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Thema: Das rote Haus

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Post Das rote Haus

    Unruhig bewegst Du Dich auf Deiner schmalen Ruhestätte, die Dir kürzlich noch fremd und hart war; nun ist sie Dir vertraut, liebgewonnen, denn nur der Schlaf hat Erbarmen mit Dir. Deine Hände krallen sich in fordernden Bewegungen in die unsaubere Decke, die unzureichend Deinen ausgemergelten Leib bedeckt und die der frühe Frost starr gemacht hat. Es ist bereits kalt hier im Osten, ein strenger Herbst weht neblig durch entlaubte Wälder und Dein Name hat einen anderen Klang bekommen; er ist fester, kantiger geworden in dieser Luft. Oft gleiten auf silbernen Schatten frühere Leiden vorbei und Rauch sinkt zu den Wassern nieder.
    Während ich vorsichtig nähertrete und Dich betrachte, den Reif an Deinen verkniffenen Lidern, Deine trockenen, wunden Lippen sehe, flüstert Dein Schlaf schmal vielsilbige Worte einer Sprache, die ich nicht kenne. Sie erscheinen kurz als Dampfhauch über Deinem Gesicht und haben einen sentimentalen, einen verlogenen Klang; sie schälen sich aus den Schlafgeräuschen der anderen Gequälten, mit denen wir gemeinsam den kurzen Trug der Nacht teilen, heraus. Ich spüre die Gefahr, doch ich kann Dich nicht warnen. Jetzt rufe ich stimmlos, aber Du hörst mich nicht, Dein erschöpfter Schlaf hat mehr Macht als ich, er ist mein Feind, vor dem ich mich geschlagen geben muß. Was bleibt mir übrig, als mich zu Dir zu setzen auf Dein hartes Lager? Fern von uns, dort in der verwobenen Düsternis der anderen Seite der Hütte, weint ein junger Mann.
    Ich beuge mich herab und mein Ohr berührt Deine gequälten, rissigen Lippen. Eine kurze Weile will ich Dir lauschen, versuchen, Deine unbewußte Botschaft zu begreifen; will ich mit Dir gemeinsam eine Chimäre der Stille weben. Deshalb möchte ich Dich berühren, Deine krampfende Stirn mit der Innenfläche meiner Hand kühlen. Doch als würdest Du Dich Deiner schämen, rückt Dein Kopf zur Seite: Ich spüre, bald wirst Du in Krankheit erwachen, schwere Schmerzen werden Deinen Schlaf vertreiben, die eitrige, vielgeatmete Luft in der Hütte wird sich durch ätzende Gerüche dunstig brechen.
    Es sind zwei Worte, die ich verstehe, ich habe sie niedergekauert in die harten Bänke im Hause des Herrn gehört; es sind zwei Worte, die Du schnell und hastig wiederholst, die sich überschlagen und ineinander vermischen.
    Für die Qual Deiner Schuld liebe ich Dich zärtlich, mein Gefangener der Freiheit. Komm, erzähle mir erneut von den Ideen, die Du nie völlig begriffen und so lange verfälscht hast, bis Du an sie glauben konntest. Die Nächte sind kurz und die Tage voll Leid und Tod. Du bist verzweifelt, es tröstet Dich, wenn Du erzählst.
    Und das ist der Traum Deines Erwachens, ein Traum, den Du im Erwachen vergessen wirst. Er ist wie Licht, das der Wind ausgelöscht hat:
    Halbherzig geworfenen Speeren gleich taumeln staubdurchwirbelte Lichtfinger in das düstere und schweigsame Kirchenschiff wie in den Tagen Deiner Kindheit. Von den buntglasigen, fast heiteren Leiden des von Pfeilen wunden Sebastian stechen sie herab. Sie machen die hölzernen Mienen der im Rund stehenden Geheiligten ehrfurchtsvoll lebendig, sie flecken farbig den Boden, auf dem Dich die Grabplatten von Bevorzugten, von Bischöfen und Kaufherren, stolpern machen. Nachdem Du Dich vor die Stufen des Altars geschleppt hast, es fiel Dir schwer, denn die Luft hatte sich zu einem zähen, unnachgiebigen Brei verdichtet, kannst Du endlich Deine Beine beugen. Du spürst die Kälte und Härte des Untergrundes, der durch das hingebungsvolle Rutschen vieler Knie glatt und speckig geworden ist.
    Ich glaube, daß Du an Aragon denkst, an die Lüge Wahrheit und an Lügen, die Wahrheiten sind, Du denkst an, ich weiß nicht, an vieles, an das Mär vom verbrannten Schuldschein und an die Bomben, an Zyklon B und einen unfehlbaren Mann aus Polen, an Deinen wilden Hunger und an den Blutsaft von gebratenem Fleisch, der zischend ins Feuer sticht.
    Du wirst auf ein Geräusch hinter Dir aufmerksam, es ist ein scharfer, bedachter Fußtritt, der Dir zu Ohren kommt. Du wendest Dich halb und sofort springst Du auf die Beine, denn dort in der hohen Kanzel lehnt sich eine dunkelgekleidete Gestalt nach vorn. Sie soll Dich nicht knien sehen in diesem unbedachten, kummervollen Moment, in dem Du dich an das Grab Deines Gottes geschlichen hast. Schon hörst Du die Stimme: Sie hat die Macht, eine Masse zu fassen und sie dröhnt kraftvoll herab.
    Warum fühlst Du Dich von diesen Worten provoziert, warum siehst Du Dich gezwungen, mehr von Dir zu opfern, als gut sein kann? Was erwartest Du, da Du trotzig erwiderst:
    Der Revolutionär ist einer Sache geweiht. Er hat keine persönlichen Interessen, Geschäfte, Gefühle, Bindungen, Besitztümer, er hat nicht einmal einen Namen. Alles in ihm ist aufgesogen von einem einzigen Interesse, einem einzigen Gedanken, einer einzigen Leidenschaft: der Revolution.
    Wenn Du geglaubt hast, damit die schemenhafte, schwarze Erscheinung dort oben zum Schweigen zu bringen, hast Du Dich getäuscht. Dir wird geantwortet.
    Du entgegnest:
    Die Natur des wahren Revolutionärs ist unvereinbar mit Romantik, aller Feinfühligkeit, aller Begeisterung, allem Hingerissensein; sie ist unvereinbar sogar mit dem Haß und der persönlichen Rache. Ich will nicht Ich sein, Ich will Wir sein, Denn das wiederhole ich tausendmal: Nur unter dieser Bedingung werden wir siegen, wird unsere Idee siegen.
    Da sind plötzlich Hände, die Dich greifen, berühren, an Dir reifen, tasten, die Dich fassen; viele Hände, doch Du kennst sie alle, hast alle schon berührt. Du siehst gequält hinauf zu dem Gekreuzigten, den sie an Stahltrossen in der Luft hängen lassen und mit starken Nägeln hindern, herabzusteigen, er weint Blut, es rinnt langsam die Wände herab. Du ballst eine Faust: Jetzt bist Du sicher, das Verbrechen, das sie an ihm begangen haben, war nicht, ihn zu kreuzigen, sondern ihn in diese Kirche zu hängen, aus edlem Holz geschnitzt, erlesen bemalt, erhaben, erhoben, keine Möglichkeit, ihn zu berühren oder zu verstehen und er ist sehr haltbar.
    Das willst Du sagen, damit das lamentierende Ungeheuer auf der Kanzel zum Schweigen bringen. Doch die Hände decken Deinen Mund, pressen Deine Lippen zusammen, sie machen Dein Atmen schwer, sie riechen ätzend, wund, eitrig. Du mußt weiter die lügende Stimme hören, sie ist laut und es schmerzt:
    Oh, glorwürdigster Jesus, ich danke Dir für die unaussprechliche Wohltat, daß Du selbst mit Deiner Gottheit und Menschheit, mit Deinem Leibe und Deiner Seele, mit Deinem Fleisch und Blut im mein Herz gekommen bist und meine Seele damit gespeiset hast. Ich rufe Himmel und Erde an und bitte alle Geschöpfe des Himmels und der Erde, daß sie mit mir Dich loben von Ewigkeit zu Ewigkeit...
    In diesem Moment gelingt es Dir, zu schreien, Dir ist, als würde Dein Selbst in diesem Schrei verlöschen und Du öffnest mit einem krampfhaften, hektischen Herzschlag die Augen zu einem weiteren Traumbild:
    Du stehst still und bist allein. Während Dein Atem langsam zur Ruhe kommt, sucht Dein Blick vergeblich die karge Ebene ab, in die Du geflohen bist. Hier und dort wuchert wie ein Hohn niedriges Buschwerk, weit hinten am Horizont entdeckst Du die einzige Erhebung in Deinem Gesichtsfeld; es könnte ein Gebäude sein, vielleicht ist es auch eine mutwillige, vom Abendbrand entzündete Felsgruppe, Du bist zu weit entfernt, um Dir sicher zu sein. Am Himmel winden sich Wolkenleiber gleich einem vom Sturm aufgepeitschten, giftigen Schwefelsee, ihre Ränder sind grün wie verwesende Eingeweide. Trotz des wütenden Kampfes dort oben bewegt sich kein Hauch über die Ebene, keines der kranken Blätter spielt im Wind, keine Böe krallt sich spielerisch in Dein Haar. Die Atmosphäre lastet fett und feucht, drückt sie sich auf Deine um Atem ringenden Lungen und sie riecht nach etwas, das einmal ein Teil Deines Lebens war.
    Du entschließt Dich nach einer bangen Minute des hilflosen Zögerns, auf die ferne Erhebung, die als einzige die Symmetrie der leblosen Welt unterbricht, zuzugehen. Während Du gehst und schnell Freude an Deinem Fortschreiten, an den ausgeglichenen, stetigen Bewegungen Deines Körpers empfindest, flüstert Dein Mund Worte, die außer mir niemand hören wird. Du selbst nimmst sie nicht wahr, so beschäftigt bist Du, Dich auf Dein Laufen zu reduzieren. Du sagst:
    Ein Gespenst geht um in Europa, ein verworrener Gedanke taucht aus dem Abgrund, ein Krieg ist verloren, ein Netz aus Lügen wird mit Milch getüncht, der Wahnsinnige ist mitten unter uns, er ist ein Weinberg voller Spinnen.
    Zu Anfang war ich Gehilfe bei einem Arzt, er nannte sich so und so und mich hieß er Pfleger.
    Einmal war es schon spät und die Praxis leer, da kam ein Patient, dem schmerzte der Darm und der Bauch; er hatte entsetzliche Krämpfe und das alles. Er könne es nicht mehr ertragen, sagte er: Er schäme sich zwar und Angst habe er, doch noch viel mehr vor den Schmerzen, als vor dem Tod. Der Arzt sah ihn nachdenklich an und schließlich hieß er ihn, sich niederzulegen, dort mit dem Bauch auf den Bock, das nackte Gesäß in die Höhe. Er ließ sich Zeit mit dem Abtasten, bohrte mit zwei Fingern seiner Rechten im After des Patienten umher, dem ich ein Stück Holz zwischen die Lippen klemmte, um ihn am Schreien zu hindern. Er ächzte mitleiderregend und zermahlte es langsam zwischen den Zähnen. Der Arzt verzog keine Miene, nickte zweimal kurz und heftig, dann wusch er sich sorgsam die Hände. Er hieß mich ein starkes Feuer im Ofen zu machen, anschließend schickte er mich hinaus. Ich habe an der angelehnten Tür gelauscht.
    Erst war es sehr still, eine ganze Weile, schließlich sagte der Arzt etwas, das ich nicht verstand. Es waren leise, warme Worte, sicher sollten sie den Patienten beruhigen, der angstvoll wimmerte. Plötzlich war da ein seifiges, platzendes und unerwartetes Geräusch, das nicht zu beschreiben ist, das ich nur einmal in eben diesem Moment hörte. Die Tür öffnete sich überraschend und ich stolperte in einen Gestank, der seinesgleichen suchte. Die Wände, der Tisch, alles war besudelt mit dampfendem Blut und Kot und schleimigem, schneckengleichem; war das Gehirn, das zäh von der Decke tropfte? Dort auf dem metallenen Behandlungsbock lag etwas Amorphes, Seltsames; wie ein geschlachtetes Kalb sah es aus. Daneben stand der Arzt und wischte sich ein geplatztes Auge aus dem Haar, in der anderen Hand hielt er eine zwanzig Zentimeter lange, dicke Nadel, eine, wie man sie zum Stricken verwendet. Sie glühte an ihrer Spitze. Er lachte, als ich nicht verstand und ihn fragte, wo der Patient geblieben sei. Er hieß mich, den Raum zu reinigen.
    Das hast Du geflüstert auf Deinem Weg und ich weiß nicht, ob es eine Erinnerung von Dir oder von mir war. Beim Gehen siehst Du, daß Deine Ebene zumindest gegen die Himmelsrichtung, in die Du gehst, von fernen, verwaschen bernsteingelben Gebirgsspitzen begrenzt ist. Der Übergang zum bewegten Schwefelspiel des Himmels ist fließend und ein paarmal hast Du die beunruhigende Illusion, daß eine Felsspitze abschmilzt und ein Spielball der Wolkenfinger wird, die eifersüchtig um sie streiten. Noch immer ist Dir nicht klar, was für eine Erscheinung es ist, die Deinem Weg durch die Ebene ein Ziel gibt. Das diffuse, zwiespältige Licht trübt Deinen Blick wie ein grauer Star, es engt Dein Gesichtsfeld ein und schenkt den häufiger werdenden Büschen eine pulsierende Korona provozierender und ungesunder Farbigkeit.
    Trotz der merkwürdigen optischen Eindrücke bist Du Dir bald sicher, daß Du auf einen ausladenden Gebäudekomplex zugehst. Du stellst Dir einen heruntergekommenen Gewerbehof vor, dessen wellblechverstärkte Außenwände in einem aggressiven Regen rosten. Der Hof scheint herabgewirtschaftet und längst verlassen, öde und leer wie das ganze Land um Dich, in dem bis auf den verstärkten Geilwuchs der seltsamen Vegetation alles Leben wie durch eine Seuche ein Ende gefunden hat.
    Jetzt kannst Du einzelne Bauten unterscheiden. Zwei langgestreckte Hütten sind es, die durch schmale Gebäudeteile miteinander verbunden sind, sie werden von einem gedrungenen Turmbau überragt, in dem eine große, tote Uhr mit blinden, erstarrten Zeigern droht. Er scheint Dir deplaziert und angeberisch wie der verlogene Traum von christlicher Barmherzigkeit. Dir fällt auf, daß der niedrige Bodenwuchs dort vollständig die Erde bedeckt; er sich, von den Gebäuden kommend, wie gierige Metastasen eines Krebsgeschwüres über der Ebene verwuchert.
    Überrascht verharrst Du einen Moment der Unsicherheit, denn Du hast an einem nicht mißzuverstehenden Zeichen erkannt, daß der Hof bewohnt ist: Das linke Gebäude trägt einen kurzen Schlot, dem dürrer Hitzequalm entsteigt. Du bemerkst das an den wäßrig gebrochenen, spiegelnden Bewegungen der Luft über dem Kamin. Wie ein Pesthauch erschüttert Dich dieses Indiz, daß Du nicht allein bist. Ein dunkles Wort, ein böser Gedanke stechen wie die Glassplitter einer Vision in Dein Hirn. Das Wort heißt Krematorium, der Gedanke Tod.
    Ich sehe, daß Deine Lider zittern und Du gleich die Augen öffnen wirst, um sie in einem entsetzten Schauder des Begreifens sofort wieder zu schließen. Doch noch beschäftigt Dich der Anblick des Gebäudes, vor dem Du stehst. Dein rasendes Gehirn ist mit dem vergeblichen Versuch beschäftigt, Deine sich überschlagenden Gedankenbilder zu bändigen. Die Wände dieses Hofes sind nicht aus Metall, sie sind nicht rostig, Du hast Dich selbst betrogen. Sie sind aus rohem Holz und in geronnenem Blut getüncht!
    Begrabt den Fremden. sagst Du.
    Hört, Gefangene mit kotbefleckten Flügeln, Würmer tropfen von euren trockenen Lippen und schweigsam öffnen sich die goldenen Augen der ungezählten Opfer.
    Du siehst einen Zaun, erst scheint er Dir ein kleines Gemüsefeld gegen Betrunkene und Diebe zu sichern. Doch dazu ist er zu hoch, er führt Strom, Du siehst die Leitungen. Du weißt, seine Hitze brennt tödliche Narben in die Haut. Väterlich und streng umschließt er das Krematorium. Er hat kein Tor, denn der Kamin ist der Weg hinaus. Auf einem Schild stehen Worte, die Dich verhöhnen, die eine Freiheit versprechen, die Dir nur mehr der Traum und sein nächtlicher, schweigsamer Bruder schenken können.
    Du bist zurückgekehrt. Die Reise Deines Traums hat Dich zu uns zurück geleitet.
    Du öffnest die Augen, erwachst. Wie ich geahnt habe, schließt Du sie wieder in einem zuckenden Krampf, doch bald öffnest Du sie erneut. Sie glänzen vom Fieber. Wir sehen uns an, schweigend, voller Verstehen. Du hebst Deine Hand und sie streichelt meine Backe. Laß, Dein Dank bringt mich zum Weinen und ich war doch fest entschlossen, es nie wieder zu tun.
    Bald werden uns die Mörder aus unseren Nachtlagern zur unmenschlichen Arbeit treiben. Tags tönen dann verzweifelt die herbstlichen Wälder und die ersten Toten ruhen bald an der Mauer, geduldig warten sie auf das Grab in den schwefelgelben Wolken. Ein Wort treibt zitternd die Blutrinnen hinab.
    Erbarmen.
    Verstehst Du es? Ich nicht, niemand in dieser Zeit.



