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Thema: Sterben

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
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    Post Sterben

    Sterben


    Gespenstisch windet sich die Erkenntnis
    ins Gehirn.
    Es ist der Nimbus des Vergangenen,
    der gefangen bleibt
    in der unförmigen Gelatinemasse,
    geschützt durch hohle Knochengewölbe.
    Die stierenden Augen starren
    bewegungslos auf das Urteil,
    genannt Zukunft,
    die nichts anderes verheißt,
    als das Verlieren
    der Gegenwart.
    Die Undurchdringlichkeit der Zeit
    sucht uns heim,
    vergißt, daß alle Veränderung
    in der Ursache verschmilzt.
    Es sind die Wagnisse,
    vor allem die vermeintlichen,
    die wie Stolpersteine den Weg säumen.
    Wir kreischen, ohne gehört zu werden,
    verfallen in die Demut
    der gefalteten Hände
    und wissen doch,
    daß am Ende
    die Ungewißheit bleibt.

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
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    Question AW: Sterben

    ....Die Undurchdringlichkeit der Zeit sucht uns heim, vergißt, daß alle Veränderung in der Ursache verschmilzt. Es sind die Wagnisse, vor allem die vermeintlichen, die wie Stolpersteine den Weg säumen. Wir kreischen, ohne gehört zu werden, verfallen in die Demut der gefalteten Hände und wissen doch, daß am Ende die Ungewißheit bleibt.

    ?

    it



    [Diese Nachricht wurde von it am 03. Mai 2001 editiert.]

  3. #3
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Sterben

    Lieber Hagen!
    Ich heiße Dich willkommen. Möge der Schatten mit Dir sein!


    Dein Eingangstext besitzt reichlich Pathos. Ich hab nichts gegen Pathos, solange dieses aus dem Herzen kommt. Dringt er aus dem Kopf, so drehe ich mich verschämt zur Seite.
    it hat hier den Finger auf die sprachliche Wunde gelegt. Der Schlußteil ist ausgesprochen kauderwelschig.
    Ich möchte Dich um eines bitten, Hagen: Schreib, was Dir aus der Feder quillt, aber schreib nicht, was Du nur Deiner Feder zuzumuten glaubst. Dann werden wir Freunde.


    genauer? Was ist Demut? Gefaltete Hände, in die etwas gelingt? Was ist Gedränge? Der Drang aus dem Nichts? Demut und Drang sind Schwestern; sprachlich aber stehen die Hände im Tal der Demut, sie genügen sich selber, Demut aber bezieht sich.
    Dein Schlußsatz mit der ungewissen Gewißheit könnte mich allerdings versöhnen.
    Ich weiß nicht so recht. Was meinen andere?

  4. #4
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Sterben

    Guten Abend!
    Es freut mich, daß nach so kurzer Zeit schon ein Echo auftauchte, was ich nicht für möglich hielt. Dies zeigt jedoch, daß hier echte Literaturfreunde am Werk sind, die Gedanken walten lassen und mit Kritik auf hohem Niveau argumentieren. Ich darf kurz antworten, auf die Einwendungen: Haben nicht Gedichte die Aufgabe verschlüsselt Informationen zu transportieren? Gerade die Lyrik mit ihrer Möglichkeit des Kryptischen, das entschlüsselt werden will, stemmt sich gegen den niveaulosen Zeitgeist. Aber gerne helfe ich aus. Entscheidend ist die Überschrift: Hier geht es um das Sterben!

