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Thema: Etwas über Bäume

  1. #1
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    Post Etwas über Bäume

    Der Baum des ersten Augenblicks steht und fällt nicht, ist beinahe ewig und wird Jahr für Jahr um einen Ring fester. Er ist verläßlich, erwählt durch Willen, umschlossen im Traum-Reich, jeden Sturm überstehend durch starkes Wünschen, das aus dem entfernten Herzen kommt. Vor Ort steht das Herz, es muß nicht mehr schlagen, den Menschen treiben; er ist nun zu Hause. Würd der Baum das nicht leisten, so gäb es ihn nicht und ein anderes würde diesen Platz in unserem Herzen einnehmen. Der Baum schlägt im Menschen, und der Mensch ist durch die Sicherheit des anderen.
    Aber dabei bleibt es nicht. Lebensumfeld. Baum wie Mensch entwickeln sich, sind nie sie selbst, immer ein weiteres auf dem Wege. Zu dem Bezug nehmend, aus dem Kraft holend - ein weiteres ist gegeben! Pflanzen zu seinen Füßen, in seinem Geäst, Vögel, Eichhörnchen, Katzen, in seinen Wurzel Verstecke, Mäuse, Wurzelsaft und Erdeswärme... Substanz des Baumes. Substanz des Ortes. Immanenz des Gegebenen. Transzendenz des Fernwehs, diesen Ort der Einkehr zu finden. Denn dort ist alles in allem, ist der Bezug zum Drumherum da, wie es unmöglich ist, dieses auszusieben, zu sondern, das andere nicht als Arteigenes zu begreifen, eben durch das Dasein im Jetzt, das doch nur Ewigkeit - oder Beinaheewigkeit - ist.


    Dem einen ist es die knorrige Eiche, dem anderen die weit ausgreifende Buche, dritte fühlen sich von weichen Linden angezogen, vierte trotzen trockenen Birken und die seltenen Sachensucher finden unter lebensverneinenden Krüppelkiefern ihr Absalom.


    Gleichzeitig wächst unter allem Äußeren eine Sehnsucht in ihre Strenge, ihr Alter, ihre Erfahrung, ihre Dauer, gedehnte Hoffnung und bestätigter Lebenswille. Kargheit ist geduldig...

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Etwas über Bäume

    Jedes Jahr erhält die Stadt München aus den Bergen rund um den Achensee den schönsten Weihnachtsbaum, um dem Marienplatz zum Fest den nötigen Glanz zu schenken. Einer Naturschützerin war dieses verschwenderische Treiben schon lange spitzer Dorn im Landschaftsschutzauge. Sie beschloß gegen den Kahlschlag vorzugehen, fuhr an den Achenseee und hielt dem knorrigen Holzknecht, der gerade eine mächtige Tanne auf ihre Eignung prüfte, abertausend Lichter zu tragen, obenstehenden Vortrag.
    Der Knorrige kratzte sich den Tiroler Schädel, replizierte aus der Erfahrung von Jahrhunderten: " A Bam is a Bam!" und fällte die Tanne.

  3. #3
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Etwas über Bäume

    Die Naturschützerin hat die Natur schon längst verlassen. Der Bauer ist noch Bestandteil.


    Oh, ihr Stoiker! Gemäß der Natur leben wollt ihr? Dann grabt zuerst das eigene Grab, denn ihr würdet keinen Tag in ihr aushalten.


    Diese Ebene aber habe ich in meinem Text nicht angeschnitten. Mir geht es eher um eine metaphysische Versenktheit, nicht in ein aufgesetztes Empfindeln.

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Etwas über Bäume

    Lieber Aerolith,


    deine Notiz liest sich mir streng, wenig üppig und aus dem Überfluss schöpfend, Eigenarten die für mich zum Baumwesen dazu gehören. Zum Licht zieht es sie Richtung Himmel, zum Kern mit seinem Wasser Richtung Erde. Vielleicht schreibst du über Bäume im Zengarten eines Asketen?


    Gleichzeitig wächst unter allem Äußeren eine Sehnsucht in ihre Strenge, ihr Alter, ihre Erfahrung, ihre Dauer, gedehnte Hoffnung und bestätigter Lebenswille. Kargheit ist geduldig...



    Lieben Gruß von


    Trist

  5. #5
    Administrator
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    Post AW: Etwas über Bäume

    Das Üppige zählt in der Tat nicht zum Wesentlichen eines Baumes, keines Baumes. Zwar könnte ich zig Baumarten nennen, die sich durch wildwucherndes Geäst...; allerdings ist das bei jedem Pflanzenwuchs der Fall, nicht die Strenge ist es, die Pflanzenwuchs gegenüber tierischem auszeichnet. Aber ist es mir darum gegangen, um Wuchs?
    Für meinen Teil nicht.