    ------------------
    hks
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  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Das rote Haus

    Hallo Klammer!
    Du benutzt einen Großbuchtsaben bei der einfachen Nennung. Willst Du den Briefcharakter betonen? Wenn ja, warum hat Dein Text dann keine weiteren Anzeichen eines Briefes? Du nennst es Kurzgeschichte. Dazu fehlen Elemente: eine kurze und straffe Handlung, keine verästelte wie bei Dir; ein zumeist pointierter Schluß, keine Redundanz des Verborgenen, wie Du sie darstellst; klar ausgewuchtete Charaktere, keine fragwürdig-blassen...


    Ein Textabschnitt gefiel mir, da hatte ich das Gefühl, daß Du zu Potte kommst:
    Ein Gespenst geht um in Europa, ein verworrener Gedanke taucht aus dem Abgrund, ein Krieg ist verloren, ein Netz aus Lügen
    wird mit Milch getüncht, der Wahnsinnige ist mitten unter uns, er ist ein Weinberg voller Spinnen.
    Zu Anfang war ich Gehilfe bei einem Arzt, er nannte sich so und so und mich hieß er Pfleger.
    Einmal war es schon spät und die Praxis leer, da kam ein Patient, dem schmerzte der Darm und der Bauch; er hatte
    entsetzliche Krämpfe und das alles. Er könne es nicht mehr ertragen, sagte er: Er schäme sich zwar und Angst habe er, doch
    noch viel mehr vor den Schmerzen, als vor dem Tod. Der Arzt sah ihn nachdenklich an und schließlich hieß er ihn, sich
    niederzulegen, dort mit dem Bauch auf den Bock, das nackte Gesäß die Höhe. Er ließ sich Zeit mit dem Abtasten, bohrte
    mit zwei Fingern seiner Rechten im After des Patienten umher, dem ich ein Stück Holz zwischen die Lippen klemmte, um ihn
    am Schreien zu hindern. Er ächzte mitleiderregend und zermahlte es langsam zwischen den Zähnen. Der Arzt verzog keine
    Miene, nickte zweimal kurz und heftig, dann wusch er sich sorgsam die Hände. Er hieß mich ein starkes Feuer im Ofen zu
    machen, anschließend schickte er mich hinaus. Ich habe an der angelehnten Tür gelauscht.

    Hier wird eine Handlung mit einem Charakter initiiert. Diesen Stil mußt Du wiederholen, meinetwegen kaschiert modeln, aber dieser Abschnitt gefiel mir, so daß ich doch der Meinung sein möchte, daß Du nur ein wenig wirr in Deiner Konstruktion, nicht aber in Deinem Schreiben per se bist.


    Freundliche Grüße.

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Das rote Haus

    ach robert, nur weil du zu starr und zu steif bist, etwas zu be-greifen, heißt das doch nicht, dass es nur schwerter und äxte geben darf. es gibt noch viel hinter den büschen.

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
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    Thumbs up AW: Das rote Haus

    In einer Schreibwerkstatt lernte ich, der erste Satz und der letzte seien besonders wichtig für einen Text.
    Der erste Satz dieses Textes ist ein Schachtelsatz, der mich ins Thema nicht hieneinführt, sondern mich dreimal hinterfragt; der Schlußsatz konstatiert ein Nichts.
    Mit dem Anfang kann ich mich gar nicht anfreunden, mit dem Schluß schon. Aber dazwischen finde ich nichts, weder etwas für den Anfang (Thema ist wohl die SCHMALE Ruhestätte) noch für den Schluß (Das nichts ist nichts, was mit Ruhe zu tun haben könnte, denn das Ruhen ist keine Spezifik des Nichts, sondern des Seins.)

    Ich halte diese Geschichte für nicht plausibel.

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Das rote Haus

    Ich nenne diesen Text eine beeindruckende Variation zu Celans "Todesfuge" und frage mich, wie jemand hierauf reagierend nach einem großgeschriebenen "Du" fragen kann oder wie jemand anders von Schreibwerkstätten etwas erzählt. Wolltet Ihr den Inhalt erstmal grundsätzlich ignorieren und Formales zelebrieren? Das geht so nicht, die Form kann man nicht vom Inhalt trennen, und hier schon gar nicht. Das Stück Text ist in einem Atem geschrieben, einem kalt-heißen, der die Seele beschlagen lässt beim Lesen und frösteln macht. Trennt mir diesen Inhalt nicht von seiner Form.
    Ein sehr guter Text mit suggestiver Kraft.

  6. #6
    rodbertus
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    AW: Das rote Haus

    So einfach geht das? Da nennt man ein Kind Kurzgeschichte, beachtet aber die Kriterien nicht. Da dringt aus jeder Textwabe ein verhunzter Antschel, das soll auch noch gelobt werden. Oder soll ich den Text allein wegen seines weltanschaulichen Duktus schon loben? Uis, ich muß doch sehr bitten. Drohnengeschreib ist das.
    Solchen Textalabastern nehme ich die poetische Eleganz nicht ab. Leg ein Buch an die Seite und schreib daran, schreib an den Rändern; wird da ein literarischer Text draus? Vielleicht. Aber es wird nicht lange dauern, dann wird's mit Deinem Geschreib ein Ende haben. Es ist Todesgewäsch, der Tod des Poeten, wenn er sich nicht an Formen halten will, statt dessen eine zum Vorbild nimmt und zwischenzeilig choreographiert.
    Ich gebe es auch offen zu: Celan hat mich noch nie begeistert. Nun, das ist wahrscheinlich sowieso ein illegitimes Wort für einen Schizoiden; er hat mich nirgends angetroffen. Vielleicht habe ich auch nur übersehen müssen, daß er weder Hölderlin noch Schiller jemals grüßte. Ich las neulich, daß er vor seinem Absprung von der Mirabeau-Brücke Hölderlin las. Wohl vergeblich. Der hätte sich nie in die Fluten gestürzt. Der hielt aus. Und ich bin auch so ein Aushalter. Jammern ist nicht mein plaisier.

