der der INVISIBILIA, der alle Einsicht vorausgeht. Die ANSCHAUUNG Gottes war die höchste Erkenntnisstufe, die es zu erringen galt durch STREBEN.
    Der Dichter Neidhard aus dem Reuethal (1. Hälfte des 13. Jahrhunderts, ab 1215 in Bayern nachweisbar) hat z. B. in einem Gedicht über eine Italienreise fast überschwengliche Worte für die Fruchtbarkeit der für uns so langweiligen Po-Ebene, die Alpen, die er vorher überwinden mußte, sind ihm gleichgültig, ein lästiges Hindernis. Den Begriffen der Romantik würde er verständnislos gegenüberstehen. Erst Petrarca wird hundert Jahre später allein deshalb einen Berg besteigen, um die Aussicht zu genießen. Vielleicht ist das der Tag, an dem die Neuzeit beginnt.
    Gedankliche Sprünge.
    Der Eine Gott und das Ziel, einst in den himmlischen Teil des Gottesstaates einzuziehen, sind also die Fluchtpunkte im Unendlichen, auf die das ganze MA zentriert ist. (8) Auch die Kunst, die immer ja eine Funktion ihrer Zeit ist, ist von dieser Weltsicht dominiert. Ein hoher Prozentsatz der Kunst und damit der Literatur (manche Forscher sprechen von annähernd 90%) hat rein geistlichen Inhalt und er ist allein auf das von Walther von der Vogelweide bereits angesprochene Problem ausgerichtet, wie man leben solle, um das ewige Leben im Angesichte Gottes zu erringen. Ein beispielhafter anonymer mystischer Text aus dem 13. Jahrhundert rät deshalb zur Weltflucht:[/b]
    Nun ja...

  16. #16
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Minne - ein Essay

    Du hast recht, da habe ich es mir zu einfach gemacht. Thema kann nicht der Investiturstreit sein.
    Viel wichtiger ist, dass jetzt die äußeren Lebensumstände der Minnesänger dargelegt werden müssen, die in der Regel Ministerale waren und den im MA genuin geschaffenen neuen Stand des Ritters als das weltliche christliche Vorbild feierten. (Stichwörter für die heutige Zeit: höflichkeit, Kavaliersdelikt, ladylike)
    Ich arbeite zwischen den Jahren daran.


    [Diese Nachricht wurde von Klammer am 16. Dezember 2002 editiert.]
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  17. #17
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    AW: Minne - ein Essay

    Ergänzung:
    Auf meinem Blog 'Aber ein Traum' ist das/der Minne-Essay nun überarbeitet und vollständig zu finden.


    http://klammerle.wordpress.com/2013/...g-ein-essay-i/


    Gruß, Klammer
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  18. #18
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: Minne - ein Essay

    Ein guter Ordner mit einem interessanten Thema. Irgendwann mehr dazu.

  19. #19
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    AW: Minne - ein Essay

    Lieber Robert,

    der Vollständigkeit halber möchte auf meinen Blog hinweisen, auf dem das ganze überarbeitete Essay in 12 Teilen zu finden ist:

    https://klammerle.wordpress.com/2013...g-ein-essay-i/

    Inzwischen müsste ich es von Neuem überarbeiten, denn in vielerlei Hinsicht ist es verbesserungswürdig.

    Grüße, Nikolaus
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