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Thema: Fleisch II - ein Märchen für willieh

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post Fleisch II - ein Märchen für willieh

    Ein Schweinchen namens Barbie


    Zwischen alten Eichen, deren Früchtchen so schön nusselig schmeckten, und Pflaumenbäumchen, dessen Obst die Reife von bernsteinfarbenem Honig trug, lebte einst eine süße, kleine rosa Sau.
    Sie war nicht allein auf der großen Weide, auf der noch andere Bäume wie Buche, Pappel und Birke, Kirsche, Apfel und Birne Schatten und köstliche Mahlzeit spendeten. Sie lebte mit Mutter Sau und Vater Eber, Tanten Edelschwein und Onkeln Weidesau, mit Brüderchen und Schwesterchen, mit Vettern Warzenschwein und Basen Pinselsau in einer fröhlich glücklichen Familie und faulenzte sich, wie die anderen auch, durch die schönen Sommertage. Und ab und an sangen alle das alte Schweinelied.
    Es war eine Zeit der ewigen Sauwohligkeit, und das kleine rosa Schweinchen konnte sich nicht vorstellen, daß es noch etwas anderes gäbe auf dieser schönen Welt, als selig im Schlamm zu schmatzen oder mit seinen Spielkameraden im Schweinsgalopp über die Wiese zu tollen. Doch ein höllisch säuisches Schicksal meinte es anders.
    Eines bösen Tages glitt ein mächtiger dunkler Wagen zu der Weide. Es war diese Marke, in der ein Geist der Ekstase wohnt, und der Wagen hielt an. Eine hintere Fensterscheibe glitt lautlos herab, und ein rotgelockter Kinderkopf erschien in dem dämmrigen Viereck. "Schau mal, Mamma, lauter kleine fette Schweinchen. Ich will eines zum Spielen haben!" Unser süßes Säulein hörte das schrille Stimmchen, und neugierig, wie es war, kam es näher an den Zaun heran.
    "Aber Tussi, mit Schweinen kann man nicht spielen. Sie stinken und werden immer fetter, und überhaupt, was sollen wohl die Nachbarn denken!"
    "Ich will aber eins, und mein Schwein wird nicht fett! Ich werde es Barbie nennen und ihm nur mageres Essen geben. Und wenn es stinkt, dann kommt es eben in die Badewanne. Mamma, ich will ein Schwein, und zwar sofort, sonst kriege ich gleich einen epileptischen Anfall, der von meiner ererbten Gehirnstörung stammt und zu Charakterveränderungen und Schwächung meines noch kindlichen Geistes führt. - Sofort!"
    "Um Gottes Willen, bloß keinen epileptischen Anfall, der von deiner ererbten Gehirnstörung stammt und zu Charakterveränderung und Schwächung deines noch kindlichen Geistes führt. Alles, nur das nicht!" Schon hätte man das Trampeln von zornigen Kinderfüßen hören können, wäre nicht der Boden dieses schattenhaften Wagens so gut gepolstert gewesen. "Ist ja schon gut, Liebling. Reg dich nicht auf. Mamma kauft dir ja ein Schwein."
    So kam es, daß Barbie, unsere süße rosa Sau, notdürftig gesäubert in einem Rolls-Royce Silver Shadow ihrer neuen Heimat entgegenfuhr.
    Es war ein riesengroßes Haus mit zweihundertvierundsechzig Zimmern - davon vierundzwanzig Badezimmer -, und Barbie erhielt eines von ihnen nur für sich allein. Gebührend bewunderte die süße Sau alle blitzenden Armaturen, doch bald schon begann eine schreckliche Zeit für sie, denn Tussi verlor schnell alles Interesse an ihrer neuen Gespielin, und das rosa Schweinchen war ihr nur noch lästig.
    Hieß es erst: "Ach, du süßes Schweinchen, ja wo ist denn mein kleines Hoppeltier?", wurde der Ton bald schon rauher. "Wo ist denn diese blöde Sau? Hat schon wieder auf den teuren Teppich gepinkelt!" Oder: "Du frißt wie ein Schwein, und deine Pfotennägel gehören auch mal wieder geschnitten!" Und dann noch ganz schlimm: "Barbie, hör sofort auf zu grunzen, sonst gehst du in dein Badezimmer und stellst dich in die Ecke!"
    Barbie wäre bestimmt furchtbar verkommen und an ihren Tränen erstickt, wäre da nicht der Herr des Hauses gewesen, ein freundlicher Mann mit dem Namen Jean-Pierre, der sie mit einer eigenartigen Zuneigung behandelte. So gewöhnte sie sich bald an, Jot-Pi, wie sie ihn heimlich nannte, wann immer es ging - und es ging sehr oft -, über den Weg zu laufen. Sie bemühte sich redlich, seinen Weisungen und Ratschlägen zu folgen.
    Jot-Pi bemerkte: "Mein kleines Schweinchen, du hast so hübsche blonde Borsten. Laß sie doch wachsen, das würde viel besser zu deinem zarten Antlitz passen!" Und Barbie ließ ihre Borsten sprießen, wusch sie mit wunderkräftigen Kräuterschampoo und bürstete sie so lange, bis sie in seidigen Wellen über ihre nackten Schultern flossen.
    Ein anderes Mal sagte Jot-Pi: "Schau her, mein rosa Säulein, ich habe dir leckeres Schokoladenkonfekt mitgebracht. Iß es auf, und du wirst ein wunderschönes Marzipanschwein sein!" Und Barbie fraß Pralinen, bis ihre Haut glatt war und den Glanz von rosa Perlen annahm.
    Manchmal nahm Jot-Pi Barbie auch mit in sein Schlafzimmer und ließ das süße Schweinchen mit dem Schminktäschchen seiner Frau spielen. Er lag dabei auf seinem Bett und sah zu, wie es sich volle Lippen malte, die Augenbrauen zart betonte, Rouge auf die prächtigen Wangen legte und sich neckisch ein bißchen Chanel No 5 unter die Achseln tupfte.
    Eines schwülen Tages gab er ihr auch die schwarze Reizwäsche seiner Frau zu probieren, und als Barbie die feinen Spitzen auf ihrer Haut spürte, hielt sie es nicht länger, sie sprang in sein Bett und kam ganz zufällig auf seinem Bauch zu liegen. Beide waren sehr erschrocken, doch Rosabarbie faßte sich, sah Jot-Pi ganz tief in die gütigen Augen und flüsterte: "Oink?"
    Jot-Pi lief puterrot an und stotterte verlegen: "Nicht, ni, ni, nicht doch, Barbie! Da, da, das sollst du doch nicht!"
    Aber als seine Barbie dann noch ein bißchen auf seinem Bauch herumschwabbelte, da stammelte er nur noch verzückt: "Oh, ooh, oh nein, oh oh oh jaah, Barbie, jaaah!"
    Barbie teilte seine Begeisterung: "Oink, oinkh, ooinkh, oooinkhh..."
    In diesem Moment - völlig unerwartet, denn sie hatte dies seit Jahren nicht getan - betrat sein Weib das Gemacht. Sie sah, sie schluckte, sie schlug die Hände vors Gesicht und schrie dannn mit kreischender Stimme: "Jean-Pierre, was macht diese Sau in deinem Bett?"
    Jot-Pi, erst rot, dann kalkweiß im Gesicht, würgte verzweifelt an seiner Antwort: "Liebling, es ist bestimmt nicht so wie es aussieht. Es ist alles ganz anders!" Mit einem Ruck warf er Barbie aus seinen Laken, stürzte in das nächste Badezimmer, eines der restlichen dreiundzwanzig, wo er bald einen Anfall erlitt und an ererbtem Samenstau starb.
    Die süße, unschuldige Barbie aber wurde sofort auf die Straße geworfen. Verdutzt schüttelte sie den blonden Lockenkopf, dachte kurz nach, begann dann unbändig zu lachen und nahm den Weg zurück zu den heimischen Weiden unter ihre pedikürten Hufe.
    Bald schon hörte man sie ganz vergnügt das alte Schweinelied singen:


    "Es ist so, genau. Ich bin eine Sau"
    Ihr wußtet doch, was ihr bekommt,
    Daß euer Leben mir nicht frommt.
    Ihr wolltet doch nur, daß ich mich recke,
    Mich nach eurer Decke strecke,
    Mich aus meinem Mist erhebe,
    Nur nach eurer Pfeife lebe.
    Jetzt steht ihr da mit eurem Dreck,
    Und ihr allein, ihr putzt ihn weg.
    Ihr wart doch so schlau,
    Jetzt wißt ihr genau,
    Ich bleib' eine Sau.
    Tirili, tirilau!"

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Fleisch II - ein Märchen für willieh

    Mehr davon!!!!!!!!!!!!


    Kyra

  3. #3
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Fleisch II - ein Märchen für willieh

    Da wird sich willieh freuen, daß sie Dich, Hannemännle, zu dieser schnurzlig-skurril-butterweichen Geschichte hat inspirieren können.


    Ich wußte immer, daß diese Frau für irgend etwas gutsein muß!

  4. #4
    Mutter des Hauses
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    AW: Fleisch II - ein Märchen für willieh

    Hannemann, was machst du da?? Ich weiß ja gar nicht, was ich zuerst denken soll: Nüsschen knabbern beim Picknick im Eichenwäldchen, dort, wo viel Platz unter den Bäumen ist, Schweinschwärtchen rösten und die Borsten auszupfen, rosa Marzipanschweinchen kneten mit Erdbeerschnäuzchen, Schokoladenfigürchen im Badezimmer auslegen oder doch lieber ein Körbchen mit Pflaumen aus China nebens Bettchen stellen?? Was mach ich bloß - nichts will es richtig treffen?!

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