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Thema: Die Aufseherin

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post Die Aufseherin

    DIE AUFSEHERIN


    Ja, Herr Richter, ich habe verstanden, natürlich werde ich die Wahrheit sagen, warum sollte ich jetzt noch lügen - für wen denn? Meine Kinder sind doch alle tot - warum sollte ich also lügen?
    - um mich selber zu schützen? Ich habe mich nie geschützt oder geschont, ich habe alles für meine Kinder getan, die habe ich geschützt. Mein Mann ist ja schon im ersten Jahr gefallen.., da kann man nicht die Hände in den Schoß legen bei fünf Kindern. Aber jetzt sind sie ja auch tot, es hat halt alles nichts genützt.
    "Ja ich habe verstanden, dass ich wegen eines schweren Verbrechens angeklagt bin, gegen die Menschlichkeit - das sagen sie jetzt als wäre es schon immer so gewesen. Das klingt ja so als wären wir unmenschlich gewesen. Aber selbst wenn sie das jetzt so sehen, wir mussten uns wirklich um andere Dinge kümmern, als um Menschlichkeit, wir hatten große Probleme mit der Verbrennungsanlage - ich sehe schon an ihrem Gesicht, dass sie das nicht verstehen, Herr Richter - eigentlich hat es gar keinen Sinn, ihnen etwas davon zu erzählen, es war wie eine andere Welt - wie wollen sie über etwas urteilen, was sie gar nicht kennen... Sie sprechen von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, aber ich kann ihnen sagen, die Menschlichkeit interessiert sie nicht, wenn sie da einen Haufen Leichen haben der anfängt zu stinken, das ist unmenschlich gewesen, dieser Gestank -
    Gut ich erzähle einfach, was ich dort im Lager gemacht habe. Also, erstens war ich die Aufseherin des Frauenlagers in das immer nach Ankunft eines Transportes die Frauen kamen, die schon im Zug zusammengebrochen waren, die schwer krank oder hochschwanger waren. Die mussten ja als erstes weg, damit war dann sichergestellt, dass die anderen warten konnten bis sie an die Reihe kamen. Sie sprechen jetzt über Verbrechen und klagen mich an, keiner bedenkt, was wir für eine gute Arbeit geleistet haben, grade in den letzten Monaten des Krieges. Das waren schon echte Probleme, die wir hatten als immer mehr Transporte mit Halbtoten ankamen. So schnell konnten wir nicht arbeiten, wie die uns da wegstarben. Es gab ja auch kaum mehr welche, die noch Kraft hatten zum graben. Es war manchmal wirklich die Hölle da. - Worin die gute Arbeit bestand? Das kann ich ihnen ganz genau sagen. Wir hatten damals gar nicht so viel gutes und zuverlässiges Personal, ich bin oft schon um sechs Uhr morgens gekommen und konnte nicht vor zehn Uhr nach Hause gehen. Das waren lange Tage, Herr Richter. Also wenn die Transporte kamen, stand ich schon am Gleis -
    Natürlich hatte ich Helfer, aber das waren auch nur Juden, wenn sie denken, die hätten sich beeilt, die Kranken aus den Zügen zu ziehen, dann irren sie sich. Wenn ich nicht hinter jedem einzelnen her war, haben die sich alle Zeit der Welt gelassen. Denen war es egal, dass ich noch alle Frauen registrieren und aufteilen musste. Einmal hat doch einer versucht, einen Säugling an mir vorbei zu schmuggeln - na ja, ich habe ihn erwischt. -
    Was ich mit dem Säugling gemacht habe? Gott, was soll ich mit dem schon machen? Ich habe ihn einer alten Jüdin gegeben, die schon auf dem Weg zum Gas war. Die Mutter war ja halbtot und konnte es nicht mehr selber tragen. -
    Sie meinen, ob alle sofort vergast wurden? Nein, das war zwar das Ziel, aber das haben die in Berlin so beschlossen ohne ein Ahnung zu haben, wie bei uns die Verhältnisse waren. Mit dem Vergasen alleine ist es ja nicht getan, sie müssen die Leichen ja auch vernichten - und vorher alles, was da noch zu verwenden war, musste vorher auch noch aus den Leichen raus, die Goldzähne, die Haare. - Ja, das mit der Haut haben wir aber nur einige male versucht, dafür hätte es eben Fachpersonal gebraucht, das hatten wir einfach nicht. Jedenfalls hatten die in Berlin sich mit den Brennöfen verrechnet, wir konnten gar nicht alle sofort töten, das war einfach nicht möglich. Sie können sich ja nicht vorstellen, welche Mengen die uns geschickt haben. Einmal sind wir sogar zum Kommandanten gegangen und haben gesagt, dass es so nicht weiter geht. -
