+ Antworten
Ergebnis 1 bis 5 von 5

Thema: Der Papalagi

  1. #1
    kls
    Laufkundschaft

    Der Papalagi

    Ich bespreche dieses Buch nicht schriftlich, sondern empfehle nur wärmstens, es sich auszudrucken und in aller Ruhe zu lesen, als ein gut gelungenes Beispiel die, als Selbstverständlichkeiten wahrgenommenen Dinge, so zu schildern, dass ihr Potential an Absurditäten zum nachdenklichen Schmunzeln reizt.

    http://www.eineweltfueralle.de/uploa...erpapalagi.pdf

    Man könnte solch eine Betrachtungsweise vielleicht auf heute übertragen: Der 'soziale Netzwerkewahnsinn'. Der Glaube ans 'Schwere Metall', inzwischen mutiert zum Glauben an virtuelles Geld in 10-facher Überzeichnung. Machtmenschen und Sport. Umwelt- und Essensvergiftung. Mobilität, das Gehetze, die politischen Weitpissenwettbewerbe, unsere Unfähigkeit die Probleme endlich wenigstens mal anzufangen zu lösen … Das sind doch alles Themen, die nach schräger Bewertung aus der Naivität heischen.

    Meine Güte ich bekomme richtig Lust, den Papalagi in Zeit angepasster Form neu zu schreiben, wohl wissend, dass es nie dazu kommen wird. Aber aus welcher Perspektive wäre das möglich, wenn es doch keine naiven Häuptlinge von Naturvölker mehr gibt? Vielleicht aus dem Blickwinkel eines Zeitreisenden? Oder einer intelligenten Maschine? Außerirdische? Ich mein ja nur. Vieles von dem, was wir für 'Normal' halten, ist bei näherer Betrachtung bloß neurotisches Benimm und äußerst seltsam.

    Mir hat das erneute Lesen jedenfalls viel Spaß bereitet.

  2. #2
    Chefchen Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    2.276
    Blog-Einträge
    35

    AW: Der Papalagi

    ist ein bißchen dünn, karlchen, deine lobpreisung, wenn schon jemanden karessieren, dann aber richtig; jib dich ma mehr mühe!

    fragepunkte lauten daher: vor welchem problem stand der autor, und wie hat er es gelöst? leistungsbemessung.

    lob mißt sich immer am außerordentlichen, also an der überwindung/lösung einer problematik, die auch für andere menschen bedeutsam sein könnte oder tatsächlich ist.

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    1.September 2013
    Beiträge
    427
    Kannte die Geschichte nur vom Hörensagen. Warum aber die Geschichte gerade bei den 68ern so gut ankam...wo doch Scheuermann ein Nazi war...ist schon verwunderlich. Die Geschichte hat er direkt nach dem 1. Weltkrieg geschrieben...also in einer Zeit der Orientierungslosigkeit. Da passt so eine Geschichte...die das Menschsein aufs Wesentliche reduziert... ganz gut in die Zeit. Naturvölker verkörpern eine gewisse Romantik...die in uns allen schlummert. Der scheinbar verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen, die flachen Hierarchien..der Zusammenhalt der Gemeinschaft...und so vieles andere...das man mit Naturvölkern verbindet. Das ist natürlich Blödinn...denn sobald sich diesen Völkern Alternativen bieten, ergreifen sie diese. Das ist in etwa so wie wenn Oma sagt, dass man sich in den 40ern über eine Orange zu Weihnachten noch freuen konnte.

    Zunächst müsste man sich vielleicht folgende Frage stellen: Warum gab der Verleger eine Südsee-Geschichte in Auftrag?

    Seit Cooks Reisen nach Haiti, ist die Südsee das Synonym für eine heile Welt. Auch heute noch noch schießen jedermann tausend schöne Bilder in den Kopf, wenn die Südsee erwähnt wird. Scheuermanns Verleger war sich vermutlich ziemlich sicher, dass sich ein halbwegs gut geschriebener Südsee-Roman erfolgreich verkaufen lässt - ansonsten hätte er wohl auch kaum die Reise Scheuermanns indirekt über einen Vorschuss finanziert. Warum sonst ... sollte man einem damals noch unbekannten Autoren einen vergleichsweise hohen Vorschuss gewähren?! Scheuermann wusste also was von ihm erwartet wird. 1920 litten nicht nur die Deutschen...sondern halb Europa an den Folgen eines Krieges...nach dem man auch nicht schlauer und weiter war als vorher. In Deutschland hatte man nach der Kaiserzeit nun eine parlamentarische Republik, mit der aber niemand so richtig was anfangen konnte. In solchen wirren Zeiten gibt eine Geschichte...wie sie Papalagi erzählt...den Menschen die Möglichkeit auf Reset zu drücken...um sich neu zu orientieren.

    Scheuermann schreibt, Zitat

    Obwohl, zumal von Zivilisationsfanatikern, die Art seines Schauens als kindlich, ja
    kindisch, vielleicht als albern empfunden werden mag, muß den Vernunftvolleren und
    Demütigeren doch manches Wort Tuiaviis nachdenklich stimmen und zur Selbstschau
    zwingen; denn seine Weisheit kommt aus der Einfalt, die von Gott ist und keiner
    Gelehrsamkeit entspring
    ---------------------------------------------------------------------------------------
    Damals stand man zwischen Kommunismus und Nationalismus...und so könnte die Kritik an der Gelehrsamkeit auch generell als Kritik an der Obrigkeit verstanden werden.
    Für die Tuiaviis gab es nur eine Instanz...und die hieß Gott.


    Für mich ist nicht ganz klar wie Scheuermann tatsächlich zu seinem fiktiven Volk stand. Auf der einen Seite lese ich Bewunderung heraus...auf der anderen Seite aber auch ein Herabschauen. Was zunächst widersprüchlich erscheint...ist dann doch wieder logisch...bedenkt man...dass Scheuermann später zum Nazi wurde. Das Potential zum Rassismus wird in der Nachbetrachtung sichtbar. Ich komme für mich zu dem Schluss, dass Scheuermann gegen seine eigene Überzeugung schrieb - er erfüllte nur seinen Job - und hatte danach auch nie wieder Erfolg. Scheuremann war eine Eintagsfliege, die selbst ihr sehr kurzes Leben nur den glücklichen Umständen zu verdanken hatte.

    Ergänzend ist noch zusagen, dass sich zu jener Zeit selbst A. Hitler sehr intensiv mit den Lehren eines Karl Marx befasste - dessen Bücher las und der kommunistischen Idee anfangs recht unbefangen gegenüber stand. Das werden einige heute nicht wahrhaben wollen, aber Geschichte lässt sich nun mal nicht leugnen. Das verdeutlicht letztendlich nur wie sehr die gesellschaftliche und politische Ordnung auf der Kippe stand und nach allen Seiten hätte kippen können. Scheuermann drehte die Uhr auf Null, so konnte jeder...unabhängig von seiner Gesinnung...in dieser Geschichte eine Heimat finden. Eine solche Massenkompatibilität ist auch heute noch ein Garant für Erfolg.

  4. #4
    andere-dimension
    Laufkundschaft

    AW: Der Papalagi

    Zitat aus Papalagi

    .., ohne jede Beschau seiner selbst
    oder seiner weiteren und näheren Umgebung, war Tuiavii Ausnahmenatur. Er ragte weit
    über seinesgleichen hinaus, weil er Bewußtheit besaß, jene lnnenkraft, die uns in erster Linie
    von allen primitiven Völkern scheidet.
    ---------------------------------------------------------------------------------------

    das könnte auch Goebbels geschrieben haben...der ähnlich argumentierte.../sind diese Völker primitiv weil sie keine Innenkraft haben und kein Bewußtsein besitzen,oder besitzen sie kein Bewußtsein weil sie primitiv sind?!? Nach den Lehren der Rhetorik ist Scheuermanns Formulierung genial- eine Falle....ohne eine Chance dieser zu entkommen.

    Scheuermann schreibt

    Zitat

    Aus dieser Außerordentlichkeit mochte auch der
    Wunsch Tuiaviis entsprungen sein, das ferne Europa zu erfahren; ein sehnliches Verlangen,
    das er schon pflegte, als er noch Zögling der Missionsschule der Maristen war,

    .........
    anschließend, besuchte der Erfahrungshungrige nacheinander alle
    Staaten Europas und erwarb sich eine genaue Kenntnis der Art und Kultur dieser Länder
    .................................................. .................................................. .....................

    Also nur in Europa konnte er sich zivilisieren und bilden.


    Ausländerfeindliche Mitbürger werden oft mit Rassisten gleichgesetzt...oder gar als Nazis bezeichnet. Nur Unwissende ziehe diese Parallelen...denn die Nazis waren nicht ausländerfeindlich. Sie hassten weder die Polen, die Engländer, die Franzosen oder die Amis - sie hatten imperialistische und territoriale Interessen. Das macht ihre Verbrechen nicht besser...dennoch sollte man sich um politische Korrektheit wenigstens bemühen.


    So zieht sich das durch die ganze Geschichte...die..wenn man sie mit anderen Augen liest...auch eine ganze andere Botschaft enthält. Das ist eine Zuckerbrot und Peitsche Geschichte...und wer weiß...wer da wirklich als Geldgeber dahinter stand. Wer immer es war, die Linken sind ihm auf den Leim gegenagen.

  5. #5

    AW: Der Papalagi

    Die "Innenkraft" ist ein schönes Wort. Danke für die Abbildung der inneren Gespaltenheit des Autors, die mit der damaligen "Zeitgeistentwicklung" zusammenhängen könnte.

    Die "Bewusstheit" des Naturmenschen ist zeitgleich sein inneres Leuchten.

    Wenn wir es sehen, beginnen wir wieder, das innere Leuchten in unserem Selbst zu vermissen.

    Die Dichtotomie zwischen linker und rechter Hirnhemispäre wird in der Gegenüberstellung deutlich.

    Einmal bild- und prozesshaftes intuitives Erkennen und auf der anderen Seite die Fesseln des Verstandes, die uns Dinge tun lassen, von denen wir vorher wissen, dass sie uns am Ende nicht guttun.

    Die "Andersperspektive" unserer rechten Hemispäre ist heilsam, da sie schon im heutigen Scheißehaufen den künftigen Dünger "entdeckt".

    Die Scheiße, die wir gerade einmal mehr "bauen", könnte heilsam sein, wäre die Antwort darauf, die Bewusstheit, die "Innenkraft" zu sein.

    Hast Dir selbst bewiesen, was Du ohnehin intuitiv wusstest.

    Spiegelungen von der rechten Hemispäre bleiben zu oft ohne Resonanz. Gegenwärtigkeit ist die Stimme des Gewissens, die wir töten mussten, die Natur zu dem zu machen, was wir heute vor uns sehen.

    Prozesshaft ist uns klar, was wir dabei verloren. Einzig den Irrtum einzuräumen, damit tut sich der Verstand schwer:

    Mit dem Kampf gegen die Natur haben wir uns von der Lebenskraft abgeschnitten, die das Feuer der Seele am Leben erhält.

+ Antworten

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Ja
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •