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Thema: Der Meteoriteneinschlag

  1. #1
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    Post Der Meteoriteneinschlag

    Ich war mir sicher. Eines Tages würde ich am Inhalt einer vergifteten Thunfischdose sterben. Ich aß jeden Abend aus einer dieser kleinen blauen Dosen der Firma Saupiquet, um nicht fett zu werden. Zuerst würde eines meiner Beine schwarz anlaufen und einmal ins Krankenhaus verfrachtet, würde der Oberarzt zu mir sagen, daß das Bein bis zur Hüfte amputiert werden müsse. Die Amputation würde mein Leben nicht retten und ich würde einen qualvollen Tod sterben, wie man ihn aus Romanen kennt. Manchmal stellte ich mir auch vor, ich könnte von der Golden Gate Bridge springen. Beim Aufprall aus solch einer Höhe würde ich bestimmt schon tot sein und nicht mehr merken, wie mich die Haie in der Bay zerfleischten. Oder ich würde einfach in die USA reisen mit einem One-Way-Ticket, mir eine Pistole kaufen und mich in einem billigen Hotelzimmer erschießen. Ich war schlichtweg sauer auf die Pharmaindustrie, daß sie keine Schlafpillen mehr produzierte, die einen töten konnten. So mußte ich mir allerlei Heldentote erdenken, die nur in meiner Fantasie blühten und niemals wahr werden würden. Die Fischdosen waren ein Halt. Irgendwann würde doch eine dabei sein, die mir den Tod schenkte. Thunfischfilets in Öl waren meine Bestimmung.


    Ich befand mich im Auto und fuhr zu meiner Eule. Die Abendsonne sendete ihre letzten Strahlen herab. Meine Finger suchten nach der Sonnenbrille. Ich fand sie schließlich in meinem kleinen Ablagefach. Wie ich dieses Auto haßte dafür, daß es so wenig Ablagefläche bot. In jenem Fach sammelte sich alles mögliche. Kaugummis, Feuerzeuge, leere Bonbonpapiere und Haargummis. Einmal hatte mir jemand gesagt, daß das Auto nach Penatencreme rieche. Ich fand schließlich die Sonnenbrille und setzte sie auf. Der Kaugummi auf meinem Nasenbein kam gar nicht gut. Als ich in die Kurve fuhr, hätte ich fast eine Dame mit Louis Vuitton-Täschchen und spitzen Schuhen mit steilen Absätzen überfahren. Als ich an ihr vorüberfuhr und in ihr entrüstetes Gesicht starrte, dachte ich, daß es doch sehr schade war, daß ich sie nicht überfahren hatte. Diese Damen flößten mir Abscheu ein. Ich trug nur klobige Schuhe. Manchmal auch Springerstiefel. Ich legte die Sonnebrille in das Ablagefach zurück mit dem Gedanken, daß der Kaugummi doch zu eklig war. Meine Gedanken gingen zur Eule. Ich hatte meine Träume brav abgetippt. Irgendwas mußte doch dabei sein, was auf meine Unzulänglichkeit hätte schließen lassen können. Ich hatte meinem einzigen Freund, Andre erzählt, daß es plötzlich Plopp gemacht hätte. Vielleicht hätte ich einer Freundin erzählt, was passiert war. Aber damals gab es nur diesen Freund, der sich Kleider von mir lieh und seinen Penis hochband, wenn er sich mit mir im Freibad traf. Es hatte nicht einfach nur Plopp gemacht, viel mehr der Einschlag eines Meteoriten hatte meinen Kopf versengt. Flammen wollten meinen Gehirn zerfressen. Ich hatte mich dagegen gewehrt und war wieder aufgestanden. Aber an jenem Tag war mir klar geworden, ich mußte einen Psychiater, meine Eule aufsuchen. Der Witz war, ich hatte die Eule empfohlen bekommen von meiner Dozentin. Ich liebte Frau Prof. Hahn, wie ich damals als Kind Tante Myriam geliebt hatte. Tante Myriam hatte ein totes Bein und ich schaute immer mitleidvoll darauf. Wenn sich Frau Prof. Hahn mit dem Rücken zur Kunstklasse umdrehte und das Tuscheln begann, sammelte sich ein dicker fetter Kloß in meinem Magen, gleich einer Bleikugel. Es war, als ob in meinem Bauch jemand Bowling spielte. Und immer knallte die verhaßte Kugel gegen meine Magenwand. Einmal in einem Traum stand Prof. Dr. Hahn über mir und ich konnte direkt in ihre Scham schauen. Ich guckte in dieses unendliche Loch und als ich erwachte, dachte ich, daß das mein eigenes Ungetüm war, das da in mir tobte. Ich fragte mich immer, was ich von Frau Prof. Hahn wollte. Einen One-Night-Stand? Eine feste Beziehung? Ich überragte sie um 10 Zentimeter und sie war nicht gerade das, was man attraktiv nennt. Ich hätte auch einen laut heulenden kleinen Hund lieben können. Es wäre das gleiche gewesen. Jedenfalls, ich hatte mir fest vorgenommen meiner Eule, nichts von meinen Abarten zu erzählen.