    Was nicht mehr weiter ging, wollen Sie wissen?
    Wir hatten einfach keinen Platz mehr. Wir kamen mit dem Organisieren nicht mehr hinterher -
    Warum zeigen sie mir diese Fotos, denken sie ich wüsste nicht, wie es da ausgesehen hat? -
    Sie meinen das sind alles tote Menschen, tote Juden? Ja was soll es den sonst sein. Aber sie können mir glauben, sie sehen sich jetzt das Foto an und denken die armen, armen Menschen. Ich habe nur gedacht, wie lange liegen die da noch, kann man denn nicht schneller verbrennen... Ob ich nicht daran gedacht habe, dass das alles Menschen sind, Menschen wie ich?
    Natürlich nicht, es waren schließlich Juden und keine Menschen wie ich. Sonst wären sie ja auch nicht ins Lager gekommen. -
    Nein, wie sollte ich nachprüfen ob sie wirklich schlecht oder anders waren. Das hatten andere vor mir schon getan, dafür war ich nicht zuständig. Ich war nur dafür zuständig, dass sie bis zur Vernichtung verwahrt wurden. -
    Was sollte mit den Kindern sein, es waren genauso Juden wie die anderen auch. Wenn ich einen jüdischen Jungen gesehen habe, wusste ich ja, aus dem wird mal genauso ein jüdischer Mann, wie die anderen auch - warum sollte ich mit dem mehr Mitleid haben, als mit den anderen? -
    Ja, manchmal habe ich sie geschlagen, vor allem die Juden die mir beim Entladen helfen sollte. Sonst hatten die ja keinen Respekt.
    Ich habe sie mit dem Gewehrkolben geschlagen, manchmal auch getreten. Aber natürlich nicht zu fest, schließlich brauchte ich die ja noch, die konnten noch Gräber ausheben - die bekamen ja auch gutes Essen, aber es waren eben nicht genug. -
    Nein mit der Hand habe ich sie fast nie geschlagen, es war mir immer unangenehm, sie anzufassen. -
    Ob es eine Situation gegeben hat, wo ich lieber aufgehört hätte?
    Oh, weiß Gott, viele. Sie glauben ja nicht, wie unerfreulich diese Arbeit oft war. Dadurch dass wir so wenige waren, hatte ich nur wenig Kontakt zu den anderen deutschen Aufsehern, da kam man sich schon manchmal sehr einsam vor. Keinen mit dem man reden kann. Manchmal hatte ich das Gefühl, ich hätte schon seit Wochen nicht mehr gelacht. Na ja, ab und zu gab es eine kleine Feier, das war dann schon schön. Wir haben dann gesungen und manchmal auch getanzt. -
    Nein, wir hatten kein Lagerorchester, wir waren ja eigentlich nur als Vernichtungslager geplant. -
    Ob ich einmal mit einem der Juden Mitleid gehabt habe? Sie stellen Fragen, Herr Richter! Wenn ich mit einem Mitleid gehabt hätte, hätte ich es dann nicht auch mit dem nächsten und schließlich mit allen gehabt? Wenn man charakterschwach ist, darf man so eine Arbeit nicht machen. -
    Wer hatte denn Mitleid mit mir gehabt? Schön war es da im Lager für mich wirklich nicht, immer der Gestank, das Geschrei. In dem Jahr wo ich da war, habe ich nicht einmal ein Dankeschön gehört - und arbeiten musste ich ja für die Kinder und meine Mama in Hamburg. Einmal habe ich einer alten Jüdin aus dem Wagon geholfen, sie sah meiner Großmutter etwas ähnlich, glauben sie, die hätte sich bedankt?
    Da wird jeder Mensch hart in so einer Umgebung. -
    Sie brauen mir nicht immer diese Fotos zu zeigen, ich weiß wie die aussahen, wenn die bei uns ankamen. Sie sitzen jetzt da und haben Mitleid, aber versetzten sie sich doch mal in meine Lage, Herr Richter. Ich musste mein Soll erfüllen. Wenn ich nicht richtig arbeitete, bekamen die im Krematorium Probleme. Haben sie schon mal versucht aus einer Liste mit tausend Namen die herauszufinden, die in die Krankenbaracke sollen? Sicher hatten die alle Nummern, aber wenn man sie nach ihrem Namen fragte, stellten die sich plötzlich dumm. -
    Ja sie hatten Tätowierungen, aber versuchen sie die einmal nachts bei dem Scheinwerferlicht zu lesen? Oft waren die so undeutlich, grade bei den Alten auf der faltigen Haut. Dafür hatte ich extra einen Juden, der stand immer neben mir und musste dann die Haut straff ziehen. Aber auch wenn sie so verhungert waren, konnte man die Nummern nur schlecht lesen. Selbst deutsche Juden, die ihre Nummer ja auswendig wussten, haben mir oft nicht geantwortet. Nein, Herr Richter, das war wirklich keine Freude... -
