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Thema: Pariser Vorortverträge (Versailles und St. Germain)

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Colmar und Joseph Conrad

    Colmar war kalt, naßkalt und etwas windig, der Himmel weißlich, mag Hochnebel gewesen sein. Die Fahrt über die Grenze gefiel mir, dort wo früher der (deutsche) Zoll seine Barracke hatte, ist heute McDonalds. So soll es sein. Die Franzosen feierten gestern den Waffenstillstand des ersten (!) Weltkriegs. Feiern heißt, sie hatten frei und fuhren nach Allemagne zum Einkaufen.

    Joseph Conrad, Herz der Finsternis gekauft, aber wann lesen.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Pariser Vorortverträge (Versailles und St. Germain)

    Die Einschätzung, daß ein deutscher Sieg die bessere Lösung gewesen wäre, hat prominente Anhänger. Was immer die deutsch-österreichische Hegemonie in Osteuropa bewirkt hätte, die „Bloodlands“ der totalitären Ära wären es sicher nicht gewesen. (Stefan Scheil: Mitten im Frieden überfällt uns der Feind. Berlin 2014.)

    Die Welt von 1919 war nicht die von 1914, aber sie war das Ergebnis der leitmotivischen Politik der Siegermächte. Die Leitmotive Britanniens (geopolitisch-orientierte Seemachtpolitik) und Frankreichs (Hegemonie in Europa) für diesen Krieg unterschieden sich von denen der Kontinentalmächte Amerika und Rußland, aber sie waren sich allesamt einig in dem einen Willen, das aufstrebende Reich aus der geopolitischen Bedeutsamkeit zu nehmen. In diesem Krieg wurde der wichtigste europäische Friedensgarant zerstört, zudem der Osten und die Mitte Europas neu geordnet. Die entstehenden multinationalen Klein- und Mittelstaaten (Tschechoslowakei, Polen) gerieten in politische und militärische Abhängigkeit vom Westen. Amerika nahm die Perspektive des globalen Hegemon auf, lieferte Konsum- und Militärartikel [1] an die sich verschuldenden Westeuropäer; zuallerschlimmst zerstückelten die Sieger mit Gewalt das deutsche Siedlungsgebiet und schufen dadurch neue Kriegsherde.

    Nebenprodukte
    : Rußland entledigte sich seiner Europaanbindung, das Reich verlor seine Kolonien und Handelspartner, seine Flotte und Armee, sein Ansehen, seinen Auslandsbesitz.

    Es war eine scheußliche Welt, die da 1919 entstanden war, eine Welt ohne Sicherheit, ohne Vertrauen zueinander, eine rationale Welt im Haß, in der jeder den anderen belauerte, nach Schwächen suchte, die er gewinnbringend nutzen konnte, eine Welt der zerstörten Hierarchie, eine demokratisch sich nennende, aber auf Führerstaat, auf Geld und sich darüber definierende Macht, auf Rechtlosigkeit und Gier orientierte Welt. Das alles gab es in geringerem Maße schon vor 1914, aber die Jahre des Zweiten Deutschen Reiches waren eine Periode des Aufschwungs, des technischen und zivilisatorischen Fortschritts, der Erfindungen und der Entwicklung von Industrie, Landwirtschaft, Volkseinkommen. Für die gesamte Welt.
    Die politische Verantwortung für den als Friedenskongreß geplanten Aufmarsch der deutschen Kriegsgegner trug der amerikanische Präsident. Allerdings hielt sich Wilson zurück und überließ das Feld der Heimmannschaft. Amerika hatte seine Kriegsziele erreicht, im Reich billig eingekauft, den Dollar zur Weltleitwährung und die bisherigen Weltmächte Britannien und Frankreich zu Schuldnern gemacht. Es konnte sich beruhigt zurücklehnen und betrachten, wie die anderen sich organisieren würden, um ihre Schulden zu bezahlen.
    Eine Hauptforderung des „Apostels aus Übersee“ (Clemenceau über Wilson) war die Konstituierung eines Völkerbundes. Man tat dem amerikanischen Präsidenten den Gefallen und gründete einen handzahmen Bund ohne Kompetenzen, eine Schwatzbude. Wilsons 14 Punkte wurden nicht umgesetzt, waren also das, was man im Reich von Anfang an vermutet hatte: Propaganda. Die Verhandlungen waren nicht öffentlich, ein Selbstbestimmungsrecht der Völker gab es nur, insofern sie auf Seiten der Entente gestanden hatten und keine Interessen verfolgten, die denen Amerikas, Britanniens oder Frankreichs zuwiderliefen.

