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Thema: Konzentrate

  1. #1
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    Post Konzentrate

    a)
    Kaum ein Boot mehr auf dem See. Es hatte aufgehört zu schneien. Die Sonne schob einige Wolken auseinander.
    Ein alter Mann bröckelte Brot ins Wasser. Ein Schwarm Enten. Für ihn war es wohl zu hart geworden.


    b)
    Sie hatte ein Spitalnachthemd an, und die Hände unter der Decke, was mich wunderte. Ihr bleiches Gesicht lag wie angerichtet auf dem artig gekämmten Haar. Unbeirrbar regelmässig tröpfelte eine Infusion Flüssigkeit in ihren Körper. Ich küsste sie auf die Stirn. Und ging.


    c)
    dein lachen furcht sich
    immer tiefer in mich
    sie frisst mich auf
    die erinnerung
    nur ein ozean
    der uns trennt
    was macht das schon
    schwimm
    wenn du kannst
    sonst trink ich ihn aus


    d)
    Ich hatte Lust zu feiern. Und mir wurde bewusst, wie provisorisch ich mich in dieser Stadt eingerichtet hatte.
    Das Raucherabteil war leer. Ich steckte mir Klaviermusik in die Ohren und liess die Stadt hinter Regentropfen an mir vorbeiziehen. Die Frühschicht auf dem Weg zur Arbeit. Wenige schienen sich darauf zu freuen.


    e)
    Ein gegen alle Seiten abfallender Raum, hell und freundlich. Bilder und Farbtöpfe, ein gemütliches Durcheinander. In der Mitte des Raumes auf einer Staffelei ein angefangenes Bild. Ich. Noch nicht ganz fertig.
    Auf einem gusseisernen Gartentisch ein Strauss gelber Rosen. Getrocknete gelbe Rosen. Sonnenschein.


    f)
    Hände, die reden in Zeichen. Ich, der ich nach einem imaginären Treppengeländer tastete. Die Hauswand fing mich auf. Ich hätte mich gerne irgendwo festgehalten.
    Ihr hochgestecktes Haar roch nach Mandelblüten. Ich glitt mit der Nase ihrem Hals entlang, umspielte Lippen und Mundwinkel. Ihre Brust klopfte an meine. Ich schlafe alleine, stand auf einem Zettel.


    g)
    Die Strassen waren leer. Grossräumig verstreute Dörfer säumten den Weg. Sie unterschieden sich nicht gross voneinander. Nackte Steinmauern und Kopfsteinpflaster. Die Zeit schien hier stehenzubleiben, oder fand nicht mehr her.
    Und immer wieder ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel vor dem Schlafengehen.


    h)
    Sie konnte nicht reden. Wir sassen unter Kastanienbäumen in einer Gartenlaube eines Restaurants. Sie kritzelte etwas auf einen Zettel und schob ihn mir hin. Ich sollte Weisswein bestellen. Als der Kellner nach unserer Bestellung fragte, leckte sie den Zettel und klebte ihn mir an die Stirne. Er lächelte, aber ich sah genauer hin. Die meisten Gäste waren Bauern. Mir war nicht wohl inmitten soviel Bodenständigkeit.
    Nichts ist so endgültig wie das Schweigen einer Stummen.




    i)
    Mein Portrait war fertig. Es war meinungslos und ich ihm nicht gewachsen. Die langen Winterabende nicht mehr weit. Ich sass oft im Schaukelstuhl vor dem Fenster zum Hof. Ueberprüfte die Lebenslinie, Herbstlaub im Schoss. Tot, die Grossmutter, ihre. Ich hatte auch die Linie der Verstorbenen überprüft. In der Küche lag ein Zettel: ich will alleine sein. Ich las den Kaffeebeuteltext zu Ende.


    k)
    Ich stell mir gerne schwimmende Blätter auf einem Büchlein vor, renn ihnen in Gedanken nach. Nicht immer hol ich sie ein. Und im Kino schaute ich mir den Film auf ihrem Gesicht an. Dann trank ich mir einen an, um mich auszuleeren.


    l)
    Da standen sie, Grabstein an Grabstein, in Reih und Glied. Soldaten der Ewigkeit, die warten wie Waisenkinder. Ich konnte die Bedeutung in dem Felsbrocken nicht erkennen. Sie sah schön aus, unheimlich schön und ich verzichtete auf eine Bemerkung. Ein unbekanntes Waldstück, umgeben von dunklen Silhouetten. Ich hatte die Orientierung verloren. Endlich.


    m)
    Wie zwei Statuen sassen wir uns in der Badewanne gegenüber. Ohne uns zu berühren. Der Gedenkstein stand unter schneebedeckten Holunderzweigen. Eine Krähe durchbrach die Stille. Ich dachte an reinkarnierte Hexen. Nach ihrer Abreise kaufte ich zwanzig gelbe Rosen. Verstreute jeden Abend Blütenblätter im Atelier und tunkte die letzte Rose in einen Kübel schwarze Farbe. (Ein Zeigefinger zwischen Gerupftem und Gezupftem.)


    o)
    Ich stand da und wartete, mehr hatte ich nicht zu bieten. Sie bot mir nur ihren Joint an. Ueber uns funkelten Sterne, zum Anfassen nahe und silbrig. Sie erzählte von einem Erlebnis mit einem Exhibitionisten. Ich starrte auf eine Laufmasche ihrer Strumpfhose. An ihrer eingefallenen Schulter hingen Arme wie überreifes Affenbrot.


    p)
    Zwei Torhüter, von ihren Mitspielern vergessen, die sich über das Spielfeld zuflüstern. Die Sekundenzeigerbewegungen der Küchenuhr. Ich blieb kraftlos auf dem Stuhl zurück. Durchzug schlug eine Türe zu, ein Fenster krachte gegen die Scharniere. Senffarbene Streifen zwischen pechschwarzen Wolken. Sie klopfte gegen die Glastüre, die ich soeben geschlossen hatte. Von Angesicht zu Angesicht. Die Doppelverglasung existierte nicht. Ein Dia, scharf und unwirklich farbig. Licht und Schatten, von einem Blitz auf ihre Konturen geworfen. Ich zählte bis Vier. Donner. Schreckte doch zusammen. Sie hämmerte mit den Fäusten gegen die Fensterscheibe. Durchzug. Warum hatte sie ihre Fingernägel nicht lackiert. Hat sie ihre Fingernägel schon mal lackiert gehabt?


    o)
    Es regnete in Strömen. Der Scheibenwischer drängte sinnlos Rinnsal um Rinnsal von der Frontscheibe. Gebannt betrachtete ich dieses krankhafte Schauspiel. Sie stand vor der Staffelei. Ich öffnete die Fenster. Die Rosenblätter wurden aufgewirbelt. Sie hielt die schwarzgefärbte Rose in der Hand und schaute mich fragend an. Ein einzelnes Blatt blieb an ihrem Kittel kleben. Ein gelbes.


    p)
    Machs gut. Schrieb ich auf einen Zettel, den ich zerknüllte und in die Hosentasche steckte.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Konzentrate

    bärchen, Du überforderst mich. Du weißt doch, daß diese Form von Literatur für den Leser sehr anstrengend ist. KONZENTRATE! Die liegen wie Kalk im Gehirn.

    Also, Stück um Stück:
    a) noch eine Beobachtung dazu, die den Mann aus der Menge heraushebt, eine Geste, einen Gesichtszug, Körperhaltung, ein Wort..
    b) gut
    c) erinnerung streichen, dann neu aufbauen
    d) schlecht; durcheinander berichtet - die sich freuenden Menschen wären ein schönes Thema, darauf könntest Du im ersten Satz hinzuweisen versuchen, aber dann müßtest Du eine Beobachtung/Handlung streichen
    e) und weiter? das ist beinahe ein Anfang


    Wer macht weiter?

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Konzentrate

    Anstrengend, ja. Ein ganzes Buch würde ich so nicht lesen wollen/können.
    Aber als hingeworfener Fetzen zum Frühstück: schön. Sehr schwerelos, erinnert an Satie.
    Wo willst Du hin damit?

    it

    (PS: Fenster können nicht GEGEN Scharniere krachen)

  4. #4
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Konzentrate

    F) circulum vitiosis - vertrackte Kommunikationslosigkeit: Er soll mit ihr reden! Ich frage mich, wo hier das Problem liegt? Das Fehlen des Du ist tentativ angedeutet, aber nicht mehr als eine Andeutung einer Andeutung. Wie geht's voran mit dem Füllen der Leerstellen?


    G) Ja, hier könnte ich mich zurechtfinden. Kein sinnlich-übermaßiges Herbeistarren, sondern ein Strich neben einem Strich, dazwischen keine Ausdehnung, sondern Mögliches.


    H) Nein, das ist anmaßend, geradezu geschwätztig, zwar larviert, aber ich spüre Nichtssagenheit.

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Konzentrate

    das ist wohl richtig, robert, diese form von literatur ist anstrenged. ich hoffte, sie sei ein wenig über die sinne aufnehmbar.


    a) ich glaube, du hast recht, ich will noch ein "gebückt" reinnehmen


    c) nein, ich brauch sie da, die erinnerung


    d) du bringst mich hier zum nachdenken, ich glaube, ich werd das noch ändern müssen


    ich danke dir!


    liebe it, ein ganzes buch würd ich in der form auch nie lesen wollen, auf keinen fall. und die konzentrate sind ja genau drum konzentrate, weil sie alles von meinem "ersten" roman sind, von dem ich mich nicht trennen will. soll eine bilderabfolge sein, eine erzählte geschichte auch




    f) ist schon so, ich lass die leerstellen erzählen, und ob ich vorankomme? hoffe ja...


    h) sie kann halt wirklich nicht reden, die ist so. und der letzte satz ist mehr als nichtssagend, ich weiss.


    dank auch dir!


    sehr anregend, euer kommentieren.


    herzlichen gruss

  6. #6
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Konzentrate

    i) Die großmutter ist (als Person) zuviel.


    kein j? JJJJJJJJJJJJJJJJJJJJJJJJJJJJJJJJ ist auch ein Buchstabe!


    k) Die Stellung des Verbes in diesen S?tzen wiederholt sich. Das SCHAUTE stößt auf. Stelles um oder bring ein weicheres Verb, öhm, ich meine, eines, das im Vokaldreieck höher angesiedelt ist, auch wenn ihr Schweizer mit den hohen Vokalen so eure Schwierigkeiten habt, ihr gutturalen Möpse, ihr.


    l) könnte noch ein klein bißchen geheimnisvoller sein

    m) grell und gut, aber wußtest Du, daß ich farbenblind bin? Wie wirkt ein solcher text auf Farbenblinde?


    NNNNNNNNNNNNNNNNNNNNN ist auch ein Buchstabe


    o) JOINT würde ich streichen, vielleicht durch ein sprachliches Bild ersetzen; zuviel Knappheit wirkt manchmal nur peitschend


    p) disparat, gegen den Strich geschrieben; unnötige Information, jedenfalls kein Konzentrat, nur Gülle - empfehle komplettes Recycling


    Wo ist einer meiner Lieblingsbuchstaben, das QQQQQQQQQQQQQQQQQQQQQQQQ?


    o2) Was ist sinnlos hier? Das Bild mit der gelbven Rose kehrt wieder, wird aber nicht weiter verdichtet. Augenblick ohne Tragweite (für den Leser), weil Du den Leser draußen läßt. Hat das einen Grund?


    p2) Der ist gut. Und dann? Etwas muß noch passieren, entweder mit dem Zettel oder mit der Hosentasche oder mit dem, dem die Hosentasche gehört...

