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Thema: Menschen im Park (Ein Wawa-Kapitel)

  1. #1
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    Post Menschen im Park (Ein Wawa-Kapitel)

    Menschen im Park


    Wawa und ihre Freundin Angela saßen in ihrem Lieblingsbaum, einer alten Kastanie, deren unterster Ast eben tief genug war, um mit Hilfe der darüber geworfenen Hundeleine hochklettern zu können. Von da an war der Aufstieg bis zu den beiden bequemen Astgabeln leicht, von denen sie die Isaranlagen bis zur Kennedy-Brücke überblicken konnten. Es war schwül, aber das leise Donnern schien sich nicht zu nähern. Die wenigen Spaziergänger führten meist ihre Hunde aus. Im dichten Laub versteckt hätte keiner die beiden Mädchen gesehen, wäre nicht Wawas Hund winselnd um den Baumstamm gelaufen.
    Wawa kannte die meisten Hunde und ihre Besitzer. Den kleinen älteren Herrn mit der Dogge, die träge hinter ihm her schritt, Pit den Boxer der von der kettenrauchenden Haushälterin spazieren geführt wurde und natürlich Tasso, den Setter, der jetzt über die Wiese getollt kam. Tasso gehörte einer Frau, die nach Wawas Meinung haargenau wie Vera Brühne aussah. Wawa rätselte oft, ob sie nicht tatsächlich die Mörderin war, nur war die Brühne ja angeblich im Gefängnis. Aber konnte es noch jemanden geben, der exakt so aussah? Wawa und Angela besprachen dieses Problem jedes mal wenn sie "die Brühne" sehr aufrecht, mit viel zu hoch erhobenem Kopf durch den Park marschieren sahen.
    Heute meinte Wawa zu Angela,
    "Meine Mutter hat mir erzählt, dass ganz viele Mörder frei herumlaufen. Keiner weiß das, aber es stimmt"
    Angela zupfte nachdenklich den Spliss von ihren Haarspitzen,
    "Aber die Brühne ist doch verurteilt, sie kann doch nicht gleichzeitig hier und im Gefängnis sein"
    Wawa angelte sich ein Kastanienblatt, um sich die Nase zu putzen, bevor sie ungeduldig antwortete,
    "Im Gefängnis sitzt die Falsche, dass hier ist die wirkliche Mörderin. Du brauchst doch nur zu sehen, wie sie geht. So geht kein normaler Mensch. Einem normalen Menschen würde der Kopf abbrechen, wenn er ihn immer so weit nach hinten biegen würde. Ich weiß auch genau, warum sie das macht, damit ihr keiner in die Augen sehen kann"
    Angela beobachtete jetzt auch die Brühne, dabei kniff sie die Augen zusammen, um besser sehen zu können.
    Wawa warf lachend ein Stückchen Rinde nach ihr,
    "Du kannst doch sowieso nichts sehen ohne Brille. Aber es ist so, wenn man einen Menschen tötet, bleibt das Bild von dem Toten in den Augen des Mörders eingebrannt. Das bekommst du nie wieder weg. Man kann einen Mörder immer an seinen Augen erkennen. Darum hält sie den Kopf so komisch. Meine Mutter hat das in einem Buch gelesen, das stimmt wirklich."
    Wawa rutschte unruhig auf ihrem Ast herum, damit sie die Brühne nicht aus den Augen verlor. Wieder hatte sie vergessen, das alte Opernglas ihrer Großmutter mitzunehmen. Oft stellte sie sich vor, wie sie durch das Fernglas die schmerzverzerrten Gesichter der Toten in den Augen der Frau entdecken würde. Dann würde sie warten, bis sie mit Tasso unter dem Baum vorbeiging, auf dem Wawa jetzt saß. Natürlich hätte Wawa dann nicht ihren dummen Hund dabei, der sie jetzt verriet. Nur Angela sollte dabei sein, damit jemand zusah, wenn sie furchtlos der Frau vor die Füße springen und laut rufen würde,
    "Sie sind die Mörderin, ich habe ihre Augen gesehen! Kommen sie besser freiwillig mit zur Polizei. Ich weiß alles über sie."
    Eigentlich traute Wawa sich nicht, von ihrem hohen Ast herunter zu springen, aber die Vorstellung, den Stamm wie ein ungelenker Bär herunterzurutschen, war längst nicht so schön.