    „Auch Völkerbund und Pazifismus [..] sind Forderungen Gottes, der Natur und der Menschheit. Nicht minder aber ergibt sich daraus das Freiheitspostulat, das geknechtete und altmodische Völker mit oder ohne ihren Willen unter das Regime der nationalen Selbstbestimmung und Selbstregierung stellt und dessen Einhaltung kontrolliert in Lohn und Strafe.
    Anm. Troeltschs: Ganz jüngst hat der amerikanische Oberrichter Hughes den Studenten Vorträge gehalten, worin er die Demokratie als die schwierigste, moralisch die größten Forderungen stellende Verfassung, aber auch als die durch Gott, Natur und Humanität geforderte bezeichnet…“ (Troeltsch. S13.)
    Besonderes Interesse galt der Polen- und Rheingrenzefrage. Frankreich wollte ein starkes Polen, stark genug, um sich gegen das Reich wenden und zugleich Rußland in Schach halten zu können, und die Rheingrenze. Britannien war das mit Polen gleichgültig, aber eine durchgehende Rheingrenze wollte es Frankreich nicht konzedieren. Was Rußland in jahrhundertelangem Kampf der Bosporus, das war Frankreich der Rhein. Frankreich wollte nicht nachgeben, zu groß waren seine Opfer im Krieg gewesen. Am Ende standen halbgare Kompromisse, geschlossen, ohne auch nur eine Stimme aus denjenigen Gebieten zu hören, über die hier beschlossen und verfügt wurde. Das Saargebiet wurde vom Reich abgetrennt (1935 sollte eine Volksbefragung über seine Zukunft entscheiden), das weitgehend deutsche Elsaß ohne Volksbefragung kam zu Frankreich, das binationale Lothringen ebenso. Belgien erhielt das Gebiet von Eupen-Malmedy, auch ohne Befragung seiner Bewohner. Die Rheingrenze als zwingende französische Forderung fiel, aber Frankreich behielt sich das Recht vor, gegebenenfalls im entmilitarisierten Rheinland selbst einzumarschieren, zudem hinterließ es Truppen im Rheinland auf 15 Jahre, wobei das Reich diese zu beköstigen hatte - wie unter Napoleon.Damit konnte Frankreich leben, zumal § 231 den Deutschen alle Schuld am Krieg zuschrieb und sie die Zeche auf Jahrzehnte zahlen würden. Die Höhe der Zahlung blieb unklar, was das Reich auf unbestimmte Zeit in die unsichere Lage versetzte, nicht genau zu wissen, wann es wieviel würde zu zahlen haben. Da 100 Mrd. Goldmark (etwa 1,08 Billionen €) nicht auszureichen schienen, die das Reich angeboten hatte, konnte das nur bedeuten, daß sich Frankreich, Britannien und Amerika alle politischen und finanziellen Optionen offenhalten wollten. [2]
    Ähnlich übel verfuhr man in einer gesonderten Tagung in St. Germain mit der Konkursmasse Österreich-Ungarns. Nicht nur, daß es den Deutschen aus Österreich-Ungarn verboten wurde, sich dem Reich anzuschließen, nein, auch die Friedensverträge mit Ungarn in Trianon, mit den Bulgaren in Neuilly und den Türken in Sevres traten das Selbstbestimmungsrecht dieser Völker mit Füßen und schufen Konfliktherde, die Südosteuropa unruhig hielten. Es gab keine Staatsgrenzen, die Völker trennten, sondern Staatsgrenzen mitten durch Völker hindurch. Das betraf eben nicht nur die Deutschen, sondern auch Ungarn, Bulgaren, Albaner, Makedonen oder Türken. Es gab keine Abstimmungen, die Klarheit hätten schaffen können, keine sicherheitspolitischen Erwägungen, im Gegenteil: mit Hilfe des Gieskannenprinzips wurden die Ansprüche jedes Völkchens erfüllt, das auf Entente-Seite gestanden hatte, und diese zu den neuen Herren erklärt. Ungarn wurde zugunsten des romanischen Rumänien halbiert, den Bulgaren der gewonnene Zugang zum Mittelmeer genommen, die Türken verloren Palästina, dafür wurden die den Krieg anzündelnden Serben mit einem südslawischen Multikultigroßstaat belohnt, der katholische Kroaten und Slowenen, muslimische Bosnier und Albaner und als Herrenvolk griechisch-orthodoxe Serben bestimmte. Da die religiöse und, dieser nachgeordnet, die nationale Zugehörigkeit den Wert des einzelnen in diesem politischen Gebilde bestimmte, war es nur eine Frage der Zeit, bis die daraus rührenden Konflikte ausbrechen würden.
    Wer einen Beleg dafür braucht, die Bösen in diesem Krieg zu bestimmen, dem genügt ein Blick auf die Friedensdiktate aus den pariser Vorstädten. Auf Friedenssicherung waren diese Diktate nicht orientiert. Das waren Kriegssicherungspamphlete, die die Verlierer zu unterschreiben gezwungen wurden. Da zugleich Deutsche, Ungarn, Türken oder Bulgaren in ihrem Kern nicht gebrochen wurden und man sie weitgehend sich selbst überließ, war es nur eine Frage der Zeit, bis die bestraften Völker sich wehren würden, was hier konkret heißt, bis sie das Selbstbestimmungsrecht der Völker auch für sich reklamieren würden.
    Am 25. April sollte sich eine Delegation des Reiches unter Außenminister Brockdorff-Rantzau nach Versailles begeben und die Friedenspräliminarien (-bedingungen) unterzeichnen, nicht nur entgegennehmen, wie die Deutschen vorschlugen. Nach einigem diplomatischem Hin und Her erschien die deutsche Delegation am 7. Mai in Versailles, wo Clemenceau folgendes mitteilte:

    „Es ist hier nicht der Ort noch die Stunde für überflüssige Worte. Sie haben vor sich die Versammlung der Bevollmächtigten der kleinen und großen Mächte, die sich vereinigt haben, um den fürchterlichen Krieg auszufechten, der ihnen aufgezwungen worden ist. Die Stunde der Abrechnung ist da. Sie haben uns um Frieden gebeten. Wir sind geneigt, ihn Ihnen zu gewähren. Wir übergeben Ihnen das Buch des Friedens. Der zweite Versailler Friede ist zu teuer von uns erkauft worden, als daß wir nicht einmütig entschlossen sein sollten, sämtliche uns zu Gebote stehenden Mittel anzuwenden, um jede uns geschuldete Genugtuung zu erhalten."
    [3]

    Die deutschen Bittsteller schluckten die Kröte, aber sie taten es nicht, weil sie ein Schuldbewußtsein gehabt hätten, sie taten es zum Schutz ihrer Bevölkerung. Die Unterschrift unter das „Buch des Friedens“ bewirkte folgendes:

    A. Gebietsveränderungen



    • Abtretungen deutschsprachiger Gebiete ohne Volksbefragung: Elsaß [4] und Lothringen [5] an Frankreich, Eupen-Malmedy an Belgien, Westpreußen und Teile Pommerns an Polen;
    • Abtrennungen von Deutschen bewohnter Gebiete vom Reich: Saargebiet, Memel, Danzig;
    • Abtretungen mehrheitlich nicht deutschsprachiger Gebiete in deutschen Ostprovinzen ohne Volksbefragung an Polen, z.B. Posen;
    • Abtretungen mehrheitlich nicht deutschsprachiger Gebiete mit Volksbefragung: Nordschleswig an Dänemark, Oberschlesien (es gab eine Volksbefragung, die sich mehrheitlich für den Verbleib im Reich aussprach, aber das Gebiet wurde geteilt und zu 40% Polen zugeschlagen);
    • Verteilung des deutschen Kolonialbesitzes an Britannien und Frankreich.


