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Thema: Etwas zur Heimatdichtung

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Etwas zur Heimatdichtung

    Angesichts des letzten kleinen Disputs mit marth, der unser Forum offensichtlich deshalb verlassen hat, hier einige Gedanken zum Thema, was vielleicht meine rigide Vorgehensweise rechtfertigen hilft.


    Heimat, das ist ein Wort, das man in Amerika oder Rußland nicht kennt. Es hat etwas mit der sogenannten deutschen Innerlichkeit zu tun, ist aber imgleichen meist nur ein großer Betrug. Heimatdichtung gibt es gar nicht. Sie basiert auf selbtäuschenden Annahmen, z.B., daß sich die Wirklichkeit teilen ließe und darnach in der geteilten Wirklichkeit verschiedene Modelle durchgespielt werden könnten, innere Werte gegen äußere ausgespielt werden könnten, Klassen, Menschen, Worte, Ideen dergleichen mehr gegeneinander.


    Angefangen hat Heimatdichtung mit diesem Gesetzt (Präliminar), daß eben das aufsteigende deutsche Bürgertum sich von den noch schollenverhafteten Zugewanderten (in den Städten) abgrenzen wollte; rein ästhetisch tat man dies durch Gesellschaftskritik - die Kritiker der Gesellschaft entstammten ausnehmlich dem Bürgertum, nicht dem Bauernstand -, die so von den Zugewanderten nicht angenommen werden konnte. Diese Bewegung nannte sich irrtümlicherweise Naturalismus, meinte aber eben den Gegensatz zur Natur in Form eines abstrusen Determinismus in der Gesellschaft. Ganz böse Zungen (Nietzsche) behaupten gar, daß der Darwinismus nur so zu rechtfertigen wäre.
    In der Gegenbewegung dann die Leute vom Lande, die in mondbeglänzten Zaubernächten über die deutsche Misere radebrachen, die sich in einer Beschlossenheit Raum brachen, den sie zur großen Welt gartenlaubenhaft ausguckten, die sich verspießert in einen mythologisierten Raum begaben, in dem ihre kleinen Gestalten goldene Tage versäumten, weil es eben nichts zu entdecken galt, was in der kleinen Welt nicht sehr viel schöner vorhanden gewesen wäre.


    Abends gingst du aus dem Haus

    arm, gehüllt in deinen Flaus...


    Heimatdichtung haftet der Nimbus offenbarer Unterdrückung durch ein Außen an. Selbst Hölderlin versuchte sich an diesem Spagat zwischen der Idylle eines Seins und dem Suchen in einem fernen Draußen. Seine Heimatgedichte über Neckar und Main sind erschütternd ob ihrer Geratenheit, aber sie verdecken kaum die hinauspräparierte Welt, in die es den Wanderer selbst zur Hälfte seines Lebens drängte. Warum? Weil er dies nicht trennen mochte. Eine Rezeption wurde erst mit dem Entstehen einer germanistischen Wissenschaft publik. Hölderlin trennte nicht zwischen der politischen Heimat, einer ästhetischen Verbrämung des Heimatlichen und seiner Fernsehnsucht.


    Und schließlich, was Heimatdichtern immer noch blieb, das war das pathetisch Aufgetragene: Man gierte nach einer Dichotomie: Da ist die schöne und klare Heimat, dort die böse und kalte Welt. Das war dann später der Fall. Es schwingt in den Texten Brechts oder Kroetz' so etwas wie Entlarvungspoesie mit: Idyllen sind nicht. Die industrialisierte Gesellschaft samt ihrem Diktat des Geldes schlug Heimat entzwei. Rückzug, Genossen!


    Der Anfang ist immer mühsam,

    und den Stein zu hauen ist schwer.


    Das sagt sich so, bitte sehr. - In unpathetischem Gezurre wird jetzt prägnant, detailverliebt geschildert. Das Formale rettet sich zur Aussage. Man lebt im Schatten des Schutts.


    Und so sehen wir es auch in unserem Forum: marth versucht, den Schutt durch die Erinnerung zu beräumen, versucht, hinter dem lieblichen Geläute Wahrheiten zu statuieren, sozusagen überzeitliche Bilder zu vermitteln.


    Und dagegen läßt sich ja nun manches sagen. Was ich jetzt nicht tun will. Aber vielleicht will es ein anderer?

  2. #2
    howah
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    AW: Etwas zur Heimatdichtung

    Also sprach Robertle.


    Heimat ein Wort, das man in Amerika nicht kennt? Was heißt denn, nur ein Beispiel, home town? Heimstadt oder Heimatstadt? Heimatliches Gefühl: homelike. Und Russen hätten kein Heimatgefühl? Und Engländer, Iren, Franzosen, Italiener, Spanier.......


    Was für die "Heimatdichtung" gilt, lt. Robertle, gilt das nicht für vielerlei Dichtung?


    "In der Gegenbewegung kamen dann die Leute vom Lande" mit mondbeglänzten Zaubernächten - Robertle, wer hat Dir denn das beigebracht? Die Romantiker - alles Landleute, Bauern, Hirten, Senner oder wie? Und die "Gegenbewegung" der Maler, wars doch nicht eher so, dass die aufs/ins Land zogen, der Schönheit der heimatlichen Landschaft wegen?


    Und was verstehst Du überhaupt unter Heimatdichtung? Graf? Walser? Thoma? Und, und?


    So etwas wie "Entlarvungspoesie" klingt bei bei Kroetz mit? Franz Xaver wird sich totlachen, wenn er das hört. Ist denn Kroetz ein Heimatdichter in Deinen Augen? Oder nicht? Oder ein halber? Weil er Dialekt schreibt? Und wenn er nicht Dialekt schreibt?


    "So etwas wie....schwingt mit" - das ist eh ein Satz, dem keine genaue Aussage zu entnehmen ist. Oder "Das Formale rettet sich zur Aussage. Man lebt im Schatten des Schutts." Eine Definition der Heimatdichtung?
    Die bist Du uns total schuldig geblieben, Robertle. Versuchs doch mal mit klaren Sätzen....wenn Du es schon mit der germanistischen Wissenschaft hältst.

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Etwas zur Heimatdichtung

    Hallo Robert!

    Hätte ich die Jugend oder die Kindheit eines Junkies beschrieben, der in den sechziger oder siebziger Jahren in einer deutschen Großstadt aufgewachsen ist, wäre deine Welt wahrscheinlich in Ordnung. Ich hatte von Anfang an den Verdacht, dass es an deinem persönlichen Horizont liegt.
    Ich bin nun mal im Krieg und in den Nachkriegsjahren und auf dem Land aufgewachsen. Und wenn ich eine komplizierte Vater-Sohn-Beziehung beschreiben möchte, in der der Vater - kriegsbedingt - in den ersten Lebensjahren des Kindes fehlt, dann lässt sich diese Geschichte nicht am Bahnhof Zoo ansiedeln. Was hat das mit dem verschwollenen Heimatgesülze zu tun, das du unterstellst?
    Meine Bezüge zur Kindheit liegen in MEINER Kindheit, wenn dir das zu lange her ist, hast du ein Problem, nicht ich: wenn du mit 60 auf deine Kindheit zurückblickst, denkst auch, es sei gestern gewesen und bist überrascht, dass das von anderen als Geschichte empfunden wird.
    Aber mit nostalgischer Verklärung hat das nix zu tun, die bei dir - zwar unausgesprochen , trotzdem - mitschwingt. Ich werde den Teufel tun und diese Zeit auch noch verklären.
    Also: In "Vaters Rad" geht es um eine Vater-Sohn-Beziehung, die unter ähnlichen Bedingungen an anderen Orten und zu anderen Zeiten spielen könnte. Nur meine Geschichte spielt an den Schauplätzen und zu den Zeiten, die meiner Vita entsprechen.
    "Der Brand" ist, wie mehrfach erklärt, ein unausgegorenes Abfallprodukt des ersten Textes, das noch der Nacharbeit bedarf. Aber auch "Der Brand" ist keine Heimatklamotte in dem von dir definierten Sinne - eine Klamotte zwar, aber keine HEIMAT-Klamotte.

    marth

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Etwas zur Heimatdichtung

    jaul ....
    ich kann ja ganz gut empfinden, was robert meint, aber es ist - wie howard überzeugend darstellt - total daneben geraten. und natürlich hat marth recht, wenn er sich einer generation annimmt, der die väter fehlten. andererseits- nimms mir nicht übel, marth - ist da schon was dran, über was sich robert aufplustert. ich denk noch drüber nach, was das ist. aber vielleicht hat robert völlig unrecht - wie gesagt, ich denke noch. und ob da imma was rauskommt ...


    bigvogel, zweifelnd

  5. #5
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Etwas zur Heimatdichtung

    home nennen es die Engländer. Ein konkreteres Wort haben sie nicht. home ist nicht suffigiert aus einem Owe oder einem -at wie bei Zierat, selbst Tat (von Tun) haftet diese Beziehung zum Boden an, einem Substrat des Bodens, Hofes, einer Heimstatt. home ist nur ein Behausungsname, kein sich aufs Land als solches beziehender Begriff. Wie auch? Die Macht- und Erbverhältnisse, dieses komplizierte Verhältnis aus Primo- und Sekundogenitur gab es nur in Deutschland. Aus diesem ergibt sich eine besondere Haltung zum Boden, zum Wald, zur Scholle. Für den Engländer ist home vor allem ein castle, kein sich auf Bäume, Sträucher, Boden, Menschen u.a. beziehendes Stück Welt. Die Sozialisierung der Engländer ist eine andere.
    Und die Russen haben erst gar nicht so ein Wort entwickelt, kein Wunder, hatten sie doch noch bis 1917 Leibeigenschaft. Wie soll sich bei einem Volk von 90%igem Analphabetentum da ein Heimatbegriff aufbauen?
    Nicht will ich mißverstanden werden: den Inhalt der Heimatliebe trägt jedes Volk bei sich - das ist geradezu eine Konstante des Menschseins -, aber einen speziellen Namen, ein Konkretum haben diese beiden Völker zumindest nicht. Wie es bei anderen aussieht, wage ich nicht zu behaupten, dazu fehlt es mir an Fachkenntnis, aber Engländer und Russen haben diese Beziehung zur Heimat nicht, wie wir sie haben.


    Daß wir dieses Wort entwickelten, Heimat, ist übrigens auch der Grund, aus dem wir den Staat bis heute so hochhalten, er bei Briten und Russen dagegen nur periphere Bedeutung besitzt.


    Zur Sache: (Ich gehe jetzt den Text entlang.)
    Heimatdichtung gibt es gar nicht.
    Ei freilich gibt es Heimatdichtung.
    Lassen wir die Klassen da raus. Sie verwirren nur den Blick.
    Angefangen hat Heimatdichtung
    Heimatdichtung gibt es also doch, aber sie hat nichts mit dem Bürgertum zu tun.
    Diese Bewegung nannte sich irrtümlicherweise Naturalismus, meinte aber eben den Gegensatz zur Natur in Form eines abstrusen Determinismus in der Gesellschaft. Ganz böse Zungen (Nietzsche) behaupten gar, daß der Darwinismus nur so zu rechtfertigen sei.
    Und jetzt Naturalismus? Fehlschlag. Freund Holz ist vielleicht ein Hinterwäldler, aber kein Heimatdichter.
    Das mit der Germanistik verstehe ich nicht.


    Daß Kroetz - Howah! - entlarven wollte, glaube ich ihm. Das war in den 70er Jahren usus. Und immer schön Mittelinks schreien!


    Das Bild mit dem Schuttschatt gefällt mir. Aber nur so. Ein Schatt wollt ich schon längst mal sein, doch jetzt fällt mir hier nichts mehr ein: Ein Heimatdichter sagt jetzt tschüß und fährt die Karre hin zum Mist. Ahoile!

    Vergessen wir diese Richtung der Argumentation, ich bin mir selber uneins, wie ich mit dem Begriff umgehen muß: Suchen wir die Wurzeln dessen, was Heimatdichtung ausmacht oder ausmachen soll. Suchen wir einen Grund, warum es sie geben muß, warum es sie eben gibt, ganz gleich, ob irgend wer sie mag oder nicht. Sie ist eben da, so wie der Hallimasch im regenfeuchten Waldboden gelegentlich sich bildet.

  6. #6
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Etwas zur Heimatdichtung

    der hallimasch bildet sich nur dort, wo sporen hinfliegen. und mir ist überhaupt noch nicht klar, was die geschichte von marth von heimatdichtung zu tun hat. ich meine, ich sagte ja schon, ich stehe der kritik aufgeschlossen gegenüber, rein gefühlsmäßig. aber das reicht mit nicht. bevor wir klären, warum es heimatdichtung gibt, dräuen mir zwei fragen: wieso ist das heimatdichtung? und was ist das eigentlich?
    oda: muß das geklärt werden? wär auf jeden fall vorrangig.


    bigvogel

  7. #7
    rodbertus
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    AW: Etwas zur Heimatdichtung

    Ja, gute Frage, bigvogel! Was ist Heimatdichtung?
    Ich denke, sie ist vor allem durch örtliche Begrenztheit diskutabel. Da ist der Ort, in dem die Prägungen der handelnden Personen stattfanden oder - ODER - der Ort, in dem ihr Handeln prägt. Dann sind die pränatalen Prägungen und die des Höhlendaseins disponibel. Also, ein Heimatler muß jedenfalls sich selbst thematisieren, seine Nächsten, sein Umfeld, soziologisch und psychologisch führt kein Weg daran vorbei, daß eben HEIMAT das ist, was diesen Kreis umfaßt: eine Fügewelt aus eigener Anschauung.
    Dann wird in dieser Welt eine Geschichte erzählt, die für diese Welt typisch ist, also keine, die zuvörderst verfremdend wirkt, dennoch aber Verfremdungen thematisieren kann. Das nämlich vollzieht sich angesichts eine äußeren Bedrohung, die sehr schnell zu einer inneren werden kann. Wichtigst scheint mir jedoch zu sein, daß HEIMATgeschichten immer den Kontext und das Kolorit eines begrenzbaren Raumes vermögen zu tragen. Betragen.

  8. #8
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Etwas zur Heimatdichtung

    nun gut.
    aber ist das dann immer heimatdichtung?
    das träfe dann auf viele geschichten zu!

    bigvogel

  9. #9
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    AW: Etwas zur Heimatdichtung

    Hallo Robert,
    das ist ganz dünnes Eis, auf dem du dich da bewegst. Ich bleibe bei meinem Beispiel: "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" ist demzufolge ein Heimatroman. Oder?
    Wenn nicht, haben meine Geschichten auch nichts mit Heimatdichtung zu tun. Sie spielen lediglich in einem anderen Jahrzehnt und beschäftigen sich mit einem anderen Thema.
    Meiner Ansicht nach dient die Klassifizierung "Heimatdichtung" oder "Heimatroman" einzig und allein der verdienten oder unverdienten Diskreditierung. Eine ernsthafte Literarische Kategorie ist es sicher nicht.

    marth


    [Diese Nachricht wurde von marth am 26. Oktober 2000 editiert.]

  10. #10
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Etwas zur Heimatdichtung

    ja also, da bin ich mir auch nicht so sicher, marth. wir sind uns doch sicher drüber einig, daß es so was gibt, wenn zb im titel alpenglüh oder edelweiß drin vorkommt. na ja, jedenfalls meistens. das problem ist hier - wie immer - die Abgrenzung. man sollte es nicht unbedingt als eigenes genre sehen wollen. letztlich ist es aber vielleicht gar nicht so wichtig, oder?


    bigvogel

  11. #11
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Etwas zur Heimatdichtung

    Ich mein das gar nicht despektierlich mit der Begriff der Heimatdichtung. Es gibt da gute und schlimme Beispiele für den Mißbrauch des Sentiments. Das vor allem dürfte den eigentlichen Sinngehalt von H. ausmachen, daß sie nämlich zuvörderst dem Sinne und Sentiment entsprechen möchte, daß sie ein Bekanntes setzt, nämlich das Umfeld, von dem ausgehend sie sich in die Welt wagt, allerdings nur ein kleines Stück weit, nämlich bis zum Tellerrand. Davon dann ein Blick hinüber, und schon ist Schluß mit lustig.
    Das ist die Grenze der Dichtung, daß sie ein Idyllisches bedurft/bedarf, um sich nicht zu verlieren.


    Und darob hab ich meine Sorge, ob's denn literarisch zu nennen ist?


    Ja, ist es, auch ein Idylliker ist Literat, eher noch Dichter als ein Zyniker, dem's nicht wohl so drauf ankommen möchte, daß er Stimmungen trifft. Er ist selbst eine.


    Aber jetzt gerate ich in sehr seichtes Fahrwasser. Um es auf den Punkt zu formulieren: Der Funktuationspunkt ist entscheidend. Wenn die Heimat und ihre Veränderungen durch fixierbare Ereignisse, wenn die Entwicklung des lyrischen Ichs nur im Kontext seiner Eingebundenheit in einen Topos "Heimat" thematisiert wird, dann hat da jemand Heimatdichtung betrieben. Wenn dagegen der Ort austauschbar oder beinahe ist, statt dessen aber anderes (Drogen, Krieg, Individualisierung, Klimawandel, Geld, Zerrüttung etc.) dasjenige ist, auf das sich die Dichtung immer wieder zubewegt, dann ist's eben keine Heimatdichtung.

    Ich stelle L.Peppels Text hier mit ein, der Ordnung halber:


    Heimat (von L. Peppel, geschrieben Anfang November 2001 im Forum)


    Aus deinem demokratischen Mund

    steigen unbedachte Schmetterlinge.
    Unter ihren schwarzen Flügeln
    hängen Bomben und Raketen.
    Das kalte Feuer deiner frühen Worte
    schmiedet keimfrei eine Klinge.
    Du,mein Land wie Abraham,
    willst folgsam Mutteraugen röten.
    Doch: an deiner rauhen Haut
    will ich schadlos schlafend liegen.
    Auch wenn ich träumend weiß,
    so süß schmeckt nur ein Traum.
    Auch, wenn ich aus allen Wolken falle,
    ich will auf deinem Atem fliegen,
    auch wenn die Pferde wütend schnauben,
    in der Quadriga Bronzes Zaum.


    1. Leserreaktion von Uisgeovid


    Lieber Elpeppel,
    diesen Text hast Du qualitativ aus einer ganz anderen Schublade geholt als den letzten. Ich warne jedermann davor, ihn nur flüchtig zu lesen und dann so ein gequältes "ach ja" von sich zu geben.
    Die erste Zeile ist so etwas von sperrig und schafft doch ein neues Bild. Warum denn nicht so etwas sagen? Mir gefallen die Alliterationen "Feuer...frühen Worte" und "keimfrei ...Klinge". Wenn man Dichter ist, darf man auch "Du, mein Land..." sagen. Das "folgsam" ist ein wunderbarer Seitenhieb. Alles in allem setzt die erste Strophe einen melancholischen Ton, wenig kämpferisch für ein garstig politisch Lied. Aber bedenke, Leser, die Überschrift ist ja auch Heimat! Und jetzt kömmt's: Das "Doch". Im Bezug auf Heimat muss es hier sein. Was dann kommt, hat so ein wenig den patriotischen Touch des "right or wrong, my country", aber es ist ein Gedicht in deutscher Zunge und deswegen bleibt der Patriotismus sehr blass. Stattdessen findest Du Bilder eines inneren Ich, wohlgemerkt, nicht eines abgekehrten. Dann noch die Anspielung auf das Brandenburger Tor, Hauptstadt, der Kreis schließt sich, Du kommst zum Heimatgedanken zurück, besänftigend zwar, doch bleibt der Hauch von Geschichte auch.
    Liebe/lieber L.Peppel, diesen Text muss man mehrfach lesen, es wäre eine Möglichkeit für mich, wieder an politische Lyrik zu denken.

  12. #12
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    AW: Etwas zur Heimatdichtung

    "Heimat", "home", "lieu de naissance; pays natal", "patria, paese paterna".
    Oh Du, mein Heimatland, Vaterland und Muttersprache. Ausflüge in die Fremdsprachen, Etymologien usw. bringen mich auch nicht weiter wie auch manche theoretische Diskussion. L.Peppel hat in unserm Forum einen Beitrag geleistet, der diese Bestandsaufnahme und Diskussion konstruktiv erhellen kann.
    Heimatdichtung läuft Gefahr immer schon dem Bluboismus verpflichtet zu sein oder vor seinen Karren gespannt zu werden, überall, in jedem Land, wo es um Blut und Boden, um diese Ideologie geht. Soviel zum Sentimentalen allein, Gefühl halt für das Land, in dem ich geboren wurde, den Geruch der Krume aus frühen Kindertagen noch in der Nase. Das Gegenteil schlägt sofort um in diese garstige politische Liedgutlitanei und will kämpfen für eine bessre Zukunft, bringt mir aber wenig bei der Beschreibung dessen, was Heimat bedeuten kann.
    In L.Peppels Gedicht finden sich Konstituenten aus beiden Bereichen, und das macht es interessant, lesenswert und ergiebig beim Auswerten bezogen auf eine etwas zu theoretische Diskussion in diesem Ordner.
    Es gibt eben nicht nur die Heimat des Menschen allein in einer abstrakten Freiheit von Zwang irgendwo in einer zu erstrebenden politischen Zukunft, es gibt immer auch die Heimat der kaschubischen Großmutter, dort, wo sie am Kartoffelfeuer saß, ihre weiten Röcke ausbreitete um Schutz und Wärme zu geben und Leben zu empfangen.
    Heimat ist auch der bitter-süßliche Nachgeschmack eines solchen Traumes.

  13. #13
    rodbertus
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    AW: Etwas zur Heimatdichtung

    In gestrenger Art nach der Sitte meiner Vätersväter trenne ich zwischen Staat und Land. Das Land ist erhaben über den Staat, das Land bin ich, bin ich in Liebe und Selbsthaß; der gegenwärtige Staat aber ist bestenfalls veraltet, hat seine Funktion besessen und gehört abgeschafft: Wir brauchen ein neues Konzept, die BRD sollte in ihrer gegenwärtig kapitalistisch-westlichen Form der Vergangenheit angehören! Fragen? Ich hänge mich hier noch ein, auch wenn das Blut dann fließen wird, hier im Forum. Meinungen sind was für tolle Hunde.

  14. #14
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    AW: Etwas zur Heimatdichtung

    robert, was du anfangs schreibst, klingt wie immer sehr gescheit, aber die hälfte davon verstehe ich nicht. für dumme wie mich müsstest du dich schon ein wenig klarer ausdrücken, so wie zum beispiel in deinem letzten beitrag, den ich sehr viel besser finde, auch inhaltlich. den staat sollte man ruhig möglichst tief hängen, allerdings habe ich nicht genug zutrauen zur menschheit und deren entwicklungsmöglichkeiten, dass ich in einer gegend ganz ohne polizei leben möchte.


    home town ist wirklich nur die stadt, in der man sein zuhause hat, das heißt ein haus, eine wohnung oder auch nur ein untermietzimmer. boden und wurzeln hängen an diesem wort nicht dran, ebenso wenig wie an home country oder gar homeland.


    im italienischen gibt es kein mit heimat vergleichbares wort. etwas spöttisch spricht man von campanilismo als haltung von leuten, die nur das schön und wertvoll finden, was sie vom eigenen kirchturm (campanile) aus sehen können.


    meine vorredner haben m.E. nicht immer scharf genug zwischen dem wort heimat samt anhängendem sentiment und der liebe von menschen für den ort, die gegend und das land unterschieden, in dem diese wohnen bzw. aus dem sie stammen. in italien gibt es das wort heimat zwar nicht, doch ist die verbindung zur eigenen stadt, zur umgebenden region und vor allem zur patria, dem land der väter, überaus stark. anders als in deutschland gibt es in italien kaum ausländische restaurants; man findet die eigene küche sehr viel besser, die eigene sprache sehr viel schöner als jede andere, und wirklich leben kann man nur in einem land der welt: in bella italia. deswegen verlocken auslandsreisen nur wenige; die meisten italiener ziehen den urlaub im eigenen land vor. man verlässt dieses eigentlich nur, wenn einen die not dazu zwingt, d.h.wenn man zu hause keine arbeit findet, von der man leben kann. die italiener, die ich in deutschland kennengelernt habe, bekamen alle glänzende augen, wenn sie von italien erzählten. an deutschland schätzt man zwar die effizienz, die technische findigkeit und die mädchen und frauen, die sich so leicht flachlegen lassen, aber liebe empfindet man für dieses land auch nach 20 jahren aufenthalt noch nicht. die gehört ganz und gar der gegend, aus der sie kommen.


    wir deutsche haben offenbar mehr schwierigkeiten, unser eigenes land zu lieben. der entstandene hohlraum wird dann halt mit sentimentalität gefüllt.


    uisgeovid, übrigens, es heißt paese paterno, das wort ist männlich, im gegensatz zur heimat, die wohl eher an mutter und mutterboden denken oder tümeln lässt. paese bedeutet sowohl land wie auch dorf, so dass auch das dorf des vaters gemeint sein kann.


    noch etwas: oh heimatland ist im schwäbischen ein ärgerlicher ausruf, so wie man woanders verdammt! oder ach, du ahnst es nicht! hervorstößt. statt meine heimat sagt man dort das ländle, ein liebevoller, aber völlig unprätentiöser ausdruck. das tümeln hat in schwaben keine tradition, auch hölderlin neigt nicht dazu. bei ihm erscheinen schwäbische orte meist im griechischen gegenlicht.

  15. #15
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    AW: Etwas zur Heimatdichtung

    1. bittet man um definitiuon des ursprünglichen wortsinns "heimat".


    2. distanziert man sich von der "volkstümlichen musik".


    3. verwirft man alle fehlgeleiteten assoziationen und emotionen.


    4. überlege man, warum die aale aus eurpäischen flüssen bis in die saragossa-see ziehen, um dann rückwärts zu gehen.


    5. denke man darüber nach, warum in der kindheit alles schöner, größer und intensiver war.


    6. was ist gewohnheit?


    7. heimat ist ein ort der stille.

  16. #16
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    AW: Etwas zur Heimatdichtung

    wo heimat vorkommt, ist noch nicht heimatdichtung drin (so viel zu dem obigen gedicht)
    ich denke auch nicht, daß heimatdichtung einen ort, eine lokalität meint, sondern identifikationsfiguren für dort geborene, die deutlich in sprache, kleidung, gebaren, moral von einem landstrich gezeichnet sind, die ihr herkommen nicht in der universell städtischen maske verloren haben. man muß in den gesichtern der figuren ihr werden und gewordensein durch ihre herkommenslandschaft noch sehen: das karge, schroffe, gebirgige hochland - die gemütliche schweigsame heide im flachland.
    landschaften sprechen da durch figuren, die ihnen zugehören, manchmal noch kontrastiert durch fremdes. eigentlich aber in einfachen aber dramatischen moralproblemen, so grausam einschichtig gelöst, wie das der herkunftsnatur entspricht. ohne verkleidung auskommen zu müssen hat diese literarische form der verkleidung reinsten wassers geboren.

  17. #17
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Etwas zur Heimatdichtung

    Ordner brachte leider nicht die gedankliche Klarheit, die notwendig gewesen wäre. Hier muß nachgearbeitet werden. Gute Ansätze.

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