+ Antworten
Ergebnis 1 bis 18 von 18

Thema: Chanan (aus "Martin Lundgrens Traum")

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Waldsachsen
    Beiträge
    255
    Renommee-Modifikator
    20

    Post Chanan (aus "Martin Lundgrens Traum")

    Vermutlich kann niemand etwas damit anfangen, zumal das Teil auch noch ellenlang ist, aber immer wenn ich eine Episode abgeschlossen habe, überkommt mich der unbezähmbare (und völlig irrationale) Drang, dieses Ereignis mitzuteilen.


    Chanan


    Drei Tage nach der Begegnung mit dem brennenden Mann machte sich Martin auf den Weg zum Chanan.
    Er ging, obwohl es gute Gründe gab, das Vorhaben zumindest für einige Zeit aufzuschieben. Der Sommer ging zu Ende, und er mußte dringend in die Stadt, um seine Vorräte aufzufrischen. Außerdem hatte sich einer der Rummdogs verletzt und benötigte ein neues Gelenk. Die Windschutzwand mußte verstärkt werden, und in den Gewächshäusern wartete jede Menge Arbeit.
    Dennoch ging Martin.
    Er ahnte, daß aus den wenigen Tagen, die er für die dringendsten Arbeiten benötigte, Wochen werden würden, später Monate oder sogar Jahre. Die Erinnerung würde verblassen, und am Ende würde er bei dem Gedanken den Kopf schütteln, daß er sich beinahe tatsächlich auf die Suche nach etwas gemacht hatte, das nur in seiner Vorstellung existierte.
    Aber es war kein Hirngespinst, das wußte Martin jetzt. Er hatte Meropes Routenspeicher ausgelesen und tatsächlich einen neuen Eintrag entdeckt. Einen Eintrag, der nicht aus der Navigationseinheit des Mechanowesens stammte. Normalerweise dienten die Routenspeicher der Aufzeichnung zurückgelegter Wegstrecken, eine Art digitaler Ariadnefaden, mit dessen Hilfe die Rummdogs jederzeit den Rückweg finden konnten. Doch zu diesem Eintrag gab es keine passenden Daten ...
    Die Tragweite seiner Entdeckung war Martin erst bewußt geworden, als er das Protokoll schwarz auf weiß in den Händen hielt: Es gab sie tatsächlich, und sie waren hier!
    Im Grunde hatte er immer daran geglaubt, aber es war der Glaube eines Kindes gewesen - eines Kindes, das etwas geträumt hat und sich wünscht, es wäre wahr. Die gläserne Stadt war ebenso Teil dieses Traumes gewesen wie Emilio Francetti, der Seifenblasenverkäufer. Immer hatte es ein Erwachen gegeben, die Rückkehr in eine Realität, in der es keinen Platz für Dinge gab, die niemand außer ihm sehen konnte.
    Jetzt hielt er das erste Mal in seinem Leben so etwas wie einen Beweis in den Händen, auch wenn dieser Beweis nur aus einem Datumseintrag und einer Kolonne Zahlen bestand. Natürlich konnte er Dr. Fromberg bitten, den Datensatz zu entschlüsseln, aber der alte Mann würde Fragen stellen - Fragen, die Martin weder beantworten konnte noch wollte. Bis heute hatte er erst einen einzigen Menschen ins Vertrauen gezogen, und selbst Anna kannte nur einen Teil der Wahrheit.
    Im Grunde war es auch nicht wichtig, wo sich der Ort befand, zu dem ihn Merope führen würde. Entscheidend war vielmehr die Frage, ob er bereit war, sich der Begegnung mit dem Chanan zu stellen ...
    Das war es, worüber Martin die letzten beiden Tage und Nächte nachgedacht hatte, nur um zu dem Ergebnis zu kommen, daß er es nicht wußte. „Du wirst möglicherweise Dinge über dich selbst erfahren, die schmerzhaft sind“, hatte die Stimme über den Chanan gesagt. Das klang nach einer weiteren Prüfung. Und Martin war keineswegs überzeugt davon, sie bestehen zu können. Dafür war ihm etwas anderes klargeworden: Wenn er gehen wollte, dann mußte er jetzt gehen, jetzt auf der Stelle. Morgen würde er vielleicht nicht mehr den Mut dafür aufbringen.
    Es war noch dunkel, als Martin seinen Rucksack schulterte und hinaus zum Schuppen ging. Winselnd scharten sich die Rummdogs um ihn, doch er nahm nur zwei der Tiere mit: Merope und Taygeta, seine jüngste Anschaffung. Wenn er Hilfe brauchte, konnte er sie mit einer Nachricht zu Flemming schicken.
    „Wir sind bald zurück“, versprach Martin und ließ die Schuppentür angelehnt. Er wußte, daß Rummdogs nicht davonliefen.
    Es war kalt, der gefrorene Sand hart wie Stein. Nicht mehr lange, und der Boden würde auch tagsüber nicht mehr auftauen. Der kurze Marssommer neigte sich seinem Ende entgegen; bald würde die Kälte die Kolonisten draußen für Monate in ihren Häusern einschließen. Der Treibhauseffekt, auf den die Ingenieure der Marsgesellschaft setzten, ließ auf sich warten.
    Weshalb blieb er dann hier?
    Jahrelang hatte Martin diese Frage verdrängt. Er war hier, weil er es so wollte. Punkt und aus. Um so mehr beunruhigte ihn das Gefühl, daß er der Antwort vielleicht näher war, als er sich einzugestehen wagte ...
    Er war nervös, so nervös, daß er erschrocken zusammenfuhr, als die beiden Rummdogs an der Windschutzmauer plötzlich stehenblieben. Es dauerte einige Sekunden, bis ihm klar wurde, daß sie auf Anweisungen warteten. Entweder Martin übernahm selbst die Führung, oder er nannte ihnen ein Stichwort, mit dem sie etwas anfangen konnten. „Stadt“ war so ein Begriff, „Flemming“ oder einfach „nach Hause“. Ob das auch auf „Chanan“ zutraf, wußte Martin nicht. Aber das würde er gleich herausfinden. Er rief Merope zu sich, und bemühte sich, den Namen so auszusprechen, wie es die Stimme getan hatte: „Cha-nan“.
    Das Tier verharrte reglos und starrte ihn fragend an.
    Hatte es ihn nicht verstanden? Oder gab es am Ende gar keinen Eintrag unter diesem Stickwort?
    Plötzlich ging ein Ruck durch den Körper des Rummdogs. Bellend sprang Merope auf und lief in weiten Sätzen hangabwärts. Die Leine straffte sich, und Martin beeilte sich, dem Leittier zu folgen. Taygata schien von dem plötzlichen Aufbruch überrascht. Erst nachdem ihr klar geworden war, daß die anderen beiden nicht zurückkommen würden, setzte sie sich zögernd in Bewegung, hatte aber bald zu ihnen aufgeschlossen.
    „Nicht so eilig“, versuchte Martin Meropes Eifer zu dämpfen, die wie ein Jagdhund auf frischer Führte ihrem unbekannten Ziel zustrebte, „Wir haben Zeit.“ Natürlich waren die Worte für ihn selbst bestimmt, Teil einer Illusion, die ihm half, mit der Einsamkeit fertigzuwerden. Er sprach oft mit den Rummdogs, obwohl er wußte, daß sie ihn nicht verstehen konnten. Die Mechanowesen vermochten zwar die Stimme ihres Besitzers zu identifizieren und bestimmte Befehle auszuführen, auf ganze Sätze oder gar längere Ansprachen reagierten sie jedoch nie.
    Merope verminderte ihr Tempo dennoch, aber das war ausschließlich dem Druck der Leine zuzuschreiben, die Martin ein wenig fester angezogen hatte. Sie durften nicht zu schnell werden. Ein Fehltritt, und das Unternehmen war zu Ende, bevor es richtig begonnen hatte. Obwohl sich seine Augen mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt hatten, nahm er die Umgebung nur schemenhaft war. Die Beschaffenheit des Untergrundes vermochte er kaum zu erkennen. Martin besaß zwar eine Nachtsichtbrille, benutzte sie aber nur ungern. Das grünstichige Bild erinnerte ihn an seine Militärzeit. Die leuchtenden Punkte waren damals Ziele gewesen ...
    Schmerz, Zorn und Dunkelheit. Seltsam, daß ihm das gerade jetzt einfiel. Die alte Frau hatte recht behalten - falls es eine alte Frau gewesen war. Wahrscheinlicher war, daß sie damit zu tun hatten, auch wenn Martin noch immer nicht wußte, weshalb die Wahl auf ihn gefallen war. Und wenn es doch nur ein Traum gewesen war? Was unterschied einen Traum überhaupt von einem Ereignis, das keine Spuren hinterließ? Martin war damals noch einmal auf den Rummelplatz gegangen, dorthin, wo der bunte Wagen der Wahrsagerin gestanden hatte. Der Platz war verlassen gewesen, und der Junge hatte auch niemanden gefunden, der sich an die Wahrsagerin erinnerte. Schließlich waren ihm Zweifel gekommen, ob es überhaupt die richtige Stelle war, und so hatte er weitergesucht, einen ganzen Nachmittag lang, doch der bunt bemalte Wagen blieb verschwunden. Am Ende hatte er nicht einmal mehr den Mut aufgebracht, seine Freunde zu fragen, was an dem fraglichen Abend überhaupt passiert war. Das Risiko, daß sie möglicherweise etwas ganz anderes gesehen hatten als er selbst, war zu groß gewesen, und so hatte er nie mit ihnen darüber gesprochen ...
    Schmerz, Zorn und Dunkelheit. Martin hatte sie kennengelernt, die drei Meere, von der die Wahrsagerin gesprochen hatte. Mittlerweile erschien es ihm auch nicht mehr wichtig, ob die damalige Begegnung tatsächlich oder nur in seiner Einbildung stattgefunden hatte. Es machte keinen Sinn, reale von fiktiven Erinnerungen zu unterscheiden. Manchmal hinterließ ein Traum tiefere Spuren als das am Tage Erlebte, füllte die Erinnerung mit Bildern, die auch nach Jahren kaum etwas von ihrer Intensität verloren. Auch jetzt sah er die Frau mit der Porzellanmaske ganz deutlich vor sich, hörte ihre Stimme und spürte das leichte Kribbeln, mit dem ihre Finger über seine Handfläche glitten. Wer die Nacht kennt, muß den Tag nicht fürchten ...
    Martin schüttelte unwillig den Kopf und atmete tief durch. Er war gerade noch rechtzeitig zurückgekehrt. „Nacht“ war das Stichwort gewesen, das ihn im letzten Augenblick gewarnt hatte. Wovor, das wußte Martin nicht, er wußte nur, daß es etwas Unangenehmes gewesen war, etwas, das er um keinen Preis der Welt noch einmal durchleben wollte.
    In klaren windstillen Nächten wie dieser waren Erinnerungen allgegenwärtig, die eigenen wie die fremden. Es war leicht, der Versuchung nachzugeben, einzutauchen in die Flut der Bilder und Klänge, den wispernden Stimmen zu folgen, die Unerhörtes, nie Gesehenes versprachen. Zu vergessen, woher man gekommen war und wohin man wollte. Es war nicht mehr wichtig, denn alles, was sein würde, war nichts gegen das, was gewesen war.
    In Nächten wie dieser schliefen die Menschen unruhig, und es kam immer wieder vor, daß einzelne die Geborgenheit der Wärmekuppeln verließen, einem Ruf folgend, den niemand außer ihnen hören konnte. Die meisten kehrten nie zurück.
    In Nächten wie dieser war es leicht, sich zu verlieren ...
    Aufgeregtes Bellen riß Martin aus seine Betrachtungen.
    „Braves Tier“, murmelte er, als er das Hindernis erkannte, vor dem ihn Merope gewarnt hatte: eine Erdspalte, zwar nur zwei Fuß breit, aber tief genug, um sich darin die Beine zu brechen. Ohne die Rummdogs wäre sein Ausflug hier zu Ende gewesen. Martin war beinahe sicher, daß der Spalt vor ein paar Tagen noch nicht dagewesen war, aber das war kein ungewöhnliches Phänomen. Der Sand war immer in Bewegung, legte Spalten und Risse frei und schloß andere. Das Terrain veränderte sich ständig, deshalb vermieden die Kolonisten nach Möglichkeit nächtliche Ausflüge. Martin wußte zwar, daß er sich auf Merope verlassen konnte, aber es war dennoch ein ungutes Gefühl, vor einem Hindernis zu stehen, das er selbst nicht bemerkt hatte. Früher wäre ihm das nicht passiert, aber früher hatte er auch keine Rummdogs besessen.
    Noch vor Sonnenaufgang erreichten sie die Straße, die Port Marineris mit den Loxitgruben im Osten verband. Eigentlich war es keine richtige Straße, sondern ein Fahrweg, der hin und wieder mit ein paar Betonplatten befestigt worden war. Es ging das Gerücht um, daß die Marsgesellschaft eine neue vierspurige Schnellstraße bauen wollte, aber das würde vermutlich noch Jahre dauern. Das Unbehagen, das Martin bei dem Gedanken empfand, hatte allerdings nichts mit den finanziellen oder technischen Problemen eines derartigen Projekts zu tun. Er spürte instinktiv, daß eine moderne Schnellstraße aus Beton und Stahl nicht hierher paßte. Nicht in dieses Tal, nicht in diese Landschaft und nicht in diese Welt. Das wäre in etwa so, als würde man auf den Trümmern von Troja eine Schweinemastanlage errichten. Es würde den Ort entweihen. Natürlich war sich Martin darüber im klaren, daß seine Bedenken niemanden kümmerten. Wenn der Bau einer neuen Straße Gewinn versprach, dann würde sie gebaut werden. Das war auf dem Mars nicht anders als auf der Erde, und nur ein Narr konnte darin etwas Böses sehen ...
    Der Lichtstreifen im Osten wurde breiter und tauchte die Landschaft in trübes, schattenloses Grau. Die Straße lag still und verlassen. Es würde noch Stunden dauern, bis die ersten Erztransporter auf dem Weg in die Stadt diese Stelle erreichten.
    Einen Augenblick lang bereute Martin beinahe, so zeitig aufgebrochen zu sein. Die Fahrer der Minengesellschaft nahmen gern Leute von draußen mit, und die Vorstellung, einen Teil der Strecke in der klimatisierten Kabine eines Sattelschleppers zurücklegen zu können, war verlockend.
