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Thema: Eberling

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
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    Post Eberling

    Als ich Eberling zum erstenmal sah, mußte ich an den Zeichentrickhund Spike denken, Sie wissen schon, dieses beigefarbene Muskelpaket aus Tom & Jerry. Er wurde mir vom Vorstand unserer Firma als mein neuer Chef vorgestellt, und ich befürchtete schlimmes für meine weitere Karriere. Auf seinen kurzen, stämmigen Beinen, die zu erstaunlich großen Schritten fähig waren, saß der Rumpf eines Gorillas; aus dem gewaltigen Gesicht blickten mich wimpernlose Schweinsäuglein mit schwitzender, zu allem entschlossener und vor Tatendrang fast berstender Fröhlichkeit an. Er atmete, als müsse er die Luft vernichten, nein, als müsse er ihr wehtun, um seine Körperfunktionen aufrechtzuerhalten. Jedes Heben seines Brustkorbs war eine Kriegserklärung an die ganze Erdatmosphäre. Eberling ließ meine Hand in seiner verschwinden und nannte seinen Namen, während er mir fast die Knochen brach. Ich nannte meinen, versuchte zu lächeln und überlebte diesen Tag.


    Nach einigen Wochen lud er mich und zwei meiner Kollegen zum Essen ein. Wir hatten ein paar Tage zuvor gemeinsam ein Seminar zum Thema Modernes Management besucht, und Eberling sprühte nur so vor neuen Ideen: "Wir müssen mal Tacheles reden, meine Herrn, und das tut man am besten bei einem guten Happen und einem frisch gezapften Bier."
    Tacheles war sein Lieblingswort. Er gebrauchte es bei jeder Gelegenheit und legte großen Wert darauf, jemand zu sein, der nicht um den heißen Brei herum sondern eben Tacheles redet. Natürlich erwartete er auch von seinen Mitarbeitern, daß sie Tacheles redeten, auch und gerade mit ihm - "Immer frei von der Leber weg und raus mit der Sprache!" Ob er wußte, daß sich gerade deshalb niemand traute, dies zu tun, ließ sich schwer sagen.
    Wir warteten, wie verabredet, vor den Bürgerstuben. Schröder und ich trugen das, was wir immer trugen, während Knickrath sich in Schale geworfen hatte und in seinem dunkelgrauen Anzug wie ein zu groß geratener Konfirmand aussah. Mit einer Verspätung von höchstens zwei Minuten sahen wir Eberling auf der gegenüberliegenden Straßenseite seinen 7er BMW parken und uns zuwinken. Er stieg aus und bretterte über die Straße, als sei der Asphalt sein Feind - jeder Schritt ein Verstoß gegen die Haager Landkriegsordnung, sein Gesicht ein Schlachtfeld, auf dem fröhlich und gutgelaunt gemetzelt wurde. Er begrüßte uns, klatschte in die Hände und rief: "So, meine Herrn, dann wollen wir mal!" Bei ihm mußte alles einen fest umrissenen Ausgangspunkt haben, die Dinge durften nicht einfach so nahtlos fließend ineinander übergehen, und er mußte derjenige sein, der sie ins Rollen brachte.
    Ich stellte mir Eberling beim Sex vor und vermutete, daß jede Phase des Liebesspiels von ihm mit einem Fanfarenstoß eingeleitet wurde.
    "Mit dem Essen warten wir noch, bis meine Frau kommt", sagte er, "aber jetzt gehen wir erst mal was trinken!"
    Ich sah Schröder an, Schröder sah mich an, denn von Eberlings Frau war nie die Rede gewesen. Eberling wuchtete die Tür zum Restaurant auf und vereinnahmte die Räumlichkeiten. Wir wurden an unseren Tisch geführt und bestellten vier Bier. Eberling trank sein Glas in einem Zuge aus, wischte sich den Schaum vom Mund und bestellte vier neue.
