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Thema: Erinnerungen

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post Erinnerungen

    Dies ist ein weiterer Bestandteil von Abschied, kann aber auch als eigener Text gelesen werden. Fortsetzung folgt...


    Meine erste Kindheitserinnerung setzt mit vier Jahren ein. Mein jüngerer Bruder und ich schichteten zwei dieser türkisgrün gepolsterten Eisenstühle aufeinander, kletterten auf den Turm und spielten immer in das schwarze kratzige Teppichmeer springen. Beim Aufprall schlugen wir uns die Knie auf. Unsere Mutter durfte nichts davon wissen. Deshalb bissen wir bei der Landung die Zähne aufeinander. Das Ergebnis war, daß ich eines Tages mit dem Kopf gegen die Heizung knallte. Diesmal brüllte ich. Ich hatte ein Loch im Kopf und mußte im Krankenhaus genäht werden. Das war der erste Schlag auf meinen Kopf. Weitere sollten noch folgen.


    Seit diesem Erlebnis hatte ich immer den gleichen Traum. In einer Gewitternacht war er besonders deutlich. Ich war ganz tief unten. Es loderte in Flammen. Und dann trat ich dem Teufel gegenüber.


    Meine Eltern, Thomas und ich wohnten damals in einer viel zu kleinen Dachwohnung, in der es im Sommer zu heiß wurde. Meine Mutter stolperte immer über die orangene Matchbox-Rennbahn, die mein Bruder und ich im Gang aufbauten. Sie fluchte jedesmal, wenn sie zu Fall kam und Thomas und ich heulten, wenn sie eines der Plastikteile aus der kunstvoll aufgebauten Looping-Rennbahn riß.


    Als ich fünf war, dachte meine Mutter, sie müßte eine Ballerina aus mir machen. Meine Ballettlehrerin, Frau Baum, war eine dieser Frauen mit Stiernacken, Damenbart und kurzgeschorenen schwarz-weiß melierten Haaren. Genauso wie sie aussah, gab sie auch ihre Kommandos. Ich stand immer an der Stange mit meinen schwarzen Turnschläppchen mit Gummizug bekleidet und wagte nicht, in den Spiegel zu schauen, da meine Bewegungen zu plump waren, im Vergleich zu den anderen Mädchen. Ich beneidete meinen Bruder darum, daß er nicht diese Tortur über sich ergehen lassen mußte. Ganz katastrophal wurde es, wenn wir den Spagat übten. Davor fürchtete ich mich jedes Mal. Immer war ich diese Handbreit vom Boden entfernt. Soviel ich auch daheim übte, mir war es nie vergönnt mit meiner Scham, unten am Boden anzukommen. Einmal wurde Frau Baum richtig wütend deswegen, lehnte sich mit ihrem massigen Leib auf mich und versuchte mich hinunterzupressen. Ich jaulte auf. Trotzdem hat sie es nicht geschafft mich niederzudrücken. Dies war meine letzte Ballettstunde. Ich weigerte mich, noch einmal dorthin zu gehen. Damit war das Thema erledigt.


    In der Zwischenzeit ging ich auch morgens in den Kindergarten, eine strenge Anstalt, geführt von Ordensschwestern mit schwarzen Kleidern und weißen Hütchen. Ich weiß nicht, was meine Eltern geritten hat, mir all dies anzutun. Wenn die Oberschwester mich mit ihren kalten blauen Augen ansah, wurde ich kleiner und kleiner. Einmal mußte ein Junge wegen mir in die Ecke stehen, da er mich beboxt hatte. Von da an wollte ich auch dort nicht mehr hingehen. Das Thema war dann auch schnell beendet, da wir umzogen in eine etwas größere Eigentumswohnung im Parterre mit kleinem Vorgarten.