    Was ich mit den deutschen gemacht habe, wenn sie mir die Nummer nicht gesagt haben? Es kam ganz darauf an. Wenn er einer der ersten war, der aus dem Wagon kam, habe ich ihn meistens bestraft, damit die anderen das sehen. Manchmal habe ich ihn einfach mit der Gerte geschlagen, bei alten Juden reichte das oft schon. Wenn eine junge Jüdin frech wurde, habe ich ihm befohlen sich auf den Boden zu legen und habe sie dann getreten. -
    Warum sie sich hinlegen mussten? Herr Richter, haben sie schon mal jemanden getreten, der steht, das geht doch kaum, höchstens gegen das Schienbein. Ich bin doch nicht vom Zirkus, dass ich die Beine so hoch schwingen kann. Außerdem wie hätte das ausgesehen? -
    Ob ich nur mit Frauen zu tun hatte? Ich glaube, sie hören mir nicht richtig zu, Herr Richter, beim Ausladen waren es Kinder, Frauen, Männer einfach alles durcheinander. Zumindest am Ende... -
    Ja, einmal habe ich etwas getan, was ich später bereut habe. Eine junge Jüdin hatte eine wunderschöne Perlenkette, sie hatte sie sich um den Oberschenkel gebunden, damit ich sie nicht sehe. Sie war wohl während des Transportes so abgemagert, dass sie ihr auf den Fuß rutschte, als sie vor mir stand. Diese Kette habe ich an mich genommen. Ich habe sie nicht abgeliefert, wie es eigentlich selbstverständlich gewesen wäre. Aber ich wollte schon immer so eine Kette haben - später tat es mir dann sehr Leid. -
    Es war eine schwere Zeit, für alle Herr Richter. Ich habe meine Kinder ja ein Jahr nicht sehen können - jetzt sind sie alle tot. Daran denkt jetzt keiner. Plötzlich haben wir an allem Schuld und es heißt, die armen Juden. -
    Ob ich es bereue, was ich getan habe? Sie haben es einfach nicht verstanden, Herr Richter, ich persönlich habe ja niemanden ermordet, aber ich stand hinter der Sache, wenn sie das meinen. Es waren klügere Menschen als ich, und auch als sie, Herr Richter, die herausgefunden hatten, dass die Juden schädlich für das deutsche Volk waren. Ich habe sie ja gesehen, diese Herren Bankiers und ihre Gattinnen, wie die aussahen wenn man ihnen die schönen Kleider abgenommen hatten, sie waren dann einfach nur noch Juden. Mehr nicht. -
    Grausamkeiten im Lager? Also wir hatten wirklich besseres zu tun als die Juden zu quälen, dafür war einfach keine Zeit. Gut einer der Bewacher hat seinen Hund abgerichtet und dafür Juden genommen, aber das war ja auch nicht wirklich quälen, direkt danach sind sie sowieso ins Gas gekommen. -
    Was ich unter wirklich quälen verstehe? Das kann ich ihnen ganz einfach sagen, Herr Richter, das ist, wenn man das aus Spaß tut. Aber ich hatte ja schon gesagt, so spaßig war es nicht bei uns. -
    Ja, gesehen habe ich schon manchmal eine Grobheit, aber das muss man verstehen, es waren ja junge Männer die da arbeiteten, den platzte schon mal der Kragen, wenn sich ein Jude auf den letzten Metern vor dem Gas fallen lässt. Was wollen sie machen, wenn eine Jüdin dann grade ihre Wehen bekommt, Herr Richter, ihr freundlich zureden? Das reicht manchmal einfach nicht, da muss man richtig durchgreifen, da hilft sonst nichts. -
    Ach, so genau habe ich da auch nicht hingesehen Herr Richter, mich hat das nicht interessiert, das war nicht mein Zuständigkeitsbereich. -
    Ob ich mir vorstellen kann, auch selber Juden zu ermorden? Dafür habe ich mich nie beworben, zum einen waren es meistens Männer, es war halt körperlich schon anstrengend - aber wenn sie damit meinen, ob ich mit ihnen bis zum Gas gegangen wäre - natürlich. Aber das war ja auch kein Mord. -
    Was für mich Mord ist? Das ist wenn ich jemanden aus niedrigen Beweggründen töte. Das hat keiner von uns getan. -
    Was ich zu meiner Verteidigung sagen will? Ich habe immer zum Wohle meines Vaterlandes gehandelt - außer das eine Mal mit der Perlenkette. Das kann sicher nicht jeder von sich sagen Herr Richter.