    "Die alten Strukturen!..." sagte er und nahm einen weiteren großen Schluck, "die alten Hierarchien und Denkgewohnheiten!..." - seine rechte Hand vollführte eine parallel zur Tischplatte verlaufende Bewegung, die wie ein horizontaler Schnitt durch einen großen Käse aussah -, "Schluß damit!" Wir nickten. Eberling schien mit sich und der Welt zufrieden zu sein.
    "Die alten Zöpfe müssen ab!" fuhr er fort, "wir sind ein modernes Unternehmen, und der Vorstand läßt keinen Zweifel daran, daß... ich meine...!" Wir nickten immer noch.
    "Eigenständiges, verantwortungsbewußtes Handeln!" sagte er langsam und würdevoll.
    "... und Denken", ergänzte Knickrath kleinlaut. Er komplettierte damit das Zitat des Seminarleiters. Wäre der Satz auf seinem eigenen Mist gewachsen, hätte er sich nicht getraut, ihn zu sagen.
    "... und Denken!" pflichtete Eberling etwas gelangweilt bei, ohne Knickrath eines Blickes zu würdigen. Knickrath bebte vor Glück und seine glänzenden Augen huschten von einem zum anderen.
    "Gut!" sagte Eberling und blickte verträumt ins Nirgendwo, als hätte er nun die wichtigsten Punkte des Abends geklärt. Wir stießen miteinander an (ein Ritual, das ich hasse, aber Eberling bestand darauf), tranken, seinem Beispiel folgend, wie Verdurstende, und bestellten die nächste Runde.
    Aus einer plötzlichen Inspiration heraus erzählte ich einen schmutzigen Witz, weil das Schweigen nach Eberlings Vortrag etwas unangenehm wurde. Eberling hörte gespannt und mit glühenden Augen zu, vibrierte am ganzen Körper, und ich sah, daß er eigentlich nicht wirklich zuhörte sondern nur auf die Gelegenheit wartete, selbst ein paar Kalauer, die ihm auf der Zunge lagen, zum besten zu geben. Der Witz war miserabel, und ich versaute auch noch die Pointe, aber Eberling brüllte los und die anderen brüllten hilflos mit. Sein Lachen war weniger Ausdruck wirklichen Humors (er hatte keinen, jedenfalls keinen, der diese Bezeichnung verdiente), sondern eher eine Art Nichtangriffspakt, den er auf diese Weise anbot. Allerdings hielt ihn dieses Angebot nicht davon ab, mir seine tennisschlägergroße Hand mit solcher Wucht auf die Schulter zu dreschen, daß es mir fast den Arm ausgekugelt hätte. Ich hatte einen Freund gefunden, soviel stand fest.
    In den folgenden zwanzig Minuten erquickte er uns mit einer Flut von Witzen, die größtenteils von in den Puff kommenden Männern und von zum Arzt kommenden Frauen handelten. Das Lachen wurde immer mechanischer, aber niemand traute sich, die Lautstärke unter die einer startenden Concorde zu senken. Nur Knickrath schien sich wirklich zu amüsieren.
    Eberling war bereits angeheitert, und als Knickrath mal zum Klo ging, überraschte er mich mit einer völlig anderen Seite seiner Persönlichkeit: "Das Theater", sagte er, "ja, das Theater! Die Firma ist... ja! - Aber das Theater!..." Ich trank den Rest meines fünften Bieres und sah plötzlich jemanden vor mir, der in Eberlings grobschlächtiger Erscheinung gefangen zu sein schien. "Und auch die Kunst und die Literatur," sagte er und machte ein paar unsichere Handbewegungen, als wolle er nach etwas greifen, das nicht greifbar war, "... die... ach! Manchmal, ja... manchmal denke ich... nun ja, der Mensch... das Leben..." Er sah mich verzweifelt an, als hoffe er, daß ich den Gedanken verstanden, aufgegriffen und für ihn weitergedacht habe, und irgendwie hatte ich das auch. Dieser neue Eberling hatte was Abstoßendes, aber ich sah ihn trotzdem in einem anderen Licht. Da war jemand, dem er nur äußerst selten gestattete, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren, und irgendwie hatte das war Rührendes, obwohl ich mich von Eberling nicht rühren lassen wollte.