    Im Haus fanden wir ziemlich schnell Anschluß an eine Familie mit zwei älteren Jungen. Christian, damals 12 Jahre alt, war der schweigsame geheimnisvolle. Jörg dagegen, damals 9 Jahre alt, war derjenige, der immer sein Unwesen trieb und zu Streichen aufgelegt war. Da Christian sich immer absonderte, spielten Thomas und ich meistens mit Jörg. Ich wollte immer Geisterbahn spielen, aber Jörg vermasselte meistens, das, nach was ich fieberte, indem er sagte Mächen könnten da nicht mitspielen. Ich hatte mir schon ausgemalt, wie wir Tücher und Gespenster in den Keller hängten, aber meine Phantasien fanden nie ihren Auslauf. Jörg blockierte mich, wo er konnte. Meine Eltern hatten sich mit den Eltern von Jörg und Christian befreundet und beschlossen zusammen in den Urlaub nach Bibione an die Adria zu fahren. Es war jener Urlaub, in dem ich das Rülpsen auf Kommando übte. Jörg stachelte immer wieder, indem er mich aufs Korn nahm und sprach, ob ich es immer noch nicht könne. Wenn er weg war, übte ich, solange bis ich mich fast erbrach.


    In den Dünen vor dem Strand fingen wir mit Netzen und Eimern bewaffnet Eidechsen. Ich schaute immer wieder Christian hinterher, wie er souverän in seinem Eimer mehrere Eidechsen anhäufte, während es mich erstaunte, wie schnell die Eidechsen waren und ihren Schwanz abwarfen. Oft fand sich nur dieses zappelnde Glied in meinem Netz und ich schaute auf diesen schillernden Rest einer Eidechse. Wenn ich dann auf den verstümmelten rasant das Weite suchenden Körper ohne Schwanz blickte, wurde mir immer etwas eigentümlich zumute.


    Ein besonderes Abenteuer war es, Krebse zu fangen. Diese Urtiere flößten mir ziemlichen Respekt ein, da ich immer Angst hatte, einer könnte mich zwicken mit seiner großen Schere. Wir sammelten die Krebse in einem Eimer mit etwas Sand und Wasser. Dann schleppten wir sie zu dem Platz, wo unsere Eltern waren, um sie nach großem staunendem Beobachten am Abend, wenn wir den Strand verließen, wieder in die Freiheit des großen Meeres zu entlassen.


    Einmal stießen wir in einem Watt, das in das Meer lief und den Strand in zwei Teile trennte zwischen Liegeplatz und Leuchtturm auf ein undefinierbares großes weißes Teil. Von der Weite sah es aus wie eine Plastiktüte. Jörg beharrte unbedingt auf eine Plastiktüte, während Christian geheimnisvoll die Finger an den Mund hob und beschwörerisch murmelte. Thomas und ich verstanden nicht, was er sagte. Wir wateten durch das oberschenkeltiefe Wasser mit seiner beachtlichen Strömung bis wir schließlich angelangten. Die Plasitktüte hatte Arme. Und dann hörten wir endlich, was Christian gemurmelt hatte. Wir sahen eine Qualle. Zu unser allem Bedauern war sie schon lange tot. Christian und Jörg trieben sie mit Stöcken noch ein Stück weiter zum Ufer hin, bis sich deren Interesse verlor. Aber ich und Thomas starrten noch eine Weile respektvoll auf das tote Wesen, wie es in dem Watt in der Strömung davonritt.


    Eines Abends ließen uns unsere Eltern allein in der Ferienwohnung. Thomas und ich hatten uns schon in den einfachen Eisenbetten verkrochen, um schlafen zu gehen. Das Licht war aus und plötzlich ertönte ein Surren. Es war eine Invasion, die über uns herfiel. Thomas und ich taten kein Auge zu. Ich klatschte immer in die Hände, wenn das Surren näher kam, aber es hörte nicht auf. Schließlich suchte ich den Lichtschalter. Thomas heulte schon und dann kamen mir auch die Tränen. So fanden uns unsere Eltern. Sie fielen lärmend quietschvergnügt in die Wohnung ein. Wahrscheinlich hatten sie einige Schnäpse genossen.