    Österreich: Nach Auflösung der k.u.k.-Monarchie wurde es den deutschen Teilen Österreich-Ungarns untersagt, sich dem Reich anzuschließen. Nach zwei Volksabstimmungen in Tirol und Salzburg (beide mit jeweils über 98% für den Anschluß ans Reich) untersagte die Entente weitere Volksabstimmungen und verlangte die Neugründung eines Staates namens „Republik Österreich“.

    Ergebnis
    : Das Reich wird ohne Befragung des dort lebenden Volkes um 13% seiner Fläche und 10% seiner Bevölkerung gebracht. Der geschaffene Korridor zwischen West- und Ostpreußen ist eine Kriegsgarantie.


    B. militärische Bestimmungen



    • Festlegung der deutschen Friedensarmee auf 150000 Mann bei schlechter Bewaffnung (keine modernen Waffen wie Panzer, Flugzeuge, U-Boote, Schlachtkreuzer, schwere Artillerie oder Gaswaffen);


    • Beschränkung der Marine auf 6 Linienschiffe, 6 kleine Kreuzer, 24 Torpedoboote bei Auslieferung aller anderen Schiffe an Britannien [6];
    • Schleifung der Festungen im Westen des Reiches;
    • Abbau der Verteidigungsanlagen im Osten des Reiches;
    • Verbot militärischer Vereine;
    • Flugzeuge der Entente dürfen deutsches Hoheitsgebiet ohne Erlaubnis der Behörden überfliegen;


    Ergebnis
    : Das Reich wird seinen umwohnenden Feinden beinahe schutzlos ausgesetzt. Nach Osten hin sichert sich der Westen vor dem möglichen Einfall der Bolschewiken ab und stärkt zugleich die Polen, die ihrerseits mehr Gebiete vom Reich, Österreich-Ungarn und Rußland verlangen und vom Westen als Pufferstaat ausgebaut werden.


    C. wirtschaftliche Bestimmungen



    • Vernichtung der deutschen Rüstungsindustrie;
    • alle im Bau befindlichen Handelsschiffe sind auszuliefern;
    • das Reich muß fünf Jahre lang auf seinen Werften 200000 BRT für die Entente bauen;
    • 700 Hengste, 40000 Stuten, 4000 Stiere, 149000 Milchkühe, 40000 Jungrinder, 1200 Schafböcke, 120000 Schafe, 10000 Ziegen und 350000 Schweine sind sofort zu liefern;
    • das Reich muß (trotz des Verlustes wichtiger Kohlenwerke im Saargebiet und Elsaß) 45000 t Steinkohle p.a. liefern, danach 35000 t weitere fünf Jahre [7];
    • Ablieferung weiterer (schon zum Waffenstillstand mußte man 5000 Lokomotiven liefern) 5000 Lokomotiven, dazu 150000 Eisenbahnwagen und 5000 LKWs;
    • die Entente-Mächte erhalten das Recht der Meistbegünstigung im Handel;
    • Verbot des deutschen Flugwesens;
    • deutsche Ströme (Rhein, Elbe, Mosel, Oder, Memel) werden der internationalen Schiffahrtsregelung unterworfen;



