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Thema: Der Herr von Freising

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Post Der Herr von Freising

    Am Horizont treibt eine Wasserleiche mit aufgequollenem Bauch. So steht es geschrieben und daran wollen wir uns halten, weil wir es ernst nehmen, sagt der von Freising und klopft auf den Tisch. Ruhe meine Damen und Herrn, sagt er und klopft weiter auf den Tisch, dem das bald auf die Nerven geht. Ich bin ein feinsinniger Tisch und ertrage dieses dauernde Geklopfe nicht, sagt er zu dem von Freising. Was glauben Sie denn, warum man mich hierher gestellt hat? Doch nicht etwa wegen meiner vier Beine! Der Tisch verbiegt sich, damit ihn der von Freising nicht mehr erwischen kann, doch da verrenkt er sich das Kreuz und er splittert auf. Ruhe meine Damen und Herrn, sagt der von Freising, sonst können Sie die Wasserleiche mit dem aufgequollenen Bauch nicht sehen, schauen Sie, da kommt sie doch schon, aber da ist plötzlich kein Tisch mehr, auf den seine Faust fallen kann, und da kippt der Herr von Freising um. Er fällt ins aufgesplitterte Tischholz und steckt dort wie ein Stück Rindfleisch auf der Gabel. Gerade da treibt die Wasserleiche mit dem aufgequollenen Bauch so nahe wie noch nie an ihm vorbei. Meine Damen und Herrn, will er rufen, aber er bringt nichts mehr heraus.

  2. #2
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Der Herr von Freising

    respekt! mehr kann ich zu Deinem text gar nicht sagen.
    aber fragen kann ich Dich ja noch, ob es unbedingt rindfleisch auf der gabel sein mußte...


    trb

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Der Herr von Freising

    ja, muss rindfleisch sein, was aber nichts mit dem derzeitigen rinderwahnwahnsinn, sondern vielmehr mit der beschaffenheit von rindfleisch zu tun hat.
    weil rindfleisch genaus fasrig ist wie so eine holzplatte, die auseinanderbricht.

    grüße
    andrea

  4. #4
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    AW: Der Herr von Freising

    na dann ist ja gut! noch eine wahnsinns-geschichte hätte ich nämlich nicht verkraftet...


    dankbar

    trb

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Der Herr von Freising

    da möchte man doch fast stuhl sein, um in die geschichte zu passen!
    eindrucksvoll! warum fällt mir nur bei andrea nie so richtig was kritisches ein?
    und da gäbs doch eigentlich so viel zu sagen!


    big

  6. #6
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    AW: Der Herr von Freising

    Ja, ich habe auch viel dazu zu sagen...

    Schön, das leichte Spiel mit den offenbar inkongruenten Realitätsebenen - und läd mich auch zu einem zweiten Lesen ein. Prima soweit. Bei mir sind jedoch schon bei ersten Mal ganz unwillkürlich ein paar Fragen aufgetaucht. Man könnte sie als Fragen stehen lassen, doch suche ich zunächst nach Antworten:


    - Wenn man den Tisch also nicht wegen seiner vier Beine dort hingestellt hat, weshalb dann? Die einzige Antwort, die vom Text angeboten wird: wegen seiner Feinsinnigkeit. Das ist skurril...
    - Wie wirkt es auf die Psyche eines genervten, feinsinnigen Tisches, wenn er sich sein Kreuz verrenkt und aufsplittert. Das wüßte ich nun gerne, da der Tisch sich bereits so eigensinnig hervorgetan hatte, kann dem Text aber diesbezüglich nichts entnehmen.
    - Worum geht's hier eigentlich? Der Text liest sich zwar interessant und amüsant, hat also schon von daher eine Daseinsberechtigung, aber aufs Ganze gesehen macht er (auf mich) den Eindruck einer höchst freischwebenden Idee. Eine Spielerei? Ein Fragment von etwas Größerem?


    Noch eine Anmerkung, die keine Frage ist: Der bereits diskutierte Vergleich mit dem Stück Rindfleisch (ob nun BSE oder nicht) auf einer Gabel scheint mir mißlungen: Erstens hat ein aufgesplitterter Tisch nach meiner Vorstellung eine ziemlich bescheidene Ähnlichkeit mit einer Gabel, zweitens hat ein lebender Mensch, der sich noch regt und etwas zu sagen anschickt, wenig Ähnlichkeit mit einem reglosen Stück Rindfleisch (eher schon mit einem aufgespießten Käfer in den letzten Zuckungen), und drittens gibt es da einen gewissen Größenunterschied zwischen den verglichenen Objekten. So trägt das Bild nichts Gutes zu meiner Vorstellung des Aufgespießten bei. (Der Vergleich von Tisch und Rindfleisch hingegen scheint mir nicht wirklich zur Debatte zu stehen, oder verstehe ich Dich falsch, andrea?)


    Als Fragment eines größeren Textes könnte es mir gut gefallen... gibt's mehr?


    Vincent

  7. #7
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Der Herr von Freising

    Vincent, diesen Gedanken mit der freischwebenden Idee, die eben keine frei schwebende ist, möchte ich gerne aufnehmen.
    Das ist mir bei andreas Texten schon recht oft aufgefallen, daß sie aus dem Empirischen kömmt, aber sich in eine Phantasiewelt Bausteine aus ebendieser mitbringt. Und die hangeln sich dann in bizarren Verrenkungen durch die Vorstellungswelt des Lesers, aber oft - bei mir jedenfalls - fällt das Gebäude zusammen, wenn der Text verlassen wird. Es bleibt immer so wenig zurück. Vielleicht läßt es sich fragmentarisch nennen oder die Kunst der fugenlose Allegorik; es sind auch keine Symbolbezüge, keine Verdichtung auf ein metaphysisch Hintergründiges, wie ich's anfangs glaubte, es ist eine allegorische Welt, keine symbolische. Und darob tu ich mich schwer mit ihrem Gewort, das mir in der Vereinzeltheit gefällt, aber eben immer diese Leere zurückläßt, diese notwendige Artistik beim Lesen hingegen fordert. Aber Nihilismus ist's auch nicht, den andrea vertritt, es ist eher das Fehlen intellektueller Spannkraft - bei aller Klugheit, die andrea doch hier auch immer wieder nachgewiesen hat -, was dazu führt, daß ihre Texte durch mich so durchrutschen.

  8. #8
    schreibt hier hin und wieder
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    Post AW: Der Herr von Freising

    vielen dank für eure bemerkungen, das ist ja richtig erfreulich, dass hier gelesen wird!


    ich glaube zu verstehen, was die kritik vincents und (sogar!) wolkensteins meint.


    es stimmt, dass meine kurzen texte gelegentlich tatsächlich nur sehr lose an einer dingfest zu machenden realität angeknüpft sind. das ist allerdings oft auch beabsichtigt.


    was nun den von freising betrifft, so hat er aber ein thema, so steht er als dritter in einer textreihe, die (gemeinsam gelesen) schon klarer machen müsste, worum es geht.


    ich hänge also die texte noch an.


    (ja, das rindfleisch ist tatsächlich nebensache. und doch ists bewusst ausgesucht. im übrigen meine ich mit der fasrigen beschaffenheitsähnlichkeit die zwischen aufgesplitterten tisch-fasern und und rindfleischfasern, also tisch-platte und herr von freising haben die ähnlichkeit!)


    a.




    die anreicherungsstelle. doch. ja. literatur und leben. ein umschaufelprozess. schubumkehr ist auch beliebt. derzeit. volle kraft mögen die jungen, volle kraft mögen die alten, weil sie dann wieder jung sind. im kopf bin ich noch siebzehn zum beispiel. das leben lebt sich sowieso, sagt ein dichter, der im nebenzimmer seinen kaktus endlich zum blühen gebracht hat. welch verschwendung ist es doch, wenn wir nichts zu sagen haben. der kaktus blüht endlich, da kommt dann bald die erleuchtung. der dichter strahlt ultimativ. die anreicherungsstelle und das dichterwort haben etwas gemeinsam. das ist dann eine schnittmenge und wir haben einen gutgerüsteten computer, der kann das auch darstellen. graphisch! das ist ein frohlocken. alles ist so hell, wenn der dichter erleuchtet ist. der dichter ist eben ein richtiges kleines glühlamperl mit einem richtigen kleinen glühdraht. der ist auf zack! sagen die von der anreicherungsstelle und leuchten vor glück mit dem dichter um die wette. der kaktus vom dichter drückt eine blüte nach der anderen heraus. und dann fallen die blüten wieder ab. die natur schlampt in der dichterwohnung herum. die natur gehört eben nur in die natur! der dichter ist wieder einmal auf zack. die anreicherungsstelle sucht die schnittpunkte, weil sie was von der schnittmenge haben will, aber die schnittpunkte sind dem grafikprogramm davongelaufen. sie lachen hämisch von den boxen, auf denen sie sich niedergelassen haben, herunter. natürlich ist das jetzt aber nicht, ein dichter hat immer etwas auszusetzen. sonst ist er ja kein dichter. die von der anreicherungsstelle suchen nach dem schalter. sie wollen den schalter umlegen. es soll klick machen.