    Die Eule hatte ihre Praxis direkt über den Dächern Stuttgarts mit einer phantastischen Aussicht auf den Kessel. Ich saß im Wartezimmer und blickte in den angelegten Garten mit dem kurzgeschorenen Rasen. Ich stellte mir vor, wie die Eule nach getaner Arbeit abends mit dem Rasenmäher das Gras abrasierte. Die Vorstellung war zu lustig. Ich war die einzige Patientin, die hier saß. Niemand störte meine Ruhe. Ich klammerte mich an mein Stück Papier, auf dem der Traum stand. Schließlich öffnete sich die Tür und die Brille und die kurzgeschnittenen blonden Haare von Frau Dr. Wagner zeigten sich. Sie mußte ungefähr Mitte fünfzig sein und war flach wie ein Brett, wie ich unter dem weißen Arztkittel erahnen konnte. Ihre herrische laute Stimme schrie so, als ob ein Chef seine Sekretärin zum Diktat bat: "?Frau Kunstmann. Sie sind an der Reihe!" Ich folgte ihrem männlichen Gang in das Besprechungszimmer. Ich setzte mich ihr gegenüber. Zwischen uns stand der große Schreibtisch und ich blickte in ihre kalten blauen Augen hinter den Brillengläsern. "Und haben Sie viel geträumt?" fragte ihre Diktatorstimme. Ich kam mir vor wie ein kleines mieses verkohltes Würstchen, als ich ihr das Blatt über den imposanten Schreibtisch reichte. Auf dem Papier stand, daß ich mich im Ostblock in einem Hotel befand, wo ich am Morgen zum Frühstück nur ein Bonbon ergattern konnte, das beschissen schmeckte. Frau Wagner rückte sich die Brille zurecht und las die 10 getippten Zeilen. Als sie fertiggelesen hatte, sagte sie mit verschwörerischer Stimmer: "Wissen Sie, was Essen im Traum bedeutet?" Ich zuckte arglos die Schultern. "Essen im Traum bedeutet immer Sexualität. Und wenn sie nur ein schlecht schmeckendes Bonbon bekommen haben, dann heißt das, daß sie kein befriedigendes Sexualleben führen." Ich biß mir auf die Lippen. Schließlich hatte ich mir geschworen, nichts von Prof. Hahn zu erzählen. Dr. Wagner analysierte, wie sie mir gesagt hatte, streng nach Freud und ich begann mich zu fragen, ob ich hier an der richtigen Stelle gelandet war. Vielleicht wäre ein Jungianer besser für mich gewesen. Aber da Prof. Hahn sie mir empfohlen hatte, beschloß ich mich da durchzubeißen. Irgendetwas mußte doch an Frau Dr. Wagner dran sein. Sie konnte doch nicht ganz so übel sein.


    (wird fortgesetzt)

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Liebe Patina,


    ich verliere mich in unwichtigen Kleinigkeiten, Kaugummi an der Brille, Springerstiefel usw., doch meine wesentlichen Fragen bleiben unbeantwortet. Warum liebt sie Dr. Hahn, warum Tante Myriam, warum ist der Freund ein Freund, warum der einzige? Eulen tragen keine Kittel!


    Lieben Gruß von
    Trist

  3. #3
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    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Hallo Trist,
    das kommt alles noch. Bin ja noch am Anfang. Bitte etwas Geduld.
    lg Patina

  4. #4
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Diese Energie ist es, auf die Du bei der Gestaltung dieser Idee setzen solltest. kriminelle Energie, wenn sie auch zur Selbstzerstörung führt, wird gern benutzt, aber nur als vorübergehendes Mittel.


    Ich denke, Du könntest sie zum Kern Deiner Geschichte machen: Wie weit kann der Hang zur Selbstzerstörung führen? Wie denken und fühlen Menschen, die zwischen sich und anderen nicht unterscheiden, wenn es ums Ausleben ihrer Komplexe geht?

  5. #5
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    Post AW: Der Meteoriteneinschlag

    Hier noch ein Stück....


    "Was beißen Sie da auf Ihren Lippen herum? Erörtern Sie mir jetzt endlich Ihr Problem?" Ich ruderte wie ein Fisch unter Wasser, um langsam an die Oberfläche aufzutauchen. Dann schaute ich in ihre fiese Fresse.
    "Wissen Sie, ich hatte auch schon verdammt guten Sex. Leider war er verheiratet. Vielleicht war es auch deswegen umso besser."
    Frau Dr. Wagner wurde ernst, legte ihren Kuli zur Seite und fragte:
    "Beschreiben Sie mir diesen Mann genauer."
    "Er hatte schwarzes Haar, einen Schnauzer und war zwanzig Jahre älter als ich."
    "Zwanzig Jahre?" Die Eule kippte fast von ihrem Sessel.
    Ich ließ mich nicht beirren und fuhr fort:
    "Ich habe ihn damals, als ich 25 Jahre alt war, an meiner Arbeitsstelle kennengelernt. Ich lernte in einem großen Verlag Werbekauffrau."
    "Welcher Verlag?"
    "Das steht hier nicht zur Diskussion. Und das sollte Sie auch nicht interessieren, als mein Therapeut."
    Die Eule schnappte in der Luft nach dieser Bemerkung.
    "Ich hatte eine Miniwohnung, in der er mich regelmäßig immer nur für eine Stunde besuchte. Nach dem Sex hat er sich regelmäßig seine Hände mit Niveacreme eingeschmiert. Seine Frau sollte nichts riechen. Er hatte mir strengstens verboten, Parfüm zu tragen. Vielleicht kam der Sex auch doch nicht ganz so gut. Ich habe ihm immer nur sein Ding gelutscht. Danach raste ich mit meinem Fahrrad herum mit dem Walkman auf dem Kopf und hörte "What a feeling."
    "Hat das Ihnen Spaß gemacht? Ich meine, sein Ding zu lutschen."
    "Irgendwie schon, aber ich kam mir damals etwas erniedrigt vor. War schon etwas unbefriedigend. Schließlich sah er auch fast aus wie ein Zuhälter mit seinem fetten Goldring an der linken Hand."
    "Hatten Sie jemals einen Orgasmus, während Sie Sex hatten?"
    Ich mußte stark in meiner Erinnerung kramen und stieß dann stotternd hervor, es sei immer auto, ja autoerotisch gewesen. Am liebsten hätte ich mir jetzt eine Zigarette angezündet. Aber die Eule hatte, wie sie mir vor kurzem gestanden hatte, das Rauchen aufgehört. Ich schaute nur diesen Aschenbecher an auf ihrem Schreibtisch, in dem sich eine Zigarette befand, die noch die Reste des rosanen Lippenstifts der Eule trug. Ich wagte nicht zu fragen, ob ich rauchen durfte und schlug die Beine mit einer vehementen Bewegung übereinander, während ich meine rechte Hand, mit der ich normalerweise rauchte, unter dem rechten Schenkel begrub.
    "Was sitzen Sie so verklemmt da? Meinen Sie, daß mich dies schockt? Ich habe schon viel mehr erlebt. Soll ich Ihnen eine Spritze in den Hintern jagen, um Sie ruhig zu stellen?"
    "Wissen Sie was? Sie würgen mich ab! Sie sind eine Schlange. Sind Sie sicher, daß wir unsere Arbeit fortsetzen sollten?"
    "Es ist nicht meine Arbeit, es ist Ihre Arbeit."
    "Ich dachte immer, zwischen Therapeut und Patient findet etwas gemeinsames statt."
    "Ich lasse mich da nicht hineinziehen. Ihre Probleme sind Ihre Probleme. Ich kann sie analysieren. Aber ich werde sie nicht zu meinen Problemen machen."
    Meine Beine schwankten leicht, als ich entrüstet aufstand. Dr. Wagner fragte, ob sie mich wiedersehen würde. Ich sagte leicht von oben herab - ich hätte auf ihren kurzgeschorenen Kopf spucken können - ob sie das tatsächlich wolle.
    "Wissen Sie, Sie haben da einen schönen Pulli an."
    Ich kotzte auf diese Bemerkung und ließ mir bei der Sprechstundenhilfe den nächsten Termin geben. Die Krankenkasse würde den ganzen Spaß bezahlen. Was gab es mehr? Frau Dr. Wagner war mein Versuchskaninchen, nicht ich das von ihr. Ich würde sie solange reizen, bis sie genauso krank werden würde wie ich. Wahrscheinlich war ich therapieunfähig. Ich habe es später noch einmal bei einem Mann versucht. Dort drehte ich auch die Rollen um.