    Allerdings wollte er nicht in die Stadt, sondern zu einem Ort, der sich irgendwo in den Valles fernab jeder menschlichen Ansiedlung befand. Wer immer Meropes Routenspeicher manipuliert hatte, war gewiß nicht davon ausgegangen, daß Martin den Weg zum Chanan per Anhalter zurücklegte. Wenn dieser Ort für seine Gastgeber tatsächlich von Bedeutung war, dann bedurften sie mit Sicherheit keiner von Menschen angelegten Straße, um ihn aufzusuchen. Wahrscheinlich war es nur einem Zufall zuzuschreiben, daß die Route eine Zeitlang parallel zur Straße verlief ...
    Martin erkannte seinen Irrtum erst, als die Sonne aufgegangen war und die grauen Nebel vertrieben hatte. Jetzt, da er freie Sicht auf das vor ihnen liegende Tal hatte, wurde ihm plötzlich klar, wie die Vorfahren seiner Gastgeber zum Chanan gelangt waren. Er mußte nur die Augen schließen, um den Fluß zu sehen. Den Fluß und die smaragdgrünen Lichter der Boote, die lautlos stromabwärts glitten ...
    Man mußte kein Einheimischer sein, um zu erkennen, daß sie noch immer zusammengehörten, dieses Tal und der Fluß, der schon seit Millionen Jahren Vergangenheit war. Niemand hatte die Menschen daran gehindert, sein ausgetrocknetes Bett als Straße zu benutzen. Niemand würde ihnen verbieten, an seinen Ufern Siedlungen zu errichten mit Tankstellen, Supermärkten und allem, was ihrer Ansicht nach dazu gehörte. Niemand würde sich über den Lärm beschweren, den ihre Turbinenfahrzeuge und Preßlufthämmer verursachten, niemand den Übermut beklagen, mit dem sie von Dingen Besitz ergriffen, die sie nicht verstanden.
    Es war nicht wichtig, das wurde Martin in diesem Augenblick mit schmerzhafter Deutlichkeit bewußt. Die Kolonisten mochten die neue Schnellstraße Abraham-Lincoln-Highway nennen, ihre Containerstädte New Charleston oder Port Michigan und das alte Meer Death Valley, für den toten Fluß, das Tal und die Berge bedeutete es nichts. Sie besaßen bereits Namen, Namen, die der Wind mit sich trug, wenn er nachts über die Hügel strich. Diese Namen waren schon uralt gewesen, als auf der Erde noch öde, menschenleere Wildnis geherrscht hatte, und sie würden auch dann noch Teil dieser Landschaft sein, wenn sich niemand mehr an Charleston oder Michigan erinnerte. Sie hatten das Versiegen der Flüsse überdauert, das Austrocknen der Meere und den Zerfall der alten Städte, die schon vor Millionen Jahren von ihren Bewohnern verlassen worden waren.
    Martin besaß keinen Beweis, daß sie tatsächlich existiert hatten, aber er wußte es, hatte es auf schwer zu erklärende Weise immer gewußt. Sonst wäre er vielleicht nicht hier ...
    Gegen Mittag begegneten sie dem ersten Fahrzeug, einem Erztransporter, der eine rote Staubfahne hinter sich herzog. Martin wechselte ein paar Sätze mit dem Fahrer, einem freundlichen Francokanadier, der gerade einen 5-Jahres-Vertrag bei der Minengesellschaft unterschrieben hatte. Marcel, so hieß der Junge, war noch nie jemandem von draußen begegnet und entsprechend neugierig. Er bestaunte die Rummdogs und erkundigte sich wie alle Fahrer, die Martin bislang begegnet waren, nach dem Wetter: Würde es Sturm geben? Martin verneinte lächelnd, lehnte den angebotenen Kaffee jedoch ab, nicht aus Unhöflichkeit, sondern weil er weitere Fragen vermeiden wollte. Sie verabschiedeten sich mit den üblichen Floskeln, dann heulten die Turbinen auf, und das riesige Fahrzeug setzte sich träge schaukelnd in Bewegung.
    Martin pfiff die Rummdogs heran, die die Szene aus sicherer Entfernung verfolgt hatten, überprüfte den Sitz von Meropes Geschirr und gab den Befehl zum Aufbruch. Allmählich verklang das Motorengeräusch hinter ihnen, der aufgewirbelte Staub setzte sich, und bald erinnerte nichts mehr an die Begegnung, die ihm rückblickend beinahe unwirklich erschien.
    Die Gedanken, die Martin durch den Kopf gingen, hatten nichts mit den Kolonisten und ihren Aktivitäten auf dem Mars zu tun. Er hatte versucht, sie zu verdrängen, doch es war unmöglich, nicht daran zu denken, was ihn am Ziel seiner Reise erwartete.
    „Er lernt dich kennen und trifft eine Entscheidung“, hatte der brennende Mann über den Chanan gesagt. Das klang bedrohlich nach Allmacht, dennoch hatte Martin nicht den Eindruck gehabt, daß seine Gastgeber den Chanan fürchteten. Möglicherweise handelte es sich auch gar nicht um ein selbstbestimmt handelndes Wesen, sondern vielmehr um ein Produkt ihrer Zivilisation.
    Obwohl Martin überzeugt davon war, daß sie ihm nichts Böses wollten, fürchtete er die Begegnung ebenso wie er sie herbeisehnte.
    Was, wenn dieses Geschöpf ihm ein Bild von sich selbst offenbarte, das er nicht zu ertragen vermochte? Wenn der Chanan doch eine Art Gottheit war, vielleicht der einzige Gott, der tatsächlich existierte? Wohin konnte er dann noch fliehen, und wozu überhaupt, wenn keine Hoffnung mehr blieb?
    Martin wußte es nicht, und er mochte auch nicht über eine Situation nachdenken, von der er im Grunde seines Herzens überzeugt war, daß sie nicht eintreten würde. Dennoch mußte er sich über seine Hoffnungen, Zweifel und Befürchtungen klar werden, bevor er dem Chanan gegenübertrat. Nicht, um ihn in irgendeiner Form zu beeinflussen, sondern um seiner selbst willen.
    Es war ganz sicher kein Zufall, daß sie ihn nicht unvorbereitet mit dem Chanan konfrontiert hatten, was durchaus in ihrer Macht gestanden hätte. Nein, sie hatten die Entscheidung ganz bewußt in sein Ermessen gestellt und gleichzeitig dafür gesorgt, daß ihm Zeit blieb, sie zu überdenken.
    Und sie hatten in gewissem Sinne Recht behalten, denn je länger Martin unterwegs war, um so mehr wuchsen die Zweifel am Sinn seines Unterfangens. Welche Art Hilfe war überhaupt von einem Geschöpf zu erwarten, das Teil einer ebenso alten wie fremdartigen Zivilisation war?
    Auch darauf wußte Martin keine Antwort, dennoch ging er weiter. Vielleicht, weil er ahnte, daß die Auseinandersetzung mit diesen Zweifeln bereits Teil jener Prüfung war, der er sich zu stellen hatte ...
    Nach einer weiteren Stunde Fußmarsch trennten sich Straße und Flußtal. Die Bautrupps hatten eine Schneise in den Hang gesprengt, durch die die Straße schnurgerade in Richtung Westen verlief. Wenn Martin jetzt geradeaus weiterging, konnte er noch vor Einbruch der Dunkelheit in der Stadt sein. Er könnte bei Bekannten übernachten, die sich über seinen Besuch freuen würden, und morgen all die Besorgungen erledigen, die er schon viel zu lange aufgeschoben hatte. Die Versuchung war groß, aber nicht groß genug, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen.
    Die Spuren derer, denen er folgen würde, waren zwar längst nicht so deutlich wie die Abdrücke der Ballonreifen, aber man konnte sie erkennen, wenn man genügend Erfahrung besaß. Wahrscheinlich hätte Martin Meropes Führung gar nicht mehr bedurft, denn er sah den weit geschwungenen Bogen ganz deutlich vor sich, dem der Fluß an dieser Stelle folgte.
    Allmählich änderte sich die Beschaffenheit des Untergrundes. Das Gelände wurde unwegsamer, und sie mußten immer wieder Bergen von Geröll oder einzelnen Felsblöcken ausweichen, die von den zerklüfteten Hängen ins Tal gestürzt waren. Die Schlucht wurde schmaler und nahm immer mehr den Charakter eines Canyons an, wie er für die Nebenarme der Valles typisch war.
    Obwohl das Flußbett kein nennenswertes Gefälle aufwies, türmten sich die Wände des Canyons bald zu schwindelerregender Höhe, was Martin allerdings erst bewußt wurde, als sie an einer besonders engen Stelle in deren Schatten eintauchten.
    In der Dämmerung, die sie plötzlich umfing, lag bereits eine Ahnung der bevorstehenden Nacht. Martins Blick glitt die fast senkrechten Felswände hinauf zu dem schmalen Streifen Himmel, der in unerreichbare Ferne gerückt schien. Noch erreichten die rosafarbenen Strahlen der Nachmittagssonne den Grund der Schlucht, aber sie würden die Dunkelheit nicht lange aufhalten können, die schon jetzt mit kühlen Schattenfingern nach den Eindringlingen griff.
    Das Boot lag in einer dieser Schattenzonen unter einem Felsvorsprung. Martin hätte es wohl übersehen, wenn Taygeta nicht mißtrauisch schnüffelnd stehengeblieben wäre.
    „Was ist denn, Tay?“ erkundigte sich Martin halb im Scherz, dann sah er es und blieb wie vom Schlag gerührt stehen. Es war eines ihrer Boote, davon war er vom ersten Augenblick an überzeugt, auch wenn es weder Mast noch Ruder besaß und auf der Bugseite leck geschlagen war.
    Es war eines ihrer Boote, und Martin starrte es mit jener Mischung aus ungläubigem Staunen und trotziger Genugtuung an, zu der sonst nur Kinder fähig sind.
    Ich hab doch gewußt, daß sie hier sind, die gläserne Stadt, der Fluß und die Boote im Hafen, dachte der kleine Junge, zu dem er in diesem Moment wieder geworden war. Und das ist ganz sicher eins davon ...
    Dennoch zögerte er, seinen Fund zu berühren, als fürchtete er, daß er sich im gleichen Augenblick in Luft auflösen würde. Doch nichts dergleichen geschah. Die Oberfläche des Rumpfes fühlte sich glatt und kühl an wie polierter Marmor.
    Es war ein Boot aus Stein.
    Ungezählte Jahre hatte es auf Grund gelegen, bis der Fluß schließlich ausgetrocknet war, und der Wind den versteinerten Rumpf freigelegt und blank geschliffen hatte wie das Gerippe eines vorzeitlichen Ungeheuers.
    Martins halbherziger Versuch, das Boot umzudrehen, scheiterte bereits im Ansatz. Es ließ sich keinen Millimeter von der Stelle bewegen. Zwar hätte er gern einen Blick in das Innere geworfen, aber das war im Grunde gar nicht nötig. Die Feuerstelle im Heck würde ohnehin kaum Spuren hinterlassen haben, und an weitere Einzelheiten erinnerte er sich nicht. Außerdem hatte er nicht den geringsten Zweifel, daß es ein Boot wie dieses gewesen war, mit dem ihn der fremde Junge damals zum Hafen gebracht hatte. Daß sich das alles nur in seinen Träumen ereignet hatte, spielte dabei keine Rolle - jetzt nicht mehr.
    Die Ereignisse folgen einem bestimmten Muster.
    Noch war Martin weit davon entfernt, dieses Muster zu erkennen oder gar in die Zukunft zu schauen, wie es die Herrin der Masken vermocht hatte. Aber die Entdeckung des Bootes hatte ihm Mut gemacht. Und dort, wo er hinging, würde er vermutlich mehr davon brauchen, als er je besessen hatte ...
    „Okay, ich bin ja schon soweit“, rief er in Meropes Richtung, die bereits ungeduldig an der Führungsleine zerrte. „Du hast ja wohl keine Probleme mit deinen Träumen ...“
    Die Vorstellung, daß Dr. Fromberg seine Schöpfungen mit einem Satz artgerechter Standardträume ausgestattet haben könnte - vielleicht von Hundekuchen oder Briefträgerbeinen -, amüsierte ihn. Für kurze Zeit wich die Anspannung aus seinen Zügen und machte einem jungenhaften Lächeln Platz. Dann tauchten sie erneut in den Schatten der Felswände ein, und seine gute Laune verflog.
    Obwohl sich seine Augen nach einigen Sekunden an die Dunkelheit gewöhnt hatten, hatte er Mühe, dem Leittier zu folgen. Das graue Dämmerlicht ließ die Konturen verschwimmen, so daß er gezwungen war, sein Tempo der eingeschränkten Sicht anzupassen.
    Er hatte sich bereits damit abgefunden, den Rest des Weges im Dunkeln zurücklegen zu müssen, als er einige hundert Meter voraus einen schwachen Lichtschimmer bemerkte. Der Lichtfleck wurde rasch heller, und Martin wurde bald klar, daß es sich dabei um einen Zugang nach draußen handeln mußte.
    Noch war die eigentliche Öffnung nicht sichtbar. Offenbar durchlief die Schlucht an dieser Stelle eine weitere Krümmung, doch als sie diese passiert hatten, wichen die Wände des Canyons plötzlich zurück und gaben den Blick auf ein beeindruckendes Panorama frei.
    Zu Martins Überraschung befanden sie sich jedoch nicht auf freiem Gelände, wie er auf Grund des ungehindert einfallenden Tageslichts angenommen hatte, sondern in einer weiteren Schlucht beziehungsweise einem ganzen System von Schluchten, dessen Ausdehnung er nur erahnen konnte.
    Innerhalb dieser gewaltigen Schluchtenlandschaft ragten Felsgebilde jeder nur vorstellbaren Form und Ausdehnung - Säulen, Türme, Quader, Kegel - in teilweise schwindelerregende Höhe empor. Die meisten ruhten auf riesigen Geröllhalden, die ihrerseits eine Art Gebirgslandschaft bildeten.
    Natürlich hatte Martin seinerzeit das damals verfügbare Bildmaterial von den Valles Marineris studiert, aber die Satellitenaufnahmen vermochten die Realität nicht einmal annähernd wiederzugeben. Aktuelle Bilder gab es seines Wissens kaum. Die Erforschung des Gebietes war vor ein paar Jahren eingestellt worden, als ein Geologenteam in einen Sandsturm geraten und nicht zum Stützpunkt zurückgekehrt war. Acht Frauen und Männer, die mit einem Thunderbelt-Radpanzer unterwegs gewesen waren - einem 60 Tonnen schweren Koloß mit Nuklearantrieb und Sicherheitszelle. Jetzt verstand Martin, weshalb das Fahrzeug nie gefunden worden war ...
    Die Valles waren eine Landschaft, für die die menschlichen Sinne nicht eingerichtet waren. Hier existierte nichts, das als Vergleichsmaßstab hätte dienen können, nichts, das dem Betrachter vertraut war, nichts, das das Gefühl der Verlorenheit mildern konnte, das er angesichts der gigantischen Abmessungen dieses auf den ersten Blick völlig chaotisch anmutenden Areals empfand.
    Er fragte sich, ob das vielleicht der Grund gewesen war, weshalb man ihn an diesen Ort geführt hatte, verwarf den Gedanken aber sofort wieder. Wenn sie so viel über ihn wußten, wie er annahm, dann mußte ihnen auch klar sein, daß es einer derartigen Demonstration nicht bedurfte.
    Die beiden Rummdogs zeigten angesichts der dramatischen Veränderung der Landschaft keine sichtbaren Anzeichen von Unruhe oder gar Überraschung. Merope behielt die vorher eingeschlagene Richtung bei, die in ihrer Fortsetzung zu einer jener bizarren Felsformationen führte, die den Charakter der Bruchstelle prägten.
    Es handelte sich um zwei riesige Felsplatten, die schräg aufeinander zuliefen und so eine Art Tor in Form eines umgekehrten Vs bildeten. Die Öffnung des Felsentores lag im Schatten, so daß sich seine Tiefe aus der Entfernung nicht feststellen ließ. Das dunkle Dreieck zwischen den im Licht der tief stehenden Sonne kupferfarben schimmernden Felswänden wirkte auf seltsame Weise bedrohlich wie der Zugang zu einer geheimnisvollen düsteren Schattenwelt, aus der es keine Rückkehr gab.
    Doch genau dorthin würde sie ihr Weg führen. Das wurde Martin in dem Augenblick klar, als er entlang der gedachten Linie zwischen ihrem gegenwärtigen Standort und dem Felsentor Spuren des Flußbettes entdeckte, in dem sie seit den Morgenstunden unterwegs waren. Sandstürme und fortgesetzte Erosion hatten die Uferhänge abgetragen, Wanderdünen große Teile des Tales unter sich begraben, doch es blieben genügend Hinweise, um seinen ehemaligen Verlauf zu erkennen.
    Von widerstreitenden Gefühlen bewegt folgte Martin den beiden Rummdogs, bis sie den Fuß des Berges erreicht hatten, auf dem das Felsentor thronte. Der Fluß endete hier, und es war offenkundig, daß er früher direkt in die gewaltige Höhle hineingeflossen war, deren unterer Teil jetzt mit Geröll und Sand verschüttet war.
    Der verbliebene Teil des Höhleneingangs lag noch immer im Schatten, ein dunkles Riesenmaul, das aus der Nähe betrachtet noch furchteinflößender erschien als zu Beginn des Aufstiegs. Mittlerweile vermied es Martin, allzu oft nach oben zu schauen. Er ahnte, daß sie sich dem Ziel ihrer Reise näherten, und seine Beklommenheit nahm mit jedem Schritt zu.
    Doch erst als am Ende des Geröllhanges die Wände des Felsentores wie Türme emporwuchsen, erkannte er, daß mit der vermeintlichen Öffnung etwas nicht stimmen konnte. Der Durchgang ließ weiterhin keine auch noch so vage Struktur in seinem Inneren erkennen. Die Dunkelheit, die er ausstrahlte, war so absolut, daß Martin beinahe körperliches Unbehagen empfand.
    Das war keine geologische Struktur, sondern etwas, das allen bekannten Naturgesetzen widersprach. So war der Übergang zwischen den gewohnten räumlichen Strukturen der Außenwelt und der Schattenzone so abrupt, als hätte jemand den Höhleneingang mit schwarzer Folie bespannt - einer Folie allerdings, die das Licht nicht reflektierte, sondern förmlich aufsaugte.
    Selbst die Rummdogs schienen irritiert und drehten sich immer wieder nach Martin um, als erwarteten sie von ihm einen Hinweis, wie sie mit diesem seltsamen Ding umgehen sollten, das da vor ihnen lag. Deshalb war er auch nicht überrascht, als die Führungsleine plötzlich schlaff wurde: Merope war stehengeblieben, und auch Taygeta war nicht dazu zu bewegen, sich der Schattenlinie weiter zu nähern. Rummdogs kannten keine Furcht, deshalb mußte ihr Verhalten rationale Gründe haben. Wahrscheinlich hinderte ein Sicherheitsprogramm sie daran, auf ein Gebiet vorzudringen, über das sie keinerlei Informationen besaßen.
    Von jetzt an würde Martin seinen Weg allein fortsetzen müssen, und obwohl er geahnt, nein, gewußt hatte, daß dieser Zeitpunkt irgendwann kommen mußte, empfand er in diesem Moment nichts als kalte, lähmende Furcht.
    Du kannst immer noch umkehren ...
    Der Gedanke war verlockend, doch er würde ihm nicht nachgeben. Auch das Schattentor war Teil der Prüfung, davon war er überzeugt, und er würde sich nicht aufhalten lassen, nur weil seine Roboterhunde sich im Dunkeln fürchteten.
    Martins Beine schienen jedoch anderer Auffassung zu sein. Sie verweigerten ihm zwar nicht direkt den Gehorsam, dennoch wurden seine Schritte mit jedem Meter kleiner, den er sich der Schattengrenze näherte, bis er schließlich ganz stehenblieb.
    „Na, komm schon!“ lockte das dunkle Riesenmaul und blies ihm einen Schwall kühler Nachtluft entgegen. „Du hast doch nicht etwa Angst, Kapitän Lundgren?“
    Angst? dachte Martin, klar habe ich Angst. Aber nicht mehr als damals, als plötzlich dieser Geruch im Haus war - und der Briefumschlag auf dem Küchentisch. Und trotzdem bin ich gegangen ...
    „Ho ho, aber doch wohl ein bißchen zu spät“, höhnte die Stimme aus dem Dunkel. „Charlene Lundgren weiß weder wer noch wo sie ist, wenn die Wörter sie durch die grün getünchten Flure von Block C in den Garten führen, wo sie sich mit den Vögeln unterhält. Ein wahrhaft erfülltes Leben auf Kosten der Tricare Northeast - Respekt.“
    Martin ahnte, daß er einen Fehler gemacht hatte. Doch es war bereits zu spät, ihn zu korrigieren. Das Schattentor hatte etwas gefunden, mit dem es ihm weh tun konnte: Ein Bild, an das er sich nur zu gut erinnerte ...
    Ein großer, gepflegter Park mit einem Teich, an dem Wildenten und Schwäne nisten. Kiesbedeckte Wege und zahlreiche Bänke, die den Spaziergänger zum Verweilen einladen. Aber die Menschen auf den Bänken sind keine gewöhnlichen Spaziergänger, auch wenn man den meisten ihr Leiden nicht sofort ansieht. Auch der weißhaarigen, ein wenig altmodisch gekleideten Dame nicht, die in ihrem früheren Leben Charlene Lundgren hieß, - Martins Mutter. Meist füttert sie Vögel und beobachtet zufrieden, wie ihre Schützlinge mit lustig nickenden Köpfen hin und her eilen, um die besten Brocken zu ergattern. Wird sie von Fremden angesprochen - und dazu zählen leider auch Martin und seine Schwester Betty, ihr Bruder Doug, dessen Frau Liz sowie sämtliche Angestellten und Patienten des St. James - zuckt ihr Kopf herum und sie mustert die Betreffenden erschrocken und vollkommen verständnislos. Sie spricht nie, nur wenn sie sich bedroht fühlt, entringt sich ihrer Kehle ein mißtönendes Kreischen, das man mit viel Phantasie als “Geh weg!“ interpretieren könnte, auch wenn es viel eher den Warnrufen einiger ihrer gefiederten Freunde gleicht. Das St. James gilt als eines der besseren Sanatorien Neuenglands. Die Zimmer sind hell und komfortabel eingerichtet, das Personal kompetent und freundlich. Aber auch die freundlichsten Angestellten und die sachkundigsten Ärzte können der weißhaarigen, ein wenig altmodisch gekleideten Dame nicht wirklich helfen, und vielleicht möchte sie das auch gar nicht mehr ...
    Das Bild verschwand, aber der Schmerz blieb und das demütigende Gefühl, versagt zu haben. Martin sorgte dafür, daß Flemming alljährlich einen nicht unerheblichen Betrag an das St. James überwies, aber das änderte nichts daran, daß er sich schuldig fühlte. Er war gegangen und hatte sie im Stich gelassen ...
    Dennoch vermochte die mentale Attacke Martin nicht einzuschüchtern, sondern bestärkte ihn sogar noch in seiner Entschlossenheit, dem unsichtbaren Gegner die Stirn zu bieten. Nichts von dem, was ihm das Schattentor gezeigt hatte, war neu gewesen. Es waren seine eigenen Erinnerungen und Schuldgefühle, mit denen es ihn aufzuhalten suchte. Doch es gab noch andere, schlimmere vielleicht, und er durfte ihm keine weitere Gelegenheit geben, sie gegen ihn einzusetzen.
    „Du kannst mich nicht aufhalten!“ flüsterte er beschwörend und trat einen Schritt nach vorn.
    Brennender Schmerz durchflutete seinen Körper und ließ ihn zurücktaumeln. Eher erschrocken als ernsthaft verletzt betastete er seinen rechten Fuß, der für Sekundenbruchteile die Schattengrenze berührt hatte. Er fand nichts, keine schmerzende Stelle, keine Strommarke, keine noch so geringfügige Verletzung. Was auch immer den Schmerz ausgelöst hatte, es hatte nicht die geringste Spur hinterlassen ...
    Die beiden Rummdogs, die sein Vordringen mit sichtbarer Anspannung verfolgt hatten, ließen ein warnendes Knurren vernehmen. „Versuch das ja nicht noch einmal“, schienen sie ihm sagen zu wollen. „Es ist gefährlich.“
    Aus ihrer Sicht hatten sie zweifellos recht, aber sie waren Maschinen, keine Wesen aus Fleisch und Blut. Sie mochten nützliche Helfer sein, aber dieses Mal würde Martin nicht auf sie hören.
    Es mußte einen Weg geben, die Barriere zu überwinden. Er war davon überzeugt, daß sie in erster Linie der Abschreckung diente und nicht dazu, ihm oder anderen Menschen Schaden zuzufügen. Folglich waren die Schmerzen, die er empfunden hatte, keine „echten“ Schmerzen, die von verletzten Nervenenden herrührten, sondern die Folge einer suggestiven Beeinflussung seines Gehirns.
    Aber woher wußte die Intelligenz, die den Zugang kontrollierte, wo und mit welchem Teil seines Körpers er die Grenze übertrat?
    Die Anwort war so trivial, daß sich Martin beinahe mit der Hand gegen die Stirn geschlagen hätte: Sie wußte es von ihm!
    Wenn sie in der Lage war, ihn mit Schuldgefühlen und Erinnerungen zu konfrontieren, dann besaß sie Zugang zu seinem Bewußtsein und folglich auch zu dem, was er hörte oder sah. Von dieser Erkenntnis bis zur Lösung seines Problems war es dann nur noch ein kleiner Schritt ...
    „Okay, Großmaul“, murmelte Martin. „Spielen wir eine Runde Blinde Kuh!“ Dann nahm er all seinen Mut zusammen und marschierte mit geschlossenen Augen direkt hinein in das Herz der Finsternis.
    Obwohl viel für seine Theorie sprach, blieb es ein Marsch ins Ungewisse. Martin konnte seinen Pulsschlag hören, ein dumpfes Dröhnen in den Schläfen, das mit jedem Schritt lauter wurde. Seine Muskeln spannten sich in Erwartung des Schmerzes, der ihn jeden Augenblick zurückschleudern konnte. Die fremde Intelligenz hatte sein Vorhaben mit Sicherheit längst durchschaut, die Frage war allein, ob sie sich an die Regeln halten würde. Obwohl Martin davon überzeugt war, daß sie einen ausgeprägten Sinn für Regeln und Symbolik besaßen, fühlte er sich wie ein Soldat auf dem Weg durch ein Minenfeld.
    Dennoch ging er weiter, wagte jedoch nicht, die Augen zu öffnen. Mechanisch setzte er einen Schritt vor den anderen, bis der Boden unter seinen Füßen plötzlich nachgab und er in die Tiefe stürzte.
    Erschrocken riß er die Arme nach oben, doch der befürchtete Aufprall blieb aus. Statt dessen spürte Martin, wie sich die Geschwindigkeit seines Sturzes verringerte. Fast schien es, als hätte die Dichte der Luft um ihn herum so zugenommen, daß sie seinen Fall aufhielt und ihn sanft nach unten schweben ließ.
    Ein irritierendes Gefühl von Deja-vu löschte alle anderen Empfindungen aus. Der Eindruck, das alles schon einmal erlebt zu haben, war so überwältigend, daß er sich der Bedrohlichkeit seiner Situation kaum noch bewußt wurde.
    Ohne Überraschung oder gar Furcht sah er eine graue Nebelwand auf sich zustürzen, in die er nur Sekunden später eintauchte. Ein Teil von ihm hatte fest mit ihrem Erscheinen gerechnet. Über seine Umgebung und die Tiefe des Abgrunds konnte er allerdings nur Vermutungen anstellen. Dichte Nebelschwaden verhinderten weiter jegliche Orientierung. Martin breitete die Arme aus und spürte, wie der Luftwiderstand stärker wurde. Einen Augenblick später lichtete sich der Nebel und gab den Blick auf die Umgebung frei.
    Der Fluß! dachte Martin, dann spürte er schon den Boden unter seinen Ellenbogen und Knien und rollte sich zu Seite ab.
    Das Ufer war nur ein paar Schritte vom Ort seiner Landung entfernt. Immer noch ein wenig benommen starrte Martin Lundgren auf die dunkle Wasserfläche, die vollkommen reglos schien. Der Fluß war breit - so breit, daß er das jenseitige Ufer nur als schmalen, leuchtenden Streifen erkennen konnte.
