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Thema: ein Versuch

  1. #1
    Pris
    Status: ungeklärt

    Post ein Versuch

    ein Versuch:


    Die junge Frau betrat den Innenhof des Klosters und schlenderte in den grob rasterartig angeordneten Wegen herum. Hie und da blieb sie stehen, senkte ihren Blick und musterte das sich ihr aus einem der zahlreichen Beete entgegenragende Gewächs. Vielerlei Sorten von Gemüse waren von den Nonnen angepflanzt, mit einigen hatte sie Mühe sie richtig zuordnen zu können, derart, dass ihr die mögliche Vielfalt an Verkochbaren erst so richtig bewusst wurde. Hanna hob wieder ihre Augen und vollführte eine Vierteldrehung Richtung Säulenhalle, die sie nun vorhatte zu erreichen, um sich ein wenig von der heißen Sonne auszuruhen. "Da sind sie ja!" sprach in dem Moment eine ältere Frauenstimme von seitlich zu ihr. "Tut mir leid, wenn ich sie etwas habe warten lassen, nun kommen sie aber mit herein, diese Hitze heute ist ja nur schwer zu ertragen. Schönes Wetter in Ehren, aber zuviel ist zuviel!" Hanna ließ sich von der Schwester-Oberin, die wohl so an die sechzig sein musste, ins Innere des erfrischend kühlen Klosters führen. Sie kamen an einer einen gemütlichen Eindruck vermittelnden dunkelroten samtenen Sitzgruppe vorbei, die von zwei jungen weltlichen Frauen besetzt war. Vielleicht Besucherrinnen oder auch Urlauberinnen - seit dem immer akuter werdenden Geldmangel und dem Mangel an klösterlichem Nachwuchs bot sich das Kloster auch als ländliches Feriendomizil an. Hanna und die Schwester-Oberin erreichten die Stiegen und gelangten über diese in den ersten Stock, in dem die Ordensfrau ihr Zimmer hatte. Mit einer einladenden Geste, den Arm ausgestreckt und die Handfläche nach oben geöffnet, ließ sie Hanna den Vortritt, trat dann selber ein und schloss hinter sich die Tür mit einem leichten, aber bestimmten Zudrücken. "Bitte sehr! Nehmen Sie doch Platz", fuhr sie fort und wies dabei in Richtung ihres in der Mitte des Raumes platzierten rechteckigen Tisches, der mit einem weißen Tuch verhangen und von vier Stühle umstellt war. "Wohin Sie wollen", antwortete sie mit fester und freundlicher Stimme, als Hanna sich mit etwas zögerlich fragendem Blick unfreiwillig an die Schwester-Oberin wandte, unsicher, welchen der vier möglichen Stühle sie nun besetzen sollte. Um die Situation nicht unnötigerweise zu verkomplizieren, nahm sie einfach den nächstbesten mit beiden Händen an der Lehne, rückte ihn vom Tisch weg und setzte sich. Zwar wäre sie lieber auf dem Stuhl ihr zur Linken gesessen, der direkt vor dem hellen Fenster stand, doch reagierte sie zu langsam, um ihre einmal begonnene Bewegung in Richtung des Stuhls, auf dem sie nun saß, weiterleiten zu können. Zwar hätte sie einfach die Gelassenheit aufbringen können von ihrer einmal getätigten Entscheidung abzuweichen, so sichtbar, dass es auch die Schwester-Oberin bemerken musste, doch was konnte sie Hanna schon anhaben? Was konnte man einem Menschen schon anhaben, der seine Gelassenheit so deutlich nach außen kehrte, dass er gegenüber jedem Angriff unangreifbar zu sein schien. Hanna aber besaß diese Lockerheit nicht, von einer einmal vor den Augen anderer getätigten Entscheidung zurückzuweichen, vielleicht aus Angst als inkonsequent angesehen zu werden. Lieber verharrte sie auf ihrem Stuhl zweiter Wahl und täuschte Zustimmung mit einem ausgeruhten Lächeln vor. Außerdem werde sie sich schon, dachte Hanna, mit der Zeit an den Platz gewöhnen und draufkommen, dass er um nichts schlechter sei, als der im ersten Moment so eindeutig begehrte. Vielleicht könne sie dann sogar froh sein sich aus einer ersten Unentschlossenheit heraus gerade diesen ausgesucht zu haben. Vielleicht erwies sich der Stuhl sogar als derart günstig, dass Hanna Angst bekommen müsse, ihr Ziel, gelassener im Angesicht anderer Menschen zu werden, auch weiter als verfolgenswert zu erachten. Was aber sollte sie dann der Schwester-Oberin, von der sie schon viel gehört hatte und zu der sie glaubte Vertrauen haben zu können, als ihr Anliegen eröffnen? Wie ursprünglich geplant, eine neue Beziehung zu ihren Mitmenschen suchen zu wollen, zu denen sie zumeist in einer anfangs zwar ungewollten, aber dann später auch bewusst gewollten Distanz stand? Oder sollte sie sich doch lieber auf Bewährtes zurückziehen, in ihrer Not zu Unverfänglichem greifen und etwa die schon ewig gesellte Frage nach Gott stellen, die in diesem Raum bestimmt nicht an falscher Stelle wäre?


    -Pris

  2. #2
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: ein Versuch

    Ich tu mich mit der süddeutschen epischen Breite immer ein bissel schwer. Beim Lesen befällt mich Erdenschwere, es fehlt das Leichte. Ach was! Fehlt nicht, weil doch die -nd-Worte und das LASSEN und das WÄRE ein Übermaß im Text besitzen, wodurch sich vieles relativiert.

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: ein Versuch

    Hallo Pris,
    uh, ein leidiger Ausschnitt (schon gut), da kann man nur recht vorsichtig (und auch fehlerhaft) ein "Urteil" fällen...
    Die süddeutsche (hab ich da was verpasst?) epische Breite macht im Hinblick auf den Stuhl durchaus Sinn: " ...ihr Ziel, gelassener im Angesicht anderer Menschen zu werden,...", diesem neurotischen wieder - und nochmal - überlegen, einer Unsicherheit und damit einhergehenden Selbstreflexion selbst beim Wählen eines Sitzplatzes - das scheint recht gut zur Situation der Protagonistin zu passen und könnte sogar noch ausgebaut werden.
    Dafür würde ich im Gegenzug dann allerdings die restlichen Beschreibungen entschlacken, ich habe das Gefühl, daß Du Dir manchmal selbst ein Bein stellst:
    Vielerlei Sorten von Gemüse..." oder
    "..vollführte eine Vierteldrehung Richtung Säulenhalle, die sie nun vorhatte zu erreichen" oder "Sie kamen an einer einen gemütlichen Eindruck vermittelnden dunkelroten samtenen Sitzgruppe vorbei, die von zwei ..."
    Alles in allem ist mir die Sprache ein wenig zu "altertümlich" - was nicht unbedingt was zu sagen hat, Ed würde mir widersprechen. Die wörtliche Rede dagegen gefällt mir gut, und JETZT brauche ich einen Kaffee.
    Hallo, Pris,

    it

  4. #4
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    AW: ein Versuch

    1. Absätze erhöhen die Lesbarkeit.


    2. Kannst du die Beschreibung von Hannas Absichten/Empfindungen in eine äußerliche umwandeln, die jene erahnen lässt? Man muss dem Leser ja nicht alle "Arbeit" abnehmen, er möchte sich etwas dabei selbst denken können.


    3. Die Figur ist hochgradig spannend: jemandem die Frage nach der Überwindung der Distanz stellen zu wollen, der selbstgewählt in großer Distanz zu den Menschen lebt.


    Würd ich gern weiterlesen.

  5. #5
    Pris
    Status: ungeklärt

    AW: ein Versuch

    Hi, danke erst mal für die Ratschläge.
    Ich habs noch mal etwas überarbeitet: die Beschreibungen vor der "Stuhl-Szene" entschlackt, dafür diese durch 2 Überlegungen Hannas erweitert.
    Das mit der altertümlichen Sprache muß wohl von meiner Vorliebe zu längst verstorbenen Autoren herrühren. Zu den Zeitgenossen bin ich bisher eher erst spärlich vorgedrungen, weiß aber nicht, ob das vorteilhaft, nachteilig oder belanglos ist.
    willieh: ich wüßte nicht (für diesen Abschnitt zumindest), wie ich Hannas Empfindungen nach außen kehren sollte. Ist es wirklich so, daß dem Leser bevormundet wird, er nur die Möglichkeit hat der umgehängten Karotte zu folgen?
    Im Allgemeinen bin ich mir aber selber nicht ganz sicher, ob das alles nicht zu überstark psychologisierend ist...vielleicht doch mehr Handlung (ist die Selbstreflexion aber nicht auch Handlung, zumal Hanna sich Handlungen vorstellt?).


    "Da sind sie ja!" sprach eine ältere Frauenstimme von seitlich zu Hanna, die gerade in den grob rasterartig angeordneten Wegen des Klosters schlenderte. "Tut mir leid, wenn ich sie etwas habe warten lassen, nun kommen sie aber mit herein, diese Hitze heute ist ja nur schwer zu ertragen. Schönes Wetter in Ehren, aber zuviel ist zuviel!" Hanna ließ sich von der Schwester-Oberin, die wohl so an die sechzig sein musste, ins Innere des erfrischend kühlen Klosters führen. Hie und da hallten Schritte aus einem anderen Gang, ansonsten war es still.
    Hanna und die Schwester-Oberin erreichten über die breiten Stiegen den ersten Stock, in dem die Ordensfrau ihr Zimmer hatte. Mit einer einladenden Geste, den Arm ausgestreckt und die Handfläche nach oben geöffnet, ließ sie Hanna den Vortritt, trat dann selber ein und schloss hinter sich die Tür mit einem leichten, aber bestimmten Zudrücken.
    "Bitte sehr! Nehmen Sie doch Platz", fuhr sie fort und wies dabei in Richtung ihres in der Mitte des Raumes platzierten rechteckigen Tisches, der mit einem weißen Tuch verhangen und von vier Stühle umstellt war. "Wohin Sie wollen", antwortete sie mit fester und freundlicher Stimme, als Hanna sich mit etwas zögerlich fragendem Blick unfreiwillig an die Schwester-Oberin wandte, unsicher, welchen der vier möglichen Stühle sie nun besetzen sollte. Um die Situation nicht unnötigerweise zu verkomplizieren, nahm sie einfach den nächstbesten mit beiden Händen an der Lehne, rückte ihn vom Tisch weg und setzte sich. Zwar wäre sie lieber auf dem Stuhl ihr zur Linken gesessen, der direkt vor dem hellen Fenster stand, doch reagierte sie zu langsam, um ihre einmal begonnene Bewegung in Richtung des Stuhls, auf dem sie nun saß, weiterleiten zu können. Zwar hätte sie einfach die Gelassenheit aufbringen können von ihrer einmal getätigten Entscheidung abzuweichen, so sichtbar, dass es auch die Schwester-Oberin bemerken musste, die ihr aber ja nichts anhaben konnte. Was konnte man einem Menschen schon anhaben, der seine Gelassenheit so deutlich nach außen kehrte, dass er gegenüber jedem Angriff unangreifbar schien? Hanna aber besaß diese Lockerheit nicht, von einer einmal vor den Augen anderer getätigten Entscheidung zurückzuweichen, vielleicht aus Angst als inkonsequent angesehen zu werden. Lieber verharrte sie auf ihrem Stuhl zweiter Wahl und täuschte Zustimmung mit einem ausgeruhten Lächeln vor. Außerdem werde sie sich schon, dachte Hanna, mit der Zeit an den Platz gewöhnen und draufkommen, dass er um nichts schlechter sei, als der im ersten Moment so eindeutig begehrte. Vielleicht könne sie dann sogar froh sein sich aus einer ersten Unentschlossenheit heraus gerade diesen ausgesucht zu haben. Vielleicht erwies sich der Stuhl sogar als derart günstig, dass Hanna Angst bekommen müsse, ihr Ziel, gelassener im Angesicht anderer Menschen zu werden, auch weiter als verfolgenswert zu erachten. Vielleicht käme ja in den nächsten Minuten ein junger Mann zur Tür herein, dem sich hinzugeben der erste Blick forderte, der aber aufgrunddessen, dass Hanna am fensternahen Stuhl vom Licht beschienen wurde, sie selbst nur undeutlich erkennen konnte und folglich auch nicht die Möglichkeit bekam, in ihm den Willen aufsteigen zu lassen sie unbedingt wiedersehen zu müssen. Eine andere, ebensolch abwegige Variante kam Hanna in den Sinn: daß sie vielleicht sogar vom Sonnenlicht gestört würde und sie mitten im möglicherweise anregenden Gespräch mit der Schwester-Oberin den Platz wechseln müsse, ihre Konzentration fort wäre und sie eine eben aufgenommene interessante Idee nicht mehr weiter verfolgen könne. Müsse sie dann in solchen Fällen nicht froh sein, ihrem ursprünglichen Verlangen nicht nachgegeben zu haben und keine Gelassenheit zur Schau gestellt zu haben?
    Wenn dem so wäre, was aber sollte sie dann der Schwester-Oberin, von der sie schon viel gehört hatte und zu der sie glaubte Vertrauen haben zu können, als ihr Anliegen eröffnen? Wie ursprünglich geplant, eine neue entspanntere Beziehung zu ihren Mitmenschen suchen zu wollen, zu denen sie zumeist in einer anfangs zwar ungewollten, aber dann später auch bewusst gewollten Distanz stand? Oder sollte sie sich doch lieber auf Bewährtes zurückziehen, in ihrer Not zu Unverfänglichem greifen und etwa die schon ewig gesellte Frage nach Gott stellen, die in diesem Raum bestimmt nicht an falscher Stelle wäre?


    -Pris

  6. #6
    Mutter des Hauses
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    Renommee-Modifikator
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    AW: ein Versuch

    Guten Morgen Pris!

    Speziell welcher Anregung haben wir denn diese Passage zu verdanken:

    Vielleicht käme ja in den nächsten Minuten ein junger Mann zur Tür herein, dem sich hinzugeben der erste Blick forderte, der aber aufgrunddessen, dass Hanna am fensternahen Stuhl vom Licht beschienen wurde, sie selbst nur undeutlich erkennen konnte und folglich auch nicht die Möglichkeit bekam, in ihm den Willen aufsteigen zu lassen sie unbedingt wiedersehen zu müssen.
    ??

    - ich überleg grad, ob ich eine Kritik hinbekomme, die das vorantreibt..

    Ich muss mal überlegen: wenn du die (psychologisierende) Selbstreflexion durch Gesten ersetzen könntest - nun, dann wär das Psychologisierende weg. Vielleicht fällt mir ein Vorschlag ein.

  7. #7
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: ein Versuch

    Geradezu parenthetisch zu lesen zu id05. Hier ist Leben in der Bude, hier läßt sich etwas draus machen, wenn die Schreibende Geduld und Kraft aufbrächte...

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