    Ich setzte mich mit einem leicht hämischen Grinsen ins Auto, nahm die Sonnenbrille und sah, daß an ihr immer noch der Kaugummi klebte. Ich würde die Brille nicht mehr brauchen. Der Abend war angebrochen. Ich flog einer Feuersbrunst entegen. Mein Magen hüpfte in Vorfreude auf die Thunfischdose. Als ich daheim ankam, stellte ich mich zuerst auf die Waage. Da sie zufriedenstellend ausschlug, fraß ich den Inhalt der Dose im Stehen, abgestützt auf das Sideboard in der Küche über der Spüle. Ich mußte ständig denken: Essen im Traum bedeutet immer Sexualität. Ich würgte. Der Fisch erschien mir noch trockener als sonst. Fast hätte ich mich erbrochen. Es war so, als ob ich mir meine Zahnbürste zu tief ins Maul gesteckt hatte, um an die hinteren Zähne dranzukommen. An jenem Abend beschloß ich, mir eine Zahnbürste mit Kurzkopf zu kaufen. Danach ließ ich fünfmal die gleiche CD laufen. Randy Crawford. Dazu hing ich in meinen Gedanken an Professor Hahn. Wahrscheinlich habe ichs mir auch noch gemacht. Ich weiß es nicht mehr.


    Das Schulgebäude lag in einem weitläufigen Park. Als ich es betrat, senkte sich unwillkürlich diese Krankenhausluft auf mich herab. Weite tote Gänge, aus denen sich hier und da ein schlurfender Student erhob. Meine Springerstiefel klackten auf dem Linoleumboden, als ich in Richtung Klassenzimmer steuerte. Ich sah Professor Hahn schon von weitem. Sie hatte ihre dünnen langen Haare knallrot gefärbt. Meine Schritte wurden etwas verhaltener. Mir fehlte der Atem, mit dem ich sonst immer durch die Gänge fegte. Jetzt konnte ich ihre Brille sehen. Diese Professorenbrille mit dem dicken schwarzen Gestell. Sie trug wie immer ihren Minirock, darüber ein schwarzes Jacket. Für meinen Geschmack hatte sie einen etwas zu breiten Hintern, aber vielleicht erinnerte mich ja gerade jener an das Hinterteil meiner Mutter. Mein Po war dagegen fast nicht zu sehen. Sie kam direkt auf mich zu und als wir stehenblieben, verwickelte sie mich in ein Gespräch über das bevorstehende Semester.
    "Frau Wolf, haben Sie schon ein Thema?" posaunte sie in ihrer Berliner Schnauze.
    "Ich, ähh, ja überlege mir, ein Frauenthema zu wählen."
    "Wissen Sie schon genaueres?"
    "Vielleicht wird es die Kunst und das Abjekte. Ich dachte, ich könnte Eva Hesse mit Joseph Beuys vergleichen."
    Sie lachte. Wenn sich ihr Mund zu diesem breiten Grinsen verzog, sah es immer so aus, als ob ihr das Lachen im Mund festgefror. Sie lachte immer über meine Arbeiten. Das gefiel mir. Und wenn ich einen Lacher hatte, war ich auf der sicheren Seite. Sie klopfte mir auf die Schulter und sagte, daß sie weitermüsse in ihr Zimmer.


    Als sich alle versammelt hatten, trat Professor Hahn in die Klasse. Neben mir zischte Thomas:
    "Ich verwette meinen Kopf darauf, sie ist eine Lesbe."
    Mein Kopf glühte wegen der Bemerkung. Trotzdem versuchte ich mich darauf zu konzentrieren, was Professor Hahn sagte. Sie schwallte etwas davon, daß sie in diesem Jahr strengere Seiten aufziehen wolle. Diesen Satz sagte sie mit ihrem breitesten Grinsen. Thomas raunte zu seinem Nachbarn:
    "Habt ihr dieses fiese Grinsen gesehen? Ich glaube, sie ist nicht ganz bei Trost. Der ist doch das Lachen im Mund festgepappt."
    Dann begann, Professor Hahn in die Runde zu fragen, ob wir uns schon ein Thema gesucht hätten. Als ich an die Reihe kam, mein Thema zu erläutern, lief ich rot an wie der vergiftete Apfel in Schneewittchen. Ich stotterte herum. Es war mir doch zu peinlich vor der Klasse mein Frauenthema zu erörtern. Deshalb sagte ich nur, daß ich Eva Hesse mit Joseph Beuys vergleichen wollte.
    Danach war Pause und ich verzog mich in die Cafeteria, um mir ein belegtes Brötchen zu ergattern. Wie immer hatte ich nichts gefrühstückt. Das letzte, was ich gegessen hatte war der Thunfisch gestern abend. Gerade als ich in meinen Wurstsemmel biß, sah ich im Augenwinkel, wie Professor Hahn sich eine Handvoll Erdnüsse in den Mund stopfte. Ich dachte nur, daß davon ihr Hintern auch nicht besser werden würde. Ich ließ meinen Ring zwischen dem Mittelknochen und dem Ende des Fingers hin- und herpendeln. Jedesmal, wenn mir dies gelang, hatte ich ein zufriedenstellendes Gewicht. Ich grinste innerlich. Eigentlich konnte mir doch Professor Hahn ziemlich egal sein, solange ich schlanker war als sie. Um mich noch richtig zu bestätigen, ging ins Schulklo und betrachtete mein Gesicht. Unter den kurzgeschorenen platinblond gefärbten Haaren lachte mir ein dunkelbraunes schmales Gesicht entgegen. Warum haßte ich Professor Hahn nicht, da sie so eine blasse Haut und einen dicken Hintern hatte?