    Die Undurchdringlichkeit der Zeit
    sucht uns heim,

    heißt hier "alt werden"
    vergißt, daß alle Veränderung
    in der Ursache verschmilzt.
    Die Liebe zweier Menschen war unser Ursprung, die Trauer der Nachfahren ist unser Ausklang. Aber auch die Nachfahren werden uns in den Tod folgen. Hier ist doch ein Wechselspiel aus Ursache und Wirkung.
    Es sind die Wagnisse,
    vor allem die vermeintlichen,
    die wie Stolpersteine den Weg säumen.
    Das Leben, das zu Ende geht, ist mit Taten und Erinnerungen gesäumt - und vor allem mit dem Scheitern der Ideen verbunden. Das Scheitern sind die Stolpersteine, die uns resignieren ließen.
    Wir kreischen, ohne gehört zu werden,
    verfallen in die Demut
    der gefalteten Hände
    Die Angst vor dem Tod treibt uns in die Demut vor ihm, die gefalteten Hände sind das religiöse Motiv - das Kreischen ist ein Schreien vor Angst (vor dem Tod).
    Und was wissen wir von dem Tod:
    und wissen doch,
    daß am Ende
    die Ungewißheit bleibt.
    Wir wissen, wo der Tod ist, ist nicht das Leben und wo das Leben ist, ist nicht der Tod! (Epikur)
    Ich hoffe, nicht belehrend gewesen zu sein, aber ich muß hier einen Standpunkt einnehmen, denn nur wer Standpunkt hat, kann kritisiert werden.
    Danke für die Aufmerksamheit


    Euer Hagen


    [Diese Nachricht wurde von hagen am 03. Mai 2001 editiert.]

  5. #5
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Sterben

    Die schnelle Antwort war Zufall. Manchmal dauert es auch ein bißchen länger, aber Antwort bekommst Du immer.
    Ich danke Dir vielmals für die eloquenten Ausführungen bezüglich Deines kryptischen Textes. Nun stochere ich nicht mehr im Ungewissen und kann bereichert nach Hause gehen, denn "Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen!" Danke danke danke.

    Geht's Dir ähnlich, it?

  6. #6
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Sterben

    ..ich auch, Robert, sehr bereichert. Aber das ist unfair.
    Sieh mal Hagen, es gibt einige Todsünden (da wir ja vom Sterben sprechen).

    1. Todsünde: nimm ein Thema, das tausendmal ausgelutscht, sich mit den letzten Dingen beschäftigt und sag, am besten bereits im Titel, dass du das jetzt machst und dann bring das, was eh jeder kennt.
    2. Todsünde: Anschliessend geh bei und erkläre das Gedicht, in dem du den Text nochmal in 'Lang'-Prosa bringst. Es gibt noch mehr Todsünden. Aber für jetzt sei es genug.


    Aber gib nicht auf. Niemand will dich hier vergraulen (Ich schon gar nicht, ich kann es auch nicht besser, wie mir immer wieder bestätigt wird).


    L.




    [Diese Nachricht wurde von lester am 04. Mai 2001 editiert.]

  7. #7
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    AW: Sterben

    na also lester, wer bestätigt Dir denn sowas.

    "Haben nicht Gedichte die Aufgabe verschlüsselt Informationen zu transportieren?"
    Na ja. Einerseits. Andererseits geht es bei Lyrik doch nicht um Rätselraten? (Zumal die Lösung ja schon drüberstand). Es ist Deine Aufgabe als Autor, Dich mitzuteilen. Nachgeschobene Erklärungen gelten nicht - da würde ich mich lester anschließen. Außerdem sollte die Verschlüsselung nicht in mangelndem Verständnis liegen, sondern in sprachlichen Bildern und Assoziationen. Aber Du benennst, statt diese Bilder zu schaffen. Damit verliert der Text sein Leben.
    Und: ich habe die Zeilensprünge bewußt rausgenommen in meiner ersten Antwort. Ist das wirklich ein Gedicht?

    sorry, it

  8. #8
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    AW: Sterben

    ach it, ich wollte doch nur etwas Trost spenden. Den das ist es doch, was alle wollen: Trost - Ziel jeder Religion.
    Weiss schon, dass ich auch mal gelobt werde, aber das ist der Plasterstein um den Hals für nächste Mal...
    Aber zum Text, ernsthaft.

    Der erste Vers: 'Gespenstisch windet sich die Erkenntnis ins Gehirn'. Welche Erkenntnis? Das 'Sterben'?. Du willst sagen, vermute ich, der Gedanke an 'Sterben' hat etwas gespentisches / unheimliches an sich. Du sagst aber das sich die Erkenntnis 'gespenstisch windet', oder?


    Dann im 2. Vers - und dann hör ich auf- : 'Der Nimbus des Vergangenen', was ist das? Als alter Lateiner w?rde man Nimbus über setzten: der Ruf/das Ansehen - ist eher positiv gemeint, trotz des dunklen Vokals am Ende. Was hat das mit dem ersten Vers zu schaffen. Du wolltest das Wort 'Vergangen' unterbringen?


    Wie ist dein Gefühl, Hagen, wenn du dein Gedicht liest. Bist du damit zufrieden?


    Jetzt muß ich Kuchen essen.


    L.

  9. #9
    schreibt hier hin und wieder
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    Post AW: Sterben

    sterben


    soso ich bin tot
    aha ich hab mal gelebt.
    da war mal hirn,
    hui und drumrum waren knochen, soso.
    da schau her, die zukunft
    die vergangenheit ist weg, scheisse.
    die zeit ist die zeit -
    und der anfang das ende.
    frisch gewagt ist halb verloren.
    wir können zwar nix machen,
    aber beten hilft immer.

  10. #10
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Sterben

    Hallo lester,


    es ist doch wunderbar, wenn es Dinge gibt, über die man sich Gedanken machen kann:
    Wenn hier schon unter Philologen und/oder Philosophen gehen, dann möchte ich die
    Herausforderung annehmen.
    Gespenstisch windet sich die Erkenntnis
    ins Gehirn.
    Wenn ich dies so schreibe, meine ich das auch so:
    Erst wenn man stirbt, oder besser, wenn man sich im bewußten Zustand des Sterbens befindet,
    kann man hierüber zur Erkenntnis gelangen. Sterben ist äußerlich und innerlich. Die Erkenntnis:
    Ich sterbe, kommt als Erkenntnis dann zum Bewußtsein, wenn dieser Zustand eben eintritt.
    Die Erkenntnis des Sterbens hat auch eine andere Qualität, als die, daß die kürzeste Ent-
    fernung zwischen zwei Punkten die Strecke ist - also deshalb ist sie gespenstisch. Und weiter:
    Wo anders, als ins Gehirn sollte ein Erkenntnis kommen?


    Und weiter:


    Dann im 2. Vers - und dann hör ich auf- : 'Der Nimbus des Vergangenen', was ist das?
    Als alter Lateiner würde man Nimbus über setzten: der Ruf/das Ansehen -
    ist eher positiv gemeint, trotz des dunklen Vokals am Ende. Was hat das mit
    dem ersten Vers zu schaffen. Du wolltest das Wort 'Vergangen' unterbringen?


    Es beruhigt mich, daß du an den oben letzt zitierten Satz zumindest ein Fragezeichen an-
    brachtest, obwohl es als Satz kein Fragesatz ist, sondern ein Aussagesatz. Aber wie dem
    auch sei: Nimbus würde ich eher mit Ruhmesglanz übersetzen. Und dann wird vielleicht klar,
    was gemeint ist: In der Erkenntnis des baldigen Endes meines Leben gewinnt die Vergangheit
    einen anderen Stellenwert. In der Regel lebt man das Leben, als ob man es beliebig oft
    wiederholen kann. Erst im Angesicht des Todes ist eine Bilanz möglich - und das ist eben
    der Nimbus des Vergangenen. Es liegt in der Logik des Gedichtes, daß die Erkenntnis in
    der Gegenwart anzusiedeln ist, wobei dann Bezug auf die Vergangenheit genommen wird um
    schließlich das Kommende zu streifen, das nur mit Angst und Verzweiflung wahrgenommen werden
    kann, da hier eine unbekannte Komponente ins Spiel kommt, nämlich das Ende.