    D. humanitäre Bestimmungen



    • Verteilung von Kontrollstützpunkten der Entente im Reich, die zugleich über die Zivilverwaltung Kontrollrecht besitzen;
    • Besetzung des Rheinlandes und der Pfalz bis zur Erfüllung der Bedingungen, wobei das Reich die Kosten für die Besetzung tragen muß;
    • keine Rückführung der deutschen Kriegsgefangenen bis zur Ratifizierung des Vertrages vom Reich;
    • der exilierte Kaiser wird unter Anklage gestellt wegen: schwerste Verletzungen des internationalen Sittengesetzes und die Vertragsbruch;
    • die Entente resp. assoziierten Regierungen stellen eine Liste von Kriegsverbrechern auf und verlangen deren Auslieferung: 859 Namen, darunter Hindenburg, Ludendorff, Tirpitz und sämtliche U-Boot-Kommandanten;
    • die Bevollmächtigten des Reiches müssen den Schuldartikel des Vertrages (§ 231) akzeptieren, der als Präambel für die Bestrafung des Reiches genutzt wird, andernfalls würde der Krieg fortgesetzt werden;



    E. finanzielle Bestimmungen


    • das Reich muß vollständigen Ersatz für alle Schäden, die durch den Krieg hervorgerufen wurden, leisten → die Höhe bestimmt die Entente selbst;
    • das Reich muß sofort 40 Mrd. Mark (etwa 430 Mrd. €), bis zum 1. Mai 1921 die nächsten 20 Mrd. Mark (etwa 215 Mrd. €) und bis 1926 weitere 40 Mrd. M zahlen (allein der im Vertrag festgesetzte Zins von 5% bedeutet 5 Mrd. M (etwa 55 Mrd. €) p.a. zusätzlich → die endgültige Reparationszahlung wird noch bestimmt;
    • die am Anfang des Krieges beschlagnahmten deutschen Auslandswerte, Gelder und Besitztümer bleiben in der Hand der jeweiligen Entente-Staaten, während die vom Reich beschlagnahmten Entente-Besitztümer den jeweiligen Besitztümern mit Zins zurückerstattet werden müssen → Kriegsverhältnisse werden auf Friedenszeiten übertragen


    Ergebnis: Das Reich wird mit der Zahlung einer Summe bestraft, die weit über seinen Möglichkeiten liegt. Damit wird jahrzehntelange Abhängigkeit gesichert und das Reich als Konkurrent ausgeschaltet, denn gegebenenfalls (bei wirtschaftlicher Erholung) wird die Schadenssumme schlichtweg von der Entente hochgesetzt.

    Die Linke der verfassungsgebenden Versammlung in der Frankfurter Paulskirche, diese Elite und dieser Stolz des revolutionären Deutschlands, wofür sie sich selbst hielt, war förmlich berauscht von den paar armseligen Erfolgen, die sie davongetragen hatten. - Jedes Mal, wenn die frankfurter Versammlung einem Vorschlag, der auch nur im entferntesten an ihre eigenen keineswegs klar umrissenen Grundsätze erinnerte, in homöopathisch [selbstheilend] verdünnter Form eine Art Sanktion erteilte, verkündeten diese Demokraten, sie hätten Vaterland und Volk gerettet. Diese armseligen Schwachköpfe waren im ganzen Verlauf ihres meist recht obskuren [fortschrittsfeindlichen] Lebens so wenig an so etwas wie einen Erfolg gewöhnt, daß sie tatsächlich glaubten, ihre lumpigen Änderungsanträge, die mit zwei oder drei Stimmen Mehrheit durchkamen, würden das Antlitz Europas verändern.
    Seit Beginn ihrer parlamentarischen Laufbahn waren sie mehr als jede andere Fraktion der Versammlung von jener unheilbaren Krankheit, dem parlamentarischen Idiotismus, verseucht, einem Leiden, das seine unglücklichen Opfer mit der erhabenen Überzeugung erfüllt, daß die ganze Welt, deren Vergangenheit und deren Zukunft, durch die Stimmenmehrheit gerade jener Vertretungskörperschaft gelenkt und bestimmt wird, die die Ehre hat, sie zu ihren Mitgliedern zu zählen, und daß alles und jedes, was es außerhalb der Mauern ihres Hauses gibt Kriege, Revolutionen, Eisenbahnbauten, die Kolonisierung ganzer neuer Kontinente, kalifornische Goldfunde, zentralamerikanische Kanäle, russische Armeen und was sonst vielleicht noch Anspruch erheben kann, die Geschicke der Menschheit zu beeinflussen, daß all das nichts ist im Vergleich mit jenen unermeßlich wichtigen Ereignissen, die mit der ausnahmslos bedeutungsvollen Frage zusammenhängen, der das hohe Haus gerade seine Aufmerksamkeit widmet. (In: Revolution und Konterrevolution, MEW 8, 87f.)
    Und es gehörte jene eigentümliche Krankheit dazu, die seit 1848 auf dem ganzen Kontinent sich ausbreitete, der parlamentarische Idiotismus, der die Angesteckten in eine eingebildete Welt festbannt und ihnen allen Sinn, alle Erinnerung, alles Verständnis für die rauhe Außenwelt raubt... (In. 18. Brumaire, MEW 8, 173.)
    Selbst die entschiedenen Mitglieder der Linken, statt sich der ganzen Versammlung direkt gegenüberzustellen, geben die Hoffnung nicht auf, in der Kammer und durch die Kammer noch zu etwas zu kommen und eine Majorität für die Linke zu erlangen. Statt eine außerparlamentarische Stellung im Parlament einzunehmen, die einzige, die in einer solchen Kammer ehrenvoll ist, machen sie der parlamentarischen Möglichkeit zu Gefallen ein Zugeständnis nach dem anderen, statt den verfassungsmäßigen Standpunkt nach Möglichkeit zu ignorieren, suchen sie ordentlich die Gelegenheit, um des lieben Friedens willen, mit ihm zu kokettieren... (In: Adreßdebatte, 1849, MEW 6, 373.)

    Dieser Vertrag muß nun im Reich ratifiziert werden, d.h. Parlament und Regierung (samt dem noch nicht in seinen Rechten fixierten Präsidenten) müssen ihn annehmen. Die Wogen der Erregung schlugen bei allen Deutschen hoch. Ihre Feinde hatten keinen Vertrag vorgelegt, sondern ein Diktat, das alle Deutschen betraf und keineswegs nur mutmaßliche Kriegsverbrecher abstrafte. Zudem wurden die Deutschen als Tätervolk behandelt, denn deutsche Auslandswerte blieben bei den (einst) feindlichen Regierungen, Kriegsgefangene wurden nicht bei Kriegsende nach Hause entlassen und letztlich sollten alle Deutschen auf Jahrzehnte hinaus die Kriegskosten tragen, nicht nur Reichgewordene, Kriegsgewinnler oder Kriegsverbrecher. Das Parlament konnte den Vertrag nicht ablehnen, andernfalls hätte es weiteren Krieg gegeben, diesmal nur gegen Zivilisten, denn eine deutsche Armee gab es nicht mehr.
    257 Stimmen im Reichstag sagten ja, nehmt dieses Diktat an, 143 nein oder weiß nicht. Am 28. Juni 1919 unterzeichnete die deutsche Regierung im Spiegelsaal von Versailles den Vertrag, eine Kriegsgarantie für den Westen, damit ein Konjunkturprogramm in der Zukunft. Die Deutschen wurden zwar immens gerupft, aber sich letztlich doch selbst überlassen und damit war ihre Volkskraft zwar im Augenblick am Boden, aber die Strukturen ihres Zusammenlebens durften sie sich selbst bestimmen und das bedeutete, sie würden sich erholen und dann das holen (wollen), was ihnen genommen worden war. Nicht einmal die staatsfeindlichen Kommunisten kamen umhin, Versailles als Schandvertrag und imperialistisches Diktat zu bezeichnen.
    Vereinzelte Stimmen, daß man lieber weiterkämpfen sollte, als die Ehre zu verlieren, wurden durch verantwortliche Menschen mit dem Argument zum schweigen gebracht, daß man leben müsse und ein Widerspruch zuerst Frauen und Kinder träfe, denn so würde man den Franzosen einen Anlaß geben, ihren Plan der Zerstörung Deutschlands fortzusetzen. Der Separatismus hatte seinen Höhepunkt überschritten. Die Deutschen standen wieder fest zusammen.
    Zugleich aber war damit auch Amerikas Diktum einer kollektiven Sicherheit [8] durchgesetzt worden, denn Amerika war als größter Gläubiger der Entente immer in der Lage, dieses Kollektiv entscheidend zu beeinflussen resp. in die Richtung zu bewegen, die ihm den meisten Vorteil versprach: Britannien, Frankreich und Italien waren hochverschuldet und damit mittelfristig als Konkurrenten ausgeschaltet. Das Reich würde wiedererstarken, zudem konnten die finanzstarken Amerikaner, deren Dollar extrem überbewertet war, im Reich billig einkaufen: einen Bauernhof für 10,99 $, eine Maschinenfabrik für 100 oder zehn Wohnhäuser für 17,38 $. Das Reich, am Boden, aber eins. Es würde wieder aufstehen, dann zurückschlagen und Frankreich, Britannien und andere würden wieder am Tropf Amerikas hängen, das sich dann endgültig seine imperiale Führungsrolle würde sichern können.
    Als die Deutschen den Versailler Vertrag unterzeichneten, war das die Garantie für einen Krieg. Französische Militärs erkannten das schon bei Vertragsunterzeichnung, denn Versailles war ein Halbes (Demütigung des Reiches) und nichts Ganzes (keine Zerstörung des deutschen Selbstbehauptungswillens), genauer: Damit haben wir die Deutschen in zwanzig Jahren wieder hier, meinte Petain; ähnlich äußerte sich Clemenceau. [9] Nach der Unterzeichnung der Unterwerfungsverträge beendeten die Briten ihre Blockade, die 800000 Deutsche das Leben kostete (fehlende Medikamente, Folgekrankheiten der Unterernährung); 2000000 Deutsche waren gefallen.