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Die Aufseherin

    Es gibt Texte, die müssen geschrieben werden und gelesen werden. Ganz einfach.

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Die Aufseherin

    Liebste Kyra,


    als jemand, der nur liest (leider nicht mal oft) und nicht schreibt, sozusagen als Konsument, möchte ich meine Meinung nicht zu Struktur oder Sprache äußern - sondern zum Inhalt. Meine Meinung zu diesem Text betrifft die Glaubwürdigkeit der Darstellung.


    Ich habe die israelische Doku über den Eichmann-Prozess gesehen, der sich im Prinzip ähnlich wie die Aufseherin verteidigt bzw. gerechtfertigt hat. Diese Doku war eine sehr lange Reportage, sehr ausführlich, der Prozess ging über Tage, wahrscheinlich Wochen. Dort war sehr beeindruckend, wie der Ankläger immer wieder die Fassung verlor und Eichmann sich auf seine Position, lediglich Befehle gegen seinen Willen und seine Überzeugung ausgeführt zu haben, zurückzog.


    Bei der "Aufseherin" ist - schließlich handelt es sich um eine Kurzgeschichte - wesentlich weniger Platz, um die Haltung der Hauptperson einzuführen, um ihre Taten zu schildern oder anzudeuten, und überhaupt kein Platz, um auf die Richter einzugehen. Weil der Text lediglich die direkte Rede der Aufseherin wiedergibt hat man den Eindruck, man höre einer Person bei einem Telefonat zu - die andere Seite der Leitung kann man nicht verstehen.