    Am nächsten Morgen übte ich erneut das Rülpsen. Und siehe da, ich konnte es. Jörg klopfte mir auf die Schultern. Von da an war ich sein Kumpel. Christian habe ich nie erreicht.


    Die Heimfahrt war wieder ein besonderes Vergnügen. Ich fragte meine Eltern, ob es jetzt wieder Frühstück bei der Nacht gebe. Mein Bruder und ich würgten wieder, um die kleinen orangeroten Pillen gegen die Reiseübelkeit herunterzubekommen. Ich weigerte mich schließlich nach unendlichen Versuchen. Thomas hatte alle genommen. Trotzdem kotzte er wieder auf der Hinfahrt das Auto voll. Dies gab wieder Anlaß zu witzeln. Meine Eltern schworen wieder alte Geschehnisse hervor. Ich erinnere mich noch an den breit lachenden Mund meiner Mutter, als mein Vater erzählte, wie wir einst Thomas aus dem Auto in einer Kurve verloren hatten. Ich hatte neben mich geschaut und plötzlich war er weg. Ich hatte meinem Vater zugerufen, daß Thomas nicht mehr da sei. Er hatte angehalten und zurückgeschaut. Thomas saß auf der Straße und weinte.


    Überhaupt immer war es Thomas, der in das Blickfeld meiner Eltern geriet. Er fiel von den Schienen, rammte sich eine Schraube in die Wade und meine Eltern liefen herbei. Er brach sich seinen kleinen Zeh, indem er an einer Wand entlang schrabbte, meine Eltern waren da. Es war fast unerträglich, daß ein Wesen, das mir so gleich sah, immer die Aufmerksamkeit der Erwachsenen besaß. Unsere Stimmen am Telefon waren fast nicht unterscheidbar. Und wenn uns fremde Leute trafen, fielen sie über uns her und raunten, ob wir nicht Zwillinge wären. Einmal beim Skifahren ging er mir und meiner Freundin auf der Piste verloren. An jenem Tag herrschten 20° Minus. Meine Eltern fanden ihn auf einer Hütte mit halb erfrorenen Händen, laut heulend. Meine Eltern machten mir Vorhaltungen deswegen. "Wie konntest du nur deinen Bruder vergessen?"


    Ich vergaß ihn beim Gummihüpfen. Ich konnte alle möglichen Akrobatiken. Fußhoch. Kniehoch. Oberschenkelhoch. Ich machte sie alle nieder. Ich kannte alle Formen. Ich trieb die Kunst soweit, daß niemand mehr mit mir spielen wollte, bis ich mich an meinen Bruder erinnerte. Ich band den Gummi an einen Pflock und streifte Thomas den Gummi über. Er hielt es für eine Vergewaltigung, als Junge Gummi hüpfen zu müssen. Ich erpresste ihn damit, daß ich ihm sagte, ich würde ihn nicht mehr auf die Geburtstagspartys meiner Freundinnen mitnehmen. Von da an stand er geduldig auf der Stelle, die ich ihm zugewiesen hatte, während ich in immer neuere Dimensionen hüpfte.


    Wenn ich mit meiner Freundin mit Barbiepuppen spielte, tat ich das mit dem einzigen Ziel, sie nackt zu sehen. Ich strich dann immer über die harte Plastikbrust der Puppe und spürte, wie ich unten ganz feucht wurde. Dabei trieb es mir das Blut ins Gesicht. Mir war irgendwie klar, daß ich etwas verbotenes tat, aber das Gefühl, die Puppe ganz nackt zu sehen, trieb mich immer in Hochstimmung.