    Langsam wurde es langweilig auf dem Baum, die Brühne war zwischen den Bäumen der Allee verschwunden, nur der Mann mit der Dogge umrundete wie immer sehr langsam die große Wiese. Während Wawa sich schon an den Abstieg machte, rief sie zu Angela,
    "Lass uns zur Isar runter gehen, hier ist ja nichts los"
    Nachdem die beiden Mädchen den steilen Abhang zum Uferweg herunterschliddert waren und den holprigen Pfad entlanggingen, fragte Angela beiläufig,
    "Hast du eigentlich genau mitbekommen, was mit der Mutter von Kurt passiert ist? Moni hat mir erzählt, dass Till ihr gesagt hat, die Mutter von Kurt wäre abends im Englischen Garten einem komischen Mann begegnet. Erst dachte sie, er sei ein Standbild, so still stand er da."
    Wawa, die vorausging, blieb so abrupt stehen, dass Angela in sie hineinlief und sagte,
    "Ich bin in der Pause hinter Kurt und Till hergegangen, aber ich konnte nicht genau verstehen, was sie geredet haben. Kurt hat gesagt, dass der Mann sich ganz plötzlich bewegt hat und seiner Mutter mit ganz tiefer Stimme befohlen hat, die Schuhe auszuziehen."
    Angela schauderte,
    "Das ist irre unheimlich. Stell dir vor, jemand steht ganz still da und beobachtet dich. Ganz, ganz still. Und du gehst direkt auf ihn zu und merkst es nicht."
    Wawa war weniger beeindruckt und schwenkte vom Pfad ins Unterholz
    "Komm wir gehen hier ans Ufer"
    Wawa zog Angela an der Hand durch den Schilfstreifen zum Wasser. Hier setzten sie sich eng nebeneinander auf die Kieselsteine und beobachteten eine Weile die Soldaten, die ein Stück flussabwärts ein Drahtseil über die Isar gespannt hatten und sich nun in Schlauchbooten daran entlang hangelten. Zwei Soldaten hielten sich am Seil fest, damit das Boot nicht abgetrieben wurde, drei andere ruderten. Dazwischen wurden Kommandos gebrüllt, die trotz der Lautstärke weder Wawa noch Angela verstehen konnten. Am anderen Ufer stand ein Soldat, der seine Befehle in ein Megaphon schrie.
    Nachdenklich wandte sich Angela an Wawa,
    "Warum sollte Kurts Mutter die Schuhe ausziehen, das verstehe ich nicht"
    Wawa drehte sich mit wissendem Blick zu ihr,
    "Der Mann wollte bestimmt sein Ding in sie reinstecken, du weißt schon, um Kinder zu machen"
    Verständnislos sah Angela sie an,
    "Warum wollte denn der fremde Mann Kinder von Kurts Mutter? Der kannte sie doch gar nicht. Außerdem hat sie ja schon zwei Kinder"
    Wawa schnaubte unwirsch,
    "Du verstehst das nicht. Männer warten in der Dunkelheit in den Parks auf Frauen, das weiß doch jedes Kind. Dann müssen die Frauen sich ausziehen. Die Männer stecken ihr Ding dann nur zum Spaß in die Frauen rein. Es ist ihnen einfach egal, ob sie der Frau ein Kind machen."
    Angela sah sie ungläubig an,
    "Machen das viele Männer?"
    "Nicht sehr viele, aber doch eine ganze Menge, darum sollen Frauen wenn es dunkel wird auch nicht in den Park"
    Wawa stand auf, um flache Kiesel zu suchen. Als sie eine Handvoll zusammen hatte, gab sie Angela die Hälfte und meinte,
    "Du fängst an, wir zählen alle Sprünge zusammen, wer die meisten hat, ist Sieger"
    Während Wawa und Angela die Steine über das Wasser springen ließen, hatten sie nicht bemerkt, dass ein Mann wenige Meter von ihnen ebenfalls ans Ufer getreten war und ihnen ruhig zusah.
    Als Wawa zu einem besonders weiten Wurf ausholte, sah sie ihn. Ohne sich etwas anmerken zu lassen, schleuderte sie den Stein über die Wasseroberfläche. Dabei flüsterte sie zu Angela,
    "Da drüben steht M, schau jetzt nicht hin."
    Unwillkürlich drehte Angela mit einem leisen Schreckenslaut den Kopf.