    Als ich seine Frau sah, verdichtete sich das Bild des neuen Eberling in mir. Ich hatte mir einen feisten Hausdrachen vorgestellt, aber es war ein ätherisches Wesen, das die Bürgerstuben betrat, und ich wußte sofort, daß diese Frau das verkörperte, was mein Chef in seinem tiefsten Innern gern gewesen wäre - ein kultivierterer, ein grazilerer, ein feinstofflicherer Eberling. Sie schwebte durch den Raum mit ihrer spröden, äschernen Erotik, grüßte kurz, fast lautlos, und setzte sich an unseren Tisch.
    Die Atmosphäre bekam eine andere Farbe, einen anderen Klang. Es wurde stiller und beunruhigender, nachdem sie aufgetaucht war, und es war eine Erleichterung, als der Kellner endlich das Essen brachte. Eberling war ganz Mund, ganz Kiefer, ganz Kauen und Schlucken, während er die vor sich aufgetürmten Fleischberge verschlang; seine untere Gesichtshälfte erstrahlte fettgleißend im gedämpften Licht. Seine Frau, die sich mit einem kleinen Vorspeisenteller begnügte, machte ein spitzes Mündchen und kaute nur mit den Schneidezähnen, als wolle sie die feste Nahrung möglichst lange von sich fernhalten. Sie ließ das Essen nur widerwillig in die tieferen Regionen ihres Körpers vordringen und schaute bei jedem Schlucken ein wenig verzweifelt drein, als habe sie sich bewußt einem Akt der Vergewaltigung ausgesetzt. Einmal sah sie mir für den Bruchteil einer Sekunde mit ihren großen braunen Augen direkt ins Gesicht. Es lag nichts greifbares in diesem Blick, nichts, das wirklich Substanz besaß, nur eine irgendwie verrückt in sich selbst ruhende, fleischlose Weisheit, und jenseits davon... ich weiß es nicht, vielleicht eine unstillbare und alles verschlingende Sehnsucht, die ums überleben kämpfte. Trotzdem wußte ich, daß etwas passieren würde. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, vielleicht nicht in drei Wochen. Aber es würde etwas passieren.