    Der zweite Teil Deiner Beobachtung zielt da schon eher auf meine Intention, dieses Verbinden von Himmel und Erde in einem beinahe ewig stehenden und unverrückbaren Leben. Darüber nachzudenken, daß Leben unverrückbar ist, ich denke, das geht gegen so ziemlich alles, was mit der heurigen Ortswechselmanie - die im Kern keine ist! - zusammengedacht werden kann.


    Aber den dritten Gedanken finde ich bislang noch nicht entdeckt. Ist er zu sicher im Geäst versteckt? Eigentlich doch nicht, wie ich beim Nach-Lesen feststelle.

    Nachtrag:

    Da stand er. Prächtig. In den besten Jahren. Majestätisch. Schaute aus. Das war die einzig ihm zukommende Perspektive, und es verbot sich, dies eingebildet zu nennen. Sein Platz war der Thron, um den sich alles andere gruppieren mußte. Er war herausgelöst aus der Einsamkeit, blieb seinem Naturell nach jedoch eine ruhende Erscheinung, unter dessen schützenden Armen jedermann sein geschäftiges Leben in kleinste Körnchen rieselnden Gleichlaufs verwandelt sehen konnte. Unter harter Schale tickte im Dunkeln die Totenuhr der Altvorderen, flossen die kräftigen Säfte ewige Wege, alljährlich um eine Bahn erweitert.
    Da stand also der vollastige Baum seiner Jugend, zu dem Edgar flüchtete, sofern er zweifelte oder ängstlich war, da sich ihm nichts zusammenbinden ließ, da er nichts mehr sehen konnte als verunsicherte Menschen, sich selbst eingeschlossen. So ein Baum rückt und weicht nicht. Die Umgebung rückt und reist nicht, es sind nur die Bewegungen der Zeit, doch die nimmt er wie in einem Gedächtnis auf, zählbar in Furchen und Rinden, Linien, die gleichsam Eingrabungen in ein Gedächtnis sind, das sich entschlüsseln läßt für jene, die hören können, die in der Borke keinen Panzer, sondern eine Faltung des Gedächtnisses sehen. Edgar erinnerte sich eines Sommerregens, den er unter seinem Blätterdach verbrachte, statt ins nahe elterliche Haus zu gehen. Zärtlich berührte er die Rinde seines Beschützers: "Was kannst du schon mit meinen Ängsten anfangen?" sagte er leise und verschämt. Er strich über die harte Kruste und gewann durch die Festigkeit des Baumes die eigene zurück.

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause
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    Post AW: Etwas über Bäume

    Meditation über Bäume



    Die Sprache der Bäume ist leicht zu verstehn,
    ein Windhauch, wenn Äste sich bewegen,
    Zweige halten Gedanken im Vorübergehn,
    Wald mit dir im Zwiegespräch und stummes Regen.


    Fühle den Baum in seinen Gedanken.
    Er zeigt dir das Bild des großen Pflanzenwesens.
    Dein Blick nach oben, die Kronen, sie schwanken.
    Du siehst in das Innere deines Lebens.


    Wenn du ihm jetzt deine Hand legst auf seine Haut,
    dein Leid, deine Liebe willst sagen,
    dein Pulsschlag eins wird mit windbemoosten Rinden,

    dein Auge nun ruhig in sein Innerstes schaut,
    dann seid ihr jetzt eins, aber auch in fernen Tagen
    euer Staub sich wieder vereint in Luft und Winden.

  7. #7
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Etwas über Bäume

    In den Bäumen leben Nymphen, unter ihnen (den Eichen) die Hamadryaden. Das ist ein poetischer Raum. Verwandelte Prinzessinnen, aufgestiegene Kobolde, enteiste Menschen mit einem langen Athem.


    Lieber Uis! Ich wünschte mir das nicht, daß Zweige Gedanken hielten. Aufnehmen, ja. Annehmen, ja. Aber HALTEN? aufhalten, anhalten, enthalten? Enthalten! Im Sinne von aufbewahren. Das ZWIE stört mich auch. Ich weiß, es ist nur die ZWEI, aber selbst die klingt so nach ENTzweiung. Die will ich hier nicht. Im Gegenteil, ich will die EntZWEIung, aber dafür leistet das Wort zu wenig. Also muß ein anderes her.
    Ich weiß auch nicht, ob ein Baum für mich denkt. Er nimmt und nahm auf, bewahrt, enthält und löst in mir Gedanken. Er selbst denkt nicht. In ihm und auf ihm und unter ihm, da denkt's! In meinen Gedanken, die einen Raum finden, in den hinein sie wirken können. Ich seh den Baum, nicht so SEHR personfiziert, eher ehern.


    Mit drei und vier gehe ich mit.

  8. #8
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: Etwas über Bäume

    Meine Faszination für Bäume schwand in den letzten Jahren zugunsten von Bächen. Merkwürdig.

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