    Da stand er wirklich, nur wenige Schritte von ihnen entfernt und beobachtete sie. Wie immer trug er seinen alten, grauen Anzug. Die Knie der Hosen waren ausgebeult und die Jackentaschen mit irgendwelchen schweren Dingen so voll gestopft, dass das Jackett vorne tief herabhing. Gelassen erwiderte er Angelas Blick, bückte sich und warf ebenfalls einen flachen Stein ins Wasser, der allerdings nach einem kleinen Sprung unterging. Der Mann stand zwischen dem Soldatentrupp und den beiden Mädchen. Wawa beobachtete ihn aufmerksam aus den Augenwinkeln, während sie sich langsam ein Stück von ihm weg bewegte, wobei sie weiter Steine über das Wasser flitschte. Angela war in ihrem Schreck schon ein einige Meter vorgelaufen. Wawa und Angela kannten diesen Mann schon lange, sie nannten ihn M. Die beiden hatten sich geschworen, keinem Menschen etwas von ihm zu erzählen, weil sie befürchteten, sonst nicht mehr alleine an der Isar spielen zu dürfen. M war groß und mager. Er ging so gebückt, als hätte er Angst sich den Kopf an etwas zu stoßen. Er sah immer so aus, als würde er grade durch eine zu niedrige Tür gehen. Während Wawa sich jetzt auch schneller von M wegbewegte, bemerke sie wie reglos er dastand, die blassen, langen Hände hingen locker herab, der Schlitz der Hose war geöffnet. Wawa sah einen Zipfel seines weißen Hemdes herausragen. Dies war nicht ungewöhnlich, meist war seine Hose entweder geöffnet oder vorne nass. Alleine heute verunsicherte Wawa sein Gesichtsausdruck, er lächelte und zeigte dabei kleine, etwas gelblichen Zähne und viel Zahnfleisch. Sonst war er immer ernst, noch nie hatte sie ihn lächeln sehen. Wawas kleiner Hund war nirgends zu sehen, er entfernte sich häufig unbemerkt und kam erst am Abend zurück. Mit etwas kläglicher Stimme rief Wawa nach ihm, aber er blieb verschwunden. Fieberhaft überlegte Wawa, wie sie und Angela an M vorbeikommen und in Richtung der Soldaten rennen könnten. Schließlich fiel ihr etwas ein. Sie flüsterte zu Angela,
    "Ich weiß, was wir machen, damit rechnet M bestimmt nicht. Hör zu, wir tun so als würden wir Fangen spielen. Erst laufen wir hin und her, dann renne ich direkt auf ihn zu. Ich laufe links von M am Ufer entlang und schreie laut, dann wird er sich zu mir umdrehen. Du biegst rechts zum Weg ab und läufst dann zu den Soldaten. Wenn ich sehe, dass du weg bist, laufe ich auch auf den Weg. Wir treffen uns da. Bevor ich loslaufe, fasse ich mir mit dem Finger auf die Nase. Das ist das Zeichen."
    So ungezwungen sie konnten, begannen sie sich zu jagen, zu fangen, klatschten einander ab und versuchten nicht zu M hinzusehen.
    Als sie beide in der Nähe von M waren, fasste Wawa sich schnell an die Nase und stürmte direkt auf M zu. Mit ihrem lauten Kreischen hoffte sie auch noch die Aufmerksamkeit der Soldaten zu erregen. Der Trick funktionierte tatsächlich. M drehte sich zu Wawa und streckte beide Arme nach ihr aus. Aber er war nicht schnell genug, er fasste ins Leere, während Wawa weiter rannte, einen scharfen Schwenk machte und zum Uferweg lief. Sie hatte völlig vergessen darauf zu achten, ob Angela sich auch in Sicherheit bringen konnte. So war sie sehr erleichtert, Angela auf dem Pfad zu treffen. Nebeneinader liefen sie bis zu den Soldaten. Außer Atem und mit Seitenstichen ließen sie sich dort ins Gras fallen. Wawa konnte als erste wieder sprechen, "Hast du gesehen, wie er versucht hat mich zu fangen? Seine Hände waren nur so ein Stück von mir weg"
    Sie zeigte mit Daumen und Zeigefinger den winzigen Abstand,
    "Ich habe seine Hände genau gesehen, seine Finger sind vorne ganz breit und flach. Und seine Nägel sind so lang wie bei einer Frau, nur schmutziger"
    Angela lag auf dem Rücken während sie Wawa zuhörte, plötzlich fing sie an zu lachen,
    "Du bist gut, schau mal in den Spiegel. Deine Nase ist ganz schwarz. Zeig mal Deine Hände"
    Beide sahen lachend auf Wawas schwarze Finger und im nächsten Augenblick stürzte Wawa sich auf Angela und versuchte ihr auch einen schwarzen Fleck auf die Nase zu machen.