    Es passierte ein halbes Jahr später, als Eberling geschäftlich im Ausland zu tun hatte. Sie rief mich auf der Arbeit an, und wir verabredeten uns für denselben Abend in einem Hotelzimmer, das sie gebucht hatte. Sie sagte nicht viel; das einzige, was ich aus ihr herausholte, bevor wir uns wie die Irrsinnigen liebten, war, daß sie litt, daß sie ihr Leben als eine unglaubliche Strafe empfand. Was sie danach mit mir veranstaltete, war für mich alles andere als eine Strafe. Ich glaube, sie war tatsächlich ein bißchen verrückt.
    Wir trafen uns von nun an bei jeder sich bietenden Gelegenheit, und als Eberling uns erwischte, trafen wir uns zum erstenmal in ihrer Wohnung, die bis dahin Tabu gewesen war. Ihr Körper war warmer Marmor und brachte Saiten in mir zum Schwingen, von denen ich nicht gewußt hatte, daß sie überhaupt existieren. In dem ekstatischen Taumel, der unsere Treffen fast immer begleitete, hatte ich mich ihr blasphemisch genähert, als Eberling plötzlich mit einer Plastiktüte mit der Aufschrift Nordstadt Grill im Türrahmen stand.
    Eberling brüllte, nachdem ihm klargeworden war, was er da vor sich sah, aber es waren keine Worte, die er brüllte, sondern unartikulierte Laute, denn Worte standen ihm scheinbar nicht zur Verfügung. Ich zog die Decke bis zu meinem Hals hoch, und Eberling zog seine Frau an den Beinen aus dem Bett, bis sie nackt vor ihm auf dem Boden saß - nackt und blaß und wunderbar. Er brüllte noch immer, und nur mit Mühe konnte ich Worte wie "Schlampe", "Hure", und "Flittchen" heraushören. Dann setzte Schweigen ein, und die Szene wurde gespenstisch.
    Nach einer Ewigkeit richtete sie sich auf, und in ihrem Blick lagen eine Wut und eine Entschlossenheit, die ich ihr niemals zugetraut hätte. Sie schleuderte ihre Arme nach hinten, warf den Kopf nach vorn und kreischte in einem alles durchdringenden Sopran: "DUUU... MANN!" Es klang, als wäre "Mann" die ungeheuerlichste Beleidigung, derer sie fähig war, und sie verfehlte nicht ihre Wirkung, denn Eberling zuckte erschrocken zusammen. "DU MANN! - DUUU... DU GROBER KLOTZ!" schrie sie, und Eberling wankte, begann zu straucheln und taumelte rückwärts in die Küche. Nach einigen halbherzigen Versuchen, das Gleichgewicht wiederzufinden, ging er schließlich zu Boden, und dort saß er nun und starrte seine Frau aus großen, ungläubigen Augen an. Eberling weinte!
    "DUUU...! - IMMER NUR FRESSEN UND FRESSEN, IMMER NOCH MEHR UND NOCH MEHR UND NOCH..."
    Sie hielt mit wildem Triumph einen Packung Reis in der Hand und warf ihm den ersten Kochbeutel ins Gesicht, dann den nächsten. Er brüllte vor Schmerz, versuchte, sich mit den Händen zu schützen, aber der dritte Kochbeutel traf seine Stirn.
    "JAAA!" schrie er seinerseits, "ich bin ein grober Klotz, ja, JAAA, ich bin ein MANN!" - Das scheinbar brutalste Eingeständnis seines Lebens. "Immer nur fressen", wimmerte er, "und immer noch mehr und mehr und mehr..."
    Er griff in die Plastiktüte mit der Aufschrift Nordstadt Grill und brachte eine riesige Grillhaxe zum Vorschein. Er schlug sie sich auf den Kopf, immer und immer wieder, in immer kürzeren Abständen und immer fester, während er sich selbst beschimpfte. Seine Frau hatte einen der Kochbeutel aufgerissen, griff hinein und bewarf ihren Mann mit losem Reis. Er heulte auf, als sei eine Ladung Schrotkugeln auf ihn niedergegangen, aber es gab kein Mitleid, kein Erbarmen. Sie hatte die letzten Hemmungen wie eine tote Larve abgestreift, jahrelange Entwürdigungen, Unterdrückungen und tiefsitzender Schmerz brachen vulkanartig aus ihr hervor, und nun war es blanke Mordlust, die sich in ihrem Blick spiegelte. Sie bewarf ihn mit Teebeuteln, schüttete ihm Milch über den Kopf und stach mit Spaghetti auf seine Oberschenkel ein. Eberling suhlte sich in Schmerz und Selbstanklage, während er die Haxe, von der sich allmählich das Fleisch zu lösen begann, immer und immer wieder auf seinen Schädel niedersausen ließ. Schließlich war es der nackte Knochen, mit dem er sich für seine das Antlitz der Erde beleidigende Existenz bestrafte; es floß Blut und er wurde bewußtlos, aber mit letzter Kraft hieb er ein letztes mal auf sich ein. Dann wurde es still, und nur Entsetzen lag noch in der Luft.


    Ich verließ die Wohnung wie in Trance. Ich wußte, daß Knickrath mein neuer Chef sein würde, und Knickrath hatte kein zweites Gesicht, da war ich sicher.



    [Diese Nachricht wurde von Mark am 17. Dezember 2000 editiert.]

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Eberling

    Der Anfang ist witzig und enervierend. Der Charakter entsteht vor dem geistigen Auge, er wird greifbar und macht neugierig. Dann bin ich schwer enttäuscht, denn warum muß das Ich diese Frau IRRSINNIG LIEBEN,. warum folgt eine Reihung stereotyper Langeweile? Das klingt so abgeschmackt. Wäre es hier nicht sehr viel spannender gewesen, wenn die Frau und das Ich sich zart berührt hätten, eine Beschreibung des zweiten Gesichts des Ichs?!


    Den Schluß finde ich dann wieder gelungen. Den Rest. the closer you get

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Eberling

    tolle geschichte! da stimmt mal alles. ich glaube fast, die kurze distanz liegt dir mehr; da muss man ja auch etwas raffen.
    anscheinend haben wir auch den gleichen frauengeschmack, ich bin auch ein verehrer des ätherischen.. nur, dass sie bei mir nicht einfach so anrufen, die elfen

  4. #4
    rodbertus
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    AW: Eberling

    iodin, wo hast Du Deine Augen? Die Geschichte ist psychologisch nicht stimmig. sie ist konstruiert. Die Frau agiert nicht, sie ist Objekt, mithin ist sie austauschbar und bestenfalls eine Vase im Dunkel, in die der Schreibende nur hineinfallen kann... und ersäuft. Ihre Elfenhaftigkeit ist nur genannt, nicht aber durch Handlung manifestierbar.

