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Thema: 1923

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Ermächtigungsgesetz

    Das Ermächtigungsgesetz wurde erstmals 1923 eingesetzt, um die kommunistischen Erhebungen in Mitteldeutschland und den Hitler-Putsch niederwerfen zu können.

    Nicht Hitler setzte dieses Mittel erstmals ein, sondern Stresemann.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post 1923

    Nachdem die Sozialdemokraten vier Jahre lang das Reich regiert hatten, mußte die sozialdemokratisch dominierte Regierung Wirth 1922 erkennen, daß ihre Politik gescheitert war. Es trat keine Ruhe ein: von außen bedrängten Franzosen, Belgier und Briten das Reich, forderten u.a. eine neue Steuergesetzgebung, die sich den höheren Steuern in den Entente-Staaten anpassen sollte; im Inneren fraß die Inflation die Lebens-Ersparnisse der kleinen Leute, bedrängten rechte und linke Republikfeinde die Weimarer Republik, verlor die einstige Mitte der Gesellschaft ihre Zukunft, die sich auf Mündelpapiere und Lebensleistung der Altvorderen gestützt hatte. Der konservative, aber parteilose Wilhelm Cuno trat im November 1922 an und bildete eine von Sozialdemokraten und Deutschnationalen geduldete bürgerliche Regierung.

    „Mir für meinen Teil würde es weh tun, wenn Deutschland zahlte, dann müßten wir das Rheinland räumen und würden den Nutzen unserer Experimente verlieren, die wir unternehmen, um friedlich, aber mit den Waffen in der Hand, die Bevölkerung am Ufer des Grenzflusses zu erobern. […] Ich für meinen Teil ziehe die Besetzung und Eroberung dem Geldeinstreichen und den Reparationen vor. Daher werden Sie es verstehen, wenn wir eine starke Armee, einen Waffenpatriotismus brauchen, und daß das einzige Mittel, den Versailler Vertrag zu retten, darin besteht, es so zu arrangieren, daß unsere Gegner, die Besiegten, ihn nicht einhalten können.“ (Poincare 1922)

    Am 11. Januar 1923 besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet bis über Dortmund hinaus. Die rechtliche Grundlage dafür bildete die Nichterfüllung des Londoner Zahlungsplanes für das Jahr 1922, etwa 15% der Lieferungen von Holz und Kohle an Belgien und Frankreich wurden nicht aufgebracht. Ein Vorwand.Die deutsche Regierung, erfüllungswillig, reagierte, zog Diplomaten aus Brüssel und Paris ab, gab ihren Beamten vor Ort die Weisung, die Anweisungen der Besatzer nicht zu befolgen, was auch die Lokführer betraf, seinerzeit noch Staatsbeamte. Passiver Widerstand - ein zweischneidiges Schwert. Die zum Nichtstun befohlenen Arbeiter und Beamten wurden vom Reich weiter besoldet, versorgt. Aus dem Ruhrgebiet kamen keine Güter, die hätten verkauft werden können. Die sowieso labile deutsche Währung brach vollends zusammen. Das war einerseits gewollt, denn so entledigte sich das Reich zahlreicher Schulden, andererseits aber wurden Millionen Deutsche, deren Wohlstand sich aufgrund ihrer (Pensionäre) und ihrer Ahnen (Bankguthaben) Lebensleistung aufbaute, in Armut gestoßen, während Spekulanten, Ausländer (mit ihrer harten Währung) und Besitzer von Nahrungsgütern (Bauern) und Immobilien reich wurden. [1] Schließlich war die Mark nichts mehr wert und hatte als Zahlungsmittel ausgedient.
    Der Ruhrkampf sorgte für Solidarität von links bis rechts. Allerdings versuchte auch jede Partei möglichst viel Nutzen aus der Situation zu ziehen und zugleich den innenpolitischen Gegner von der Lösung der Kernproblematik jener Tage - Wie entkommt das Reich den Zwängen der Nachkriegssituation? - fernzuhalten. Die Linken wollten einerseits keine nationale Gefühlserhöhung, hofften aber auf eine proletarische, um die Weltrevolution doch noch ins Reich hereintragen zu können; die Systemparteien wollten Ruhe, um den in Versailles anerkannten Pflichten nachkommen zu können und so ihre Machtstellung in der jungen Republik sichern; die Rechten hofften, daß eben jene nationale Gefühlserhöhung nicht nur die junge Republik wegfegen würde, sondern zugleich das Fanal zur Revanche gegen die ebenfalls zerstrittenen Franzosen und Belgier zu geben.
    Im August nahm die Inflation [2] Fahrt auf. Am Nachmittag andere Preise als am Vormittag. Wer sein Geld am Abend erhielt, mußte sich beeilen, um davon noch Brot kaufen zu können. Wer keine Devisen hatte, verlor alles. Etliche Betriebe konnten nicht mehr kalkulieren. Separatisten griffen, von den Besatzern unterstützt, nach der Macht und riefen die „Rheinische Republik“ aus; ebenso gab es starke Abfallbewegungen in Bayern und der Pfalz. In Mitteldeutschland verbündeten sich Sozialdemokraten und Linke zur Errichtung einer Räterepublik; im Osten marschierten Balten und Polen durchs Reich und nahmen sich, was sie wollten.
    Cuno trat zurück. Ihm folgte Stresemann von der rechtspopulistischen Volkspartei. Stresemann gelang es, bis auf Deutschnationale und Linke eine Koalition zu formen, die zwei Drittel der Wählerstimmen hinter sich wußte. Er beendete den Ruhrkampf trat daraufhin zurück und bildete kurz darauf eine neue Regierung. Die Mehrheiten wechselten und erst mit der dritten von Stresemann gebildeten Regierung wurde er arbeitsfähig. Die Situation in Bayern und die galoppierende Inflation waren Gründe genug, den Ausnahmezustand (Ermächtigungsgesetz schaltete das Parlament aus) zu erklären. Das ließ die Reichswehr aktiv werden, die in Sachsen und Thüringen die proletarischen Aufstände abwehrte. Am 8. und 9. November 1923 in München und Umgebung der Hitler-Putsch. Die Reichswehr hielt ihn nieder. Danach

    Hitlers Prozeß, 1924.

    Der am 20. April 1889 in Braunau am Inn in Deutschösterreich geborene Adolf Hitler wuchs in einfachen Verhältnissen auf und kam als junger Mann nach Wien, wo er sein Leben durch Gelegenheitsarbeiten auf dem Bau und als Postkartenmaler finanzierte. Zudem erhielt er eine kleine Rente, da sein Vater früh gestorben war. Bemühungen, an der Wiener Kunstakademie ein Stipendium zu erlangen, scheiterten. Bei Kriegsausbruch meldete er sich in einem bayrischen Regiment und nahm an 48 Schlachten teil, bis ihn im Oktober 1918 eine englische Giftgasgranate erblinden ließ. Im Lazarett Pasewalk (300 km nordöstlich von Magdeburg) erblickte er am 9. November 1918 wieder das Licht der Welt und wurde von seinem jüdischen Arzt Weiß mit den Worten psychologisch aufgebaut, daß es mit Österreich zwar vorbei sei, er aber an Deutschlands Zukunft glauben könne. In diesem Augenblick wendete sich Hitlers Leben. Er wußte, was er zu tun hatte und ging in das nationale Zentrum Deutschlands, nach München, trat einer kleinen nationalistischen Partei bei, der DAP (Deutsche Arbeiterpartei), Mitgliedsnummer 7. Er änderte den Namen in NSDAP, gab ihr das Hakenkreuz als Symbol, eine Zeitung als Propagandamittel (Völkischer Beobachter), Sturmabteilungen (SA) und Schutzstaffeln (SS) als Wehr gegen die politischen Gegner auf der Straße und begann mit seiner Agitation. Auf der Höhepunkt der Inflation strebten die Partikularisten weg vom reich, auch in Bayern. Hitler mobilisierte gegen diese Separatisten, zugleich aber auch gegen die rote Zentralgewalt in Berlin. Die bayrischen Separatisten sahen in Hitler das größere Übel und verrieten ihn an die Zentralgewalt, die im Zusammenspiel mit bayrischer Landespolizei seinem Umsturzversuch vom 9. November 1923 vereitelte. Hitler kam vors Gericht.
    Der Verlauf und der Ausgang des Prozesses hatten Hitler sein Selbstbewußtsein wiedergegeben, das unter der Wirkung des zusammengebrochenen Putsches verlorengegangen war. Sein offenes Bekenntnis zum Putsch wertete ihn gegenüber denen auf, die von den Putschisten bestrebt waren, ihre eigenen Absichten zu verschleiern. Hitler verschleierte nichts! So sind auch die anerkennenden Worte zu erklären, die Hitler mehrfach während des Prozesses zu hören bekam.

    „Hitler ist aus einfachen Verhältnissen hervorgegangen, er hat im großen Krieg als tapferer Soldat seine deutsche Gesinnung bewiesen und nachher aus kleinsten Anfängen heraus in mühsamer Arbeit eine große Partei, die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei geschaffen, wobei die Bekämpfung des internationalen Marxismus und Judentums, die Abrechnung mit den Novemberverbrechern und die Ausbreitung des nationalen Gedankens in allen Volkskreisen, besonders auch in der Arbeiterschaft, die wesentlichen Programmpunkte waren. Über seine Parteipolitik habe ich kein Urteil zu fällen, sein ehrliches Streben aber, in einem unterdrückten und entwaffneten Volke den Glauben an die deutsche Sache wieder zu erwecken, bleibt unter allen Umständen ein Verdienst. Er hat hier, unterstützt durch seine einzigartige Rednergabe, Bedeutendes geleistet. Wurde er auch durch die Kampfstimmung in den Reihen seiner Anhänger zu einer einseitigen Einstellung geführt, so wäre es doch ungerecht, ihn als Demagogen zu bezeichnen; vor diesem Vorwurf schützt ihn die Echtheit seiner Überzeugung und die uneigennützige Hingabe an die von ihm selbst gewählte Lebensaufgabe. Sein Privatleben hat er stets rein erhalten, was bei den Verlockungen, die an ihn als gefeierten Parteiführer naturgemäß herantraten, besondere Anerkennung verdient. Hitler ist ein hochbegabter Mann, der aus einfachen Verhältnissen heraus sich eine angesehene Stellung im öffentlichen Leben errungen hat, und zwar in ernster und harter Arbeit. Er hat sich den Ideen, die ihn erfüllten, bis zur Selbstaufopferung hingegeben und als Soldat in höchstem Maße seine Pflicht getan. Daß er die Stellung, die er sich schuf, eigennützig ausnützte, kann ihm nicht zum Vorwurf gemacht werden.“

    Es handelt sich hier nicht etwa um die Zeugenaussage eines Anhängers Hitlers, sondern um die Begründung des Strafantrages gegen Hitler am 21. März 1924 durch den 1. Staatsanwalt Dr. Stenglein. Dieser fuhr dann in seiner Rede fort: „Auch bei der Tat, die jetzt abzuurteilen ist, war nicht so sehr persönlicher Ehrgeiz, wenn er auch zweifellos eine Rolle mitspielte, als höchste Begeisterung für die deutsche Sache als Beweggrund ausschlaggebend. Als Mensch können wir Hitler unsere Achtung nicht versagen, so schwer auch sein Verbrechen, so groß auch sein Verschulden ist.“
    Für Hitler mußten derartige Äußerungen eine Ermunterung zur Fortsetzung seiner politischen Tätigkeit sein. Schon zu Beginn seines Plädoyers hatte Dr. Stenglein einen Ratschlag für die weitere Arbeit Hitlers gegeben: „Ich verkenne den guten Kern nicht. Es ist verständlich, daß die begeisterungsfähige Jugend dieser Ungeduld verfällt. Aber sie muß gezügelt und in richtige Bahnen gelenkt werden von den reifen Männern. An Stelle der Ungeduld muß treten eiserne Geduld, die in der Stille arbeitet, tatenfreudig, aber der Zukunft sicher, die Geduld, die mit zusammengebissenen Zähnen wartet, bis die Saat reif und die Stunde gekommen ist.“ Die Heraushebung der Person Hitlers während des Prozesses und die Tatsache, daß Hitler neben Ludendorff, den damaligen wichtigen Repräsentanten der Rechtsopposition, gestellt wurde, mußten Hitler stark beeindrucken.


    Aufgaben:


    1. Gib die Argumentationskette Stengleins wieder!
    2. Welche „Unmöglichkeit“ erlaubte sich der Staatsanwalt?
    3. Beurteile Hitlers Putsch im Kontext der politischen Zustände um 1923!




    [1] „In welchem Umfange fremdes Kapital in deutschen Werten angelegt wurde, läßt sich nicht schätzen. Zuerst drängten sich fremde Käufer, abgesehen vom Warenmarkt, auf dem sie während der Inflationszeit große Mengen an sich brachten, zum ländlichen Grundbesitz, der indessen den Lockungen der Valuten [ausländische Zahlungsmittel wie $ oder ₤] im allgemeinen widerstand. Danach wandten sie sich dem Effektenmarkt [Gewinne aus Währungsschwankungen] zu und hatten hier größere Erfolge. Zugleich lenkte sich ihre Aufmerksamkeit auf den städtischen Grundbesitz, wo sie auch später noch, nach der Neuordnung der Währung, besondere Erfolge hatten. In Berlin mag wohl ein Zehntel oder mehr aller bebauten Grundstücke von Ausländern erworben worden sein.“ (Winnig, S. 269.)

    [2] Ob die Inflation zu verhindern war, ist eine Frage minderen Interesses. Sie hat, wenn man es langfristig betrachtet, Deutschland eher genutzt als geschadet, diente sie doch vorerst dazu, die Schulden im Ausland schnell abzuzahlen und auch einer Produktivitätssteigerung in der Industrie. Deutsche Produkte waren durch diese Inflation billig wie nie. Die deutsche Industrie konnte sich auf dem Weltmarkt, den es nach dem langen Krieg nach Konsumartikeln dürstete, mit ihren Produkten gut behaupten und Anteile gewinnen. Daß vorerst hierfür wenig Kapital ins Reich zurückfloß, war nur kurzfristig von Nachteil, dennoch um 1920 besonders schmerzhaft. Es gab das, was Soziologen (u.a. Gehlen) einen soziologischen Umwandlungsprozeß nennen. Was reich war, wurde meist arm, viele neureiche Emporkömmlinge, die reich wurden, weil sie sich über Gesetze, gute Sitten oder moralische Bedenken hinwegsetzten, wurden Teil der neuen Oberschicht. So etwas hat Auswirkungen in einem Land, das Moral und Anstand über Jahrhunderte zum Kennzeichen der gesellschaftlichen Stellung gemacht hatte. Die Weimarer Republik war eine Totgeburt.

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