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Thema: Die Augen meiner Mutter

  1. #1
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    Post Die Augen meiner Mutter

    Die Augen meiner Mutter


    Meine Mutter sieht
    durch zwei Münzen.
    Sie kauft sich,
    was immer dahinter liegt.


    Doch stillt es nicht.


    Sieh das Kind,
    das ich einst war
    in ihrem Beutel,
    durch die Augen
    meiner Mutter,
    sieh die Hure.

  2. #2
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    AW: Die Augen meiner Mutter

    Ich mag dieses Gedicht, liebe Trist, weil mich die Bildlichkeit der ersten Strophe in ihren Bann zieht. Die einzeilige zweite Strophe stellt eine Spiegelachse dar, und letztendlich stellt das letzte Wort des Gedichts eine dramatische Beziehung zum Titel her. Formale Harmonie also, in der sich Dramatisches in inhaltlicher Hinsicht abspielt. Dies ist keine Spontankritik, weil ich das Gedicht in seiner Phase des Entstehens ein wenig begleiten durfte. Und jetzt freu ich mich drüber, obwohl mir sein Inhalt ein wenig weh tut.

    herzlichst uis

  3. #3
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    AW: Die Augen meiner Mutter

    Die Augen meiner Mutter waren anders: voll Spott, zuletzt. Sie kannten die Wahrheit, machten sich lustig über Allgemeinplätze wie "Das wird schon wieder" oder " Du mußt nur tüchtig essen, dann wird alles gut!".


    Es tut weh, die Hure Lüge zu benutzen.

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die Augen meiner Mutter

    Es ist gut komponiert. Münzen, Beutel, Hure. Schmerzlich durch das Reizwort 'Mutter'. Und 'das Kind, das ich war', ein Link zu den 'Jahrestagen', ja, das gefällt, das Gedicht.

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Die Augen meiner Mutter

    ich schliesse mich hier gern: gefällt mir sehr. punkt.


    (und nach dem punkt: wünschen tät ich mir eine interpretation der dichterin hier, für einmal. nicht dass ich ein recht drauf hab. dennoch. wünschen tu ichs mir.)


    Mr. Jones

  6. #6
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die Augen meiner Mutter

    Vielen Dank!


    Sträuben würde ich mich nicht, deinem Wunsch nachzukommen, lieber Jones. Doch würde mich vorab deine Lesart interessieren.


    Lieben Gruß von
    Trist

  7. #7
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Die Augen meiner Mutter

    liebe trist, ich kann es nicht. selbstverständlich versuch ich es trotzdem, mein scheitern vorweggenommen, dein gedichtelein zu deuten:


    Die Augen meiner Mutter
    Meine Mutter sieht
    durch zwei Münzen.
    Sie kauft sich,
    was immer dahinter liegt.


    >>>die mutter nimmt die welt als käuflich wahr, und kauft sich welt: um darin zu leben. was nicht käuflich, erreicht sie nicht.


    Doch stillt es nicht.


    >>>"stillt" ist vom klang her nahe bei "stiehlt"... passt gut, aber hat nichts mit meiner interpretation zu tun... vielmehr:
    was käuflich, stillt nicht, man bleibt durstig. das unverkäufliche, doch umso wertvollere, sieht aber eben die mutter nicht. die brille der mutter sind die münzen.


    Sieh das Kind,
    das ich einst war
    in ihrem Beutel,
    durch die Augen
    meiner Mutter,
    sieh die Hure.


    >>>das kind, das du einst warst: eine hure, in den augen der mutter.


    um was gehts also?
    wer ist mutter, wer ist kind?
    ists die wirkliche mutter, oder ists gar die welt, die kapitalistisch ihr junges ausbeutet und dem zuhälter ausliefert? wird das kind verkauft von der mutter?


    ich kann es nicht wissen. deshalb gefällts mir, dein gedichtelein. wie ein symbol kommts daher, verheimlicht alles, wo es alles offenbart. ist nicht wichtig, wie es interpretiert wird. besser: nur die interpretation(en) sind wichtig.


    ich kanns als weltgleichnis lesen. auch als gedicht einer verkauften und verratenen tochter über ihre mutter.

    deine interpretation tät mich interessieren, du schuldest sie mir jetzt; deinem vieldeutigen gedichtelein wird deine, selbst deine, interpretation natürlich nicht genügen. spannend wirds aus vielfachen anderen gründen aber sein, durch deine interpretation deine ursprüngliche intention zu erfahren. also?


    Mr. Jones

  8. #8
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die Augen meiner Mutter

    Ja, ich schulde dir was, lieber Jones. Du setzt dich in den letzten Tagen mit meinem Wort auseinander. Es ist ein gutes Gefühl, mit einem Text Kontakt herstellen zu können.


    (Ich ringe gerade mit mir, ob ich meine Schuld begleichen soll...)


    Der Text dort oben ist eine sehr persönliche Abrechnung".


    Wie Uis es schon gesagt "Doch stillt es nicht" ist die Achse von der Mutter zur Tochter. Eine Mutter, die unstillbaren Hunger empfindet nach Welt und meint, ihn durch Erwerb sättigen zu können, wie soll eine solche Mutter ein Kind stillen? Satt machen mit dem was fließt, Wert hat ohne Preis.
    Sie kauft sich auch die Tochter, weil sie Hunger hat. Und was ist eine Frau, die käuflich zu erwerben ist, anderes als eine Hure? Das Kind hat keine Wahl, es war im (Einkaufs)Bauch ohne dass es gefragt worden wäre. Stell dir vor, statt eines liebevollen Blicks bekommst du ein Spielzeug. Statt eines Moments auf warmem Schoß, einen Kleinwagen...


    Muttermilch = Liebe = Geld = Muttermilch


    Die erwachsene Frau sieht das nun ganz anders, sie durchblickt. Sie kann die Münzen sehen, sie kann NEIN sagen zum nächsten Angebot. Kann sie? Einmal Hure, immer Hure?




    Lieben Gruß von
    Trist








    [Diese Nachricht wurde von Trist am 19. Februar 2003 editiert.]

  9. #9
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    AW: Die Augen meiner Mutter

    hallo trist
    dieses gedicht hat mich wirklich zu tiefst berührt.
    ich habe vielleicht nicht den germanistischen hintergrund,lyrik zu zerlegen,aber hier wird sehr deutlich,was du fühlst.die wut,die ohnmacht.
    für mich - jeder liest anders - hat insbesondere die zeile: "doch stillt es nicht"
    stillen. ein instinktives tun der mutter.ein unerlässliches mu? für jedes kind.
    es hat mich wirklich sehr berührt.


    ein nachdenklicher gruß....

    decariot





    Sieh das Kind,
    das ich einst war
    in ihrem Beutel,
    durch die Augen
    meiner Mutter,
    sieh die Hure.






    in diesem abschnitt will trist (flehend? erklärend?) das kind zeigen,wie es durch die augen der mutter zu sehen ist. bewusst(denk ich mal) doppeldeutig der schlussatz: sieh die hure.es bezieht sich hier sowohl auf die mutter als auch auf die tochter.
    sehr gelungen!

  10. #10
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die Augen meiner Mutter

    Nun wüßte ich gerne, lieber Jones, ob dir mein Wort einen neuen Gedanken getragen hat oder nicht.


    Lieben Gruß von
    Trist

  11. #11
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Die Augen meiner Mutter

    Du hast einen grausamen Zug.
    Ich frage mich, ob ein Leser zehn Texte am Stück aushielte?! Vielleicht gerade?


    Erst die beschauliche Perspektive einer doppelten Optik, die dann brachial beschnitten wird. Und da ist kein Pardon.


    Mögen, Uis? Das scheint mir hier ein falsches Wort zu sein. Wer mag schon grausame Tatsachen?

  12. #12
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Die Augen meiner Mutter

    Tja, Luftikus, so ist das. Grausame Tatsachen mag ich nicht, ist klar, wer mag die schon. Aber die Bildlichkeit der ersten Strophe zieht mich immer in den Bann und fasziniert mich. Hat nix mit "böse" zu tun, einfach die Tatsache, dass es Bilder dafür gibt. Und solange es Bilder dafür gibt, wissen wir, dass wir Menschen sind, eine ganz besondre Spezies im Universum.

  13. #13
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Die Augen meiner Mutter

    Liebe Trist, der Text sei eine "sehr persönliche Abrechnung", schreibst du.


    Ich danke Dir für Deine Zeilen, ich hab mir das so gedacht. Dennoch lässt sich das Gedicht mehrdeutig interpretieren, auf die Welt ausweiten...
    Sagen möchte ich nicht mehr dazu. Ausser dass das Gedicht da oben lesenswert ist und bleibt und Deine Interpretation es einengt. Gerade deshalb danke ich Dir, Du gibst mir Einblick.
    Ich muss immer wieder an Kafka denken: Er hat lauter solche Gleichnisse geschaffen. Dabei gings ihm wohl immer auch um sehr persönliche Abrechnungen"...


    Mr. Jones

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