  6. #6
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    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Ja, ich war ungeduldig, liebe Patina. Nun lese ich gerne weiter und bin gespannt worauf das Ganze hinaus läuft. Hast mich an der Angel, das gelang dir bisher noch nicht.

    Lieben Gruß von
    Trist

  7. #7
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    Post AW: Der Meteoriteneinschlag

    Hallo liebe Trist,
    schön, daß es mir gelungen ist, dich an der Angel zu halten.
    Was meinst, soll ich meinen Abschied in den Müll kippen und nur hier dran weiterschreiben?
    Mit dem Abschied habe ich noch einen Haufen Arbeit, sodaß dieser Text zuerst einmal ein Weilchen ruhen müßte.
    Bitte sag mir ehrlich deine Meinung.


    Ganz liebe Grüße von Patina

    Hier noch ein Stückchen. Hoffe der Selbstzerstörungsfaktor ist noch drin. Vielleicht könnte Robert ein wenig Textarbeit wagen. Der Abschied ist vorbei. Ist nun in den Händen von Mr. Jones in einem Geheimforum. Vielleicht bekommt ihr hin und wieder ein Häppchen davon serviert.

    Meine Mutter verfrachtete mich oft zu Tante Myriam und Oma. Jedesmal, wenn sie genervt von mir war, mußte ich in das kleine Häuschen im Henkersgraben. Oma und Tante Myriam hatten die winzige Wohnung bezogen, nachdem sie jahrelang in einem Lager gelebt hatten. Trotz des Lagerlebens war die Wohnung sauber und aufgeräumt. Meine Oma bezog stets den Tisch mit einem weißen Leinentuch, so als ob sie einer Leiche das letzte Bett schenkte. Wenn ich auf dem noppigen hell gepolsterten Sofa saß, schaute ich zuerst nach hinten und begutachtete das kleine Foto von mir, wie ich als dürrer Hänftling am Meer in einem türkisgrünen Badeanzug gekleidet in den Wellen stand. Der Rahmen war mit Perlen bestückt. Tante Myriam und Oma hatten in ihrem Leben niemals das Meer gesehen. Das fand ich schade. Dann ging mein Blick zu dem wackligen Schallplattenspieler. Dort daneben hatte Tante Myriam die schönsten Singles verborgen. Ich kannte sie auswendig. Zuerst bat ich Tante Myriam, Nana Mouskouri aufzulegen. Tante Myriam humpelte heran und legte die Platte auf den Teller und setzte den Tonarm auf. Ich nahm derweil das ausgefranste Cover der Single in die Hand und begutachtete Nana Mouskouri. Das Porzellangesicht hinter der dicken schwarzen Brille trat mir entgegen. Und dann schmetterte Nana Mouskouri in ihrer durchdringenden Stimme: "Weiße Rosen aus Athen." Ich lauschte und war ergriffen von soviel Pathos, das in ihrer Stimme lag. Danach folgte das übliche Programm. Mireille Matthieu mit ihrem deutsch-französischem Akzent, Abba und Cindy und Bert, manchmal auch Udo Jürgens. Den fand ich nicht mehr so spannend. Männer lagen mir von Anfang nicht richtig. Ich fand nur Tante Myriam gut, obwohl sie humpelte und dieses Ungetüm von Schiene tragen mußte. Tante Myriam war dünn. So dünn, daß meine Mutter sie haßte. Wenn ich heute die beiden Gesichter in einer Computercollage nebeneinanderlegen würde, würde das Gesicht meiner Mutter zu einer Kugel anschwellen, während Tante Myriam nur als leichter tonloser Schatten der Unterwelt hervortreten würde. Tante Myriam sagte immer, sie dürfe nicht dick werden, da sie sonst das Gewicht auf der Schiene nicht mehr tragen könne. Deshalb aß sie vornehm wenig wie ein Spatz.

    Wenn Tante Myriam in ihr kleines Räumchen ging, um ihren Mittagsschlaf zu halten, folgte ich ihr und beobachtete aufmerksam, wie sie ihre Schiene aufband. Ich war jedesmal erschreckt darüber, wieviele Scharniere, Bänder und Knöpfe sie öffnen mußte, bis endlich das tote dünne Beinchen erschien. Es war leblos wie ein toter weißer Haifisch. Sie mußte immer beide Hände benützen, um das Bein auf das Bett zu hieven. Und dann lag es da, so weiß wie das Bett. Ein nutzloser Klumpen Fleisch. Manchmal fragte ich mich, ob in jenem Körperstück noch Blut floß, da es so hell war. Am liebsten hätte ich eine Nadel in die Hand genommen, hätte in das Bein gepiekst, um zu testen, ob dort Blut kam. Natürlich tat ich das nicht. Ich war ein überaus anständiges ruhiges Kind. Tante Myriam legte sich dann hin und las in einem kitschigen Liebesroman. Ich fragte mich immer, warum sie Liebesromane las, da ich nie in ihrem Leben einen Mann gesehen hatte. Wenn ich meine Mutter darauf ansprach, warum Tante Myriam keinen Mann hatte, sagte sie stets, daß das wegen ihres Beines sei. Dabei war Tante Myriam schön, so schön, daß ich mir gewünscht hätte, sie wäre meine Mutter.

    Bis Tante Myriam wieder aufstand mußte ich mich gedulden. Des öfteren holte Oma die Knopfsammlung hervor. Ich kippte den Inhalt der goldenen Dose mit den Verzierungen auf einmal auf die Tischdecke und begann in dem Meer der Knöpfe zu wühlen, als ob ich einen Schatz in den Händen hielte. Ein Knopf war farbenprächtiger als der andere. Die perlmuttfarbenen leuchteten, wenn man sie gegen das Licht hielt. Es gab winzigkleine und riesengroße. Wenn ich die dicken fetten aufnahm, malte ich mir aus, es sei ein Fünfmarkstück. Die kleinen zierlichen flutschten zwischen meinen ungeschickten Fingern davon. Und Oma wußte zu jedem Knopf eine neue Geschichte. An welcher Bluse, an welchem Kostüm er gehangen hatte. Ich war mir damals sicher. Oma würde, wenn ich groß wäre, die Geschichte des Knopfs schreiben. Leider hat sie es nie getan.