    Und diese Kürze ist es, was mich an dem Text stört. Das ganze wird in einer Gerichtsverhandlung abgehandelt, die eher an ein Verkehrsdelikt erinnert - jedenfalls von der Länge.


    Ich glaube, der Text würde zumindest mir viel besser gefallen, wenn der größte Teil der Greuel-Details wegfiele und du nur an Hand einer zunächst banal klingenden Handlung der Aufseherin darauf hinarbeitest, dem Leser die wahre Tätigkeit der Angeklagten zu eröffnen. Ich denke, du arbeitest gerne mit Schockeffekten - das mag ich auch gerne, aber hier erscheint es mit zu viel; sie kommen zu direkt.


    Ich bin aber eigentlich ein großer Fan deiner Texte, insbesondere der Wawa-Geschichten. Ich denke eben, dass diese (auf mich ein wenig nach Finger-Übung aussehenden) Texte, die nicht Wawa zum Inhalt haben, vordergründiger wirken - weniger intensiv und mitreißend.


    Nur meine 2 cent.

  4. #4
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Die Aufseherin

    Zwei Dinge fielen mir auf:



    1. Warum antwortet die Angeklagte dem Richter, als ob sie diesen als Richterinstanz anerkennte? Müßte sie nicht vielmehr den Richter als Vertreter der Siegerjustiz betrachten, also als Feind?
    2. Die Perlenketten-Episode ist sehr gut, aber Du solltest die Angeklagte nicht reflektieren lassen, warum die Kette abrutschte, sondern nur beschreiben lassen, DASZ die Kette von dem dürren Oberschenkel rutschte.



    Die Geschichte würde noch eindrucksvoller werden, wenn Du den anfangs geschilderten persönlichen Verlust der Angeklagten auch im mittleren und Schlußteil thematisieren würdest.
    Das Grauen entwickelt sich langsam und leise, nicht plakativ. Du könntest auch länger offenhalten, daß es sich bei der Angeklagten um eine KZ-Aufseherin handelt. Aber das ist eine Frage Deiner Intention. ich betrachte das Dargestellte unter dramaturgischen Aspekten. In diesem Kontext sei Dir gesagt, daß der Text nicht rund ist, sondern plakativ und vorhersehbar, geradezu langweilig.

  5. #5
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    AW: Die Aufseherin

    Hallo Wolfgang


    Ich habe die israelische Doku über den Eichmann-Prozess gesehen, der sich im Prinzip ähnlich wie die Auseherin verteidigt bzw. gerechtfertigt hat. Diese Doku war eine sehr lange Reportage, sehr ausführlich, der Prozess ging über Tage, wahrscheinlich Wochen.

    ich kenne den Film, der war so 12 Stunden lang, glaube ich. Sehr, sehr gut.
    Nur was ich hier geschrieben habe war ja keine Reportage, es war als literarische Überspitzung gemeint. Natürlich ist die Person nicht in ihrer ganzen Tiefe beleuchtet. Ich wollte 3 Dinge damit zum Ausdruck bringen
    die Gleichg?ltigkeit, und die Egozentrik der Frau
    Das die Frau durchaus Moralvorstellungen hat, z.B. wegen der Perlenkette.
    Und sie hat nichts mehr worum sie kämpfen muss, die Kinder sind tot. Das führt natürlich zu einer viel krasserern Aussage, als wären sie noch am Leben. Dann würde sie sich klüger verhalten. So ist sie trotzig und ohne Mitleid, dafür mit viel selbstmitleid.


    Bei einem Text über dieses Thema muß man, denke ich, sich entweder kurz fassen oder einen Roman schreiben. Weil eigentlich sage ich auf diesem kleinen Raum recht viel über die Frau, nicht nur über ihre Arbeit...


