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Thema: Verschiedene Zeiten

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post Verschiedene Zeiten

    Das wertvollste an der Zeit, unfaßbare Dimension, ist der ständige Gewinn von Vergangenheit, wachsender Anteil am Schatz der Erfahrung. Niemand kann von Niemandem um seine Erinnerungen - Alzheimer sei vor - betrogen werden. Ein unschätzbarer Vorteil, auch wenn Niemand Niemandem niemals und manchmal auch leider von seinen quälenden Rückblicken befreien kann; von Drogen und zuverlässigen Handfeuerwaffen einmal abgesehen.
    Zeit ist also kostbar, und dennoch sind die Menschen nicht glücklich über den täglich realen Zuwachs, sondern richten, meist ohne vernünftige Schlüsse aus der Vergangenheit zu ziehen, ihre Planungen und Wünsche in eine unwägbare Zukunft. Die wenigsten verstehen ihren wachsenden Reichtum aus der Zeit zu schätzen, klammern sich voller Hoffnung an das Erst-Werden, als ob die Zukunft nur aus goldenen Tellerchen mit goldenen Löffelchen bestehen würde.
    Die flüchtige Schwelle zwischen der Zukunft und der Vergangenheit, zwischen dem absoluten Nichtwissen und dem eingetretenen Sein, ist die Gegenwart, und es macht Hannemann immer wieder viel Freude, besondere Zeugen der unvollkommenen Bemühungen um die Meßbarkeit des Präsens zu sammeln; nämlich gute, alte, mechanische Taschenuhren.
    Seit geraumer Zeit - Zeitspanne in annähernder, nicht exakter Größe gemessen, aber dennoch schon etwas - gibt es nur noch wenige gute Uhren, die ihrer Bestimmung mit mechanischer Treue nachkommen. Im Augenblick - Zeitspanne von geradezu unbestimmbarer Dauer - versuchen Quarz-Atom-Digital-Zeitmeßgeräte genau diesen unbestimmten Augenblick zu messen, manchmal auch zu halten - verweile doch, du bist so schön -, als ob das besonders wichtig wäre. Er, der Augenblick, vergeht, wie alles vergeht, und als ob man jemals den Moment auch nur annähernd genau bestimmen könnte. Umso mehr begeistern Hannemann die Ungenauigkeiten seiner in liebevoller Handarbeit gefertigten Kostbarkeiten, und er läßt sie oft miteinander streiten.
    Es macht verdammt Spaß zu beobachten, wenn ein simpler Junghans, Jahrgang 1912, mit einem ehrwürdigen Vacheron, immerhin sechzig Lenze älter, zwölf Stunden lang Erbsen zählt und sie nie zu einem gemeinsamen Ergebnis kommen, obwohl Zeit, genügend Zeit verstrichen ist mit, im Nachhinein gesehen den selben Gewinn an Geschehenem. Noch eindrucksvoller wird das Resultat, wenn Hannemann all seine dreiunddreißig Kostbarkeiten aufzieht. Da werden dem Kranken die Minuten sehr lang und dem Erfolgreichen die Stunden zu wenig, obwohl sie mit emsigen Ticken in einem Chor singen.
    Hannemann erinnert sich, daß die Tage seiner Kindheit länger waren.

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Verschiedene Zeiten

    Ganz genau! Zeit ist nichts anderes als Erbsen zu zählen, menschliches, unvollkommenes Erbsenzählen. Solange wir diese unsere menschliche Qualität besitzen, die uns von Anbeginn der Evolution mitgegeben wurde, solange werden wir nichts anderes tun als diese zeitlichen Erbsen zu zählen, denn wir sind gebunden an unsere Wahrnehmung von Bewegung im Raum - nichts andres ist Zeit - wir sind gebunden an die Zeit. Sage mir niemand, dass damit die Vergänglichkeit zusammenhinge. Natürlich ist Vergänglichkeit eine logische Konsequenz eines Gebundenseins an die Zeit. Hie?e das überwinden unserer zeitlichen Wahrnehmung vielleicht auch das überwinden dieser Vergänglichkeit? Mag sein. An ihre Stelle träte dann aber schnell eine andere, ebenso logische Konsequenz, weil wir uns in einem anderen Raum-Zeit Kontinuum wiederfänden, das ebenso Gesetzmäßigkeiten des Entstehens und Vergehens unterworfen wäre. Nur würden diese dann nicht mehr mit unserer Zeit gemessen werden können.
    Wenn selbst Hawking an einer Stelle auf eine mögliche Existenz Gottes verweist, dann läge es nun nahe, anzunehmen, dass ein möglicher, existierender Gott keine Zeit hat. Er macht sie aber auch nicht. Das unterschiede uns von ihm, wenn es ihn gäbe. Gott hat keine Zeit, er hat nur einen Anfang und ein Ende, das ist jedoch gewiss.

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Verschiedene Zeiten

    Gott hat, was Er will. Er unterliegt keiner Beschränkung, auch nicht der Physik. Was Er, Sie oder Es ist, bestimmt Er, Sie oder Es allein; auch den Beginn, das Ende oder den Kreis. So wage ich zu denken.

  4. #4
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Verschiedene Zeiten

    Wieso hat Gott einen Anfang und ein Ende?
    Nur weil wir endlich sind, sind wir geneigt dieses anzunehmen.
    Wir sind eben nicht göttlich, noch sein Ebenbild, bestenfalls sein Produkt.
    Zukunft entsteht in jedem Augenblick neu
    und solange es den Augenblick gibt,
    gibt es Zukunft.
    Der Augenblick, als Zeitvorstellung, ist
    eine menschliche Erfindung.
    Augenblicke summiert wären Vergangenheit. Aber dies stimmt nur aus der Sicht des Lebenden.
    Wie wir uns auch winden, wir sind vergänglich, Gott ist es nicht.
    Der Augenblick ist wie der Ausläufer eines Rinnsals, das vom Wolkenbruch gespeist, seinen zufälligen Weg sucht und jeden Moment versiegen kann.
    Gottlob, daß es Wolkenbrüche gibt.

  5. #5
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Verschiedene Zeiten

    Liebe Daphne! Dieser Gedanke des Anfangs und Endes ist primitiv, zwangsläufig. Die Vorstellung, daß immer alles schon gewest und wesen wird, ist einem analytischen Verstand unerträglich, also leugnet er es einfach. So ein Schöpfungsmythos ist sehr bequem. Ein Modell, das man Kindern erzählt, um sie zu beruhigen. Wie die Sache mit dem Storch und der Erde, die eine Kugel sein soll oder dem Märchen von den Guten und den Bösen. Dogmatik.


    Wer will als offener Mensch schon entscheiden können, wer wann gut oder böse ist. Ich nicht.

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