    Aufgaben:


    1. Fasse die Bestimmungen der pariser Vorortverträge zusammen! Benutze auch andere Quellen als die hier angegebenen! (I)
    2. Erörtere die These: „Mit Versailles besaß Europa eine Kriegsgarantie in einem absehbaren Zeitraum.“ (II)
    3. Verfasse Biographien dreier wichtiger Politiker im Kontext von Versailles! (II)
    4. Weise drei Lügen in der Begründung Clemenceaus vor der Überreichung des „Buch des Friedens“ an die deutsche Delegation nach! (III)




    [1] Amerikas Exportstruktur veränderte sich während des Krieges: Exportierte das Land vor dem Krieg meist Rohstoffe und Nahrungsmittel und importierte aus Britannien, Frankreich und dem Reich Fertigwaren, so stellte es jetzt genug Fertigprodukte her und konnte kraft seiner Finanz-, Wirtschafts- und Militärmacht die Politik bestimmen, also die Verbündeten in Abhängigkeit halten, sich billig im Reich Produktionsanlagen kaufen und den Geldmarkt mit der neuen Leitwährung $ so führen, wie es die Fed für nötig hielt. Das Finanzzentrum der Welt hieß fortan Neu York, nicht mehr London oder Paris. - Das fiel nicht vom Himmel, sondern war Kalkül - vor dem Krieg.

    [2] Eine Konferenz 1921 in London bestimmte die Reparationssumme auf 132 Milliarden Goldmark (etwa 1,421 Billionen €), zahlbar in 43 Jahresraten a 2 Milliarden plus 26% des Exportwertes (nicht des Gewinnes!), was 1921 etwa 1 Milliarde Goldmark entsprach. Der Reichstag nahm den Plan bei 172 Gegenstimmen (43% der Abgeordneten) an. Vergleicht man das mit dem, was die BRD heute erwirtschaftet und legt nicht den Goldpreis zugrunde, so müßte die BRD etwa 780 Milliarden € p.a. zahlen, 43 Jahre lang.

    [3] Text nach Winnig, S. 177.

