+ Antworten
Ergebnis 1 bis 15 von 15

Thema: Das Gleichnis

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Salzburg
    Beiträge
    117
    Renommee-Modifikator
    0

    Post Das Gleichnis

    Es ist zufrieden, als es sich im Spiegel betrachtet: Es gleicht sich aufs Haar.


    Das Gleichnis zieht seine Mundwinkel nach unten und nach oben, der Spiegel macht alles mit. Natürlich seitenverkehrt, was eine Frage der Physik und gleichzeitig die Antwort ist.


    Weil Fragen schon die Antwort sind. So wird es gelehrt.


    Dem Gelehrten stehen die Haare zu Berge, er hat sie sich zerrauft, als er nach Fragen gesucht hat. Immer diese Fragen, sagt der Gelehrte und zupft schon wieder in seinen Haaren herum.


    Was dann aber eine Sache des Friseurs ist.


    Was der Grund ist, warum den Friseuren neuerdings eine derartige Bedeutung zugeschrieben wird. Unter einer gesunden Frisur wohnt ein gesunder Geist, zum Beispiel.


    Der Gelehrte jault auf, weil er den Friseur nicht leiden kann. Er ist ihm zu gelackt.


    Das Gleichnis streckt die Zunge heraus. Das hat es im Fernsehen gesehen. Überhaupt sieht das Gleichnis alles im Fernsehen, weil es nämlich so gern fernsieht.


    Eine Frage des Überblicks, sagt die Antwort und schaut mit großen Augen herum. Ich bin eine Frage, sagen die Augen der Antwort.


    Da kenne sich einer aus, meint der Friseur und schneidet ratzeputz die ganzen Haare vom Berg.


    Der Gelehrte befürchtet, dass er jetzt über der Baumgrenze zu liegen kommt. Nur noch Pionierpflanzen hat er am Kopf.


    Das Gleichnis fährt ihm über die anspruchslosen Flechten.


    Greift sich gut an, sagt es und seine Stimme klingt nach Genugtuung. Der Spiegel nickt seitenverkehrt.






    [Diese Nachricht wurde von andrea am 17. Dezember 2000 editiert.]

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.560
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    AW: Das Gleichnis

    Ja, andrea, das ist die Art von Literatur, die mir behagt. Das mag ich. Das hat doppelten Boden, eine gewisse Artistik und schwebt dennoch nicht in unabdingbarer Höhe unter dem Zirkuszelt, eher ist's die Anomalie des Irdischen, die man beim Lesen empfindet, wenn man die lichte Höhe des Riesenrads erreicht und jederzeit weiß, daß es ein Kreis ist, den man schlägt/schlagen muß. - Ein Trapezkünstler tut nur so, als ob er einen Kreis zöge, eigentlich kann er nur fallen! -
    Aber diese Riesenradgeschichte ist gut Wienrisch, womit klar ist, daß Du sie bestimmt besser erzählen könntest als meinereiner.


    Und damit bin ich bei dem, was mir wirklich gefällt: Es ist die Thematisierung der Beschaulichkeit, die Gnoranz des bebrillten Affen. HALLO, sag ich morgens, wenn ich in den Spiegel schaue. Ich trage keine Brille, bin vielleicht auch kein Affe, aber diese Ebenbildlichkeit in bezug auf meine Alpträume überrascht mich doch immer wieder. Und schließlich dürfen wir bei diesem Text auch nicht vergessen, daß andrea zum gelegentlichen Frühaufstehen neigt. Heißt es nicht schließlich, daß nachts alle Katzen grau sind, morgendliche Wäsche aber nur Katzenwäsche sein kann.


    andrea, sei mir herzlichst gegrüßt, manchmal sind wir uns schon recht nah in unserer Weltwahrnehmung.

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    27.June 2000
    Ort
    Bärlin
    Beiträge
    54
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Das Gleichnis

    behagt mir auch. sehr.
    andrea, was ich an deinen texten besonders mag, ist dein witzeln,ohne daß du die miene verziehst. dein zunge ist ganz fest in deiner wange, wie die von ed. so beliebten engländer sagen.

    miranda

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Hamburg
    Beiträge
    237
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Das Gleichnis

    Mir bleibt nur ein
    (was nicht sehr konstruktiv ist, aber muß ich denn zu allem meinen Senf dazugegeben haben? Ich verkaufe keine Hot Dogs)


    it

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Salzburg
    Beiträge
    117
    Renommee-Modifikator
    0

    Post AW: Das Gleichnis

    ich dank recht schön für die anerkennungsworte und stell gleich nochwas aus der reihe vor. das - wie ich fest annehme - dem herrn von denn dann wieder nicht so ins gemüt finden wird! -


    grüße
    andrea




    Ich sprudle, sagt beispielsweise der Bach. Ich ziehe mir die Socken an, sagt beispielsweise der Mann am Morgen. Aber in Wirklichkeit sagt er es nicht. Warum auch!


    Der Socken klemmt, sagt er aber, wenn der Socken zu klein geraten ist.


    Hausfrauenbeispiele wollen wir nicht, sagt die VerwertungsAG. Kein Schwein interessiert sich für Hausfrauenbeispiele.


    Lasst ein Atomkraftwerk explodieren oder den Kanzler darin verwickelt sein. Das interessiert, sagt die VerwertungsAG und schickt sich an, ihre Füße in den Bach zu hängen.


    Dem Bach ist das egal. Er will nur keine Atomkraftwerksatome abbekommen, weil ihm dann die Fische mutieren. Es würde ihn genieren, wenn er zweiköpfige Fische mit sich führen müsste.


    Die VerwertungsAG hat sich die Socken ausgezogen und ins Bachrandgras gelegt. Weil sie kein Handtuch mitgenommen hat, werden die Socken klemmen, wenn sie sie wieder anzieht.


    Bleiben Sie mir mit Ihren Hausfrauenbeispielen vom Hals, sagt aber die VerwertungsAG und zwängt sich in die Socken.


    Die VerwertungsAG sieht sich nach dem Kanzler um, aber der hat sich in eine unauflösliche Geschichte verwickelt. Es ist eine politische Geschichte.


    Da jubelt die VerwertungsAG und macht sich auf die Socken, um ins VerwertungsAG-Gebäude zu kommen. Dort macht sie einen Vertrag.


    Alles ist politisch, erklärt die Kanzlergeschichte und windet sich am Schreibtisch der VerwertungsAG, die sehr, sehr nachdrücklich zustimmt und der Kanzlergeschichte die Hand drückt. Meine Liebe, sagt sie immer wieder.


    Unter dem Tisch reibt die VerwertungsAG heimlich die Füße aneinander, weil sie sich so kalt anfühlen, was von der Feuchtigkeit der Socken herrührt. Oder der Füße, aber das lässt sich jetzt nicht mehr so genau unterscheiden.

  6. #6
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.560
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    AW: Das Gleichnis

    Was haben Text 1 und Text 2 miteinander zu tun? Sie schwimmen in einer braunen Soße aus Mansardenwichse? Sie ziehen sich zuerst den linken Socken an?


    Text 2 ist verschwommen modrig; ejakulierendes Spätneunzehntesjahrhundert. Drehkreisel im Morgenmantel. Schlecht und windig in der Durchführung, mager in der Bestandsaufnahme beim Leserrezipienten. Da bin ich jetzt sehr uneinsichtig. Tex1 1 schwimmt, aber zielgerichtet, hält die Balance, geht nicht unter, um im Gleichnis zu bleiben.

  7. #7
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Salzburg
    Beiträge
    117
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Das Gleichnis

    hihi, wie du deine abneigungen zu formulieren verstehst, mag mich immer wieder begeistern! "ejakulierendes Spätneunzehntesjahrhundert" - SOWAS muss einem doch erst mal einfallen!


    es grüßt
    andrea

  8. #8
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Das Gleichnis

    Zurückgegrüßt.


    ich will doch noch einmal die Frage stellen, ob das Springen von Gedanke zu Gedanke schon einen Text rechtfertigt! Assoziationen sind beim Schreiben unerläßlich, aber darf ein Text aus NUR ebendiesen bestehen, wenn er den Anspruch erhebt, literarisch zu sein?


    Jetzt möchte ich nicht darüber diskutieren, was LITERARISCH sein möge (hier als Imperativ formuliert!), ich möchte fragen, ob nicht eine Grundidee vorhanden sein muß, um die herum Assoziationen schweben (im Kafkaschen Sinne) oder manifestiert werden (im Mannschen Sinne).

  9. #9
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    20.April 2000
    Beiträge
    124
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Das Gleichnis

    kategorisch : nein, ein text muß nicht immmer nach dem muster zentrum/peripherie aufgebaut sein, er kann auch myzelisch daherkommen.

  10. #10
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Das Gleichnis

    Das ist eine schöne Allegorie, Doderer. Ein Myzel hat aber einen Ausgangspunkt, von dem aus sich verteilt. Passend ist das Bild, weil dieser Ausgangspilz - die Mutter aller Pilze - späterhin kaum örtlich fixiert werden können dürfte, aber eine Unsauberkeit hat Dein Bild: Pilze wachsen schnell und vergehen schnell, weil sie eben kein Zentrum besitzen, das ihnen Kraft und Fortbestand sichert.


    Ich neige denn doch dazu, erst eine Idee (Urpflanze), dann die Applikationen anzunehmen.

