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Thema: Fahrkarte

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Fahrkarte


    Eine Geschichte mit 24 Türchen


    1. Türchen: Ankunft

    Helmut mochte keine Bahnfahrten. genau so das heißt wenn ein text natürlich nur ein erster satz muss immer wieder in der erinnerung kleben kurz deutlich zack zack gib's ihm Nein, er haßte sie nicht. Es gab nur wenige Dinge oder Tätigkeiten], die er haßte. sage ich einfach so und ein gedanke bleibt unausgesprochenes elend ein krummes holz der wirklichkeit arbeit Eine Menge Leute haßte er die alle welche wo warum wann frage fang ich an sollte ich auch menschen erwähnen die er hasst obwohl, aber Dinge? Ihm fielen auf Anhieb nur Wäscheklammern aus Plastik ein. bemerkt jemand ich musste lachen harmonia einer dieser witze die aus mir heraus aber der leser schwer zu sagen wahrscheinlich achselzucken Die verabscheute er. verabscheute eine andere ebene abscheu hass definieren oder lassen was wird er überhaupt in den großen und ganzen sicher noch einmal erwähnen hier bereits den bogen schlagen zu galilei ist zu früh nur ein tropfen der verzischt
    Bahnfahrten hingegen mochte er nicht, besonders, wenn sie ihn in die Nacht führten und er sein Gesicht in der zitternden Scheibe des Abteilfensters spiegeln sah, während er vergeblich nach Schlaf suchte. ein satz kontruktion na ja vielleicht sollte galilei der ketzer hier schließlich war es nicht seine sünde die erde aus dem mittelpunkt zu nehmen das denken nur alle tatsächlich beschäftigte sich die inqusition mit seiner behauptung dass die hostie sich nicht tatsächlich in christi fleisch wandle das war seine häresie
    Helmuts heutige Fahrt dauerte zwar nicht bis zum Dunkelwerden, aber er spürte Erleichterung, als er endlich den Waggon verließ und sich einen Weg durch die Menschentrauben hinaus aus dem Bahnhof suchte. malamud ein neues leben beginnt zum verwechseln ähnlich habe es zufällig gerade gelesen das ärgert mich zudem auch das weitere ähnlich muss ich jetzt meine geschichte ändern ehemaliger trinker überleg ich mir ein andermal
    Auf dem Vorplatz blieb er unschlüssig stehen und sah sich um. Am ehrlichsten sind Städte im Bahnhofsviertel, hier zeigen sie ihr häßliches Gesicht. das ist der satz wegen dem ich am anfang nur darauf läuft es hinaus am ehrlichsten eine erfahrung jetzt kann der leser ja nicken das kennt er jetzt muss die handlung einsetzen helmut muss ich sagen helmut mir graut vor dir das ist deine häresie
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  2. #2
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    Boah was mutest du mir auch dir uns zu was du nicht willst das man dir tu das tu auch nicht was willst du hier gute fragen
    helmut heute getroffen hatte ein spanferkelbein im mund eindeutig keine hostie aber vielzuviel gesoffen wie immer eigentlich die häresie konnte er in seinem zustand nicht mehr schreiben aber ob er an die katholische kirchentür gepinkelt weiß das spanferkel auch nicht genau jedenfalls hat der pfarrer in seiner predigt die hausfrauen aufgefordert gründlicher zu putzen was recht und christlich gesprochen
    wo ich war auf einer taufe natürlich... und helmut auch

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    ...genau! Und morgen öffnen wir das zweite Türchen...
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  4. #4
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    AW: Fahrkarte

    Lieber Freund Klammer,
    schick den Text, wenn alle Türen offen sind, mal getrost nach Klagenfurt. So etwas mischt die Jury auf, davon geh ich aus. Könnte auch sein, dass ich bis Silvester eine Kritik dazu verfasst habe. Gestehe es, Klammer, Du willst endlich mal wieder den Preis für den besten Monatsbeitrag einheimsen und bei Hannemann eine Woche Bad Füssing genießen oder so jedenfalls.
    Im Moment aber traue ich dem Text noch nicht über den Weg, liest sich wie epigonaler Joyce mit einem Schuss Uwe Johnson radfahrend aus dem Jenseits. Also weiter erst einmal.

    herzlichst uis

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    2. Türchen: Beuerle I

    daher denke ich gerüche farben geschmack soweit sie einen gegenstand betreffen dem sie scheinbar innewohnen nichts weiter sind als reine namen
    Ihm fiel Beuerle ein. Es war schon seltsam: Gerade jetzt kam ihm der kleine, geschäftige Beuerle aus der Werbeabteilung in den Sinn; nicht zu verwechseln mit dem Bäuerle vom Technischen Einkauf, der sich wichtiger nahm, als er war. Der kleine Beuerle befand sich in dem stagnierenden Alter zwischen dreißig und vierzig, den belanglosen Jahren, in denen man fertig ist, Kinder großzieht und sich nie etwas zu ändern scheint. das ist das alter das den autor nicht interessiert weil es langweilig langwierig langsam bis zum alter noch zeit verschweigen verschwiegen still ein krummes holz
    Beuerle war für Helmut ein typischer Vertreter seiner Altersstufe, kinderlos, aber verheiratet, immer bemüht, freundlich zu sein, standfest in politischen Disputen und ehrgeizig.
    Helmut wußte nicht viel von Beuerle. Er sah ihn im Büro die Gänge entlanghasten, ständig hinter einem Termin herrennend, der er auch langsamen Schrittes eingehalten hätte und ab und zu tauschte man freundliche Worte in der Kaffeepause. Helmut hatte Beuerle auch schon mal ein Buch geliehen. Ihn wunderte, da? der Mann nicht Meier hieß. wenn du eine sinneswahrnehmung verwirfst nicht unterscheidest zwischen erkanntem und angenommenem wirst du ja dann verlierst du jede möglichkeit für ein richtiges urteil
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  6. #6
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    Klasse Klammer, kann man so machen. Bin Dir auf die Schliche gekommen. Hast Deine Lyrikmaschine angeworfen und lässt sie Kursives ausspucken. Wir verraten Dich auch nicht, weil Du nach wie vor diesen Text nach Klagenfurt schicken solltest... er entwickelt sich... im Gegensatz zu Beuerle aus der Abteilung Technischer Einkauf, der im Leben wohl keine Chance mehr zu haben scheint. Dein Text - insgesamt bis jetzt eine kurzweilige
    Adventsbastelei.

    herzlichst uis

  7. #7
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    Lieber uis,


    so ganz bist du mir noch nicht dahinter gekommen. Der Gedichtgenerator war nur ein Ablenkungsmanöver, noch bin ich meine eigene Prosamaschine.
    Vielleicht ist folgender Tip etwas zu früh: (Achtung! Jetzt kommt ein "Spoiler") Ich empfehle die Lektüre des Saggiatore von G. Galilei, Mascardi, Rom, 1623; 2. Aufl. in Opere, II, Bologna 1655-56, desweiteren "Das krumme Holz der Humanität" von Isaiah Berlin, Fischer, 1995


    Die in Klagenfurt sind einiges gewöhnt:
    "'Kennst du Rainald Goetz?' fragte er zusammenhanglos. Ich schüttelte den Kopf. Er hob die Rasierklinge, die er jetzt zwischen Daumen und Mittelfinger hielt und leicht durchdrückte.
    'Das ist ein Schriftsteller. Der hat sich mal während einer Lesung aus seinen Texten mit so etwas die Stirn aufgeschnitten.' Er seufzte. 'Alle guten Ideen waren schon einmal da, nicht wahr?' Bedächtig hob er die Rasierklinge an seine Stirn. Ich öffnete erschrocken den Mund, aber er winkte sofort ab und ließ mich nicht zu Wort kommen.
    'Das war bei den Ausscheidungen zum Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt, wird fünf oder sechs Jahre her sein. Jeder liest da sein unbedarftes Geschichtchen vor und wird anschließend von der Jury mit Genuss verrissen. Sogar das Fernsehen ist dabei. Was für eine herrliche Publicity! Goetz hat laut und langsam gelesen und dabei seine Hand mit der Klinge über die Stirn bewegt; das Blut rann ihm über das Gesicht, das Kinn hinunter, tropfte auf den kleinen Tisch, hinter dem er saß. Du musst dir das vorstellen: links und rechts war die Jury, darunter auch Marcel Reich-Ranicki, viel Publikum im Saal und keiner unterbrach ihn bei seiner Tat, alle lauschten sie konzentriert auf seinen Text, in dem er erläuterte, warum er das tat. Das war eine perfekte und geistreiche Handlung von ihm und ich liebe Goetz dafür. Ich habe keine Ahnung, wie man das noch verbessern könnte.' Er lachte und steckte zu meiner Erleichterung die Rasierklinge in eine Tasche seines Jacketts.
    'Hat er denn den Preis gewonnen?' fragte ich.
    'Selbstverständlich nicht, was denkst denn du?'" (Ausschnitt aus meinem Roman "Die Wahrheit über Jürgen")


    Im übrigen hast du den Bäuerle vom Technischen Einkauf mit dem Beuerle von der Werbeabteilung verwechselt. Aber es freut mich, mal wieder mit dir zu reden.


    Gruß, Klammer


    [Diese Nachricht wurde von Klammer am 02. Dezember 2002 editiert.]
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  8. #8
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    3. Türchen: Beuerle II

    Eines aber rechnete Helmut Beuerle groß an: Letztes Jahr auf dem Betriebsausflug hatte Helmut zu viel getrunken, war gegen Wigand ausfallend geworden und hatte sich auch sonst daneben benommen. Da nahm ihn Beuerle beiseite und fuhr ihn nach Hause, wo er ihm noch eine Weile Gesellschaft leistete. Ruth war mal wieder nicht da. Das fand Helmut fair von Beuerle, er mußte oft daran denken, obwohl er sich nicht mehr genau erinnern konnte. Durch den gepanschten Sangria war ein Loch im Gedächtnis.
    Wie er jetzt auf Beuerle kam, auf dem Bahnhofsvorplatz einer fremden Stadt stehend, das wußte er nicht. natürlich ich habe ja die geschichte natürlich mir geht es um wigand und natürlich du merkst helmut aber jetzt muss er endlich handeln
    Helmut wand den Kopf nach beiden Seiten, zögerte, um dann doch noch schnell vor den herannahenden Autos über die Querstraße zu springen. Jemand hupte, aber er nahm es kaum wahr. in gedankenpflasterversunkener achtunggefühlslosigkeit mein ziel Er wählte eine Straße, von der er wegen der vorweihnachtlichen Beleuchtung mutmaßte, sie würde ihn zur Stadtmitte führen. Er hätte jetzt gerne einen Glühwein getrunken, es war empfindlich kalt. Er würde dann am Rand des Bürgersteigs mit einem heißen Glas in der Hand stehen und die Menschen beobachten, die eilig zwischen den Läden wechselten. Leider fand er an dieser Straße keinen Stand.alle körper leuchten sie mit der schönheit ihrer formen ohne sie die formen ohne ihre schönheit der formen ohne sie wäre die welt sie wäre ohne diese formen das sage ich euch tausendmal sie wäre chaos ein immenses krummes holz.
    Helmut überlegte, wie Beuerle mit Vornamen hieß.
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  9. #9
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    4. Türchen: Die Frau


    Sie war nicht die erste Frau, der er begegnete, aber sie war die erste, die seine Aufmerksamkeit auf sich lenkte und ihn interessierte. Sie schien im Gegensatz zu den anderen Zeit zu haben und kam ihm nur langsam entgegen.
    die legende erzählt dass mohammed sich beim eintreten des boten gottes in sein zelt erhob dass mohammed dabei den bei seinem lager stehenden wasserkrug mit wasser umstieß mohammed als er rückkehrte von den sieben himmeln sah das wasser es war noch nicht ganz ausgeflossen das war jene sekunde in der keine zeit verging das war ein augenblick der länger dauert oe zen und ein baum in flammen das war der moment vor dem epileptischen anfall heilig heilig das war das endlose nu in dem sich die welt
    Auch Helmut verzögerte nun seinen Schritt, blieb stehen. Listig spähte er in ein Schaufenster, dessen Inhalt er allerdings kaum wahrnahm. Dann schlenderte er weiter, auf die Frau zu, die nun am Rand des Bürgersteigs stand. Sie war jünger als Helmut. Aber dieser Eindruck mochte ihn täuschen, denn er war kurzsichtig und hatte erst kürzlich seine ungeliebte Brille verloren.
    Ruth hatte ihn dazu überredet, sich eine zuzulegen, da es sie störte, wenn er nah vor dem Fernseher sa? oder beim Autofahren von ihr verlangte, die Hinweisschilder zu lesen. Nach einer Woche war die Brille zufällig von seiner Nase gerutscht und in einen Kanal gefallen, in den er sah. Ruth hatte ihm diese Geschichte nicht geglaubt. Sie glaubte nie etwas von den Dingen, die er erzählte, nicht einmal seine Lügen. wer einmal die wahrheit spricht dem glaubt man nicht auch wenn er sonst nur lügen spricht und sie bewegt sich doch
    Helmut kniff die Augen zusammen. Die Frau war jung, das sah er jetzt. Schön war sie nicht gerade, auch ungeschickt gekleidet, aber das sollte ihm kein Hinderungsgrund sein. Er überzeugte auch nicht durch sein Aussehen. Wigand hatte mal zu ihm gesagt, er habe die starren Knopfaugen eines Teddybären.
    Helmut trat näher an sie heran, nahm sie nun scharf in den Blick. Noch sah sich die Frau um, ein Fuß bewichtet, mit dem anderen wippend, hatte sie ihn bisher übersehen. Ihr Haar war lang und dunkel, so, wie er es mochte. Dieses Haar knisterte, wenn man mit der Hand hineinfuhr. dass hinfort keine zeit mehr sein soll und keine sicherheit
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  10. #10
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    5. Türchen: Die Frau will nicht


    handeln ja handlung nein stillstand ein atemholen in der zeit ein kleiner moment der unsicherheit ein hinweis
    Auf der Straße hielt ein Auto, die Beifahrertür wurde geöffnet. Helmut war nun ganz nah; einen Schritt noch und er konnte ihr Parfüm riechen, die Frau berühren. Ein erfreutes Lächeln schob ihre die Mundwinkel nach oben, aber es war nicht für Helmut bestimmt. Der dachte an die Umgebung bahnhofsviertel schnell schnell fünfzig euro im auto einen blasen, aber er täuschte sich: Die Frau stieg in den wartenden Wagen, küsste den Fahrer und redete vertraut auf ihn ein. Das war ihr Freund oder Mann. Helmut schämte sich. Er hatte die Frau für eine Prostituierte gehalten. Er stand an seinem Platz, sah dem Auto hinterher, bis es in eine Seitenstraße bog. die erste frau die erste chance verwirrung was will er wo geht es hin
    Helmut griff enttäuscht unter dem Mantel in die linke Tasche seiner Anzugjacke und bekam seinen Flachmann zu fassen. Er zog die kleine Flasche hervor und schraubte sie auf. Er zitterte, während er den Verschluß vollgoß, die Kälte des Abends und der wenige Schlaf machten sich bemerkbar. Er verschüttete einen Teil des billigen Weinbrands.
    kaum ich eine materie oder eine substanz konzpiere sie mir vorstellen sie würde diese oder jene gestalt besitzen dass sie im verhältnis zu anderen nicht herauszulösen
    Helmut setzte an und trank, da bemerkte er eine Bewegung in seinem Blickfeld. Auch er wurde beobachtet. einer den andren die frau helmut ein mann der leser der autor ein passant demiurg gott häretiker eine ewige kette der beobachtung
    Ein Obdachloser stand ganz nah neben Helmut. Er trug eine lächerliche Nikolausmütze, an deren Spitze eine rote Pastikkugel leuchtete. Der Mann war unrasiert und seine Kleidung besudelt. Die graue Hose des Penners wies Flecken auf, die erbärmlicher stanken als seine Fahne. Helmut rümpfte die Nase und atmete durch den Mund.
    daher denke ich danke nichts weiter als reine namen ihr eigentlicher sitz ist im wahrnehmenden körper im leser verstehst du im leser nimmt man ihn weg dann verschwinden die qualitäten süß sauer bewegt ruhig ein baum im wald sein rufen er brennt Helmut war, als würde er in dem Penner sein eigenes Schicksal sehen. Es mißfiel ihm.
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  11. #11
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    6. Türchen: Ein Säufer


    "Was willst du?" erkundigte sich Helmut betont herablassend. Der übernächtigte und wässrige Blick seines Gegenübers glitt in einer seltsamen Mischung aus Gier und Zärtlichkeit über den Flachmann in Helmuts Hand.
    "Hast du mal ne Zigarette, Kumpel?" fragte der Mann undeutlich nuschelnd. Helmut schüttelte den Kopf.
    "Oder n Zwickel, ich muß mal telefonieren." Der Säufer legte den Kopf schief und lächelte ironisch. "Wir verstehen uns", drückte er damit wortlos aus, "das war nur eine Lüge, aber irgend etwas muß ich dir ja erzählen. Es gibt eben Konventionen."
    Helmut zögerte. Eigentlich wollte er nur weg. Hier hatte er nichts verloren. Trotzdem konnte er sich nicht zum ersten Schritt entscheiden. Er wußte, sein Zögern war nicht in der Person des Obdachlosen begründet, sondern allein in der lächerlichen Zipfelmütze, die er trug, die ihn in eine Nikolaustravestie wandelte.
    "Ich war auch ganz artig...", sagte Helmut und lächelte zurück.
    Da rückte der Penner näher. Sein penetranter Uringestank drang Helmut trotz aller Gegenmaßnahmen in die Nase. Er fletschte die Zähne und schluckte, hielt dem Säufer in Abwehr seine kleine Flasche mit dem ausgestreckten Arm hin. Der mußte einen Schritt zurücktreten, um sie zu nehmen.
    "Da, schenk ich dir", würgte Helmut. Er drückte dem Mann den Flachmann in die nachgebende Hand, dann hatte er es eilig, davon zu kommen. Er drehte sich nicht um, obwohl der Säufer hinter ihm herrief; was, das konnte er schon nicht mehr verstehen. Er beschleunigte noch seinen Schritt, fast rannte er. Angewidert spuckte mehrmals auf den Boden, aber das Urin-Fuselgemisch lag als hartnäckiger Belag auf seiner Zunge. Sein alter Wunsch nach dem Glühwein wurde groß.
    Helmut griff in die Hosentasche, fühlte das Kleingeld, das dort steckte. Es würde reichen, es waren einige größere Münzen dabei. Er bekam seinen Ehering zu fassen. Die vertraute Form beunruhigte ihn sofort. Trotzdem mußte er sich zwingen, die Hand aus der Tasche zu nehmen, um nicht mit dem Ring zu spielen. Das gab nämlich ein pelziges Gefühl in den Fingerspitzen, das sich in den Zähnen fortsetzte. Er kannte das.
    Er hatte es schon einmal erlebt und er verband diese Erinnerung mit Wigand, den er eigentlich vergessen wollte. Ja ein oder zwei Glühwein ja das war jetzt die Lösung
    nikolaus pah eine idee nur um kinder zu kneten stahlgewitter zorn erzieht nikolausneurose für schulpsychologen es wird zeit ideen müssen auch einmal sterben wenn wir neues wollen ein ferner spiegel drei kugeln aus gold im namen der toleranz sollten wir endlich das recht beanspruchen die intoleranz nicht länger zu tolerieren nikolaus martin paulus coca cola die intoleranz hat viele namen: such dir einen aus.
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  12. #12
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    7. Türchen: Im Lokal


    bevor meine verwirrung den text beherrscht und der text nur ein palimpsest meine ideen ist schweige ich, ruhe ich, suche ich worte.
    Helmut setzte sich an einen leeren Ecktisch. Er wollte allein sein, aber gut beobachten. Er mußte sich mit einem teuren kleinen Pils begnügen, um den schlechten Geschmack loszuwerden. Die Bilder, die im Rund an der Wand hingen, verstand er nicht. Daher nahm er an, dass sie Kunst waren.
    Ruth, die, das gab er gerne zu, mehr als er mit moderner Malerei anzufangen wußte, kaufte sich sogar ab und an ein ART, um sich die Bilder zu betrachten und das Heft, wenn Besuch kam, möglichst dekorativ auf dem Tisch liegen zu lassen. Sie machte sich oft über seine Unfähigkeit lustig, Kunst von Kitsch zu unterscheiden und kostete es vor ihren Bekannten aus, ihn mit einer Meinung über ein Buch in Verlegenheit zu bringen. Obwohl Ruth weit weniger las als Helmut, wußte sie doch immer wesentlich klüger über Literatur zu reden. Sie warf ihrem Mann oft vor, er sei ein Vampir, der wahllos jedes Buch aussauge, ohne sich weiter mit ihm auseinanderzusetzen oder ein wenig mehr zu verstehen als die pure Handlung. Aber bei Bildern hatte sie recht, er verstand wirklich nichts von ihnen.
    Helmuts Blick glitt erneut über die gerahmten Farbflecken an der Wand des Lokals. Nein, davon wollte er auch nichts verstehen.
    Aber es gab hier einige interessante Menschen, die er beobachten konnte, da lohnte es sich, daß das Bier so teuer war. Der bemerkenswerteste saß an der Bar: Der Mantel, den der junge Mann trotz der Wärme in dem Raum angelassen hatte, fiel Helmut als erstes ins Auge. Es war einer dieser langen Cowboy-Staubmäntel, er hatte ihn allerdings mit verschiedenen Lackfarben besprüht. In Holz gefaßt hätte man den Mantel gut zu den Bildern hängen können. Vielleicht war er der Maler.
    Auf den zweiten Blick fiel Helmut auf, wie schön der junge Mann war. Er fragte sich, wie ein einzelner Mensch nur so schön sein konnte und dabei in dieser Stadt überlebte. Hätte Helmut so ausgesehen, hätte er sich vor einen Spiegel gesetzt und wäre verhungert: blond, helle grüne Augen, schmalwangig und stolzer Besitzer eines weiblich vollen Mundes hatte er sich auf seinem Barhocker zurecht gerückt, trug sein Kinn arrogant in die Höhe gestreckt und überblickte kalt und leer das Lokal. Er opferte niemandem mehr als einen kurzen Augenaufschlag. Er schien Problemen nachzusinnen, die weit über denen normaler Menschen angesiedelt waren, in einem Land, in dem bereits die Maserung des Holzes geheime Botschaften trug, die zwar nicht zu entziffern, wohl aber zu spüren waren, wenn man sanft mit der Hand über die glatte Fläche des Tresens strich.
    Helmut schüttelte betroffen den Kopf. Wie war der Gedanke in ihm entstanden? Solch eine Idee paßte nicht zu ihm. Konnte sie allein das Beobachten entstehen? Verwundert griff er zu seinem Glas und schluckte gierig den Rest des eben Gedachten. Danach lief seine Welt wieder geradeaus, der bittere Geschmack seines Getränks hatte geholfen.
    Jetzt, ganz unerwartet, da Helmut bereits diese Begegnung abgeschlossen hatte, traf ihn der Blick des Schönen und verharrte erstaunlich lange. 'Schwul', dachte Helmut. Da er die Faszination überwunden hatte, konnte er lächeln. Etwas fiel wie Tünche aus dem Gesicht des jungen Mannes, der führte seine Hand zur Stirn, strich ein paar Haare zur Seite, zerschnitt dabei mit dem Oberarm den Augenkontakt. Er wand sich zum Zahlen an die Bedienung, die in seiner Nähe einen Kaffeeautomaten reinigte.
    Helmut fühlte sich als Gewinner. Er legte eilig das Geld für sein Pils auf den Tisch und ging gelassen zum Ausgang, um dem Schönen einen Vorsprung zu lassen. An der Eingangstür hing ein Plakat, das Helmut erst jetzt auffiel. Es machte auf ein Theaterstück aufmerksam, das im Bürgerhaus um acht Uhr aufgeführt wurde. Das nüchterne Plakat sprach Helmut an.
    Und da er ja doch nichts weiter vorhatte, schlenderte er in Richtung Bürgerhaus, nachdem er sich noch im Lokal nach dem Weg erkundigt hatte.
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  13. #13
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    AW: Fahrkarte

    Er schien Problemen nachzusinnen, die weit über denen normaler Menschen angesiedelt waren, in einem Land, in dem bereits die Maserung des Holzes geheime Botschaften trug, die zwar nicht zu entziffern, wohl aber zu spüren waren, wenn man sanft mit der Hand über die glatte Fläche des Tresens strich.

    Das ist aber ein schöner Satz! Warum bekömmt Karl-Heinz, der Weihnachtshund, nicht solche Gedanken? Immer nur in die Wurscht gehackt, der Hund.

  14. #14
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    Jetzt komm, Hanne der Mann, ich habe Karl-Heinz mit meinem Beitrag schließlich eine Meta-Ebene verpasst, in der der Text reflektiert werden kann und auch jemand, dem sprechende Hunde zu abgegriffen sind (hat nicht Tobias schon mal so eine Geschichte geschrieben?) mitschreiben kann.
    Und die neuen Namen, die ich eingeführt habe, sind doch reine Poesie.
    Ich schreib heute abend noch weiter, versprochen! (Die Familie glotzt nämlich Wetten-dass, da habe ich Zeit).


    Aber du hast recht, ich mag diesen Satz auch.


    8. Türchen: Gestern 1


    gestern das gerade nicht oder alles ist gestern erklären was vorher war die namen sind genannt nun sollen sie auch leben
    Der Mann mit dem Schnauzer versuchte aufdringlich zu lächeln. Dieser Bart war das hervorstechende und einzige Merkmal in dem grobporigen und flächigen Allerweltsgesicht. Helmut wußte nicht, warum der Schnauzer lächelte, wahrscheinlich wollte er die Situation entschärfen, aber er erreichte nur das Gegenteil. War Helmut zuerst verschämt, unsicher gewesen, machte ihn dieses schiefe Lächeln nun wütend. Diese ganze Face war schon operettenhaft genug, mangelnder Ernst der Akteure machte eine Groteske daraus. Gerade noch rechtzeitig wurde der Schnauzer wieder ernst.
    "Aber kommen Sie doch herein!" sagte er und Helmut spürte, wie er auf ein ablehnendes Wort hoffte. Deshalb nickte er kurz und drängte sich an dem Schnauzer vorbei in dessen Wohnung, schob sich so nah an ihm vorbei, dass er dessen Akne sehen und sein süßliches Parfum riechen konnte.
    Der Schnauzer geleitete ihn stumm ins Wohnzimmer. Es war selbstverständlich geschmackvoll eingerichtet und glich in seiner sauberen Aufgeräumtheit einem Musterzimmer in einem Möbelhaus. Vielleicht hat er es genau so gekauft und nichts geändert, ging Helmut durch den Kopf. Selbst die wenigen, in der Schrankwand verstreuten Bücher machten auf ihn den Eindruck, als wären sie falsch, aus Karton gefaltet oder voller leerer Seiten.
    Der Schnauzer wies ihn zur Couch:
    "Setzen Sie sich doch, wollen Sie etwas trinken?"
    Das Vorgeplänkel begann. Es war wie in einem mittelalterlichen Krieg: Man war höflich zueinander, bevor man sich die Köpfe einschlug.
    "Danke, ich stehe lieber, Wigand. Aber gegen ein Bier hätte ich nichts einzuwenden", erwiderte Helmut.
    Der Schnauzer verschwand kurz. Helmut schwankte in dem unbeobachteten Moment etwas und er hielt sich an einer Stuhllehne fest. Er war übermüdet und hatte sich sehr viel Mut angetrunken. Aber er wollte sich um keinen Preis setzen, er wäre sich entblößt und schwach vorgekommen, wie der Verlierer, der er ja auch war.
    Helmut sah sich um, suchte etwas, das er wiedererkannte. Ein ART-Heft lag unauffällig auf dem Tisch, es war auf einer Bildseite geöffnet. Das Gemälde wirkte romantisch. Wie hieß doch der Maler? Ruth hatte es ihm erklärt, der weite Himmel, zwei Männer, den Mond betrachtend, ein Vorname...
    Der Schnauzer brachte endlich eine geöffnete Flasche. Helmut griff dankbar nach dem Bier. Erst nahm er einen tiefen Schluck, der ihn erneut schwindlig machte, dann begann er das sinnloseste Gespräch, das er je geführt hatte.
    "Wo ist sie?"
    "Wer?" fragte der Schnauzer mit dem unsinnigen Versuch, Zeit zu gewinnen.
    "Ach, Sie wissen doch genau, ich meine Ruth. Wo ist sie?"
    Nicken, langsame Antwort, als würde der dicke Oberlippenbart die Worte bremsen.
    "Das geht Sie nichts an."
    "So? Sie ist aber zufällig meine Frau und ich will sie heimholen."
    "Sie ist nicht da." Der Schnauzer zögerte, sah an Helmut vorbei in den Gang. Als dieser sich umwand, war er leer. "Selbst wenn sie da wäre, sie käme nicht mit Ihnen. Sie will es nicht mehr und ich würde es auch nicht wollen. Warum sind Sie gekommen?"
    "Sie ist meine Frau, Wigand", wiederholte Helmut, jetzt schon beharrender Jammer.
    "Ihre Frau!" Die Stimme des Schnauzers war für einen Augenblick höhnisch. "Nein... Gut, Ruth ist zwar noch mit Ihnen verheiratet, aber das auch nicht mehr lange. Und sie hatte doch wirklich allen Grund, Sie zu verlassen."
    Der Schnauzer packte Helmut an der Schulter.
    "Hören Sie gut zu!" sagte er. "Ruth ist weg. Sie will nichts mehr mit Ihnen zu tun haben. Sie will Sie nicht einmal mehr sehen. Und jetzt gehen Sie. Andernfalls muß ich die Polizei..."
    Helmut schüttelte sich unwillig los. Dabei entglitt die Flasche seinem Griff. Sie fiel auf den teuren weißen Teppich und entleerte sich mit feuchten Schluckgeräuschen. Beide sahen hinab. Helmut spürte Schamröte im Gesicht. Der Schnauzer sagte nichts. Er hatte sich gut unter Kontrolle, aber der Blick mit dem er aufsah, brannte ein Loch in Helmuts Schädel.
    Mit dieser Bierlache war das Gespräch frühzeitig beendet; jetzt konnte Helmut nicht mehr weiter machen. Jedes Wort wäre eines zuviel gewesen. Helmut nickte wieder, resigniert.
    Dann drehte er sich langsam um. Wenigstens einen wirkungsvollen Abgang wollte er sich noch verschaffen, aber der Schnauzer trat hinter ihn, packte ihn erneut an den Schultern und schob den Widerstrebenden einfach zur Tür hinaus, die sehr geräuschvoll ins Schloß fiel.
    Einen Augenblick suchte Helmut nach Tränen. Er fand keine. Deshalb begann er zu schreien, schlug sich am Rauputz des Hausgangs die Hände wund.
    Schließlich trat ein Nachbar vor seine Tür und drohte mit der Polizei, wenn nicht augenblicklich Ruhe wäre. Und Helmut schlich eingeschüchtert davon.
    schlapper kerl versager säufer niete impotente pflaume aber seien wir ehrlich seien wir einmal bewusst: die anderen, die mutigen die gibt es doch nur in unserer fantasie...
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  15. #15
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    AW: Fahrkarte

    schlapper kerl versager säufer niete impotente pflaume aber seien wir ehrlich seien wir einmal bewusst: die anderen, die mutigen die gibt es doch nur in unserer fantasie


    ... und nur die Phantasie kann uns noch retten!

  16. #16
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    9. Türchen: Theater I

    Das Zelt vor dem Bürgerhaus füllte fast den ganzen Platz. Leute standen an. Helmut gesellte sich, die Hände in den Hosentaschen, zu ihnen. Links und rechts wurde geschoben. Er wurde dabei von hinten gegen eine junge Frau gedrückt. Ihr aufdringliches Parfum gefiel ihm. Nach einer Weile angenehmer Enge stand er dann vor der Kasse, an der ein geschminkter Mann saß. Ganz offensichtlich gehörte er zu den Schauspielern.
    "Eine bunte Welt", dachte Helmut. Und er dachte an seinen grauen Anzug. Oder war der braun? Er sah nach, er war grau.
    Der Mann an der Kasse hielt ihm erwartungsvoll eine Karte entgegen. Erst wollte Helmut den Kopf schütteln, dann fragte er neugierig:
    "Was wird denn gespielt?"
    Sein Gegenüber lächelte, deutete auf das Plakat in seinem Rücken.
    "Erkenntnis."
    "Und von wem ist das Stück?"
    "Oh, das ist von einem relativ unbekannten Schriftsteller..."
    "Vielleicht kenne ich ihn ja doch."
    "Das glaube ich nicht. 'Erkenntnis' ist von Herbert Sahne." Ein paar der Umstehenden kicherten, es wurde getuschelt. Helmut nickte, er hatte den Witz verstanden.
    "Das Stück ist von Ihnen? Sie sind Sahne?" Jetzt lachten alle.
    "Ja, das bin ich. Wollen Sie das Stück trotzdem sehen? Es ist... sehr gut." Die Heiterkeit um Helmut nahm zu. Er wollte kein Spielverderber sein.
    "Ist denn geheizt?" fragte er und fühlte sich eins mit der Menge. Das war ein angenehmes Gefühl. Der Mann an der Kasse nickte. Also kaufte Helmut eine Karte.
    Das Zelt war zwar schon gefüllt, trotzdem waren die Bierbänke in der ersten Reihe kaum besetzt. Obwohl in Helmut der Verdacht keimte, die sei ein "Mitmachstück", setzte er sich ganz nach vorne. Er wartete geduldig, suchte die Stelle, an der der dunkle Vorhang geteilt war.
    Neben ihn setzten sich Leute, doch sie rückten von ihm ab, er hatte eine Aura um sich, die Platz schaffte. Helmut sah sich um und bemerkte, da? er in Alter und Kleidung ein Fremdkörper war. Zudem schienen sich die meisten zu kennen. Helmut sah sich vergeblich nach einem Stand um, an dem man Bier verkaufte.
    Als das Stück begann, war er überrascht, an welcher Stelle sich der Vorhang teilte.
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  17. #17
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    10. Türchen: Theater II

    (Der Raum ist kahl, zwei Schulbänke und Stühle, große Uhr an der Wand, Weltkarte, Fenster zum Hof, Schulzimmeratmosphäre. A betritt den Raum, sieht sich neugierig um, macht einen verschüchterten und ängstlichen Eindruck, hält einen Briefumschlag in der Hand)
    A: So, so. Ich habe also Bauchweh vor Angst. Das ist Prüfungsangst, kenne ich schon. Das ist ja ein kleiner Raum, ich finde, viel zu klein, aber die Zimmernummer stimmt.
    (sieht auf den Briefumschlag)
    Ob der Test, da drin ist?
    (legt den Umschlag auf die Bank, besieht sich die Wandkarte, ungeduldiges Warten)
    Wenn das Bauchweh nicht wäre. Ich wäre ruhiger, wenn das Bauchweh nicht wäre.
    (Pause)
    Jetzt ist es soweit. Ha, ich kriege eine Gänsehaut, so was! Brr... Ach, schlimm, schlimm...
    (B kommt herein, ruhig, ein wenig überheblich. Setzt sich, legt den Briefumschlag pedantisch gerade vor sich)
    Guten Tag.
    (B betrachtet A stumm)
    Guten... Tag?
    B: Tag.
    (Schweigen. A lacht künstlich auf)
    A: Ich sehe gerade den Umschlag, Sie schreiben auch den Test?
    B: Ja.
    (A nickt, sieht sich um, Schweigen)
    A: Wo denn der Prüfer bleibt? Ohne Aufsicht wird man uns wohl kaum schreiben lassen. Was meinen sie?
    B: Ich weiß nicht.
    A: Doch, das glaube ich schon, wir könnten ja schließlich... Ich meine, wir könnten ja... Sie verstehen?
    B: Nein.
    A: Aber ich denke mir, er wird schon noch kommen, der Prüfer.
    B: (neugierig) Haben Sie ihn gesehen?
    A: Wen? He, nein, ich weiß nicht einmal, wie er heißt. Was wollen Sie damit sagen?
    B: (enttäuscht) Nichts. Nur so.
    A: (sieht auf die Uhr)
    Wann geht's denn los?
    B: Was?
    A: Na, die Prüfung, ich meine, um wieviel Uhr beginnt sie denn?
    B: Ich weiß nicht. Ich dachte, Sie würden...
    (Pause) Ich denke, um Acht.
    A: Das ist in vier Minuten. Wo bleibt der Prüfer?
    B: Wir beginnen um Acht.
    (setzt sich gerade, räuspert sich) Ja, um Acht.
    A: (setzt sich ebenfalls, nimmt den Umschlag in die Hand)
    Ist die Prüfung da drin?
    B: Ich denke...
    A: Oh, da will ich nicht stören.
    B: So habe ich das nicht gemeint. Ich wollte sagen, ich glaube, der Test ist in dem Umschlag. Ich kann das schließlich nicht genau wissen.
    A: Ach, so, Sie sind ja nicht der Prüfer. Noch drei Minuten.
    (eine Minute Schweigen)
    Und wenn wir den Umschlag schon vorher öffnen?
    B: Und der aufsichtführende Prüfer? Wollen Sie mich reinlegen?
    A: Wo denken Sie hin? Ich dachte nur, eine Minute mehr oder weniger...
    B: Wenn er uns dabei erwischt? Das ist nicht erlaubt.
    A: Aber der ist ja gar nicht da!
    B: Glauben Sie?
    A: Ja, natürlich, sehen sie ihn? Ach, so, Sie meinen, ich könnte... ich könnte der Prüfer sein? Das ist Unsinn, warum sollte ich mich verstecken und Theater spielen? Das ist doch Unsinn, ja!
    B: Ich weiß nicht.
    A: Genauso gut könnten Sie der Prüfer sein.
    (Schweigen)
    Das wäre ja was! Ha, das wäre was. Vielleicht werden wir aber auch beobachtet. Durch das Schlüsselloch.
    B: (wartet, bis die Uhr auf Acht steht) Jetzt! Es ist Acht.
    (öffnet den Briefumschlag, nimmt einem Zettel heraus, beginnt ihn zu lesen. A. bemüht sich, ihn nachzuahmen)
    A: Haben Sie einen Bleistift? (klopft die Kleidung ab.)
    B: Was?
    A: Es kann auch ein Kugelschreiber sein. Ich habe gedacht, es würde uns einer gestellt. Dumm von mir.
    B: Nein.
    A: Doch, dumm von mir.
    B: Das meinte ich nicht. Ich wollte sagen, daß ich für Sie keinen Stift habe. Und nun stören sie mich nicht länger.
    A: Ach, so, Entschuldigung. Ich...
    (A. sieht sehnsüchtig zu B., der einen Bleistift herauszieht, die Prüfung beginnt) Könnten wir nicht... Ich meine, wenn es Ihnen nichts ausmacht.
    B: Was ist denn noch?
    A: Ihr Bleistift, äh, ich meine...
    B: Ich würde jetzt gerne arbeiten.
    A: Vielleicht könnten Sie ihn auseinanderbrechen. Den Bleistift. In der Mitte. Ich habe nichts zu schreiben. Natürlich nur, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Ich werde Ihnen den Schaden ersetzen.
    (B. seufzt, bricht den Stift in zwei Teile, vergleicht, gibt A. den kleineren Stummel.)
    B: Hier.
    A: Danke, das ist sehr nett von Ihnen, wirklich, sehr nett. Heutzutage kann man so etwas nicht mehr erwarten.
    (nimmt ein Messer heraus, schnitzt umständlich eine Spitze. Beide beschäftigen sich mit ihren Blättern)
    Verstehen Sie die dritte Frage?
    (B. wendet sich ein wenig ab, schweigt)
    Na ja, gut. Ich fand sie nur schwer.
    (räuspert sich)
    Ja, ja. Schwer, nicht? Hm...
    (kaut an dem Bleistift)
    B: Hören Sie auf, an meinem Bleistift herumzukauen, ich mag das nicht.
    A: Entschuldigung.(kaut weiter)
    (B. wendet sich endgültig ab, murmelt etwas)
    A: Wie? Die Antwort ist "dreiundvierzig".
    B: Nein, ich sagte nur... Unwichtig, vergessen Sie es.
    A: Ach, so, ich meinte...(lacht künstlich. Pause)
    Schwer, finden Sie nicht auch?
    (etwas lauter)
    Die dritte Frage. Schwer, nicht wahr? "Dreiundvierzig", sagten Sie?
    B: Ich sagte gar nichts. Und nun halten Sie doch endlich mal Ihren Mund!

    Helmut amüsierte sich.
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  18. #18
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    AW: Fahrkarte

    Lieber Klammer,


    Dein Text "Die Fahrkarte" balanciert zwischen Schein und Sein. Wie das Theater immer sich selbst spielt, so liest sich dieser Text: als Reflektion seiner selbst, beinahe.


    Mir gefällt das, was du da versuchst, eine gute Idee, und die kursiven Teile sind zumeist auch geglückt. Ganz anders Helmuts Story, die, wohl oder übel, als konventionelle Erzählung glücken muss. Hier vermisse ich vor allem eines: Atmosphäre. Gerade hier, wo der Text eine Wirklichkeit spiegeln soll, misslingt ihm das, und wo er nicht beispielhaft besteht, verunglückt das Ganze. Konkret: Du schaffst es nicht, hier, den Leser in die Umgebung zu holen, in der Helmut sich befindet.


    daher denke ich gerüche farben geschmack soweit sie einen gegenstand betreffen dem sie scheinbar innewohnen nichts weiter sind als reine namen
    Die Beschreibung der Umgebung fehlt letztlich, mit all den Gerüchen, Farben, Geschmäckern. Und das geht nicht, zumal in diesem Text nicht. Daher fällt 2. Türchen denn auch viel zu früh ins Haus. Bereits sind wir bei einem Beuerle, treten wir dann durchs dritte Türchen, begegnet uns auch Wigand, auch Ruth, aber dass da eigentlich eine Stadt ist, wird nur behauptet. Das also ist m. E. der Schwachpunkt des Textes.


    Macht der Autor das bewusst? Frage ich mich. Will er das Innenleben des Protagonisten als einzige mögliche Wirklichkeit herauskehren, die einem Text zu beschreiben bleibt? Wenn ja, dann scheitert auch das, eben weil die Stadt doch immer mal wieder hineinhustet in die Handlung. Mir kommt es vor, als hättest halt eine Umgebung annehmen müssen und die dann notwendigerweise, aber ganz ohne Lust skizziert, Klammer. Dabei vergisst Du sie dann beim Schreiben, weil Dich anderes interessiert. Und wenn sie Dir wieder einfällt, schreibst halt wieder mal ein Sätzchen wie:
    Helmut wand den Kopf nach beiden Seiten, zögerte, um dann doch noch schnell vor den herannahenden Autos über die Querstrasse zu springen...

    Das Kursive als Entschuldigung für eine langweilige und unmotivierte Erzählung?




    Klitzekleines zum 5. Türchen:


    Helmut war, als würde er in dem Penner sein eigenes Schicksal sehen. Es missfiel ihm.
    >>>Die letzen drei Worte tät ich unbedingt und ersatzlos streichen.


    Er wusste, sein Zögern war nicht in der Person des Obdachlosen...in der lächerlichen Zipfelmütze, die er trug...
    >>>Hier wird (zumindest grammatikalisch) nicht klar, wer jetzt eigentlich die Zipfelmütze auf hat.


    So far.


    dear greetings,
    Mr. Jones

  19. #19
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    Post AW: Fahrkarte

    Lieber mr. jones, ich danke für deine Beschäftigung mit diesen nicht ganz einfachen Text, der jetzt gerade seine Hälfte, also den Wendepunkt erreicht. Du hast die Dialektik zwischen den kursiven Teilen, die nach der Idee hinter der Geschichte fragen, und der "konservativen" Erzählung erkannt. Ich habe jetzt die Schwierigkeit, mich zu rechtfertigen, ohne zuviel über den Fortgang zu verraten. Nun, mit den Mittelkapiteln kippt das Ganze: Helmut wird immer verwirrter (schau dir z. B. die Sprache an: im Erzähltext tauchen häufiger Fehler auf, die Kursivteile werden klarer), die Ideen schälen sich immer deutlicher heraus. Das Ganze wandert.
    Dein Hauptkritikpunkt war, dass dem Helmutteil (wenn man das Ganze so trennen will) die Atmosphäre der großen Stadt fehlt. Die Stadt selbst ist auch uninteressant für die Geschichte. Es ist eine Kleinstadt, in die Helmut ohne Grund gefahren ist. Er hat sich einfach eine Zugkarte gekauft und ist so weit gefahren, wie sein Geld reicht. Hier ist er wie Diogenes unterwegs und sucht Menschen, Begegnungen, Kontakte. Er wird ein ums andere Mal enttäuscht. Seine Einsamkeit spitzt sich immer mehr zu. Er kann seine Verlassenheit auch nicht überwinden, in dem er sich unter die Menschen begibt. Er nimmt sie mit, wohin er auch geht und wie viel er auch trinkt. Das ist meine "Idee des Verschwindens".
    Ob mir das Ganze gelungen ist, bleibt abzuwarten. Vielleicht will ich zu viel. Überarbeiten werde ich das Ganze zwischen den Jahren und dann den ganzen Text nocheinmal vollständig zur Diskussion stellen.


    Gruß, Klammer

    11. Türchen: Theater III

    Das Stück erinnerte Helmut anfänglich ein wenig an mr bean, auch wenn er nicht sagen konnte, warum. Er gehörte zu den Leuten, die sich Fernsehsendungen nur einmal ansahen - wie er auch Bücher nur einmal las - und sie dann schnell vergaß. die innere verschmelzung sage ich die verklammerung von verstehen und ausdeuten führt doch dazu die applikation den einheitlichen vorgang ganz aus dem zusammenhang der hermeneutik herauszudrängen.
    Das Zweipersonen-Stück, das ihn am Anfang noch gefangen nahm, quälte sich dann immer kafkaesker werdend über drei Akte ohne Pause dazwischen. Es endete, als sich endlich beide Protagonisten gegenseitig erwürgt hatten. Die Schauspieler mußten eine bedeutende Strecke Text rezitieren und der quirlige A. war im Gegensatz zum Autor, der den B. spielte, nicht gerade textsicher. so muss das erkenne ich mit theater stück mythos da er nachahmung von handlung ist nachahmung einer einzigen verstehe und ganzen handlung sein. Die teile der handlung müssen so zusammengesetzt sein, dass das Ganze sich verändert und in Bewegung gerät, wenn ein einziger Teil umgestellt oder weggenommen wird. Wo aber dort aber mit aber Vorhandensein oder Fehlen eines Stücks keine sichtbare Wirkung hat, da handelt es sich gar nicht um einen Teil des Ganzen.
    Während des dritten Aktes spielte Helmut mit dem Gedanken, die Aufführung zu verlassen. Längst hörte er nicht mehr zu, sondern beobachtete nur die Menschen hinter ihren Schauspielerhüllen. Der Autor des Stückes schwitzte. Er war für das gut geheizte Zelt viel zu warm gekleidet. Sein rotes Gesicht glänzte, es zerfloß förmlich. 'Der Ärmste', dachte Helmut, 'hätte er das geahnt, hätte er sein Stück für zwei Männer in Badehosen geschrieben.'
    A. hielt sich besser, aber auch sein Hemd färbte sich unter den Achseln und an der Rückenvertikalen dunkel. Trotzdem stolperte er mit bewundernswerter Gelassenheit durch den nur mangelhaft auswendig gelernten Text und machte vieles mit Faxen und Grimassen wett, dem Erfolgsrezept der schausspielerischen Laien. Da nun die Urteilskraft in Ansehung der formalen Regeln der Beurteilung ohne alle Sinnempfindung oder Begriff nur auf die subjektiven Bedingungen des Gebrauchs der Urteilskraft überhaupt gerichtet werden kann: So muss die Übereinstimmung einer Vorstellung mit diesen Bedingungen der Urteilskraft als für jedermann gültig a priori angenommen werden können.
    Dann war das Stück doch überraschend schnell zu Ende. Die Darsteller verneigten sich fleißig, obwohl der Applaus eher spärlich war.
    Helmut ging als einer der letzten aus dem Zelt. gadamer aristoteles kant: nur ein stück illusion unterhaltungsweg geh weiter deinen weg
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  20. #20
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    Post AW: Fahrkarte

    Lieber mr. jones, ich danke für deine Beschäftigung mit diesen nicht ganz einfachen Text, der jetzt gerade seine Hälfte, also den Wendepunkt erreicht. Du hast die Dialektik zwischen den kursiven Teilen, die nach der Idee hinter der Geschichte fragen, und der "konservativen" Erzählung erkannt. Ich habe jetzt die Schwierigkeit, mich zu rechtfertigen, ohne zuviel über den Fortgang zu verraten. Nun, mit den Mittelkapiteln kippt das Ganze: Helmut wird immer verwirrter (schau dir z. B. die Sprache an: im Erzähltext tauchen häufiger Fehler auf, die Kursivteile werden klarer), die Ideen schälen sich immer deutlicher heraus. Das Ganze wandert.
    Dein Hauptkritikpunkt war, dass dem Helmutteil (wenn man das Ganze so trennen will) die Atmosphäre der großen Stadt fehlt. Die Stadt selbst ist auch uninteressant für die Geschichte. Es ist eine Kleinstadt, in die Helmut ohne Grund gefahren ist. Er hat sich einfach eine Zugkarte gekauft und ist so weit gefahren, wie sein Geld reicht. Hier ist er wie Diogenes unterwegs und sucht Menschen, Begegnungen, Kontakte. Er wird ein ums andere Mal enttäuscht. Seine Einsamkeit spitzt sich immer mehr zu. Er kann seine Verlassenheit auch nicht überwinden, in dem er sich unter die Menschen begibt. Er nimmt sie mit, wohin er auch geht und wie viel er auch trinkt. Das ist meine "Idee des Verschwindens".
    Ob mir das Ganze gelungen ist, bleibt abzuwarten. Vielleicht will ich zu viel. Überarbeiten werde ich das Ganze zwischen den Jahren und dann den ganzen Text nocheinmal vollständig zur Diskussion stellen.


    Gruß, Klammer

    11. Türchen: Theater III

    Das Stück erinnerte Helmut anfänglich ein wenig an mr bean, auch wenn er nicht sagen konnte, warum. Er gehörte zu den Leuten, die sich Fernsehsendungen nur einmal ansahen - wie er auch Bücher nur einmal las - und sie dann schnell vergaß. die innere verschmelzung sage ich die verklammerung von verstehen und ausdeuten führt doch dazu die applikation den einheitlichen vorgang ganz aus dem zusammenhang der hermeneutik herauszudrängen.
    Das Zweipersonen-Stück, das ihn am Anfang noch gefangen nahm, quälte sich dann immer kafkaesker werdend über drei Akte ohne Pause dazwischen. Es endete, als sich endlich beide Protagonisten gegenseitig erwürgt hatten. Die Schauspieler mußten eine bedeutende Strecke Text rezitieren und der quirlige A. war im Gegensatz zum Autor, der den B. spielte, nicht gerade textsicher. so muss das erkenne ich mit theater stück mythos da er nachahmung von handlung ist nachahmung einer einzigen verstehe und ganzen handlung sein. Die teile der handlung müssen so zusammengesetzt sein, dass das Ganze sich verändert und in Bewegung gerät, wenn ein einziger Teil umgestellt oder weggenommen wird. Wo aber dort aber mit aber Vorhandensein oder Fehlen eines Stücks keine sichtbare Wirkung hat, da handelt es sich gar nicht um einen Teil des Ganzen.
    Während des dritten Aktes spielte Helmut mit dem Gedanken, die Aufführung zu verlassen. Längst hörte er nicht mehr zu, sondern beobachtete nur die Menschen hinter ihren Schauspielerhüllen. Der Autor des Stückes schwitzte. Er war für das gut geheizte Zelt viel zu warm gekleidet. Sein rotes Gesicht glänzte, es zerfloß förmlich. 'Der Ärmste', dachte Helmut, 'hätte er das geahnt, hätte er sein Stück für zwei Männer in Badehosen geschrieben.'
    A. hielt sich besser, aber auch sein Hemd färbte sich unter den Achseln und an der Rückenvertikalen dunkel. Trotzdem stolperte er mit bewundernswerter Gelassenheit durch den nur mangelhaft auswendig gelernten Text und machte vieles mit Faxen und Grimassen wett, dem Erfolgsrezept der schausspielerischen Laien. Da nun die Urteilskraft in Ansehung der formalen Regeln der Beurteilung ohne alle Sinnempfindung oder Begriff nur auf die subjektiven Bedingungen des Gebrauchs der Urteilskraft überhaupt gerichtet werden kann: So muss die Übereinstimmung einer Vorstellung mit diesen Bedingungen der Urteilskraft als für jedermann gültig a priori angenommen werden können.
    Dann war das Stück doch überraschend schnell zu Ende. Die Darsteller verneigten sich fleißig, obwohl der Applaus eher spärlich war.
    Helmut ging als einer der letzten aus dem Zelt. gadamer aristoteles kant: nur ein stück illusion unterhaltungsweg geh weiter deinen weg
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  21. #21
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    AW: Fahrkarte

    erstellt von Klammer:
    Ob mir das Ganze gelungen ist, bleibt abzuwarten. Vielleicht will ich zu viel. Überarbeiten werde ich das Ganze zwischen den Jahren und dann den ganzen Text nocheinmal vollständig zur Diskussion stellen.

    zwischen den jahren, da hast noch zeit, den weg rückblickend (zusätzlich, aus anderer perspektive) zu beschreiben... z.b. liesse sich hervorragend einbauen in den text, etwa als türchen vor dem ersten türchen, folgender text:


    "Es ist eine Kleinstadt, in die Helmut ohne Grund gefahren ist. Er hat sich einfach eine Zugkarte gekauft und ist so weit gefahren, wie sein Geld reicht. Hier ist er wie Diogenes unterwegs und sucht Menschen, Begegnungen, Kontakte. Er wird ein ums andere Mal enttäuscht. Seine Einsamkeit spitzt sich immer mehr zu. Er kann seine Verlassenheit auch nicht überwinden, in dem er sich unter die Menschen begibt. Er nimmt sie mit, wohin er auch geht und wie viel er auch trinkt."


    greetings,
    Mr. Jones

  22. #22
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    12. Türchen: Mond I


    ich mag bedeutungsschwangere überschriften nicht, sie sind ein klischee. Mond. Kitsch. jeder hat sofort eine vorstellung, ein gedicht ist aufgegangen, die goldnen tropft bleiches licht der mann im gehst so stille ein kleiner schritt für einen alpha 1 aber ich muss nun einmal eine verbindung schaffen helmut als allegorie
    mond klingt unheimlich wichtig.
    aber helmut hat das wort nun einmal ausgesprochen, vor sich hingemurmelt. In ihm mondet sich etwas. Er wird von dessen licht beschienen. Es hat nun keinen sinn, mit dem cursor nach oben zu fahren und mond durch geschenkgutschein zu ersetzen, dem eigentlichen thema dieses augenblicks
    unnötig, mir weiter den kopf zu zerbrechen, sollen sich andere überlegen, ob ich einen fehler mache.

    Auf das Theater hatte Helmut in einer Pilsbar zwei Doppelte getrunken. Das hatte nichts mit dem Mond zu tun, dessen bleiches Rund in der kalten Nacht auf den Dachplatten der Häuser glänzte, erzeugte aber ein romantisches Gefühl.
    Helmut hätte jetzt gerne etwas mit einer Frau angefangen, er brauchte einen Platz. Schließlich lief ihm langsam die Zeit davon. Er hatte es Ruth einmal so erklärt:
    "Wenn ich spät nachts in einen Bus steige und der Fahrer ist für mich ein Taxi, weil er mit mir allein ist und ich auch sicher keine Kontrolleure mehr erwarten muß, dann fahre ich genau deshalb nicht schwarz. Da fehlt mir die Romantik, der Kitsch."
    Ruth hatte nur den Kopf geschüttelt. Gut, er hatte wohl ein wenig theatralisch geklungen, aber wenn er doch nun einmal so empfand, dann hätte sie im wirklich eine Chance geben können, sich bemühen können, ihn zu verstehen oder wenigstens so zu tun. Schließlich war sie ja noch seine Frau und mit dem Austausch der Ringe hatte sie ein paar Verpflichtungen übernommen. Helmut hörte ihr doch auch zu, wenn sie von ihren Diäten sprach oder ihm die Musik von Hans Werner Henze schmackhaft machen wollte, den zu mögen sie vorgab. Da konnte er doch ähnliches verlangen, oder?
    Hatte er ihren Brief noch? Helmut verharrte und kramte in seinen Manteltaschen. Kurz glaubte er, das gefaltete Papier gefunden zu haben, doch als er es herauszog, stellte er fest, daß es nur eine Reklame für einen Schnellimbiss war, die er im Zug wegen eines darauf gedruckten Getränkegutscheines mitgenommen hatte. Er versuchte, den Zettel im knappen Licht der Straßenlaterne zu lesen, um festzustellen, wo in dieser dummen Stadt ein Mc Donalds war. Da verschob sich das rote, speckglänzende Papier vor seinen Augen, er schwankte nach vorn. Oder schwankte der Boden?
    'Unsinn', dachte er, 'es ist der Schnaps.'
    Helmut sah sich um. In der Nähe befand sich eine Straßenbahnhaltestelle mit einer überdachten Bank. Ein Ehepaar mit einem kleinen Mädchen, das um die beiden herum Tanzschritte übte, wartete dort.
    Wie spät war es denn? Helmut hatte keine Uhr um. Die lag daheim auf dem Küchentisch.
    eine gefahr sah galileo ganz deutlich: wenn es himmelskörper gab, die keiner kreisbahn folgten, stellten sie eine bedrohung für das kopernikanische system dar, zumindest aber eine nicht vorgesehene und höchst gefährliche hypothese. Kometen waren solche irregularitäten. Sie tauchten auf, glühten kurz und verschwanden wieder im endlosen nichts. Wenn die göttliche ordnung aber keplers kreisbahn war, dann war die existenz eines kometen, der keine sichtbare parallaxe besaß, ein beweis für des teufels einmischung. Nicht zuletzt daher unterstützte galilei gegen so kompetente astronomen wie brahe und grassi ohne eigene anschauung eine theorie, die er von demokrit und anaxagoras übernahm. Er erklärte die kometen als agglomerationen von sternen, so wie helmut eine von mir ist.
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  23. #23
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    13. Türchen: Mond II


    Galilei ersann eine geniale Antwort. Er schlug einfach vor, die physische Realität der Kometen in Abrede zu stellen. Es handle sich man bedenke nicht um Himmelskörper, sondern um Lichterscheinungen wie den Regenbogen oder die Reflexe des Sonnenlichtes auf der Meeresoberfläche bei Sonnenuntergang ein blendendes schwimmendes licht ich.
    Die Meteore sind also rein optisch und subjektiv, ein eingebildetes Simulacrum. Und ist, achtung: Beweis! der leuchtende Streifen des Kometen, welcher sich in der Dämmerung erstreckt und Schrecken und Krieg weissagen soll, nicht immer auf die Sonne hin ausgerichtet, egal, an welchem Ort sich der Beobachter auch befinden möge? Annulliert er dadurch denn nicht gerade die Parallaxe?

    Während er sich leicht schwankend vorwärts kämpfte auf die Bank zu an der jetzt das Mädchen herumkletterte dachte Helmut an seine Mutter die im Altersheim saß und so verkalkt war, dass sie ihren Sohn nur selten erkannte Erkenntnis. Dabei ist sie erst Mitte Siebzig das ist doch heute ist das kein Alter heute wird man hundert dachte er.
    Ruth amüsierte sich über die Vergeßlichkeit ihrer Schwiegermutter und erzählte gerne Anekdoten darüber: Wie die, in der die Mutter einmal in ein Stück Seife gebissen habe weil sie glaubte es wäre ein Käsebrot. Helmut fand Ruth nicht herzlos, wenn sie das machte lachte er manchmal mit gerade auch bei der Vorstellung schwankend auf die Bank zu aber er hatte trotzdem das übrigens leicht verdrängbare Gefühl es war nicht richtig von ihm.
    Endlich erreichte Helmut die Bank und setzte sich erleichtert. Er stöhnte lauter, als er eigentlich wollte und verschreckte dadurch das Mädchen, das sich an den Arm seines Vaters flüchtete. Helmut versuchte das Eis zu brechen anzulächeln verschmitzt kumpelhaft, aber das Kind drückte sich nur noch ängstlicher an seinen Beschützer. Helmut wunderte sich. Er konnte gut mit Kindern umgehen verzogene Göre weinerliche
    "Wieviel Uhr ist es bitte?" fragte er. Er bekam keine Antwort. Die Mutter, eine kleine, dicke Frau, an der er nichts anziehendes fand, bedachte ihn mit einem strafenden Blick. War es in dieser Stadt ein Verbrechen nach der Uhrzeit wo bin ich hier?
    Helmut hielt dem Blick stand und wiederholte fest seine Frage. Jetzt kam Leben in den Ehemann. Bieder bieder dachte Helmut aber bin ich denn anders ich rede mit dem Liebhaber meiner Frau und prügle ihn nicht durch die Wohnung.
    "Es ist kurz nach zehn Uhr", sagte der Mann mit kühler, abweisender Stimme. Gleichzeitig spähte er nach der Straßenbahn.
    "Erst?" erkundigte sich Helmut. "Ich dachte, es sei später."
    Keine Antwort nicht einmal ein Achselzucken. Ein Gespräch war nicht möglich, er hätte jetzt aufstehen und gehen müssen sein Glück an einem anderen Ort versuchen aber er saß doch so bequem wenn auch kalt und hallo Mond dort oben ich bin dir nah.
    Die Straßenbahn kam, quietschend rückte sie näher. Erleichtert und eilig drängte sich die Familie in den Wagen. Die Bahn ruckte wieder an, bewegte sich kreischend vorwärts. Helmuts Blick kreuzte den des Mädchens, das sich die Nase an der beschlagenen Scheibe flachdrückte, um ihn weiter zu beobachten.
    Helmut streckte seine Zunge heraus ob allerdings das Mädchen ihn bemerkte, wußte er nicht aber er fühlte sich besser und langsam wurde auch sein Kopf wieder klarer.
    Er konnte den Mund gut sehen, er hing knapp über den Fernsehantennen.
    Nach einer Weile öffnete Helmut seine Augen. Die helle Scheibe war ein Stück weitergerückt, tauchte hinter den First eines Hauses. Helmut fror. Er hatte ein wenig geschlafen und fühlte sich besser. Dieser Eindruck verschwand zwar als er schwerfällig aufstand und schnell mir wird das muss ich mich an einem Abfalleimer festhalten, kehrte aber wieder, nachdem er ein paar Augenblicke stillstand und die kühle Luft atmete.
    Er ging weiter, sah den entgegenkommenden Autos in die Scheinwerfer.
    Galilei schlug also vor, den Kometen als einen Lichtreflex auf Vorgänge in der Atmosphäre anzusehen, der wie das Nordlicht über die im Schatten liegende Kuppel des Erdhorizonts hinausragt. Das ist allerdings nur eine Variante der Theorie des Aristoteles über die Meteore, also ein Rückgriff auf längst abgelegtes Denken. Wo also ist seine Häresie?
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  24. #24
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    14. Türchen: Gestern 2

    gestern das gerade nicht oder alles ist gestern erklären was vorher war die namen sind genannt nun sollen sie auch leben
    Es war in den Wochen, während denen Ruth sich für das alte Ägypten interessierte. Sie hatte eine Ausstellung gesehen und die ART-Hefte in der Wohnung durch NATIONAL GEOGRAPHIC ersetzt.
    Helmut saß mit seiner Frau im Wohnzimmer. Der Fernseher lief. Ihn interessierte zwar das Programm nicht, aber er hatte gerne eine Geräuschkulisse, wenn er Kreuzworträtsel löste. Dann kam es ihm nicht ganz so sinnlos vor, seine Zeit auf diese Weise zu verschwenden.
    Ruth saß ihm gegenüber, warf ebenfalls keinen Blick auf den Apparat und studierte ein Buch. Plötzlich stutzte sie, sah auf und fragte:
    "Wußtest du, dass Kanzler Sennemut ihr Geliebter war?"
    "Wessen Geliebter?"
    "Na, der Hatschepsut. Mit ihrem Architekten hatte sie auch was."
    Helmut betrachtete seine Frau stumm. Kam noch was? Nach einer längeren Pause kehrte er zurück zu seinem Rätsel. Er blätterte verstohlen nach der Lösung.
    "Das wäre ein Leben für mich gewesen."
    Helmut zuckte zusammen, fühlte sich ertappt. Ruth nickte. Ihr stand der Unwille über seine Interesselosigkeit ins Gesicht geschrieben. Weil er ihrem strafenden Blick ausweichen mußte, sah er zum Fenster und bemerkte den vertrockneten Efeu, der an einer Ampel von der Decke hing.
    Helmut entschied sich, abzulenken, selbst aggressiv zu sein.
    "Warum gießt du den Efeu nicht?"
    Ruth war nur kurz verwirrt.
    "Ich gieße ihn jeden zweiten Tag", stellte sie entschieden fest, mit einer Prise beleidigtem Vorwurf in der Stimme.
    "Ach, ja? Ich finde, er ist vertrocknet. Ich glaube dir nicht, daß du ihn so oft gießt. Schau ihn dir doch an. Übergossen sieht er wirklich nicht aus."
    "Mehr als wässern kann ich ihn nicht."
    Das Wort 'wässern' war ihr Sieg. Hätte sie noch einmal 'gießen' gesagt, wäre das Ganze lächerlich geworden. Helmut schämte sich. 'Wässern' war ihm nicht eingefallen, Ruth war ihm wie immer überlegen, weiter zu machen, wäre kindisch und rechthaberisch gewesen.
    Er zog die Augenbrauen hoch, daran erinnerte er sich genau. Dann warf er Ruth die Rätselzeitschrift an den Kopf. Zumindest versuchte er es, aber die Reaktion seiner Frau war schnell.
    Helmut ärgerte sich, nicht getroffen zu haben, das machte auch noch diese Geste lächerlich. In dem Buch von Walser, das er kürzlich gelesen hatte, war dem Helden die gleiche Tat gelungen. Ihm mußte natürlich alles mißglücken. Selbst bei einer simplen Gewaltausübung versagte er. Die harte Kante der Zeitschrift hätte Ruth an der Stirn treffen müssen. Die Stelle hätte zumindest rot anlaufen sollen, einen Bluterguß bilden, am besten wäre es natürlich gewesen, Ruth hätte geblutet. Das wäre der Situation angemessen dramatisch gewesen. So wie es nun war, mit der Zeitschrift auf dem Boden zwischen ihnen, wirkte alles nur operettenhaft.
    Helmut blieb tapfer sitzen, wartete auf ihre Reaktion. Noch konnte etwas geschehen. Wenn sie jetzt nur nicht lachte. Ruth stand auf, ihr Gesicht machte kurz den Eindruck, als müsse sie sich ein triumphierendes Lächeln verkneifen. Dann sagte sie langsam:
    "Ich glaube, du gehst. Ich kann dich nicht ertragen." Sie wand sich mit gekonnter Drehung ab, schließlich hatte sie einmal in einer Laienspielgruppe die Ophelia gegeben und beendete ihren Auftritt mit der knallenden Tür des Schlafzimmers.
    Helmut murmelte trotzig, er hinge eben an seinem Efeu, es schmerze ihn, wenn er so vertrockne, verdammt. Aber er ging gehorsam in den Gang und zog seine Schuhe an.
    Obwohl er keine Lust dazu hatte und sich vor dem verkaterten Morgen fürchtete, betrank er sich. Spät in der Nacht kehrte er polternd heim. Ruth hatte ihm ein Lager im Wohnzimmer gemacht und die Tür zum Schlafzimmer abgesperrt. Helmut versuchte, vor der Tür möglichst laut stöhnend zu masturbieren, aber es mißlang ihm gründlich. Ihm wurde übel und er übergab sich im Flur, bevor er die Toilette erreicht hatte.
    Dann wankte er zu seiner provisorischen Bettstatt. Der beißende und saure Geruch, der ins Zimmer zog hinderte ihn lange am Einschlafen.
    schlapper kerl versager säufer niete impotente pflaume aber seien wir ehrlich seien wir einmal bewusst: die anderen, die mutigen die gibt es doch nur in unserer fantasie...
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  25. #25
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    15. Türchen: Im Stehausschank 1


    ich frage mich ob man mir wohl anmerkt wenn ich eigentlich keine lust mehr habe oder gerade nicht in stimmung oder ideenlos oder was weiß ich auch diesmal ist die überschrift nicht gerade einfallsreich, vielleicht sogar ein wenig zu melodramatisch. Außerdem sitzt Helmut auf einem Hocker gegen die Theke gelehnt.
    Das Lokal war gut besucht. In einer Ecke spielten zwei Jugendliche ausdauernd an einem blinkenden und piepsenden Flipperautomaten. Zwei Professionelle saßen neben ihm auf ihren Hockern und bemühten sich, ihre abgegriffenen Reize ins Licht und die Falten in den Schatten zu rücken. später wird eine mit einem Gast den Ausschank verlassen, aber nach etwa fünf Minuten ist sie wieder da.
    Helmut war der einzige im Lokal, der allein war, mal abgesehen von dem, der gleich mit der Nutte rausgehen wird und jetzt damit beschäftigt ist, sie zu taxieren. Er sieht aus, als würde er im Geiste sein Geld zählen
    Alle anderen kannten sich und unterhielten sich lautstark. Nirgendwo hatte Helmut eine Chance zum Einsteigen, er saß auf seinem Hocker wie im Auge eines Sturms. Gut, er war hier nicht richtig, aber er war nicht mehr fähig, aufzustehen. Vielleicht kam ja noch jemand herein, dem er sein leid klagen konnte. Mitleid, das brauchte er jetzt denn sein Selbstmitleid reichte nicht mehr aus.
    Helmut nippte an seinem Bier ihm fiel auf wie stark seine Hand zitterte übrigens nur die linke mit der er das Glas hielt. Er stellte es wieder auf den Bierdeckel und verschüttete dabei etwas von der braunen Flüssigkeit sie färbte den Filz dunkel. Um das Zittern zu unterbinden spreizte er die Finger drückte die Handfläche gegen das lackierte Holz des Tresens zwinkerte riß die Augenbrauen hoch und stierte auf den Handrücken an dem die Adern fleischig hervortraten sie vibrierten.
    Helmut bestellte einen Klaren, kippte ihn schnell hinunter. Dabei benutzte er seine Rechte, die ohne Symptome war. Das Vibrieren der dunklen Venen seines linken Handrückens ließ nicht nach aber ein warmes Gefühl machte sich im Magen breit er genoß es.
    Helmut trank einen zweiten Schnaps, diesmal einen doppelten das zittern verschwand so schnell, wie es gekommen war er fühlte sich leicht und lehnte sich zurück dabei fiel er fast hinterrücks vom Hocker. er sah sich um ob jemand ihm bemerkt hatte die beiden flipperspieler studierten ihn aufmerksam er lächelte ihnen zu sollen sie doch denken und jetzt überschwemmte ihn sein schwindelgefühl er hatte es vermißt. die welt wirkte verschoben verschroben klein verzerrt als würde die luft das licht wie wasser brechen vielleicht aber ist das erst die wirkliche art die welt zu sehen das ist ein fröhlicher gedanke wir schwimmen in dickem dunst und mir ist nicht mehr kalt.
    Helmut kicherte in sich hinein, bestellte einen dritten, dann einen vierten Klaren. Er zählte die Minuten, die der Gast mit der Prostituierten draußen im Freien verbrachte.
    ein flinker junge, dachte er. Die Nutte kehrte allein zurück, sie brachte Kälte in den überheizten Schankraum.
    Fassen wir zusammen: Galilei wurde vor der Inquisition nicht für seine kosmologischen Thesen angeklagt, sie erschütterten das katholische Weltbild nicht. Die Goldene Regel des Jesuiten lautete: Du wirst deinen Gegner auf seine Grundsätze reduzieren, wenn du das Wahre zeigst, dann wende die herabsteigende Methode an, das heißt, argumentiere vom Hohen zum Niedrigen, aber wenn du das Falsche angreifst, dann verwende die aufsteigende Methode, und wenn du es mit einem hartnäckigen Gegner zu tun hast, dann kannst du die Reduktion ad absurdum führen. Seine Häresie war eine andere.
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