    Was macht denn eine wahrhaftige Geschichte aus: Der Schreibende zieht an den Strippen der Agierenden, kommt ohne Brokat aus, ohne Bombast des Setzens und Konstruierens. Mark macht hier den Fehler, die klare Struktur der Geschichte zu antizipieren, indem er dem Hansdampf in allen Gassen ein Gegenteil subsumiert, wahrlich unterschiebt, wodurch die Handlung nebensächlich wird, wenn diese Figur nicht selbst agiert. Und dies tut sie nicht. Sie wird benutzt, um dem Helden eine Reißleine ins geifernde Maul zu legen, denn jetzt frage ich: Wodurch unterscheidet sich dieser Bierdeckelpoet von seinem Chef?


    Nein, ich muß hier entschieden widersprechen, iodin: Die Beziehung zur Frau ist nicht angezeigt, die Frau ist eigentlich gar nicht existent.

  5. #5
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Eberling

    Robert, jetzt steh ich auf dem Schlauch!
    Der Text ist eine Satire mit bewußt überzeichneten Typen und Charakteren (vor allem natürlich Typen). Er will nicht mehr hergeben als das, was er hergibt, und psychologische Unstimmigkeiten kann ich nicht ausmachen, denn dafür steckt insgesamt zu wenig "echte" Psychologie drin. Es sind Beobachtungen, keine bis in die Essenz des Menschen vordringenden Analysen. Gegenstand der Geschichte ist Eberling; letztendlich dient alles seiner Beschreibung, auch seine Frau, die somit natürlich innerhalb des Textes als Charakter nicht existent ist. Was bliebe, wenn sie's wäre? Eine in die Hose gegangene Studie, aber keine Satire.

    Iodin, Du hast recht, ich stehe wirklich auf ätherische Frauen, aber leider rufen die bei mir auch ziemlich selten an.

    Gruß, Mark

  6. #6
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Eberling

    Lieber Schlauchsteher!

    Hab das schon begriffen mit dem Satirischen. Das ist auch nicht mein Kritikpunkt. Meine Kritik bezieht sich auf das Ungleichgewicht in den Handlungsebenen. Es agieren zwei Männer und eine Frau, wobei die Frau es eben nicht tut. Sie wird gehandelt, sie ist ein Abziehb/wild der kompensierten Transformationen eines sich im Alttag erschöpft habenden Geistes/Ungeistes des zivilisatorisch ausgemergelten und arbeitsteilig rudimentären Menschengeschlechts der Postmoderne. Der Mann konnte nur Chef sein. Der Mann konnte nur bestimmte Skribies besitzen, um überhaupt kategorisierbar zu sein. All das hast Du gemacht, und Du hast es gut gemacht. Aber die Frau! Die Frau verdient einfach mehr Aufmerksamkeit, nicht nur diese Ansagplattitüde. Durch sie könnte hier tatsächlich eine Satire entstehen, vielelicht sogar mehr - bei aller Stringenz der Klischeeisierung.
    Und weil Du das versäumt hast - eben der Frau ein unaustauschbares Gesicht zu geben -, entsteht ein Ungleichgewicht in der Geschichte, die Frau ist nur ein Abziehbild, sie aber könnte ein Spiegelbild des Wünschens sein! Mach sie dazu, indem Du sie handeln läßt, indem Du ihr eine nette und sympathische Eigenschaft verleihst, die sich nicht auf Äußeres bezieht!

  7. #7
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Eberling

    robert, du hast nicht so ganz unrecht. allerdings finde ich den mangel nicht gravierend, denn schliesslich sind alle figuren nur skizziert; und die frau soll doch auch nur so eine art indikator sein für die "bessere" seite von eberling - der klar im mittelpunkt steht. vielleicht ist es eine schwäche, dass am ende so viel an problematik hinter der frau zu erahnen ist - das macht sie mysteriös, das passt doch ganz gut zu ihr. ja, es ist genug darin angelegt, um sie zu einer eigenständigen figur auszubauen, aber das wäre dann wieder eine andere geschichte.

