Ich war mir sicher. Eines Tages würde ich am Inhalt einer vergifteten Thunfischdose sterben. Ich aß jeden Abend aus einer dieser kleinen blauen Dosen der Firma Saupiquet, um nicht fett zu werden. Zuerst würde eines meiner Beine schwarz anlaufen und einmal ins Krankenhaus verfrachtet, würde der Oberarzt zu mir sagen, daß das Bein bis zur Hüfte amputiert werden müsse. Die Amputation würde mein Leben nicht retten und ich würde einen qualvollen Tod sterben, wie man ihn aus Romanen kennt. Manchmal stellte ich mir auch vor, ich könnte von der Golden Gate Bridge springen. Beim Aufprall aus solch einer Höhe würde ich bestimmt schon tot sein und nicht mehr merken, wie mich die Haie in der Bay zerfleischten. Oder ich würde einfach in die USA reisen mit einem One-Way-Ticket, mir eine Pistole kaufen und mich in einem billigen Hotelzimmer erschießen. Ich war schlichtweg sauer auf die Pharmaindustrie, daß sie keine Schlafpillen mehr produzierte, die einen töten konnten. So mußte ich mir allerlei Heldentote erdenken, die nur in meiner Fantasie blühten und niemals wahr werden würden. Die Fischdosen waren ein Halt. Irgendwann würde doch eine dabei sein, die mir den Tod schenkte. Thunfischfilets in Öl waren meine Bestimmung.


Ich befand mich im Auto und fuhr zu meiner Eule. Die Abendsonne sendete ihre letzten Strahlen herab. Meine Finger suchten nach der Sonnenbrille. Ich fand sie schließlich in meinem kleinen Ablagefach. Wie ich dieses Auto haßte dafür, daß es so wenig Ablagefläche bot. In jenem Fach sammelte sich alles mögliche. Kaugummis, Feuerzeuge, leere Bonbonpapiere und Haargummis. Einmal hatte mir jemand gesagt, daß das Auto nach Penatencreme rieche. Ich fand schließlich die Sonnenbrille und setzte sie auf. Der Kaugummi auf meinem Nasenbein kam gar nicht gut. Als ich in die Kurve fuhr, hätte ich fast eine Dame mit Louis Vuitton-Täschchen und spitzen Schuhen mit steilen Absätzen überfahren. Als ich an ihr vorüberfuhr und in ihr entrüstetes Gesicht starrte, dachte ich, daß es doch sehr schade war, daß ich sie nicht überfahren hatte. Diese Damen flößten mir Abscheu ein. Ich trug nur klobige Schuhe. Manchmal auch Springerstiefel. Ich legte die Sonnebrille in das Ablagefach zurück mit dem Gedanken, daß der Kaugummi doch zu eklig war. Meine Gedanken gingen zur Eule. Ich hatte meine Träume brav abgetippt. Irgendwas mußte doch dabei sein, was auf meine Unzulänglichkeit hätte schließen lassen können. Ich hatte meinem einzigen Freund, Andre erzählt, daß es plötzlich Plopp gemacht hätte. Vielleicht hätte ich einer Freundin erzählt, was passiert war. Aber damals gab es nur diesen Freund, der sich Kleider von mir lieh und seinen Penis hochband, wenn er sich mit mir im Freibad traf. Es hatte nicht einfach nur Plopp gemacht, viel mehr der Einschlag eines Meteoriten hatte meinen Kopf versengt. Flammen wollten meinen Gehirn zerfressen. Ich hatte mich dagegen gewehrt und war wieder aufgestanden. Aber an jenem Tag war mir klar geworden, ich mußte einen Psychiater, meine Eule aufsuchen. Der Witz war, ich hatte die Eule empfohlen bekommen von meiner Dozentin. Ich liebte Frau Prof. Hahn, wie ich damals als Kind Tante Myriam geliebt hatte. Tante Myriam hatte ein totes Bein und ich schaute immer mitleidvoll darauf. Wenn sich Frau Prof. Hahn mit dem Rücken zur Kunstklasse umdrehte und das Tuscheln begann, sammelte sich ein dicker fetter Kloß in meinem Magen, gleich einer Bleikugel. Es war, als ob in meinem Bauch jemand Bowling spielte. Und immer knallte die verhaßte Kugel gegen meine Magenwand. Einmal in einem Traum stand Prof. Dr. Hahn über mir und ich konnte direkt in ihre Scham schauen. Ich guckte in dieses unendliche Loch und als ich erwachte, dachte ich, daß das mein eigenes Ungetüm war, das da in mir tobte. Ich fragte mich immer, was ich von Frau Prof. Hahn wollte. Einen One-Night-Stand? Eine feste Beziehung? Ich überragte sie um 10 Zentimeter und sie war nicht gerade das, was man attraktiv nennt. Ich hätte auch einen laut heulenden kleinen Hund lieben können. Es wäre das gleiche gewesen. Jedenfalls, ich hatte mir fest vorgenommen meiner Eule, nichts von meinen Abarten zu erzählen.


Die Eule hatte ihre Praxis direkt über den Dächern Stuttgarts mit einer phantastischen Aussicht auf den Kessel. Ich saß im Wartezimmer und blickte in den angelegten Garten mit dem kurzgeschorenen Rasen. Ich stellte mir vor, wie die Eule nach getaner Arbeit abends mit dem Rasenmäher das Gras abrasierte. Die Vorstellung war zu lustig. Ich war die einzige Patientin, die hier saß. Niemand störte meine Ruhe. Ich klammerte mich an mein Stück Papier, auf dem der Traum stand. Schließlich öffnete sich die Tür und die Brille und die kurzgeschnittenen blonden Haare von Frau Dr. Wagner zeigten sich. Sie mußte ungefähr Mitte fünfzig sein und war flach wie ein Brett, wie ich unter dem weißen Arztkittel erahnen konnte. Ihre herrische laute Stimme schrie so, als ob ein Chef seine Sekretärin zum Diktat bat: "?Frau Kunstmann. Sie sind an der Reihe!" Ich folgte ihrem männlichen Gang in das Besprechungszimmer. Ich setzte mich ihr gegenüber. Zwischen uns stand der große Schreibtisch und ich blickte in ihre kalten blauen Augen hinter den Brillengläsern. "Und haben Sie viel geträumt?" fragte ihre Diktatorstimme. Ich kam mir vor wie ein kleines mieses verkohltes Würstchen, als ich ihr das Blatt über den imposanten Schreibtisch reichte. Auf dem Papier stand, daß ich mich im Ostblock in einem Hotel befand, wo ich am Morgen zum Frühstück nur ein Bonbon ergattern konnte, das beschissen schmeckte. Frau Wagner rückte sich die Brille zurecht und las die 10 getippten Zeilen. Als sie fertiggelesen hatte, sagte sie mit verschwörerischer Stimmer: "Wissen Sie, was Essen im Traum bedeutet?" Ich zuckte arglos die Schultern. "Essen im Traum bedeutet immer Sexualität. Und wenn sie nur ein schlecht schmeckendes Bonbon bekommen haben, dann heißt das, daß sie kein befriedigendes Sexualleben führen." Ich biß mir auf die Lippen. Schließlich hatte ich mir geschworen, nichts von Prof. Hahn zu erzählen. Dr. Wagner analysierte, wie sie mir gesagt hatte, streng nach Freud und ich begann mich zu fragen, ob ich hier an der richtigen Stelle gelandet war. Vielleicht wäre ein Jungianer besser für mich gewesen. Aber da Prof. Hahn sie mir empfohlen hatte, beschloß ich mich da durchzubeißen. Irgendetwas mußte doch an Frau Dr. Wagner dran sein. Sie konnte doch nicht ganz so übel sein.


(wird fortgesetzt)