Bei den Kämpfen im Ruhrgebiet hatte es ernste Augenblicke [im Sinne einer Niederlage der Republik gegen die Kommunisten] gegeben. Diese kommunistische Erhebung war mehr als eine Straßenrevolte gewesen. Man hatte nicht um Häuser und Straßen, sondern um Städte und im freien Gelände gekämpft. In Fronten lag man sich gegenüber, und Maschinengewehre und Geschütze sprachen auf beiden Seiten mit. Man hatte sich Schlachten geliefert. Soldaten gegen Kommunisten, aber Deutsche gegen Deutsche. Der Staat behauptete sich. (August Winnig: Das Reich als Republik. Stuttgart 1928. S. 200.)

Die Republik stand von Anfang an unter starkem innerem und äußerem Druck, wobei beides zusammenwirkt, aber dennoch zu trennen ist.

A. Der innere Druck
Drei Momente wirkten gegen die Republik:


  1. sie wurde von der Masse der Bevölkerung als vergeblicher Versuch der politischen Eliten (hier vorrangig der Sozialdemokratie als der wichtigsten staatstragenden Kraft der Weimarer Republik) betrachtet, bessere Friedensbedingungen zu bekommen → nachdem bereits vor Verabschiedung der Verfassung das Diktat von Versailles unterschrieben werden mußte, hatte sich der innere Anlaß zur Änderung der Staatsform für die meisten Deutschen erledigt; zudem betrachteten die Kommunisten von vornherein das Konstrukt einer bürgerlichen Republik als ephemeres auf dem Wege zur Errichtung der proletarischen Diktatur resp. der sozialistischen Republik, wie sie Liebknecht ein wenig voreilig bereits am 9. November ausgerufen hatte;
  2. es gelang der Republik nicht, alle zusammenhängend lebenden Deutschen in einem Staat zusammenzufassen, zudem mußte sie sich gegen separatistische Bestrebungen im Rheinland, der Pfalz, in Nordwestdeutschland und Bayern wehren, was unmittelbar damit zusammenhing; außerdem verstand sie es nicht, eine föderative Struktur aufzubauen;
  3. sie stand von vornherein auf verlorenem Posten gegen die Staatsfeinde [1], die die Republik als Konstrukt der Reichsfeinde betrachteten, deren Forderungen zu begleichen und die die Republik tragenden Politiker als moralisch verkommene Strohmänner ausländischer Interessen, die sich auf Kosten des deutschen Volkes die eigenen Taschen und die ihrer Auftraggeber füllten.


Aus diesen inneren Gründen waren die Jahre der Republik von vornherein gezählt. Die kommunistischen Unruhen in München, Hamburg, dem Rheinland und in Mitteldeutschland konnten noch leicht niedergeschlagen werden, da diese zwar von leidenschaftlichen und volksnahen Kräften angezettelt worden waren [2], aber die gehörten nicht zur politischen Schwungmasse des Volkskernes, sondern blieben mit 8-10% Anteil an seinem Rand. Der Kampf der konservativ-nationalistischen Republikgegner dagegen bedrohte die Republik substantiell, denn er wurde von dem Großteil der Bevölkerung stillschweigend, jedenfalls innerlich wohlmeinend unterstützt. Um so erstaunlicher war es, daß weder die aus Kaiserzeiten stammende Ministerialbürokratie noch die arbeitende Bevölkerung die gefährlichste national-konservative Erhebung gegen die Republik, den Kapp-Putsch 1920, unterstützte. [3]
Der Kapp-Putsch bewirkte Neuwahlen. Die Stimmenverhältnisse änderten sich grundlegend: die staatstragenden Parteien verloren an Stimmen, die Feinde der Weimarer Republik legten zu, links und rechts gleichermaßen: Das Kräfteverhältnis der Systemparteien (SPD, Staatspartei Katholiken) zu den republikkritischen oder gar ablehnenden Parteien (Linke, Deutschnationale, Volkspartei) hatte sich in einem Jahr von 77:23 zu 49:51 geändert: eine Quittung für die Annahme von Versailles und die schlechte wirtschaftliche Lage im Reich. Eine Regierungsbildung war nur nach dem Umschwenken der Volkspartei zu den systemtragenden Parteien möglich.
Parteien in der Weimarer Republik:
Partei politisches Paradigma
BVP 1918 in Regensburg gegründete katholische bayrische Volkspartei, selbständiger Teil des Zentrums; bis zum Hitler-Putsch eher staatsfeindlich, danach auf völkisch-konservativer Basis zunehmend staatstragend
DDP die demokratischen Liberalen als Nachfolger der Fortschrittspartei aus Kaiserzeiten waren die Staatspartei Weimars, die Republikaner; Annahme von Versailles und systematischer Aufbau des Landes nach kapitalistischen Mustern → mit dem Mißerfolg Weimars verlor die Partei Wählerstimmen
DNVP die Nationalliberalen waren die konservativste der liberalen Parteien und standen für eine betuliche Außenpolitik, die sich nach Westen orientierte, aber auch die nationalen Aufgaben im Auge behielt → stand mit einem revisionistischen Bein im ZDR, mit dem anderen in der Lebenswirklichkeit der 20er Jahre
DVP strukturell staatsfeindlich, da für das Kaisertum eintretend (als Sinnbild deutscher Einheit), aber auch pragmatisch; die rechtspopulistische Volkspartei war gegen die Annahme von Versailles und wollte einen kapitalistischen Nationalstaat schaffen
KPD staatsfeindliche Partei; ging aus der SPD/USPD hervor und wollte die Bolschewisierung des Reiches; war gegen die Annahme des Versailler Friedensdiktats und wollte durch einen Krieg eine revolutionäre Situation schaffen, was parteiintern umstritten blieb (Stalinisten vs. Trotzkisten) → starke Spannungen zur SPD, aber auch zu der NSDAP
Landvolk anarchische, sozial-ökologische Bewegung, die auf der Basis des Jungdeutschen Manifests eine Revolution auf romantisch-altdeutscher Basis vorsah, ein kräftiges Contra gegen die Postmoderne und kapitalisierte Landwirtschaft → Schnittpunkte zur NSDAP, aber auch zur BVP und zu den Kommunisten
NSDAP staatsfeindliche Partei, die Versailles tilgen wollte, was Krieg bedeutete; stand für einen zwischen Sozialismus und Kapitalismus sich bewegenden Wirtschaftskurs, der zuerst das Wohl des Staates präfigierte, wodurch dann auch das Wohl des einzelnen ermöglicht werden sollte, der nicht als Individuum, sondern als Teil eines zu reinigenden Volkskörpers aufgefaßt wurde → aus dem Liberalismus entstandene antilibertäre Bewegung der Postmoderne
SPD staatstragende Partei Weimars, die für systematischen Aufbau stand und sich von marxistischen Positionen immer weiter entfernte, dafür Arbeiteraristokratie und Kleinbürgertum stärkte; die Annahme von Versailles war das Paradigma → verlor zunehmend an Einfluß, da sie keine Lösung für wirtschaftliche und weltpolitische Fragen besaß und keine gesellschaftlichen und nationalen Aufstiegschancen vermitteln konnte
USPD im Weltkrieg aus der SPD hervorgegangen, stand sie anfangs für Pazifismus und verlangte nach dem Krieg die Durchsetzung des Rätesystems und die Sozialisierung (Verstaatlichung der Großindustrie); vergleichsweise viele (jüdische) Rechtsanwälte, die der Partei das Gepräge gaben → ging in der aus ihr hervorgegangenen KPD auf
Zentrum katholische Volkspartei, die zwar gegen Versailles war, aber vernünftige Politik machte und jeden Deutschen in Frieden sehen wollte, der seinen Geschäften in einer kapitalistischen Welt nachging