  7. #7
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Das rote Haus

    Nur ein kurzer Gedanke dazu.
    Recht hast Du, Robert, wo Du Recht hast.
    Goethe hat geschrieben im Diwan: "Getretener Quark wird breit, nicht stark." Das zitieren leider zuviele Menschen, ohne den Rest zu kennen, es geht nämlich noch weiter: "Schlägt man ihn aber mit Gewalt in feste Form, er nimmt Gestalt." Das Zitat sollte man m.E. nur vollständig benutzen. Es wird dann auch Einiges klar von dem, was Du meinst, Robert. Es geht Dir um die Gestalt, die anzunehmen ein Text sicher in der Lage ist, aber dazu bedarf es an Arbeit, Schweiß und Gedanken. Ich verstehe es.
    Nun zu diesem Text. Er ist gut als Text, als Vignette von mir aus, warum denn nicht?
    Der Autor mag von der Tradition novellistischen Erzählens keine Ahnung haben, er mag auch die im angelsächsischen Raum tradierten Muster für diese Textgattung vernachlässigt haben, schlicht nannte er seinen Text Kurzgeschichte und spannte das rote Tuch damit auf für Euch, kampfbereit wie ihr ward und gereizt nehmt ihr ihn auf die Hörner (bin völlig in der Hemingway-Ebene, entschuldigt).
    Was soll Klammer denn tun, wenn er diese Gedanken hat, wenn er sie so zu Papier bringen will?
    Ich finde nicht, dass er sein Schreiben lassen soll hier in diesem Falle, nur weil er einen Code nicht beachten kann. Und das muss er wirklich nicht bei diesem Inhalt.
    Ich habe an diesem Text auch etwas auszusetzen, sicher, aber zunächst mal werte ich ihn positiv, weil er einen gängigen Erzählrahmen sprengt und weil er nicht belanglos und geschichtslos daherkommt und plakativ politisch sein will, sondern weil der Text durch die Wahl der Perspektive (und da hat er auch Fehler) einfach einmal etwas wagen will. Ich würde das gern noch weiter verfolgen...

  8. #8
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Das rote Haus

    Das mit den vollständigen Zitaten ist ein gutes Wort. Bravo! Ich hab da auch noch ein Zitat, das oft genannt und nur die halbe Wahrheit, mithin UNwahrheit präjudizieret: Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt ... Wer kennt es nicht? Es mußte immer herhalten, um den preußisch-deutschen Militarismus - den es nie gab - vors geistige Auge einer geistig minderbemittelten Gutmenschenöffentlichkeit zu stellen. Ich rede mich gerade in Rage. Also, das Zitat geht weiter: ...und dies zwingt uns, mit aller Kraft, den Frieden zu erhalten. Weil das gottgefällig ist! Wir modernen Menschen haben nämlich die Weisheiten des Alten Testaments hinter uns gelassen, als noch Auge um Auge galt: Jetzt gilt: Liebe deinen Nächsten. Von der antithetischen Verschränkung des Zitats will ich gar nicht erst reden. Aber genug dazu.


    Du sprichst ein mich sehr berührendes Thema an: Form und Inhalt.
    Klammer hat hier eine Geschichte erzählt. Hat er? Er hat einen poetischen Raum geschaffen. Hat er? Er hat uns Subjekte/Helden vors geistige Auge gestellt, mit denen wir Leser mitfiebern. Hat er? Er hat einen formalen Rahmen gefunden, in dem wir heimisch wurden. Hat er?


    Was hat er denn nun?
    erstellt von uis:zunächst mal werte ich ihn positiv, weil er einen gängigen Erzählrahmen sprengt...
    Könntest Du mir das mal erklären?


    Wir lösen das Problem wie folgt:

    • 1. Klammer äußert sich zu den Vorwürfen.
      2.Klammer schreibt eine Geschichte, die nur auf seinem Mist gewachsen ist.




    Anderen Vorschlägen gegenüber bin ich immer aufgeschlossen. Mehr oder weniger.

  9. #9
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Das rote Haus

    Robert, ich stimme Dir zu und bekenne, Dich selten so in Rage erlebt zu haben. Jaja...das mit den Zitaten, das regt mich auch auf ... alte deutsche Sitte, nur Halbwahrheiten verbreiten und denken, das macht den klugen Kopf aus.
    Deiner Lösung des Problems stimme ich zu, da ich dafür halte, dass Klammer den Regeln eines Forums entsprechend sich ebenfalls äußern darf.
    Zuvor will ich aber noch an dem Text etwas aussetzen, und zwar die Perspektive. Es spricht hier ein Ich sehr deutlich. Es wendet sich an ein Du, das merkt man aber erst nach einer Weile. Darin liegt ein gewisser Mangel. Warum wird nicht über den gesamten Text das reine "Du" als Perspektive aufrecht erhalten, warum muss der Autor so vorwitzig sein und doch noch ein "Ich" irgendwo einfügen? Ich wage die Behauptung, dass dem Text eine noch suggestivere Kraft innewohnen könnte, wenn gänzlich auf die Anwesenheit dieser drei Ich-Buchstaben verzichtet worden wäre.
    So, und jetzt hätte ich auch gerne mal, dass Klammer etwas sagt.
    Und das mit dem "Mist gewachsen" habe ich ehrlich gesagt nicht verstanden, denn wir setzen doch hier sicherlich alle Texte in das Forum, die von uns persönlich sind, oder?

  10. #10
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    AW: Das rote Haus

    Ich muss zugeben, ich bin überrascht: Dass dieser Text, den ich vor etwa vierzehn Jahren schrieb und den ich für mich selbst längst abgeschlossen hatte, eine solch emotionale Auseinandersetzung um Sinn und Form initiieren würde, hatte ich nicht erwartet, als ich ihn leichtsinnigerweise in diesem Forum zur Diskussion stellte.
    Nun bin ich aufgefordert, zu meinem Text Stellung zu beziehen und ich will ihn, so gut es mir möglich ist, verteidigen. Dazu will ich zuerst ein paar Worte zu seiner Genese verlieren: Er ist Teil einer Sammlung von Texten, die ich zu Bildern eines mir befreundeten Malers geschrieben habe, er ist also, wenn man so will, eine Bildinterpretation (Falls es gewünscht und überhaupt möglich ist, bin ich gerne bereit, ein "gif" des Gemäldes zu schicken).
    Der Maler Bernhard Wurzer stellte auf seinem Bild in sehr expressionistischer Farb- und Formgebung, in aggressiver, hastiger Malweise den alten Schlachthof der Stadt Straubing dar. Diesen Schlachthof assoziierte ich sofort mit einer eben gelesenen Beschreibung des Bahnhofsgebäudes des KZs von Treblinka. Damit war das Thema des Textes gefunden.
    Die Sprache ergab sich sofort aus der Sprache des Bildes und, ja, sie ist bis auf eine Textpassage nicht die meine: Wenn ich denn schon meine Quellen preisgeben muss (man sollte dies eigentlich von keinem Autor verlangen): Zitiert werden Karl Marx, Bakunin, ein geistliches Brevier und in erster Linie Georg Trakl und der frühe Benn. Es sind ihre Sprache und ihre Bilder, von denen der Text lebt (Beim Wiederlesen finde ich durchaus neben anderen auch Paul Celan: "...das Grab in den schwefelgelben Wolken", - Dein aschenes Haar Sulamith -, bewusst war mir Celan, der übrigens auch nicht zu meinen Lieblingen gehört, beim Schreiben allerdings nicht).


    Es ist ein Text, der den Versuch unternimmt, meine Erschütterung weiter zu geben, der packen und berühren will. Er möchte wie ein Fremder sein, der den einen Schritt zu nahe herantritt; hinein in das persönliche Schutzfeld, das wir um uns aufgebaut haben, er will und auch deshalb benutzt er diese anachronistische Sprache, aufdringlich sein. Ich wollte einen Text schreiben, dessen Stimmung beim Leser erhalten bleibt, auch wenn die Handlung, so er überhaupt eine hat, längst vergessen ist. Diesem, man kann durchaus sagen, gewollten Manierismus, entspringt auch das großgeschriebene "Du" des Erzählenden, es ist seine respektvolle, aber dringliche Botschaft an den anderen, an den Leser.
    Ursprünglich war dieser Text etwa dreimal so lang und war auch als Liebesgeschichte konzipiert. Mir wurde aber bewusst, dass ein Zuviel an Aufdringlichkeit nur Erschöpfung und Ablehnung bewirken würde. Der Text überfällt, aber ausgedehnter wird er langweilig. Deshalb kürzte ich und deshalb wird das Wortgemälde durch die ironische Arztgeschichte unterbrochen; bevor das "dicke Ende" kommt, soll ein Atemholen möglich sein. Es wurde ja von Robert sehr scharfsinnig bemerkt, dass hier mein eigener Ton anklingt.


    Zu der Frage, ob das Ganze eine Kurzgeschichte sei, möchte ich folgendes sagen: Als ich den Text schrieb, war es eine und ich habe, als ich den Text ins Forum stellte, nichts verändert (auch die sprachlichen Fehler, wie z. B. "das" Mär, statt "die" Mär, blieben stehen). Natürlich habe auch ich Deutschunterricht erlitten und weiß, dass der Text nicht der Definition der Gattung "Kurzgeschichte" entspricht, sondern eher ein langes Prosagedicht (Poeme en prose in der Tradition von Guarin oder Baudelaire), oder, um einen Begriff aus der Musik zu benutzen, eine Arabeske ist. Müssen wir aber, wenn wir uns am Beginn des 21. Jahrhunderts an Literatur versuchen, tatsächlich so eingeschränkt auf eine Schulbuchdefinition sein?


    Klammer


    Anmerkung: Ich bin gerne bereit, einen aktuelleren Text in diesem Forum zu veröffentlichen; allerdings sind die Geschichten, die heute schreibe, ungleich länger. Würde denn auch ein etwas epischerer Text, vielleicht ein Kapitel eines meiner Romane oder eine Erzählung gelesen?


    Die Kritik ist eine Bürste, die man vorsichtig verwenden sollte, weil sie sonst alles wegnähme. Balzac






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    hks
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  11. #11
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    AW: Das rote Haus

    Sei gegrüßt, lieber Klammer und hab Dank für Deine Kommentare.
    Seltsam, bin ich hier wohl der einzige, der zu Celan steht? Aber ich bleibe bei ihm, worauf Ihr Euch verlassen könnt. Es war mir jedenfalls nicht zu weit hergeholt, aufgrund eines Textes, der die Ausdrücke "Zyklon B" und "mit Milch getüncht" enthält, an Celans "Todesfuge" zu denken. Übrigens kommt in Klammers Text dann nochmal "mit Blut getüncht" vor, das nur am Rande...
    Deine Ausführungen, lieber Klammer, erhellen im weitesten Sinne mir meine zaghaften Ansätze zur Deutung. Was die Form angeht, gebe ich Dir Recht, eine Kurzgeschichte ist es nun wahrhaftig nicht, aber darüber kommen wir doch schnell hinweg, oder?
    Es gibt einen viel passenderen und etwas neutraleren Begriff, wenn überhaupt. Ich nenne diesen Text jetzt mal Kurzprosa, ganz einfach. Bei einer Vorstellung an ein Langgedicht sträuben sich mir die Nackenhaare, sowas können wir Deutschen nicht und sollten es Leuten wie Baudelaire und Walt Whitman überlassen, die haben auch die besseren Stoffe.
    Was uns jedoch fehlt, ist lyrische Prosa. Und das hier ist lyrische Prosa, lyrische Kurzprosa.
    Und um Robert zu zitieren, wenn es eine Interpretation zu einem Gemälde ist, dann hast Du etwas geschrieben, was wohl auf einem guten Mist gewachsen ist. Viel zu wenig finden wir in der Literatur die Verbindung von Malerei und Text. Was soll die ganze Hypertext-Euphorie, wenn ich es dem Medium entsprechend auch mal so gestalten kann, dass ein Mauszeiger über ein Gemälde-jpg führt und dabei Töne kommen und Texte sichtbar und gesprochen werden. Nein, das ist nicht Film oder Fernsehen, das entstehende Kunstwerk ist immer ein Unikat und unwiederholbar ein Bild-Ton-Text im Kopf des users.
    Wäre sicherlich eine Möglichkeit der Kurzgeschichte im 21. Jahrhundert. Ich weiß... ich weiß... aber jetzt wollte ich wirklich mal provozieren.

  12. #12
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Das rote Haus

    der text ist beeindruckend...ein sauber inszenierter vorwurf, lyrisch interpretiert. die konsequenzen implizieren sich im wortlaut. celan...ja...
    nachts ist dein leib von gottes fieber braun. mein mund schwingt fackeln über deinen wangen. nicht sei gewiegt, dem sie kein schlaflied sangen...die hand voll schnee, bin ich zu dir gegangen.
    und ungewiß, wie deine augen blaun im stundenrund (der mond von einst war runder). verschluchzt in leeren zelten ist das wunder, vereist das krüglein traums -was tuts?
    Gedenk: ein schwärzlich blatt hing im holunder - das schöne zeichen für den becher bluts..

  13. #13
    rodbertus
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    AW: Das rote Haus

    Klammer, es freut mich Deine Antwort.


    Jule, ich verstehe Dich. Die Sprache allerdings ist mir schleierhaft. Majaisch?


    Uis, darüber denke ich nach.


    Ich muß jetzt träumen. Mein Viertel ist getrunken, der Ammer röhrt, die Geduld ist strapaziert, die Tünche getrocknet. Musenquell nicht Hippokrene. Roßbach weit. Fallada.

  14. #14
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Das rote Haus

    Hallo uis!


    "Lesen heißt borgen, daraus erfinden abtragen." Lichtenberg


    Die Milch ist in der Todesfuge schwarz (ein bedrückendes und originelles Bild, wie ich finde), der Raum allerdings, der in Milch getüncht wurde, findet sich bei Trakl (Psalm, beide Fassungen):
    "... Es ist ein Weinberg, verbrannt und schwarz mit Löchern voller Spinnen.
    Es ist ein Raum, den sie mit Milch getüncht haben. Der Wahnsinnige ist gestorben."


    Grüße, Klammer


    ------------------
    hks
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  15. #15
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Das rote Haus

    Unruhig bewegst Du Dich auf Deiner schmalen Ruhestätte, die Dir kürzlich noch fremd und hart war; nun ist sie Dir vertraut, liebgewonnen, denn nur der Schlaf hat Erbarmen mit Dir. Du beginnst mit einem Widerspruch. Meinetwegen. Aber das ist gefährliches Terrain. Ich bin dafür, einen Text mit dem Gewohnten, dem Sinnsetzen zu beginnen. Wenn etwas Heimat schafft, dann bleibt der Mensch ruhig. In fremder Umgebung wird er unruhig. Du müßtest jetzt jedenfalls im folgenden diesen Widerspruch auflösen, verschärfen, jedenfalls thematisieren. - Andererseits ist es gut dialektisch gedacht, Widersprüche einfach im Raum stehen zu lassen, denn sie verschärfen eine poetische Situation udn bringen Spannung in diesen, sofern der Leser sich darauf einlassen will. Deine Hände krallen sich in fordernden Bewegungen in die unsaubere Decke, die unzureichend Deinen ausgemergelten Leib bedeckt und die der frühe Frost starr gemacht hat. Es ist bereits kalt hier im Osten, ein strenger Herbst weht neblig durch entlaubte Wälder und Dein Name hat einen anderen Klang bekommen; er ist fester, kantiger geworden in dieser Luft. Oft gleiten auf silbernen Schatten frühere Leiden vorbei und Rauch sinkt zu den Wassern nieder. Etwas diffus; erst ist der Herbst(wind) Thema, zuvor das Unruhigsein, was mit dem Herbst nicht viel gemein hat, der Frost klingt synästhetisch, ein Name hallt nach, dann Rauch und Wasser. Irgendwie schief, das Ganze. Meinetwegen, aber es bleibt beinahe und doch vereinzelt nebeneinanderstehen. Es müßte weiter verdichtet werden. Laß das Wasser weg! Bring das Silber zum Glänzen! Laß mich das Lautlose hören!
    Während ich vorsichtig nähertrete und Dich betrachte, den Reif an Deinen verkniffenen Lidern, Deine trockenen, wunden Lippen sehe, flüstert Dein Schlaf schmal diese Alliteration drängt sich auf; streichen vielsilbige Worte einer Sprache, die ich nicht kenne. Sie erscheinen kurz als Dampfhauch über Deinem Gesicht und haben einen sentimentalen, einen verlogenen Klang nein! zu eindeutig; sie schälen sich aus den Schlafgeräuschen der anderen Gequälten, mit denen wir gemeinsam den kurzen Trug der Nacht teilen, Nebensatzkonstruktion richtet hier mehr Schaden, als Nutzen sie bringt; bin für einfachen S-P-O-Satz heraus. Ich spüre die Gefahr, doch ich kann Dich nicht warnen. Jetzt rufe ich stimmlos, aber Du hörst mich nicht, Dein erschöpfter Schlaf hat mehr Macht als ich, er ist mein Feind, vor dem ich mich geschlagen geben muß. Das ist ein tolles Thema: erschöpfter Schlaf! Dabei würde ich ein bißchen bleiben wollen; bei Dir ist es nur Motiv und damit zerrst Du den Text in eine Richtung, die Du anfangs nicht nanntest. Ich hatte es befürchtet, daß eine komplizierte Einführung sich jetzt rächt: Der erschöpfte und doch unruhige Schlaf auf dem heimeligen und doch fremden Schlaflager... das wird mir hier zu kryptisch, bleibt aber doch hohlwangig Was bleibt mir übrig, als mich zu Dir zu setzen auf Dein hartes Lager? Immerhin bringst Du diesen Gedanken jetzt noch mal. Das ist hoch anzurechnen.
    Fern von uns, dort in der verwobenen Düsternis der anderen Seite der Hütte, weint ein junger Mann. Die erste Geschichte scheint für Dich hier abgeschlossen. Ist sie aber nicht. Du hast zuviel genannt, was jetzt im Hinterkopf nochg spukt; Du hast es aber nicht weiter thematisierst und springst jetzt zu einem neuen Gedanken. Laß Dir mehr Zeit! Ich beuge mich herab und mein Ohr berührt Deine gequälten, rissigen Lippen. Eine kurze Weile will ich Dir lauschen, versuchen, Deine unbewußte Botschaft zu begreifen; will ich mit Dir gemeinsam eine Chimäre der Stille nicht gelungen; wirkt hier überkonstruiert weben. Deshalb möchte ich Dich berühren, Deine krampfende Stirn mit der Innenfläche meiner Hand kühlen. Doch als würdest Du Dich Deiner schämen, rückt Dein Kopf zur Seite zu viele Nicht-Ichs, das DU wird hier eine Gefahr, die es nicht sein soll: Ich spüre, bald wirst Du in Krankheit erwachen, schwere Schmerzen werden Deinen Schlaf vertreiben, die eitrige, vielgeatmete Luft in der Hütte wird sich durch ätzende Gerüche dunstig brechen.

  16. #16
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Das rote Haus

    Hallo Klammer!


    Schön, der Trakl, wirklich... kannte ich noch nicht oder hatte es in meinen Gehirnwindungen verlegt...
    Danke!
    Der Celan war mir klar, den kenne ich nun mal in- und auswendig...

  17. #17
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Das rote Haus

    wurzer_rotes_haus.jpg

    Schönes Bild. Erinnert an Marc. Oder an die rote Kirche Mackes. Vielleicht eine Mischung aus dem expressiven Spiel der Jugendstilianer und dem Präkonstruktivismus der Bauhausianer. Die Strukturen scheinen mir ein bißchen überzeichnet zu sein.




    Es sind zwei Worte, die ich verstehe, ich habe sie niedergekauert Das verstehe ich hier nicht; in einer Bank kauern; auf einer Bank kauern; hinter einer Bank kauern - so oder so hat Kauern etwas, was ein agens benötigt: man kauert nicht ohne Einwirkung; wenn Du selbst etwas zum Kauern bringst, dann übst Du Gewalt aus; aber IN etwas Gewalt auszuüben, halte ich für unmöglich in die harten Bänke im Hause des Herrn verstehe ich auch nicht; ist hier der Fall falsch?; Gottes Haus, das Jesus?, jenes einer Kirche? Du stehst hier auf dünnem Eis, denke ich. Du stellst eine Frage mit einer Feststellung an ein Du, dieses Du aber steht neben dem Haus, ist nun das Haus zentral oder das Du. Ist das Du das Haus? gehört; es sind zwei
    Worte, die Du schnell und hastig wiederholst, die sich überschlagen und ineinander vermischen.
    Für die Qual Deiner Schuld liebe ich Dich zärtlich, mein Gefangener der Freiheit. Das ist verdreht. Klar, hier ist eine Antithese, die zudem chiastisch Begriffe verwirbelt. Aber diese Spielerei wirkt aufgesetzt, sie kommt nicht durch den Textfluß oder die inhaltliche Notwendigkeit zustande, sondern wirkt hier gewollt. Komm, erzähle mir erneut von den Ideen, die
    Du nie völlig begriffen und so lange verfälscht hast, bis Du an sie glauben konntest. Das ist ein guter Satz, der neugierig macht. Die Nächte sind kurz und die Tage voll Leid
    und Tod. Du bist verzweifelt, es tröstet Dich, wenn Du erzählst.
    Und das ist der Traum Deines Erwachens, ein Traum, den Du im Erwachen vergessen wirst. Welche Funktion hat der Traum? Ist er Bestandteil des Erzählens, der Traumverarbeitung, der Ausdruck für eine Verschiebung in Sprache?, ist er Seelenarbeit, die angekündigte Freiheit durchs Aufzeigen eines befreienden Wortes? Er ist wie Licht, das der Wind
    ausgelöscht hat:
    Halbherzig geworfenen Speeren gleich Das ist ein ziemlich übler Vergleich, der mich vollends aus der Leselinie wirft. taumeln staubdurchwirbelte Lichtfinger in das düstere und schweigsame Kirchenschiff Jetzt nimmst Du diesen Gedanken doch wieder auf; aber Du bist nicht weiter..
    wie in den Tagen Deiner Kindheit. Von den buntglasigen, fast heiteren Leiden des von Pfeilen wunden Sebastian Das müßtest Du zuvor erklären oder anzeigen. Sebastian verdient mehr als eine Benutzung; er müßte Thema sein, ein Thema zumindest. stechen sie
    herab. Sie machen die hölzernen Mienen der im Rund stehenden Geheiligten ehrfurchtsvoll lebendig, sie flecken farbig den
    Boden, auf dem Dich die Grabplatten von Bevorzugten, von Bischöfen und Kaufherren, stolpern machen. Nachdem Du Dich vor
    die Stufen des Altars geschleppt hast, es fiel Dir schwer, denn die Luft hatte sich zu einem zähen, unnachgiebigen Brei
    verdichtet, Was ist das? Brei ist nie dicht. kannst Du endlich Deine Beine beugen. Du spürst die Kälte und Härte ?? des Untergrundes, der durch das
    hingebungsvolle Rutschen vieler Knie glatt und speckig geworden ist.[/quote]


    Ich habe die Kommentare dieses Ordners gelesen. Ja, es ist ein Konglomerat, besser wohl ein Amalgam. An sich ist das nichts Schlechtes.

  18. #18
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Das rote Haus

    Diese "Geschichte" ist nicht schlecht, sie kann es gar nicht sein, denn "schlecht" ist ein Konzept, das dem Text so wesensfremd ist wie einem Engel ein juckender Hautauschlag.
    Das Rote Haus ist zutiefst empfunden, voller verzweifelter Trauer und würgender Wut - das Rote Haus ist mein (An-)klagelied.


    Klammer
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  19. #19
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Das rote Haus

    Der Text ist sprachlich sehr gut umgesetzt und operierend mit vielen Metaphern gräbt er sich in vielschichtige Seelenfluchten hinein und berührt mit zartharten Fingern die Rindenschicht unserer kollektiven Erinnerung. Aber das ist zu allgemein formuliert...die Problematik der Empathie ist auch heute noch ein schweres Unterfangen. Das wissen die am besten, die Celan nicht so mögen..??


    Zu Wort & Bild:
    Der expressionistische Ausdruck eines Bildes führt gradewegs zur impressionistischen Gefühlslage eines Menschen. Eine wünschenswerte Wechselbeziehung, die wiederum Ausdruck fordert. Mir gefällt es sehr, Bilder zu verworten, oder Worte zu bebildern. Das Ergebnis scheint mir die fast vollkommene Art menschlichen Strebens.


    Alles in allem, gefallen mir die Worte und der malerische Hintergrund ihres Entstehens.
    Der Text ist ein Kunstwerk. Das ist Fakt




    meint die kleine, dumme Jule ..

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