  8. #8
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    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Hhhmmmmmh, weiß nicht, fing irgendwie gut an, um nun nur das übliche Ichbinaußergewöhnlichweilichaußergewöhnlichese rlebt. Dabei hat jede Tussi son Koffer im Schrank


    Liebste Angestaubte, ich empfehle Dir den Thunfisch mit ein paar Tropfen von einer reifen Limone, bestem Olivenöl und frisch gemörsertem Pfeffer. Vielleicht hilft's.

  9. #9
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Die Anfänge der Geschichte fand ich sehr, sehr interessant geschrieben, im letzten Teil läßt du nach. Schade.


    Ich frage mich schon länger, führt Mangelernährung in die Psychose, oder iss sie nur ein Symptom dafür!?


    Mein Vorredner vergaß- d.h., setzte wohl als selbstverständlich vorraus: frischen, tiefroten Nichtdosenthun. Wenn möglich roh.

  10. #10
    rodbertus
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    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Das ist das Argument von allen Dickbäuchen, Peter.
    Ich las von einer Frau, die sich nur von Tee ernährt. Wahrscheinlich ist sie psychotisch. Und früher gab's Wasser und Brot. Nix mehr. Auch keine Psychosen, vielleicht ausfallende Zähne und Haare, aber keine Psychosen.

    Ich glaube, daß der Körper sich aus dem Zugeführten das nimmt, was er eben braucht. Zur Umwandlung in Lebensenergie. Bei normaler Ernährung, also eben dem, was einem schmeckt. Dieses bewußte Ernähren ist wohl Kokolores, ein Märchen, das man Kindern erzählt, um sie ruhig zu halten. Aber ich stimme Dir insofern zu, als daß wir mit dem "Woyzeck" eine literarische Figur haben, in der Beschränkung auf ein Nahrungsmittel böse Folgen hatte.

    Essen und Psychosen. Was für ein Thema! Maultiere und ihre Ausdünstungen. Fliegen und ihr Hang, Ellipsen zu fliegen. Das Balzverhalten von Rentieren in ihrem Sachbezug zum Blattfall um 1923. Ich kenn da noch mehr.

  11. #11
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    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Ja, der letzte Teil ist noch am argen. Den werde ich vielleicht weglassen und woanders weiterschreiben. Mal sehen, wohin es mich trägt.


    Thunfisch schmeckt übrigens auch noch ganz gut mit Kapern, Radicchio und weißen Bohnen (auch aus der Dose, aber es müssen die ganz großen dicken sein.) Dazu ein Essig-Öl-Sößchen.

  12. #12
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Liebe Patina,


    schön, dass du in Sachen Abschied eine Entscheidung getroffen hast. Ich hätte dir eh nicht raten können.


    Dieser dritte Teil hat gute Stellen, die an die Stimmung der ersten beiden anknüpfen können. Die Überlegung, ob sie in das Bein der Tante stechen soll, zum Beispiel. Grundsätzlich ist er jedoch in einer anderen Stimmung geschrieben, die mir nicht mehr so behagt, weil sie abweicht und damit unstimmig wird. Du schlüpfst hier in die Kinderrolle. Bleib die junge Frau. Auch sprachlich. Inhaltlich sowieso.


    Lieben Gruß von
    Trist




    [Diese Nachricht wurde von Trist am 26. Januar 2003 editiert.]

  13. #13
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    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Liebe Trist,
    deine Anmerkungen sind goldwert. Ich werde das ganze in ein Gespräch mit der Eule verknüpfen, damit es so komisch wirkt wie zuvor. Vielleicht können die Dinge so ihren Verlauf nehmen. Mal sehen, was daraus wird.


    In puncto Abschied habe ich noch keine Entscheidung getroffen. Mr. Jones hat versprochen, das Ganze mit mir zusammen zu überarbeiten. Vielleicht wird ja doch noch ein Goldstück daraus. Wer weiß? Man muß eben viel arbeiten.


    Demnächst geht's weiter. Weiß bloß noch nicht, wann ich die Zeit dafür habe.


    lg Patina

  14. #14
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    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Soso, unsere Ernährung hat keinen Einfluss auf unser Befinden, auf unser Fühlen, unser Denken ... Herr Robert, in welchem Jahrhundert leben Sie?
    http://www.dr-kroiss.at/Depression.htm


    Patina: Sie sollten diesen Text unbedingt weiterschreiben - und sei es nur als eine Form von Therapie.

  15. #15
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    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Robert in Bezug auf Ernährung anzusprechen ist genauso wie einem Totengräber die Wiederbelebung zu lehren. Für ihn tut es ein Wochen alter, in leichter Verwesung befindlicher Bötel, wenn jener nur begleitet von reichlich Spülung mit Gerstensaft.
    Ihn allerdings zu fragen, in welchem Jahrhundert er lebt, ist völliger Schafscheiß! Dem Geist und Körper zuträgliche Nahrung hat es schon immer gegeben für die jenigen Jünger, welche verständigen und geschmackigen Gaumens.
    Soll aber auch eine Frage der Gene sein. Und einem Robert, dem das Gen gegeben, feste Manifeste zu verfassen, muß es einfach an einem anderen mangeln.

    Entschuldige, Angestaubte, wegen meiner Ehrenrettung unseres Genies. Tu Du aber schön schreiben, so wie zum Anfang dieser Geschichte, denn das war endlich mal gut. Kriegst auch von mir ein Gutti, irgendwann zur Birnbaumblüte.

  16. #16
    rodbertus
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    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Mir ist kein geistreicher Mensch bekannt, der sich nach heutigem Ermessen gesund ernährte, wohl aber weiß ich, daß Schiller faule Äpfel aß, Jean Paul Unmengen an Bier trank (wie überhaupt beinahe jeder große Dichter Alkoholiker war), Joyce nichts über sein Stew kommen ließ, Magdeburgs Guericke und Telemann nichts lieber aßen als faules, gepökeltes Fleisch (Bötel). Im Gegensatz dazu kenne ich eine ganze Menge junger Leute, die kein Fleisch essen, aber dafür mit allerlei Krankheiten gezeichnet sind - vor allem Haut- und Knochenkrankheiten -, von ihren eingefallenen Gesichtern ganz zu schweigen.
    Woran liegt's? An der Verleugnung ihrer Natur. Nichts ist für den Menschen gesünder als seiner Natur gemäß zu leben und zu essen; nichts ist ungesünder, als sich über den Verstand zu Kasteiungen zu zwingen und sich dann auch noch im Laufe der Jahre einzureden, daß dies okay sei.
    Wohlgemerkt, nur so. Wenn aber jemand Ekel angesichts von faulem Obst hat oder auch einen gut eingesalznes Stück Schweinearsch nicht essen möchte, so ist das immer noch seine Sache. (Ich mag beispielsweise keine Süßwasserfische.) Mir gehen diese Idioten auf den Geist, die das Rauchen und Fleischessen beinahe zu Verbrechen machen, dagegen in moralischen Dingen eine gepflegte Indifferenz an den Tag legen, die mir sehr zuwider ist.


    Nehmt alles nur in allem - ich bin ein Epikureer.


    Aber über den Text habe ich damit noch gar nichts gesagt.

  17. #17
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    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Hallo allerleirau,
    danke für die Aufmunterung. Ich werde weiterschreiben. Fragt sich bloß, wann. Bin gerade noch in anderen Projekten verbuddelt.


    Hallo Hannemännchen,
    ja ich werde den letzten Absatz streichen und ihn anders verpacken irgendwann im Fortlauf der Geschichte.


    Hallo Robert,
    vielleicht könntest du auch einmal einen Standpunkt erörtern.


    lg Patina

  18. #18
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Vielleicht sollten wir die Sekundärdiskuusionen lieber im "Spruchreif" führen!?

  19. #19
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    Post AW: Der Meteoriteneinschlag

    Hab noch ein Stückchen weitergeschrieben...


    Gegen abend saß ich vor dem Rechner und stopfte mir meinen Thunfisch rein, immer mit dem Blick auf den Bildschirm. Einmal rammte ich mir die Gabel in die Wange. Welch garstiger Thunfisch! Gerade heute, wo ich mir den Luxus eines Tellers geleistet hatte. Plötzlich ging die Türklingel. Ich wurde panisch. Niemand durfte wissen, daß ich den Thunfisch massenweise in mich hineinfraß. Ich nahm den Aschenbecher und setzte ihn auf den leeren Teller. Darüber legte ich balancierend das Feuerzeug. Als ich aufstand segelte das Feuerzeug in das Thunfischöl. Langsam weiter balancierend ging ich zur Spüle. Ich stellte den Teller ab, fischte das Feuerzeug aus dem Öl und schleckte es ab. Hastig räumte ich den Teller in die Spülmaschine. Dann öffnete ich die Tür. Andre drückte sich im Türrahmen herum.
    "Darf ich reinkommen oder störe ich?"
    Nachdem die Thunfischreste beseitigt waren, konnte ich ihm eine Antwort geben.
    "Na klar, komm rein. Was hast du denn da für eine dicke Tasche dabei?"
    Er wand sich ein wenig.
    "Ist zum Verkleiden. Ich dachte, wir könnten heute ins Freibad gehen."
    "Was ist denn da drin?"
    "Zeig ich dir später."
    Er setzte sich mit einem Plumps auf den Küchenstuhl.
    "Hast du was zu trinken?"
    "Ich hätte einen Weißwein und einen Rotwein. Was ist dir lieber?"
    "Heute brauche ich was zum aufputschen. Weißwein?"
    Ich öffnete die Flasche und stellte zwei Gläser auf den Tisch. Eine etwas peinliche Stille trat ein. Ich hatte meinen Thunfisch noch nicht verdaut und Andres Verkleidungstasche lockte. Wir nippten bedachtvoll von dem Weißwein. Ich wußte, Andre würde die Stille beenden. Er meinte:
    "Mensch Lissy, hock nicht so verklemmt da. Ist dir eine Maus über die Leber gelaufen?"
    "Ne Maus wahrscheinlich nicht, eher ein Thunfisch. Zeigst du mir jetzt endlich, was du da in deiner Tasche hast?"
    Andre rückte auf seinem Stuhl hin und her. Dann nahm er noch einen Schluck Weißwein.
    "Weißt du, daß ich heute nicht aufs Klo gehen kann?"
    "Hähhh, wieso nicht?"
    "Erzähl ich dir später."
    Er nahm noch einen Schluck. Sein Glas war schon halbleer. Er drehte sich eine Zigarette und zündete sie sich an. Ich nahm mir eine aus meiner Schachtel. Wir schauten uns in die Augen, während wir rauchten. Andres Augen schauten belustigt. Ich bemerkte, daß seine Haare länger waren, als sonst. Um sein schmales Gesicht kringelten sich abartige Locken nach allen Seiten hin. In jenem Moment stellte ich mir vor, wie er wohl aussähe mit Haaren, die über die Schultern fielen.
    "Lissy, bist du noch da?"
    "Ich habe mich dir mit langen Haaren vorgestellt. Vielleicht würdest du mir dann gefallen."
    "Ich habe tatsächlich vor, mir die Haare wachsen zu lassen. Ich habe noch viel mehr vor. Wie wärs? Wir gehen jetzt deinen Kleiderschrank inspizieren."
    Wir standen auf und marschierten in mein Schlafzimmer. Andre riß die Türen des Schranks auf und begann zu wühlen. Er fand zuerst zehnmal die gleiche 501-Cordhose in unterschiedlichen Farben.
    "Fällt dir auch noch was anderes ein, als immer nur die gleiche Cordhose?" fragte er anklagend. Er wühlte weiter und fand das Blümchenkleid, das ich in Kombination mit Springerstiefeln und schwarz gefärbter Bundesjacke trug.
    "Das möchte ich anprobieren."
    "Tu dir keinen Zwang an, probier es."
    "Dreh dich weg. Das darfst du jetzt nicht sehen."
    Ich drehte mich weg.
    Als ich zurückschaute, sah ich die schmalen Schultern von Andre, darüber mein ärmelloses grünes Kleid mit dem weißen Margeritenaufdruck. Zuerst schaute er etwas hillfos in die Gegend. Dann blickte er in den Spiegel. Seine Schultern reckten sich. Wahrscheinlich kam er sich ziemlich gut dabei vor, wie er da in meinem Blümchenkleid stand. Ich schaute auf seine weißen dürren unbehaarten Schenkel in dem Minikleid. Dann sagte ich:
    "Andre, du bist zu dürr. Das Kleid steht dir nicht. Deine Schultern stechen hervor und deine Beine sind zu stacksig."
    "Magst du keine dünnen Frauen?"
    "Aber Andre, du bist ein Mann!"
    "Meinst du nicht, daß an mir eine gute Frau verloren gegangen ist?"
    Ich antwortete nicht und dachte nur, daß ich ein wenig eifersüchtig darauf war, daß er so dünn war.
    Er setzte sich in dem Minikleid wieder zurück an den Küchentisch.
    "Packen wir jetzt endlich deine Tasche aus?"
    "Noch einen Schluck Weißwein." Er trank das Glas in einem hastigen Zug. Dann ging er zu der Tasche. Das erste, was er hervorgrub, war eine schwarze Perücke, ganz in Suffragetenmanier. Sie hatte einen kurzen Pony und die Haare hingen halblang herab, als Andre sie auf seiner Hand balancierte.
    "Soll ich die jetzt aufsetzen?"
    "Ja, aber bitte. Das will ich jetzt sehen."
    "Aber meine Brille stört. Zuerst werde ich mir die Wegwerf-Kontaktlinsen einsetzen."
    Andre verschwand im Bad. Ich rauchte solange, nippte von meinem Weißwein und starrte in die Luft. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis er zurückkehrte. Als er schließlich ankam, tränten ihm die Augen.
    "Vielleicht war die Idee mit den Wegwerf-Kontaktlinsen doch nicht so gut. Die Dinger nerven."
    "Vielleicht mußt du dich zuerst an sie gewöhnen."
    Er setzte sich und goß sich das Glas voll.
    "Ok, ich trinke jetzt einen Schluck und warte ein wenig. Vielleicht wird es ja besser."
    Ich schaute ihm ins Gesicht. Ohne seine Brille kam er mir nackt vor. Wie ein glattrasierter Babypopo. Die tränenden Augen verbesserten sein Gesamtbild auch nicht gerade. Ich fragte mich, welche Frau sich in ihn jemals verlieben würde.
    Seine Augen hörten auf zu tränen. Und dann sagte ich:
    "So, jetzt möchte ich dich mit der Perücke sehen."
    Er stand auf wie ein Automat und verschwand im Bad. Da er ewig nicht herauskam, folgte ich ihm. Er stand vor dem Spiegel und zupfte sich das schwarze Haar zurecht.
    "Dieser Scheiß Pony. Der will nicht richtig sitzen."
    Ich fand, daß er schon ziemlich perfekt aussah. Vielleicht war er die Freundin, die ich mir immer schon gewünscht hatte.
    "Das ist gut so, Andre. Ist perfekt."
    Er zupfte weiter an dem Pony herum.
    "Das wird später sowieso wieder verrutschen. Laß es gut sein."
    "Ok, jetzt leihst du mir noch deinen Badeanzug. Meiner gefällt mir nicht."
    "Du willst meinen Badeanzug?"
    "Na und, was ist schon dabei. Komm rück ihn raus."
    Ich wandelte ins Schlafzimmer wie in einem schlechten Film und zog meinen Badeanzug aus der Schublade.
    "Hier, probier mal."
    "Jetzt mußt du rausgehen, Lissy. Ich präsentier dir das gleich. Einen Moment."
    Ich setzte mich wieder in die Küche und nippte an dem Weißwein. Kurz danach kehrte Andre zurück in meinen Badeanzug gekleidet.
    "Und, gehst du mit mir so ins Freibad?"
    Die Perücke saß perfekt auf seinem Kopf. Ich schaute auf seine Brust. Leichte Wölbungen zeigten sich. Und unten, wo sein Penis sein müßte war nichts.
    "Wo hast du die Brust her und wo ist dein Ding da unten?"
    "Die Brust ist Silicon und das Ding habe ich mir weggebunden. Gehen wir jetzt los?"
    "Ja, gut, das wird ein Spaß. Aber was ist mit deiner Stimme?"
    Er sang eine Tonleiter höher.
    "Ja, Lissy, sogar das kann ich."
    Wir setzten uns in mein Auto. Dazu hörten wir die "Farmer Boys". "Here comes the pain" dröhnte hölzern aus dem winzigen Lautsprecher. Als wir im Freibad ankamen, war schon Stille eingekehrt. Einige Schwimmer zogen ihre Bahnen. Wir setzten uns in die Kneipe am Rand des Pools.
    "Zuerst trinken wir was. Du kannst sowieso nicht schwimmen mit deinem hochgebundenen Ding und deinen Plastikbrüsten."
    "Ich könnte schon, aber das ist die Frage, ob ich das will", piepste er mit seiner angelernten weiblichen Stimme.
    Mir saß jemand anderers als sonst gegenüber. Das war kein Mann. Ich konnte mich schwer an den Anblick gewöhnen.
    "Ja, ja, immer souverän. Aber mal was anderes. Warum hast du eigentlich keine Freundin?" Er überlegte kurz und dann meinte ich, seine Kontaktlinsen stülpten sich ein Stück nach vorn. Ich dachte an einen Frosch, so sahen seine Augen jetzt aus. Er fing sich aber schnell und schlug dann zurück:
    "Die Frage könnte ich dir zurückgeben. Warum hast du keinen Freund?" Er hatte diesmal vergessen in seinen Singsang zu verfallen.
    Ich schluckte kurz und fühlte, daß ich mich aufs Glatteis begangen hatte.
    "Ddddas, das ist ein weiter Feld, ich will es hiermit nicht ausweiten."
    Glücklicherweise kam in jenem Moment der Kellner und wir bestellten zwei weitere Weißwein. Ich zupfte an dem Hacken der häßlichen Plastiktischdecke. Klammerte mich daran fest, als wollte ich ertrinken. Dieser dämliche Hacken war nur dazu da, daß das furchtbare Teil nicht davon entschwand. Ich zog mit einem Ruck. Dann hatte ich den Hacken in der Hand. Der Kellner entschwand und gab die Bestellung auf. Andre bohrte weiter.
    "So jetzt hast du den Haken in der Hand. Jetzt kannst du es mir sagen."
    "Erst, wenn du es sagst."
    "Bei mir gibt es nicht viel. Hatte immer Pech mit den Frauen."
    "Und jetzt, jetzt willst du es bei einem Mann versuchen?"
    "Das habe ich nicht gesagt."
    "Bei wem dann? Meinst du, du findest noch so einen Crossdresser, wie dich?"
    Er lachte. Seine winzigkleinen Zähne zeigten sich. Wahrscheinlich trug er noch die Milchzähne im Gebiß.
    "Nein, kein Mann, ich will eine Frau. Ich habe da auch schon eine im Auge."
    "Kenne ich sie?"
    "Aber nein, aber vielleicht wirst du sie demnächst kennenlernen."
    "Jetzt bin ich aber gespannt. Wie sieht sie aus?"
    Andres Stimme wurde verschwörerisch und er legte den rechten Zeigefinger an die Lippen.
    "Sie sieht aus wie Catherine Deneuve."
    Ich prustete los. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß Andre eine Frau angeln sollte, die wie Catherine Deneuve aussah. Schon gar nicht, deswegen, weil er mir jetzt in Frauenkleidern gegenüber saß.
    "Weiß sie von deinen Verkleidungsspielereien?"
    "Nein, bis jetzt habe ich ihr nichts davon erzählt, aber ich bin mir sicher, sie wird es gut finden."
    "Warum glaubst du das?"
    "Sie ist hochintellektuell und treibt sich wie ich in der Kunstszene herum."
    Der Ober brachte unseren Weißwein und wir tranken in kräftigen Zügen. Der Wein lullte mich ein und das Geplätscher des Pools gaben mir Gelassenheit. Vielleicht sollte ich Andre doch von meinen Gedanken erzählen. Andre forderte mich erneut auf.
    "So, jetzt bist du dran."
    Ich starrte ihm entsetzt ins Gesicht. Dann prustete ich los.
    "Es ist Professor Hahn." Andre kannte sie, weil er mit ihr unter einem Dach wohnte. Professor Hahn hatte damals einem armen Kunststudenten, wie Andre einen Unterschlupf geboten.
    Andre faßte sich an den Kopf. Er kratzte so stark, daß die Perücke verrückte. Als die Perücke völlig schief saß, mußte ich laut lachen. Er schniefte und seine Froschaugen traten wieder hervor. Dann sagte er:
    "Das hättest du mir auch schon länger erzählen können. Dann hätte ich dir auch von meinen Verkleidungsstücken erzählt. Vielleicht bin ich jetzt auch ein wenig beleidigt."
    "Aber du hast mir von Catherine auch nichts erzählt", entgegnete ich.
    "Ok, was willst du von Professor Hahn?"
    "Ich habe keine Ahnung, sie macht mich nur an."
    "Wie macht sie dich an, kannst du dir vorstellen mit ihr zu schlafen?"
    Ich wand mich auf dem windigen Gartenstuhl und wäre fast heruntergefallen, da ich schon etwas angetrunken war, als ich antwortete:
    "Nein, irgendwie nicht, aber sie macht mich irgendwo doch an. Es ist so ein komisches Gefühl in meiner Magengegend, das ich nicht beschreiben kann. Ich weiß nicht, was es ist. Es ist etwas anderes. Ich habe das seither nur einmal erlebt, dieses Gefühl mit einer Frau."
    "Lissy, du siehst müde aus, sollen wir gehen?"
    Ich schaute ihm dankbar ihm die Augen. Ich hatte schon zu viel von mir preisgegeben. Wir zahlten und ich fuhr mein Auto vor meine Wohnung, wo Andres Auto parkte. Als wir ausstiegen, umarmte er mich ganz fest. Ich spürte kein hartes Ding. Und dann erinnerte ich mich:
    "Du warst immer noch nicht auf dem Klo? Schaffst du es bis nach Hause?"
    "Es drückt ein wenig, aber ich schaffe es."
    "Viel Glück mit Catherine."
    Er raunte, als er im Auto war:
    "Mach dir keinen Kopf wegen Professor Hahn und denke an Männer wie mich" Dabei grinste er. Ich wollte ihn noch anhalten, ihm hinterherschreien, aber da war er schon verschwunden.

  20. #20
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Liebe Patina,


    viel zu schwatzhaft, viel zu lang für zu wenig. Rein ins Bad, raus aus dem Bad, wieder rein, wieder raus, nochmal...


    Das Bild auf das es ankommt, ist dann wiederum zu flach geraten: Die Perücke sitzt perfekt, reicht nicht um mir Andre vorzustellen. Die Verwandlung wird zum Gerenne, statt sich bildhaft zu vollziehen.


    Lieben Gruß von
    Trist

  21. #21
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Das ist ja gerade ihr Naturell, Trist. Patina muß schwatzen. Und diese epische Breite, die nichts ausläßt, was ihr gerade in den Sinn kommt, die macht ihre Texte zuweilen amüsant, andererseits aber muß man viel Zeit mitbringen, sich ins Gesagte vertiefen, nicht zu sehr, schließlich will der flatterhafte Geist keine Vertiefung, sondern Bewegung. Und so zerstiebt, was gerade noch entstehen sollte.


    Vor dem Schreiben Plan machen. Dann Überschriften setzen, um sich selbst ein wenig zu zügeln. Das kann helfen. Viele kleine Überschriften, sozusagen Angelpunkte fürs Schreiben.

  22. #22
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    AW: Der Meteoriteneinschlag

    So, ihr habt mich also als schwatzhaft bezeichnet. Aber solange es euch amüsiert, dann ist es doch gut. Das war ja schließlich mein einziges Ziel. Ich wollte mal einen lustigen Text schreiben.


    lg Patina

  23. #23
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Robert, soll Pati etwa wie Du schreiben? Dann lieber schwatzhaft-amüsant

  24. #24
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    AW: Der Meteoriteneinschlag

    Original erstellt von Robert:
    Mir ist kein geistreicher Mensch bekannt, der sich nach heutigem Ermessen gesund ernährte, wohl aber weiß ich, daß Schiller faule Äpfel aß, Jean Paul Unmengen an Bier trank (wie überhaupt beinahe jeder große Dichter Alkoholiker war), Joyce nichts über sein Stew kommen ließ, Magdeburgs Guericke und Telemann nichts lieber aßen als faules, gepökeltes Fleisch (Bötel).

    Nicht zu vergessen La Mettrie, der nach dem Verzehr einer zu großen Trüffelpastete schlichtweg geplatzt ist...

  25. #25
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    AW: Der Meteoriteneinschlag

    fehlt Zitrone, eindeutig..

    unne Knoblauch!!

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