    Viel später, als Wawa müde im Bett lag, den Hund neben ihrem Bett, hörte sie die Soldaten am Isarufer singen. Unerwartet wurde das Lied unterbrochen und Wawa hörte kurz die verzweifelten Hilferufe einer Frau, dann sangen die Soldaten noch lauter als zuvor.
    Wawa schlief ein.

  2. #2
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    AW: Menschen im Park (Ein Wawa-Kapitel)

    Hallo Kyra, es ist sehr schön, Dich wieder zu lesen. Dein genaues Beobachten, die Gedanken die nur Kinder spinnen können. Aber einmal ehrlich und vielleicht bin ich auch ein bißchen der Literatur entwöhnt, wird es nicht langsam etwas viel Wawa... ein Übermaß des "guten Kindes" ohne absehbares Steuern auf ein Ende?

    Ich grüße Dich unter der Kennedy-Brücke, doch hieß die damals schon so?

    Hannemann

  3. #3
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    AW: Menschen im Park (Ein Wawa-Kapitel)

    Hallo Hanneman




    irgendwie habe ich da etwas buchartiges im Kopf. Dafür brauche ich noch viel Wawa



    die brücke hieß damals schon so...


    Liebe Grüße


    Kyra

  4. #4
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Menschen im Park (Ein Wawa-Kapitel)

    Du hast etwas Buchartiges im Kopf? Könntest Du das einem, der Buecher um sich hat, dies mal genauer erklären?




    Wawa und ihre Freundin Angela saßen in ihrem
    ein IHR zuviel.
    Lieblingsbaum, einer alten Kastanie, deren unterster
    Das ist meiner Meinung nach eine Gretchenfrage des guten Stils: Läßt sich UNTEN steigern? Unten, am unteren, am untersten? Ich würde meinen, nein. Es gibt ein oben und ein unten, aber doch wohl kein oberers im gesteigerten (komparativen) Sinne.
    Ast eben tief genug war, um mit Hilfe der darüber geworfenen Hundeleine hochklettern zu können. Von da an war der Aufstieg bis zu den beiden bequemen Astgabeln leicht
    Du formulierst das so, als ob dieses Drüberwerfen nicht leicht gehen würde, mithin das Dannhochklettern. Wenn dem so ist, dann solltest Du das nochmals nennen, einen Satz dazu schreiben, wie schwer es eben war, mit Hilfe der Wurfleine zu klettern.
    von denen sie die Isaranlagen bis zur Kennedy-Brücke überblicken konnten.
    Absatz
    Es war schwül, aber das leise Donnern schien sich nicht zu nähern. Die wenigen Spaziergänger führten meist
    unklarer Bezug; sind die Spaziergänger jetzt Thema?= Nein. Wohl kaum. Wenn sie als Motiv gelten sollen...