    „Hallo Martin!“
    Die Stimme klang seltsam vertraut.
    Der Junge mit der Maske.
    Martin wußte es, noch bevor er die schmale, zerbrechlich wirkende Gestalt tatsächlich wahrnahm. Der Junge stand hinter einem kleinen Felsvorsprung, seine Silhouette hob sich kaum vom Schwarz der Wände ab.
    Er muß gewußt haben, daß ich komme, dachte Martin beklommen. Weshalb wäre er sonst hier?
    „Warte, ich mache uns Licht“, sagte der Junge und beugte sich etwas nach vorn. Es gab ein knisterndes Geräusch wie von einer elektrischen Entladung, dann loderte zu seinen Füßen ein grün sprühendes Feuer auf. „Komm, du hast einen weiten Weg hinter dir.“
    Dagegen gab es wenig einzuwenden, und so folgte Martin der Einladung des Fremden und setzte sich zu ihm ans Feuer. Schweigend starrte er in die Flammen und genoß das Gefühl, heimgekehrt zu sein. Wie oft war er wohl hier gewesen, damals? Martin wußte es nicht, und es war im Grunde auch nicht wichtig. Wichtig war allein, daß er jetzt hier war, daß er ihn wiedergefunden hatte, diesen Ort ...
    „Ist es noch weit?“ erkundigte er sich, nachdem er seine Hände symbolisch an dem kalten Feuer gewärmt hatte.
    „Nein, nicht sehr weit“, erwiderte der Junge nach einigem Zögern. „Willst du schon aufbrechen?“ Es klang wie: Bist du bereit?
    Darauf hätte Martin selbst gern eine Antwort gewußt, und so versuchte er erst einmal, Zeit zu gewinnen: „Ich möchte vorher gern noch etwas wissen ... bevor wir gehen, meine ich.“
    „Frag!“
    Die Aufforderung klang zwar nicht direkt unfreundlich, dennoch zögerte Martin, bis ihm der Junge schließlich aus der Verlegenheit half: „Du willst wissen, was der Chanan ist, oder?“
    Martin nickte.
    „Ich kann deine Frage nicht beantworten - nicht, weil ich nicht will oder nicht darf, sondern weil es keine Antwort gibt, die dir weiterhelfen würde. Und bevor du wieder fragst, ob er so etwas wie Gott sei, will ich dir wenigstens darauf antworten: Er ist ebensowenig Gott, wie eine Laterne die Sonne ist.“
    Die Stimme des Jungen hatte ernst geklungen, und es gab keinen Grund, an seinen Worten zu zweifeln. Merkwürdigerweise fühlte sich Martin sogar erleichtert, obwohl ihm die Antwort im Grunde nicht weiterhalf. Auf dem Weg hierher waren ihm so viele Fragen durch den Kopf gegangen, doch jetzt fiel ihm keine einzige mehr ein, zumindest keine, die der Bedeutung des Augenblicks angemessen gewesen wäre.
    Eine Zeitlang schwiegen beide. Nichts in der Haltung des Jungen deutete darauf hin, daß er auf etwas wartete. Solange Martin keine Entscheidung traf, würde er hier sitzen und wortlos ins Feuer starren, während es draußen Nacht und wieder Tag wurde und wieder Nacht und Tag ...
    Es hat keinen Sinn, noch länger zu warten.
    „Gehen wir“, sagte Martin, doch der Junge hatte sich bereits erhoben, als hätte er seinen Entschluß vorhergesehen.
    „Steig ein.“ Die vermummte Gestalt deutete mit einer einladenden Geste in Richtung Fluß.
    Jetzt erst bemerkte Martin das Boot, das dort angelegt hatte. Sein Rumpf glänzte schwarz wie die Oberfläche des Flusses, die Segel schimmerten grünlich, aber das konnte auch der Widerschein des Feuers sein. Martin hätte beschwören können, daß es vor ein paar Minuten noch nicht dagewesen war. Wie damals ...
    Der Anblick des Bootes verstärkte das Deja-vu-Gefühl in einem Maße, daß die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit verschwammen. Zum ersten Mal überfielen Martin Zweifel an der Realität dessen, was er sah. Was, wenn das alles nur eine weitere Vision war, erschaffen aus den Bildern seiner Träume?
    Dagegen sprach, daß er sich noch recht gut daran erinnerte, wie er hierher gelangt war. Auch seine Kleidung und der Rucksack, den er trug, stammten eindeutig aus seinem gewohnten Umfeld. Martin hakte die Daumen unter die beiden Tragriemen und zog sie straff, bis seine Schultern zu schmerzen begannen.
    Nein, das war kein Traum ...
    Immer noch ein wenig mißtrauisch folgte Martin dem Jungen zum Ufer, stieg aber erst zu ihm ins Boot, als er sich davon überzeugt hatte, daß das zerbrechlich aussehende Gefährt stabil genug war, sein Gewicht zu tragen. Eine Sitzgelegenheit gab es allerdings nicht, so daß er gezwungen war, auf den hölzernen Planken Platz zu nehmen, während das Boot ablegte.
    Der Junge hatte eine Fackel angezündet und im Heck des Bootes befestigt. Ihr zuckendes Licht spiegelte sich auf der Oberfläche des Wassers. Obwohl Martin nur einen schwachen Windhauch spürte, füllten sich die Schmetterlingssegel mit Luft, und das Boot nahm Fahrt auf.
    „Fahren wir zur Stadt?“ erkundigte sich Martin schließlich und wunderte sich über den dumpfen Klang seiner Stimme. Die Akustik hatte sich verändert; die Oberfläche des Flusses schien seine Worte aufzusaugen wie die Wände eines schalltoten Raumes. Minutenlang glitt das Boot lautlos durch die Dunkelheit, ohne daß Martin den Mut aufbrachte, seine Frage zu wiederholen.
    „Nein, unser Weg wird zwar an Sadaika vorbeiführen“, erwiderte der Junge schließlich. „Aber wir werden uns von der Stadt fernhalten ... heute.“ Seine Stimme klang unverändert deutlich, sonst hätte Martin das leichte Zögern vor dem Nachsatz kaum bemerkt.
    Sadaika, dachte Martin, das klingt wie ein Mädchenname. Dennoch war er enttäuscht. Die gläserne Stadt bedeutete mehr für ihn als die Erinnerung an einen Traum. Die Stadt hatte ihn getröstet, damals, unmittelbar nach Steves Tod. Ihr Gesang war wie ein Versprechen gewesen, ein Versprechen, das keiner Worte bedurfte. Er hatte stets an ihre Existenz geglaubt, und dieser Glaube hatte ihm geholfen, Kälte und Einsamkeit zu ertragen - und das Bewußtsein der Schuld. Die Stadt erwartete ihn, davon war Martin zutiefst überzeugt. Und jetzt, da er sie endlich wiedergefunden hatte, sollte er sich von ihr fernhalten?
    „Du wirst sie später wiedersehen“, versicherte ihm der Junge, als hätte Martin seine Gedanken laut ausgesprochen. „Doch heute darfst du das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Die Stadt würde versuchen, dich aufzuhalten - nicht weil sie dir etwas Böses will, sondern weil es in ihrem Wesen liegt ...“
    Allmählich wurde der schmale Leuchtstreifen am jenseitigen Ufer heller, aber noch lag die Stadt hinter dichten Nebelschwaden verborgen.
    Sadaika, dachte Martin mit klopfendem Herzen, während sie sich dem in Dunst gehüllten Lichtermeer näherten, dessen gewaltige Ausmaße erst allmählich offenbar wurden.
    „Wir fahren nicht weiter heran“, verkündete die maskierte Gestalt im Heck des Schiffes. Ihre Stimme klang verändert, nicht mehr so selbstbewußt, und es schien fast, als schwinge darin so etwas wie Besorgnis mit. Dann riß der Nebel auf und gab den Blick auf die Stadt frei. Wie damals ...
    Dennoch war der Anblick überwältigend.
    Es war weder die Höhe der einzelnen Gebäude - wenn es sich bei den leuchtenden Gebilden überhaupt um Gebäude handelte - noch ihre architektonische Gestaltung, die die Faszination der Stadt ausmachten. Die terrassenförmig angelegten Kristallstrukturen vermittelten vielmehr die Illusion einer riesigen Freitreppe, die sich vom Ufer des schwarzen Flusses bis hinauf in schwindelnde Höhen erstreckte. Wo die „Treppe“ schließlich endete, falls sie überhaupt irgendwo endete, blieb dem Betrachter durch den Dunst in der Höhe verborgen. Es gab keine Laternen oder sonstige Lichtquellen, das bernsteinfarbene Leuchten schien eine Eigenschaft des Materials zu sein, aus dem die einzelnen „Stufen“ bestanden.
    Martin sah die Uferstraße, das Hafenbecken und die Masten der Boote, die an der Kaimauer festgemacht hatten. Die höher gelegenen Straßen und Wege lagen im Schatten - dunkle Schneisen, die die leuchtenden Stufen in regelmäßigen Abständen unterbrachen wie Laufgänge die Zuschauerränge eines Stadions.
    Trotz ihrer Lichterfülle wirkte die Stadt wie ausgestorben, und so sehr Martin seine Augen auch anstrengte: Dieses Mal gab es niemanden, der ihm von der Kaimauer aus zuwinkte ...
    Manchmal glaubte er, ferne Musik zu hören, doch die Töne erstarben, bevor sie sich zu einer Melodie verbinden konnten. Dann war nur noch das Knistern der Fackel zu hören und das leise, kaum vernehmbare Zischeln, mit dem das Boot durch das Wasser glitt.
    Traurig beobachtete Martin, wie Stadt und Hafen hinter ihnen zurückblieben und allmählich im Nebel versanken. Sie segelten jetzt parallel zum Ufer stromabwärts, und obwohl jetzt beide Ufer im Dunkel lagen, hatte er den Eindruck, daß sie schneller wurde. Da der Wind nach wie vor nur schwach wehte, mußte die Strömung stärker geworden sein. Viel stärker, wie Martin angesichts des flauen Gefühls annahm, das sich in seiner Magengegend ausbreitete.
    „Eine Stromschnelle“, bestätigte die Stimme seines Gastgebers, „kein Grund zu Beunruhigung.“
    Der Junge stand noch immer aufrecht im Heck des Bootes und schien nicht im mindesten besorgt. Martin fragte sich dennoch, was wohl geschehen würde, wenn sie bei dieser Geschwindigkeit abgetrieben würde und gegen ein Hindernis stießen. Es war nach wie vor stockdunkel um sie herum, und das Licht der Fackel vermochte nicht einmal den Innenraum des Bootes vollständig auszuleuchten. Er versuchte sich mit dem Gedanken zu beruhigen, daß sein Gastgeber den Weg gewiß nicht zum ersten Mal zurücklegte, aber das flaue Gefühl in der Magengegend blieb.
    „Wir sind gleich durch“, ließ sich der Junge erneut vernehmen.
    Was meint er mit „durch?“ dachte Martin verwirrt.
    Zuerst hielt er den schwachen seitlichen Lichtschimmer für eine Sinnestäuschung, doch dann begriff er, daß es der Widerschein des Fackellichts an den in unmittlebarer Nähe vorbeihuschenden Uferwänden war, und zuckte erschrocken zusammen. Innerhalb kürzester Zeit mußte sich das weitläufige Flußtal in einen engen Canyon verwandelt haben. Daß auch das ein Irrtum war, wurde ihm in dem Augenblick klar, als der zuckenden Lichtschein auch die Decke des unterirdischen Ganges erreichte, in dem das Wasser mit hoher Geschwindigkeit stromabwärts schoß. Daß das in fast vollkommener Dunkelheit und vollkommen lautlos geschah, machte die rasende Bootsfahrt noch unheimlicher und trieb Martin den Angstschweiß auf die Stirn. Seine Hände krampften sich so fest um die Kante der Bordwand, daß die Knöchel weiß hervortraten. Unfähig, sich zu rühren, beobachtete er, wie sich die Höhlendecke weiter senkte, bis sie fast die Mastspitze erreicht hatte. Schon glaubte er, das Geräusch berstenden Holzes zu hören, da wichen die Felswände plötzlich zurück. Das Boot verlor so rasch an Geschwindigkeit, als wäre es gegen eine unsichtbare Gummiwand geprallt. Martin spürte Übelkeit aufsteigen und kämpfte gegen den Drang, sich zu übergeben. Während seiner Ausbildung war er weitaus höheren Bremsbeschleunigungen ausgesetzt gewesen, aber noch nie hatten sie ihn so unvorbereitet getroffen wie jetzt ...
    Erst als das Boot zum Stillstand gekommen war und der Druck auf seinen Magen ein wenig nachgelassen hatte, wagte es Martin, den Blick zu heben. Die Fackel im Heck des Bootes brannte nach wie vor, aber der Platz, an dem eben noch der Junge gestanden hatte, war leer. Obwohl die Möglichkeit im Grunde nicht auszuschließen war, glaubte Martin keinen Augenblick daran, daß er tatsächlich über Bord gegangen war. Für sein Verschwinden gab es nur eine plausible Erklärung: Martin hatte das Ziel seiner Reise erreicht!
    „Es ist ein See, tief unter den Felsen der Valles“, hatte der brennende Mann gesagt. Die schwarz schimmernde Wasserfläche, auf der das Boot jetzt steuerlos dahintrieb, konnte durchaus dieser See sein, auch wenn die Dunkelheit seine Ufer verbarg. Es herrschte vollkommene Windstille, die Segel hingen schlaff herunter. Vorsichtig tastete sich Martin in Richtung Heck, nur um festzustellen, daß das Boot keine Steuervorrichtung besaß. Solange die Dunkelheit anhielt, war er nicht in der Lage festzustellen, ob und in welche Richtung es sich bewegte.
    Martin zog die Fackel aus der Halterung und leuchtete damit über die Bordwand. Die Wasseroberfläche war spiegelglatt, es gab nicht einmal die Andeutung einer Bugwelle. Dafür fiel ihm auf, daß das Boot kaum auf die Gewichtsverlagerung reagierte. Entweder es war schwerer, als er angenommen hatte, und besaß einen enormen Tiefgang, oder aber ...
    Unsinn! schalt er sich. Natürlich ist das nur Wasser, was denn sonst?
    Dann geschah etwas. Martin spürte die Veränderung, noch bevor er sie bewußt wahrnahm. Obwohl er weder etwas gesehen noch etwas gehört hatte, drehte er sich um, weil er plötzlich das Gefühl hatte, daß sich hinter seinem Rücken etwas tat.
    Der gelbliche Lichtschein war zwar nicht besonders hell, angesichts der Dunkelheit ringsum aber deutlich zu erkennen. Die Lichtquelle selbst war nicht zu sehen, nur eine leuchtende Säule in etwa hundert Meter Entfernung auf der Mitte des Sees. Die Intensität des Lichtes war unmittelbar über dem Wasserspiegel am höchsten und nahm nach oben hin ab, so daß die Decke des Raumes oder der Höhle nach wie vor im Dunkel lag.
    Was es auch war, die Erscheinung machte jedenfalls keinen bedrohlichen Eindruck. Im Gegenteil, das stille, warme Licht übte eine seltsame Faszination auf ihn aus und erfüllte sein Herz mit Sehnsucht.
    Das goldfarbene Glühen wurde heller, und Martin hatte den Eindruck, daß es sich auf ihn zu bewegte. Sein Irrtum wurde ihm erst klar, als er einen leichten Luftzug spürte und sah, wie sich die Segel im Wind strafften. Das Boot hatte wieder Fahrt aufgenommen, und sein Bug war exakt auf die leuchtende Säule ausgerichtet wie eine Kompaßnadel nach Norden.
    Je näher sie kamen, um so deutlicher wurde, daß sich die eigentliche Lichtquelle unter Wasser befinden mußte. In gewisser Weise ähnelte die leuchtende Säule dem Lichtkegel eines nach oben gerichteten Scheinwerfers.
    Wie gebannt starrte er auf den gleißenden Lichtfleck, der die Erscheinung hervorrief. Der See schien an dieser Stelle von innen heraus zu leuchten, als glühe in seinen Tiefen eine zweite Sonne. Manchmal erschien es Martin, als bewege sich unter der Oberfläche etwas, doch sobald er seinen Blick darauf fixierte, waren die schattenhaften Bewegungen verschwunden.
    Das Boot hatte inzwischen beigedreht, doch Martin bemerkte es nicht einmal. Er fragte sich, was wohl mit einem lebendiges Wesen - ganz gleich ob Tier oder Mensch - geschehen würde, wenn es aus irgendwelchen Gründen in den leuchtenden Strudel geriet. Würde es wie eine Fackel aufleuchten oder sich einfach auflösen, um selbst Teil des Sees zu werden? Er würde es wohl nie erfahren ...
    Die Erkenntnis stimmte ihn merkwürdigerweise traurig, obwohl er weit davon entfernt war, sich auf ein derartiges Experiment einzulassen. Er zögerte sogar, die leuchtende Säule zu berühren, die sich jetzt unmittelbar vor ihm erhob.
    Dann sah er, wie etwas Helles aus der Tiefe des Sees nach oben glitt, und plötzlich war überall Licht. Innerhalb von Sekundenbruchteilen dehnte sich die Säule aus, zerfiel aber gleichzeitig zu einem Bündel aus Tausenden haarfeiner Lichtstrahlen unterschiedlicher Intensität, das Boot und Passagier einhüllte wie der Strahl eines gigantischen Filmprojektors.
    Als Martin zurückweichen wollte, stellte er erschrocken fest, daß er sich nicht mehr bewegen konnte. Es schien, als hätten die Lichtstrahlen seinen Körper in ein undurchdringliches Gespinst eingewoben. Er kämpfte dagegen an, aber das goldfarbene Netz gab keinen Millimeter nach. Erschrocken sah Martin, wie sich aus dem Zentrum der strahlenden Fläche eine gelbe Lichtkugel löste und langsam auf ihn zuschwebte. In panischer Angst versuchte er sich loszureißen, aber seine Muskeln gehorchten ihm nicht mehr. Er war micht einmal in der Lage, die Augen zu schließen, als sich die leuchtende Kugel seinem Gesicht näherte.
    Ihr Licht blendete ihn, aber der befürchete Schmerz blieb aus. Martin spürte auch keine Berührung, und so konnte er nur vermuten, daß ihn die Kugel im letzten Augenblick doch noch verschont hatte.
    Die Attacke kam völlig unerwartet. Etwas drang in ihn ein - nicht in seinen Körper, sondern direkt in sein Bewußtsein. Es gab nichts, was diesen Angriff aufhalten konnte. Innerhalb weniger Augenblicke überrannte der Eindringling alle Barrieren, die Martin im Lauf der Jahre um sein verletzliches Ich aufgerichtet hatte. Er fühlte sich nackt nach diesem Ansturm, nackt in einem viel umfassenderen Sinne als dem der körperlichen Blöße, denn er war dem Fremden bedingungslos ausgeliefert. Das Gefühl, beobachtet, geprüft und analysiert zu werden, war demütigend. Und noch erschreckender war die Erkenntnis, daß der innerste Winkel seines Wesens vollkommen schutzlos offenlag, daß der fremde Geist Zugang zu seinen verborgensten Ängsten und seiner letzten Hoffnung hatte, daß er sie und damit auch ihn auslöschen konnte, wann immer er wollte ...
    Einen Augenblick später befand sich Martin in einer anderen Welt, die von dem gerade Erlebten ebenso weit entfernt war wie von seinem gewohnten Umfeld. Sein Bewußtsein war plötzlich nicht mehr das einer Person, sondern Teil jenes unbekannten Universums, in das er sich versetzt sah. Er konnte sehen, hören, fühlen, denken, aber nicht nur von einem einzigen Standort aus, sondern an jedem Ort seiner Umgebung. Nichts von dem, was er innerhalb der Grenzen des im Zeitstrom dahinfließenden Raumes wahrnahm, erschien ihm fremd oder gar unheimlich. Selbst die fernsten Himmelskörper waren ihm vertraut und innerhalb von Augenblicken erreichbar. Nicht im physikalischen Sinne allerdings, denn in gewisser Weise war er ja bereits dort. Die vermeintliche Annäherung war nicht mehr als ein Wechsel der Perspektive. Dennoch genoß er es, wenn sich die Sterne scheinbar durch die Kraft seines Willens aus dem Dunkel lösten und in riesige, glühende Sonnen verwandelten. Er wußte, welche Planeten sie umkreisten und wie es auf deren Oberfläche aussah, ob es dort Wasser gab oder gar Leben. Er kannte jedes Tier, jede Pflanze, als hätte er Monate oder sogar Jahre auf ihren Heimatwelten verbracht. Und vielleicht hatte er das auch, denn seine Erinnerungen waren so vielfältig und präzise, daß er mitunter Mühe hatte, sich nicht in Einzelheiten zu verlieren. Es gab auch bewußtes Leben in seiner Welt, aber das war selten und zumeist so primitiv, daß sein Interesse daran rasch erlahmte. Die einzige Ausnahme bildeten die Menschen auf dem Nachbarplaneten seiner Heimatwelt, denen er sich auf schwer zu beschreibende Weise verbunden fühlte. Die Gründe für diese Beziehung lagen im Dunkel seiner Herkunft verborgen, ein blinder Fleck in seinem Gedächtnis und das einzige Rätsel, das nach wie vor der Lösung harrte. Oft hielt er sich unbemerkt in ihrer Nähe auf, um einzelne von ihnen zu beobachten. Dabei registrierte er nicht nur, was sie im Augenblick dachten oder sprachen, er durchforschte auch ihre Vergangenheit, alles, was sie erlebt hatten, selbst wenn sie sich nicht mehr daran erinnern konnten. Er kannte sogar ihre Träume, und manchmal spürte er das im Grunde irrationale Verlangen, an ihrem Leben teilzuhaben, einer von ihnen zu sein. Dabei hatte er längst die Erfahrung gemacht, daß sie ihn nicht verstehen konnten, selbst wenn er menschliche Gestalt annahm und ihre Sprache benutzte. Dennoch versuchte er es immer wieder, vielleicht weil er spürte, daß ihre Zeit zu Ende ging. Sie würden ihm fehlen. Manchmal spielte er mit dem Gedanken, sich einzumischen, den er aber sofort wieder verwarf. Ein Bruch der Regeln würde alles nur noch schlimmer machen. So konnte er nur hoffen, daß einzelne den Weg fanden, bevor die Katastrophe endgültig ihren Lauf nahm. Viel Zeit blieb ihnen nicht mehr ...
    Das fremde Bewußsein gab Martin so unvermittelt frei, daß er das Gefühl hatte, innerhalb von Sekundenbruchteilen auf einen Bruchteil seiner ursprünglichen Größe geschrumpft zu sein. Wieder wechselte die Perspektive, und er fand sich an einem Ort wieder, der ihm seltsam vertraut erschien:
    Er saß vor einem kleinen Cafe, knapp fünfzig Meter oberhalb des Strandes, und genoß den Blick auf das Meer. Kinder warfen sich kreischend in den Gischt der träge heranrollenden Wellen und ließen sich in Richtung Ufer tragen. Eine Dreimastbark glitt mit geblähten Segeln vorbei, gefolgt von einem Schwarm lärmender Möwen. Es roch nach Tang und den blühenden Sträuchern, die rings um das kleine Anwesen der Sonne entgegenwucherten.
    Das Bier war kühl. Es machte Spaß, mit dem Finger über die beschlagene Oberfläche des Glases zu fahren. Im Vorgarten legte der Koch die ersten Fleischspieße auf den Holzkohlengrill.
    Am Nachbartisch saß eine junge Frau vor ihrem Capuccino und las. Das straff nach hinten gekämmte und zu einem Knoten gebundene Haar verlieh ihrem gebräunten Gesicht eine strenge Note, die in reizvollem Gegensatz zu den weichen Schwüngen ihrer dunkel geschminkten Lippen stand ...
    Doch etwas war anders.
    Martin vermochte nicht zu sagen, was es war, bis die junge Frau das Buch sinken ließ und mit gerunzelter Stirn hinaus aufs Meer blickte. Etwas schien sie zu beunruhigen. Doch so sehr Martin seine Augen auch anstrengte, er vermochte nichts Ungewöhnliches zu erkennen. Das Meer lag ruhig unter der Last der Mittagssonne, nur in der Ferne tanzten winzige weiße Schaumkämme über die blaue Weite.
    Schade, dachte Martin, als sich die Dunkelhaarige wieder ihrem Buch zuwandte, ohne von ihm Notiz zu nehmen. Das letzte Mal hat sie mir zugelächelt.
    „Möchten Sie speisen, Signor?“ erkundigte sich der Kellner, der unbemerkt herangetreten war. Er lächelte zuvorkommend, schien aber nicht recht bei der Sache zu sein. Martin mußte seine Bestellung zweimal wiederholen, bevor der Junge verstanden hatte und sich mit einem gemurmelten „Grazie, Signor“ zurückzog. Auch er hatte Martin nicht ins Gesicht gesehen.
    Das Lärmen der Kinder war verstummt. Es wurde still. Zu still. Lag das wirklich nur an der Mittagshitze?
    Beunruhigt richtete sich Martin auf und sah hinunter zum Strand. Die Kinder waren noch da, drei, vier, vielleicht ein halbes Dutzend. Aber sie lachten nicht mehr, und sie liefen auch nicht weiter den Wellen entgegen, die sich träge dem Ufer entgegenwälzten. Sie standen stumm und starrten hinaus aufs Meer. Zwei von ihnen, ein und Junge und ein Mädchen hielten sich an den Händen. Sie sahen winzig und verloren aus, wie ein Geschwisterpaar, das sich verirrt hatte.
    Etwas würde geschehen.
    Die junge Frau am Nachbartisch schien es ebenfalls zu spüren, denn sie hatte ihr Buch weggelegt und war nach vorn ans Geländer getreten. Eine Zeitlang sah sie hinüber zu dem schmalen Dunststreifen am Horizont, dann nahm sie ihre Sonnenbrille ab und drehte sich zu ihm herum.
    Als sich ihre Blicke trafen, erstarb das Lächeln auf Martins Lippen.
    Es waren ihre Augen.
    „Ich bin es wirklich, Marty“, sagte die dunkelhaarige Frau und ging einen Schritt auf ihn zu. „Verzeih mir.“
    Es war ihre Stimme.
    Martin sagte nichts. Seine Kehle war wie zugeschnürt.
    Es war Anna! Irgend etwas war mit ihrem Gesicht, aber sie lebte!
    Er faßte sich erst, als er sah, wie der Körper der jungen Frau plötzlich ins Taumeln geriet. Martin sprang auf und konnte im letzten Augenblick verhindern, daß sie stürzte.
    Wie oft hatte er Anna so in den Armen gehalten, damals ...
    Sie sprachen nicht. Beide. Und sie lösten sich auch nicht voneinander, obwohl Martin spüren konnte, wie die Kraft in Annas Körper zurückkehrte. Sie schlang ihre Arme um seine Schultern und preßte ihn an sich. Fest. Martin atmete den Duft ihrer Haut, ihres Haares ein, und wußte, daß er sie nie mehr loslassen würde. Nie mehr ...
    Ein dumpfes Grollen durchbrach die Stille. Eigentlich war es auch weniger ein Geräusch, als vielmehr ein tiefe Vibration, die er mit jeder Faser seines Körpers spüren konnte.
    Etwas würde geschehen.
    Er sah, wie sich am Horizont etwas Dunkles aus dem Nebel löste, etwas, das sehr rasch größer wurde. Martin wußte, daß es kein gewöhnliches Unwetter war, was sich da auf sie zubewegte, doch seltsamerweise berührte es ihn kaum. Es war nicht mehr wichtig ...
    Der anderen Gäste des Lokals waren ebenfalls aufgestanden, selbst der Wirt und die Signora hatten den kühlen Schatten des Gebäudes verlassen. Sie bewegten sich wie Schlafwandler, kein einziger sprach. Es roch verbrannt. Der Koch hatte vergessen, die Spieße vom Grill zu nehmen. Dann wurde es dunkel. Das Meer glänzte schwarz und geheimnisvoll im Schatten der heranjagenden Riesenwoge. Martin schloß die Augen und zog Anna noch ein wenig fester an sich.
    Das Dröhnen wurde lauter, es klang jetzt wie das Brüllen eines riesigen, vorzeitlichen Ungeheuers, aber es vermochte Martin keine Furcht einzuflößen.
    Was sollte ihm schon passieren? Anna war doch bei ihm.
    Dann fiel die Dunkelheit herab und hüllte sie ein in ihr Gewand aus Nacht und Stille.


    ***
    Martin erwachte mit schmerzenden Gliedern und vollkommen orientierungslos. Als etwas Weiches seine Hand berührte, sprang er erschrocken auf und beruhigte sich erst, als er erkannte, daß es nicht Schlimmeres als Meropes Zunge gewesen war.
    Gleichzeitig wurde ihm auch klar, wo er sich befand: direkt vor dem Eingang des Felsentores. Die beiden Rummdogs hatten hier auf ihn gewartet. Was hätten sie auch sonst tun sollen? Jetzt, da er endlich ein Lebenszeichen von sich gegeben hatte, tänzelten sie aufgeregt um ihn herum und bellten auffordernd. Offensichtlich freuten sie sich, ihn wiederzusehen. Natürlich wußte Martin, daß ihre Begeisterung ausschließlich das Resultat geschickter Programmierung war, dennoch empfand er beinahe so etwas wie Rührung. Mittlerweile hatte er sich so an die Rummdogs gewöhnt, daß er sich ein Leben ohne sie kaum noch vorstellen konnte.
    Nachdenklich sah er hinüber zum Höhleneingang und fragte sich, wie er überhaupt hierher gekommen war. Er konnte sich nicht an den Rückweg erinnern. Wahrscheinlich hatten sie sich darum gekümmert, auf welche Weise auch immer. Es würde interessant sein, die Videospeicher der Rummdogs auszulesen, auch wenn die entsprechenden Aufzeichnungen wahrscheinlich längst gelöscht worden waren.
    Wie lange war er eigentlich unterwegs gewesen?
    Martin sah zur Uhr: kurz nach elf - also insgesamt fast sechzehn Stunden, von denen er sich höchstens an zwei oder drei erinnern konnte!
    Er griff nach seinem Rucksack, den jemand unmittelbar neben seiner Schlafstelle abgestellt hatte, und suchte nach Eßbarem. Er war hungrig und seine Zunge klebte trocken am Gaumen. Während der Brennsatz das Kaffeewasser erhitzte, versuchte er, die Bruchstücke seiner Erinnerung zusammenzusetzen. Das Ergebnis war unbefriedigend, von einer Tatsache, nein, einer Gewißheit abgesehen: Anna lebte! Weshalb hätte der Chanan ihm sonst ihr Bild zeigen sollen?
    Flemming und die zuständigen Behörden mochten behaupten, was sie wollten. Martin wußte jetzt, daß sie noch am Leben war, und er würde sie finden. Die Aussicht beflügelte seine Lebensgeister ebenso wie der heiße Kaffee, den er während des Essens schlürfte. Deshalb zögerte er danach auch nicht länger, sondern pfiff die Rummdogs zu sich und gab das Kommando für den Rückmarsch: „Auf geht’s, Jungs - nach Hause!“


