+ Antworten
Ergebnis 1 bis 12 von 12

Thema: Herbst

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Hamburg
    Beiträge
    207
    Renommee-Modifikator
    20

    Post Herbst

    Herbst


    Der Tag hinter den Scheiben, nicht weiter erwähnenswert. Kalt und grau breitet er sich aus, selbst die Regentropfen fallen ohne Kraft. Weichen die letzten Blätter aus ihrer Verankerung und treiben sie gelangweilt dem Abfluß entgegen. Die Stämme der Linden vor seinem Fenster sind schwarz von Feuchtigkeit.
    Halb vier, und schon jetzt breitet Dunkelheit sich aus, draußen und drinnen. Der Mann beugt sich vor und schaltet die Schreibtischlampe ein. Dann schließt er seine Finger um die Kaffeetasse und sitzt wieder still und fühlt die Kälte in seinem Körper.
    Das Zittern ist stärker geworden in letzter Zeit. Ist von irrationalem Gefühl zur Realität geworden, um jetzt die Oberflächenspannung seines Kaffees zu zersplittern. Der Mann sieht die silbrigen Ringe und sagt seiner Hand: still. Die Ringe zittern weiter, stärker jetzt, als wären sie sich seines Blicks bewußt, bis er die Augen schließt und die Tasse von sich schiebt. Als er sie wieder öffnet steht der Kaffee unschuldig da, unbewegt bis auf den heißen Dampf, der in trägen Wirbeln nach oben zieht. Hinter dem Lichtkegel der Lampe löst er sich auf in Unsichtbarkeit.


    Der Mann weiß, daß das Zittern für andere unsichtbar ist. Selbst Augen, die diese winzigen Wellen sehen könnten, würden nicht auf die Idee kommen, ihnen eine Bedeutung zuzuordnen. Ihnen fehlt dieser wachsame Blick.
    Trotzdem hat er begonnen, ihre Lippen weiter nach vorn zu wölben, um den Rand der Tasse von seinen Zähnen fernzuhalten. Damit das Zittern unhörbar bleibt.
    Ich beobachte mich beim Trinken, denkt er, mit ganzer Konzentration. Wie eine Spinne auf einem Netz, balancierend. Nur sie spürt die wachsende Anstrengung, mit der sie ihr Netz aus ihrem Körper presst, und weiß, daß der Faden jeden Tag dünner wird. Er sackt jetzt tiefer bei jeder Bewegung, die Vibrationen erschüttern das ganze Netz. Nichts hält. Mehr noch als die abnehmende Festigkeit des Fadens erschweren die Schwingungen ihre Balance. Mit jeder Gegenbewegung verstärkt sich der Ausschlag des Fadens und dehnt ihn weiter, ein endloses Spiel. Ihre Beine sind seit kurzem immer leicht angezogen, bereit, sich beim Fallen um den Körper zu schlingen. Sie trägt diese gedachten Kontraktionen mit sich über das Seil. Mehr Sicherunsfäden als Netz.
    Ganz langsam schleicht das Zittern sich in seinen Alltag, bestimmt Bewegungen und Zeitplan. Er bevorzugt jetzt Restaurants, die ihren Kaffee in dickwandigen italienischen Tassen servieren, Tassen, die mit beiden Händen gehalten und mit einer entschiedenen Bewegung auf den Unterteller gesetzt werden können. Er hat Angst vor dem klappernden Geräusch, mit dem das Geschirr unter seinen zitternden Fingern tanzen wird. Nachts kann er es schon hören.
    Vor einigen Tagen hat er begonnen, Umwege für diese Tassen zu gehen. Fünfhundert Schritte durch den Regen für ein neues Cafe. Eine Welt mit dicken Wänden.
    Die Löcher, die in sein Leben gerissen werden, legen sich wie häßliche Brandmale auf seinen Tag. Aber er ist hilflos in seiner Erleichterung. Würde auch tausend Schritte gehen. Zweitausend, um einem Zittern zu entgehen, das nur er selber spürt.
    Er ist jetzt immer wach. Ein Teil seines Bewußtseins hat sich abgespalten, um sich selbst zu beobachten, unermüdlich. Er sieht sich mit den Augen anderer Leute, mit Augen, die er für die Augen anderer Leute hält.
    Der Mann hat gelernt eine Grenze zu ziehen zwischen denen, die aus zierlichen Tassen trinken, und sich selbst.
    Oder sitzen wir alle hier, denkt er, beobachten unsere Hände, verbergen unsere sexuellen Unzulänglichkeiten und schuppige Haut unter einer zurechtgebügelten Oberfläche, und strengen uns gegenseitig an mit unserer Perfektion?
    Der Mann denkt: Vielleicht hat meine Schwester recht. Vielleicht hat zu lange kein Mensch mehr mein Leben gestreift. Gibt es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen zitternden Händen und der Abwesenheit von Menschen? Er weiß es nicht.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.366
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    10

    AW: Herbst

    Und er weiß es doch, meine Liebe. Das ist ja das Geheimnis, um das er sich sorgt.