    Viele Grüße


    kyra

  6. #6
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Die Aufseherin

    Zwei Dinge fielen mir auf:
    1. Warum antwortet die Angeklagte dem Richter, als ob sie diesen als Richterinstanz anerkennte? Müßte sie nicht vielmehr den Richter als Vertreter der Siegerjustiz betrachten, also als Feind?

    Sie ist doch als obrigkeitshörige Frau dargestellt. Keine Fanatikerin, sondern eine die glaubt oder behauptet zu glauben, ihre Pflicht getan zu haben - wie es ihr gesagt wurde.


    Jetzt sind neue Obrigkeiten da, denen muss sie sich ebenso unterordnen wie den alten. Obrigkeiten werden von ihr nicht beurteilt.


    So jedenfalls habe ich die Person verstanden.

  7. #7
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    AW: Die Aufseherin

    Hallo Robert


    wenn Du den anfangs geschilderten persönlichen Verlust der Angeklagten auch im mittleren ...
    ich habe es 2x im Text stehen, einmal zu Anfang und einmal in der Mitte:
    "Es war eine schwere Zeit, für alle Herr Richter. Ich habe meine Kinder ja ein Jahr nicht sehen können - jetzt sind sie alle tot. Daran denkt jetzt keiner? Plötzlich haben wir an allem Schuld und es heißt, die armen Juden?"


    mit dem Oberschenkel, dass sie es nicht reflektieren sollte, hast Du natürlich völlig recht. Das fummel ich gleich raus.


    Ich hatte auch überlegt, ob sie den Richter agressiver attakieren sollte, aber dann wäre es zu sehr in einen Zweikampf zwischen ihr und dem Richter ausgeartet. Ich lasse sie einfach nur seine Kompetenz in Frage stellen. Wenn man erst damit anfängt, dass er ja eine böser Besatzer ist, müsste ich die Geschichte wesentlich länger machen.
    Eigentlich habe ich ja auch ihre Kinder sterben lassen, damit sie so unverblümt sprechen kann.


    Danke und Grüße


    Kyra

  8. #8
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    AW: Die Aufseherin

    Es fällt mir schwer, nach so einem Text zu einem normalen Sonnentag zurückzukehren. In erster Linie geht es hier auch nicht um historische Bezüge, die schlimme Aussage ist, daß man mit ein bißchen Anleitung ALLES vor seinem Gewissen (Richter!) rechtfertigen kann.
    Kyra, Du bist noch zu jung - Gnade der späten Geburt -, um dieses Verbrechen erlebt zu haben. Wer oder was läßt Dich so fühlen?
    Blödsinn, das mit der Gnade. Das Grauen der Verfolgung und Vernichtung von Völkern, Gruppen durch die Jahrhunderte hat sich nicht im mindesten geändert. Nordirland, der Balkan, Afrika wunderbar, Asien, Amerikas Neger, Indianer usw. usw.... insgesamt ein glückliches, von Gott so gewolltes Miteinander.

  9. #9
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    AW: Die Aufseherin

    Menschen sind wirklich zu ALLEM Fähig!!
    Fast Alle!!

    Liebe Grüße


    Kyra

  10. #10
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Die Aufseherin

    Das hat vielleicht nichts mehr mit Literatur zu tun, sondern nur mit der inhaltlichen/moralischen Aussage des Textes. Ich denke nach wie vor, dass es um Mitläufer geht, nicht um Nazis, Fanatiker o.ä.


    Es gibt einen Film zu einem Experiment, bei dem Versuchspersonen anderen "Versuchspersonen" zu erlernende Fragen stellen und bei falscher Beantwortung mittels Elektroschocks bestrafen mussten. Kennt bestimmt jeder. Ergebnis: fast alle Versuchspersonen waren bereit, den Anweisungen des Versuchsleiters zu folgen und die ihnen gänzlich unbekannte (und damit auch nicht durch Vorurteile ala Judenhass etc. belastete) Person solange zu foltern, bis aus der "Strafkabine" keine Antwort mehr kam, man also annehmen musste, die Person sei tot oder bewusstlos.