  8. #8
    rodbertus
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    AW: Eberling

    So so, eine andere Geschichte? Glaub ich nicht. Die Frau ist ein wichtiger Bestandteil von Marks Geschichte, nicht nur im Kontext Eberlings zu lesen, sondern fundamental als Antinomie, ja als Antonym zu lesen. Und dieses muß genauer umrissen sein, nicht mysteriös in einem Schleier verpackt, wobei die Option auf Auswicklung makulabel. Sind mysteriös und ätherisch Synonyme?

  9. #9
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Eberling

    Mark, diese Geschichte ist schlichtweg KLASSE!
    Zwar stimme auch ich Roberts Einwurf in gewissen Grenzen zu - die Darstellung der Frau wäre verbesserungsfähig - doch ist das nichts weiter als ein untergeordneter, zu beseitigender Makel auf der Konzeptionsebene. Untergeordnet schon deshalb, weil

    a) die Antonymie zwischen Eberling und seiner Frau, die ich als ein sich spät entfaltendes Thema der Geschichte ansehe, auch so noch recht gut rüberkommt, und
    b) weil dieses Thema völlig im Schatten der opulenten sprachlichen Gestaltung steht.

    Die Geschichte ist so lecker und witzig geschrieben, daß sie mir schieren Genuß bereitet, und dabei ist es mir schon fast nicht mehr wichtig, worum es eigentlich geht. Ich wäre auch mit dieser herrlichen Beschreibung des wurstförmigen, schlabber-grunzenden, lustig-gröhlenden Eberling (allein schon der Name!) zufrieden gewesen, wenn er nur seine Jungs tüchtig unterdrückte, aber keine Frau gehabt hätte. Eberling ist einfach saugut, hochkomisch, gelungen! Die Frau - als sein Kontrapunkt - war zunächst eine Überraschung, wie sie da in die Kneipe hereinschwebt, und bis dahin gefällt sie mir auch noch, ihr Wesen wird soweit klar.
    Danach - vor allem bei den Bettkontakten mit dem Erzähler - geht's mir etwas zu schnell. Da sehe ich dann Mrs. Robinson aus dem Film "Die Reifeprüfung" (The Graduate, 1967) vor mir, die nur bumsen will, weil sie sich in ihrer Ehe so langweilt, aber nicht reden will, was der Langeweile womöglich besser abhelfen könnte. Was ist es denn eigentlich, was die Frau an ihrem Mann ankotzt? Seine Freßsucht, Unmäßigkeit, Grobheit, Selbstbezogenheit, rücksichtslose Dominanz auf der einen Seite, und seine MANGELNDE Feinsinnigkeit, Kultiviertheit, Bildung, Selbstlosigkeit, persönliche Zuwendung, d.h. Interesse an der Welt und vor allem an ihrer Person auf der anderen Seite. Wenn sie sich also einen anderen Menschen sucht, den sie für feinsinniger und weniger grobschlächtig hält (den Erzähler), warum sollte sie dessen Vorzüge nur beim Sex suchen, sonst aber nicht mit ihm reden wollen?
    Nun ja, ihre Probleme genau vorzuführen, würde womöglich dem Charakter der knackig-beschreibenden Satire zuwiderlaufen. Deshalb müßte ein Absatz, der die Frau deutlicher werden läßt,

    a) kurz sein,
    b) trotz allem humorvoll gebracht werden und
    c) nicht zur Hauptsache in der Geschichte werden.

    Die Frau könnte so plausibler werden und so bereits auf der Ebene des Erzählens von ihrer Rolle eines nur unterdrückten, passiven ätherischen Wesens befreit werden, bevor sie sich in der Handlung durch ihren Vulkanausbruch selbst davon befreit.
    Aber ist das alles eigentlich so wichtig? Geht's hier um die Frau? Auch, aber nicht in erster Linie. Ich empfehle einen sehr kleinen Eingriff, um das Problem möglichst schonend zu korrigieren und dabei den Charakter der Geschichte nicht zu verändern, die ja die Geschichte "Eberling" ist, und nicht die Geschichte seiner Frau.