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Im Jahre 1921 wurde im Londoner Zahlungsplan die Höhe der Reparationsleistungen festgelegt: 132 Milliarden Goldmark in 43 Jahren.[44] Der Reichstag nahm an. Die SPD verlor an Glaubwürdigkeit, als sie diesem Plan zustimmte und so den Reparationen eine moralische Berechtigung gab. Sie betonte bei der Sozialistischen Internationale 1922, daß sie die Revolution vier Jahre zu spät gemacht und den Krieg nicht verhindert habe, der deutscher Schuld entsprang. - 1919 hatte Scheidemann noch betont, daß die Hand verdorren müsse, die Versailles unterschriebe.
Im ersten Jahr erfüllte das Reich diese Zahlungsverpflichtung, 1922 nicht mehr. Frankreich wollte repressiv reagieren, also im Reich einmarschieren, aber Britannien blickte weiter und konnte Frankreich bei einem Treffen in Cannes überzeugen, daß auch Frankreich daran gelegen sein müsse, daß das Reich solvent werde, also mehr Freiraum benötigte. In Genua sollte eine große Konferenz europäischer Staaten wirtschaftliche Fragen des Kontinents besprechen und Voraussetzungen dafür schaffen, die allgemein schlechte Wirtschaftslage zu beenden. Aber auch diese Konferenz blieb erfolglos. Für Frankreich. Das Reich nutzte das Zusammenkommen und unterschrieb in Rapallo ein deutsch-russisches Handelsabkommen, das Rußland aus der internationalen Isolierung holte, dem Reich einen Wirtschaftspartner verschaffte und zugleich der Reichswehr die Möglichkeit bot, in Rußland, fernab der Argusaugen der Entente, Reserveübungen abzuhalten, die es dem Reich erlaubten, seine Wehrkraft zu erhöhen, ohne den Versailler Vertrag zu brechen.

Machthaber der zweiten Art [die erste Art betreibt Klassenpolitik der mächtigen Klasse, bleibt aber ehrlich] sind die Ententeregierungen, die sich nicht mehr daran erinnern, daß sie vier Jahre hindurch versicherten, sie führten Krieg gegen die deutsche Regierung, aber nicht gegen das deutsche Volk; und Machthaber dieser Art zu werden, dieser Gefahr zum mindesten ausgesetzt sind, um nicht Heftigeres zu sagen, als der noch immer nicht frei gewordene deutsche Leser verträgt, dieser Gefahr also zum mindesten ausgesetzt sind die zur Regierung gelangten deutschen Mehrheitssozialisten, die weder die Revolution gemacht haben, noch Garantien zu ihrer Durchführung bieten, da sie ja ein einfach unmögliches Kartell mit dem Zentrum eingingen, von dem sie jeder Punkt ihres Programms scheidet, nicht zum wenigsten die Trennung von Staat und Kirche und die Schulfrage. (Otto Flake: Von der Opposition. Berlin 1920. S. 66.)

B. Der äußere Druck

Die Entente verlangte, was das Versailler Diktat ihr zusagte. Das Reich prolongierte, zumal es ohne militärische Macht dastand. Die Reichsregierungen fielen jeweils dann, wenn sie der Entente nachgaben, denn die meisten Deutschen von konservativ bis kommunistisch erkannten Versailles (mit dem Herzen) nicht an und setzten jede Regierung unter Druck, die die Bedingungen erfüllen wollte. 1923 trat die Regierung Cuno (parteilos) an und verweigerte die Erfüllungspolitik der Forderungen von Versailles. Cuno besaß gute Beziehungen nach Britannien, wo man seine Politik unterstützte und nach einer Übereinkunft suchte. Aber die Selbstgerechten, v.a. in Frankreich, wollten keine Übereinkunft, sondern sofort Geld. Die Ruhr-Besetzung. Ein Fehler. Britannien und Amerika unterstützten diese Politik nicht, zumal sich in Britannien die Auffassung durchsetzte, Versailles sei kein Gentlemen-Agreement gewesen und in Amerika isolationistische Stimmen die Oberhand gewannen, was im Reich die Verweigerungshaltung gegen der Erfüllung des Diktats stärkte. Zugleich warf die Regierung die Notenpresse an, was die Inflation, die kalte Sozialisation und Nivellierung von Lebensleistungen, anheizte und die Preise verdarb und die sozialen Strukturen im Reich zerstörte.[5] Frankreich schickte (im Verbund mit Belgien) zuerst 60000 Mann, dann 100000, um das Rheinland zu besetzen. Doch das Wunder geschah. Die deutschen Arbeiter streikten - trotz Hunger -, sie wollten den Franzosen nichts überlassen. Das Reich schickte Brot, Kleidung, Solidarität. Untergrundwiderstand von rechts und links gegen die Besatzer, die einen aus nationalen, die anderem aus antiimperialistischen Motiven. Die Reichsregierung entzog sich dem nicht und rief das Volk zum passiven Widerstand auf. Deutsche Beamte reagierten auf keine Besatzerbefehle. Die Besatzer antworteten mit Terror, Vergewaltigungen, Mord und Plünderungen, was Frauen, Kinder, Männer, Reiche, Arme, Schuldige und Unschuldige betraf.
Das konnte so nicht weitergehen: Frankreich mußte 1923 erkennen, daß seine restriktive, auf die Zerschlagung des Reiches gerichtete Politik erfolglos blieb. Der zivile Widerstand der Deutschen war groß genug, ihre Weigerung zur Erfüllung der französischen Forderungen und die damit verbundenen harten Gegenmaßnahmen erbrachten nicht das, was Frankreich benötigte: Geld.
Die Initiative zur Beendigung der für beide Seiten unbefriedigenden Politik zwischen dem Reich und Frankreich läßt sich mit dem Namen Stresemann verbinden. Stresemann pflegte in seiner politischen Arbeit den persönlichen Kontakt, den „Weg der direkten Aussprache… wirksamer als die Vorstellungen der Botschafter und Gesandten“[6].
Im Osten gerieten die deutschen Stellungen in schwere Not. Die neue Reichsregierung überließ den Osten sich selbst: Polnische, russische und baltische Verbände bedrohten das Reich oder rissen sich Teile heraus. Während die Russen die Weltrevolution über die alte Reichsstraße 1 Kowno-Königsberg-Berlin bis nach Magdeburg und Aachen tragen wollten, planten die Polen die Errichtung eines großpolnischen Staates bis Berlin und die Balten kleine Nationalstaaten ohne russische oder deutsche Einmischung unter dem Schutz der Westmächte. Die wiederum verlangten, daß die Deutschen die Russen aufhalten sollten, was Berlin ablehnte.



[1] Eine Umkehrung fand hier statt: Galten die Sozialdemokraten im Kaiserreich lange als Staatsfeinde, so wurden sie jetzt zur staatstragenden Partei, während die seinerzeit das Kaiserreich tragenden Konservativen und Nationalliberalen nunmehr deutlich oder tendenziell gegen die Weimarer Republik auftraten. Im Grunde wurden aus Linken Staatserhalter, also Konservative, und aus Konservativen der Kaiserzeit Staatsfeinde, also Revolutionäre. Nach der Erregung zum Kriegsende mit dem hysterischen Durchbruch eines strukturellen Veränderungswunsches, der zudem von den Siegermächten gefordert wurde, würde sich die staatsfeindliche Mehrheit, die die Weimarer Republik als Siegersystem verstand, in der einen oder anderen Form durchsetzen - früher oder später.

[2] Psychologisch war dieses Volksbegehren in den Industriezentren verständlich. Warum sollte das politisierte Proletariat auch seine Forderungen im Angesicht veränderter politischer Wirklichkeiten zurückhalten? Die Situation war günstig. Marx hatte systematisch-sozialökonomisch gedacht. Der Ordnungswechsel am Ende des Krieges trug dem kommunistischen Proletariat geradezu die legitimistische Pflicht auf, seine historische Mission zu erfüllen.

[3] Ein pommerscher Landrat scharte unzufriedene Reichswehr um General Lüttwitz um sich. Die sozialdemokratische Regierung beauftragte Parteigenosse Noske mit der Niederschlagung, aber dem wollte sich keine Reichswehreinheit unterstellen. Truppe schießt nicht auf Truppe hieß die Parole. Ein Patt. Kein Putsch, aber auch keine Sicherheit für die Republik. General Seeck ersetzte Noske, die Kommunisten bildeten eigene Schutztruppen, die Konservativen und Nationalisten (unter ihnen Hitler) zogen sich nach Bayern zurück, wo sie sich neu formierten und ebenfalls Schutztruppen bildeten.

[4] alias 23200 t Gold: 809 Milliarden €. (Stand Februar 2015)

[5] Die deutsche Gesellschaft der Moderne baute auf dem Kleinbürger auf, der sein Leben lang Pfennige zur Seite legte, Kinder großzog und arbeitete. Die schon im Krieg beginnende Inflation zerstörte dieses Lebensprinzip, ließ die kulturtragende Mittelschicht verarmen und spekulierfreudige Raffpiefkes reich werden, sie nivellierte die feinziselierte Vorkriegs-Gesellschaft. Eine nivellierte Gesellschaft ist die Basis für faschistoide Basisarbeit. - Die Inflation setzte eine Zäsur. Sie markiert den Beginn der Postmoderne.

[6] Stresemann: Vermächtnis. Berlin 1932. Band III. S. 3.