    Deshalb glaube ich auch, dass sehr viele Menschen solche Dinge tun würden.

  11. #11
    Zil
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    AW: Die Aufseherin

    Kyra,Perverse gibt es immer, wenn auch nicht zu dem Prozentsatz, wie Du es annimmst. (fast alle) Auch dies Leute suchen eine Rechtfertigung für ihr Handeln, so ist der Mensch. Man muß vor dem Staat Angst haben, der diese Menschen als Mittel zum Zweck benutzt. Du hast die Szene gut nachgestellt. Gar nicht so schwer sich in dieses einfache Denkmuster hineinzuversetzen.

  12. #12
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    AW: Die Aufseherin

    Hier steht die Frage noch im Raume, inwiefern sich Humanismus und ein Menschenbild vertragen, das die Perversion als menscheneigen betrachtet. Dies geht aus der prälogischen Definition der Handlungen aus diesem Text hervor, daß eben diese Perversion als Wesensbestandteil des Menschen angenommen wird, die Zivilisation quasi ihre Decke drüberstülpt, unter dieser aber der verruchte Mensch west.


    Ich teile diese Sicht der Dinge nicht. Grausamkeiten und der Hang des Menschen, seinem Willen zu entsprechen artikulieren sich gegebenenfalls als für Fremde perverse Sichtung, sind es aber nicht ihrem Wesen nach. Die Lenkung durch Erziehung ist wichtig, wiederum aber ist diese nicht für den Menschen wesensverändernd. Es ist der Wille, auf das vermeintliche Du zuzugehen, der Wille, sich einzulieben ins andere, dessen man habhaft werden kann, es ist der Drang und Zwang, sich selbst im anderen aufzugeben, das man selber ist. Das ist Wesen des Menschen, führt zu seiner Verzweiflung und Einsamkeit, zu seinem Hang, grausam zu sein. Ist der Grund seines lebenslangen Suchens, Süchtelns.


    Ich bin eins, du bist eins. Komm, laß uns zusammen einsam sein. Ich bin grau, du bist grau. Komm, laß uns zusammen grausam sein!


    Ich halte von solchen Texten wie dem obigen nicht viel. Sie stülpen ein Menschsein vornan, dem sie sich im Inneren nicht klargeworden sind, es aber verdammen. Das nenn ich also Oberfläche. Die hier abfolgende moraline Diskussion belegt nur den literarischen Unwert des Textes. Außer gegenseitigem Schulterklopfen und dem Verweis darauf, wie böse MAN doch eigentlich sei, passiert hier nichts. Die Schwächen der Psychologie, die des Gesamtansatzes und die der dramaturgischen Durchführung werden aus Angst, man könnte in eine rechte Ecke gelangen, nicht genannt. Der Tod der Literatur tritt dann ein, wenn das Moralische über die Form gesetzt wird.

  13. #13
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Die Aufseherin

    Im Wesentlichen schließe ich mich Aerolith an, möchte noch anfügen, dass das Thema als literarische Arbeit stark verliert, weil es in einer Art "authentischem Gerichtsprotokoll" geschrieben ist.
    Hinzu kommt die (gewollte) Überspitzung des Charakters in Schwarzweißmalerei, der daher wenig glaubwürdig erscheint.
    Obrigkeitshörigkeit, die unbegreifliche Volksverhetzung gegen ein ganzes Volk und die Tatsache, dass man die Kinder durchbringen muss, scheinen mir als Motivation für solch haarsträubende Taten dieses Charakters unzureichend.
    Vielleicht ist das aber auch nur mein Wunschdenken, es müsse etwas anderes dahinterstecken. Die Vorstellung, dass jeder Mensch zu solcher Grausamkeit aus so einfachen Motiven heraus fähig ist, wäre mir unerträglich.


    Einen freundlichen Gruß,


    W.

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