  11. #11
    kritiker
    Laufkundschaft

    AW: Das Gleichnis

    Mein Gott, seid ihr beknackt!

  12. #12
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Das Gleichnis

    IHR wird großgeschrieben, wenn Du dies als Mitteilung an Anwesende gerichtet haben möchtest, klein, wenn es halt nur so gesagt ist und im Raum steht. Wie meinst Du es?

  13. #13
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    20.April 2000
    Beiträge
    124
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Das Gleichnis

    'kritikers' einwand zeigt von mut, phantasie und intelligenz. meine hochachtung. solches gewort bringt nicht jeder fertig.

  14. #14
    kritiker
    Laufkundschaft

    AW: Das Gleichnis

    Ich wusste doch, dass du keine Kritik verträgst.

  15. #15
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.560
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    AW: Das Gleichnis

    Es ist zufrieden, als es sich im Spiegel betrachtet: Es gleicht sich aufs Haar.
    ES wird hier zwar dreifach am Anfang benutzt, aber erfährt keine Steigerung oder Abschwächung durchs Folgende. Dies bereits im ersten Satz stilistisch zu markieren, um dann doch nichts Inhaltliches folgen zu lassen. Expositionen sollten nicht summarisch, sondern spannungssteigernd eingeführt werden.
    Das Gleichnis zieht seine Mundwinkel nach unten und nach oben, der Spiegel macht alles mit. Natürlich seitenverkehrt, was eine Frage der Physik und gleichzeitig die Antwort ist.
    Verquere Optik. Wenn ein Gleichnis ZIEHT, dann muß da ein Bezugspunkt gesetzt werden, nicht das Widerspiegeln aus dem Off. Der Spiegel ist hier bestenfalls zuzweit zu setzen, zuerst muß - und wenn es nur eine Ahnung für den Leser bleibt - ein Grund fürs Mundverziehen engezeigt werden; und wenn es die pure Laune ist, dann eben die.
    Weil Fragen schon die Antwort sind. So wird es gelehrt.
    Dem Gelehrten stehen die Haare zu Berge, er hat sie sich zerrauft, als er nach Fragen gesucht hat.
    Nicht zu oft Hilfsverben ans Ende setzen, aber keine eigentlichen Hauptsätze bilden. Das gleitet schnell ins Manieristische ab.
    Immer diese Fragen, sagt der Gelehrte und zupft schon wieder in seinen Haaren herum.
    Was dann aber eine Sache des Friseurs ist.
    Was der Grund ist, warum den Friseuren neuerdings eine derartige Bedeutung zugeschrieben wird. Unter einer gesunden Frisur wohnt ein gesunder Geist, zum Beispiel.


    Der Gelehrte jault auf, weil er den Friseur nicht leiden kann. Er ist ihm zu gelackt.
    Das Gleichnis streckt die Zunge heraus. Das hat es im Fernsehen gesehen. Überhaupt sieht das Gleichnis alles im Fernsehen, weil es nämlich so gern fernsieht.
    Eine Frage des Überblicks, sagt die Antwort und schaut mit großen Augen herum. Ich bin eine Frage, sagen die Augen der Antwort.
    Da kenne sich einer aus, meint der Friseur und schneidet ratzeputz die ganzen Haare vom Berg.
    Der Gelehrte befürchtet, daß er jetzt über der Baumgrenze zu liegen kommt.
    Ringel larangel, aber noch nichts wirklich Greifbares, bis auf den Spiegel, der sein Wissen aus dem Fernsehen bezieht. Das ist eine witzige Annahme, die mir sehr gut gefällt.
    Ich such noch den Kern Deiner Geschichte, die Du so schlecht aufgebaut. Hast Du angefangen, sie zu schreiben, um dann festzustellen, daß Dein Schreiben sich so von allein weiterbewegt, von ganz allein konstruiert? Das würde ich hier verstehendes Schreiben nennen wollen. Jetzt ist ein Konstrukt da, ein Grinsen, ein Spiegel, ein Professor, alles beieinander, aber noch nicht so recht miteinander verwoben. Stricken.
    Nur noch Pionierpflanzen hat er am Kopf.
    Das Gleichnis fährt ihm über die anspruchslosen Flechten.
    Greift sich gut an, sagt es und seine Stimme klingt nach Genugtuung. Der Spiegel nickt seitenverkehrt.
    Verliert sich dann, detaillierte Betulichkeit. Nett und plauschig, aber doch nicht artistisch. Dafür zu wenig Anhaltspunkte, nichts Festes. Das Feste aber ist Voraussetzung für die Artistik, und wenn es eben der Nihilismus ist, dann läßt es sich auf ihm immer noch vortrefflich jonglieren.

+ Antworten

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Ja
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •