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Thema: belletristische Spaziergänge

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Post belletristische Spaziergänge

    Vorwort


    Sicherlich, ein Text ist ein Text ist ein Text. Und ein solcher macht auch den Hauptteil meiner Arbeit aus. Er beinhaltet das mir eingeräumte Recht einer künstlerischen Arbeit. Der Text kann und soll für sich stehen. Unkommentiert.
    Der hier folgende Essay, oder besser: die hier folgende Annäherung an das Schreiben selbst, also an den Schreibprozess im Ganzen, kann demnach getrost Pflicht genannt werden. Denn ein Recht ist nie etwas anderes als die Kehrseite einer Pflicht.


    Ich möchte im Vorwort noch zwei Punkte ansprechen, die in der Arbeit selbst zu kurz kommen. Eine solche Arbeit zu bewältigen, heisst eben auch, sich einzuschränken.


    Literatur meint in einem weiten Sinne alle Schriftwerke, in einem engeren belletristische Texte. Um deren Entstehung und Umgebung soll es im Weiteren gehen. Auch dieser Essay ist vorwiegend belletristischer Natur. Weshalb ich auf Literaturverzeichnisse und dergleichen verzichten werde. Schliesslich fragt man einen Koch, und mag er noch so schlecht kochen, auch nicht nach den Suppeningredienzen.
    Schreiben sei wie Schwimmen, hat Ludwig Hohl gesagt: Wie der Schwimmer nicht den See in seiner Ganzheit bewältigen könne (oder müsse), etwa im Sinne eines Bauern, der die ganze Fläche der Wiese bewältigen müsse, so könne auch der Schreiber nur eine Linie ziehen durch die Quantität des Bestehenden. Alles sei, so Hohl, ein Hindurchziehen, eine Linie. Und es wären unzählbare andere Linien ebenso denkbar durch dieselbe Masse des Stofflichen hindurch.


    Zwischen dieser Einsicht in die Linienhaftigkeit der Sprache und dem Versuch, sie zu überwinden, findet Literatur statt.
    Die Sprache ist etwas Wunderbares. Mit der Sprache kann wunderbar gestaltet werden. Trotzdem sollte man ihr nicht vollumfänglich trauen. Schon gar nicht die Schriftsteller. Mit ihr kann und wurde Schindluder betrieben und für die eigentlichen Gefühle und Gedanken, die irgendwo jenseits der Sprache liegen, taugen Worte überhaupt nicht viel. Deshalb ist die Sprache vor allem auch: ein Feld der Unzulänglichkeiten.




    Einflüsse und Beeinflussungen


    Biografie


    Alle Formen der Kunst hängen unweigerlich an den Fäden der Biografie des Verursachers. Wie eben das Geschriebene in Verbindung mit dem Verfasser steht. Manchmal mehr, offensichtlicher, manchmal weniger. Also ist das Geschriebene stets in einem grösseren Kontext zu sehen, nämlich zu der eigentlichen Biografie des Autors. Die Biografie vermittelt einen Einblick in die Schreibmotive und künstlerischen Intentionen.


    Man wird in die Welt hineingeboren, und damit hineingeboren in ein Geflecht von Beziehungen, die schon bestehen oder noch entstehen. Jeder Mensch lebt in einem solchen Beziehungsgeflecht und wird von diesem auch geprägt. Mutter, Vater, Geschwister, Verwandte, Freunde, Lehrer, Vorgesetzte, Arbeitgeber usw.. Nicht selten kommen diese Personen in prosaischen Kleidern mehr oder weniger deutlich zum Vorschein:
    Die klammernde Mutter; der autoritäre Vater; der ältere, vom Vater bevorzugte Bruder; die verwöhnte kleine Schwester; der Onkel, der ein Bohemien ist; die magersüchtige Freundin; der Freitod des besten Freundes; der Literaturprofessor als Vaterersatz; der Korporal der Rekrutenschule; der patriarchalische Fabrikbesitzer usw.. Allesamt könnten sie Romanfiguren sein.
    Zuweilen ist die Familie, und hier ist durchaus in einem Rahmen zu denken, welcher über die Eltern hinausgeht, auch Hauptthema eines Schriftstellers. Die Familie ist das erste prägende Element eines jeden überhaupt, im Guten wie im Schlechten.


    Viele Fragen gilt es zu berücksichtigen:
    Wie waren die Verhältnisse, in denen der Autor aufwuchs? Wurde er katholisch erzogen? Gab es genug zu essen? Wie war der kulturelle Hintergrund der Eltern? War genug Geld da, um ans Gymnasium zu gehen? Oder wurde jemand ins Internat geschickt, wie etwa Golo Mann?
    Man denke sich die Romane von Muschg, diese Bildungsbürgerkonstrukte, hätte er bloss eine Schreinerlehre gemacht. Man denke an die Komponente des Eros in der Pädagogik, als blosser Schreinermeister wäre es nicht zu einem seiner Themen geworden, wenn er denn überhaupt geschrieben hätte.
    Wie ist die Erziehung gewesen? Welche Werte wurden vermittelt oder nicht und deshalb eben doch?
    Wie kommt einer im Leben zurecht? Scheitert einer, wie ein Friedrich Glauser oder Wolfgang Koeppen, und falls, wie wirkt sich das dann auf das Schreiben aus? Da zimmert sich einer nach seinen eigenen Unzulänglichkeiten eine Überfigur zurecht, um Halt zu finden, schon beinahe wieder zu gross geworden, wie der Wachtmeister Studer. Da lässt der andere gleich auch seinen Protagonisten im Romanleben scheitern, wie in "Tauben im Gras".


    Auch die räumliche Herkunft spielt eine Rolle. Die Steiermark zum Beispiel. Hier liegen die Orte der Romane "Lust", "Die Liebhaberinnen", "Die Kinder der Toten", hier ist die Autorin Elfriede Jelinek geboren, hier hat sie jahrelang ihre Ferien verbracht und Veränderungen beobachtet: Wie ein Magnet scheint diese Region die Aufmerksamkeit Jelineks auf sich zu ziehen, ihre Themen zu konzentrieren, ihre Kritik zu provozieren.
    In jedem Buch gibt es Orte (Länder, Landschaften, Städte, Dörfer, Plätze, Lokale, Gebäude, die Bank unter einer Linde etc). Viele können wirklich aufgesucht werden. Oftmals sind gerade sie es, die einen Text auslösen.


    Welt und Umwelt


    Literatur kriecht nicht aus einem Vakuum. Als Autor ist man Mitglied einer Gesellschaft und von dieser geprägt. Im besten Fall wirkt der Künstler auch auf die Gesellschaft bewusstseinserweiternd, ist ein Spiegel der Zeit - also das, was nach einer klassischen Begriffsbestimmung der Roman sein soll. Ein Spiegel, der das Bild unverzerrt, ohne Schmeichelei und ohne Hass, kräftig, leuchtend zurückwirft.


    Man lebt in einer Zeit an einem Ort. Man lebt in einer Wahl-, Schein- oder wirklichen Heimat, in einem politischen System und einem Umfeld. Diese Heimat wiederum ist eingebettet in die weltpolitischen und gesellschaftlichen Gepflogenheiten der Zeit.
    Imre Kertesz, aktueller Nobelpreisträger der Literatur, erhält den Nobelpreis für ein schriftstellerisches Werk, das die zerbrechliche Erfahrung des Einzelnen gegenüber der barbarischen Willkür der Geschichte behauptet.
    Imre Kertesz weist mit Nachdruck darauf hin, dass ihm Erfahrung wichtiger sei, als jeder theoretische Ernst. Er stellt also seine Erfahrung, nämlich Auschwitz und kommunistische Diktatur, in den Vordergrund. Seine Romane sind ausschliesslich autobiografisch. Er wurde als Mensch auf ein Nichts reduziert und hält, oder hielt, dem schreibend stand. Die plötzlich wiedererlangte Freiheit verstört ihn. Sein Schreibthema wird wohl auch die wieder gewonnene Freiheit nicht ändern. Zu Auschwitz sagt Imre Kertesz: "Als Schriftsteller war das für mich eine unvergessliche Bereicherung. Auschwitz ist ein kultureller Begriff geworden."


    Heinrich Böll verarbeitet Kriegs- und Nachkriegserlebnisse zu Romanen, deren Thematik ausschliesslich um einen Punkt kreiste: die Monotonie, die Sinnlosigkeit und das Grauen des Krieges. In "Ansichten eines Clowns" spart der Katholik Böll nicht mit Kritik an der Institution Kirche. Und die unangepassten Ansichten des Clowns passen so gar nicht in das CDU-Deutschland unter Adenauer.
    Auch bei Joseph Roth kommt das Geschriebene aus dem Schatten der Geschichte: Der unweigerliche Untergang der alten k.u.k. Donaumonarchie.
    Die aus Ostdeutschland stammende Sängerin Bettina Wegener, ihre klamm machenden Texte dürfen getrost als literarisch gelten, erlebt das geteilte Deutschland als eine Ohnmacht. Nach dem Fall der Mauer verliert sie den Grund ihres Ansingens und verstummt, oder wird von der Öffentlichkeit kaum mehr wahrgenommen.
    Max Frisch mit seinem überzeichneten Technokraten "Homo Faber" ist ein weiteres Beispiel. Es mangelt also nicht an politisch engagierter Literatur und geradeso gut hätten hier andere Autoren aufgeführt werden können.
    Schreiben heisst also immer auch, sich einzumischen.


    Zu Auschwitz sagt Imre Kertesz: "Als Schriftsteller war das für mich eine unvergessliche Bereicherung." Ein bemerkens- und bedenkenswerter Satz. Gesagt von einem, der in das wahre Antlitz des Jahrhunderts zu gaffen hatte. Das Extreme als fruchtbares Schreibland. Schreibleidland. Und ich warte heute, jedenfalls manchmal, in perverser Ungeduld auf eine Katastrophe. Schizophren und doch verständlich.
    Es gibt nichts Neues mehr zu schreiben, alles scheint gesagt. Das Schreiben selbst kann man nicht neu erfinden und alles ist schon ausprobiert und destruiert worden. Auch eine Katastrophe revolutionierte die Sprache nicht, kratzte sich aber unter die Oberfläche des Karussells der Eitelkeiten zu einem neuen Thema.
    Welches die Themen der heutigen Zeit sind/wären, nun, ich möchte nicht allzu ausführlich werden, denn was diese Zeit ausmacht, füllte eine eigene Arbeit bei weitem. Allein, ich will doch noch einige Worte dazu sagen, einige Schlagwörter hinwerfen:
    Heimaten - Sehnsucht nach Irgendwo. Opus Dei. Islamismus. Selbstmordattentate. Sicherheitsexperten. Terrorismus. Terrorkrieg. Der Emigrant in der Drehtür. Unaufhaltsamer Vormarsch der Demokratie, Fragezeichen. Multikulturalismus - oder Vielfalt in Abwesenheit. Freier Markt - der Kasus Neoliberalismus. Wie viele Menschen braucht die Erde, Fragezeichen. Globalisierung. Treibhauseffekt. Ressourcen und outsourcen. Extremfall Schweiz - Freiheit zwanghaft. Projekt Genom. Entmoralisierung. Maschinensklaven - Robotik und künstliche Intelligenz. Datenschatten - Big Brother und Little Sister. Globaler Nahverkehr - Elimination der Distanz. Interaktivität. Internettige Seelsorgerei. Chat Room. Schöne neue Welt der Opportunität - Flexibilismus. Freiheiten im Display. Käfig des Geschlechts - Wahlfreiheit oder Illusion. Free Jazz. Jahrmarkt der Eitelkeiten. Über den Wolken. 11. September. Autofreier Sonntag. Antisemitismus. Afghanistan. Irak. Rütli. Albisgüetli. Sexueller Missbrauch. Blind Date. Fundamentalismus. Neonazismus. Nahostkonflikt. Alphorn. Teletubbies. SMS. Slam Poetry. Literatur in der Sackgasse, Fragezeichen.




    Literarischer Art


    Das Wort "Zueignung" stammt von Novalis. "Verwandlung des Fremden in ein Eigenes, Zueignung ist also das unaufhörliche Geschäft des Geistes."


    Jeder Autor, ob gewollt oder nicht, ist geprägt von anderen Autoren. "Das geht gar nicht anders", wie selbst der Papst der Literaturkritik sagt. Das Gelesene ist also auch eine Art des Einflusses, der Beeinflussung. Als Beispiel dieser Satz:



    Ich trete hinaus in eine seidige Dämmerung.

    Ich bin mir sicher, dass der Satz von mir ist. Vielleicht. Er könnte aber geradeso gut von Proust sein. Käme dann also aus abgelagertem Wortmaterial irgendwo aus einem Winkel des Unterbewussten. Was immer man liest, beeinflusst das eigene Schreiben. Immer. Ich mach mir da keine Illusionen. Oder etwas grotesker gesagt, in einem Zusammenhange zu der Biografie des Autors gedacht: Das Schreiben selbst ist nicht ohne Auswirkungen, kann bewusstseinserweiternd sein, oder gar die eigene Persönlichkeit ausweiten, weil auch die soeben und eigenhändig geschriebenen Sätze auf den Verfasser einwirken, sich noch ofenwarm und nicht mehr wegzudenken in die Biografie desselben legen. Pathetisch gesprochen: man kann nie wissen, ob man einen Satz auch wieder lebend verlässt. Weil das Schreiben eine mögliche Ausdrucksform einer Existenz ist, und als solche existenziell. Man lebt zwar schreibend nicht mehr oder weniger als nicht-schreibend, aber man lebt. Und als ein Sichausdrückender lebt man auch mit der Selbstgefälligkeit der Sprache. Mit Worten, die ins Nichts hocken und in ein wildes Echo einstimmen. Auch mit einer ständigen Sprachlosigkeit hat man zu leben, wenn gerade weit und breit kein Satz in einem ist. Nirgendwo wird die Welt des Schreibers enger, als in seiner eigenen Sprachlosigkeit. Demnach ist sogar das tumbe Nichts ein Einfluss.


    Abschliessend gesagt: Alle(s) und jede(s), womit der Künstler in Kontakt kommt, prägt ihn und fliesst somit, ob bewusst oder unterbewusst, auch in irgendeiner Form in seine Kunst ein. Dem könnte man, um ein grosses Gewort zu bemühen, auch Schicksal sagen, dieser Rucksack voller Imponderabilien, einem jeden vom Leben bereitgestellt.


    Dialektchrampf


    "Der Stil", hatte Jacob Paludan erklärt, "macht nicht den Inhalt aus. Aber er ist die Linse, die den Inhalt in einem Brennpunkt konzentriert."


    Stil stammt aus dem Lateinischen und heisst "Stengel", "Griffel", meint also das Schreibgerät. Ein Sprachstil enthält die Auswahl aller sprachlichen Mittel, charakterisiert die schriftliche Verwendungsweise der Sprache. Der Stil kennzeichnet auch die Eigentümlichkeit der Künstler.
    Ich will mich einer dieser Eigentümlichkeiten annähern, dem Schweizerischen in der Sprache, und die Lobreden des Herrn Reich-Ranicki, die er etwa bei dem Wort Stil über Thomas Mann halten würde, als schon oftmals gehört oder zumindest vor dem geistigen Auge abrufbar voraussetzen.


    Mit Robert Walser teile ich eine gewisse schweizerische Sprachscham. Das latent Sperrige der deutschen Sprache, welche eben nicht die Muttersprache ist. Naturgemäss ist wohl der Schreibfluss ein anderer, weil wir nicht im Hochdeutschen denken, weil wir anstelle des am adäquatesten scheinenden Wortes eben manchmal ein hochdeutsches Synonym brauchen. Machen wir das nicht, entstehen so genannte Helvetismen. Das Mundartliche ist eine Unart im stilistisch reinen Hochdeutsch. Unrat, das es auszurupfen gilt. So denken sicher einige hiesige Schriftsteller und geben sich Mühe, nur ja keine Dialektbrocken im Geschriebenen zu haben. Ich bin anderer Meinung. Man darf es ruhig merken, dass ein Autor nicht aus Deutschland kommt (gilt auch für Österreicher). In dieser Hinsicht darf man Robert Walser als einen Voranschreiter verstehen. Auch Friedrich Glausers sichere und kühne Dialektfärbung der Sprache. Heutzutage ist das ja eigentlich gang und gäbe, dass hiesige Autoren keinen Hehl aus ihrer sprachlichen Herkunft machen. Mundartliches findet man bei Markus Werner, Urs Widmer und anderen. Mir persönlich sind Helvetismen lieb und teuer, sie gehören zu meinem Stil. Obwohl es auch vorkommen kann, dass ich einen fertigen Text anstaune und mich über die teilweise sehr sauberen hochdeutschen Formulierungen wundere.
    Von Robert Walser sagt man, er sei ein Heimatdichter und zwar in dem Sinne, dass die Kindheitslandschaft und Kindheitssprache nicht gelegentlich Schmuck, sondern Basis seiner Arbeiten sind.
    Ein jeder ist bemüht um seinen eigenen Stil, und zu einem Schweizer dürfen geschilderte Eigentümlichkeiten gehören.


    Ich möchte dieses Kapitel mit Stephan Hermlin abschliessen:


    Dass an meinen Worten ich leide. Und die Worte waren schön. Ich will eine neue Sprache, wie einer, der sein Werkzeug wählt. Eine neue Sprache für meine Sache, die euch fröstelt und quält. Ich will eine Neue Sprache.




    Arbeitsplatz und Arbeitsweise


    Imre Kertesz sagt: "Wenn ich etwas schreibe, das ich als gelungen empfinde, weiss ich nicht, wie es zustande kam. Es war nicht ich, der das niederschrieb. Es ist der Schriftsteller in mir, der da schreibt."


    Ohne mich mit fremden Federn schmücken zu wollen, weiss ich wirklich, was der Ungar da sagt. Nun steht aber das Zitierte für etwas Fertiges, wo das Schweigen an den Rändern schon durchbrochen ist, zu Papier gebracht. Dieses Papier ist wie das Wasser um eine Insel. Das Folgende umkreist aber weniger das Was, es umgarnt das Wie oder Woher.


    Aus Sprachleib wird Schreibleib. Die Schreibleibhand überträgt aus dem Sprachleibkopf. Im Prinzip wird Literatur mit Verzögerung zu Papier gebracht. Ausser in der criture automatique wohlgemerkt, dazu aber später.
    Sinn stiften und Stift spitzen. Meinetwegen einen Bleistift, wie der späte Walser. Der erste Satz sei schwierig, sagt man. Weil er Spannung haben muss, neugierig machen soll. Wie aber kommt man zu seinen Sätzen. Im Kaffeehaus vielleicht, ohne dabei abschätzig an die Bezeichnung Kaffeehausliteraten zu denken. Peter Bichsel hat kein Büro, sein Arbeitsplatz ist das Generalabonnement der SBB, er schreibt unterwegs und das sprichwörtlich. Robert Walser sagt, Schreiben sei wie Spazierengehen auf Papier. Bleiben wir beim Spaziergang. Der Blick schweift an jene Orte, die zu erreichen man gerade bestrebt ist. Es findet ein steter Austausch des Innern mit der durchwanderten und der noch zu durchwandernden Umgebung statt. Das Innere ist dabei wie ein weisses Blatt Papier, auf das man seine Gedanken und Eindrücke legt, vorgeschrieben in durchsichtiger Zaubertinte. Eine Geschichte. Ein Gedicht. Vielleicht auch nur ein einzelner Satz. An dieser Stelle möchte ich zur Verdeutlichung ein wunderbares Gedicht von Rilke anfügen:


    Schon ist mein Blick am Hügel, dem besonnten,
    dem Wege, den ich kaum begann, voran.
    So fasst uns das, was wir nicht fassen konnten,
    voller Erscheinung, aus der Ferne an -
    und wandelt uns, auch wenn wir's nicht erreichen,
    in jenes, das wir, kaum es ahnend sind;
    ein Zeichen weht, erwidernd unsern Zeichen?
    Wir aber spüren nur den Gegenwind.