    Meine Freundin hatte einen Wellensittich. Er saß immer brav im Käfig und krächzte einige Wörter. Ich bearbeitete meine Mutter solange, bis sie mir auch so ein Tier kaufte. Er war wunderschön. Sein Gefieder changierte zwischen gelb und grün. Als wir ihn bekamen, saß er still und verschüchtert in seinem Käfig. Wenn wir das Türchen öffnete, wollte er gar nicht herauskommen. Ich habe ihn Butzi getauft. Als wir den Vogel soweit hatten, daß er aus der Tür kam, wollte er gar nicht mehr in den Käfig zurück. Ziemlich schnell entwickelte er sich zum Tyrann der ganzen Familie. Wenn ich von der Schule heimkam, hatte ihn meine Mutter mit samt dem Käfig in meine Zimmer gestellt. Er wollte hinaus und machte einen ohrenbetäubenden Lärm. Da ich Hausaufgaben zu erledigen hatte, stellte ich ihn dann immer vor meine Tür. Wenn Butzi frei in der Wohnung herumflog, konnte er es sich nicht nehmen lassen mit seinem spitzen Schnabel an allem, was ihm in den Weg kam, herumzunagen. Er zerfledderte die Fernsehzeitung, die unter dem Wohnzimmertisch lag und scheute sich nicht davor, das neu erstandene Klavier anzunagen. Überall hinterließ er seine Häufchen und meine Mutter kam gar nicht mehr mit dem Putzen hinterher. Irgendwie war mir das Vieh von Anfang an verhaßt. Erst deutlich bekam ich diesen Groll zu spüren, als mein Vater und der Vogel sich ineinander verliebten. Dort wo das Telefon stand, befand sich eine Stange. An jene hängte sich Butzi, so daß er mit dem Bauch nach oben pendelte. Mein Vater nahm dann seinen Zeigefinger und Butzi ließ sich am Bauch kraulen, während er wollüstige Geräusche aussandte. Wenn sich der Vogel auf meine Schulter setzte, biß er mich regelmäßig in das Ohrläppchen. Das Vieh haßte mich und ich haßte es. Das Thema sollte sich auch ziemlich schnell erledigen. Zu Weihnachten bekam Thomas eine Dampfmaschine geschenkt. Butzi hüpfte ganz aufgeregt um dieses Ding herum, das so viel Lärm machte und Dampf aussendete. Er ist dann am zweiten Weihnachtsfeiertag gestorben, da er zu viel von dem Esbit eingeatmet hatte. Mein Vater war in Trauer, da er seinen Gefährten verloren hatte. Ich dagegen tat nur so, als ob es mir leid tat. Versuchte zu schmollen, aber es gelang mir nicht. Von jenem Moment an habe ich mich in Katzen verliebt. Jene haßten schließlich auch die Vögel.

  2. #2
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    AW: Erinnerungen

    Das war der erste Schlag auf meinen Kopf. Und davon ist mir was blim, blim ,blim , blim, blim....

    Hallo Angestaubte, Dir erst einmal ein frohes Neues!
    Dieser Text ist doch nicht Dein Ernst? Häschen in der Grube oder Rapunzel schluck dein golden Haar herunter? Nimmst Du Deine infantile Phase? Paß auf, Karl-Heinz, der Weihnachtshund, knurrt aus dem Kanal.
    Du hast schon mal Lesbares geschrieben, bitte, kömm darauf zurück!!!

    Dein Dich ewig Liebender...

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Erinnerungen

    Hallo Hannemännchen,
    dir auch noch ein gutes neues. Ich hoff, du hast es feucht fröhlich verbracht. Mir gings ziemlich gut an jenem Abend. War ziemlich angeschikert und habe mich köstlich amüsiert. Ich habe sogar getanzt. Auf die Stones.


    Ist der Text wirklich so grottenschlecht? Ich dachte, ich hätte da eine gewisse Ironie gefunden, die den Rahmen des Textes hält. Vielleicht kann ja Obermassa Rober noch seine Meinung kundtun.


    In ewiger Verehrung
    Patina

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Erinnerungen

    Die Ironie kommt nicht zu Tage....Kindheitserinnerungen, liebe Patina, sind nicht gefragt hier. Es ist hart aber die Realität. Hier zählt nur lyrisch oder poetisch verarbeitetes Material. Änder es um, wie gesagt. Schreib Dich neu. Es ist hart, aber es ist so. leider.