    [4] Politisch-korrekt war es im Frühjahr 1919, daß Frankreich durch etwaige deutsche Forderungen nach einer Volksabstimmung im Elsaß nicht provoziert werde. Als sich beim tagenden Reichstag in Weimar eine Abordnung unter Führung des elsässischen Pour le Merite-Trägers General Schëuch vorstellig machte, um eine Abstimmung in Elsaß-Lothringen über die Zugehörigkeit zum Reich zu fordern, wurde sie nicht vorgelassen. Die Mehrheit der Parlamentarier ließ das nicht zu, um nicht die Gefühle Frankreichs zu verletzen. Das ist der Geist der Domestikation. (Winnig, S. 168)

    [5] Entgegen oft geäußerter Annahmen, daß Lothringen mehrheitlich französisch gewesen sei, spricht die Statistik von einem Verhältnis von etwa 3:2 oder 61,2% Deutschen (300000) gegenüber 38,8% Franzosen (190000), wie die Volkszählung 1875 ergab. Das Verhältnis wird sich angesichts des starken deutschen und schwachen französischen Bevölkerungszuwachses und zahlreicher Aussiedlungen französischsprachiger Reichsbürger zwischen 1875 und 1918 nicht zugunsten Frankreichs verschoben haben.

    [6] Deutsche Matrosen versenkten ihre Flotte am 21. Juni 1919 in der Bucht von Scapa (Schottland), wo sie sie hinbringen mußten: sechs Panzerkreuzer, zehn Linienschiffe, acht kleine Kreuzer, fünfzig Torpedoboote und einhundert U-Boote. Sie gerieten daraufhin in britische Gefangenschaft, aus der sie 1920 entlassen wurden.

    [7] Stresemann konnte mit Briand 1926 aushandeln, daß 300 Millionen Goldmark (Frankreich wollte 4 Milliarden, d.s. 43 Milliarden €) vom Reich gezahlt werden würden (finanziert durch Schuldaufnahme), um die Saargruben wieder zum Reich zu holen, was aber die Volksabstimmung für 1935 nicht aussetzte, aber das Saarland wirtschaftlich wieder ans Reich band. (Stresemann: Vermächtnis, Band III. S. 17.) - Was Stresemann wirklich dachte, zeigt am anschaulichsten die sogenannte Gambrinus-Rede, die er 1926 in Genf hielt.

    [8] Aus dieser Prämisse ergibt sich bis heute Amerikas Paradigma eines Prärogativs der nationalen Sicherheit gegenüber der individuellen Freiheit. Im übrigen ist das die gleiche Argumentation, die in nationalsozialistischen Zeiten gepflegt wurde, damals aber in Nutzanwendung auf die Unfähigkeit der Weimarer Republik, sich politisch zu behaupten: „Man hatte in Deutschland das Weltgewissen über das Nationalgewissen gestellt, man hatte nicht verstanden, daß man in Zeiten der allerhöchsten Gefahr seine politischen Freiheitsrechte für die nationale Sicherheit, aus der sich ja selbstverständlich immer wieder die persönliche Freiheit ergeben muß, zu opfern hatte.“ (Helmut Göring: Die Republik von Weimar und Versailles. Berlin 1935. S. 812.)

    [9] In Amerika wurde der Versailler Vertrag abgelehnt, auch die Bildung des Völkerbundes. Amerika kehrte sich von Europa weg. Im Reich nahm man das mit Genugtuung auf. Es kam zu einem deutsch-amerikanischen Sonderfrieden, der dem Reich Aussicht auf Rückgabe seiner Vermögenswerte in Amerika gab, was 1928 ratifiziert wurde. Da Britannien keinen französischen Hegemon auf dem Kontinent haben wollte, bedeutete das für die deutsche Außenpolitik zweierlei: 1. sich Britannien nähern und die Karte des Gleichgewichts spielen, was Britannien zur altbewährten balance of power - Politik zurückbrächte und 2. sich Frankreich nähern, einen Ausgleich finden, um die drückenden Bedingungen erträglicher zu machen und dann den Osten zurückerobern.


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