    Ich gehe und gehe und gehe in mich. Und von dort innen schütte ich mich aus, ein Sichvergeuden, weil wenig Brauchbares bleibt, was nicht etwa nichts macht, aber man kann ja immer Neues schreiben, im Voranschreiten, und von jenem Innen in dieses Aussen wechseln: Man sieht etwas, aber man kann sich auch damit nicht aufhalten, sieht man ja gleichzeitig so vieles andere. Und das Schreiben besteht darin, dass alles gleichzeitig da ist und fort. Es ist kaum zu fassen.
    Ein Schriftsteller schreibt wohl immer und überall. Egal ob er spaziert, im Kaffeehaus oder an seinem Schreibtisch sitzt, Zug fährt oder Liebe macht. Die eigene Person erlebt und dieses Erleben ist auch der Hort des Schreibmaterials. Robert Walser zum Beispiel schreibt von sich und nur von sich.
    Schreiben heisst auch, herauszufinden, was fehlt im eigenen Erlebnishorizont, um dies dann zu erfinden. Wahrheiten erfinden und zurechtlegen. Sich Wahrheiten zurechtschreiben. Auch die eigenen Ängste werden so inszenierbar, sie können gar von einem abfallen, denn Realitäten sind Knautschzonen. Was aber nicht heissen soll, dass das Schreiben nur Erleichterung bringe. Es zieht Linien nach und grenzt ab. Es führt die Spur eines Zusammenhanges ein, eine Ahnung von Realismus. Das ist nüchtern betrachtet alles und doch nicht wenig.
    Oder man denkt sich etwas aus, frühmorgens, noch Traum durchzogen - und sind nicht die Träume das Skelett aller Wirklichkeit? - weil einem eine Melodie nicht mehr aus dem Kopf geht. Schreiben heisst: sich entscheiden. Und das Wort für Wort. Sich entscheiden oder etwas verwerfen. Immerfort.
    Ein Schriftsteller ist auch ein Handwerker. Charakterisieren, Arabesken malen, Atmosphäre geben, die kleinen Dinge erzählen, genau hinhören auf das, was auf der Strasse und in den Wirtshäusern so gesagt wird. Ein Handwerk ohne Feierabend.


    Der Stoff rammt einem das Herz wie eine amokfahrende Lokomotive, bricht üeinen herein wie eine einstürzende Mauer. Dem ist natürlich nicht so, bei mir jedenfalls nicht. Man muss zuweilen Mauern oder Ränder durchschweigen. Schreiben heisst also auch: Geduld haben, wenn die Muse grad auf einem anderen Schoss hockt. "Geduld bringt Rosen. - Dieser alte gute Spruch fiel mir ein, als ich letzthin Schneeglöckchen sah." Das sagt Robert Walser. Schelmisch und bescheiden. Es müssen nicht immer Rosen sein, da hat er schon Recht.


    Eine geschlossene erzählerische Fiktion mit einer durchkonstruierten Handlung und psychologisch plausibel gezeichneten Figuren. Das stellt Literatur in einem konventionellen Sinn dar.
    Was literarischen Gehalt haben soll, schreibe ich immer erst auf Papier. Tut mir die Hand weh vom Schreiben, dann freut mich das. Das Eintippen in den Computer ist wie das redaktionelle Überarbeiten eines Textes, bildet den vorläufigen Schluss einer Handlung. Das vor mir flimmernde Textgebilde hat nach dem Übertragen einen gewissen Fertigkeitscharakter.
    Schriebe ich direkt in den Computer, gäbe dieser immer vor, etwas sei fertig, sei perfekt, gäbe vor, etwas Tatsächliches zu repräsentieren. Das beschriebene Papier lügt nicht, lässt noch Raum für Vorstellungen und Veränderungen, ermöglicht eher das anderweitig Mögliche.


    Auswege aus einer Sprachlosigkeit


    Sicherheitsexperten empfehlen Autofahrern bei Glatteis, das herannahende Auto im Rückspiegel zu beobachten, den Kopf an die Nackenstütze zu lehnen und möglichst gelassen auf den Zusammenprall zu warten.
    Soll auch der Schriftsteller möglichst gelassen auf den Musenkuss warten, wenn ihn gerade kein Thema umwirbt? Spricht man beim Schreibfluss von einer Art Energie, kann es zuweilen durchaus hilfreich sein, Mechanismen oder Techniken anzuwenden, welche die Energie(n) wieder freilegen. Selbstverständlich ist auch das eine sehr individuelle Angelegenheit, gerade wie die Schriftsteller selbst sich ja mannigfaltig unterscheiden. Genug des Esoterischen. Ich habe einmal eine Schreibwerkstätte besucht, zwar weniger aus einer Schreibhemmung heraus als aus purer Neugierde und weil ich die Seminarleiterin, Frau Dr. Brauner, kenne und ihr Geschriebenes sehr schätze.


    Schreibwerkstatt


    Die Einladung von Frau Dr. Christa Brauner zu dem Schreibseminar Totem und Tabu lautete folgendermassen:


    Jeder kreative Akt ähnelt einer Initiation, wie sie bei Naturvölkern an der Grenze zum Erwachsenwerden praktiziert wird: Während dieser Zeit befindet sich das Subjekt an einer Schwelle - es ist nicht mehr und noch nicht Teil eines sozialen Zusammenhalts, hat keinerlei strukturelle Verpflichtungen oder Rechte. Das Individuum ist vorübergehend undefiniert. Das bringt es in enge Verbindung zu nichtsozialen und asozialen Lebens- und Todeskräften, es wird mit Tieren, Göttern, Geistern, Ahnen auf oft groteske Weise kombiniert. In der Liminalität spielen die Menschen mit den Elementen des Vertrauten und verfremden sie. Und aus den unvorhergesehenen Kombinationen vertrauter Elemente entsteht Neues.
    Auch der schöpferische Mensch muss vorübergehend aus festgefahrenen Mustern (Sprach-Sprech-, Schreib-, Vorstellungs-, Handlungsmustern?) ausbrechen, mit den Elementen des Vertrauten spielen und diese verfremden, um so Neues entstehen zu lassen.
    An diesem Wochenende wollen wir die Verfremdungs-Methoden des literarischen Schreibens vor allem an Themenbereichen ausprobieren, die an die menschliche Existenz rühren: Geburt, Sexualität, Liebe, Hass, Eifersucht, Gewalt, Krankheit, Krieg, Tod?
    Wir werden Tarotkarten, astrologische Symbole, Hexensymbole, magische Texte und schamanische Rituale als Schlüssel zu unserem poetischen Selbst benützen, in poetischen Geheimsprachen schreiben und mit Zaubersprüchen und seriellen Anrufungstexten experimentieren.


    Textbeispiel 1: Obszönes, die Vorgaben waren folgende:


    - Wortmaterialsammlung: Schreib alle Wörter nieder, die für dich obszön sind und/oder allgemein als obszön gelten.
    - Wortdestruktion und Verfremdung: Zerstöre diese Wörter, indem du sie verkürzt, verlängerst, mit (anderen) Vorsilben versiehst, miteinander kreuzt, etc.
    - Schreibe kurze Prosatexte oder Gedichte mit diesem neuen Material.


    Hier folgt nur der letzte Punkt, und der Verfasser weiss, dass er dem Leser einiges zumutet.


    Mäsorno pormst dominanal. Gepiersakte kondomistische pornei. Galaktittische schlümpfomaninnen nippeln Gruppensekt. Pufftoris fickschisiert permalfaktoren. Pädorama schlampigster popvögeln. Dominant dominackte Faustschlucker lutschen Frotzelschnitten. Pissnelktare wixieren hurigste spermazehen, expimmophil und blasgelippt.


    Textbeispiel 2: Lautveränderung


    Keine einzige geschriebene Strophe war mir präsent.
    Eine winzige geriebene Frohe warm dir parat.
    Weiche Winzer geniert roh Darm-Bier-Apparat.
    Seiche Linzer generiert Stroh Karma-Vier-Prälat.
    Seine Linser gewiehert oh Arm-Tier-Salat.


    Kommentar:
    Ein Sprachstück wie dieses erzählt gar keine wieder erkennbare Geschichte mehr. Es bedarf ganz anderer Lesegewohnheiten als der üblichen, muss eher musikalisch rezipiert und mit eigenen Assoziationen versehen werden.


    Textbeispiel 3: Verborgenes, Vorgabe:


    Wähle oder ziehe eine Tarotkarte.
    Phantasiereise:
    Stell dir vor, du gehst in die Karte hinein. Geh immer weiter, über den sichtbaren Raum der Karte hinaus. Wenn du an einem Ort angelangt bist, der dir interessant erscheint, beginne zu schreiben.
    Stell dir die Situation möglichst genau vor: Wie sieht der Ort aus? Welche Personen sind anwesend? Was ist zu sehen, zu hören, zu riechen? Ist es ruhig hier oder geschäftig?
    Versuche dich innerlich in einen Zustand zu versetzen, der zu dem Ort passt.


    Haus am Meer


    Ein Haus am Meer. Eine Landschaft halt, ein Horizont. Viel Grün vor noch mehr Blau. Die kalkigen Klippen in der Ferne schimmern in einem verschwommenen Weiss. Dämmerung.
    Es ist nicht Nerudas Haus im Exil, aber er hätte hier schreiben können, gerade heute. Ein Mann sitzt an einem robusten Holztisch. Von der Decke flackert ihm eine Petroleumlampe sein Alter ins Gesicht. Die Wände, aufgetürmte und vermörtelte, grobe Steinsbrocken. An der ihm gegenüberliegenden ein Portrait Hodlers, stark ergraut, und ein Bataillonssäbel mit einer roten Kordel. Von Zeit zu Zeit hebt der Alte den Kopf, bedächtig, um abwechselnd Hodler oder Säbel zu mustern. Aber schon beim Senken versteinert sich die Miene zu einem nur von Wimpernschlägen durchzuckten Stillleben. Auf dem Tisch sind Muscheln, Draht, Stroh und allerhand Treibgut ausgebreitet. Von Böen getragene Regenfetzen klatschen ans Fenster. Im Raum untermalt ein leicht süsslicher Geruch ein Gemisch aus abgestandenem Zigarettenrauch, Petroleum und Salz. Aus den Materialien wird allmählich ein Kranzgeflecht. Das Antlitz des Mannes gleicht immer mehr dem Hodlers. Der Alte lehnt sich ans Fenster und raucht eine Zigarette. Entrückendes vor tobender Natur. Er nickt seinen vertropften Spiegelbildkonturen zu.
    Auf dem Tisch eine Frau. Nackt und reglos. Unschuldigstes Weiss in zarter Marmorierung. Der Alte streichelt ihre Brüste, legt dann seinen Kopf auf ihre Scham und verharrt. Ohne Eile, beinahe andächtig, reibt er ihren Körper mit Olivenöl ein. Sollte er ihre Augen schliessen? Sie hatte eigentlich nicht danach gelebt, denkt er. Malvenfarben und beinlos gekleidet trägt er sie zu einem Stuhl vor dem Fenster, das auf das Meer zeigt. Und drückt ihren Hals gegen den Stecken, den er an den Stuhl genagelt hat, umschliesst Haut und Holz mit einer Perlenkette und faltet ihre Hände über dem Schoss. Die Augen sind noch offen. Und er müsste ihr Haar mit dem Stecken verflechten. Sie verdient Aufrichtigkeit.
    Er steht ihr gut, der Kranz. Der Mann kommt nicht umhin, sie auf den kalten Mund zu küssen. Er war ihm nie fremd geworden, auch in den Jahren ihres Vergessens nicht. Lippenstift fehlt noch. Er spricht sich zu, tapfer zu sein, nicht zu weinen, nicht jetzt, nicht hier, vielleicht nachher im Regen. Es würde ihm noch viele Tage ins Gesicht regnen - Lass uns noch eine rauchen, bevor wir gehen.
    Er hat schon die Hand auf der Klinke. Säbel oder Hodler. Er lächelt und geht.


    criture automatique


    Entwickelt von den Surrealisten um Andre Breton. Der Dadaismus kann als Vorläufer angesehen werden. Dada systematisierte Zufall und Spontaneität als kunst- wie erkenntnisfördernde Verfahren. Die Surrealisten bauten das zufällig gefundene Objekt aus und experimentierten mit Schreibassoziationen und provozierten Einfällen.
    Robert Walser war sicherlich kein Surrealist. Aber die Art, wie er schrieb, zumindest seine frühen Sachen, kommen der criture automatique sehr nahe. Er schrieb tatsächlich wie man atmet. Das heisst, so ziemlich alle seine frühen Werke sind erste Fassungen. So wie der Text nach der ersten Niederschrift auf dem Papier stand, so war er. "Den Gehülfen", immerhin ein 300-Seiten-Roman, schrieb Walser in sechs Wochen nieder, fast ohne Korrekturen. Die erste Fassung war dann auch die Druckvorlage. Walter Benjamin hat es so gesagt: "Zu schreiben und das Geschriebene niemals zu verbessern ist eben die vollkommene Durchdringung äusserster Absichtslosigkeit und höchster Absicht."
    Ein Rückblick: so verwundert es nicht weiter, dass sich bei Walser die heimatlichen Wörter sogleich einstellten.


    Textbeispiel 1 (aus "Decrescendo")


    Regenfetzen, dahergeweht in krummbogigen Böen. Ein Bild zum Malen. Ein Bild um drinnen zu bleiben. Kein Bild um im Bild drinnen zu bleiben. Aber schlafen, warum nicht schlafen. Sich unter den Regenbogen legen. Sieben Tage lang. Zu einer Farbpalette erstarrt. Gelb und rot und grün würd's tropfen. Und blau. Einfach nur tropfen. Man könnte ein Gebet dazu murmeln, wenn man sich denn an eins erinnerte. Oder sich ausmalen, das gewaschene Gerüst in neue Farbkübel zu tunken. Dazu müsste man ein wenig verrückt sein. Und es wäre gut, wenn einem dabei keiner zusehen würde. Einmal ein Regenbogenmaler sein. Ich befürchte, ich werde drinnen bleiben. Und mir den Augenblick im Kopfe zu Tode verworten. Ach, Liebes, lass mich. Ich schlafe. Und nein, ich mag wirklich keinen Fisch.


    Textbeispiel 2 (aus dem Schreibseminar, Vorgabe: was ist mein Körper)


    gebein gehänge gedärm geärm gesang, lust und lippen und nasenlöcher, ohrläppchen, dein morgendliches hallo in meinem ohr, deine hand an meinem schwanz, mein schwanz in meiner hand, in der rechten fingerkuppenzart, meine kalten füsse verzahnt in deine wärmenden schenkeln, mein haar auf deiner brust, immer wieder ohr, das meinen herzschlag auf deine haut legt, augenlider dank denen mich in ruhe lässt, augen, wenn ich nicht ruhen will, sperrbilder in der iris, vom gehirn gelinkt hinter stirnrunzeln, alles wahrnehmungen, von den nackenhaaren über die krokodilstränen bis hin zum linken kleinen zeh, scheitel und sohle, dazwischen ein wenig haar an den möglichsten und unmöglichsten stellen, feinste flimmerepithelien, barthaar, männlichkeit vorleugnend, schamhaar die scham bedeckend, haar und harn und haut und harnsäure und auf allem liegt knospend die zunge?




    Recherchieren


    Wer einen Text mit historischem Bezug schreiben will, kommt nicht umhin, sich in Nachschlagewerken kundig zu machen. Ebenfalls einer Recherche bedürfen die Texte, deren Inhalte Wissenschaftliches enthalten oder Sachgebiete tangieren. Sogar der so genannten Trivialliteratur, wie z.B. einem Arztroman, geht oftmals ein intensives Studium der Materie voraus.
    Wer schon mal in einer alten Zeitung gestöbert hat, ich meine nicht die von vorgestern, der weiss, wie befruchtend das sein kann. Das Recherchieren ist zwar eine bewusste Herangehensweise, doch oftmals öffnen sich dabei Türen, nach denen man gar nicht Ausschau gehalten hat. Anregend kann es allemal sein.


    Vorlage


    Eine Möglichkeit besteht darin, mit bestehenden Texten zu arbeiten: Umschreiben, weiterentwickeln, neu interpretieren etc..
    Elfriede Jelinek hat das mit Ibsens "Nora" praktiziert. "Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaft" - ein Weiterdenken des bürgerlichen Dramas, eine subjektive Interpretation. Kulturgut als Spielball.




    Persönliches Beispiel:


    "Woyzeck"
    Personen: Polizist. Arzt. Woyzeck. Marie. Ein Kind.




    Waldweg am Teich


    Polizist: Ein guter Mord, ein echter Mord, ein schöner Mord. So schön, als man ihn nur verlangen tun kann. Wir haben schon lange so keinen gehabt.


    Arzt: Tot das Ding, weiss und unwiderruflich.


    Polizist: Liegt da wie angerichtet. Ein Mordbubengericht!


    Arzt: Welch Raserei! Wie das kein Vernünftiger nicht getan haben kann.


    Polizist: Der Mund so schön und voll, ganz als ob er noch was sagen wollt.


    Arzt: Könnt er noch, mich grauste! Sieben Stich in einer Leich!


    Polizist: Was tut Er da?


    Woyzeck: Still, alles still. Auch du, Marie.


    Polizist: Dass Er mir in seiner Konfusion nicht auf den Spuren rumtrample!


    Woyzeck: Was ich Dir will, Marie? S'ist die Natur, die Dich verlangt.


    Arzt: Der Geringe versteht nicht, die Dinge in ihrem inneren und äusseren Zusammenhange zu begreifen.


    Polizist: Ob er der Mörder ist?


    Arzt: Und ist er's, kann man ihn für sein Tun verantwortlich machen?


    Polizist: Was soll die Haarspalterei?


    Arzt: Ich meine, ist er zurechnungsfähig?


    Polizist: Was kümmert's mich? Dem Mörder glänzen wie dem Rechtschaffensten Mond und Sterne.


    Woyzeck: S'ist mir so still ums Herz. Man möcht, man könnt sich einen Schlag lang halten.


    Arzt: Da! Hören Sie nur. Diesem kann man alles zutrauen, nur, kann man diesem Subjekt sein Tun auch in Rechnung stellen?


    Polizist: Er war's. Das ist mir genug. Das Gesetz vollendet, wenn verlangt, unsres Daseins Kreise.


    Arzt winkt den Woyzeck zu sich.


    Arzt: Das Auge ist nicht sonderlich belebt, aber von unnatürlich verklärtem Glanze. Das Gesicht blass und eingefallen. Die Lippen rot. Die Züge ziemlich tief gefurcht. Und diese leidenschaftliche Miene! Zeig Er mir seine Zunge. Da haben wir's: Belegt! Fortgeschrittene Obstipation. Verrat Er mir, wann Er zuletzt geschissen.


    Polizist: Verstopft oder nicht, Delinquent bleibt Delinquent. Meinetwegen trag man ihn nach dem Schafott zur Anatomie. Und mach Er um Gottes Willen seinen Mund wieder zu!


    Arzt: Meine Augen sind das Blut gewohnt. Aber vor der Guillotine ekelt mir.


    Polizist: Ein Exempel muss her, dass sich's zählt! Mit der Überzeugung, dass das Gesetz, zur Ordnung des Ganzen, auch gehandhabt werden muss, und dass die Gerechtigkeit, die das Schwert nicht umsonst tragen tut, Gottes Dienerin ist.


    Ein Kind läuft vorbei. An der Hand einen Schulranzen.


    Polizist: Dass vormittags keine Schule sein wird, versteht sich.


    Arzt: Gesetze. Wohlan, sie müssen sein. Aber nur allzu oft machen sie die grosse stumme Masse zum fronenden Vieh.


    Woyzeck: Das letzte Mal war ich der Einzige.


    Polizist: Sei Er still!


    Arzt: Was ist das, was in uns stiehlt, lügt, hurt und mordet?


    Polizist: Es handelt ein jeder nach seiner Natur. Und ein guter Mensch tut so was nicht. Er gehört gerichtet!


    Arzt: Haben wir Hände, damit wir greifen können, oder greifen wir, weil wir Hände haben?


    Polizist: Alles, was ist, ist um seiner selbst willen da. Ich bleibe dabei: Man handelt seiner Natur gemäss, da führt kein Weg nicht dran vorbei. Genug der schönen Wort! S'ist Zeit! Die Zurechnungsfähigkeit wird gefunden werden!


    Woyzeck: Ist Krieg, und Not am Mann, tut man da noch fragen, was für ein Kasus einer ist? Hauptsach, dass einer recht schön exerzieren tun kann.


    Polizist: Genug!


    Woyzeck: Drüben am Horizont verschwindt eine Landschaft. Mir ist so wohl und tumb. stampft auf den Boden, schaut hinter sich
    Voll, die Natur, alles voll. Ein Kopf rollt auch nicht schneller wie eine Erbse. Dunkel wird's. Durch und durch. Nur dunkel. Mag ich wohl, nach'm letzten Verles, donnern helfen.


    Eine Art Rechtfertigung


    Es war in der Primarschule, der Lehrer veranstaltete einen Lesewettbewerb. Die Bücher mussten ihm grobinhaltlich erzählt werden, wofür es ein Strichlein gab. Ein halbes Jahr später wurde abgerechnet. Ich glaube, dass ich mir sogar den zweiten Platz erlas, jedenfalls bekam ich daraufhin ein Buch überreicht und, was rückblickend weit wichtiger war, ich blieb ein regelmässiger Besucher der Leihbibliothek.
    Es war auch jener Lehrer, der uns Schüler dazu anregte, über die Freizeit ein Erlebnistagebuch zu führen. Um es kurz zu machen, in dieses Heft schrieb ich die ersten Gedichte. Ich erinnere mich an eine Kriminalgeschichte in Reimform.
    Das nächste freiwillig geschriebene Werk war ein Beitrag für ein Kirchenblättli. Als Vorlage diente Mani Matters "Eskimo".
    Obwohl ich auch während der folgenden Jahre ab und an musenalpiste Gedichte verfasste, war der eigentliche Stein des Anstosses eher zufälliger Art. Ich las zum wiederholten Male "Betty Blue" von Philippe Djian und dachte plötzlich, dass ich das auch könne. Dem war natürlich nicht so. Aber ich schrieb, kritzelte einige Zeilen hin. Aus den Zeilen wurden Seiten, mehr als hundert Seiten. Glücklicherweise hatte ich gerade Ferien, tat zwei Wochen nichts anderes als zu schreiben. Später kaufte ich eine Schreibmaschine. Die Verlage schickten das Skript allesamt zurück, wenige wenigstens mit einer Aufforderung, doch nicht aufzugeben und weiterzuschreiben. Nicht viel mehr als eine vorgedruckte Floskel. Zu Recht, wie ich im Nachhinein gerne zugebe. Was mir aber niemand nehmen konnte, war die Zeit des Schaffens. Das zurückgezogene Arbeiten. Diese unerhoffte Klausur. Es war etwas aufgebrochen. Etwas in mir glänzte, wie die stummen Steine am Ufer des Sees, die erst durch die Berührung des Wassers ihren Glanz erhalten.
    Ein Stein ist ins Rollen gekommen.


    Wohl gibt es den Beruf des Schriftstellers, nicht aber eine eigentliche Berufslehre. Wer gar nichts kann wird halt Schriftsteller, das hört man allenthalben, auch aus berufenen Mündern. Der Schritt zu einem gewissen Selbstverständnis als Schriftsteller ist ein innerer, egal, ob einer berühmt ist oder gar nicht publiziert und egal, wie viele Tätigkeiten nebenher eingehen. Ich empfinde mich schon, zumindest einen Teil von mir, als Schriftsteller. Auch wenn die Welt nicht gross Aufhebens wegen meinem Geschriebenen macht. Ich kann mir ganz einfach nicht mehr vorstellen, zu leben und dabei nicht mehr zu schreiben.
    Publikationen in Anthologien und Literaturzeitschriften, sowie eine Auszeichnung in einem Prosawettbewerb freuen mich zwar, aber eigentlich geht es mir wie Friedrich Glauser, bevor er den Studer erfand: "Was ich bis jetzt geschrieben habe, halte ich für Übungen mit zwei drei Ausnahmen. Es ist mir, auch wenn es mir ganz schlecht gegangen ist, immer gewesen, als hätte ich etwas zu sagen, was ausser mir keiner imstande wäre, auf diese Art zu sagen. Es ist gleichgültig, ob diese Überzeugung beweisbar ist oder nicht, ob sie in die Kategorie der Lebenslügen einzureihen - oder ob sie echt ist. Genug, sie war immer da, sogar, wenn auch sehr schwach, in den Perioden des Nihilismus."
    In diesem Sinne und in der Sprache der Sportberichterstattung: das schwierigste Buch ist immer das nächste, auch wenn es das erste ist.


    Nachwort


    Ich hoffe, der geneigte Leser dieser Arbeit ist nicht in den einzelnen Sätzen eingebrochen.


    Ein Wanderer am Ziel, am Ziel, das der Weg gewesen war. Das war Robert Walser. Am Weg hingebreitet, unterwegs angekommen, angekommen im Unterwegs.

  2. #2
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    AW: belletristische Spaziergänge

    Ich glaube, dieser Versuch ist nicht gelungen. Die Zusammenstellung entwickelt sich nicht durch logische Evidenz, sondern wirkt willkürlich. Warum die Steiermark? Was will ein Gegenüberstellung von humanistischer Bildung und handwerklicher Tätigkeit?
    Mir ist bislang selten ein Dichter untergekommen, der nach seiner Ausbildung einer ward? Schriftsteller dagegen werden gemacht. Was ist Dichtung, was Wortakrobatik? Worauf kommt's an? In jeder Landschaft werden Menschen geboren, jede Landschaft bringt Schriftsteller hervor.


    Mir ist deine Fragestellung nicht bewußt geworden.

    Aber ich habe Konvolut dennoch gern gelesen, denn Texte, die das Schreiben selber thematisieren, finden zwar kaum Publikum, aber bin ich Publikum? ich werde etliches daraus in den ff. Wochen thematisieren.

  3. #3
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    AW: belletristische Spaziergänge

    Ich möchte nur so viel dazu sagen: Danke


    Diesen Text werde ich bestimmt nicht nur einmal lesen.


    lieben Gruß


    klaus

  4. #4
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: belletristische Spaziergänge

    1. Der Zusammenhang zwischen Recht und Pflicht ist augenscheinlich, aber nicht evident. Eine Pflicht entspringt immer dem inneren Bedürfnis, ist also aktiv; ein Recht ist zumeist äußerlich, korrespondiert aber mit einer inneren Anschauung, einem Zustand, der immer wieder hergestellt werden muß. Recht ist also dem Wesen nach eher passiv als Pflicht. - Im heutigen Sprach- und Denkgebrauch wird allerdings ein umgekehrter Zusammenhang hergestellt, wodurch Pflicht ehern (!ehern!) negativ, Recht dagegen einklagbar und positiv erscheint. - In Zeiten, in denen von einklagbaren Menschenrechten geschwätzt wird, ist das auch nicht weiter verwunderlich.
    2. Die Biographie eines Autoren ist nicht weiter der Rede wert. Nicht wirklich, denn "Wir werden doch, was wir werden sollen!" Welche Bürde willst Du einem auflegen, der in einem schwarzen Loch aufwuchs? - Ich glaube an diesen behavioristischen Scheiß nicht. Der Wille ist entscheidend, den aber bildet sich der Mensch selbst, früher oder später. Es existieren allerdings Übergänge.
    3. Und dann die Auswahl! Von welchen Menschen gehst Du aus? Glaubst Du im Ernst, daß Muschg anders geschrieben hätte, wenn man gezwungen hätte, eine Schreinerlehre... (Ich möchte zugeben, daß es für manch einen besser gewesen wäre...) - war selber Jahre lang Schreiner.

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: belletristische Spaziergänge

    lieber robert, lass mich zwei drei worte sagen...


    das recht meint die künstlerische arbeit und gestaltete sich in der form des textes "Decrescendo". das ganze ist eine maturaarbeit und es wurde eben ausdrücklich verlangt, die künstlerische arbeit quasi zu belegen, das tat ich mit diesen "belletristischen spaziergängen". recht und pflicht sind als leise kritik an die herren/damen lehrer gedacht...


    für mich ist der versuch gelungen, wenngleich nur zumeist, die zusammenstellung ist eine persönliche eher denn eine logische, das ist sicherlich richtig. anstelle der steiermark hätte wohl ein schweizerischer ort genannt werden müssen mit textbeispielen, die mit diesem korrespondieren, da geb ich dir gerne recht.
    das mit dem humanismus und dem handwerken ist nicht als eigentliche gegenüberstellung gedacht. ich wollte damit nur sagen, dass auch eine berufliche herkunft eben das schreiben beeinflusst. und der herr muschg ist nun mal an der eth professor gewesen und dieses spiegelt sich halt schon in seinem geschriebenen. das soll nicht heissen, dass etwa ein schreiner nicht zu schreiben beginnt, und wenn, dann schlechter als ein professor der literatur. überhaupt nicht.
    auch bringt jede landschaft dichter hervor. zweifellos. nur wollt ich sagen, dass dann eben diese landschaft auch das schreiben beeinflussen wird. jemand der in london aufwächst und oder lebt, hat wohl andere örtliche einflüsse oder beeinflussungen als einer aus einem timbuktischen dörflein.
    auch ein "schwarzes loch" wird da wohl das seine tun, den hiesigen autoren zu beeinflussen, das hat doch nicht mit einer bürde zu tun. oder willst du etwa behaupten, dass dein deutschsein nicht deine schreibe beeinflusst? wohl kaum. und dieses deutschsein hat ja mit sehr vielem zu tun. ich denke schon, dass alles und jedes eben einen autoren zu beeinflussen vermag. was sonst wäre denn seit ehedem überhaupt schon geschrieben worden?


    und muschg hätte mit bestimmtheit anders geschrieben, hätte er eine schreinerlehre gemacht, hätte er eine andere biografische herkunft gehabt. bestimmt. was aber eben auch nicht heissen soll, dass er sich nicht auch so hätte ausdrücken können, als schreiner. verstehst?


    amicalement b.

  6. #6
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: belletristische Spaziergänge

    Seinerzeit, als ich studierte, da sagten die gelahrten Herren mit dem verkniffenen Gesichtsausdruck und dem Spitzentaschentüchlein im Revers und die Damen mit den übergroßen Brillen, daß es MEGAOUT sei, sich auf die biographische Schiene zu begeben, wenn man Texte verstehen wolle. Im Gegenteil: Es gelte gerade, den Text vom Brokat des Biographischen zu befreien, um seine Substanz besser erkennen zu können.


    Und heute sagst Du mir, ich solle das Biographische nicht verkennen. Ist schon komisch, gell?

  7. #7
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: belletristische Spaziergänge

    hier fehlt noch ein wenig auseinandersetzung, textliche, denn der text giert geradezu darnach, kommentiert zu werden. so jetzt, wenn auch zu spät für bern., diese textarbeit, peu a peu.
    erstellt von bern.: Sicherlich, ein Text ist ein Text ist ein Text. Und ein solcher macht auch den Hauptteil meiner Arbeit aus. Er beinhaltet das mir eingeräumte Recht einer künstlerischen Arbeit. Der Text kann und soll für sich stehen. Unkommentiert.
    Der hier folgende Essay, oder besser: die hier folgende Annäherung an das Schreiben selbst, also an den Schreibprozess im Ganzen, kann demnach getrost Pflicht genannt werden. Denn ein Recht ist nie etwas anderes als die Kehrseite einer Pflicht.
    im ersten absatz ist die logik nicht gegeben. es ist nicht zwangsläufig so, wie gesagt wird. es sind behauptungen, die nicht zwangsläufig aufeinander bezüglich sind, gar auseinander folgen. ein text ist ein text: a=a! a macht b aus. aus a folgt b. meinetwegen, sag ich da. in b ist c. dann aber wird c nicht aufgenommen, c ist die künstlerische arbeit. auf die müßte sich jetzt bezogen werden. statt dessen wird zu a (text) zurückgegangen, aber eine erweiterung erfolgte zuvor nicht. nur eine behauptung, daß etwas ist, nämlich ein recht. aber ein a ist immer noch ein a, ob nun mit recht oder ohne. es ist so.
    im zweiten absatz herrscht anfangs ungenauigkeit. warum steht hier nicht gleich das wort schreibprozeß? wenn es denn ums schreiben selbst geht. wohlgemerkt, gegenüber dem ersten absatz, in dem der text als solcher feststeht, geht es im zweiten um den prozeß selber. ich hätte es also begrüßt, wenn im ersten absatz bereits das prozeßhafte thematisiert worden wäre. recht und pflicht sind nicht zwei seiten einer münze. im recht ist noch jede tugend enthalten. die pflicht dagegen schöpft aus der tugend. das recht ist paraphiert, in uns und außer uns. die pflicht kann nur in uns sein. jede äußere pflicht wird (zumindest in der postmoderne) als gängelband begriffen, es sei denn, diese pflicht verstößt gegen paraphiertes recht. aber es sind nicht zwei seiten einer münze.
    zwei ungenauigkeiten in der prämisse. soll ich weitermachen?

  8. #8
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: belletristische Spaziergänge

    Ein auch von mir verkannter, weil gehaltvoller Ordner, der bei den Wolkensteinern leider keine positive Aufnahme fand. Vielleicht läßt sich a posteriori einiger ins Land gegangener Jahre nunmehr sein Wert ermessen?

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