    Auf deine letzte Frage würde ich antwort: ja - erstens, wenn ich nicht damit zufrieden wäre,
    würde ich nicht anderen damit zur Last fallen wollen, zweitens denke ich mir etwas dabei,
    warum ich etwas genau so schreibe, wie ich es schreibe. Ich finde es ja hoch interessant,
    daß man hier gefordert wird, sich mit Argumenten zu verteidigen. Und was ist schöner, als etwas
    zu verreißen? Also habt Euren Spaß dabei!


    Gruß hagen


    ------------------




    [Diese Nachricht wurde von hagen am 04. Mai 2001 editiert.]

  11. #11
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Sterben

    ...seufz. Ich bin ein Wort-Klauberer. Sollte man nicht fein unterscheiden, ob
    sich
    a) etwas windet und zwar gespentisch
    b) etwas gespentisch ist


    Ich kann nichts dafür, aber Sprache ist so.


    Warte ich mal auf deinen nächsten Text.


    L.

  12. #12
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    AW: Sterben

    Schön und gut dieser Ordner hier!
    Denkt Ihr an den Tod, an das Sterben also. Und dann auch noch so schön in Zeitlupe. Was soll denn der sagen, der erschossen wird? Der merkt noch nicht mal etwas davon, ja der hört den Schuss gar nicht erst, da ist auch schon die Kugel in seinem Fleisch, dann beginnt der qualvolle Schmerz, der ihm die Sinne raubt, ihn ohnmächtig werden lässt vor Schmerzen, nicht vor Gedanken an den Tod und das, was danach kommt. Trifft die Kugel gezielt seinen Kopf, merkt er sowieso nichts mehr, den Schuss wie gesagt, hat er eh nicht gehört, pardautz...
    Wenn Sisyphos beim Hochrollen des Steins ständig daran denkt, dass der Stein oben wieder runterkullert, au weia, welch erbärmliche Figur gibt der Schuftende ab. Denkt er aber bei jedem Meter bergauf daran, dass er seine Muskeln, seinen Willen dem Stein aufzwingt, dann macht er eine menschliche Figur, dann lebt er als Mensch aufrecht, verzweifelt nicht. Weniger Schweiß fließt dann, weniger Traurigkeit entgleitet seinen Gesichtszügen, seine Seele fühlt sich wohler. Und das alles passiert, obwohl er weiß, genau weiß, dass der Stein wieder herunterrollt.

  13. #13
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Sterben

    Original erstellt von lester:
    ...seufz. Ich bin ein Wort-Klauberer. Sollte man nicht fein unterscheiden, ob
    sich
    a) etwas windet und zwar gespentisch
    b) etwas gespentisch ist


    Ich kann nichts dafür, aber Sprache ist so.


    Warte ich mal auf deinen nächsten Text.
    L.

    Ich habe das Gefühl, wir steuern auf eine Sackgasse zu. Rabulistik ist nicht das, was ich hier betreiben möchte. Ein letztes Mal: gespenstisch wirkt als Attribut auf windet, weil die Erkenntnis nicht sofort da ist, sondern es ist ein Prozeß, der sich eben gespenstisch vollzieht, weil sie nicht sofort greifbar ist. Ich denke mir sollten hier auf der Ebene aufhören. Ich habe verstanden, daß Dir das Gedicht nicht gefällt. Das ist in Ordnung, ich respektiere Deine Meinung. Ich gab die Argumente, auf denen das Ganze aufgebaut ist, die kannst Du nachvollziehen oder verwerfen! Ich danke für die Diskussion

  14. #14
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Sterben

    Uis, ich denke, daß es gerade Sisyphos' größte Bestrafung ist, daß er um das Rückrollen des Steines weiß. Bei den Griechen war das so. Das Bewußte wurde gesetzt, nus im Allerheiligsten. Beim Tode kein Zurück. Ein Ruck ins Nichts, ein Denken bleibt. Der Stein ist Symbol des Sündhaften, des Erdrückens des Grundes. Die Anhebe eine fatalistische Begradigung des Wortes, des logos. Sisyphos hatte eine Todsünde begangen, als er die Götter versuchte. Sie bestraften ihn griechisch, indem er um seine Schuld wußte, den Schuldenberg aber nicht abzutragen wußte/konnte.

