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Thema: Ägypten bis zur Zeitenwende

  1. #1
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    Ägypten bis zur Zeitenwende

    Ma-at (MUT) Prinzip
    Staat und Grechtigkeit im Alten Reich Ägyptens


    3000 v.C. die erste und älteste Konzeption einer interkonnektiven Gerechtigkeit: Die Welt ist von Ungerechtigkeit beherrscht, die in der Ungleichheit von Menschen als Schwache und Starke gegeben ist. Die Welt kann nicht verbessert werden. Aber sie muss in Bewegung bleiben. Dazu muss in einem Prozess ständig neuer Errichtung der Ma-at gegen Isfet, die Gegebene Ungerechtigkeit angegangen werden und zwar auf allen drei Ebenen: im Verhältnis zu Gott, im Verhältnis zum König, im Verhältnis zu den Menschen untereinander, voreinander und nacheinander. Zur Zeit vor der gespaltenen Welt war das nicht nötig gewesen, da war Atum im Wasser schwebend mit seinen Zwillingskindern Schu, dem Sohn=Leben, und Telnut, der Ma-at als Wahrheit und Tochter, als Dreieinigkeit inzestuös verwoben. Erst mit der Trennung von Erde, der 4, und Himmel, der 5, trennten sich Diesseits und Jenseits, Menschen und Götter, Ungerechtigkeit (Isfet) und Gerechtigkeit (Ma-at). Darin besteht als Erde die gespaltene Welt, der die Ungerechtigkeit als Spaltung der Menschen in Starke und Schwache zur Aufgabe gegeben ist, weil der freie Wille herrscht, der zu Stärke oder Schwäche eingesetzt wird und für den im Jenseits prozedural im Totengericht die Herzwägung jedes Einzelnen nachprüft, wie er sich entschied und welcher sein Beitrag zum Aufrichten der Ma-at war.
    Der Einzelne hatte also im Rahmen der vom König vorzugebenden und zu sichernden Grundbedingung der Ma-at die Aufgabe, sie zu tun und zu sagen, prozedural im ägyptischen Grundverständnis zu klagen (actio=Tun) und Recht zu sprechen (iuris dicere=sagen). Der König aber, dem von Gott die Herrschaft allein zu diesem Zweck der Einsetzung der Ma-at übertragen wurde, mußte für Fälle des Vorrats (Kult der Sonne zu erneutem Aufgehen als Abwehr ihres Stillestehens oder ihrer Verdunkelung=heute Umweltschutz und Lebensbedingungen des Habitat) und dessen Verteilung (Rechtschaffung und Rechtsprechung allein um der Schwachen willen) sorgen. Gott selbst hat die Menschen gleich geschaffen, aber indem er ihnen den freien Willen mitgab, eingewilligt selbst, dass sie sich zu Starken und Schwachen machen. Es ist nicht seine Schuld, wie der Oasenmann klagt, dass die Menschen sich ungleich machen vor sich. Der notleidende Mensch ist zur Gerechtigkeit unfähig, seine Bedürftigkeit macht ihn ungerecht. So ist es Sache des Königs, ihm über die Ma-at zu einem guten Tod zu helfen.


    Die Klage des Oasenmannes, das ist die Geschichte eines Armen, dem auch noch das Letzte geraubt wird. Er geht zu seinem Großwesir Rensi und möchte Recht. Auf dem Weg dorthin breitet ihm der Dieb noch ein Tuch in den Weg, so dass der Oasenmann mit seinem Esel ins Kornfeld ausweichen muss. Dafür aber ist eine Strafe angesetzt: der Esel samt Ladung wird auch noch konfisziert. Als der Oasenmann dagegen laut protestiert, verprügelt ihn der Dieb.
    Schließlich also klagt er vor Rensi in so herzzerreißend schönen Worten über die Gerechtigkeit, dass Rensi den König informiert. Der König gibt die Anweisung, den Oasenmann möglichst lange hinzuhalten, um noch sehr viel mehr von diesen schönen Reden über die Gerechtigkeit zu hören. Zugleich sorgt der König für die Familie des Oasenmannes, was dieser aber nicht weiß. Er fügt seinen Reden also nun auch die Klagen über die Nichtbehandlung seines Falles - über das Unterlassen also - hinzu. Rensi wird vom Oasenmann in aller Ausführlichkeit als Isfet und Gegenteil der Ma-at beschrieben, die schuldhafte Nicht-Intervention dessen, der nicht einschreitet und dadurch mitschuldig wird.


    Es gibt kein Gestern für den Trägen,
    Es gibt keinen Freund für den Tauben,
    Es gibt kein Fest für den Habgierigen.


    Was für ein kluger König!


    Widerstand gegen den König gibt es nicht, denn dann ist die Ma-at aus der Welt und die Menschen nutzen n u r ihren freien Willen gegeneinander.


    Die Maat nun, die auch der Einzelne immer wieder von Neuem (Ewigkeit der ständigen Wiederkehr im Gegensatz zur ebenfalls anerkannten Ewigkeit des absoluten Stillstands als Dauer) gegen Isfet errichten und behaupten m u ß, will er nicht als Unreiner gewogen sein nach seinem Tod, hält ihn zum grundlegenden Gehorsam seinem König gegenüber an, denn jede seiner Taten kommt zu ihm als Täter zurück. Gegenüber anderen Menschen verpflichtet ihn die Ma-at dazu, für sie zu handeln, weil sie für ihn handeln und damit sie für ihn handeln (Solidarität) und ihnen zuzuhören, weil sie zu ihm sprechen und damit sie zu ihm sprechen (Aufeinander-Hören) und die Ma-at zu sagen, also ohne Lüge zu sein. Miteinander Sprechen, Aufeinander Hören, Einander Antworten.


    So kann die Ma-at den Sonnengott Re lieben und seinen Namensträger Rex und die ganze Re-Publika. Sie ist die Göttin, die jeder Bewegung die richtige Richtung gibt, die Stirnschlange, die über die Nase eingeatmet wird und die den König küßt und mit dieser Luft ist sie die, die frei macht, freie Luft zu Atmen gibt, die den Weg frei macht zum Sterben und die das Herz zur Verwandlung in einen König frei und rein macht, der nach seinem Tod wie die Götter zwischen den Welten frei ein- und aus geht.


    Sie ist die kleinste Göttin, sitzt auf einer Hand. Wenn sie verschwindet, ist Stillstand und keine Bewegung, kein Leben mehr. Ihre Hieroglyphen sind: der Sockel, das Unverbiegbare, und die Feder, die luftige Anpassung, also das Allgemeine, der Genotyp, und das Besondere, die Phänotypen.


    vgl.: Assmann, Jan: Ma'at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten, München 2006

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Mumienweizen

    Mumienweizen keimt nicht mehr. - Merkwürdig genug, daß das immer wieder behauptet wird.

  3. #3
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Ägypten bis zur Zeitenwende

    aegyptischesschiff.jpgDie wissenschaftliche Arbeit zum Thema „Ägypten“ begann 1798. Nach Napoleons militärisch erfolglosem Feldzug kamen viele Exponate als Beute- und Forschungsgut nach Frankreich. 1822 gelang dem französischen Gelehrten Champollion die Entzifferung der ägyptischen Schrift. Das war durch Vergleichung möglich geworden. Der Stein von Rosetta enthält eine Inschrift in zwei Sprachen und drei Schriften: ägyptisch (semitische Sprache) und griechisch (indogermanische Sprache), wobei das Ägyptische in der Hieroglyphenschrift [1] und in einer daraus abgeleiteten demotischen (das Gewohnte erfassend) Schrift eingeschrieben wurde. Champollion gelang die Entschlüsselung einer unter Ramses III. ca. 1180 v.Chr. angelegten Königsliste.
    Heute existiert das alte Ägyptisch nicht mehr; in Resten blieb es in Form des von den ägyptischen Christen, den Kopten, gesprochenen Idioms bis in die frühe Neuzeit erhalten. Heute ist das Altägyptische vom Arabischen verdrängt worden, wie auch die heutigen Ägypter ethnisch nichts mit den semitischen alten Ägyptern zu tun haben und das Produkt einer Jahrhundertelangen Einmischung von hamitischen Negerstämmen sind, die zu Tausenden ins Land geholt wurden. Das erklärt, warum die alten Ägypter eine hellere Haut besaßen.
    Die alten Ägypter besaßen keinen Sinn fürs Historische, waren allerdings praktisch veranlagt. Das führte zu statistischen Aufzeichnungen zur Nilschwemme. Seit ca. 2700 v.Chr. zeichneten sie auf, wann Vater Nil das Land überschwemmte, wie tief sein Samen in den Boden drang, wie hoch die Schwemme war und wie lange diese anhielt. König Snofru und Cheops sind die ersten mit einem Bewußtsein für Details. Sie zeichneten auch auf, was sie leisteten: Taten, Bauten, Feldzüge. Das Kernland Ägyptens reicht in Nord-Süd-Ausdehnung von der Mündung des Nils bis zum ersten Nilkatarakt, ca. 2000 Kilometer, in Ost-West-Ausdehnung sind es manchmal nur zwanzig Kilometer rechts und links vom Nil; der Rest ist Savanne resp. Wüste und wird von nubischen Stämmen beherrscht. Ägypten ist gewonnenes Land, allerdings nicht in einem kontinuierlichen Akt einer eingesessenen Bevölkerung, sondern von verschiedenen Seiten her stießen umwohnende Völker aus den trockenen Savannen und Wüsten in Akten des Herabsteigens zum Wasser des Nils und gewannen das Ufer.
    Die ägyptische Geschichte beginnt mit der Schöpfung des Kalenders. Die Zeit davor bezeichnen wir als prähistorisch. Aber wann ist dieser Anfang?
    Das Ursymbol des ägyptischen Geistes läßt sich mit dem Wort „Weg“ am ehesten formulieren, so etwa wie dasjenige der Antike durch das Wort „Körper“ und dasjenige des Abendlandes durch das Wort „Raum“. Die Pharaonenkunst hat von der Geburt bis zu ihrem Erlöschen dieses Symbol verwirklichen wollen: in den feierlich vorwärtsschreitenden Statuen, in den endlosen, in strenger Folge geordneten Gängen der Pyramidentempel, in den Sphinxalleen, in den Reliefzyklen der Tempelwände, an denen der Beschauer entlangschreiten muß und die ihn immer in eine bestimmte Richtung lenken. Der Gedanke des heiligen Wegs, der Prozession, ist der ägyptischen Religion und der ägyptischen Baukunst ganz wesentlich. (Hans Freyer: Weltgeschichte Europas. Band I. S. 228/229. Wiesbaden 1948.)
    Die Ägypter gliederten das Jahr in zwölf Monate zu je dreißig Tagen und setzten fünf Schalttage hinzu. Das war fast korrekt und wurde erst durch Caesar korrigiert, der den fehlenden Vierteltag für ein komplettes Sonnenjahr von einem alle vier Jahre stattfindenden zusätzlichen sechsten Schalttag ergänzen ließ. Bis zu Caesar allerdings war der ägyptische Kalender eben nur beinahe korrekt. Der bei ihnen fehlende Vierteltag addierte sich im Laufe der Jahrhunderte zu Wochen, Monaten, schließlich 365 mal vier, so daß der Kalender erst nach 1460 Jahren wieder stimmte. Sie orientierten sich am Aufgehen des Sothis-Sternes (Sirius), der bei der Einsetzung ihres Kalenders auf den 19. Juli fällt und mit dem Steigen des Nils einhergeht. Dieser Stern durchläuft ebenfalls den Kreislauf von 1460 Jahren, bis er wieder am 19. Juli aufgeht. Wir müssen also nur schauen, wann Sothis am 19. Juli aufgeht, dann haben wir den Anfang der Aufzeichnungen ägyptischer Geschichte, die Grundlage von absoluter Chronologie. 5701, 4241 oder 2781 v.Chr. stehen uns hierfür zur Auswahl. Da man für 5701 v.Chr. keine weiteren Zeugnisse, für 2781 v.Chr. aber die sichere Gewähr besitzt, daß der Kalender bereits benutzt wurde, nimmt man das Jahr 4241 v.Chr. als das erste Jahr der ägyptischen Zeitrechnung an. Es ist dies zugleich der älteste uns bekannte Fixpunkt der bewußten Menschheitsgeschichte. Von da an rechnet man die Zeit als historisch, alles davor wird als prähistorisch bezeichnet.
    Das Historische wird erkannt durch etliche Parameter: 4241 v.Chr. muß es in Ägypten eine Schrift, einen Kalender, berichterstattende Wissenschaftler, ein Königtum, geordnete Verhältnisse, einen Staatsaufbau gegeben haben. Anders ist der Einsatz eines Kalenders nicht denkbar. Aber die Zeugnisse für den Zwischenraum bis zum ersten nachweisbaren politischen Ereignis sind rar. Als anerkanntes Zeugnis gilt der Auftritt Menes' um 3300 v.Chr., nach anderer Auffassung ca. 3030 v.Chr. [2]: Der steinzeitliche König Menes erschuf ein einheitliches Imperium und machte Memphis zur Zentrale; allerdings baute er eine zweiteilige Verwaltung auf (zwei Kanzler, zwei Schatzhäuser, zwei Steuerbehörden: Bürokratie ist ein intranszendenter Ausdruck der Lebensverwaltung) und gab sich die rot-weiße Doppelkrone als sichtbares Zeichen der Verbindung des rotwappigen Nordens mit dem weißwappigen Süden. Von dort aus regelte er den Anbau von Korn, die Steuerzahlung und den Schutz der Nilanrainer vor Angriffen aus dem Westen. Dabei griff er auf die Hilfe der Priesterschaft zurück, die hier eine Chance sahen, ihre Macht auszubauen und durch einheitliche Regelungen zu statuieren. Die Macht im Staate war beim Königtum, denn nur in der autoritativen Durchführung konnte die Wasserwirtschaft, auf der in Ägypten alles aufbaute, reguliert werden. Die Kanäle mußten gereinigt, geleitet und gegebenenfalls umgeleitet werden.
    Ipu-Wer, ein Minister des Pharao, über die Zustände in Ägypten, ca. 2100 v.Chr.:
    Es ist doch so: Bettler sind zu Herren von Schätzen geworden. Wer sich keine Sandalen machen konnte, ist jetzt begütert [...] Unheil ist im Lande verbreitet. Blut ist überall. Viele Tote sind im Fluß bestattet. Die Flut ist ein Grab geworden, und die reine Stätte des Grabes wurde zur Flut. Es ist doch so: Die Reichen sind in Trauer und die Armen in Freude. Jede Stadt sagt: 'Laßt uns die Starken aus unserer Mitte vertreiben!' […] Es ist doch so: Man ißt Gras und spült es mit Wasser hinunter. Nicht einmal Körner für die Vögel sind zu finden […] Die Akten der Rechnungsbeamten sind vernichtet. Die Kornvorräte Ägyptens sind Gemeingut. Es ist doch so: Die Gesetzbücher des Gerichtshofes werden auf die Straße geworfen. Man tritt darauf herum in den Stadtvierteln. Der aufständische Pöbel zerreißt sie in den Straßen. Es ist doch so: Die große Gerichtshalle ist ein Tummelplatz für jedermann. Der Pöbel geht in den Gerichtshöfen ein und auS. Es ist doch so: Die Kinder der Vornehmen werden auf die Straße gesetzt […] Sehet, Dinge haben sich zugetragen, die seit den fernsten Zeiten nicht geschehen sind: Der König ist vom Pöbel gestürzt worden! Sehet, der als Falke bestattet war, ist aus seinem Sarge gerissen. Das Geheimnis der Pyramide ist ausgeleert. Sehet, es ist soweit gekommen, daß das Land des Königtums beraubt worden ist von ein paar Menschen, die nichts von der Regierung verstehen. (In: Christian Schmid: Die Alte Welt. Stuttgart 1969. S. 25/26.)
    Die klimatischen Bedingungen in Ägypten sind nur ungefähr mit heutigen vergleichbar. Zwischen 6000 und 3000 v.Chr. gab es eine Wärmeperiode, in der die Temperaturen weltweit um ca. zwei bis drei Grad höher als am Ende des 20. Jahrhunderts lagen. Die abschmelzenden Gletscher setzten enorme Mengen an frischem Wasser frei, das in den Zyklus kam und dafür sorgte, daß von Westafrika bis Indien ein humideres Klima herrschte. Der Tschadsee war groß wie ein Binnenmeer, und der Nil besaß einen sieben Meter höheren Pegel als heute. In der Sahara regnete es sehr viel häufiger, so daß seinerzeit von Savannencharakter ausgegangen werden muß. Die Domestizierung von Rindern nahm von dort ihren Ausgang. Im Osten und Westen Ägyptens fließen die Grenzen, die Feinde kommen und gehen wieder, sind aber nicht in der Lage, dauerhafte politische Verhältnisse zu schaffen.
    Die Ägypter waren kein Händlervolk wie die Babylonier: Häfen gab es bis zu Alexanders des Großen Zeiten nicht, internationale Handelswege führten nicht durch Ägypten. Berührungen mit den Nachbarn, alldieweil eh weit entfernt, blieben unbedeutend. Ägypten war eine weitgehend autarke Wirtschafts- und Sozialgemeinschaft. Zwar mußte manches aus dem Ausland herbeigeschafft werden, doch das konnten staatliche Karawansereien leisten. Eine starke Handelsgilde wie in Babylon bildete sich nicht heraus.
    Die Ägypter waren kein Kriegervolk. Ägypten war nicht auf Expansion ausgerichtet, denn es konnte alles selbst herstellen, sofern Vater Nil die Ufer fruchtbar hielt. Die ab und an ins Land schwappenden Nomaden hielt es nie lange an der Macht. In Ägypten fanden vergleichsweise wenige kriegerische Handlungen statt; man verlagerte das Geschehen nach außerhalb, was dazu führte, daß sich Wohlstand im Land bildete, der auch dazu verwendet wurde, Bauten für die Zeit nach dem irdischen Leben zu errichten.
    Die um 2800 v.Chr. errichteten ersten Pyramiden sind Königsgräber und Ausdruck religiöser Vorstellungen [3]. Diese bildeten in Ägypten mit der politischen Macht im Alltag eine Einheit.
    Der Ägypter lebte in einer Welt, die der Wasserlauf des Nils bestimmte. Der in dieser Intensität empfundene Bezug zur Natur könnte die ägyptische Religion als Naturreligion bestimmen. Ein weiteres Indiz für diese Annahme wäre die Neigung zu Totemismus und Tierverehrung, in denen sich dumpfe Ahnungen unbegreiflicher Mächte ausdrücken. Verehrung will Wiederkehr, will das Angebetete ins Ich transzendieren und benötigt Fetische, die es durch Priesterkultus in sich aufnimmt. Der Kultus führt das Getrennte zusammen, Geist und Fleisch. Erst allmählich wird da abstrahiert, lösen sich die Attribute der Schnelligkeit, der Weisheit und der Kraft vom auf es übertragenen Tier. Die Eigenschaften sind auf Personifizierungen übergegangen. Diese Entwicklung vollzog sich bei anderen Völkern, bei den Ägyptern nicht. Dort blieb die Tierverehrung dem Gotte innewohnend, der Gott war als Überwesen der Natur gleichsam mit Eigenschaften der stärksten, gerissensten oder fruchtbarsten Tiere gesegnet. Zur Darstellung kamen Mischwesen aus Mensch, Riese und Tier. Die Griechen, Babylonier oder Germanen trennten die Tiere von den vertierten Darstellungen göttlicher Wesen, die Ägypter nicht.
    altägyptische damengesellschaft.JPGIm Zentrum der ägyptischen Weltwahrnehmung steht die Sonne. Der höchste Gott, Ra-Ammon-Osiris, ist ein Sonnengott, Gemahl des Himmels, der Göttin Isis, woraus der Sohn, Horus, entspringt. Ra wird vom bösen Bruder, Seth, getötet und steigt in die Unterwelt, wird aber von Horus gerächt, in dem Ra nach dem Besuch der Totenwelt wiedererscheint. Diesen Geist der Unsterblichkeit ahmten die Pharaonen mit dem Bau der Pyramiden nach, in deren Stein sie schlagen ließen: „Die Diener Gottes stehen hinter dir und die Edlen des Gottes stehen vor dir und rufen dir zu: ‚Komm, du Gott, komm her und setz dich zur Seite Osiris'!’“
    In vielen Inschriften auf Grabplatten versicherten die Verstorbenen, niemals etwas Böses getan und sich im ägyptischen Beamtenstaat gegen Untergebene und Überstellte tadellos verhalten zu haben, mithin einen Platz an der Seite Osiris' erwarten zu dürfen. Dem Toten werden Dinge mitgegeben, damit der in seiner neuen Umwelt so leben kann, wie er es gewohnt war. Auferstehung und Verwandlung sind den Ägyptern unbekannt: der Ägypter erhält, konserviert das Bestehende. Das erklärt das Mumifizieren. Sie verbrennen nicht, sie lassen die Toten nicht verwesen, sie suchen die Ewigkeit im Unveränderlichen, einer Form, die sie dem Toten geben. Sie balsamieren. Sie sind praktisch. Das Numinose ist bei ihnen weniger ausgebildet als bei anderen Kulturvölkern. Das ägyptische Pantheon wirkt müde, lahm und wenig phantasievoll. Die Gestalten sind schön, doch seltsam leblos. Sie wirken dennoch stark auf das Gemüt, haben einen klaren Diesseitsbezug, denen jedoch jedermann blaß und kalt gegenübertreten muß, will er nicht seine Ewigkeit aufs Spiel setzen. Der Ägypter ist von vogel-, frosch- oder hundeköpfigen Wesen umgeben, die seinen Lebenswillen brechen und den Verstand knebeln, gefügig machen für ein auf Ewigkeit orientiertes Gemeinwesen, in dem der politische Einzelbürger keine Rolle spielt, sondern funktionieren muß. Organisation ist in Ägypten alles, auch in religiösen Dingen. Die Priesterschaft organisierte die Religion nicht nur, sie nahm neue Regungen des Volkes oder eindringender Völkerscharen (was in Babylon selten geschah) auf und wies diesem Neuen einen Platz im Lehrgebäude zu. Das sicherte nicht nur die Bedeutung der Priesterschaft, sondern auch die Hierarchie des gesamten Staates, aber es ließ das Neue leben. So schien es zumindest.
    Hierarchie heißt Hackordnung, Staatsaufbau, Führungsstruktur. Oben der Pharao, die Priester, dazwischen die Beamten, das Militär, die Händler, die Ärzte und Handwerker, ein paar Sklaven (sehr viel weniger als in Babylon und anderswo), alles zusammen vielleicht 5% der Bevölkerung; dagegen 95% Bauern. Allerdings fragt sich schon, wer mehr Freiheiten besaß. Die Freiheit des ägyptischen Bauern war dadurch diesem spürbar, als daß er keine Geldsteuern zu zahlen hatte und die Arbeit beim Pyramidenbau freiwillig erfolgte. Steuerzahlungen, sofern dieser Ausdruck hier korrekt sein könnte, konnte durch Arbeitsdienste oder Naturalabgaben geleistet werden; Bier, Weizen oder Geflügel wurden bevorzugt genommen und spätestens nach Josephs Auftreten im 14. Jahrhundert v.Chr. in Silos aufbewahrt, die ihrerseits ihre Schleusen für die Untertanen des Pharao öffneten, wenn die Nilschwemme vergleichsweise gering ausfiel. [4]
    Der Bau der Pyramiden besaß um 2600 v.Chr. unter Pharao Djoser einen ersten Höhepunkt. Man benutzte anfangs Werkzeuge aus Kupfer, kam aber dahinter, daß eine Beigabe von Zinn unter Hitze zum härteren Bronze führte. [5] Metall hatte seinen Wert schnell gefunden und diente auch als Tauschmittel, wenngleich das Geld in Form von Münzen in Ägypten keine Verwendung fand. Gold dagegen war das Metall der Herrschenden, die es gern nahmen und untereinander als Wert zu schätzen wußten. Es darf nicht angenommen werden, daß die Pharaonen ihre Untertanen [6] zur Arbeit zwangen und darum grundsätzlich in Ägypten Unzufriedenheit herrschte. Im Gegenteil: War der ägyptische Bauer mit der Aussaat fertig, kam ihm die bezahlte Arbeit an den Pyramiden sicher gerade recht.
    Um 2350 v.Chr. war dieser Abschnitt der ägyptischen Geschichte zu Ende und irgendeine Katastrophe trug zu den veränderten, demokratischeren Herrschaftsformen bei. Ägypten wurde dezentralisiert, was sich darin äußerte, daß Recht und Wirtschaft [7] bis dahin Untergeordnete beherrschten, zudem ein stark antiaristokratischer Zug in Inschriften die Nivellierung der Gesellschaftsschichten anzeigt und nicht die Besten und Ältesten das Recht bestimmten, sondern nunmehr Emporkömmlinge und Neureiche, die das Recht des Stärkeren zum Gradmesser machten. Der Haß der vormals Unterdrückten ging soweit, daß sie Cheops' Sarg erbrachen, die Mumie verbrannten und die Pyramide ausplünderten, dann kratzten sie sämtliche Inschriften, die auf die alte Dynastie verwiesen, aus dem Sandstein. Neuere Untersuchungen stellen für den Zeitraum um 2150 v.Chr. Dürreperioden fest und führen zu Vermutungen, daß diese die Konflikte noch verstärkten.
    sumerische Einflüsse (Stimulusdiffusion) bei der Entstehung der pharaoischen Zivilisation:

    • Siegelzylinder;
    • Nischen der Ziegelbauten → die Ägypter hauen fürderhin Steine;
    • Bauart der Schiffe;
    • Verwendung gleicher oder ähnlicher künstlerischer Motive;
    • Struktur einer Schrift, in der Lautzeichen die Ideogramme ergänzen, ohne sie zu verdrängen → die Hieroglyphen sind allerdings Originalschöpfung (Toynbee, S. 60.)
    Die Unordnung dauerte bis ca. 2100 v.Chr., dann setzte sich eine neue Herrscherschicht durch, die um 2040 v.Chr. das Mittlere Reich begründete und das Organisationstalent der Priesterschaft zur Konstituierung der staatlichen Verhältnisse nutzte. Allerdings schränkten aristokratische Beamtenfamilien die Macht des Königtums ein. Ob sich der Pharao mit diesen Aristokraten arrangierte, vielleicht gar nur ein primus inter pares war, ob es Verträge zur Königsmacht gab oder ob er von den Aristokraten gewählt wurde, wissen wir nicht. Aber wir wissen, daß die Residenz nach Theben verlegt, daß auf den Pyramidenbau [8] verzichtet, dafür aber der Tempelbau forciert wurde. Und wir wissen, daß der Pharao dem Volke die Tempel an Festtagen öffnete, Audienzen gewährte und kultische Opfer in der Öffentlichkeit abhielt, auch selbst diese Opfer, Naturalabgaben (Steuern), vor dem Tempel erhielt, die er dann in das Heiligtum mit einigen wenigen Kirchenfürsten trug und schließlich allein dem Gotte im Tempelinneren reichte. Eine Bedeutung der Götter für die Menschen ist dem Ägypter nicht bekannt; er trennt hier strikt. Der Pharao ist der einzige Diener der Götter, die Kirchenfürsten sind nur Helfer des Pharaos, sich über dessen Bezug zu den Göttern definierend. Es ist dies eine entindividualisierte Menschenauffassung. Der Mensch muß nicht, wie beim Christentum, erlöst werden oder gar glücklich gemacht werden, indem er Regeln befolgt. Er ist Teil eines Organismus. Das ist alles.
    Im Mittleren Reich wurde noch mehr geschrieben als im Alten Reich. Diesmal fanden auch Mythen [9], Märchen und Moral Aufnahme in Aufzeichnungen. Liebe, Lust und Leidenschaft waren ebenso Themen wie ganz praktische Erwägungen zur Lebensgestaltung. Diese glückliche Zeit dauerte bis ca. 1790 v.Chr., dann wurde es durch einen Angriff von außen vernichtet, den der indogermanischen Hyksos [10].
    Die Hyksos waren ein arisches Reitervolk aus dem Norden, waren aber auch in der Lage, Seekrieg zu führen. Sie brachen auf Pferden [11] sitzend oder in Streitwagen stehend über die Suezenge nach Ägypten durch und besiegten das auf Eseln sitzende ägyptische Heer. Ihr Metall war härter als die Bronze der Ägypter. Wahrscheinlich Eisen. Die Hyksos kamen als Eroberer, nicht als Zerstörer. Sie beließen die Ordnung, setzten sich jedoch an die Spitze, und blieben 200 Jahre als Herrscherkaste in Ägypten. Ihre Herrschaft ist nicht auf Zerstörung oder Ausbeutung aus. Ausbeutung bedarf einer systematisierten Herrschaft mit Gesetzen und Beamtentum, welches die Hyksos nicht bildeten. Indem die Hyksos (oder in Babylonien zur etwa gleichen Zeit die semitischen Kassiten) in Ägypten ihre Kraft banden, führte das, in einem weltgeschichtlichen Kontext gesehen, zu kulturellem und sozialem Fortschritt in den Randgebieten Babylons und Ägyptens, die zu neuen Kulturmittelpunkten heranwuchsen [Armenien (Urartu [12]), Palästina, Mitanni, Assyrien, Indien, Persien]. Welche zähe Lebenskraft der ägyptischen Kultur innewohnte, zeigte sich um 1580 v.Chr., als sich die Ägypter erhoben. Sie vertrieben die Hyksos und errichteten ein Imperium, in dem das Königtum eine weniger auf das Priestertum gestützte Machtfülle auslebte, somit die Macht auch nach außen trieb und Anrainer in den eigenen Machtbereich überführte: Palästina, Syrien, Nubien. Die Pharaonen sind nicht länger bloße Gotteswalter unter Menschen, sondern authentischer, Menschen. Sie sind die militärischen Führer bei den Expeditionen zur Eroberung neuer Länder. Sie lassen sich als emotionelle Wesen darstellen, als Ehepartner [13].
    Die Religion tendiert zum Monotheismus, der Sonnenkult wird prädisponabel, d.h., er bildet den Anfang für die Beschränkung auf einen Gott. Das Tierische verschwindet aus den Gottesdarstellungen. Es ist dies eine Zeit, in der astrologische Vorstellungen den Gang des Ganzen bestimmten: Sonne, Mond und Sterne bilden einen Kosmos, in dem der Mensch und sein Schicksal verortet und Menschen in ihrer Funktionabilität als Gottesdienstler erfaßt werden. Das Königtum wird zum autoritativen Mittler zu Gott. Der Pharao ist wieder der erste Priester, aber jetzt monotheistisch. Aus Amenhotep wird Echnaton, der Sonnenanbeter, der von der Wahrheit lebt.
    Die Reform der Religion war notwendig geworden, weil Ägypten nicht mehr eine autarke Macht am Rande der bekannten Welt bildete, sondern zur Weltmacht geworden war. So eine Weltmacht muß andere Völker unter eine Idee einen; sie benötigt ein alle verbindendes Band, die Religion könnte es sein. Also überhöhte Echnaton den ägyptischen Hausgott und machte ihn zum Schöpfer nicht nur des Alls, sondern des ganzen Erdenkreises. Alle in Ägypten lebenden Völker konnten sich auf diese Weise mit ihm identifizieren. Echnaton bedurfte der Hilfe der Priesterkaste, in der sich etlicher Widerstand regte. Warum wohl? Wie immer ging es um Pfründe, Machtanteile, Altersvorsorge und Lebenssicherheiten. Viele Priester der nunmehr Nebengottheiten fürchteten zurecht um ihre Zukunft und bekämpften die Reform des Echnaton.
    Ursachen des Untergangs des Alten Reiches um 2180 v.Chr. (nach Toynbee, S. 75/76.):

    • Entwicklung des Beamtenstaates zu einem Feudalstaat (politischer Grund) → Verwalter der Provinzen machten sich zu Gaufürsten und erhoben sich erfolgreich gegen die Zentralgewalt;
    • zu hohe Belastungen des Landes durch Tempel- und Gräberprunk (wirtschaftlicher Grund) → die Feiern, nicht der Bau selbst waren ruinös;
    • zunehmende Indifferenz des Volkes gegenüber den alten Göttern und dem Pharao (soziopsychologischer Grund).
    Nach Echnatons siebzehnjähriger Herrschaft kamen sie aus ihren Verstecken heraus und forderten alte Rechte. Echnaton hatte nur einige Töchter hinterlassen; die Macht lag bei den Schwiegersöhnen, die sich stritten und jeweils Gefolgschaft suchten. Schließlich fielen sie der mit einem Großteil des aufgeputschten Volkes verbundenen Ammon-Priesterschaft zum Opfer. Diese setzte eine neue Dynastie durch, verlegte das Machtzentrum nach Theben zurück und legte westlich der antiken Riesenstadt in einer Felsenschlucht neue Grabanlagen an, die als „Tal der Könige“ bekannt sind. Die in die Felsen und in Granit gemeißelten Inschriften, die Kammern und Gänge, die bis zu 23 Meter hohen Obeliske und pompösen Tempelbauten zählen heute zu den bedeutendsten Kunstwerken der Weltgeschichte. Die XVIII. Dynastie, die das Land von den Hyksos befreit hatte, 1567 v.Chr., verschwand mit dem Tode Echnatons nach 230 Jahren Herrschaft von der welthistorischen Bildfläche. Um 1350 v.Chr. hatten die Priester in Ägypten wieder die Macht, als ob nichts geschehen wäre. Und das blieb dann so und überstand auch die Völkerwanderung um 1220 v.Chr. [14]. Aus Ägypten ist seither nichts Neues gekommen. Das Land erstarrte und lebte in seinem aus Aberglauben, Zivilisation und Lebensangst gespickten Alltag, von einer streng reglementierenden Priesterkaste geführt, die den Pharao als Repräsentanten benötigte. Der Tierkult kehrte zurück; Totemismus und Götzenwahn. Erstarrung in Formalien. Ägypten lebte nicht mehr, es starb: hunderttausende Mumien, denen seitenlange Listen ihrer Wohltaten mit ins Totenreich gegeben wurden; Tausende von Katzen- und Krokodilsfriedhöfen; heilige Stiere und katzenköpfige Halbgötter... Das Antithetische schwand aus dem ägyptischen Bewußtsein. Damit starb das Land. Es konnte den Gegensatz nicht mehr denken, war auf Erhaltung und das Befolgen der Regeln aus: keine Zeit für Helden, nur die für Gehorsam.


    Vertiefung Wissenschaft und Literatur: Die Ägypter waren auf Empirie aus. Das Komplexe interessierte sie nicht. Es war ihnen unvorstellbar. So waren sie nicht in der Lage, komplexe Vorgänge wiederzugeben. Sie blieben bei einfacher Addition und Subtraktion, schon das Multiplizieren war ihnen unbekannt, imgleichen die Division. Bruchzahlen kannten sie nicht. Es gibt keine Untersuchungen, kein Pro und Kontra. Überall Vorschriften, auch in der Wissenschaft.
    Das dürfte sich auch auf die Kunst niedergeschlagen haben, die der Phantasie nicht mangeln darf, damit sie nicht zu bloßer Technik depraviert.
    Es ist schon erstaunlich, wie lange die ägyptischen Künstler ihrem Stil treu blieben. Bereits zur Zeit des Pyramidenbaus, ca. 2700 v.Chr., besaßen sie Techniken, Basalt beizukommen. Die von ihnen entworfene Plastik- und Malereitechnik blieb über Jahrtausende ähnlich und könnte sich noch heute gegenüber Konkurrentinnen behaupten. Eine Form des Wiederkäuens, mag man sagen. Erbe, sagen vielleicht andere. Tatsache bleibt die Unverwechselbarkeit der ägyptischen Kunst, die sich aus dem Instinkt für eine wesenhafte Verbindung zwischen Ich und Es speiste. Aber keine der künstlerischen Gestaltungen weist über sich hinaus. Es sind Darstellungen, die dem Augenblick im Dasein geschuldet sind, zuweilen auch einer zweidimensionalen Bewegung. Die Ägypter können über das Flächige hinaus nicht denken; sie besitzen keine Zeit- oder Räumlichkeit in ihrer Wahrnehmung, nur die Erstarrung im Augenblick. Um so erstaunlicher ist der Pyramidenbau. Hierbei arbeiten sie genau, sind detailverliebt, aber sie können das Detail nicht in einer Entwicklung ahnen oder verfolgen. Sie betrachten. Sie können kein Ideal erschaffen. Das Ideal schafft ein Vorbild, das eine Richtung vorgibt, an dem sich orietiert werden kann. Fehlt es, stirbt die Gesellschaft. Aber in der Abbildung des Geschauten schaffen sie durch Technik mitunter sehr Schönes. Ähnlichkeit. Der ägyptische Künstler legt seine Seele nicht in den Ausdruck seiner Objekte, sondern er nimmt sich heraus aus dem Geschauten und abstrahiert das Geschaute zu einem Typischen, das er jedoch nicht idealisiert. Letztlich ist die ägyptische Kunst geometrisch. Monumentale Architektonik. Man benutzt harte Gesteine: Basalt, Granit, Diorit. Alles sollte ewig halten.


    Aufgaben:


    1. Wodurch erklärt sich das unterschiedliche Aussehen der Ägypter von vor viertausend Jahren gegenüber heutigen? (I)
    2. Erkläre den Fehler des ägyptischen Kalenders! (II)
    3. Stelle zwischen klimatischen Verhältnissen und historischen Ereignissen anhand des Abschnitts über den Klimawandel nach dem sechsten vorchristlichen Jahrtausend Zusammenhänge her! (III)
    4. Vergleiche Wirtschafts- und Religionsaspekte Babylons und Ägyptens in einer Tabelle! Formuliere ein Ergebnis hinsichtlich der Kontinuität der Entwicklung! (II)
    5. Finde Darstellungen ägyptischer Gottheiten! (I)
    6. Erkläre die Macht der ägyptischen Priesterschaft! (II)
    7. Beschreibe und erkläre die Ereignisse um 2350 v.Chr. und vermute Gründe! (II)
    8. Was kennzeichnet das Mittlere Reich gegenüber dem Alten Reich? (II)
    9. Welche Auswirkungen hatte der Hyksos-Einfall? (II)
    10. Fasse die religiösen und administrativen Unterschiede des Alten, Mittleren und Neuen Reiches zusammen! (II)




    [1] - wenn jedes Schriftzeichen einem bestimmten Gegenstand entspricht, ein Ideogramm (Bildzeichen)
    - die Entwicklung ging dahin, daß diese Hieroglyphen nicht mehr nur mit einem Gegenstand, sondern einem Wort verbunden wurden, wodurch Worte vermittelt wurden, die keinen Gegenständen entsprachen, sondern auch Gedanken und Begriffe → Entwicklung zur piktographischen Stufe der Schreibkunst, dann weitere Verdichtung zur syllabischen Stufe (Silbenschrift), dann weiter zur Abstraktion der Buchstabenschrift

    [2] Forschungsergebnisse des Ärchäologen Dreyer gehen von der staatlichen Vereinigung Ober- und Unterägyptens durch den oberägyptischen König Narmer aus, der in einer Keulenschlacht um 3000 v.Chr. seine Gegner besiegte und einen Staat mit 42 Gauen gründete.

    [3] Religiöse Vorstellungen stehen in einem engen Zusammenhang zur kulturellen Entwicklung der Menschheit. Wer sich nicht vorstellen kann, was religiöses Urempfinden bewirkt, der kann sich keinen Grund für den Bau der Pyramiden, für Totenbestattung, für Dienst oder auch nur Begriffe wie Pflicht, Liebe oder Hilfe vorstellen. Eine Rechnung gegenseitigen Nutzens greift hier zu kurz und erklärt vieles nicht.

    [4] Eine Theorie besagt (siehe Mosaik in der Markuskirche zu Venedig), daß die Pyramiden als Kornsilos dienten.

    [5] Die Angaben über den Zeitpunkt der Erfindung von Bronze reichen von ca. 2600 v.Chr. bis etwa 2000 v.Chr.. Es ist allerdings kaum anzunehmen, daß der Bau der Pyramiden, der um 2600 v.Chr. erfolgte, ohne Bronzewerkzeuge vor sich gegangen sein soll.

    [6] Die Ausrichtung der Pyramiden nach Norden folgte einem einfachen Prinzip: Man nahm einen aufsteigenden Stern östlich vom Polarstern und bestimmte auf einer waagerechten Plattform den Punkt seines Aufstiegs. Ging der Stern westlich vom Polarstern unter, bestimmte man einen zweiten Punkt und konnte jetzt die Strecke halbieren, die den genauen Nordpunkt bestimmte. Der so ausgerichtete Cheops-Pyramidengrundriß wurde beinahe exakt umgesetzt: die Westseite weicht von der Nord-Süd-Richtung nur 2'30" ab, die Südseite von der Ost-West-Richtung nur 1'59". Die Seiten sind demgemäß zwar unterschiedlich lang, aber das ist mit bloßem Auge nicht wahrnehmbar: Nordseite 229,6m; Südseite 229,7m; Ostseite 229,8 m; Westseite 229,1m; die Winkelinnenseiten betragen minimal 89,9° und maximal 90,05°. (Angaben folgen Nobel, S. 40.)

    [7] Wirtschaft dient der Bedarfsdeckung, subjektiv der eigenen, objektiv der des Staates. Wirtschaft ist Erwerb und Verkauf von Gütern zum Zwecke des Mehrwerts. Zu wirtschaften bedeutet, aus einem knappen Vorrat an Mitteln durch zielgerichtete Handlungen Deckung der Bedürfnisse zu verschaffen oder auch darüber hinauszugehen. Alle Handlungen sind darauf abgestimmt, dieses Mehr zu erreichen. Wie der Mehrwert verteilt wird, bestimmt die Wirtschaftsordnung, ein politischer Begriff.

    [8] Das Grab der Erde wird zuerst in ein steinernes Gewölbe verwandelt; dann hebt sich das Gewölbe über die Bodenfläche empor und wird zur Pyramide – einem Grabdenkmal von kolossalen Verhältnissen, das inmitten seiner Steinmasse die Wohnstätte des Toten birgt. (Rostovtzeff) Der entscheidende Gedanke: das Grab war VOR dem Bau da!

    [9] Mythen sind Begebenheiten, die nicht genau die Wirklichkeiten wiedergeben, aber meist einen wahren historischen Kern besitzen. Der Kieler Professor Forchhammer sah in den griechischen Mythen symbolische Auslegungen physikalischer Erscheinungsformen des Wassers und führte beispielsweise die griechische Nationaldichtung, die Ilias, auf den winterlichen Kampf des Meeres und der Flüsse, der Nebel und des Regens in der troischen Ebene (die Landschaft um den Hauptkampfort Troja an der kleinasiatischen Küste) zurück. (Forschhammer: Erklärung der Ilias. Kiel 1888.)

    [10] Erst im Neuen Reich, das nach der Hyksosinvasion entsteht, ändern sich die sozialen Verhältnisse. Das nach außen isolierte, mit seinen nationalen Überlieferungen in sich abgeschlossene Ägypten wird nicht nur zu einem materiell aufblühenden, sondern auch zu einem weitblickenden, die Anfänge einer übernationalen Weltkultur schaffenden Land. (Arnold Hauser: Sozialgeschichte der Kunst und Literatur. Band I. Dresden 1987. S. 44.) – Als Hauptkontingent der Feinde nennt der Bericht Ramses‘ III. die beiden eng zusammengehörigen Stämme der Pursta (das sind die Philister des Alten Testaments) und der ZakkarI. Ihre historischen Sitze sind an der Küste von Palästina, wo sie das fruchtbare Küstenland und die alten Städte in Besitz nahmen, nachdem sie vor Ägypten abgeschlagen worden waren. Ursprünglich aber kommen sie von der Insel Kaptor, d.h. von Kreta. Das gilt jedenfalls mit Sicherheit von den Philistern, an denen der Kreter-Name dauernd haften bleibt, wie der Sprachgebrauch des Alten Testaments mannigfach beweist. (Freyer I, S. 5.) - Kretische Segelkunst war der ägyptischen überlegen. Auch die kykladischen (protogriechischen) Ruderschiffe konnten bis etwa 1400 v.Chr. in puncto Seetüchtigkeit und Manövrierfähigkeit nicht mit den kretischen Schiffen mithalten.

    [11] Weder in Ägypten noch in Babylon kannte man zu dieser Zeit Pferde. Die Babylonier nannten sie „Esel des Berglandes".

    [12] Das heutige Armenien ist die Region, in der die Völkerwanderung des 18. Jahrhunderts v.Chr. ihren Ursprung nahm. Sie ergoß sich einerseits nach Südosten (nach Mesopotamien), aber auch nach Südwesten (nach Ägypten). Die Urartäer (Chalder) konnten sich um 900 v.Chr. politisch zu einem Königreich organisieren (Hauptstadt Tuschpa am Wansee) und behaupteten sich gegen die anrückenden Assyrer, denen es auch in den kommenden Jahrhunderten nicht gelang, Armenien zu erobern.

    [13] Diese plastischen Darstellungen von Ehepaaren, ein häufiges Motiv in der Kunst des Alten Reiches [etwa bis 2181 v.Chr.], lassen vermuten, daß die Ehe in jener Zeit eine Institution war, die den emotionellen Bedürfnissen beider Partner entsprach, und ihre Stabilität mag sogar eine der Grundlagen der Beständigkeit des Alten Reiches selber gewesen sein.“ (Toynbee, S. 74.)

    [14] „Um 1220 v.Chr. griffen die Libyer (Libu), unterstützt von den Maschwesch und anderen Berberstämmen und verstärkt von fünf ‚Seevölkern‘, Ägypten von Westen her an und erreichten die Nordwestecke des Nildeltas, ehe sie von König Merenptah zurückgeschlagen wurden. [zirka 945 v.Chr. waren die Libyer erfolgreicher, verbündeten sich mit der ägyptischen Priesterschaft und stellten die Führungsschicht in Ägypten, veränderten aber nichts] Das war nicht einfach ein Raubzug, auch keine militärische Invasion, sondern der Versuch einer Einwanderung, denn die Eindringlinge brachten Frauen und Kindern, ihr Vieh und ihre bewegliche Habe mit. Eins der fünf abgewehrten Seevölker waren die Luka, die sicherlich aus dem südwestlichen Kleinasien kamen; ein anderes die Achäer, entweder vom griechischen Festland oder von Kreta, wo sich zu diesem Zeitpunkt mindestens einer ihrer Stämme festgesetzt hatte. Die übrigen drei Seevölker waren die Scheklesch, Scherden und Turscha, die ungefähr fünf Jahrhunderte später als Sikuler, Sarden und Etrusker (Tyrrhenoi) wieder erscheinen…“ (Toynbee, S. 102.)




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