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Thema: Die fürsorgliche Schuld - Teil I

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    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Post Die fürsorgliche Schuld - Teil I

    Die fürsorgliche Schuld


    1. Kapitel


    Lydia


    Lydia Sontheimer blieb erneut stehen und stemmte ihren Regenschirm gegen den Wind. Ohne sich dabei bewusst wahrzunehmen, musterte sie versonnen ihre Gestalt, die sich für einen Augenblick durch einen nahen Blitz holzschnittartig im undeutlichen, verdoppelnden Spiegel der Fensterscheibe eines Cafes abbildete.
    Sie war war keine Schönheit und sie war auch nicht hässlich, nur eine weitere, durchschnittliche Erscheinung inmitten der amorphen Menschenmassen dieser Stadt, eine unscheinbare Frau Mitte Vierzig, mausgrau, dünn und klein, mit großen, braunen Rehaugen und einem schlanken, dem Auge schmeichelnden Körperbau. Dabei war sie auf eine so vollkommene Weise durchschnittlich, dass sie für einen feinen Beobachter durch eben ihre Unauffälligkeit schon wieder zu etwas Besonderem wurde.
    Leider gibt es nur nur noch wenige Beobachter, sie sterben aus. Je mehr die Augen zu sehen bekommen, um so stumpfer und gleichgültiger werden die Blicke. Lydias Mann Manfred war eine der seltenen Ausnahmen: Er hatte, zumindest als sie sich lieben lernten, das Sehen noch nicht verlernt. Aber auch er schien seine Frau seit ein paar Jahren kaum mehr wahrzunehmen. Sie war aus seinem Blickfeld verschwunden wie ein schönes Bild, das man in sein Wohnzimmer hängt und an dessen Anblick man sich allzu schnell gewöhnt. Lydia litt darunter, konnte aber nichts dagegen tun, denn ihr dominantester Charakterzug war eine nahezu pathologisch zu nennende Schüchternheit, die sie zum stummen Schatten ihres redseligen und kontaktfreudigen Mannes verurteilte.
    Jetzt zerbrach der Donner langgezogen und knisternd, nur wenige Sekunden nach dem Blitz. Lydia seufzte grundlos, dann entschloss sie sich doch, das Cafe zu betreten. Die Neugierde trug endlich den Sieg über ihre Scham davon. Ohne den drängenden, dabei so geheimnisvollen Anruf ihrer Schwägerin, von der sie bislang nicht einmal gewusst hatte, dass es sie gab, und deren Bitte, sie hier zu treffen, wäre sie wahrscheinlich nie in das Lokal gegangen. Sie war sogar mehrmals zögernd und unentschieden an dem Cafe vorbeigelaufen, aufmerksam und vergeblich versuchend, einen Blick hinter die mit Stores verhängten Scheiben zu werfen. Nun half ihr auch der stärker fallende Regen des nahenden Gewitters bei ihrem Entschluss.
    Es war früher Nachmittag, aber man hatte in dem Lokal wegen der heranziehenden, tintenschwarzen Wetterfront die Beleuchtung eingeschaltet. Das gelbe, unzureichende Licht erzeugte eine müde, weinerliche Stimmung in dem Gastraum. Nur wenige Leute saßen verstreut an den Bistrotischen, die meisten von ihnen waren in eine Zeitschrift vertieft. Der Kellner lehnte gelangweilt an der Bar und drehte mit einem Zeigefinger in der künstlichen Lockenpracht seiner blondgefärbten Haare. Das Mädchen hinter der Theke beschäftigte sich mit einem Kreuzworträtsel. Sie trug einen viel zu kurzen Rock über ihren dicken Schenkeln.
    Nachdem Lydia die widerstrebende Tür hinter dem Straßenlärm und dem rauschenden Regen geschlossen hatte, war es erstaunlich still. Nur das Knistern der Zeitungen und das stoßweise, dampfige Atmen der großen Espressomaschine waren zu hören. Der unaufdringliche Schweißgeruch von frischgemahlenem Kaffee stieg ihr in die Nase.
    Lydia klappte im Eingang stehend ihren Regenschirm zusammen. Bei diesem leichten Geräusch wanderten alle Augen zu ihr. Jemand hustete. Obwohl die Blicke flüchtig und desinteressiert waren, denn die graue Gestalt der mageren Frau wurde ja nur selten einer zweiten Begutachtung für wert empfunden, wich sie wie unter einem körperlichen Angriff zurück, suchte den Schutz der Wand hinter ihr, halb gegen eine Nische neben der Tür gewendet. Mit einer im Rücken versteckten Hand erspürte sie zu ihrer Beruhigung die grobkörnige Oberfläche der Raufasertapete, mit der anderen presste sie den feuchten Schirm gegen den Oberkörper, den wie einen Phallus geformten Griff in die Mulde zwischen ihren kleinen Brüsten gedrückt. Die Ruhe kehrte sofort zurück und die beiläufigen Blicke glitten von ihr ab, zurück zu den toten, aber eben bunten Bildern der Illustrierten.
    Jetzt wagte Lydia, sich vorsichtig umzusehen, ohne dabei schon ihren sicheren Platz beim Eingang aufzugeben. Sie tat es mit gesenktem Kopf, unter halbgeschlossenen Lidern heraus. Sie suchte vergebens nach einer Frau, die dem Bild entsprach, das sie von ihrer unbekannten Schwägerin bei dem kurzen Telefongespräch gewonnen hatte. Lydia nickte, sich selbst eine Vorahnung bestätigend: Diese unerwartete neue Verwandte hielt sich offenbar nicht in dem Cafe auf, denn die einzigen Frauen hier außer ihr und der rätselratenden Bedienung waren zwei ältere, arrogant wirkende Damen, die an einem Tisch vor dem Fenster saßen und schadenfroh und selbstvergessen den Leuten draußen auf der Straße bei ihrer Flucht vor dem plötzlichen Gewitterschauer zusahen. Lydia sah auf ihre Uhr und wusste dabei nicht, ob sie erleichtert sein sollte. Sie hatte sich durch ihr Zögern nur um wenige Minuten verspätet. Sollte sie hier im Cafe warten? Besser war es, schnell und dankbar nach Hause zu gehen, schließlich musste Manfred bald aus der Schule heimkommen. Bevor sie aber unverrichteter Dinge wieder ging und sich dem prasselnden Regen aussetzte, wollte sie einen letzten Versuch machen. Er sollte ihr Gewissen beruhigen. Sie wand sich an den Kellner, der nicht sehr dienstbeflissen seine bequeme Stellung aufgab und sich zu einem aufmunternden Lächeln herabließ.
    „Verzeihen Sie bitte."
    Lydias leiser und feiner Stimme war die Mühe anzumerken, die ihr diese wenigen Wörter machten.
    „Ich bin hier mit... Sabine Sontheimer verabredet und ich weiß nicht, ob..."
    Sie zögerte, wartete auf eine Hilfe des Kellners, die sie aber nicht bekam. Sein Lächeln wurde eine Spur überheblicher und er sah ruhig auf die Spitze des Schirmes, von der es auf den Teppich tropfte. Lydia folgte seinem Blick und wurde rot. Es kostete sie ein erhebliches Maß an Überwindung, jetzt nicht zu fliehen.
    „...wissen Sie zufällig, ob sie hier war?"
    Lydia räusperte sich.
    „Hat jemand vielleicht eine Nachricht für Lydia Sontheimer hinterlassen?"
    Der Kellner schüttelte schon verneinend und selbstzufrieden den Kopf, als plötzlich eine bemerkenswert wohlklingende Stimme vom Hintergrund des Lokales her zu hören war. Sie war laut. Alle im Cafe zuckten überrascht zusammen und sahen sich neugierig nach ihrem Urheber um.
    „Lydia, mein Schatz, ich bin hier."
    Der tiefe und melodische Wohlklang erschreckte sie ordentlich. Sie bekam weiche Knie, denn für einen Moment glaubte sie, die Stimme gehöre ihrem Mann, dem sie doch ihr heimliches Treffen verschwiegen hatte. Dann erkannte sie den wahren Besitzer dieser Stimme und wurde schnell wütend: Hinter einer Säule, die ihn bislang gedeckt hatte, tauchte plötzlich wie aus dem Nichts Siegfried Sontheimer, der Bruder von Manfred, auf.
    „Meine Liebe, ich freue mich, dich zu sehen. Komm, ich nehme dir deinen Schirm ab." rief er und trat näher, beide Arme nach ihr ausgestreckt. Sie wollte auf dem Absatz kehrt machen, doch der dürre, kleine Siegfried, der sie immer an einen schmutziggelben und glatzköpfigen Kobold erinnerte, kam mit zwei flinken Schritten näher. Er entriss ihr den Schirm, den sie noch immer schützend vor sich hielt und nahm sie bezwingend bei der Hand, zog sie an sich heran. Diesem festen, bestimmten Auftreten hatte sie nichts entgegenzusetzen.
    „Schön, dass du dich doch noch reingetraut hast: Ich habe schon befürchtet, dich verlässt da draußen im Regen der Mut. Verzeih mir, aber ich muss dir einen Kuss geben. Wir haben uns ja schon Jahre nicht mehr gesehen; zuletzt, denke ich, auf der Hochzeit von Klaus. Wie geht es dir? Setze dich. Ist Manfred noch immer am Wieland-Gymnasium? Und arbeitest du immer noch in der Familienseelsorge? Willst du einen Kaffee oder doch lieber einen Cappuccino, hier gibt's original italienischen. Oder wie wäre es mit einem kleinen Sherry, du bist ja ganz nass", brach ein dichter Wortschwall über der Wehrlosen herein, die sich widerstandslos an Siegfrieds Tisch drängen, sich auf beide Backen küssen ließ und im übrigen kein einziges Mal den ohnehin vergeblichen Versuch machte, auf einer seiner Fragen zu antworten. Als Siegfried ihr lautstark Kaffee und Sherry bestellt hatte, endete seine Suada endlich mit den Worten:
    „Ich muss mich bei dir entschuldigen." Er sah sie dabei erwartungsvoll an.
    Lydia sah bedauernd auf ihren Schirm, den Siegfried gleichgültig neben sich auf einen der leeren Stühle gelegt hatte. Es dauerte eine Weile, bis sie bemerkte, dass er ihr nun endlich die Gelegenheit gab, selbst etwas zu sagen. Erst jetzt erwiderte sie stumm den Blick ihres Schwagers. Sie wusste, sie hätte eigentlich auf der Stelle gehen müssen. Aber inzwischen war sie viel zu neugierig geworden, was Siegfried überhaupt von ihr wollte.
    „Wo ist deine Frau?" fragte sie, obwohl sie seine Antwort schon erahnte.
    „Ich war hier mit ihr verabredet."
    Sontheimer machte eine ausladende Bewegung mit den Armen, die sein amüsiertes Bedauern illustrierte.
    „Deshalb muss ich mich bei dir entschuldigen. Ich habe keine Frau. Und ich bezweifle, ob es irgendwann einmal eine schafft, mich einzufangen. Für die Ehe bin ich nicht gemacht. Es wäre für beide Teile eine Qual. Künstlern sollte übrigens allgemein das Heiraten verboten werden. Ich habe den Anruf bei dir von einer Freundin machen lassen. Rosa Sarnet heißt sie, vielleicht kennst du sie. Sie ist Schauspielerin und steht kurz vor der ganz großen Karriere. Sie ist sehr gut, du musstest einfach auf sie reinfallen. Das war nicht ganz fair, ich weiß, aber dieser Betrug erschien mir die einzige Möglichkeit zu sein, dich zu treffen. Ich muss dich unbedingt sprechen. Zwischen uns besteht doch kein Streit, nicht wahr?"
    Lydia ließ sich mit ihrer Antwort Zeit. Das war einer der Nachteile ihrer Schüchternheit: Weil sie nie etwas Unüberlegtes sagte, kam sie selten zu Wort. Sie begann an den Resten ihres linken Daumennagels zu kauen, der wie ihre übrigen Nägel häufig von ihr in Anspruch genommen wurde. Er war bis zur Mitte der Fingerkuppe abgefressen und verschorft.
    Dann nickte sie. Ihr Schwager hatte recht: Mit ihm wollte sie keinen Streit. Wenn er sich mit ihr traf, dann hatte er sicher einen wichtigen Grund. Schließlich hatte Siegfried sich in den letzten Jahren völlig aus ihrem und dem Leben ihres Mannes zurückgezogen. Sie bedauerte die Fehde, die ihr Mann und seine zwei Brüder Siegfried und Klaus seit Ewigkeiten miteinander ausfochten. Sie kommunizierten, wenn überhaupt, nur noch über ihre Anwälte miteinander. Die Gründe für diesen Streit, über die Lydia wenig wusste, waren vielfältig und verwickelt und reichten in die Jugend der Brüder zurück. Sie erinnerten Manfred, der neben Mathematik auch Geschichte lehrte, laut eigener Aussage weniger an eine Familienfehde als an den Peloponnesischen Krieg. Natürlich fühlte er sich wie auch seine Brüder vollkommen schuldlos an der Auseinandersetzung.
    Lydia konnte gut verstehen, weshalb sich Brüder sich nicht mochten. Obwohl sie die gleichen Eltern hatten, konnten sie sich, auch äußerlich, kaum unterschiedlicher gedacht werden. Alle drei besaßen zwar Intelligenz, sie war jedoch nicht von der gleichen Art. Es gab mehrere Formen und nicht nur Ausprägungen dessen, was allgemein als Intelligenz bezeichnet wurde. Das war Lydia in den Jahren deutlich geworden, in denen sie als freiwillige Kraft in der Familienberatung der katholischen Kirche tätig war und dabei mit einer für sie verwirrenden Vielzahl an Problemen und Weltanschauungen konfrontiert wurde. Deshalb schien ihr auch ein Messen des IQs als eine recht zweifelhafte Angelegenheit, denn sie hatte gelernt, dass es neben einer analytisch-logischen Intelligenz auch noch eine kreative und eine soziale und noch einige andere gab. Sie maßte sich nicht an, eine Wertung zu erstellen, wusste allerdings, wie sehr Manfred sich täuschte, wenn er sich dem Künstler Siegfried mit seiner in der Tat verworrenen, seltsam mystifizierenden und sich ins Metaphysische versteigenden Weltsicht überlegen fühlte.
    Obwohl Lydia ihren Schwager nur selten sah und seit mindestens fünf Jahren nicht mehr gesprochen hatte, kannte sie doch seine Gedankenwelt. Er ging davon aus, nur eine Kunst mit einer schriftlich fixierten Theorie habe es auch verdient, eine "moderne" Kunst genannt zu werden. Deshalb hielt er daran fest, in regelmäßigen Abständen Kommentare zu seinen Werken im Eigenverlag zu veröffentlichen. Lydia wusste sich diese Texte immer zu verschaffen, auch wenn sie nur selten in den Buchhandlungen auslagen und sie sie dann vor ihrem Mann verbergen musste. Für Manfred, für den die wahre Malerei mit Turner oder spätestens mit den Impressionisten untergegangen war, war Siegfrieds Kunsttheorie, die ja zudem noch von seinem ungeliebten kleinen Bruder stammte, nicht diskussionswürdig. Die Dinge, die es in diesen Heften zu lesen gab, waren zum großen Teil wirklich verstiegen und teilweise sogar unfreiwillig komisch. Auf der anderen Seite war Lydia sicher: Auch Siegfried hatte ein Stück der Wahrheit erhascht. Allerdings war es ein anderer Fetzen von jenem unüberschaubar großen Tuches, das Gott gesponnen hatte.
    Sie rechnete es Siegfried hoch an, weil er, einmal die Hand um den Stoff geballt, nicht mehr locker ließ, sondern sich konsequent an ihm festhielt. Und hintereinander gelesen ergaben diese Texte einigen Sinn. Sie waren Siegfrieds "Dichtung und Wahrheit", ein stabiles Fundament, auf dem er sicher stand. Für ihn gab es offensichtlich keine blind tappende, unsichere Sinnsuche mehr, er hatte ein Ziel gefunden, auf das er geradlinig zuschritt.
    Die Ergebnisse seiner Fortschritte drückte er in seiner Kunst aus, die Lydia allerdings überhaupt nicht gefielen, obwohl sie von der handwerklichen Reife beeindruckt war. Ihr hätten seine schmalen, schlecht fotokopierten und schlampig gebundenen Elaborate, die zwanzig Seiten Weltanschauung, die er am Ende jedes Jahres veröffentlichte und an seine Kunden und Gönner verschickte, vollkommen genügt, um ihr zu beweisen, dass er ein bedeutender Künstler war. Dazu hätte es für sie nicht auch noch jene großen, zumeist in seltsamen, den goldenen Schnitt missachtenden Seitenverhältnissen gemalten Bilder geben müssen, die immer wieder, mal mehr, mal weniger realistisch, die sekundären weiblichen Geschlechtsmerkmale variierten und Lydia weniger wegen der Verletzung ihres Schamgefühls als durch ihre Penetranz abstießen.
    Wie ganz anders war da der jüngste der drei Brüder. So weit Lydia ihn überhaupt einzuschätzen vermochte, hatte Klaus nichts mit Kunst oder Kultur im Sinn und jeder Gedanke über den Alltag oder über ein materielles Ziel hinaus erschien ihm als Zeit- oder Intensionsverschwendung. Es gibt Menschen, die hinreichend durch den Beruf beschrieben werden können, den sie ausüben, weil sie alle Charaktereigenschaften aufweisen, die das Vorurteil ihren Professionen zuweist. Klaus diente Lydia hierfür als Paradigma: Der glatte, allzeit geschäftstüchtige Versicherungsvertreter war der Freund aller und er mühte sich redlich, mit allen Freund zu sein. Sogar noch über sein professionelles Berufsbild hinausgehend gab er sich an allen Menschen, denen er begegnete, interessiert, auch wenn es nur flüchtige Bekanntschaften waren.Aufmerksam, entwaffnend offen und stets hilfsbereit, dabei unaufdringlich höflich und zuvorkommend und nicht zuletzt eine Spur unterwürfig, gab er jedem das Gefühl, er sei für ihn etwas ganz Besonderes. Klaus hätte in Lydias Augen glänzend ins erstarrte 18. Jahrhundert an einen Fürstenhof gepasst, wo er als begnadeter Höfling hätte intrigieren und antichambrieren können. Natürlich ließ jedermann sich von Klaus versichern und er war in der Region für seine Gesellschaft der beste und erfolgreichste Vertreter, deshalb auch ihr höchstbezahlter Mitarbeiter. Die wenigen Gespräche mit Klaus hatten auch Lydia für ihn eingenommen. Durch seinen nie aufgesetzt oder einstudiert wirkenden, immer wieder erfrischend herzlichen Charme war sie bei den zwei kurzen Begegnungen mit Klaus zum ersten Mal während ihrer Ehe wieder zu dem wunderbaren Gefühl gekommen, als Mensch interessant und als Frau begehrenswert zu sein.
    Trotzdem blieb ein Fragezeichen, wenn sie an Klaus dachte. Er war ihr zu gelenkig und zu freundlich. Immer war er perfekt und a la mode gekleidet, bewegte sich in den besten Kreisen, lebte in einer eleganten Eigentumswohnung in der Innenstadt, fuhr die schnellsten Autos und aß in den teuersten Lokalen. Schließlich heiratete er auch noch eine Miss Bayern, eine Ehe, die schnell wieder scheiterte. Die Gründe waren Lydia allerdings nicht bekannt. Sie empfand die Welt von Klaus als eine zugegebenermaßen perfekte Maske. Sie fragte sich, ob es da noch mehr von ihm gab und was es denn war, was Klaus verbarg. Obwohl sie nur sehr wenig von ihm wusste, wesentlich weniger als von seinen Brüdern, konnte sie sich vorstellen, dass er trotz seiner vielen sozialen Kontakte ein einsamer und unzufriedener Mensch war, der an der für sie offen zu Tage tretenden Leere seines Lebens litt.
    Blieb noch ihr Mann, der die letzte Spitze dieses seltsamen Geschwisterdreiecks bildete: Manfred war ganz Verstand. Er war für ein akademisches Leben geboren und seine wenigen intensiveren menschlichen Kontakte unterhielt er zu Persönlichkeiten, die in der Regel schon lange tot waren, nämlich zu den Autoren der Bücher, die er las. Er las, so empfand es zumindest seine längst vor diesem Phänomen resignierte Frau, wie ein Besessener, ganz als befürchte er, innerhalb seiner Lebensspanne sein Pensum nicht erfüllen zu können und deshalb einer literaturlosen Verdammnis anheim zu fallen. Wohin er ging, was er auch tat, nie war er ohne Buch und in jedem Augenblick, den er sich freimachen konnte, las er. In den letzten Jahren hatte er sogar die Marotte entwickelt, seinen Schlaf auf fünf, sechs, manchmal gar auf nur vier Stunden zu reduzieren, um die so gewonnene Zeit mit seinen Studien verbringen zu können. Der schwerleibige, beständig mit dem Übergewicht kämpfende Mann wurde dadurch immer unausgeglichener und entwickelte einen beachtlichen Jähzorn, den Lydia aus der Anfangszeit ihrer Ehe nicht kannte. Wie sie wusste, war Manfred in zunehmendem Maße mit seinem Leben unzufrieden und seine übertriebene Büchersucht eine Fluchtbewegung, hinter der er Sinnleere und zunehmende Kräfteverluste versteckte. Es waren Symptome eines allbekannten Phänomens, das einfallsreiche Psychologen in ihrer Begriffsschöpfungslust als „midlife-crisis" oder, noch moderner und eleganter, als „burned-out-Syndrome" titulierten.
    Obwohl die außergewöhnlich emphatische Lydia sich dieser Tatsache bewusst war, sah sie als zur Seite geschobene und gewohnte, als Gesprächspartner nie völlig ernst genommene Ehefrau keine Möglichkeit, ihm wirklich zu helfen. Tatsächlich ließ Manfred sich von niemandem helfen, am wenigsten von Lydia, deren nahezu kindlicher Katholizismus und christliche Toleranz nur seinen aufdringlichen Atheismus zum Widerspruch reizten. Er musste diese selbst heraufbeschworene Krise auch selbst überwinden oder an ihr scheitern. Der schmerzhafteste Stachel in seinem Fleische, an dessen Vorhandensein er nicht zuletzt seiner Frau die Schuld gab, war sein in den letzten Jahren verstärkt als Tantalusqual verstandener Beruf. Trotz allen Bücherwissens, trotz eifrigen Studierens von Geschichte, Deutsch und Mathematik hatte es bei ihm auch aus finanziellen Erwägungen, aber ebenso auch aus mangelnder Konsequenz im Beschränken seiner polyglotten Interessen nur zum Lehramt in diesen Fächern gereicht. So bemühte er sich vergebens, in einem ewigen Kreislauf gefangen, seinen zunehmend ökonomisch und nur auf die nächste Arbeit fixierten Schülern das seiner Meinung nach allernotwendigste Grundwissen des geschichtlichen Werdens, der literarischen Selbstdarstellung des Menschen und des mathematischen Erfassens der Welt zu vermitteln. Längst waren dabei seine hohen Bildungsideale gestorben und so schraubte er seine Mindestanforderungen Jahr für Jahr weiter zurück, bis sie schließlich die bequeme Ebene der nüchternen Lehrplanerfüllung erreicht hatten. Früher hatte er noch gehofft, zumindest ein paar seiner Schüler zu Adlaten machen und auf eine formale, wissenschaftliche Art des Denkens und des Gedankenaustausches heben zu können, aber diese Hoffnungen brachten ihm nur Disziplinschwierigkeiten und Ablehnung ein. Heute war er froh, wenn ein paar seiner Schüler konkret-operational handelten und die bis zum Erbrechen repetierten Sachverhalte in einem einigermaßen verständlichen Deutsch ohne allzu viele Rechtschreibfehler wiedergeben konnten. Während er immer älter wurde, die Schüler ewig jung blieben, erschienen ihm sogar diese Konditionierungen immer seltener von Erfolg gekrönt.
    Manfred war dabei immer einsamer geworden und er hatte keine Freunde mehr. Er bemühte sich auch nicht, irgendwelche soziale Kontakte aufrecht zu halten. Seine beiden Brüder hasste und verachtete er, mehr noch den offenen, allseits beliebten Klaus als Siegfried, den er zumindest ab und an erwähnte. Natürlich vermied er jede Begegnung mit den beiden und wechselte die Straßenseite, wenn er sie von Weitem sah.
    Wie Lydia plötzlich einfiel, gab es jedoch etwas, das die drei auf sehr bezeichnende Weise miteinander verband und ihre verwandtschaftlichen Bande deutlich werden ließ: keiner der Brüder hatte Kinder. Jeder distanzierte sich auf seine Weise davon, Vater zu werden. Hinter allen vorgeschobenen Gründen glaubte Lydia zumindest bei ihrem Mann den tatsächlichen gefunden zu haben. Es lag an seiner als krisenhaft und in der Rückschau als schmerzlich empfundenen Kindheit, die ihm seine Eltern bereitet hatten. Weil sie um diese Problematik wusste, hatte Lydia stets nachgegeben und nicht weiter auf ihrem eigenen Herzenswunsch nach einem Kind bestanden. Inzwischen fühlte sie sich zu alt und sie kompensierte diesen Verlust durch ihre soziale Arbeit. Auf der anderen Seite blieb aber an den Abenden, die ihr Mann zurückgezogen in seinem Arbeitszimmer unter Büchern begraben verbrachte, eine leere und taube Stelle in ihrer Brust. Manchmal glaubte sie sie sogar durch einen unauffälligen, nebensächlichen Schmerz, eine gewisse Druckempfindlichkeit lokalisieren zu können. Sie sprach nie mit Manfred darüber. Er hätte ihr wahrscheinlich auch nicht ersthaft zugehört. Seine eigene Krise nahm ihn vollkommen in Anspruch. Niemand ist so egozentrisch wie ein Mensch mit Problemen, er erwartet, dass jeder um ihn herum sie zumindest ebenso ernst wie er selbst nimmt. Probleme der anderen stören da nur. Beleidigt zu sein war ein Grundcharakterzug Manfreds; er konnte aus diesem Gefühl heraus zu gehässigen Attacken neigen. Deshalb übte Lydia, was sie am Besten konnte, ihre stumme, schüchterne Zurückhaltung, mit der sie ihre Liebe zu ihm auszudrücken versuchte. Manchmal hatte sie den seltsamen Gedanken, sie würde nur Frauen kennen, die lieben, Männer taten etwas anderes, sie wollte es in Ermangelung eines anderen Wortes "assimilieren" nennen.
    „Lydia! Wo sind deine Gedanken?" fragte plötzlich Siegfried, sie hatte zumindest den Eindruck, dass er es plötzlich tat. Er klang eine kleine Spur amüsiert und zugleich vorwurfsvoll. Es gelang ihm hervorragend, seine dunkle Stimme mit allen möglichen Stimmungsandeutungen zu modulieren. Sie zuckte schuldhaft zusammen. Ja, wo waren ihre Gedanken? Sie wusste es wirklich nicht.
    „Was willst du also von mir?“ fragte Lydia deshalb ablenkend und nippte an ihrem süßen Sherry. Sie bewunderte dabei heimlich die Lebensart ihres Gegenübers; den bekannten, wenngleich nicht allzu erfolgreichen Künstler, der seine Nachmittage in einem Cafe versitzen, Weißwein trinken, den Kopf in die Wolken stecken und intellektuelle Gespräche führen konnte. Er hatte außer dem dunklen Bariton so überhaupt nichts mit ihrem Mann gemein und umgab sich mit einer Aura, die ihr das Gefühl gab, er könne hellsehen. Oder hatte sie vielleicht ihrer alten Unart nachgegeben und gerade ihren letzten, ihr selbst obszön erscheinenden Gedanken nahezu lautlos geflüstert? Siegfried jedenfalls seufzte, dann beugte er sich nach vorn. Er roch seltsam, nicht unangenehm oder abstoßend, sondern überraschend auffällig nach Krankenhaus, Medikamenten und Desinfektion, leicht überdeckt von der Patchoulinote seines Mariahuanakonsums. Es war nicht der chemische Geruch, den sie von einem mit Verdünnern und Ölfarben hantierenden Maler erwartete, er war anders, medizinischer. Siegfried senkte seine Stimme.
    „Es geht um meine Eltern. Ich werde mit ihnen nicht mehr fertig. Und ich will damit auch nicht mehr von Klaus und Manfred allein gelassen werden. Als ob sie mit dem bisschen Geld, das sie monatlich beisteuern, irgendwie meine Arbeit aufwiegen könnten. Sie haben sich nur auf eine billige und bequeme Art aus der Verantwortung gezogen." Mit jedem Satz war er lauter und zorniger geworden. Jetzt stockte er, mit den Fingern schnippend. Dann sah er auf die durch diesen unerwarteten Angriff vor den Kopf gestoßene Lydia, die gerade dabei war, sich in den Schutz ihres Schneckenhauses zurückzuziehen, was sie durch eine erstarrte Statuenhaftigkeit, an der jede Attacke abprallte, andeutete und die sie im Laufe ihrer Ehejahre nahezu perfektioniert hatte. Sontheimer nahm schnell ihre Hand und schaffte es durch diese entwaffnende Geste gerade noch rechtzeitig, den Fuß in die Tür zu bekommen. Er drückte die Hand verschwörerisch.
    „Lass mich noch einmal beginnen. Vorwürfe nützen nicht und sie sind bei dir auch an der falschen Adresse. Ich war vor kurzem beim Arzt. Ich fühlte mich oft müde und erschöpft und vertrug überhaupt keinen Alkohol mehr. Bis auf meine Nierenwerte ist alles in Ordnung, die allerdings sind bedrohlich. Unterfunktion nennt man das, chronische Niereninsuffizienz. Der Arzt versucht sie erst einmal mit einer Diät und mit Medikamenten in den Griff zu bekommen. Bringt das keinen Erfolg und danach sieht es im Moment aus, muss ich einmal in der Woche zur Dialyse. Und das wäre wahrscheinlich erst der Beginn."
    Jetzt war es Lydia, die Siegfrieds Hand hielt und sie am Zurückziehen hinderte. Mit einem Mal bekam dieser Mann für sie eine neue Nuance, eine Seite, die ihr Bild von ihm veränderte und seine anderen Lebensweisen unter einem ganz neuen Licht erschienen. Das war etwas, das Lydia vor vielen Menschen auszeichnete und sie für die Familienberatung so geeignet machte: Sie machte sich nie ein festes Bild von ihrem Gegenüber, das maßte sie sich nie an. Jeder war für sie eine Vielfalt, die sich einer Einengung auf einige wenige Vorurteile widersetzte. Siegfried hatte ihr das eben wieder bewiesen.
    Seine Krankheit gab dem kleinen, gelbgesichtigen Mann etwas zusätzlich Verletzliches. Für einen Moment glaubte Lydia zu erkennen, wie ängstlich Siegfried Angst war, weil er bewusst in den Abgrund seiner eigenen Sterblichkeit gesehen hatte. Dann zog er seine Hand zurück und richtete sich gerade, rückte mit einem spöttischen Lächeln die Maske zurecht.
    Lydia kniff die Augen zusammen, von der plötzlich kräftig durch die Scheiben des Cafes scheinenden Sonne geblendet. Das kurze Gewitter war vorbei, die Wolken verzogen sich und das überraschend heiße Frühjahr konnte wieder seine nur kurz angegriffene Herrschaft ausüben.
    „Was ist mit deinen Eltern?" fragte Lydia und beschattete ihre Augen mit der flachen Hand. Die Eltern hatten eine Hauptschuld an dem Zerwürfnis der Brüder. Siegfried wohnte noch in ihrem Haus und kümmerte sich um die noch rüstigen alten Leute. Dafür erhielt er von seinen Brüdern eine monatliche Zuwendung, die die beiden erst vor kurzem widerstrebend erhöht hatten, weil Siegfried eine Haushaltshilfe anstellen wollte, die ihm beistehen sollte. Die Eltern waren alles andere als arm, der Vater hatte als ehemaliger Amtsrat eine hohe Pension. Allein das große Haus in der besten Stadtrandlage mit dem riesigen Gartengrund war ein kleines Vermögen wert. Das Ehepaar ging allerdings mit seinem Geld äußerst sparsam, um nicht zu sagen, geizig um. Lydia hatte die Eltern ihres Mannes nur wenige Male gesehen und war von ihnen kühl und abweisend behandelt worden, als wäre ihre Heirat, an der übrigens nur ihre eigene, inzwischen verstorbene Mutter teilgenommen hatte, eine Mesalliance.
    „Du weißt es nicht."
    Siegfried lachte auf.
    „Davon will also mein Herr Bruder nichts wissen. Das passt ihm nicht zu Novalis und Hölderlin. Das wahre Leben ist eben erschreckend trivial."
    Er atmete tief ein. Erneut zwang er sich zur Ruhe.
    „Dir ist sicher bekannt, dass meine Eltern sich nicht mögen... Ach, lass uns Klartext reden: Sie hassen sich und dieses Zerwürfnis ist dreißig Jahre alt. Ich habe mich oft gefragt, warum sie zusammengeblieben sind. Ich habe dafür zwei Erklärungen: Die simple ist, eine Trennung wäre ihnen einfach zu teuer gekomme. Ich glaube aber eher, sie blieben zusammen, weil keiner dem anderen die Freiheit oder das Glück gönnte, ohne den anderen zu sein. Ich meine, sie ließen sich nicht scheiden, um sich besser quälen zu können. Und dann gab es natürlich noch uns Kinder, in denen jeder der beiden Verbündete für sich suchte; Verbündete und natürlich auch die Liebe, die sie brauchten. Diese meinten sie, mit ihrem Geld und allerlei Gefälligkeiten erkaufen zu können. Damit sind sie Kinder ihrer Zeit. Sie verfolgten uns regelrecht mit ihrem Bedürfnis nach Zuneigung. Und wehe, einer der beiden errang einen irgendwie gearteten Vorteil, erhielt kurz mehr Aufmerksamkeit durch einen von uns, was weiß ich, indem Papa einen Ausflug mit Klaus unternahm oder Mama Werner das gewünschte Buch schenkte. Sofort verdoppelte der andere seine Bemühungen, versuchte das Verhältnis zu unterwandern, zu sabotieren. Ich werde ihnen das nie verzeihen: Einer machte ständig den anderen schlecht und wir hatten nie Eltern. Wir hatten nicht einmal unsere Ruhe. Bald war das Zerwürfnis so fortgeschritten, dass sie die Wohnung zwischen sich aufteilten: Jeder hatte seinen eigenen Wohn- und Schlafbereich, der für den anderen tabu war. Damit minimierte sich die Chance einer zufälligen Begegnung. Sie aßen auch zu unterschiedlichen Zeiten und es war für sie immer ein Triumph, wenn jemand von uns Kindern sein Mahl teilte. Natürlich kochte Mama nur für sich und die Kinder, Papa lebte so lange von Tiefkühlkost oder Wirtshaus-Essen, bis ich die Küche in meine Obhut nahm. Auf die gleiche Weise teilten sie dann auch die Kinder unter sich auf. Klaus kam sozusagen zu Mama, Manfred zu Papa. Das war der Beginn des Streites zwischen uns Brüdern. Es ist zum Lachen: Die Brüder Karamasoff - Die Brüder Sontheimer. Eine banale Geschichte eben... das Scheitern einer Familie. Das wird dich langweilen, denn schließlich wirst du täglich damit konfrontiert."
    Lydia nickte abgelenkt, obwohl ihr solch eine extreme Konstellation nur selten begegnete. Aber Siegfried hatte schon recht: Es war nichts Neues, es gab im Glück wie im Unglück nichts Neues. Es war im Grunde immer die gleiche Geschichte, auch wenn sie jedesmal ein anderer erzählte. Lydia war jedoch etwas aufgefallen, auf das ihr Instinkt sofort ansprang. Sie hatte im Laufe der Jahre gelernt, gerade auf die Dinge zu achten, die ihr Gesprächspartner ausließ.
    „Und du? Zu wem gehörtest denn du?"
    Ihr war nicht entgangen, dass Siegfried seine Rabeneltern noch immer wie ein Kind mit Mama und Papa benannte. Der Maler zögerte sichtlich, dann lächelte er.
    „Zu niemandem, denn das hätte das Gleichgewicht zerstört", antwortete er betont obenhin.
    „Ich stand immer im Niemandsland zwischen den Fronten und bekam die Munition von beiden Seiten ab. Daran hat sich bis heute nichts verändert. Ich hatte das gleich schlechte Verhältnis zu allen, deshalb konnte ich wahrscheinlich bei meinen Eltern bleiben. Meine Brüder haben sich ja sofort nach ihrer Volljährigkeit davongestohlen und ihr schlechtes Gewissen auf die Art ihrer Eltern mit Geld beruhigt. Wie lange war dein Mann schon nicht mehr bei Papa? Fünf, sechs Jahre? Oder sogar länger? Papa fragte, solange er das noch konnte, jeden Tag nach ihm. Von Klaus will ich ganz schweigen. Dass er kranke Eltern hat, passt nicht in sein Weltbild vom dynamischen Erfolgsmenschen, das ist ihm zu peinlich. Er schreibt Mama manchmal zu Weihnachten eine Karte. Ihren Geburtstag vergisst er immer."
    Lydia betrachtete ihren Schwager mitleidig. Wie viel er hinter seinen bitteren Worten an zurückgewiesener Sohnesliebe, leidvollen Erfahrungen und Trauer verbarg, konnte sie wahrscheinlich nicht einmal erahnen. Ihr stand auch nicht das Recht zu, hier nachzuforschen. Siegfried hatte bereits genug Vertrauen bewiesen, indem er sich bis zu diesem Punkt öffnete. Aber erneut war ihr etwas aufgefallen.
    „Was meintest du, als du sagtest, dein Vater habe, so lange er konnte, nach Manfred gefragt?"
    Siegfried fuhr sich über die kurzen Stoppeln seiner Beinaheglatze, die ihn um zehn Jahre älter erscheinen ließ, als er war.
    „Er hat es dir also nicht erzählt", stellte er fest. Diesmal schwangen eine vorwurfsvolle Nuance und die nicht gestellte Frage mit, ob in ihrer Ehe alles in Ordnung war. Lydia errötete wieder einmal.
    „Papa hatte vor drei Jahren einen schweren Schlaganfall. Er kann nicht mehr sprechen, sich kaum mehr bewegen und inzwischen ist er auch bettlägrig. Das war der Grund, aus dem ich eine Krankenschwester angestellt habe."
    „Und deine Mutter?"
    „Mutter war anfänglich davon begeistert. Schließlich hatte sie trotz ihres Rheumas und ihrer allgemein kränklichen Verfassung auf einmal gute Chancen, ihn zu überleben und zu beerben. Die Planung, wie sie sein Geld anlegen würde, nahm sie völlig in Anspruch. Dann begannen im letzten Jahr diese Schmerzen in ihrem Unterleib, die auch sie ans Bett fesselten. Wenigstens davon wirst du ja wohl wissen, denn ich habe Manfred mehrmals wegen des Sorgerechtes geschrieben."
    Er stockte und betrachtete Lydia scharf. Dann lachte er bitter auf.
    „Mein Bruder ist der Weltmeister der Verdrängung. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Um dich kurz auf den Stand der Dinge zu bringen: Man hat bei Mutter ein bösartiges Geschwulst festgestellt. Es hat inzwischen die Größe eines Handballs. Sie hat Krebs - er bildet bereits Metastasen aus. Eine Operation wäre längst sinnlos. Sie hat vielleicht noch ein halbes Jahr zu leben, vielleicht auch weniger."
    „Weiß sie..."
    „Nein, die Ärzte haben es ihr nicht gesagt. Und die Schmerzmittel halten Mutter einigermaßen schmerzfrei."
    Siegfried zögerte.
    „Ich könnte ein Krankenhaus aufmachen."
    Obwohl es Lydia erwartete, lachte er nicht über seinen schlechten Scherz. Sie sah hinunter auf den nicht sehr sauberen Boden des Cafes. Ihr war, als sähe sie in einen Abgrund. Ihr schwindelte und jetzt war sie froh über den Sherry, den ihr Schwager für sie bestellt hatte.
    „Das ist ja entsetzlich", stellte sie fest.
    „Und ich hatte keine Ahnung. Manfred hat mir nichts gesagt."
    Und ich hätte ihm wahrscheinlich auch nicht geglaubt, fügte sie in Gedanken hinzu. Im selben Moment begann sie an der Darstellung von Siegfried zu zweifeln. Konnte es in einer einzelnen Familie so viel Zerwürfnis und gleichzeitig Krankheit geben? Schließlich hatte der Maler sie heute schon einmal belogen und sie mit einer erfundenen Schwägerin angelockt. Forschend sah sie Siegfried in die Augen und diesmal senkte er wie beschämt den Blick. Trotzdem glaubte sie ihm. Er hatte ihr die Wahrheit erzählt oder doch zumindest das, was er für diese hielt. Zwischen dem Streit und den Krankheiten musste es einen Zusammenhang geben, kam ihr in den Sinn. Lydia verließ sich immer auf ihr Gefühl, auf jene innere Stimme, die ihr von Gott geschickt schien. Da konnte Manfred noch so hämisch reagieren, meist behielt sie recht. Gleichzeitig wuchs ihr Mitleid mit ihrem Schwager weiter. Wie konnte er auf diese Weise leben, zwei stark pflegebedürftige alte Menschen, die ihm nicht einmal Liebe entgegen brachten, versorgen und dabei selbst schwer erkrankt sein? Siegfried hatte recht: Er brauchte dringend Hilfe und es war nur natürlich, wenn er seine nächsten Verwandten darum anging. Da auch er ein einfühlsamer Mensch war, wusste er genau, welche die schwächste Stelle dieser Festung aus Gleichgültigkeit war. Lydia nickte entschieden.
    „Was schlägst du vor? Wie kann ich dich unterstützen?"
    Siegfried sah dankbar auf. Lydia konnte ihm seine Erleichterung anmerken.
    „Genügt dir das schon? Bist du denn so leicht zu überreden?" fragte er und klang beinahe hochmütig. Dabei bemerkte er, wie sehr er sich mal wieder verritten hatte.
    „Ich sollte lernen, zuerst zu denken und dann zu reden", schränkte er eilig ein.
    „Dann hätte ich sicher ein paar Probleme weniger. Aber ich habe wirklich nicht damit gerechnet... Ich glaubte dich mit Manfred der Meinung, es sein besser, mich weiter stillschweigend zu bezahlen. Es tut mir leid, dich nicht richtig eingeschätzt zu haben. Was für ein Sternzeichen hast du eigentlich?" Zum ersten Mal gelang es ihm, sein Gegenüber zum Lächeln zu bringen. Lydia wusste durch seine Schriften, wie stark er zur Esoterik neigte.
    „Selbstverständlich werde ich dir helfen", erwiderte sie.
    „Hast du schon einmal an ein Pflegeheim gedacht?"
    „Gedacht habe ich oft daran, das kannst du mir glauben, in der letzten Zeit täglich. Aber es gibt ein paar Gründe, aus denen ich mich scheue, diese Gedanken konkret werden zu lassen. Der erste hört sich für dich sicher sehr banal, um nicht zu sagen, eigensüchtig an. Es ist ein ökonomischer Grund: Ich habe mit meinen Eltern eine geschäftliche Vereinbarung. Ich pflege sie und kann dafür bei ihnen mietfrei wohnen und arbeiten. Weißt du, was das für einen nicht eben erfolgreichen Künstler wie mich bedeutet? Ich verdiene mit meinen Bildern nur wenig Geld, damit käme ich allein auf keinen Fall über die Runden. Ich müsste einen Brotberuf ergreifen. Zudem benötige ich für meine Kunst viel Platz, viel mehr als die üblichen Krepierwinkel, die es so als Atelier zu mieten gibt. Bei meinen Eltern habe ich ein ganzes Geschoss für mich. Deshalb kümmere ich mich lieber um meine alten Leute und bleibe bei ihnen wohnen. Das erscheint mir ehrlicher und kommt meiner Vorstellung von Freiheit näher als alle anderen Alternativen. Klar, ich verbiege mich jetzt etwas, unter einem anderen Blickwinkel verbiege ich mich sogar sehr. Aber das ist eben meine Auffassung. Und dann vergiss nicht: Mama wird bald sterben und ich weiß nicht, wie lange Papa sie überleben wird."
    „Du meinst, es lohnt sich nicht mehr?" kam ihm Lydia zur Hilfe.
    „Ja. Nein. Ich meine..."
    Lydia sah, wie er sich wand und bedauerte ihren nüchternen Einwurf.
    „Alte Bäume soll man nicht mehr verpflanzen. Sie wohnen seit über dreißig Jahren in dem Haus. Sie haben es sich verdient, dort auch ihre letzten Tage zu verbringen."
    Siegfried biss sich auf die Unterlippe. Da gab es noch etwas, das er ihr verschwieg, das konnte Lydia spüren. Aber es war besser, nicht weiter in ihn zu drängen. Sie wollte erneut fragen, wie sie ihm helfen konnte. Da beugte er sich plötzlich beteiligt nach vorn.
    „Wie lange hast du heute noch Zeit?" Lydia sah langsam auf ihre Uhr, obwohl sie eine sehr genaue Vorstellung davon hatte, wie spät es war.
    „Manfred kommt gegen fünf aus der Schule heim. Aber ich habe ihm sein Abendessen bereits gerichtet."
    „Du hast also noch ein paar Stunden. Das ist schön. Pass auf: Wie wäre es, wenn wir zu mir fahren? Dann kannst du dir dort ein Bild machen. Hier in dem Cafe ist ein schlechter Ort, um solche Dinge miteinander zu bereden. Ich finde, in Cafes können Gespräche immer nur an der Oberfläche bleiben", erklärte er und sah sich schon nach der Bedienung um.
    Es war deine Idee, mich hier treffen, dachte Lydia. Diesen Ortswechsel hatte er von Anfang an geplant. Aber er wollte offenbar zuerst einen neutralen Treffpunkt, um das Terrain zu sondieren. Ob er ahnte, wie leicht sie ihn durchschauen konnte? Wahrscheinlich war er zu sehr von sich eingenommen und beglückwünschte sich innerlich für seine Cleverness.
    Lydia zuckte mit den Schultern. Dann fiel ihr Manfred ein und etwas in ihrer Brust drängte schmerzhaft nach außen.


    [Diese Nachricht wurde von Klammer am 30. März 2003 editiert.]
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  2. #2
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    AW: Die fürsorgliche Schuld - Teil I

    Gefällt mir.
    Aber:
    "Es war früher Nachmittag, aber man hatte in dem Lokal wegen der heranziehenden, tintenschwarzen Wetterfront die Beleuchtung eingeschaltet. Das gelbe, unzureichende Licht erzeugte eine müde, weinerliche Stimmung in dem Gastraum."
    Diese Wortpärchen scheinst Du gern zu nutzen. Aber innerhalb von zwei Sätzen 3 x 2 blumige Worte zur Stimmungsschilderung - das hat mich in meinem Lesefluß gestört und unterbrochen. Könntest Du das etwas kürzen?


    "Lydia klappte im Eingang stehend ihren Regenschirm zusammen. Bei diesem leichten Geräusch wanderten alle Augen zu ihr. Jemand hustete. Obwohl die Blicke flüchtig und desinteressiert waren, denn die graue Gestalt der mageren Frau wurde ja nur selten einer zweiten Begutachtung für wert empfunden, wich sie wie unter einem körperlichen Angriff zurück, suchte den Schutz der Wand hinter ihr, halb gegen eine Nische neben der Tür gewendet. "
    Die Unscheinbarkeit der Dame hast Du eigentlich schon weiter oben abschließend behandelt, so daß der Hinweis hier nicht viel Neues mitteilt.
    Wie wäre es mit:
    "Lydia klappte im Eingang stehend ihren Regenschirm zusammen. Für einen Augenblick wanderten alle Augen zu ihr. Jemand hustete. Doch obwohl es die gewohnt desinteressierten Blicke waren, die sie streiften, wich sie wie unter einem körperlichen Angriff zurück, suchte den Schutz der Wand hinter ihr, halb gegen eine Nische neben der Tür gewendet."

  3. #3
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    AW: Die fürsorgliche Schuld - Teil I

    Freund Klammer, ich habe so ein merkwürdiges Gefühl: Warum so konservativ in der Schilderung, was bezweckst Du? Irgend etwas reitet Dich, daß Du uns Allerwelt zumutest. DA STECKT DOCH WAS DAHINTER! DAS BIST DOCH NICHT DU, DER ZULETZT DIE ANTILOPEN VERBROCHEN!


    Erlöse mich von dem Übel, setze fort oder beichte. Ansonsten zerreiße ich Deine Widersprüche.


    Grinsend, H.

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Die fürsorgliche Schuld - Teil I

    Lieber Beh, Freund Hannemann,


    ich hatte einfach Lust, nach den Anziehpuppen in ANTILOPEN einen "konservativen" Text mit echten Menschen zu schreiben - mit all den Konsequenzen, die das mit sich bringt. Es ist nichts weniger als der Versuch, selbst erlebte Welt in die Hand zu nehmen, sie zu formen und dem Leser detailliert (blumig) in die Hand zu geben, ihn mit-fühlen, mit-leben zu lassen... Obwohl im Forum gerne gegen diese Art des Schreibens gewettert wird und mir natürlich wieder der Vorwurf begegnet, ich würde zu viele Adjektive benutzen ("Zu viele Noten, Herr Mozart"), ist es doch meine ureigentliche Art zu schreiben.
    Genügt das als Beichte?
    Aber du hast recht, Beh, zu viel ist zu viel, deine beiden Kritikpunkte nehme ich in die Überarbeitung auf.


    Gruß, Klammer
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  5. #5
    rodbertus
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    AW: Die fürsorgliche Schuld - Teil I

    Adjektive sind doch keine Noten, manchmal sind sie es, aber zumeist sind sie Pausen zwischen den Noten, denke ich. Die Musik macht das Verb.

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Die fürsorgliche Schuld - Teil I

    In den Katakomben dieses Forums gibt es eine Erzählung, die "das kleine Licht" heißt. Dort wird erzählt, was aus Manfred geworden ist. "Die fürsorgliche Schuld" spielt einige Jahre vorher.


    Gruß, Klammer
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  7. #7
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die fürsorgliche Schuld - Teil I

    Lieber Klammer,


    da du die Güte, die deine Texte für deine Leser hier haben, offenbar hauptsächlich an der Anzahl der Reaktionen festmachen möchtest, möchte ich mit meiner hierzu nicht länger hinter dem Berg halten. Ich habe dieses gerne gelesen und werde am Ball bleiben, weil das Thema und deine Herangehensweise mir grundsätzlich nahe steht.


    Du schreibst uns eine längere Geschichte, in dessen Zentrum eine Familientragödie, ein Bruderzwist, steht und beginnst mit Lydia, einer Angeheirateten. Also vom Fernen zum Nahen. Soweit gut. Jedoch hat mich der Plot, mit dem du einsteigst (Siegfried bittet eine Freundin sich als seine Frau auszugeben, damit Lydia kommt) genervt. Eine Schleife zuviel für meinen Geschmack. Sie wirkt, wie du sie zeichnest, nicht so, als wenn das nötig wäre. Wenn ich solche Texteingänge lese, ertappe ich mich stets dabei zu überfliegen. Wohl, weil ich sie eben konstruiert empfinde.


    Lieben Gruß von
    Trist

  8. #8
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Die fürsorgliche Schuld - Teil I

    Liebe Trist,


    mein Vergleich der "Fürsorglichen Schuld" mit den "Labyrinthen" war etwas unglücklich formuliert. Es ist nur so, dass die "Schuld" eine Herzensangelegenheit ist. Beide Texte sind meine Kinder, aber es tut eben manchmal weh, wenn eines dem anderen vorgezogen wird.

    Zu deiner Kritik:
    Der Text leidet sicher daran, dass die Figuren auch in anderen Geschichten von mir vorkommen und sie mit ihrem Charakter schon fertig vor mir stehen. Für Siegfried ist solch eine Charade typisch. Ich vergesse nur im Eifer manchmal, dass ich dieses Wissen beim Leser nicht voraussetzen kann. Du hast recht, diese Stelle muss ich überarbeiten.


    Falls du Lust hast, eine größere Lesestrecke zu gehen, dann setze ich hier noch einen Ausschnitt aus meinem Roman "Nutzlose Menschen" an, der die Brüder Sontheimer ein paar Jahre später zeigt.


    Gruß, Klammer
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  9. #9
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die fürsorgliche Schuld - Teil I

    Also ein Kapitel aus einer Romanfolge, das du hier als Happen servierst. Dann würde ich gerne mehr davon probieren.


    Hier oder per Mail. Wie du magst.


    Lieben Gruß von
    Trist

  10. #10
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Die fürsorgliche Schuld - Teil I

    erstellt von Klammer: 1. Kapitel


    Lydia


    Lydia Sontheimer blieb erneut stehen und stemmte ihren Regenschirm gegen den Wind. Ohne sich dabei bewußt wahrzunehmen, musterte sie versonnen ihre Gestalt, die sich für einen Augenblick durch einen nahen Blitz holzschnittartig im undeutlichen, verdoppelnden Spiegel der Fensterscheibe eines Cafes abbildete.
    Daß der Blitz NAH ist, muß hier eine Bedeutung haben, sonst ist es Brokat. Ebenso verhält es sich mit ERNEUT. Allerdings stellt sich die Frage, inwiefern Adverbien den Anfang eines Textes hinlänglich strukturieren dürfen: Sie erfordern die Aufmerksamkeit des Lesers, der sich fragt, was NAH und ERNEUT zu bedeuten haben. Und sie haben etwas zu bedeuten. Aber soll die Aufmerksamkeit in diese Richtung gelenkt werden?
    Sie war keine Schönheit, und sie war auch nicht häßlich, nur eine weitere, durchschnittliche Erscheinung inmitten der amorphen Menschenmassen dieser Stadt, eine unscheinbare Frau Mitte Vierzig, mausgrau, dünn und klein, mit großen braunen Rehaugen und einem schlanken, dem Auge schmeichelnden Körperbau. Dabei war sie auf eine so vollkommene Weise durchschnittlich, daß sie für einen feinen Beobachter durch eben ihre Unauffälligkeit schon wieder zu etwas Besonderem wurde.
    Nö. So nit. Also, was nun? Durchschnittlich ist nicht "schmeichelnder Körperbau", ist nit "große rehbraune Augen"... Diese Frau besticht durch die Widersprüchlichkeit. Wenn Du sie als DURCHSCHNITTLICH beschreibst, dann nicht mit dieser Hingabe. Hingabe ist nicht durchschnittlich, durchschnittliche Hingabe ist Indifferenz. Das ist das Traurige in der Welt. Oder bezweckst Du für den weiteren Verlauf des Ganzen hier eine ästhetische Insubordination?
    Leider gibt es nur nur noch wenige Beobachter, sie sterben aus.
    Steht hier falsch. Wir sind am Anfang. Wenn das Beobachten Thema des Ganzen wird, dann soll es mir hier willkommen sein. Doch dann müßtest Du anfangs den Blitz in ein anderes Licht tauchen.
    Je mehr die Augen zu sehen bekommen, um so stumpfer und gleichgültiger werden die Blicke.
    Wessen Meinung ist das? Der Verifizist fragt jetzt nach einem empirischen Beleg!
    Lydias Mann Manfred war eine der seltenen Ausnahmen: Er hatte, zumindest als sie sich lieben lernten, das Sehen noch nicht verlernt.
    Unnötiger Sprung. Bleiben wir bei Lydia, von der aus wir meinetwegen zu Manfred kommen können, aber kommen wir nicht von Manfred zu Lydia.
    Aber auch er schien seine Frau seit ein paar Jahren kaum mehr wahrzunehmen. Sie war aus seinem Blickfeld verschwunden wie ein schönes Bild, das man in sein Wohnzimmer hängt und an dessen Anblick man sich allzu schnell gewöhnt. Lydia litt darunter, konnte aber nichts dagegen tun, denn ihr dominantester Charakterzug war eine nahezu pathologisch zu nennende Schüchternheit, die sie zum stummen Schatten ihres redseligen und kontaktfreudigen Mannes verurteilte.
    Jetzt zerbrach der Donner langgezogen und knisternd, nur wenige Sekunden nach dem Blitz. Lydia seufzte grundlos, dann entschloß sie sich doch, das Cafe zu betreten. Die Neugierde trug endlich den Sieg über ihre Scham davon.
    Kommentar ohne Not.
    Ohne den drängenden, dabei so geheimnisvollen Anruf ihrer Schwägerin, von der sie bislang nicht einmal gewußt hatte, daß es sie gab, und deren Bitte, sie hier zu treffen, wäre sie wahrscheinlich nie in das Lokal gegangen.
    Das ist wahrlich kein schöner Satz. Ich wage auch zu bezweifeln, daß Du ihn hier (inhaltlich) in anderer Form wiedergeben müßtest. Warum solltest Du dem Leser etwas erklären, was schrecklich langweilig ist? Du nimmst der Hauptperson eine Ebene, machst sie langweiliger. Erklärungen haben oft etwas sehr Langweiliges.
    Sie war sogar mehrmals zögernd und unentschieden an dem Cafe vorbeigelaufen, aufmerksam und vergeblich versuchend, einen Blick hinter die mit Stores verhängten Scheiben zu werfen.
    Wenn Du sie das tun läßt, ohne irgend etwas zu erklären, wird der Text spannender.
    Nun half ihr auch der stärker fallende Regen des nahenden Gewitters bei ihrem Entschluß.
    Den regen laß fallen, auch setz sie in Bezug dazu, aber erklär nicht, welche Wirkung er auf einen Entschluß haben könnte. Vielleicht ist der regen manchmal beredt genug. Sie friert, sie will nicht im Regen stehen...
    Es war früher Nachmittag, aber man hatte in dem Lokal wegen der heranziehenden, tintenschwarzen Wetterfront die Beleuchtung eingeschaltet.
    Schon wieder eine Erklärung. Tatbestand nennen. Das reicht hin. MAN HATTE ist nit unbedingt einfallsreich.
    Das gelbe, unzureichende Licht erzeugte eine müde, weinerliche Stimmung in dem Gastraum. Nur wenige Leute saßen verstreut an den Bistrotischen, die meisten von ihnen waren in eine Zeitschrift vertieft. Der Kellner lehnte gelangweilt an der Bar und drehte mit einem Zeigefinger in der künstlichen Lockenpracht seiner blondgefärbten Haare. Das Mädchen hinter der Theke beschäftigte sich mit einem Kreuzworträtsel. Sie trug einen viel zu kurzen Rock über ihren dicken Schenkeln.
    Diese Art Beschreibung gefällt mir. Davon mehr.
    Nachdem Lydia die widerstrebende Tür hinter dem Straßenlärm und dem rauschenden Regen geschlossen hatte, war es erstaunlich still. Nur das Knistern der Zeitungen und das stoßweise, dampfige Atmen der großen Espressomaschine waren zu hören.
    Hier geht es knapper. Bedeutungsvoll wäre es, wenn sie drin den Regen auch hören würde, nicht ueberall, aber beinahe ueberall.
    Der unaufdringliche Schweißgeruch von frischgemahlenem Kaffee stieg ihr in die Nase.
    Genauer.

  11. #11
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die fürsorgliche Schuld - Teil I

    Lieber Klammer,


    kommt der Text noch? Oder auch in den Osterferien?
    Zur Zeit ist der Leseeindruck noch frisch!


    Lieben Gruß von
    Trist

  12. #12
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Die fürsorgliche Schuld - Teil I

    Entschuldige, liebe Trist,


    ich hatte die Woche viel zu tun. Der Text kömmt, ich wollte nur noch ein wenig mit dem Schleifpapier drüber gehen.
    Ich fahre allerdings ein paar Tage nach Prag, deshalb wirst du dich wahrscheinlich bis Ostern gedulden müssen.


    Lieber Robert,


    es ist schön, mal wieder ein wenig Textarbeit von dir zu bekommen, auch wenn ich eigentlich dachte, wir machen bei den Antilopen weiter. Deine Anmerkungen sind jedoch sehr sinnvoll, du siehst, dass du es hier mit einem Sorgenkind von mir zu tun hast.


    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  13. #13
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: Die fürsorgliche Schuld - Teil I

    da frage ich mich doch, ob es hiervon noch einen zweiten teil gibt. die konstruktion der figuren ist widersprüchlich genug, als daß es poetische möglichkeiten zu hauf geben sollte.

  14. #14
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Die fürsorgliche Schuld - Teil I

    Gibt es. Aus "Die Fürsorgliche Schuld" ist ein Roman geworden, den ich wahrscheinlich nächstes Jahr veröffentlichen werde. Hier übrigens ein Link zu den Büchern, die ich bis jetzt herausgebracht habe:

    https://www.epubli.de/shop/autor/Nikolaus-Klammer/19672

    Grüße, Nikolaus
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

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