  5. #5
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    AW: Menschen im Park (Ein Wawa-Kapitel)

    Hallo Robert

    Was ich damit sagen wollte, ich sammle Material um daraus entweder eine Sammlung von Geschichten zu machen die eine Entwicklung zeigen, oder, besser, einen Roman, d.h. einen Text der einen dramarturgischen Aufbau hat. Davon bin ich noch weit entfernt, das weiß ich...
    Um nicht weiter die Forumsbesucher mit den Wawa Texten zu nerven, werde ich sie jetzt immer als "Wawa Kapitel" bezeichnen. Dann kann jeder sofort sehen ob er das lesen will, oder, wenn ihm Wawa zum Halse heraushängt, einfach drüberwegsehen.
    In diesem Text wollte ich vor allem mal (Kinder)Dialoge üben.
    Mit unterster hast Du recht !! Den Bezug zu den Parkspaziergängern werde ich verdeutlichen, oder davon trennen.
    Frage:
    soll ich die nachgearbeitete Fassung wieder ins Forum stellen, oder nervt das alle?
    Frage 2
    muss ich in diesem Fall "die Brühne" immer in "" stellen, oder reicht das einmal?
    Es sieht so merkwürdig aus wen so viele Gänsefüßchen da stehen..

    Danke für Deine Mühe + liebe Grüße

    Kyra

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Menschen im Park (Ein Wawa-Kapitel)

    Liebe Kyra,


    behalte doch das "Unterste", wenn es dir gefällt. Hier habe ich ein paar schnell zusammengesuchte Belegstellen für den Superlativ "unterste", der, ungeschickt oder nicht, durchaus seine Daseinsberechtigung hat:


    Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. [Kafka: Vor dem Gesetz]


    Nun haben wir's an einem andern Zipfel,
    Was ehmals Grund war, ist nun Gipfel.
    Sie gründen auch hierauf die rechten Lehren,
    Das Unterste ins Oberste zu kehren. [Goethe: Faust II. Teil]


    Geh hinab in das unterste Gewölb meines Hauses.
    Winsle, heule, lähme die Zeit mit deinem Gram. [Schiller: Die Verschwörung des Fiesko zu Genua, 12. Auftritt]


    Aristoteles spricht beim Raum nur vom Oben und Unten - nicht von den drei Dimensionen - in Beziehung auf den Himmel als das Enthaltende und die Erde als das Unterste.
    [Hegel: Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie (Hegel-W Bd. 19, S. 184)]


    [...]die Empirie, obwohl er sie nur zu dem mittleren, ja untersten Stockwerk in dem Gebäude der Wissenschaften macht,...
    [Feuerbach: Geschichte der neuern Philosophie, S. 44.]


    "Daß aus dem Unorganischen die untersten Pflanzen, aus den faulenden Resten dieser die untersten Tiere und aus diesen stufenweise die oberen entstanden sind, ist der einzige mögliche Gedanke" [Schopenhauer:Neue Paralipom. ? 185)].


    Gruß, Klammer


    [Diese Nachricht wurde von Klammer am 18. Mai 2001 editiert.]
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  7. #7
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    AW: Menschen im Park (Ein Wawa-Kapitel)

    Klammer, das sind doch mal ein paar konstruktive Diskussionsanfänge. Danke.
    Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. (Kafka)
    Die Frage ist hier, ob es sich bei Kafka um eine Einteilung im streng genommen räumlichen oder hierarchischen Sinne handelt. Im Räumlichen gibt es nur ein unten und ein oben, bei Hierarchien müßten wir wohl etwas genauer sein, denn eine Struktur verträgt Mehrdimensionalität. Aber halt! Hat der Raum nicht drei Ebenen, eine Oben-Unten-Betrachtung aber nicht nur zwei? Wenn wir bei der Zwei bleiben, so gibt es keine Steigerungsmöglichkeit, denn eine Dichotomie, nein, keine, aber eine Antonymie verträgt Steigerungen nicht. Also kann gerade-ungerade nicht gesteigert werden, wenn wir's als GegensatzPAAR begreifen, rund-eckig dito, aber es kann etwas runder sein ohne rund zu sein. Ich bitte Dich, Klammer, wie wollen wir das Pferd jetzt aufzäumen?
    Bei den Wächtern gibt es eine Hierarchie, die die Räumlichkeit im Herkömmlichen sprengt, es ist eine Metaebene vorhanden, ein Ausgreifen aus einer quasi göttlichen Weltordnung, die immer noch dafür sorgt, daß ein Wächter seinen Segen von Oben bekommt, von GANZ OBEN, vom Oberst. Naja, hat jetzt nichts mit dem zu tun, der die Sahne steif schlägt. Haben wir uns verstanden?

