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Thema: Eismanns Wille - Kurzgeschichte

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Post Eismanns Wille - Kurzgeschichte

    Eismanns Wille


    Du willst wissen, wie ich Eismann traf?
    Weißt du, ich saß an diesem warmen Nachmittag spät und erschöpft hier auf meiner Bank im Stadtpark. Ich war unschlüssig, was ich mit dem Abend noch beginnen sollte. Eismann setzte sich schwerfällig neben mich. Bevor er etwas sagte, konnte ich ihn riechen: Er war eine Mischung aus vielen Gerüchen, sehr viel Seife war dabei, ein wenig Urin, Sandelholz und Abgestandenes, Fauliges. Und noch viel mehr, für das ich keine Worte habe. Er begann sofort ein Gespräch; das heißt, er sprach auf mich ein und ignorierte meine abweisende Haltung. Ich wand den Kopf dort hinüber, weg von ihm, der aufdringlichen, grauen Masse, die ich nicht sehen, mit der ich einen Augenkontakt vermeiden wollte.
    Dort drüben, auf dem kurzgeschnittenen, gelbverbrannten Rasen, liefen ein paar Kinder umher. Sie waren verbissen bemüht, einander Weh zu tun. Sie stießen sich immer wieder gegenseitig zu Boden. Kein Kind lachte, keines weinte. Sie waren vollkommen eins mit ihrem Spiel. Nur selten wurde eine der hellen Stimmen laut, die dann zornerfüllt herüberklang.
    Der Mann neben mir sprach laut, aber was er sagte... glaube mir, das weiß ich nicht mehr. Vielleicht sprach er vom schwülen Wetter, vom unregelmäßigen Betrieb der Straßenbahnen, von Gott. Gleichgültig, er redete und ich nahm das Geräusch wahr, das er machte. Es war mir nicht unangenehm, es störte mich nicht, es unterstrich das seltsame Spiel dort auf der Wiese in angenehmer Weise, wie Musik. Es war wie eine Beschwörung, die die Kinder anfeuerte, einander Schmerzen zuzufügen. Dann erschreckten sie und rannten dort hinunter, an den Birken vorbei in die Büsche. Eismann hatte aufgehört zu reden. Jetzt, nachdem die Kinder nicht mehr zu sehen waren, war das auch nicht mehr notwendig.
    Ich sah ihn an. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich in diesem Augenblick erschrak, aber ein weiches, schwammiges Durchsacken im Unterleib empfand ich doch: Eismanns Gesicht ist zerstört, aufgedunsen, eine offene, brennende Wunde. Wie kann ich ihn beschreiben? Eismann ist eben er selbst. Als er lächelte, wurde mir übel. Dennoch betrachtete ich ihn weiter, es war mir nun gar nicht mehr möglich, etwas Anderes zu tun. Er trug dem warmen Tag zum Trotz ein abgenutztes, dickes Wolljackett und dazu eine fleckige, helle Hose. Sein Bauch quoll wie warme Hefe hervor, und über dem Gürtel spannte sich das Hemd zu grotesken Falten. Durch diese Körperfülle sah es so aus, als würde er auf der Bank nicht sitzen, sondern halb auf ihr liegen. Ich denke nicht, dass es ihm bei seiner Leibesfülle möglich ist, seine Arme vor sich zu verschränken.
    So sah ich Eismann. Es war sehr still, als wir uns begutachteten.
    Hier links ging eine Frau, mit ihren hohen Schuhen schwamm sie ungelenk mit den Armen rudernd durch den Kies. Sie hatte den Blick starr von uns gewandt. Ich sah sie aus den Augenwinkeln, ohne den Kopf zu drehen, denn ich betrachtete mit einer Mischung aus Interesse und Abscheu weiterhin mein Gegenüber. Ich konnte meine Augen nicht schließen oder sie auch nur senken, du verstehst. Da waren noch einmal Schritte und eine auffällige Krawatte, nein, ein Taschentuch, mit dem jemand, ich glaube, ein Mann, über seinen feuchten Mund fuhr, vielleicht noch eine Kamera, ich bin mir nicht sicher. Aber auch dieser Mann war schnell an unserer Bank vorbei; er schlenderte langsam hinter der Frau her.
    Eismann sagte seinen Namen, wiederholte ihn mehrmals, bis ich ihn verstand. Ich wollte in diesem Moment bestimmt lachen, das weiß ich bestimmt. Aber obwohl meine Bauchdecke krampfend zuckte, gelang es mir nicht, auch nur die Mundwinkel zu heben. Eismann schüttelte sachlich und deutlich missbilligend den Kopf. Er fragte mich, ob ich ihm aufhelfen könne. Er fühle sich in der letzten Zeit sehr erschöpft.
    Ich ging zurück ins Zimmer, das war dann etwas später. Ich wohnte in einem Hotel, in einer billigen Absteige in der Bahnhofsnähe. Du wirst sie nicht kennen. Am Empfang wurde ich von ein paar Leuten überrascht gemustert, aber niemand versuchte, mich aufzuhalten. Ich ließ die Tür meines Zimmers hinter mir geöffnet, damit Eismann nachkommen konnte. Der Raum war nicht groß, gerade ein Bett, ein Schrank und ein kleiner Schreibtisch hatten Platz gefunden. Meinen Koffer hatte ich noch nicht geöffnet, da ich erst mit dem Morgenzug angekommen war und ich mich sogleich in meiner neuen Firma vorgestellt hatte. Der Brief lag deshalb noch so auf dem Bett, wie ich ihn dort liegengelassen hatte. Sein Inhalt war der einzige Grund, aus dem ich in dieser Stadt eine Arbeit angenommen hatte.
    Den Brief habe ich erwähnt, weil Eismann zielstrebig auf das Bett zusteuerte, sich ächzend niederfallen ließ, ihn in seine fetten Finger nahm und las. Als ich das sah, hatte ich einen bewussten Moment und erkannte, was um mich vorging. Eismann war einen Nu unaufmerksam gewesen. Ich wollte ihm das Papier eilig aus der Hand reißen und ihm damit ins Gesicht schlagen, wieder und wieder, hinein in die Wundmale. Ich wollte ihm in den Unterleib treten, bis sich dieses Ungeheuer zu meinen Füßen auf dem Teppich wälzte. Du musst mir glauben, ich versuchte es und ging auf ihn zu, hob bereits die Hand zum Schlag. Aber es war mir nicht möglich. Mitten in dieser Bewegung zögerte ich, durch einen Blick von Eismann bezwungen. Ich war nur mehr dazu fähig, mich neben ihn zu setzen und die schorfigen Ränder seiner Narben zu streicheln. Ich hatte jetzt einen starken Brechreiz, aber ich beendete meine zärtlichen Bewegungen erst, als er den Brief nahm, ihn zerknüllte und achtlos zur Seite warf. Dann nahm er mit seinen weichen, schweißnassen Händen mein Gesicht. Er gab mir einen Kuss auf die Stirn.
    "Nicht jetzt", sagte er. Ich weiß es genau. Er sagte: "Nicht jetzt. Lass uns vorher etwas Essen gehen. Und dann erzählst du mir von deiner Frau und warum sie dir den Brief geschrieben hat."
    "Zwischen uns beiden klappt es einfach nicht mehr so richtig. Wir haben uns, wie nennt man das?, auseinandergelebt. Und dann hatte ich auch noch diese kleine Affäre mit dem Mädchen aus dem Nebenhaus. Das war nichts Ernstes, wir haben nur ein paar Mal miteinander geschlafen, aber meine Frau hat es erfahren. Jetzt redet sie von Scheidung. Ich dachte, es wäre das Beste, wenn ich diese Arbeit hier annehmen würde und ein paar Wochen Abstand schaffen könnte", sagte ich. Ich saß in dem Lokal unten am Ende der Straße beim Brunnen und war erschrocken, wieviel ich Eismann erzählte, der einen bemerkenswerten Appetit offenbarte. Man hatte uns gezielt in einen leeren Nebenraum geführt, der wahrscheinlich für Gesellschaften gedacht war, aber wir wurden schnell und zuvorkommen bedient. Der Kellner war zu Eismann freundlicher als zu mir. Er brachte ihm unaufgefordert nach dem Essen mehrere Klare, die Eismann wie selbstverständlich annahm. Eismann hörte mir kaum zu, ich merkte ihm an, dass ich ihn mit meinen Ehegeschichten langweilte, aber er unterbrach mich nicht und solange er das nicht tat, sprach ich weiter. Ich fühlte mich dazu gezwungen. "Gezwungen", das ist genau das richtige Wort.
    "Am meisten leidet unsere Tochter an diesem Zerwürfnis. Sie hat schnell gemerkt, dass zwischen uns etwas nicht in Ordnung ist. Sie werden das verstehen, sie ist noch zu jung, um unseren Streit zu begreifen. Das ist so, sie meint, wenn ihre Eltern sich nicht mehr lieb haben, dann haben sie ihre Tochter auch nicht mehr lieb. Das ist in ihrem Kopf drin, festgefressen, das geht nicht raus. Sie ist im Augenblick nicht fähig, in die Schule zu gehen, wir haben sie vom Unterricht befreien lassen müssen. Sie ist trotzig, aggressiv und weint häufig grundlos. Sie ist hysterisch. Wir waren bei einem Psychologen. Der hat vorgeschlagen, sie ohne Eltern auf Erholung zu schicken, in ein Kinderdorf. Aber da sind wir uns einig: Meine Frau will das nicht und mir ist es auch peinlich."
    Endlich lehnte sich Eismann zurück und bearbeitete mit einem Fingernagel seine fauligen Zähne. Als er die Fleischfaser erwischt hatte, die hängengeblieben war und ihn gestört hatte, musterte er sie eine Weile aufmerksam. Dann fuhr er seine breite, feuchte Zunge heraus und leckte genießerisch über seine Fingerkuppe. Er machte einen zufriedenen Laut. Ich redete noch immer, aber jetzt unterbrach er mich, fragte zudringlich.
    "Was soll ich sagen, das wird bei allen ähnlich sein. Am Anfang der Ehe, bevor das Kind kam, war es vielleicht anders; vielleicht auch nur häufiger, ich weiß nicht. Das ist nicht bedeutend für unsere Beziehung, zumindest bestimmt nicht das Bedeutendste. Ich meine, das kann nicht der Grund für unsere Trennung sein. Aber natürlich, es kann sein, dass sie gelitten hat. Bei dem Mädchen vom Nebenhaus war es ebenso, da war kein Unterschied, die gleichen Bewegungen, die gleichen Worte. Nur... mit dem Mädchen konnte ich danach reden. Ich wusste etwas zu sagen. Sie konnte zuhören."
    "Sei still", sagte Eismann. Ich schwieg erleichtert, winkte dem Kellner, der schon seit geraumer Zeit in der Nähe wartete. Ich bezahlte für uns beide. Weißt du, ich fühlte mich verpflichtet, ihm ein anständiges Trinkgeld zu geben. Danach stellte ich fest, dass ich nur noch kleine Münzen in der Brieftasche hatte. Was ursprünglich drei Tage hatte reichen sollen, war durch dieses eine Abendessen bereits erschöpft. Eismann strich langsam das Hemd über seinem aufgedunsenen Bauch glatt. Ich war erstaunt, dass die Knöpfe hielten. Mit einer liebevollen Bewegung berührte er seinen Unterleib, kratzte sich im Schritt. Dabei sah er mich mit einem Blick voller Selbstsicherheit und Begehrlichkeit an. Das war einer der seltenen klaren Augenblicke, die ich an diesem Abend hatte. Ich sah ihn so, wie er war: Ich sah den alten, fetten und schmutzigen Mann, sah seine perversen Gelüste und seine Begierden.
    Durch die Tür kamen ein paar Leute herein, eine Gruppe, die im großen Gastraum keinen Platz mehr gefunden hatte. Eismanns Blick wanderte erschöpft zu ihnen hinüber. Als sie ihn sahen, war es, als hätte sie jemand mit kaltem Wasser begossen. Sie verharrten unschlüssig, abwartend. Schließlich machte eine den Anfang, sie trat kopfschüttelnd wieder aus dem Raum. Die anderen folgten, zuletzt ein junger Mann, widerwillig, wie von unsichtbaren Fäden gezogen, sich vorsichtig umsehend.
    Diese kurze Störung hatte Eismann geärgert, aber als er sich wieder zu mir wandte, lächelte er, verzog sein zerstörtes Gesicht zu einer grauenvollen Maske, die mich an die Teufelsfratzen von Wasserspeiern erinnerte. Ich hatte als Kind nie Angst vor diesen steinernen Ungeheuern, habe sie schon damals als übertrieben empfunden. Jetzt erkannte ich, es waren tatsächlich echte Gesichter. Eismann hatte recht. Natürlich hatte ich Reiseschecks dabei. Sie lagen in meinem Koffer, die Karte bewahrte ich in der Innentasche meines Mantels. Er behauptete, dass er Lokale kannte, wo die Schecks gegen eine geringe Gebühr akzeptiert wurden. Er sagte, ich solle sie holen. Diesmal wartete er draußen vor dem Hotel. Als ich oben im meinem Zimmer war, fühlte ich mich von einer entsetzlichen Last befreit, fast glaubte ich, er hätte einen Fehler gemacht. Aber als ich die Zimmertür fest schließen wollte, war ich unfähig, es zu tun. Kannst du das begreifen? Das Ganze war nur eine weitere Demonstration seiner Macht. Ich nahm mein Scheckheft und die Karte, steckte auch noch das Geld ein, das ich in einer anderen Hose hatte. Eismann hielt mich auch über diese Entfernung unter Kontrolle, zwar nicht vollständig, das merkte ich an der Ruckartigkeit meiner Bewegungen, aber ich musste gehorchen.
    Wir gingen in mehrere Lokale und tranken, er viel Bier und ab und an einen Weinbrand, ich trank Nichtalkoholisches, Apfelsaft in der Hauptsache. Eismann wollte, dass ich nüchtern blieb. Wir waren in Ausschänken, in denen er kaum auffiel, heruntergekommenen Buden, die er vermutlich häufig besuchte, da sich niemand über ihn oder auch seine Begleitung wunderte. In dem billigen Stehausschank, dem da unten, wenn man die Straße nach rechts hinunter geht, gegenüber vom Krankenhaus, dort fuhr mir eine stark geschminkte Frau sanft durch das Haar und sie lachte zusammen mit Eismann über meine schüchterne Reaktion.
    Wir waren danach wieder auf der Straße, später. Da war Eismann schon betrunken, er wankte nicht, er ging nur noch ein wenig schwerfälliger. Auch seine Sprache war langsamer, er schwitzte jetzt und sein Sandelholzgeruch wurde stärker und süßer. Er stützte sich schwer gegen meine Schulter und flüsterte ein paar Zärtlichkeiten. Dann kam uns ein Paar entgegen, mit einem Kind, einem Jungen, der noch nicht in die Schule ging. Es war spät, gegen Mitternacht. Weißt du, ich dachte noch, um diese Zeit gehöre das Kind doch längst in sein Bett. Der Junge sah uns und erschrak wohl, denn er schrie; er blieb vor uns beiden stehen, stampfte mit dem Füßen und schrie gellend. Das schmerzte in den Ohren. Ich sagte hilflos ein paar Worte. Die Mutter kniete sich zu dem Kind herab, versuchte, es zu beruhigen. Der Vater entschuldigte sich stammelnd. Ich schob Eismann, der nicht eine Miene verzog, weiter. Ich hatte zu Recht Angst vor seiner Reaktion auf diese Belästigung. Denn, schau, als wir schon fast an den Leuten vorbei waren, bewegte er sich plötzlich mit einer Wendigkeit, die ich ihm nicht mehr zugetraut hätte. Er machte einen schnellen Schritt auf den Vater zu, stieß die fassungslose Mutter mit dem Kind beiseite und schlug dem Mann mehrmals fest mit der geballten Faust ins Gesicht, so lange, bis der zu Boden stürzte. Dann trat er ihn. Ich wollte hinzuspringen, dieses Ungeheuer zurückreißen. Aber ich verharrte schweigend. Ich war nicht fähig, mich zu bewegen! Ich sah, dass es der Frau so erging wie mir.
    Als der Mann nur noch wimmerte, ließ Eismann endlich von ihm ab. Er hängte sich wieder bei mir ein und wir schlenderten langsam weiter, ganz als wäre nichts geschehen. Irgendwann später, wir waren ein paar Straßen gegangen, waren wir weit genug entfernt. Jetzt wich die Erstarrung der Frau: Ich hörte die Mutter verzweifelt und einsam um Hilfe schreien und das Kind kreischen. Nur durch Eismanns Willen war es mir möglich, gerade weiterzugehen. Dieser Ruf war noch in meinem Ohr, als wir in mein Hotel zurückkehrten. Dort hinten in meinem Kopf, an der Stelle, an der ich noch ich selbst war, wiederholte ich immer und immer wieder von Neuem ein Gebet, das ich als Kind vor dem Einschlafen mit meiner Mutter gesprochen hatte. Ich wusste nur zu gut, dass mich nur mehr dieses Gebet vor dem endgültigen Verlust meiner Person bewahrte. Und obwohl sich alles in mir nach diesem Vergessen sehnte, der gnädigen Umarmung der Besinnungslosigkeit, intonierte ich weiter den simplen Reim. Kannst du das verstehen?
    Eismann verschloss hinter mir die Tür. Ich verharrte vor dem Bett Ich wusste genau, was jetzt auf mich zukam. Zu Eismann gehört, dass er mich nie im Ungewissen läßt. Er packte mich von hinten, drückte mich an sich, fest gegen seinen monströsen Körper. Die Hände, mit denen er gerade einen Mann fast tot geschlagen hatte, begannen, mich fordernd zu streicheln. Er drehte mich herum, küsste mich gierig. Ich konnte die flinke Zunge, die ich vorhin im Restaurant bereits bewundert hatte, in meiner Mundhöhle spüren. Ich würgte und jetzt übergab ich mich, der Ekel war stärker als sein Wille. Er stieß mich angewidert von sich und ich erbrach mich auf den Teppich. Ich ging endlich in die Knie, würgte so lange, bis ich nur noch bittergelben Schleim von mir gab.
    Eismann saß auf dem Bett und wartete geduldig, bis ich mich beruhigt hatte. Er wirkte nicht einmal überrascht. Dann zog er sich aus und ich musste seinem Beispiel folgen. Nun war mein Magen leer. Jetzt war ich gleichgültig. Eismann griff mich zielstrebig und wir fielen nackt zurück auf das Bett. Er griff und leckte und ich erwiderte die grauenvollen Zärtlichkeiten mechanisch.
    "Ich bin rein, ich bin klein, mein Herz ist rein, mein Jesulein, nur du sollst drinnen sein. Ich bin rein! Rein! Mein Gott."


    Es ist mir nicht möglich, dir alles zu erzählen, in mir sträubt sich etwas dagegen. Du weißt ja, Eismann ist unersättlich. Da ist so viel geschehen, so viele Gesichter und es ist noch keine Woche her. Ich hause mit Eismann in seiner dreckigen Wohnung, denn längst kann ich das Hotelzimmer nicht mehr bezahlen. Das wird so lange gehen, bis er meiner überdrüssig ist. So wie er deiner überdrüssig wurde... Das ist meine Hoffnung. Jetzt muss ich aber aufhören, zu erzählen, weißt du. Versteck dich besser, denn da kommt eben Eismann zurück, und wir werden jetzt Essen gehen.




    ------------------
    hks
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  2. #2
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    AW: Eismanns Wille - Kurzgeschichte

    Mein Gott , Klammer , da bricht Grauen auf. Verfolgungswahn...wenn der Eismann dreimal klingelt. Gerade das Nichterklärte legt sich mir auf den Magen, und hoffentlich ist es nur ein Traum. Ziemlich zuviel klasse Masse, Dein Eismann. Ist er die in Perfektion des Albs getriebene Antwort auf den Massenmörder aus Hannover ?

  3. #3
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    AW: Eismanns Wille - Kurzgeschichte

    wow.
    grosses kompliment für diese story, die ekel und gänsehaut auslöst bei mir. ein bisschen rumschleifen und -feilen musste noch dran, aber die hauptsache stimmt astrein, und das ist die hauptsache...


    vorläufig nur soviel. erst das vergnügen, dann die arbeit.


    liebe grüsse


    Mr. Jones

  4. #4
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    AW: Eismanns Wille - Kurzgeschichte

    Lieber Klammer!


    Im Verhältnis zu den bisher von Dir vorgestellten Prosatexten fiel mir an dieser Geschichte unbewusst etwas auf und auch bewusst. Natürlich, klar, ein anderer Stil als bisher...nicht ganz so barock, nicht ganz so ausholend im Stil des 19. Jh. Aber doch etwas von typischer Kellerloch-Atmosphäre. Die Spurensuche auf Deiner Homepage, ich wurde fündig, aber weiß ich jetzt mehr? Die Geschichte ist 14 Jahre alt, also gut abgelagert. Heute schriebst Du sie gewiss anders, aber das täte ihr nicht gut und das fühlst Du auch. Aber wie sollst Du sie schreiben, denn so wie damals hat sie noch Ecken und Kanten, an denen Du feilen könntest.
    Dieser Stoff ist gut, das ist Stoff, aus dem die Albträume sind, die täglichen kleinen Perversitäten, die Du subtil verzerrst und übersteigerst. Zeichne nur den Ich-Erzähler noch etwas genauer, gib ihm mehr charakterschwaches Ich-Suchen in Gegenständen und Personen, die er flüchtig sieht. Und lass uns Eismann noch etwas bedrohlicher in sein Leben eingreifen, dann wird es plausibler.
    Wenn Du schockieren willst, Du kannst es gut, wenn Du nur unterhalten willst, dann weniger mit diesem Stoff, wenn Du beides vereinst, kannst Du literarische Gänsehaut erzeugen. Davon mehr!

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Eismanns Wille - Kurzgeschichte

    Meine Lieben.

    Ich glaube nicht, dass es heute noch einem Schriftsteller gelingt, jemanden zu schockieren. Er kann ihn zum Ekel reizen, aber schockieren... nein.
    Diese Geschichte soll zum Ekel reizen, dazu wurde sie geschrieben. Selbst wenn der Inhalt nach einiger Zeit vergessen ist, der Geschmack der Geschichte bleibt, auch nach Jahren. Das Wort "Eismann" ist nach dem Lesen mit dieser Figur belegt. Die Idee, die Geschichte hier zu bringen, kam mir natürlich, nachdem ich den "Werwolf" gelesen hatte; ich dachte, sie würde ihn gut ergänzen. (Außerdem hatte ich den "Eismann" gerade für meine Homepage digitalisiert und dabei noch einmal stark überarbeitet. Man sollte eben nichts verkommen lassen

    Ich habe mich auch aus einem anderen Grund entschlossen, diese olle Kamelle, die übrigens im gleichen Jahr wie das "Rote Haus" entstand, hier zu veröffentlichen: Ich habe es getan, weil ich mich aus der Schublade befreien wollte, in die ihr mich gesteckt habt. Das ist mir wohl nicht ganz gelungen.

    Klar, es klingt gut und ist sehr praktisch: Der Klammer ist ein rückwärts gewandter, anachronistischer, ein wenig verklemmter Schreiberling voll von moralischen Dünkeln mit dem anrüchigen Touch des verlogenen 19. Jahrhunderts und dem verquasten und neurasthenischen Satzbau eines Huysmans' (q.e.d). Vielleicht habe ich damit selbst ein paar mal kokettiert. Aber das ist einfach Quatsch. Das wird jeder merken, der mich ernsthaft liest.
    Ich bin kein Markenartikel wie Milkaschokolade, die immer gleich schmeckt. Ich stehe nicht in einem Kellerloch am Schreibpult und überlege mir bei jedem Satz, wie das wohl C. F. Mayer formuliert hätte. Diesen Vorwurf von einem konservativen Lyriker zu hören, überrascht mich.
    uis, ich bin Bayer und neige deshalb ein wenig zur Epik, na und?
    Meine Texte sind nicht die "schöne Zigeunerin aus dem Kaufhaus", denn sie sind heute geschrieben und sie greifen die Probleme der heutigen Zeit auf. Deshalb sind sie wahr. Sie zeigen einen Blick auf die Welt durch die Brille meiner Anschauung und Erfahrung. Sie tragen meine Meinung hausieren, deshalb sind sie gerecht. Sie entsprechen meiner Vorstellung von sprachlicher Ästhetik. Deshalb hoffe ich, dass sie schön sind. Das gilt auch für den "Eismann".
    Ich betrachte mich selbst nicht als Künstler, sondern als Handwerker, als Erzähler. Um Mr. Jones (Danke für dein Lob und im voraus Danke für deine Kritik!) zu zitieren: Ich will Geschichten erzählen und das möglichst gut. Ich biete eine Erfahrung an. Es freut mich, wenn mir ein paar Leute zuhören.

    Grüße, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  6. #6
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    AW: Eismanns Wille - Kurzgeschichte

    Mag sein, Klammer, dass heutzutage nichts mehr schockiert. Ich nehme mir allerdings die Freiheit heraus, von bestimmten Dingen immer noch schockiert zu sein, gottseidank. Vorwerfen wollte ich Dir keinsfalls irgendetwas, höchstens, dass Du diese Geschichte nicht eher ausgegraben hast, und konservativer Lyriker, mmmh, bin ich, glaub ich, schon gleich gar nicht. Das ist auch wieder so eine Schublade...
    Weißt Du, Klammer, bei Kellerloch, denke ich schon an große Literatur, immer, und immer wieder an Dostojewskis "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch". Und mir scheint Deine Art und Absicht auch dahin ein wenig zu passen. Nun wirf mir bitte nicht wieder vor, ich wollte Dich in die nächste Schublade stecken.
    Der Eismann ist jedenfalls so eklig, wie der Text von seiner Idee und vom Ablauf her gelungen erscheint. Gib uns mal noch mehr von diesen Realitäten durch Deine Brille.
    ...und in Bayern, Klammer, kenne ich mindestens einen guten Lyriker, von dem guten Koch ganz zu schweigen...

    herzlichst
    uis

  7. #7
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    AW: Eismanns Wille - Kurzgeschichte

    Lieber Klammer, ich bin nicht sehr geübt darin, einen (fremden) Text unter meine Lupe zu nehmen. Nichtsdestotrotz versuch ich mich hier an dem Deinen, aber wohlgemerkt: Dein Text und meine Kritik sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe.


    Ich nehm mir mal den Anfang vor:


    1. Einstiegssatz: Du willst wissen, wie ich Eismann traf?
    Vielleicht besser: "...wie ich Eismann kennen gelernt habe? - spannt dann den Bogen bis zum Schluss.
    2. Ich würd hier zwei Sätze aus Deinem einen machen, etwa: Weißt du, ich saß an diesem warmen Nachmittag hier auf meiner Bank im Stadtpark. Es war schon spät und ich erschöpft und unschlüssig, was...
    3. ...was ich mit dem Abend noch beginnen sollte.
    Vielleicht: was ich mit dem angebrochenen / angefangenen / ? / Abend beginnen sollte ----- (das noch weglassen, so oder so)
    4. Eismann setzte sich schwerfällig neben mich. Bevor er etwas sagte...
    anstatt sagte vielleicht ein Vermerk, dass der Ich-Erzähler den Eismann nicht ansieht? Bevor ich ihn sah?
    5. in etwa so (?): ...konnte ich ihn riechen, eine Mischung aus vielen Gerüchen, sehr viel Seife, ein wenig Urin, Sandelholz und Abgestandenes, Fauliges, und noch viel mehr, für das ich keine Worte habe.
    6. Er begann sofort ein Gespräch; das heißt, er sprach... (redete?) ...auf mich ein und ignorierte meine abweisende Haltung. (oder: meine abweisende Haltung ignorierend?)
    7. Ich wand den Kopf dort hinüber, weg von ihm, der aufdringlichen, grauen Masse, die ich nicht sehen, mit der ich einen Augenkontakt vermeiden wollte.
    Sorry, gefällt mir gar nicht. Die graue Masse in den Augenwinkeln? Schliesslich sieht unser Ich-Erzähler konsequent nicht hin, oder?
    Break: Lieber Klammer, die ganze Einstiegsszene - ein Typ, unser Eismann, setzt sich neben den Ich-Erzähler, welcher nur Geruch wahrnimmt und graue Masse (in den Augenwinkeln, ja?) - bis hierhin.
    8. Dort drüben, auf dem kurzgeschnittenen, gelbverbrannten Rasen, liefen... (rannten?) ein paar (ein paar weglassen? Oder einige?) Kinder umher, verbissen bemüht, einander weh zu tun.
    Komma statt zweier Sätze, weh zu tun schreibt man klein, denk ich.
    9. Andere Möglichkeit: ...Verbissen bemüht, einander weh zu tun, stießen sie sich immer wieder gegenseitig zu Boden. (vielleicht ein Adjektiv einfügen, dass die Grobheit dieses zu Boden Stossens unterstreicht)
    10. Nur selten wurde eine der hellen Stimmen laut, die dann zornerfüllt herüberklang.
    Gefällt nicht. Hätt mir mehr Stille beim Spiel gewünscht, um die Situation ein wenig seltsamer und surrealer schon hier hinzubekommen....


    11. Der Mann neben mir sprach laut, aber was er sagte... glaube mir, das weiß ich nicht mehr. Vielleicht sprach er vom schwülen Wetter, vom unregelmäßigen Betrieb der Straßenbahnen, von Gott. Gleichgültig. Er redete und ich nahm das Geräusch (wie das Plätschern von Wasser? wie...) wahr. (....) Es war mir nicht unangenehm, es störte mich nicht, es unterstrich das seltsame Spiel dort auf der Wiese in angenehmer Weise, wie Musik.
    Tipp: Vergleich mit Kaufhausmusik wäre angebracht!
    12. Es war wie eine Beschwörung...
    auf eine merkwürdige Art und Weise kam es mir vor wie eine Beschwörung...(?)
    13. Dann erschreckten (erschraken) sie und rannten dort hinunter, an den Birken vorbei in die Büsche.
    Dieses dann ohne Erklärungen und nichts?
    14. Eismann hatte aufgehört zu reden. Jetzt, nachdem die Kinder nicht mehr zu sehen waren, war das auch nicht mehr notwendig.
    Wieso nicht? Muss der reden, um den Willen aufzuzwingen oder wie was wo?
    15. Ich sah ihn an.
    Jetzt! Zum ersten Mal! Endlich! ... Und Achtung: Im vorherigen Satz wird bereits (nicht mehr) gesehen, jetzt wieder ein sah?
    16. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich in diesem Augenblick erschrak
    Die Kinder erschraken bereits...
    Break: Lieber Klammer, bis hierhin, ok?


    Ich hoffe, Du kannst mit der einen oder anderen Mäkelei etwas anfangen. Es geht hier nur um den Stil, der geschliffen wird, Dein Text als Ganzes funktioniert wirklich.


    Klammer schrieb:
    Das wird so lange gehen, bis er meiner überdrüssig ist. So wie er deiner überdrüssig wurde... Das ist meine Hoffnung.


    Frage: Wieso "so wie er deiner überdrüssig wurde"? Bisher fühlte ich mich als Leser angesprochen, aber jetzt...?


    Klammer schrieb:
    Du weißt ja, Eismann ist unersättlich. Da ist so viel geschehen, so viele Gesichter und es ist noch keine Woche her.


    Bei den Gesichtern will mir scheinen, fehle etwas (?)





    PS. Lieber Klammer, Deinen Eismann und meinen Werwolf veröffentlichen wir im selben Buch, gell!

  8. #8
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    AW: Eismanns Wille - Kurzgeschichte

    Lieber Mr. Jones,

    ich komme erst heute dazu, mich für deine kritischen Bemerkungen zu meiner Geschichte zu bedanken, ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer das ist. Manchmal fühlt man sich, als würde man den Text ermorden und anschließend Leichenfledderei betreiben. (Deshalb kritisiere ich auch keine Gedichte).


    Einige deiner Anmerkungen will ich gerne übernehmen. Den Rahmen der Geschichte will ich allerdings nicht ändern. Ich mag den Erzähler nicht, der sich unmotiviert an einen imaginären Leser wendet, deshalb richtet sich mein Ich-Erzähler (die Geschichte, denke ich, funktioniert nur mit einem) an Eismanns vorheriges Opfer. Das stellt sich erst in den letzten Sätzen heraus, was der Geschichte noch einmal eine neue Wendung gibt. Aus einem ähnlichen Grund wird auch Eismanns Macht lange verschleiert. Zum einen weiß der Angesprochene ja, worum es geht, zum anderen möchte ich, der Autor, den Leser möglichst lange im ungewissen halten. Das ist ein alter Kunstgriff des Horrorgenres: Ich fürchte mich mehr vor den Dingen, die ich nicht sehe und die ich mir deshalb einbilde, als vor dem ausgebreiteten Schrecken. Dracula ist so lange grausig, solange er nicht in persona aufgetaucht ist, danach ist er nur noch Abenteuer (Beißt er sie oder nicht?)


    Gruß, Klammer

    P.S. Ich weiß auch schon den Titel:


    "Blut geleckt - Unbequeme Geschichten"


    Jetzt brauchen wir nur noch einen Verleger.
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  9. #9
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Eismanns Wille - Kurzgeschichte

    hallo klammer


    nun, die geschichte ist für online verhältnisse lange. es spricht also in meinem fall für sie, dass ich mich zum letzten satz durchlas. gestört hat mich aber eines: dieses du, an das sich der ich-erzähler wendet. stört mich eigentlich immer. auch wenn du ja noch eine plausible, spannungsbezogene anmerkung nachliefertest, überzeugt mich dies stilmittel hier nicht. ist mir auch wurscht, ob sich das an ein weiteres opfer wendet, oder eben nicht. die geschichte wäre meines erachtens in keinster weise beeinträchtigt, ohne dieses anreden.


    textarbeit lieferte ja schon mr. jones, so soll dieser einwand samt allgemeinem gefallen genügen.


    gruss b.

  10. #10
    rodbertus
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    Rüffel

    wegen der steigerung von KEIN wird b. ein Rüffel verabreicht, abzuholen bei der nächsten öffentlichen begegnung.

  11. #11
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Rüffel

    Lieber b.
    ...ein nettes Geschichtchen, nicht?
    Und der Erzähler?


    hmm... Eine Geschichte benötigt einen Erzähler, eine Position, von der aus berichtet wird. Ein allwissender Erzähler, wie ich ihn am Liebsten benutze, scheidet in diesem Fall aus, da er eben zu unbeteiligt und zu schlau ist. Mit dem personalen Erzähler kann ich andererseits Suspence und die Beteiligung des Lesers aufbauen, die ich für die Wirkung benötigte. Da er direkt (du) angesprochen wird, ist er stärker involviert und zum Mitdenken aufgefordert. Ein Ich-Erzähler, wenn er nicht gerade Tagebuch-Einträge schreibt, braucht einen Gesprächspartner, an den er sich wendet. Das ist m. E. glaubwürdiger.
    Vergleiche das mal mit dem Erzähler in Das Rote Haus, der Erzählung, die ich im Mai ins Forum stellte. Diese Geschichte ist übrigens aus dem gleichen Jahr wie der Eismann und praktisch gleichzeitig entstanden.


    Gruß, Klammer
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  12. #12
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    AW: Eismanns Wille - Kurzgeschichte

    Und lass uns Eismann noch etwas bedrohlicher in sein Leben eingreifen... ja, ein wenig mehr wünsche ich mir auch. Aber ansonsten klasse.

    it

  13. #13
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    AW: Eismanns Wille - Kurzgeschichte

    Ich finds gut. Ich meine, den Text. Heftig.
    Wie von einer Maschine geschrieben.

  14. #14
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Meine Geschichten kommen alle aus dem PC. Siehe "Babbpel".
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  15. #15
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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  16. #16
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Eismanns Wille - Kurzgeschichte

    Du willst wissen, wie ich Eismann traf?
    Das WIE lenkt mich in eine klare Fixation.
    Weißt du, ich saß an diesem warmen Nachmittag spät und erschöpft hier auf meiner Bank im Stadtpark. Ich war unschlüssig, was ich mit dem Abend noch beginnen sollte.
    Zeiten! Erster Satz: WIE im Mittelpunkt. Zweiter Satz: Ein Wann wird mit einer direkten Mitteilung thematisiert, dieses Wann wird aber nicht genau festgelegt. Erst ist es ein Nachmittag, dann ein Abend, der durch NOCH die chose verwirbelt.
    Eismann setzte sich schwerfällig neben mich. Bevor er etwas sagte, konnte ich ihn riechen
    Er war da, dann rochest Du, dann spürtest Du... Hm. Erst riechen, dann Schwingungen, dann Sprache. Ein Thema oder ein Motiv? Das Wann und Wie ist immer noch nicht thematisiert bzw. abgegolten.
    Er war eine Mischung aus vielen Gerüchen, sehr viel Seife war dabei, ein wenig Urin, Sandelholz und Abgestandenes, Fauliges.
    WAR? im Sinne von BESTAND AUS.. Haben wir da nicht noch mehr in petto?
    Und noch viel mehr, für das ich keine Worte habe.
    Jetzt trägst Du die Ellipse aber dick auf. Soll hier der indirekte Bezug zum WAR nochmals hergestellt werden?
    Er
    Wiederholung ohne Not.
    begann sofort ein Gespräch; das heißt, er sprach auf mich ein und ignorierte meine abweisende Haltung. Ich wand den Kopf dort hinüber, weg von ihm, der aufdringlichen, grauen Masse, die ich nicht sehen, mit der ich einen Augenkontakt vermeiden wollte.
    DORT HINÜBER ist nicht sehr glücklich, weil auch die Bezugspunkte ungenau sind, da helfen Dir die Nachreichungen auch nicht.
    Dort drüben, auf dem kurzgeschnittenen, gelbverbrannten Rasen, liefen ein paar Kinder umher.
    Wieder ein DORT, diesmal ganz woanders.
    Sie waren verbissen bemüht, einander weh zu tun. Sie stießen sich immer wieder gegenseitig zu Boden. Kein Kind lachte, keines weinte. Sie waren vollkommen eins mit ihrem Spiel. Nur selten wurde eine der hellen Stimmen laut, die dann zornerfüllt herüberklang.
    Die Beobachtung ist prima und eine gesonderte Geschichte wert, obwohl: Sie tritt hier als Motiv auf und überträgt sich auf die Begegnung. Also stärker noch. Bleib noch bei den Kindern und wiederhole nicht unnütz das SIE. Daß Kinder weh tun (wollen) ist mindestens noch zwei weitere Gedanken wert. Aber wollen sie SICH oder einander wehtun?

  17. #17
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    AW: Eismanns Wille - Kurzgeschichte

    Stilistisch ist der Text sicherlich kaum angreifbar, aber die Vorbilder sind doch überdeutlich zu erkennen, und wirklich Neues bietet der Text gewiß nicht.


    Das atmet den Charme der 20er Jahre (Haarmann mit dem Hackebeilchen) und das geheimnisvolle Flair, das Phantastik m. E. auszeichnen sollte, fehlt völlig.


    Außerdem gebricht es der Geschichte an dem, was man üblicherweise "Handlung" nennt. Was wir haben, ist schnell zusammengefaßt:


    "Vertreter mit Eheproblemen trifft ekligen, fetten Mann, der ihn seinem Willen unterwirft."


    Aus. Nicht gerade der klassische Plot.


    Kommt mir vor wie die Fingerübung eines versierten, stilsicheren Autors: Nun wollen wir doch mal sehen, ob wir nicht auch eine Horrorgeschichte hinbekommen.


    Gruß
    K.

  18. #18
    rodbertus
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    AW: Eismanns Wille - Kurzgeschichte

    Kassandra, Du verkennst hier die Bedeutungsvielfalt wohlweislich gesetzter Wörter. Stilübung? Bedeutet unendlich mehr. Dir würde es hier gut zu Gesicht stehen, wenn Du vom rein plotorientierten Typus belletristischer Texte hin zu einer Metaebene würdest vordringen wollen. Das nämlich bedeutet es eigentlich, wenn der Stil, die Fingerübung, ein gehörig Maß an Aufmerksamkeit erheischt.


    Deine Geschichten haben fast immer eine ausgeprägte Handlung, die ist nicht nur ein Transportmittel für eine Botschaft, sondern um die geht es Dir. Du willst informieren, vielleicht ab und an hinterfragen, aber die Gestaltung Deiner Texte selbst ordnet sich diesem Primat des Plots unter. (Widersprich mir!)


    Das ist eine legitime Auffassung von Literatur, die sehr gut in unser "Informationszeitalter" paßt. Billige aber bitte auch anderen anderes zu.


    Eigentlich aber bin ich auf Klammers Entgegnung gespannt.

  19. #19
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    AW: Eismanns Wille - Kurzgeschichte

    Das ist meine absolute Lieblingsgeschichte von Klammer. Habe sie allerdings irgendwann vor längerer Zeit auf boardy gelesen. Damals war Klammer noch Kleiner. Woher stammt dieser Ordner denn jetzt schon wieder? Huch!

  20. #20
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Eismanns Wille - Kurzgeschichte

    Tja, manche Geschichten sind nicht totzukriegen...
    Ich habe den Eismann in Kassandras Ordner im SPRUCHREIF erwähnt, um ein Beispiel für das zu geben, was ich für eine phantastische Geschichte erachte, bei der die "Seelenlandschaft" auf der Erde in Deutschland im Alltag bleibt. Die kommt hier auf leisen Sohlen, drängt sich nicht auf. Denn das ist eben keine Genregeschichte, kein HORROR, kein SF, schon gar kein Fantasy.
    Ich wollte einmal eine Geschichte schreiben, die in der Erinnerung bleibt, die jeder, der sie gelesen hat, nicht mehr vergisst. So wie ich den Mann nicht vergessen kann, der Eismann als Vorbild diente. Der Plot (Der übrigens wesentlich komplizierter ist, als ihn Kassandra in flüchtigem Lesen begriffen hat), den hat jeder Leser in einem Monat vergessen. Das gilt für jedes Buch. Was aber manchen, Geschichten, den wirklich guten, gelingt, ist, dass noch nach Jahren ein Geschmack, eine Stimmung, eine Emotion übrigbleiben.
    Obwohl ich für den versierten, stilsicheren Autor danke: Nein, es war wirklich keine Fingerübung wie "Familienbande", wo ich wie Balzac schreiben wollte. Und, nein, ich weiß keine literarischen Vorbilder (Und das ist bei mir selten. Normalerweise kann man jeder meiner Geschichten anmerken, welche Bücher ich vorher gelesen habe. Gerade lese ich Mishima. Seid vorgewarnt!). Es wäre schön gewesen, von Kassandra ein paar Namen zu bekommen, wer mich denn dazu beeinflusst haben soll.

    Interessant ist, dass Kassandra die Geschichte nach den 20ern klingt und nach Haarmann. Denn sie sollte jetzt und heute spielen. Und was hat Eismann mit Haarmann gemein, außer der Homophilie und einem gewissen namentlichen Anklang? Wird in dieser Geschichte jemand ermordet? Zerhackt? Gegessen? Haarmann war ein dünner, kleiner Größenwahnsinniger.

    Eine Zeitlang bin ich auf Kyras Anregung unter dem Namen "kleiner" auch in anderen Foren hausieren gegangen. War aber nix.

    Ach, ja, auch eine Geschichte, die wir nie zu Ende lektoriert haben. Übrigens eine, die ich gerne in meinem Kurzgeschichtenbuch hätte. Insofern ist es schön, dass sie wieder nach oben gerutscht ist.
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  21. #21
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    AW: Eismanns Wille - Kurzgeschichte

    Wenn Robert schlau wäre, würde er deine Kurzgeschichte veröffentlichen. Weiß bloß nich wo, in welchem Buch?

  22. #22
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Eismanns Wille - Kurzgeschichte

    So, Klammer: Ich hab nun den "Eismann" gelesen, weil er vorne auf der Liste stand. War beeindruckt. Ich hab was gelernt, was beschreibende Beobachtung betrifft. Aber das muss jetzt erstmal umgesetzt werden und braucht eine zeitlang, da ich meinen ganz eigenen Stil dafür habe, finde und ausbauen will und muss.Ich denke dabei an mein "Glasland", das der Bearbeitung noch harrt und mich ruft.


    Ich möchte vorher noch einiges lesen, aber meine Zeit reicht nicht aus, nun das ganze Forum von vorne bis hinten mit allen Beiträgen durchzuforsten.
    Frage: Kannst du mir gelegentlich Tipps geben, was eigentlich ein "Lesemuss" für Anfänger hier ist/sein sollte? Wäre nett von Dir! Ich soll dich übrigens von Astrid sehr herzlich zurück grüßen.

  23. #23
    rodbertus
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    AW: Eismanns Wille - Kurzgeschichte

    Patina, ich warte seit langem auf Klammers ausgewählte Erzählungen. An diese hatte ich auch gedacht, aber der Herr lümmelt sich lieber in seinem Garten, als Texte aus der Schublade zu holen und mir zu schicken.

  24. #24
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Eismanns Wille - Kurzgeschichte

    Lieber Klammer,


    man kann ein Klischee bedienen, ohne sich dessen immer bewußt zu sein.


    Und hier lugen Howard P. Lovecrafts große böse Alten (bzw. einer davon) aus allen Ecken: Unappetitliches bis grausiges Aussehen, übermächtige mentale Kräfte und finsterste Absichten, sozusagen einer der ältesten Hüte der Horrorliteratur (Cthulhu). 20er Jahre, 19 Jh. oder Gegenwart, es macht für diese Geschichte nicht den geringsten Unterschied (Trotz EC-Karte!).


    So erreicht das Ganze trotz einiger gut getroffener Szenen nur durchschnittliches Niveau und hält so keinem Vergleich mit den innovativen WF-Stories beispielsweise eines Thomas Ligotti stand.


    Gruß
    K.

  25. #25
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Eismanns Wille - Kurzgeschichte

    Robert:
    Ich habe den Vorwurf vernommen, aber du musst dich noch etwas gedulden. Zuerst will ich die Zwischentexte fertigmachen. Wir können ja inzwischen über Eismann und über Rache drüber gehen, das ist das Zwillingspaar in der Mitte des Buches.


    Gegenströmung:
    Wir haben hier immer über die besten drei Texte (Gedichte) des Monats abgestimmt und 2001/2002 waren wirklich gute darunter. Ich erinnere mich, dass sie Robert in einem eigenen Ordner mit Links sammeln wollte. Und dann gibt es noch das Projekt eines Jahrbuches. Damit solltest du beschäftigt sein.


    kassandra:
    Lovecraft? Habe ich noch nie gelesen. Ist das nicht ein Phantastikautor aus den 20ern, mit Monstern aus dem Eis? Und führst du damit deinen Vorwurf, mein Text sei nicht "phantastisch", ad absurdum?
    Den anderen Autor kenne ich übrigens auch nicht. (Und das mir, der ich mir einbilde, nahezu alles gelesen zu haben.)
    Im übrigen wollte ich diese Geschichte nicht als ein Meisterwerk deutscher Literatur verstanden wissen (wenn ich so etwas machen würde, würde ich nicht in diesem Forum sein), sondern nur als Beispiel, was ich unter Phantastik verstehe. Ich halte meine Geschichte, die übrigens schon 15 Jahre alt ist, auch nicht für besser als deine Texte. Ich vergleiche mich nie mit anderen Autoren, sondern nur mit mir selbst. Und so gesehen: Ja, da gehört sie zu meinen guten.


    Gruß, Klammer






    [Diese Nachricht wurde von Klammer am 25. Juni 2003 editiert.]
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