  7. #7
    schreibt hier hin und wieder
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    Post AW: Konzentrate

    ed, dank dir für die mühe! war von unserer halbstaatlichen telekommunikationsbude zu kurzzeitigem schweigen verdammt...


    i) die grossmutter brauch ich. ich will es mal geometrisch sagen. sie ist nur eine kreistangente, aber der kreis zerbräche in sich ohne diese...


    k) die stellung des verbs wiederholt sich, sagst du, tatsächlich stell ich fest. nun, k) soll ein wenig dahinplätschern, die gleichbleibende stellung ist mir also sogar willkommen...mit dem schaute will ich dir gerne recht geben. ich werds streichen, rauskippen. woher weisst du von unseren gutturalen möpsen?


    l) geheimnisvoller...hm, ich glaube das könnt wirklich nicht schaden


    m) ich tät den farbenblinden einfach mal unterstellen, dass die schon wissen, dass ne gelbe rose durchaus im duft von einer roten zu unterscheiden sei.


    o) für mich tut sich hinter dem wörtchen joint ne kleine welte auf, drum bleibts. (und weltauftun nicht falsch verstehn, bin ja nur n'gelegenheitlicher beiläufigkeitskiffer, aber das interessiert ja jetzt nicht mal mich.)


    p) nur gülle? für mich durchaus ein konzentrat, ein bildkonzentrat.


    ist in p2) nicht eine aktion, eine angehende angetönt, ein sich weiterbewegen?


    o2) ja, hat einen grund. der leser bleibt draussen, wenn das bild in ihm nichts rührt. ist mir dann aber egal.


    auf jeden fall hab ich weiter dran zu feilen, ja. dafür herzlichen dank. werd die vorläufig endgültige version dann mal noch hier reinstellen.






    mit folgendem betrachte ich die konzentrate als fertig, wenn es denn das für einen text überhaupt gibt. aber konzentrate sollte man ruhen lassen, sagte schon meine grossmutter beim cassislikör abfüllen.