  15. #15
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Sterben

    Hallo Robert!
    Da ich Sisyphos erwähnt habe im Zusammenhang von Tod und Sterben, dachte ich, meine Anspielung auf Camus sei offensichtilich genug. Nun ja. Ich will es aber nochmal etwas genauer erklären. Der Tod ist das Absurde. Wir können ihn nicht überwinden durch Denken oder Transzendieren. Was uns bleibt ist das Leben als Revolution gegen den Tod. Gerade die Kunst, das produktive Schaffen, gibt doppeltes Leben. Dazu könnte man sowieso noch viel mehr schreiben.
    Wir haben alle ein Stück mit dem revoltierenden Sisyphos gemeinsam, wenn wir uns selbst verwirklichen. Worauf es im Leben ankommt, ist nicht der Tod, es ist das Leben selbst, um mit Hemingway zu sprechen, der es bei Stierkämpfern am eindrucksvollsten auch im existentialistischen Sinne beschrieb: die good performance en route.

  16. #16
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Sterben

    Widerspruch!

    Tod ist nicht absurd. Weiß Gott nicht. Von Schwarzerollkragenpullover tragenden Doliozephalen, die auf Parkbänken sitzend, nach dem Ungewissen in Form eiens Skeletts Ausschau halten, habe ich seit meinem 23. Lebensjahr genug. Ich respektiere sie nicht einmal. Also, wenn hier ein Begriff wie Sisyphos fällt, dann denke ich an Sisyphos, nicht an eine Rezeption von anno dunnemals. Diese Camus und Godots und Sartres denke ich nicht einmal mit.


    Den Prozeß des Sterbens verbinde ich nicht mit Sisyphos. Geht es bei diesem Tropus (als solchen möchte ich S. gern bezeichnen) nicht gerade ums Nichtsterben, sondern um die Bestrafung zum ewigen Leben in Unlebensschaft? Sterben ist auch nur für die Bestrafung, die nicht an Wiedergeburt oder ewiges Leben glauben. Für die ist die Todesstrafe das, was der Name aussagt, eine Strafe. Für die anderen ist er eine Modifikation des Lebens. Ein Schuß zerfetzt das Hirn, der Tod tritt ein. Ein Schuß zerfetzt die Aorta, der Tod tritt langsam ein. Beim ersten Mal ist es kein Prozeß, kein Sterben, sondern ein factum est; beim zweiten Vorgang ist es ein procedere, das existenzialistisch hinterfragt und beschrieben werden kann. Meinetwegen auch als Pilgerfahrt zu den Altvorderen, als Mutmaße zur Schuld oder Unschuld. Meinetwegen.
    Ich setze Sisyphos nicht als Toten, sondern als Bestraften zum Leben in Unleben. Ein Zwischending, kein Er, ein Es, das einen Grund beackern muß, der sich niemals beackern läßt; ein Stein zieht kein Furche.
    Abgesehen davon liegt die Kraft des Schreibens gerade darin, daß wir uns die Welt so malen können, wie sie uns gefällt - also kann auch der Tod seinen Schrecken verlieren, mindestens jedoch das, was die Existentialiter absurd nennen.


    Oh, ich könnte hier noch lange schreiben.

  17. #17
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: Sterben

    Unser Sterbe-Ordner. Ich bin froh, ihn wiedergefunden zu haben.


    Kein Prozeß, sondern die Gewißheit. Was ist im Dasein.

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