Die galoppierende Inflation der Jahre 1922/23 war für den Großteil der Deutschen unerträglich. Bei allen Vorteilen, die es einzelnen brachte: Schuldentilgung [1], schnelles Geld, Billigeinkäufe von Wertwaren, Revolution des sozialen Miteinanders; es überwogen doch die Nachteile: allgemeine Armut, daraus folgende Krankheiten, Alkoholismus, Tristesse, fehlende Planungssicherheit, Abwendung vom Eigenen und Hinwendung zum Unbekannten.
Geld ist als Abstraktum des allgegenwärtigen Tauschvorgangs das wert, was es als Sicherheit vermittelt (Simmel), also eine virtuelle Größe. Das gilt auch für jene Währungen, die von sich behaupten, man könne sie jederzeit gegen Gold o.a. tauschen. Es gibt drei verschiedene Wertsetzungen einer nationalen Währung:


  1. Bindung des Geldwertes in einem Gemeinwesen an eine andere Währung, die im Gemeinwesen hohe Wertschätzung besitzt, bspw. die Dollarbindung;
  2. Bindung an Gold, Silber oder Grundstücke (Immobilien) oder
  3. Vorschriftswährung innerhalb eines Staatsgebietes, wobei den Bürgern keine Vergleichsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, sie also innerhalb dieses Gemeinwesens ihre Geschäfte vornehmen müssen.


Bei den ersten beiden Anbindungsmöglichkeiten spricht man von einer konvertiblen Währung, das bedeutet, die eigene Währung läßt sich auf der Bank zu einem auf der Börse festgesetzten Kurs in eine andere Währung umtauschen. Die dritte Wertsetzung ist die eines geschlossenen Wirtschaftsraumes.
Das Reich hatte mit Kriegsbeginn die Bindung der Mark ans Gold aufgehoben. Fortan gab es nur noch die Papiermark, die als Vorschriftswährung (gesetzliches Zahlungsmittel) im autarken Wirtschaftsraum (mit Österreich-Ungarn wurde kurz nach Kriegsbeginn eine Zollunion vereinbart) des Reiches und der Doppelmonarchie galt. Handel mit dem Ausland unterband die britische Seeblockade, die jedes Schiff aufbrachte, das Richtung Reich unterwegs war. Der Handel mit reichsnahen neutralen Staaten (Schweiz, Holland und Dänemark) blieb in einem Rahmen, der währungspolitisch wenig Bedeutung hatte. Es wäre auch bei dort willigen Handelspartnern diesen nicht möglich gewesen, sich gegen die britisch-amerikanische Dominanz und damit verbundene restriktive Handelspolitik auch für ihre Länder durchzusetzen. [2]
Nach dem Krieg wurde dieser Prozeß nicht beendet oder gar umgekehrt. Im Gegenteil. Hier wurde die Kriegsursache deutlich: Die Briten behielten die Seeblockade bei, teilten sich mit ihren Verbündeten deutsche Auslandswerte, Handelspartner und schöpften überdies 20% des deutschen Auslandsumsatzes ab, was dazu führte, daß der deutsche Außenhandel seinen Reiz für deutsche Unternehmen verlor. Zugleich kauften Ausländer mit ihrem zu hoch bewerteten Geld billig deutsche Immobilien, Betriebe und Industrieerzeugnisse ein. Ausverkauf! Die Deutschen arbeiteten fortan für ihre Gegner, bekamen einen Bruchteil dessen, was das von ihnen Geschaffene wert war und mußten zudem Milliarden ins Ausland als Reparation transferieren, also konvertible Geldleistungen erbringen.

Als die Gewinnerstaaten [..] daran gingen, dem Verlierer eine sorgsam erwogene Rechnung vorzulegen, als sie 1924 nach den Vorschlägen des Amerikaners Dawes ihm einen Plan von Jahreszahlen in unbegrenzter Gesamthöhe und auf unbegrenzte Zeit unterbreiteten, der zugleich die Beschlagnahme lebenswichtiger Einkünfte seines Besitzes enthielt und dem Reiche die Hoheit über seine Finanzverwaltung nahm, die einer internationalen Kommission unterstellt wurde, da erwiesen sich nach erneuter Erfüllung die maßlosen Ziffern als in Flugsand geschrieben. Fünf Jahre später entwarf Young abermals einen Zahlungsplan, der eine Summe von insgesamt etwa 114 Milliarden [5,2 Billionen €] verlangte und die Abgaben über 59 Jahre ausdehnte, also eine wirtschaftliche Versklavung durch zwei Menschenalter hindurch in Aussicht nahm. Als Industrie und Unternehmertum in Deutschland von Amerika Anleihen nahmen, um sich daran hochzurichten, setzte zwar eine Blüte ein, doch sie entpuppte sich zuletzt lediglich als eine Scheinblüte, weil das Loch im Boden nur überdeckt, nicht wirklich ausgefüllt war. Ohne Nährstoff aus eigener Erde mußte sie rasch verwelken. (Strieve, S. 452.)
Keine Wirtschaft der Welt kann das lange aushalten.Als die deutsche Kriegswirtschaft noch autark funktionieren konnte (siehe hier), fiel die Inflation nicht weiter ins Gewicht. Doch mit den Bedingungen Versailles‘ und der vorgenommenen Einbindung der deutschen Wirtschaft in die Weltwirtschaft (zu unfairen Bedingungen) blieb dem Reich nichts weiter übrig, als die Notenpresse anzuwerfen und so das eigene Geld immer weiter zu entwerten. Der Wert der deutschen Papiermark bestimmte sich nicht wieder über den Goldpreis, sondern zu dem, was an Wert im Reich zuhanden. Da dieses Zuhandene immer weniger wurde, stieg der Preis fürs einzelne.
Der Volksparteiler Helfferich schlug im September 1923 in einem Artikel in der Kronenzeitung vor, eine Roggenmark zu bilden. Essen muß jeder, also ließe sich doch über den Menge des vorhandenen Essens eine verläßliche Wertbestimmung vornehmen. Der Vorschlag wurde abgelehnt, aber bald darauf doch wieder in leicht veränderter Form aufgenommen: Verordnung über die Errichtung der Deutschen Rentenbank vom 15. Oktober 1923. Statt Roggen nahm man nun Immobilien als Grundlage der Wertsetzung. Einen Grund schaffen, ganz wörtlich. Man gründete eine Renten-Bank, der 3,2 Milliarden Rentenmark Kapital gegeben wurden. Man setzte den Kurs von 1 Billion Papiermark zu einer Rentenmark fest, zugleich band man sie ab dem 20. November 1923 an den $ zum Kurs von 4,2 [3]. Das war Vorkriegsstandard. Die Sicherung erfolgte durch Konfiskation von steuerschuldenden Betrieben oder Kriegsgewinnlern, deren Immobilien eingezogen wurden.
Die Deutschen nahmen das neue Geld an. Das war gut. Der Dawes-Plan von 1924 öffnete deutschen Banken und Firmen den amerikanischen Kreditmarkt. Das klingt gut. Die ausgehungerten Deutschen griffen zu und liehen sich Geld, um ihre maroden Betriebe zu sanieren, Konsumgüter zu kaufen oder auch nur, um andere Schulden begleichen zu können. Die Löhne stiegen, flossen in den Konsum, was den Import erhöhte. Auch die Ausfuhrleistungen erhöhten sich langsam, was Frankreich und Britannien besonders freute, erhielten sie doch 20% der deutschen Außenhandelsumsätze, was die Gewinnanteile der Deutschen beträchtlich schmälerte. Steigende negative Handelsbilanz. Der Staat erhöhte die Steuern, weil er die Reparationsleistungen aufbringen mußte, die Betriebe liehen sich das neue Geld. Der Druck auf die Arbeitnehmer wuchs, mehr noch der auf die Arbeitgeber, die Zinsleistungen und Steuerleistungen erbringen mußten. Die Zahl der Konkurse stieg von 497 (1922) über 8034 (1924) bis auf knapp 16000 schon 1928. Damit war auch Arbeitslosigkeit verbunden, die KEIN bloßes Phänomen der Weltwirtschaftskrise war, sondern schon Mitte der 20er Jahre periodisch auftrat. Klar doch: Während der Inflation konnte ein Betrieb leicht seine Schulden loswerden, zumal die im eigenen Land gemacht worden waren. Mit der Einführung der Rentenmark nahm man das neue Geld auf, das über ausländische Banken abgesichert wurde, konnte aber bald die Raten nicht zahlen, also Insolvenz.

„In gewissem Sinne kehrten sich die Werte um: der Erfolg heiligte das Mittel des Rechtsbruchs [Schiebertum], während Ehrbarkeit schändete [in Armut führte], weil sie die Wolfsgesetze der Inflationsgesellschaft nicht beherrschte. Zu den [..] Positionsveränderungen der sozialen Klassen traten daher noch die individuelle Statusunsicherheit und die allgemeine sozialmoralische [statt in Jahrhunderten erarbeiteter Status in der Gesellschaft zählte das kurzzeitig aufgehäufte Vermögen des Raffkes, die fortan die Moral der Gesellschaft bestimmten] Relativierung der Inflationsgesellschaft.“ (Peukert, S. 76.)

Genauer: Ein landwirtschaftlicher Betrieb konnte vor dem Krieg langfristige Realkredite aufnehmen, d.h. die Verzinsung folgte ihrem Erfolg, denn Erfolg bewirkt Lebenssicherheit, die das Wichtigste für Geldgeber ist. Die neue rationalisierte Kreditvergabe (Bankkredite) setzte auf kurzfristigen Hochzins. Schnelles Geld machen. Die deutschen Bauern waren damit überfordert und machten, kaum hatten sie während der Inflation ihre Schulden begleichen können, nun schnell neue und sehr viel höhere Schulden. Zudem bewirkte die Rationalisierung der Industrie (nicht in der Landwirtschaft mit niedrigeren Erträgen als in der Vorkriegszeit) die Preisschere: der deutsche Bauer verkaufte seine Erzeugnisse auch aufgrund gestiegenen Imports von (meist industriell verpackten) Nahrungsmitteln vergleichsweise billig, mußte aber für Industrieprodukte und Maschinen vergleichsweise viel Geld bezahlen. Es dauerte ein paar Jahre, bis die Preise einander gefunden hatten; allerdings war da der deutsche Bauer schon wieder hochverschuldet.
Allgemeiner formuliert: Das bedeutet ein anderes Wirtschaften als vor dem Krieg, als das Reich solide, kontinuierlich und (finanziell) autark blieb. Jetzt nahm es die westlichen (v.a. amerikanischen) Gepflogenheiten des schnellen Geldmachens an, eine Hinwendung zur Plutokratie des Westens. Rationalisierung in den Betrieben (Fließbandarbeit), im persönlichen Leben, Auflösung alter Bindungen, alles viel zu schnell. Da mußte eine Gegenbewegung entstehen!

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Halten wir fest:


  • Leben auf Pump;
  • veränderte soziale Gepflogenheiten und Lebensbedingungen (Rationalisierung des Lebens und der Wirtschaft);
  • Schuldknechtschaft des Reiches beim Ausland (Schuldartikel begründet Milliardenüberweisungen, die sich der Staat bei den Deutschen wiederholt).


Wer die weltwirtschaftliche Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg betrachtet, der kommt nicht umhin, hier einen Bruch gegenüber den Jahrzehnten des Aufschwungs VOR dem Weltkrieg zu konstatieren. Die Erklärung hierfür ist umstritten, paradigmatisch betont die Forschung jedoch, daß das „Vorkriegsmodell des Wachstums an seine Grenzen gestoßen war“ [4]. Wachstum glaubte man fortan über staatlichen Eingriff generieren zu können, Keynes. Entscheidend für die inkontingente Wirtschaftsentwicklung war die Umstellung auf den Golddevisenstandard zuungunsten des Goldstandards. Die Kriegsschulden- und Kreditierungspraxis schuf Ungleichgewichte und Unsicherheit. Es leuchtet ein, daß es Verwerfungen geben mußte, wenn die wichtigsten europäischen Mächte weder finanzpolitisch noch wirtschaftlich als Sieger aus dem Krieg gingen, sondern als Schuldner. Die Sieger wiederum bedienten sich beim Verlierer, beseitigten aber keineswegs die strukturellen Probleme ihrer Wirtschaften.
Die deutsche Wirtschaft war zum Sklaven der Entente, v.a. der ausländischen Banken geworden. Der Versailler Vertrag begründete, der Dawes-Plan regelte die Ausbeutung, die auf Jahrzehnte berechnet war. Das Volk wurde mit neuem Geld versorgt, kaufte die neuen Waren aus Übersee und verschuldete sich. Die Inflation hatte die Basis des deutschen Besitzes zerstört und eine Klasse von Raffkes an die Spitze der Gesellschaft gespült, die ihren Reichtum zur Schau stellten und das Gefühl des Unrechtsstaates verstärkten. Die Ränder wuchsen. Die Systemparteien (wie man die Träger der Weimarer Republik - SPD, Zentrum, DDP - nannte) waren nicht imstande, die sich abzeichnende Katastrophe abzuwenden. Das hätte ein Maß an Selbstkritik erfordert, zu der die wenigsten Menschen, geschweige denn vom Staat bezahlte Politiker bereit sind. (Ein gutes Argument gegen Diäten.) Andererseits war ein Umschwenken auf das Wirtschaften wie vor dem Krieg unmöglich gemacht worden: Einbindung und Verflechtung der internationalen Konzerne bedeutet eben genau das. Nur die Zerschlagung dieses Geflechts war möglich, stand aber außerhalb der politischen und wirtschaftlichen Interessen der Systemparteien. Was wir heute über diese Zeit wissen, war etlichen auch schon 1920 klar. Das Wirtschaftsprogramm der NSDAP macht es deutlich, ebensogut könnte man eines der Kommunisten oder etliche aus den Denkstuben linksliberaler, konservativer oder politisch nicht verortbarer Jungdeutscher hier einstellen. Die Deutschen wußten, woran es lag, daß sie nach dem Krieg nicht vorankamen, aber sie waren machtlos, innerhalb des Systems etwas zu verändern, was der Entente nicht passen könnte, der oder den ausländischen Banken mit ihren Milliardenforderungen an Reich und Volk. Das Reich war nicht souverän, die Deutschen nicht frei.
Die in der Regierung wirkenden Sozialdemokraten betrieben derweil die Vergesellschaftung des Privateigentums und bauten den Staatssektor systematisch aus:


  • Stärkung der Subventionspolitik gegenüber Kartellen der Schwerindustrie;
  • Vergrößerung des Staatsanteils im Wirtschaftskreislauf;
  • höhere Ausgaben im Sozialbereich und Wohnungsbau;
  • Stärkung ertragssicherer Unternehmungen gegenüber riskanten Investitionsbereichen;
  • Erhöhung der Beamtenzahl.


Diese Politik war sozialdemokratisch, aber am Ende hatte die Klientel der Sozialdemokratie, das lohnabhängige Kleinbürgertum, weniger in der Tasche und lebte schlechter als vor dem Krieg. Ein Systemfehler sozial-demokratischer Wirtschaftsweise.
Aber auch auf bürgerlicher Seite besaß man keine Lösung.


[1] Die Inflationszeit ist auch eine der Rechtsnot. Schuldner beglichen ihre Schulden bei Gläubigern auf dem Rechtsgrundsatz Mark = Mark, ohngeachtet dessen, daß die Mark von 1923 ungleich weniger wert war als die von 1913. Klagen, die eine Rückzahlung auf der Basis des Wertes der Mark von 1913 für 1923 beanspruchten, wurden von deutschen Gerichten abgewiesen, was das Vertrauen in die Rechtsprechung minderte.

[2] „Allen voran [im Vergleich zu den anderen Kriegsgegnern der Mittelmächte] steht England bei der Verletzung neutraler Rechte. Die Ausdehnung des Begriffs der Bannware auf den gesamten Lebensbedarf der Zivilbevölkerung, die Unterbindung jedes neutralen Verkehrs mit deutschen Häfen auch ohne effektive Blockade, die Kontrolle der Post auf neutralen Schiffen, die Boykottierung neutraler, mit Deutschland in Verbindung stehender Firmen durch die Schwarzen Listen und anderes mehr gehören hierher.“ (David, S. 36.)

[3] Damit hatten die Deutschen de facto eine Golddevisenwährung, also eine Währung, deren Wert darauf beruhte, daß man sie jederzeit gegen Gold oder etwas Gold Vergleichbares umtauschen konnte. Völlige Klarheit darüber brachte das Münzgesetz vom 30. August 1924, das die Reichsmark mit der 1923 geschaffenen Rentenmark koinzidierte und damit das deutsche Geld endgültig an die Weltwirtschaft, den allmächtigen Dollar, anschloß.

[4] Peukert, S. 124.

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