    Am Ende noch ein paar kleine Kritikpunkte zu den Details:

    1. "Er atmete, als müsse er die Luft vernichten, nein, als müsse er ihr wehtun, um seine Körperfunktionen aufrechtzuerhalten."

    Das "Vernichten der Luft" ist völlig ausreichend und sprachlich eleganter ohne den zweiten Teil des "Wehtuns der Luft", das ich mir zudem nicht recht vorstellen kann. Auch die Kriegserklärung an die "ganze Erdatmosphäre" finde ich etwas zu viel (zumindest das Wort "ganze" sollte weg).

    2. Die zwei kurzen Absätze, welche die erste und dann die folgenden Bettszenen berichten, entbehren weitgehend der detailfreudigen Beschreibungen, wie sie im übrigen vorherrschen und mir dieses wonnige Grinsen entlockt haben. Jene zwei Absätze jedoch sind allzu allgemein gehalten, sie sind offensichtlich nur dazu da, die Veränderung der Situation mal eben zu skizzieren, damit das klar ist. Deutlich sehe ich erst wieder, als Eberling mit seiner Tüte vom Nordstadt-Grill im Zimmer steht; das macht mehr Freude! (So gesehen teile ich Roberts vorübergehende Enttäuschung an dieser Stelle).

    3. Daß ein Reisbeutel, der Eberling im Gesicht trifft, wehtut, mag sein. Daß er deshalb vor Schmerz brüllt, kommt mir übertrieben vor, das klingt mehr nach einem eingeklemmten oder abgetrennten Körperteil. Sollte in dem Brüllen auch sein seelischer Schmerz mitschwingen, so wäre das hier mißverständlich bzw. nicht klar genug dargestellt.


    Aufs ganze gesehen: Vielen Dank, Mark, hat einen Riesenspaß gemacht!

    Gruß,


    Vincent

  10. #10
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    AW: Eberling

    Dank & Gruß zurück!

  11. #11
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    AW: Eberling

    Eine Frau, die mit so wenig Genuß ißt, kann nicht "irrsinnig" lieben. Eine Frau, die mit solchem Widerwillen Feststoffliches und Flüssiges, Säfte, kostet, ist im Bett eine Null. Das ist der Widerspruch, der mich gestört hat. Sonst nichts. Huch, ihr Körpersäfte, ich habe ätherisch gesprochen. Und da lob ich mir doch die andrea.

  12. #12
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Eberling

    ja, hannemann,
    da ist genau das problem, das mich die ganze zeit schon beschäftigt hat, ohne es bewußt wahrgenommen zu haben. absolut richtig, es war mir fast peinlich, als mark seine saiten bei ihr schwingen ließ!
    geht das so mit einer so ätherischen frau?
    da fehlt einfach ein mann der probaten genüsse, der weiß, von was die rede ist, wenn eberling die fleischberg im gedämpften licht verschlingt, ein mann wie du, hannemann, was du uns ja schon bewiesen hast!
    das scheint mir aber auch das einzige, was hier geändert werden sollte, denn eberling ist eine wucht, so oder so!
    aber mit einem wesen aus fleisch und blut wärs nicht auszuhalten!


    big

  13. #13
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Eberling

    Wollt ihr damit andeuten, daß es keine magersüchtigen Nymphomaninnen gibt?

  14. #14
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Eberling

    Nur magersüchtige! Genuß hat nichts mit Fette zu tun.

  15. #15
    rodbertus
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    AW: Eberling

    Ja, die Frau. Ich habe eine ätherische Freundin, eine, die ganz Frau ist und doch sanft und zart, beinahe durchsichtig. Und was ißt diese Frau am liebsten: den Sterz vom Federvieh! Und Fleisch fehlt hier. Das, was Eberling dem amen nach schon auf der Schnauze stolziert, das fehlt der durchsichtigen Blassen. Ist's sie's, ist sie's nicht? Ein Wesen? Das nämlich ist des Pudels Kern in dem zwischenmenschlichen Bereich - Mark, wir leben mit diesen Frauen, die uns durch ihre Wahrnehmungslosigkeit im Wahrnehmbaren bezirzen - , daß eine Frau nur dann ganz Frau ist/wird, wenn MANN den Eindruck gewinnt, daß sie seinen Schwanz auffressen könnte mit der Kraft ihre Beißorgane.


    Deutlich genug?


    Aber sonst: großes Lob. Die Geschichte ist prima!

  16. #16
    howah
    Laufkundschaft

    AW: Eberling

    Eine fabelhafte Geschichte; auch meine Wahl für Dezember.
    Aber was habt Ihr alle mit der Frau? Sie agiere nicht? Sie agiert ganz schön, erstens, wenn sie den Erzähler anruft, vor allem aber wenn sie nach der "Entdeckung" ihren Eberling mit Fressbarem traktiert - statt flennend zusammenzubrechen, wie Ihr wohl erwartet habt. Dass sie mit Widerwillen isst, ist doch klar? ich kenne eine verfressene Mutter mit einem Kind, das in ihrer Gegenwart einfach nichts herunterbringt. Und, meine Herren, die bedauern, nicht von ätherischen Frauen angerufen zu werden: seid froh. Gerade sie entwickeln manchmal (wenn nötig) eine ungeheure Kraft, wenn sie (endlich) mal loshauen.
    Mark, wieso akzeptierst Du eigentlich die Kritik an der Frau? Sie ist doch sehr gut geschildert. Der Übergang mit dem Telefonat ist vielleicht ein bisschen abrupt, vielleicht hätte Sympathie schon beim Essen sichtbar geworden sein, vielleicht sollte die Entdeckungs-Situation ein bissl mehr beschrieben werden - aber sonst: alles klar.

    Howah

  17. #17
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Eberling

    Mark ist eben ein Akzeptierer! Weichei des Monats. Aber er ist auch ein Weichei, das tolle Geschichten schreiben kann. Viel kenne ich ja nicht von Dir, aber diese Geschichte ist großartig. Davon solltest Du zwanzig Stück schreiben, alle so in diesem kurz angebundenen und tief reichenden Sinn; ich habe das Gefühl, diesen Eberling vor mir schmatzen und schlürfen zu hören.
    Ein Sympath, gefällt mir.
    Die Frauen? Seit wann handeln Frauen? Meine Erfahrung sagt mir, daß sie schön zu sein haben, und vor allem sollen sie den Mund halten. Davon abgesehen gibt es viele Formen der Lust, auch der Freßlust: es muß nicht immer gesotten und gebraten sein und nur mit spitzem Zahn schnabuliert werden. Ich hab selber eine ätherische Frau. Die können nicht nur zuschlagen, sondern auch viel einstecken. Sie wollen das.

  18. #18
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Eberling

    Nix akzeptiere ich, und der Eberling bleibt wie er ist (ebenso seine Angetraute).
    Danke an alle Leser!


    Vorweihnachtliche Grillhaxen-Grüße von


    Mark

  19. #19
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Eberling

    Der Eberling ist doch nur ein Kleinbürger mit saftlosem Schmerbauch. Aber das, mein lieber Möppel, hast Du vielleicht nur aus Dir selbst geschrieben, von der Seele abgeschrieben.

  20. #20
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    4.May 2000
    Ort
    Dortmund
    Beiträge
    95
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Eberling

    Hääh?
    Was wollen mir diese Worte sagen - nach all den Monaten? Bezieht sich das das auf den Eberling oder auf meinen letzten Beitrag?...


    ... fracht sich
    Maak

  21. #21
    resurrector
    Laufkundschaft

    Exclamation AW: Eberling

    Zur Schau getragen, gewogen und befunden. Nicht durchgefallen, aber zuweilen leicht wie ein Edamer. (Und die sind meist schwer verdaulich.) Weil sie unausgereift und vorschnell verschlungen den Magen erreichen. Das Erbrechen kommt später. Manchmal.


    Der Anfang ist lesbar, weil Mark die Fähigkeit exzeptionellen Denkens besitzt, dann erschlafft die Spannung, um sich durch Artistik aus einer Warteschleife zu ziehen. Nichtsdestotrotz wählten diesen Text die Wolkensteiner im Dezember 2000 zum Beitrag des Monats. Literatur ist das hier allemal.

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