    Die einfachere Erklärung allerdings ist die, daß Kafka MEHR als zwei Wächterebenen denkt und die unzulässige Steigerung von UNTEN schlichtweg eine numerische ist, also sagen wir, es gibt fünf oder sechs Ebenen, dann müßte die korrekte Bezeichnung untere, voruntere, vorvoruntere... lauten. Aber so sagt das keiner, ergo schleicht sich hier eine sprachliche Ungenauigkeit ein, die Umgangssprache geschuldet ist.

  8. #8
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    AW: Menschen im Park (Ein Wawa-Kapitel)

    Nö, nix verstehen. Wenn ein Ast tiefer wächst als ein anderer, am tiefsten, ist es dann nicht der unterste?

  9. #9
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    AW: Menschen im Park (Ein Wawa-Kapitel)

    Hallo Hannemann,

    also ich verstehe das mit den Ästen so, hätte ich von mehreren tiefen Ästen gesprochen, hätte es davon auch einen untersten geben können. Da aber davon nicht die Rede war, ist der untere zugleich der unterste..... denke ich, oder ???
    @ Klammer

    danke ich freu mich immer an solchen Spitzfindigkeiten
    @ Robert
    Du hast recht, man sollte sich über jedes Wort gedanken machen !


    Viele Grüße

    Kyra

  10. #10
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    AW: Menschen im Park (Ein Wawa-Kapitel)

    Schiller hat eben auch seine Jugendsünden, doch wohlwollend, wie ich ihm gegenüber bin, behaupte ich schlichtweg, seine Schnitzer sind Entgegenkommen gegenüber dem Publikumsgeschmack, als ästhetische Varianzen. . Bei Goethe ist es eindeutig aufs Wissenschaftliche zu beziehen, also nicht auf eine räumliche, sondern eine hierarische Ebene. Will man oben-unten benutzen, so darf man das wohl nicht mit hoch-tief verwechseln. Das nämlich läßt sich steigern. Entweder ist man oben oder unten oder in der Mitte, aber weiter oben heißt nicht, daß ganz oben mit oberst gleichzusetzen wäre. Dieses Wort halte ich für unsinnig, will's als Komparativ herhalten, ein am obersten ist grottig.
    Wie aus Deinem Aristoteles-Zitat ersehe, hat der Gute das ähnlich gesehen. Schopenhauer war nie ein guter Stilist - man lese nur sein Kauderwelsch mit -zig Nebensatzkonstruktionen, das hält kein Schwein lange durch und ist immer ein Zeichen verdrängter Sprachgewalt -, Feuerbach nicht umsonst nur oberflächlich zu nennen. Bei Kafka ist es eindeutig eine hierarische Konnotation, keine räumliche. Es geht auch um Verhältnismäßigkeit. Manche Wörter vertragen Gradationen, andere nicht, da sie Abstrakta sind und schon per se einen Superlativ ausdrücken: tot, schwanger, rund, unten, oben, null, eben, männlich, weiblich... Dagegen gibt es zahlreiche Wörter, die sich durchaus steigern lassen: hoch, tief, eckig, weit, klug...

  11. #11
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Menschen im Park (Ein Wawa-Kapitel)

    Du machst es dir aber ein wenig einfach. Was nicht sein darf, das kann auch nicht sein, oder? Schiller, Feuerbach, Schopenhauer passen nicht in meinen Kram, also weg mit ihnen.
    Einen hierarchischen "Untersten" darf es also, so der Tenor, geben, einen topografischen untersten Ort aber nicht.(Ob Mephisto an der zitierten Stelle hierarchisch denkt und nicht topografisch, wage ich in Zweifel zu ziehen.)


    Jetzt stehe ich also gerade im dritten Stock eines Hauses am Fenster und sehe hinunter. Im 1. Stock, also unzweifelhaft da unten, lehnt sich wieder diese hübsche Frau hinaus. Verdammt, im Erdgeschoß kommt gerade ihr Mann zur Tür heraus und sieht nach oben. Er ist von mir gesehen noch tiefer drunten als diese wirklich attraktive Frau (und das meine ich wörtlich). Er ist von uns dreien der Unterste und er verlässt das Gebäude aus dem untersten Stockwerk. Für ihn bin ich der Oberste, der aus dem Fenster sieht.


    Ob das alles allerdings etwas mit Wawa zu tun hat, will ich bezweifeln.


    Klammer
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  12. #12
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    AW: Menschen im Park (Ein Wawa-Kapitel)

    Ich glaube, unser Problem liegt darin, daß unten aus einer Präposition entstanden ist, heute Adverbcharakter trägt, oben aber stets Adverb war. Hoch und tief sind Adverbien, also steigerbar. Präpositionen sind nicht steigerbar. Und da haben wir ein Problem, weil doch OBEN und UNTEN dem Sinne nach sich ergänzen. Abgesehen davon ist UNTEN eben sozusagen ein Nullpunkt, das solltest Du als Mathematiker doch verstehen. Um bei Deinem Beispiel zu bleiben, würde ein WEITER vieles erleichtern.

    Daraus abgeleitet haben Kafka und Schiller unrecht, wenn sie's steigern. Entschuldigend will ich hier in ihrem Sinne geltend machen, daß sie nicht RÄUMLICH, sondern metaräumlich dachten. Zumindest Kafka. Schiller hat in seinen Jugenddramen mehrere solcher Schnitzer drauf. Goethe hat ihn nicht abgelehnt, weil Schiller schwäbelte, sondern weil er sich die Sprache eigenhändig (gewaltsam) schuf, Goethe selbst aber größten Wert auf den natürlichen Gang der Dinge legte. In seiner Mephisto-Sentenz ist in der doppelbödigen Botschaft der Wortakrobaten auch die Kritik an den Allesverdrehern angezeigt. Es reicht das Untere für die Akrobaten eben nicht mehr aus, sie müssen es steigern. Eigentlich ist aber am Grunde nichts mehr zu steigern. Leuchtet das nicht ein? Entweder ist etwas unten oder eben nicht. Fürs Räumliche müssen Ersatzformen mit WEITER oder GANZ gefunden werden, aber das Wort selbst KANN nicht gesteigert/gradiert werden.

    Das Gleichnis mit den Etagen ist ein klarer Fall von HÖHER und TIEFER, nichts anderes. Sagen wir weiter unten; darum existiert diese Formulierung.

    Nächstes (unsinniges) Beispiel: Vorn. Vorner, am vornsten.


    Spitze ist Spitze, es gibt keine breite Spitze; es gibt nur einen, der es sein kann, andere folgen. Schimmel ist weiß und Tote sind tod; schwanger ist man, oder man ist es nicht (Männer sowieso nicht), ein Ball ist rund oder eben nicht, bei einem Buch sind alle Seiten da oder es fehlt etwas...

  13. #13
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Menschen im Park (Ein Wawa-Kapitel)

    Kyras Text ist bei aller Liebenswürdigkeit und allem Potential hier nicht weiter der Rede wert. Werter sind mir hier die Spitzfindigkeiten, die zwar kein Ziel sind, aber Methode, genaues Denken schulen- das wiederum selbst nur Mittel sein kann, nicht Zweck. Zweck ist Schreiben.
    Und es geht niemals darum, recht zu behalten. Nichts ist langweiliger. Die Übung ist alles.

    Ich glaube, in unsere Sprache schleichen sich oft Soloezismen ein,

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