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Erinnerungen

    Hallo Jule,
    es ist ja noch schlimmes passiert in dem Text. Das sind Kindheitserlebnisse, die ich da beschreibe. Sie sind weit weg von mir. Ich hatte kein traumahaftes Erleben wie eine Vergewaltigung. Eigentlich hatte ich eine schöne Kindheit. Ich versuche sie nur von einer anderen Warte aus, auf die Spitze zu treiben, um sie dann in einem gräßlichen Ende finden zu lassen. Ich hoffe immer noch, daß der Text die Portion Ironie in sich trägt, damit der Rest des Textes aufblühen kann.


    Dank dir für das Lesen, Jule

    Schönen Abend wünscht dir Patina

  6. #6
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Erinnerungen

    Nabend Patina,


    nein, grottenschlecht ist der Text grundsätzlich nicht.
    Das Problem ist:
    Du schreibst autobiografisch. Hängst Deine Seele darein, in Deine Erinnerung. Dies, tut mir leid, hat hier keine Zukunft. Ist zu persönlich. Wie soll man antworten? Persönlich betroffen oder rein form-, schrift-und stilgemäß?
    Es wäre angeraten, diesen Text in Abstand zu Dir zu formulieren. Nenne andere Personen, verfaß eine Geschichte und fabulier Deine Befindlichkeiten dazu, umschmück, paraphrasiere.....schreib eine Parabel, die nur Du verstehst und deren Worte dem Anderen evt. Deine Welt erschließen.


    Deine Erwartung ist zu groß und die erwartete Lösung nicht gerecht.


    Liebe Grüße
    Jule

  7. #7
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Erinnerungen

    Wußte nicht, daß Jule die Tabuthemen bestimmt.


    Ich kenne so was nicht, Tabuthemen. Seit wann soll es die in der Literatur geben? Ich kann auch nicht behaupten, daß ich etwas gegen autobiographisches Schreiben hätte, sogar fiktionales autobiographisches Schreiben kann durchaus einen Reiz entwickeln. Ich könnte mich sogar mit Häschen in der Grube anfreunden - es muß sich aber reimen. Wenigstens.


    Soviel dazu. Womit aber nichts über Bowles Text gesagt ist.
    Der scheint mir über die Aneinanderreihungen von Erinnerungen (Gedächtniskonvolute) nicht hinausgekommen zu sein. Meinetwegen. Dann nehmen wir das als Stoff, als Material, aus dem sich dann ein Thema schält. Weil doch Erinnerungen immer einen Kern haben, um den sich alles schalt.
    Die Brille setz mir mal auf, Bowle! Dann lese ich den GANZEN Text.

  8. #8
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Erinnerungen

    Hallo Robert, hallo Jule,
    jetzt bin ich aber beruhigt, daß das autobiographische Schreiben legitim ist. Was soll ich tun, damit du den Rest des Textes liest, lieber Robert? Erklär mir das mal genauer. Der Text ist auch noch nicht fertig. Da kömmt noch mehr hinterher.

    Patina

  9. #9
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Erinnerungen

    Ich bin manchmal ein Schnurzel. Wenn ich so gebeten werde, etwas zu tun, dann erwacht in mir der Trotz. Dann sucht ein teil meiner Schale einen Haken in möglichst weiter Ferne. Den fest im Auge finden sich Gründe genug. Abspringen.


    Zum eigentlichen Thema: Der Absprung ist hier alles. Du hast da fünf oder sechs mehr oder weniger zusammengehörige Fragmente. Zwei Möglichkeiten sehe ich:

    • alle auf eine Kette schieben und sich so gar nichts denken beim Schreiben;
    • auf ein Ur-Erlebnis hinarbeiten

    tertium non datur, wie wir Unkundigen sagen.
    Traust Du Dir zu, Deinen Text hinsichtlich dieser Vorschläge zu prüfen?

    Warum Jule fiktionales autobiographisches Schreiben nicht gelten lassen will, mag sie erklären.

  10. #10
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Erinnerungen

    Hallo Robert,
    ja, das mit den Verbindungen ist schwierig. Ich weiß aber nicht, wie ich sie zusammenbekommen kann. Du meintest, einfach so schreiben, ohne zu reflektieren. Meinst du nicht, daß das in die Hose gehen kann? Ich schaue mir den Text nochmal an. Vielleicht fällt mir ja dazu noch etwas ein. Auf alle Fälle gibt es kein Urerlebnis. Da muß ich passen. Man könnte etwas dazuerfinden, aber da fällt mir nur die Vergewaltigungsschiene oder Alkoholikereltern, die schlagen ein. Aber das finde ich zu banal. Also hängts an den Verbindungen.


    lg Patina

    P.S. Ich habe noch etwas am Ende des Textes herumgeschrieben. Dabei ist mir aufgefallen, da? ein Urerlebnis der Abschied sein könnte. Vielleicht wäre ja das ein Punkt, den ich einarbeiten könnte. Würde auch gut zu meinem Titel passen. Ein Leben lang voller Abschiede...

  11. #11
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Erinnerungen

    Keine schlechte Idee. Allerdings müßtest Du dann darauf hinarbeiten. Item müßte auch sein, ob es sich um einen Abschied oder um Abschiede handeln soll.

  12. #12
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Erinnerungen

    Original erstellt von Patina:
    Auf alle Fälle gibt es kein Urerlebnis. Da muß ich passen. Man könnte etwas dazuerfinden, aber da fällt mir nur die Vergewaltigungsschiene oder Alkoholikereltern, die schlagen ein. Aber das finde ich zu banal.

    Liebe Patina,


    es würde mich sehr wundern, wenn es in deiner Kindheit kein Urerlebnis gab, so glücklich sie auch gewesen sein mag. Wann hast du das erste Mal als Kind über den Tod nachgedacht? Wann fühltest du dich alleine gelassen, unverstanden? Wann hast du die Eifersucht entdeckt? Wann raschelte es bedenklich in deiner Zimmerecke, doch die Eltern sahen nie etwas bei Licht?


    Such dir eins der Gefühle aus: Ohnmacht, Demütigung, Zweifel, Angst, Schmerz, Einsamkeit, verlassen sein. Woran müßtest oder durftest du diese Gefühle fühlen lernen? Eigentlich ist dein Text voll von diesen Erlebnissen. Nur ist das dazu passende URgefühl leider nicht spürbar.


    Lieben Gruß von


    Trist

  13. #13
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    AW: Erinnerungen

    Wann hast du das erste Mal als Kind ?ber den Tod nachgedacht?

    Der Satz ist heftig, da muß ich lange nachgrübeln, aber mir fällt kein bedeutendes Todeserlebnis ein. Meine Großmütter werden/wurden steinalt und als mein Vater einen Herzinfarkt hatte, war ich schon weit über zwanzig.


    Allein gelassen werden trifft es schon eher. Und das ist wieder mit den Abschieden verbunden. Es sind tatsächlich Plurale. Mein Psychologe hat einmal gesagt, daß er das Gefühl hätte, ich wäre allein aufgewachsen. Vielleicht werde ich darauf hinarbeiten.


    Jetzt geh ich aber ins Bett, da ich nichts mehr zu trinken habe. (Keinen Alkohol mehr) Ohne das Zeugs ist es mir zu langweilig.


    lg Patina

  14. #14
    schreibt hier hin und wieder
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    Post AW: Erinnerungen

    Meine Tochter fragte mich eines Abends:

    "Mama, was ist mit mir, wenn du tot bist?"

    Den Anlass zu dieser Frage hatte wohl unser überfahrener Kater gegeben, den wir im Garten unter dem Essigbaum begraben hatten.


    "Dann bist du doch bei Papa", antwortete ich.
    "Und wenn Papa auch tot ist?"
    "Dann sind doch Oma und Opa da."
    "Und wenn die auch tot sind?"
    "Dann ist deine Tante Maren da."
    "Und wenn die auch tot ist?"
    "Dann ist da Sandra und Alessa, du bist fast jeden Tag bei ihnen, sie werden für dich sorgen!"
    "Und wenn auch die tot sind? Dann geh ich zu Margret, Maresa und Henning, wenn die tot sind zu Tabea und Hajo, wenn die auch tot sind..." - Sie weinte inzwischen.
    "Na, soweit wird es nicht kommen", versuchte ich sie zu trösten.
    "Und wenn die alle tot sind, gehe ich in ein Kinderheim!"
    Und nach einer Zeit: "Und wenn alle aus dem Kinderheim tot sind? Auch alle in allen Kinderheimen auf der ganzen Welt?"


    Marlene weinte lange. Ich wusste keine Antwort. Ja, dachte ich, es gibt diese Momente, in denen wirklich niemand mehr da ist, der dich schützt, unterstützt, durch die du ganz alleine gehen musst. Und das sagte ich ihr dann auch. Beinah. So ähnlich. Auch, dass es sicherlich in diesem Moment einen Menschen geben wird, an den sie noch gar nicht denkt, weil sie ihn noch nicht kennt. Sie saß lange auf meinem Schoß, ich hielt sie und ganz allmählich hörte sie auf zu weinen.

  15. #15
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Erinnerungen

    Hallo Trist,
    das ist ein zugleich schöner wie auch trauriger Abschnitt. Ich hoffe, daß mein Sohn mich niemals so fragen würde. Da wäre ich nämlich sprachlos.
    lg Patina

  16. #16
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Erinnerungen

    liebe trist.


    was du da zuletzt geschrieben hast, ist wertvoll, für mich, aber nicht nur für mich. ich drucke es mir aus und bewahr es auf in meiner schublade der kostbarkeiten, mit verlaub.


    Mr. Jones

  17. #17
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Erinnerungen

    Trist scheint es wie ich zu sehen. Und 's Bowle? Du willst kein Urerlebnis haben? Glaub ich nicht.


    Wenn ich an meines denke: Es war eine Hatz durch einen violettfarbenen Wald und eine Angst vor dem Wolf. Der Wald war lila oder violett, was mir jetzt schnurz ist, und der Wolf hatte gelbe Zähne.


    Aber sonst geht's mir gut.

    Ernsthaft? Der Tod breitet nur über diejenigen seinen Schrecken aus, die sich das Nichts als Nichts vorstellen oder diejenigen, die keinen Begriff vom ewigen Kreislauf des Lebens besitzen.

    Ich hätte meinen Kind auf dieses Fragen geantwortet: Wenn alle tot sind, sitzen sie im Birkenwald und schnitzen Ruten für Leute, die solche Fragen stellen. Abgesehen davon sollte jeder früh genug die Erfahrung machen, den Tod als etwas begreifen, was zum Leben gehört.

  18. #18
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Erinnerungen

    diese "erinnerungen" als teil vom "abschied": ja, gut. aber ich stell mir das nicht als erzählung vor, sondern als dialog, als gespräch. die protagonistin erzählt jemandem, vielleicht dem psychologen, vielleicht sonst jemandem, vielleicht jemandem, der nicht sehr interessiert ist, davon. vielleicht am telefon? vielleicht fragt clint danach?


    patina, bitte überleg dir, in welchem zusammenhang du solche erinnerungen erzählst. wer fragt danach? oder: was löst das erzählen deiner vergangenheit aus?


    Mr. Jones

  19. #19
    resurrector
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    AW: Erinnerungen

    Viele lose Enden. Dieser Ordner wirkt auf mich merkwürdig unfertig. Es läge an Bowle, diese lose Enden zu einem (künstlerischen) Text zusammenzubinden.

    Christa Wolf nannte das Durcheinander von Fiktion und Wirklichkeit ihrer Jugend "Kindheitsmuster".

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