    im herzschrittmachertakt pumpert das herz. blindenschrift. aber die blinden, wenn sie kein fingerspitzengefühl haben? der herzschrittmacher stampft schon krater ins papier, aber die blinden wackeln mit den köpfen, bedächtig. ich schreibe um mein leben, donnert jetzt der herzschrittmacher, da halten die finger ein, bohren sich ins papier und rufen aus: ein krater! in dem krater nehmen sie dann auch gleich ein bad. man soll nicht auf die blinden schimpfen, sagen die tauben und sie wissen warum. sie schauen den blinden zu, wie die ihr bad nehmen, und die blinden spüren die blicke. da ist jemand, flüstern sie einander zu, aber sie müssten ohnehin nicht flüstern, weil die tauben sie ja nicht hören können. aber das können die blinden wiederum nicht sehen. der herzschrittmacher hat sich beruhigt, leise klopft er den takt.




    Stramm gestanden - Großschreibung eingeführt, erst das große I, dann das große O. Da wollen wir nun, hebt der Moderator an, die Kunst dem Leben verbinden.


    Der Start gelingt, der Moderator schnurrt mit allen seinen Zylindern. Er läuft zur Höchstform auf. Die Karosserie glänzt so schwarz wie das Fell der Katzen. Da hält er an. Weil er doch auch nur ein Mann ist.


    Der Moderator krault die Katzen am Hals und die Katzen streichen ihm aufs Lieblichste ums Knie.


    Himmelherrschaft, jetzt hat es der Moderator gemerkt, er ist an der Nasenspitze - sie glänzt, keiner hat daran gedacht, sie ihm abzudecken! - an der glänzenden Nasenspitze ist er herumgeführt worden.


    Das Leben ist auf den Sitzen hocken geblieben und der Motor hat, weil es gerade so gut gegangen ist, mit dem Laufen nicht mehr aufhören wollen.


    Der Moderator hockt am staubigen Straßenrand und krault die Katzen und da ist ihm das Leben davon gefahren.


    Der Moderator versetzt den Katzen einen Tritt und rennt dem Auto hinterher.


    Das Auto glänzt am Horizont oder ist es die Sonne, die pflichtschuldig untergeht.


    Das Leben, das sind die Sonnenuntergänge, trägt der Dichter in sein Notizbüchlein ein und schaut dem Moderator zu, wie er dem Sonnenuntergang hinterherrennt.

  9. #9
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    AW: Der Herr von Freising

    Der erste Text ist gut, der zweite gehört auf den Kompost, weil Du da kapriziös schreibst. Da Du mir außerdem so auch zu sein scheinst, ist das eine doppelte Ladung. Wenn man schon spitzfingrig die Scheiße vom Gehweg sammelt, dann darf man das nicht auch noch jedem auf die Nase binden.


    Ich lese alles, was Du schreibst, denn manchmal bist Du richtig gut.

  10. #10
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    AW: Der Herr von Freising

    Herzlichen Glückwunsch andrea


    madonna

  11. #11
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Der Herr von Freising

    du heilige schnittmenge ! jetzt is' sie auch noch kapriziös! doderer kratzt sich am ..kopf und wünscht herzlich: glück zum geburtstag

  12. #12
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Der Herr von Freising

    knickschen & danke an madonna und doderer


    und danke auch sp, denn "kapriziös" klingt allemal hübscher als "zickig", wie du das früher zu betiteln beliebtest!


    andrea

  13. #13
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    AW: Der Herr von Freising

    furioser anfang, der rest wieder ein gekonnter akt auf dem hochseil. und doch: mir scheint, in diesem monat sind unser aller seile nicht so straff gespannt wie sonst. ich finde dich im frühling am besten.

  14. #14
    rodbertus
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    AW: Der Herr von Freising

    Hier streiten sich zwei Überlegungen.
    Die erste will zugeben, daß hier Literatur gearbeitet ward, die zweite fragt, warum denn diese Stücke nicht zusammenpassen wollen.

  15. #15
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Der Herr von Freising

    an solchen texten ist immer wieder interessant die frage zu stellen: wer ist der erzähler, und was hat ein solches erzählen auf sich, wohin führt es? gleich am anfang steht da nicht zufällig: So steht es geschrieben und daran wollen wir uns halten [...]
    kleiner schwenker. in einer berühmten erzählung kafkas, in der kaiserlichen botschaft, beginnt der erste satz mit einer ähnlichen form: der kaiser, so heißt es, [...]


    es wird etwas erzählt, wir lesen es, hören es. und doch wissen wir nicht genau, woher die stimme kommt, und wer da erzählt. wir lesen und hören scheinbar auch mehrere stimmen - und doch spricht nur eine stimme, weil wir uns erinnern, erinnern wollen. es ist eine stimme, die aus uns kommt und doch fernab ist. die stimme des textes. und sie kämpft gegen das schweigen an...

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