    Ist prima, Dein Text. Macht Lust auf mehr. Also, it, um es ganz pauschal und generös zu sagen: sehr gut! Und jetzt darfst Du weiter an Deinem trocknen Milchbrötchen knabbern, das zu schicken ich immer noch nicht die Muße hatte. Du weißt ja, gut Ding will Weile.


    Der Mann hat gelernt eine Grenze zu ziehen zwischen denen, die aus zierlichen Tassen trinken, und sich selbst.

    Über diesen Satz bitte ich Dich inständigst nachzudenken.

  3. #3
    dift
    Laufkundschaft

    AW: Herbst

    die idee des vorweggenommenen zitterns und einer präventiven angst gefällt mir sehr gut wie auch dieses einspannen in das entlarvende klappern der tasse, wenn sie aufgesetzt wird - und bräuchte meiner meinung nach das langsame realität-werden gar nicht - aber der text ist mir nicht pointiert genug. irgendwie unausgewogen:
    sprachlich: mal poetisierend, mal sehr descriptiv, mal bissl unbeholfen
    und auch vom aufbau her. als ob immer wieder worte und bilder gesucht worden wären, um diesen zustand zu beschreiben. sich auf eines zu reduzieren, das aber exakt durchzuspielen, fände ich besser.
    und warum auf einmal die "sexuellen" unzulänglichkeiten? wo kommen die denn auf einmal her? es geht doch um ganz andere unzulänglichkeiten.
    die letzten beiden sätze würde ich streichen. sind holzhammersätze, man hats eh schon längst begriffen.


    mit grüßen
    dift

  4. #4
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    14.May 2000
    Ort
    Cary (Nordcarolina)
    Beiträge
    97
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Herbst

    Ah, schön. Subtil: die frage: ist da wirklich was, oder doch tatsächlich alles einbildung? Oder wird es wirklich durch die einbildung? Man sollte nicht glauben, was die leute alles für Komplexe haben, auf die man als außenstehender nie gekommen wäre...
    Erinnert mich ein bißchen an jene Hinkegeschichte, die ich mal reingestellt habe.. so wie sie hätte sein sollen
    Ein paarmal scheinen mir die Formulierungen aber doch zu dick, vor allem die Brandmale, die sich auf den Tag legen.

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    16.May 2000
    Ort
    Hamburg
    Beiträge
    172
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Herbst

    hallo it,

    mich hat die oberflächenspannung des kaffees, die zersplittert werden soll, total aus der geschichte geworfen.
    wie soll das gehen? ich lese weiter und im hinterkopf versuche ich diese frage zu beantworten. nee, geht nich!
    auf den rest des textes hab ich mich gar nicht mehr konzentrieren können. ungewöhnliches leseerlebnis.

    grüße
    e.

  6. #6
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.366
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    10

    AW: Herbst

    Auch wenn es mir gegen den Strich geht, aber hier ist die Konstruktion der Zwiespalt, muß also nicht pointiert werden. Ist das ein Widerspruch? Nein, eine tragbare Annahme. Der Text lebt vom Unausgegorenen, denn das ist sein Plaisier, darob wurde er gesetzt, daß es eben diese Imponderabilien in unserer Seele gibt, dieser Text darf nicht einem Muster folgen, sondern muß das Unstete auch stilistisch WAHRnehmen. Und das tut er.


    Ich stehe mit meiner Meinung sicherlich nicht allein, wenn ich sage, daß it besser schreiben kann, als sie es eigentlich vermöchte.
    Und, dift, hier das Gelernte eines Schreibwerkstattwochenendes anzuwenden, erscheint mir dann doch ruchlos.
    Eulalie, ich denke, daß dieses Lesen gut für Dich ist/war, denn der Text wird in Dir weiterleben. Ist das nicht gemein? Du kannst Dich nicht dagegen wehren, er ist jetzt in Dir. Ich wußte es immer, daß Schreiben Gewalttätigkeit voraussetzt.
    iodin, vergiß nie, daß aus dem Entarteten das Brandmal sich zeichnet. Ich mal Dir eine Welt! Übertrieben? Nein, sie beschreibt ganz wundervoll; Übertreibungen sind besser als litoteres Geschwätz um den Brei. Hier ja.

  7. #7
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    20.April 2000
    Beiträge
    152
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Herbst

    grüß dich, it,
    es ist eine manie, die ihn zwingt, in immer größer werdenden kreisen neue cafehäuser anzusteuern. und ihn wissen läßt, daß es gar nicht darauf ankommt, daß es eine fixe idee ist. du hast mit ganz einfachen worten ein psychogramm gezeichnet, mit einer ganz alltäglichen geschichte als vorbild und einer genauen zeichung der vorlage. es zeigt, wie vielschichtig unsere motive sein können und wie undurchschaubar für den aussenstehenden. es ist beklemmend im trivialen. imprimatur!


    big

  8. #8
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    5.October 2000
    Ort
    Bad Füssing
    Beiträge
    875
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Herbst

    Du rührst mich, doch ich bin brutal: Du beschreibst das Leiden des hoch vergeistigten Alkoholikers, der erkennt. Die Symptome: Sex, Haut, Minderwertigkeit, verzweifeltes Bemühen. Zerreiß mich in der Luft, aber ich sage Dir, es ist wahr.
    Es gibt aber durchaus dünne Fäden, die auch nach oben ziehen.

  9. #9
    dift
    Laufkundschaft

    AW: Herbst

    Und, dift, hier das Gelernte eines Schreibwerkstattwochenendes anzuwenden, erscheint mir dann doch ruchlos.

    tja, wieder mal eine vorführung, wie es aussieht, wenn mit herabsetzungen des gegenübers statt mit argumenten gearbeitet wird.


    unergiebig


    dift

  10. #10
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Herbst

    Idioten beziehen alles auf sich. Sie können aber nicht anders.

  11. #11
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Hamburg
    Beiträge
    207
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Herbst

    Danke fürs Lesen erst mal.
    Der Text war ursprünglich und bis zur letzten Sekunde mit einer weiblichen Protagonistin geschrieben. Hätte es einen Unterschied gemacht?
    Hannemann, ich zerreiß Dich nicht in der Luft, aber seltsamerweise hast Du recht: es ist wahr. Da hat sich tatsächlich hinterrücks ein Alkoholiker reingeschlichen, ohne daß ich es selbst bemerkt hätte. Ich kenne ihn sogar recht gut. Interessant...
    Insofern muß ich (zähneknirschend) sogar Eds fein dosierter Beleidigung "....wenn ich sage, daß it besser schreiben kann als sie es eigentlich vermöchte." zustimmen.
    Das Leben ist unfair, nicht wahr?
    dift, die letzten beiden Sätze werde ich kürzen und nach oben stellen, da waren sie auch schon mal. Andererseits wollte ich die versteckten Neurosen schon drinhaben, aber nicht mit ihnen schließen (das gleiche gilt für die sexuellen Unzulänglichkeiten. Sind wohl zu dominierend für diesen Zusammenhang. werde ich umformulieren).
    Pointieren will ich aber nicht.
    iodin, meine armen Brandmale. Ab an den Weihnachtsbaum damit? Wären Brandlöcher immer noch zu stark?
    Und eule, mit der Oberflächenspannung habe ich lang gekämpft. Bin aber für Vorschläge offen?
    it
    (PS, Ed: über den Satz habe ich lange nachgedacht. Ist nu ein Kommafehler drin oder was?)

  12. #12
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Herbst

    Die sich ausbreitende Dunkelheit läßt den Text beginnen, nicht wirklich, aber doch fast. Womit ich schon beim Hauptptoblem bin, das Fast. it schafft es einfach nicht, dieses Fast zu überwinden. Es reicht ihr; Oberflächenspannung reicht ihr hin. Wenn das Zittern auch stärker wird, dieser Tatbestand erinnert doch sehr an den Briefmarken verkaufenden Postbeamten an Schalter 4. Der Nachts näßt, weil er immer an einem Springbrunnen vorbeigehen mußte auf dem Weg zur Schule, der jetzt auch sein Arbeitsweg ist.


    Nun? Dämmert's?


    Ein von sich geschobene Tasse kann so viel bedeuten.


    Ich will diese Bedeutungen spüren, sie mehren die Begeisterung.

+ Antworten

Ähnliche Themen

  1. Herbst
    Von kassandra im Forum Lyrik
    Antworten: 12
    Letzter Beitrag: 02.10.18, 06:38
  2. Herbst
    Von Lester im Forum Lyrik
    Antworten: 8
    Letzter Beitrag: 22.09.18, 08:18
  3. vor dem herbst
    Von Paula im Forum Lyrsa
    Antworten: 2
    Letzter Beitrag: 12.07.17, 10:16
  4. Herbst.
    Von Rolf Dubin im Forum Lyrik
    Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 04.09.16, 08:56
  5. Herbst
    Von L. Peppel im Forum Lyrik
    Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 05.11.01, 15:13

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Ja
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •