Geschichte ist Erkenntnis des Werdens der Gesamtheit: für ein Ich, eine Familie, Stadt, Region, Nation, die Welt. Das beschränkte Einzelempfinden kann in die Irre führen, denn Empfindungen korrelieren mit Wünschen und aus bestenfalls mit aus dem Verstand geborenen Erkenntnissen der Entwicklungsgesetze, schwingen also im Wechsel der Töne und bleiben kontextbezogene Kasualitäten, die den Blick fürs Ganze verstellen. Gibt es dagegen eine Schicksalslinie für jeden, sei es Einzelwesen, Familie oder Nation? Gibt es gar einen analysierbaren Gang der Dinge für die Weltgeschichte?
Mit Sicherheit läßt sich die Geschichte der Deutschen erkennen. 1918 war der Bruch des verlorenen Krieges und der damit einhergehenden Zerstörung des Reiches, was die vorige Entwicklung unterbrach und die Deutschen in einen Zustand der Abhängigkeit zurückstieß, aus dem sie sich mit der Konstituierung des zweiten Reiches 1871 und zuvor der Neuausrichtung Österreich-Ungarns 1867 erst befreit hatten. Das war ein Kriegsgrund für die Feinde der Deutschen: Imperialisten und Nationalisten, Panslawisten und Plutokraten, westliche Demokraten. Neben den Feinden der politischen Strukturen der aristokratischen Reiche gab es den wirtschaftlichen Hauptfeind der reichsdeutschen Industrie: Amerika. Und schließlich bildeten die kleineren Völker in Ost- und Südosteuropa auch einen Kraftquell, sozusagen die Initialzündung für die Reichsfeinde, die nationale Bestrebungen gegen die Reichsidee der deutschen Staaten, v.a. hier gegen Österreich-Ungarn, stellten und bei den Reichsfeinden Unterstützung fanden. All das hatte die Niederlage der Mittelmächte befördert, Europa in seiner Entwicklung behindert und Amerika und Rußland in die Positionen gebracht: Amerika war der große Gewinner des Krieges, hatte den internen Kampf innerhalb der Entente gegen seine imperialistischen Konkurrenten auch gewonnen und diese in seine Abhängigkeit gebracht, das Reich zerschlagen helfen und mit Rußland eine Form der wirtschaftlichen Zusammenarbeit gefunden, die Milliardengewinne versprach, wobei das vorerst - angesichts der relativ unbedeutenden russischen Industrie 1918 - noch unerheblich blieb.
Der Versailler Vertrag war erst der Anfang der Abhängigkeitserklärung des Reiches. Die neuen Nationalstaaten um das Reich herum (die meist keine Nationalstaaten, sondern Mehrheitsstaaten einer Nationalität waren, die die anderen Nationalitäten, meist Deutsche, Juden u.a. unterdrückten) schlossen sich zusammen und bildeten eine kleine Entente: Tschechoslowakei, Jugoslawien, Rumänien. Polen verband sich mit Frankreich und Britannien. Damit war das Reich beinahe wieder von Feinden eingekreist.
Im Inneren vollzog sich die Machtübergabe vom geistigen und konservativen Adel an die pragmatisch orientierten Parteien, die in den Reichstag gewählt worden waren und sich zur Mehrheitsfindung gegenseitig darin unterstützten, die Macht auch bei den Parteien zu belassen. [1] Eine neue Oligarchie, die in Anspruch nahm, für das Volk zu sprechen. Das war der eigentliche Bruch in der deutschen Geschichte, der sich schon zum Ende des Kaiserreiches angedeutet hatte. Das Schlüsselwort lautete Parlamentarisierung. Die Folge war die Aufgabe strikter Gewaltenteilung. Budgetrecht und Ministerkontrolle kamen ans Parlament, wurden aber durch das Recht auf Notstandsgesetze durch den vom Volk gewählten Präsidenten weitgehend ausgehebelt. Da der Präsident auch den Kanzler bestimmte, hatte sich scheinbar nicht wirklich etwas geändert. Doch: Die Macht hatte sich zum Parlament und damit zu den Parteien verschoben, denn die mußten die vom Kanzler bestimmten Minister bestätigen (§ 54). Die Systemparteien feierten das als Fortschritt, als Verwestlichung, als Hinwendung zur Moderne, wobei es ein Rückschritt war, da die strikte Gewaltenteilung, wie sie Bismarcks Verfassung paraphiert hatte, ausgehoben wurde und einen Staat schuf, der keine stabile Regierung erzeugen konnte. Stabilität aber ist der Anfang für Kontinuität und gesellschaftlichen Fortschritt.

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[1] „Jetzt [seit Verabschiedung der Verfassung der Weimarer Republik am 11. August 1919] bestand die wesentliche Änderung im Vergleich zu früher [Kaiserzeit] darin, daß die Ausübung der Macht von dem Inhaber des Thrones auf das Parlament, den Reichstag, also auf einige hundert Abgeordnete, überging. Ihre Mehrheit sollte entscheiden und die jeweiligen Regierungen stellen. Also herrschten in Wahrheit die Parteien. Sie jedoch waren im Grunde gar nichts anderes als - mit neuem Namen - die Interessengruppen der Vorkriegszeit, die von jetzt ab den gewohnten Kampf um Geltung und Vergrößerung ihres Einflusses ohne jede Bindung nach oben in verstärktem Maße weiterführten. Wo aber blieb der Staat? Wer vertrat das Wohl und Wehe des Ganzen?“ (Stieve: Geschichte des deutschen Volkes. S. 448/449.)