    a)
    Kaum ein Boot mehr auf dem See. Es hatte aufgehört zu schneien. Die Sonne schob einige Wolken auseinander.
    Ein alter Mann bröckelte Brot, nach dem ein Schwarm Enten schnappte, ins Wasser. Für ihn war es wohl zu hart geworden. Danach ging er an einem Stock seines Weges.
    b)
    Sie hatte ein Spitalnachthemd an, und die Hände unter der Decke, was mich wunderte. Ihr bleiches Gesicht lag wie angerichtet auf dem artig gekämmten Haar. Unbeirrbar regelmässig tröpfelte eine Infusion Flüssigkeit in ihren Körper. Ich küsste sie auf die Stirn. Und ging.
    c)
    dein lachen
    furcht sich
    immer tiefer
    in mich
    es frisst mich auf
    das bild
    nur ein ozean
    der uns trennt
    was macht das schon
    schwimm
    wenn du kannst
    sonst trink ich ihn aus
    d)
    Das Raucherabteil war leer. Ich steckte mir Klaviermusik in die Ohren und liess die Stadt hinter Regentropfen an mir vorbeiziehen. Die Frühschicht auf dem Weg zur Arbeit. Wenige schienen sich darauf zu freuen.
    Noch gestern hatte ich lust zu feiern. Und mir wurde bewusst, wie provisorisch ich mich in dieser Stadt eingerichtet hatte.
    Ich fuhr weiter.
    e)
    Ein gegen alle Seiten abfallender Raum, hell und freundlich. Bilder und Farbtöpfe, ein gemütliches Durcheinander. In der Mitte des Raumes auf einer Staffelei ein angefangenes Bild. Ich. Noch nicht ganz fertig.
    Auf einem gusseisernen Gartentisch ein Strauss gelber Rosen. Getrocknete gelbe Rosen. Sonnenschein.
    f)
    Hände, ihre, die redeten in Zeichen. Ich, der ich nach einem imaginären Treppengeländer tastete. Die Hauswand fing mich auf. Ich hätte mich gerne irgendwo festgehalten.
    Gegen die Hände kam ich nicht an.
    g)
    Ihr hochgestecktes Haar roch nach Mandelblüten. Ich glitt mit der Nase ihrem Hals entlang, umspielte Lippen und Mundwinkel. Ihre Brust klopfte an meine. Ich schlafe alleine, stand auf einem Zettel.
    h)
    Die Strassen waren leer. Grossräumig verstreute Dörfer säumten den Weg. Sie unterschieden sich nicht gross voneinander. Nackte Steinmauern und Kopfsteinpflaster. Die Zeit schien hier stehenzubleiben, oder fand nicht mehr her.
    Und immer wieder ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel vor dem Schlafengehen.
    i)
    Wir sassen unter Kastanienbäumen in einer Gartenlaube eines Restaurants. Sie kritzelte etwas auf einen Zettel und schob ihn mir hin. Ich sollte Weisswein bestellen. Als der Kellner nach unserer Bestellung fragte, leckte sie den Zettel und klebte ihn mir an die Stirne. Er lächelte, aber ich sah genauer hin. Die meisten Gäste waren Bauern. Mir war nicht wohl inmitten soviel Bodenständigkeit.
    Dazu ihr in sich zerfallendes Schweigen.
    j)
    Mein Portrait war fertig. Es war meinungslos und ich ihm nicht gewachsen. Die langen Winterabende nicht mehr weit. Ich sass oft im Schaukelstuhl vor dem Fenster zum Hof. Ueberprüfte die Lebenslinie, meine, und das des Herbstlaubes in meinem Schoss. Tot, die Grossmutter, ihre. Ich hatte auch die Linie der Verstorbenen überprüft. In der K?che lag ein Zettel: ich will alleine sein. Ich las den Kaffeebeuteltext zu Ende.
    k)
    Ich stell mir gerne schwimmende Blätter auf einem Bächlein vor, renn ihnen in Gedanken nach. Nicht immer hol ich sie ein. Lichtjahre im Winterschlaft.
    Und den Kinofilm schaute ich mir auf ihrem Gesicht an. Dann trank ich mir einen an, um mich auszuleeren.
    l)
    Da standen sie, Grabstein an Grabstein, in Reih und Glied. Soldaten der Ewigkeit, die warten wie Waisenkinder. Ich konnte die Bedeutung in dem Felsbrocken nicht erkennen. Sie sah schön aus, unheimlich schön und ich verzichtete auf eine Bemerkung. Ein unbekanntes Waldstück, umgeben von dunklen Silhouetten. Ich hatte die Orientierung verloren. Endlich.
    m)
    Wie zwei Statuen sassen wir uns in der Badewanne gegenüber. Ohne uns zu berühren. Der Gedenkstein stand unter schneebedeckten Holunderzweigen. Eine Krähe durchbrach die Stille. Ich dachte an reinkarnierte Hexen. Nach ihrer Abreise kaufte ich zwanzig gelbe Rosen. Verstreute jeden Abend Blütenblätter im Atelier und tunkte die letzte Rose in einen Kübel schwarze Farbe. (Ein Zeigefinger zwischen Gerupftem und Gezupftem.)
    o)
    Ihre Ankunft: Ich stand da und wartete, mehr hatte ich nicht zu bieten. Sie bot mir nur ihren Joint an. Ueber uns funkelten Sterne, zum Anfassen nahe und silbrig. Sie erzählte von einem Erlebnis mit einem Exhibitionisten. Ich starrte auf eine Laufmasche ihrer Strumpfhose. An ihrer eingefallenen Schulter hingen Arme wie überreifes Affenbrot.
    p)
    Die Sekundenzeigerbewegungen der Küchenuhr. Und wir an diesem Designer-Tischchen. Wie zwei Torhüter, von ihren Mitspielern vergessen, die sich über das Spielfeld zuflüstern, dachte ich und blieb kraftlos auf dem Stuhl zurück. Durchzug schlug eine Türe zu, ein Fenster krachte zu und riss an den Scharnieren. Senffarbene Streifen zwischen pechschwarzen Wolken. Sie klopfte gegen die Glastüre, die ich soeben geschlossen hatte. Von Angesicht zu Angesicht. Die Doppelverglasung existierte nicht. Ein Dia, scharf und unwirklich farbig. Licht und Schatten, von einem Blitz auf ihre Konturen geworfen. Ich zählte bis Vier. Donner. Schreckte doch zusammen. Sie hämmerte mit den Fäusten gegen die Fensterscheibe. Durchzug. Warum hatte sie ihre Fingernägel nicht lackiert. Hat sie ihre Fingernägel schon mal lackiert gehabt?
    o)
    Es regnete in Strömen. Der Scheibenwischer drängte sinnlos Rinnsal um Rinnsal von der Frontscheibe. Gebannt betrachtete ich dieses krankhafte Schauspiel. Sie stand vor der Staffelei. Ich öffnete die Fenster. Die Rosenblätter wurden aufgewirbelt. Sie hielt die schwarzgefärbte Rose in der Hand und schaute mich fragend an. Ein einzelnes Blatt blieb an ihrem Kittel kleben. Ein gelbes.
    p)
    Machs gut. Schrieb ich auf einen Zettel, den ich zerknüllte und in die Hosentasche steckte.

  8. #8
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Konzentrate

    Was ist die Zukunft eines Konzentrats?
    Es wird von Zeit zu Zeit gelesen, kaum verstanden und als Mitzudenkendes fortan mitgedacht.
    Aber leistet ein Konzentrat das?
    Kaum. Es ist die poetische Form, in der das Konzertante aufgelöst und vermittelt wird, die einen Text erst lebendig macht.
    Und so, lieber bern., möchte ich Dich bitten, hier die besten Konzentrate auszunehmen und in einem poetischen Rahmen Geschichten zu schreiben, die im Gedächtnis Deiner Leser verbleiben.


    Mensch ist so.

  9. #9
    Tochter aus gutem Hause
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    19

    AW: Konzentrate

    Was ist die Zukunft eines Konzentrats?

    sehr aufschlussreich: decrescendo. von bernouilly. als antwort auf zitierte frage. zumindest in bezug auf diese obige konzentrate-sammlung.


    ferner hierzu ein ausschnitt aus den belletristischen spaziergängen. wiederum von bernouilly.


    "Ich trete hinaus in eine seidige Dämmerung.
    Ich bin mir sicher, dass der Satz von mir ist. Vielleicht. Er könnte aber geradeso gut von Proust sein. Käme dann also aus abgelagertem Wortmaterial irgendwo aus einem Winkel des Unterbewussten. Was immer man liest, beeinflusst das eigene Schreiben. Immer. Ich mach mir da keine Illusionen. Oder etwas grotesker gesagt, in einem Zusammenhange zu der Biografie des Autors gedacht: Das Schreiben selbst ist nicht ohne Auswirkungen, kann bewusstseinserweiternd sein, oder gar die eigene Persönlichkeit ausweiten, weil auch die soeben und eigenhändig geschriebenen Sätze auf den Verfasser einwirken, sich noch ofenwarm und nicht mehr wegzudenken in die Biografie desselben legen."


    ich denke, er übertreibt hier nicht sehr, der monsieur.


    Mr. Jones

  10. #10
    schreibt hier hin und wieder
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    20

    Post AW: Konzentrate

    deiner aufforderung, lieber robert, will und komme ich gerne nach. auch dem herren jones ein danke schön...was doch auch unter einem meter schnee so alles zu tage treten kann.


    amicalement b.


    ps.


    c)
    dein lachen furcht sich
    immer tiefer in mich
    und frisst mich auf
    wie eine erinnerung

    nur ein ozean
    der uns trennt
    was macht das schon
    schwimm
    wenn du kannst
    sonst trink mich aus

  11. #11
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: Konzentrate

    Schöner Ordner! Wie so vieles Schöne krankt er an Waldeinsamkeit.

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