    Gruß
    K.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.628
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    26

    AW: Chanan (aus "Martin Lundgrens Traum")

    Du kommst seit Jahren, stellst Texte, erwartest, daß wir (Klammer, Uisgeovid, meinereiner...) sie Dir lektorieren, natürlich gratis, dann mäkelst Du an unseren Einwänden bzw. Vorschlägen herum und ziehst mehr oder minder beleidigt wieder ab. Mitarbeit an anderer Getext leistest Du so gut wie nicht. Statt dessen maulst Du in manchem Ordner herum. Du bist ein Schmarotzer, das ist jemand, der sich nur um sich selbst dreht und andere benutzt. - Du bist geizig, mein Lieber. Eine Todsünde ist der Geiz, denn er zeugt von der Enge des Herzens. Enge des Herzens. Solche Leute will ich nicht haben. Du bist hier erledigt.

    In diesem Text werden 94 Daß-Konstruktionen benutzt, zudem scheint es außer "spüren" und "fühlen" keine Verben fürs Empfinden zu geben.

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Waldsachsen
    Beiträge
    255
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Chanan (aus "Martin Lundgrens Traum")

    Hallo Robert,


    dann lösche den Text halt.


    Ich bin nicht geizig, sondern skeptisch. Insbesondere, wenn Honorar für eine Leistung gefordert wird, deren Wert schwer abzuschätzen ist. So etwas erinnert mich immer etwas an die Aktivitäten der Axel Andersson Akademie ...


    Ich habe in diesem Forum durchaus schon hilfreiche Kommentare erhalten, allerdings - das sei ganz offen gesagt - nicht von Dir. Was ich von Dir erhielt, waren in rüpelhaftem Ton vorgebrachte Pauschalurteile, bei denen die exzessive Verwendung ungebräuchlicher Fremdwörter nicht darüber hinwegzutäuschen vermochte, daß es Dir an Professionalität, Einfühlungsvermögen und Genrekenntnis gebricht - nicht aber an Eitelkeit.


    Wenn Du Dich lieber im Beifall stromlinienförmiger Claqueure sonnst, die ihren Mangel an Kreativität und Talent durch Dauerpräsenz zu übertünchen suchen, dann vermag ich das nicht zu ändern.


    Gruß
    K.

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
    Registriert seit
    27.April 2001
    Ort
    Diedorf
    Beiträge
    567
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Chanan (aus "Martin Lundgrens Traum")

    Liebe Kassandra.


    Ich bin wirklich nicht mit dem Wortlaut von Roberts Kommentar einverstanden (Ich glaube, er ist sehr, seeeehr urlaubsreif) und kann von daher auch dein Zurückbeißen verstehen. Aber er hat nicht völlig unrecht, wenn er dir sagt, dies sei vielleicht das falsche Forum für dich. Tatsächlich glaube ich, dass sich hier außer Hannemann und mir niemand ernsthaft für SF (oder das, was du dafür hältst) interessiert und unsere Meinung kennst du doch schon zur Genüge.
    Ich habe auch die letzten Male schon nichts mehr zu deinen Texten geschrieben, weil ich mich nur wiederholt und diese Wiederholung dir nichts gebracht hätte.
    Es gibt aber einen Punkt, da bin ich mit Robert nicht einer Meinung: Bleib uns bitte erhalten. Vielleicht findest du ja mal einen Text, der nicht so penetrant nach R. B. riecht (Ich lese eben einen Kurzgeschichtenband von ihm und bin ein wenig befangen).


    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Waldsachsen
    Beiträge
    255
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Chanan (aus "Martin Lundgrens Traum")

    Lieber Klammer,


    Du hast teilweise recht, es ist vielleicht in der Tat nicht das richtige Forum. Im Grunde gibt es nirgendwo ein Forum, in Romanfragmente phantastischer Natur diskutiert werden.


    Nicht recht hast Du mit dem Begriff "SF", der offensichtlich gebraucht wird, wenn der Leser etwas nicht einordnen kann. Ich darf darauf verweisen, daß "S" für "Wissenschaft" steht.


    Die Nähe zu R. B. ist nicht unbeabsichtigt, sonst hätte ich ja wohl nicht so offensichtliche Fährten gelegt (Masken, Sandschiffe). Der alte Herr selbst scheint jedenfalls nichts dagegen zu haben, denn er hat mir sehr freundlich geantwortet, als ich ihm das Projekt geschildert habe (vielleicht war er auch nur höflich) ...


    Es gibt allerdings auch signifikante Unterschiede zum Vorbild, aber was soll's, in D muß alles in eine Kiste passen, egal ob SF oder etwas anderes draufsteht.


    Zu meinem "Zurückbeißen" wäre zu sagen, daß mich die rüde Art von Herrn R. manchmal so reizt, daß ich mir die entsprechende Antwort nicht verkneifen kann.


    Der Vorwurf mangelnder Forenbeteiligung ist zwar berechtigt, aber als mäßig talentierter Langsamschreiber kann ich halt nur eines, entweder Geschichten schreiben oder im Internet aktiv sein. Letzteres beshränkt sich dann auf die wenigen Tage zwischen zwei Texten.


    Gruß
    K.

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
    Registriert seit
    27.April 2001
    Ort
    Diedorf
    Beiträge
    567
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Chanan (aus "Martin Lundgrens Traum")

    Lieber Kassandra,


    komm mir nicht schon wieder mit Begriffsdebatten. Die hatten wir, wenn ich mich recht erinnere, schon einmal. Du selbst hast das Wort "Genre" benutzt. Dass das Gernsbacksche "S" eher zufällig das Zukünftige, Utopische ziert, aber als Unterscheidung zu Fantasy oder Horror nützt, sollte doch spätestens mit den 60ern, also der sog. "weichen" SF (Spinner, Priest, Delany, B. usw.) abgehandelt sein. Ich werfe dir auch nicht vor, wie B. zu schreiben (ich kann dir auch nichts vorwerfen), ich kann nur nicht verstehen, warum du dich vor dem alten Herrn so tief verbeugst.
    Aber das ist wohl Geschmacksache.


    Gruß, Klammer


    PS. Ich veröffentliche hier im Forum übrigens auch keine "SF", obwohl ich einen Roman und ein Dutzend Geschichten im Schreibtisch liegen habe. Das passt nicht hier her.


    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  7. #7
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Chanan (aus "Martin Lundgrens Traum")

    Das altbackene Wort Claqueure übersetze ich mir jetzt mit Lobhudler. Um Lobhudler ist es mir noch nie gegangen. Oder kennst Du jemanden, der sich so oft streitet und dennoch nach Lob hudelt? Das paßt nicht.
    Ich könnte Dir einige Ordner nennen, in denen Du mit meiner Arbeit zufrieden warst, andernfalls kämest Du auch kaum weiters hierher. Du solltest wissen, daß mir Genrearbeiten gleichgültig sind. Auch im SF- oder fantasy-Bereich der Literatur gibt es Regeln, an die sich einer,, der die deutsche Sprache benutzt, halten sollte. In meinem Forum wird auf die Einhaltung klassischer Regeln wert gelegt. Mit anderem kann ich nicht dienen. Willst Du anderes als das, wirfst Du Deine Perlen vor das Schwein. Ich fresse alles.


    Es ist allerdings so, daß ich Dich zwar leiden mag, denn ich kann Leute, die ihre Meinung zu verteidigen wissen, immer leiden, auch wenn ich die Meinung selber nicht teile, Du aber durch Deine Inkontingenz (nicht zu verwechseln mit Klammers Inkontinenz) hier nur ein Mauerblümchendasein fristen kannst.

  8. #8
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    10.June 2000
    Ort
    Oldenburg
    Beiträge
    286
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Chanan (aus "Martin Lundgrens Traum")

    Was ich nicht verstehe ist, hier nicht und in anderen Ordnern auch nicht, dass nicht gesehen wird, dass Robert ein Angebot macht. Das Angebot lautet, so habe ich es verstanden: Mitarbeit. Es lautet nicht Abstauben, nicht Glotzen und auch nicht Anbieten.


    Ich habe, und das schon länger, den Eindruck, dass hier nicht selten nur veröffentlicht wird, um die Meinung von Robertus, Klammer und Uisgeovid zu lesen und sich dann mit der aus dem Staub zu machen. So kann Robert nur Geld dafür verlangen!!! Weil eben keine Gegenleistung erfolgt. KEINE!!!


    Gruß von
    Trist


    edit: sorry, da hat sich wohl was überschnitten, ich hatte Roberts Beitrag noch nicht gelesen.






    [Diese Nachricht wurde von Trist am 23. Juni 2003 editiert.]

  9. #9
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Waldsachsen
    Beiträge
    255
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Chanan (aus "Martin Lundgrens Traum")

    Robert, Du hast ja recht, es gab auch Zeiten, wo auch von Dir über das Detail diskutiert wurde und nicht der Text mitsamt der Intention des Schreiberlings verdammt wurde (wofür ich allerdings auch Beispiele nennen könnte).


    Aber vielleicht haben wir ein Verständigungsproblem: Ich würde durchaus gern auch an anderen Texten mitarbeiten, aber das schaffe ich zeitlich nicht. Wenn ich mich in ein Projekt verrannt habe, dann fällt es mir sehr schwer, mich aus der jeweiligen Gedankenwelt zu lösen und etwas völlig anderes zu lesen und zu bewerten. Das ist kein böser Wille, obwohl es sicher so aussieht, wenn ich hier nur alle paar Monate auftauche.


    Klammer, ich verstehe Dich nicht. Wieso ist Phantastik etwas, das nicht hierher gehört?
    Ist Phantastik keine Literatur? Was ist mit Homer, den Nibelungen und Dr. Faustus? Wieso wendet sich heute jeder "Literat" angewidert ab, sobald eine Geschichte scheinbar auf einem anderen Planeten spielt?


    Warum stellst Du nicht wenigstens eine Deiner "SF"-Stories in das Forum? Weil Dir das Geschriebene minderwertig erscheint, oder weshalb?


    Trist, auch Du hast recht. Es stimmt: Wenn ich etwas geschrieben habe, würde ich gern hören, ob es etwas taugt. Und da meine Geschichten lang sind, komme ich nicht oft genug hierher, um mich für die oft genug auch wohlwollende Unterstützung revanchieren zu können. Asche aufs schüttere Haupthaar ...


    Ja, tut mir leid, mehr kann ich dazu nicht sagen. Vielleicht wird es anders, wenn ich "Martin Lundgrens Traum" fertiggeschrieben und festgestellt habe, daß niemand das Buch mag ...


    Gruß
    K.

  10. #10
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Chanan (aus "Martin Lundgrens Traum")

    Das wirft ein neues Licht auf Deine Schreibe. Homer und die Nibelungen möchte ich nicht ins Reich des Phantastischen verweisen. Das -isch macht mir eben zu schaffen. (phantasievoll ist aber auch nicht besonders gut) Allerdings hab ich nichts gegen Phantasie. Auch nichts gegen Phantastisches. Aber das -isch macht mir zu schaffen. Es ist ein Nimbus, an dem ich mich nicht aufrichten kann.


    Wenn wir das erledigt haben... würde ich gern an Deinem Text arbeiten, mit Deiner gnädigen Erlaubnis.

    P.S. Das mit dem "keine Zeit haben" habe ich überhört. Zeit für wichtige Dinge nimmt man sich.

  11. #11
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Waldsachsen
    Beiträge
    255
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Chanan (aus "Martin Lundgrens Traum")

    Die Zyklopen, Circe, die Nymphen (keine ukrainischen), Hades, der Zwerg Alberich, die Tarnkappe, das Drachenblut etc. sind m. E. phantastische Schöpfungen, was sonst?


    Und so recht verstehe ich nicht, Aerolith, wo Dein Problem mit dem -isch liegt. Wenn man überhaupt einen einengenden Begriff verwenden möchte, so erscheint mir Phantastik (nicht zu vergleichen mit Fantasy) noch erträglich.


    Im Grunde geht es doch bei sinntragenden Texten fast sämtlicher Couleur um das Gleiche: Einsamkeit, die Schwierigkeit, den Nächsten zu mögen (oder gar zu lieben), die Furcht vor dem Nichtsein, das Bewußtsein, versagt zu haben, die Gewißheit, nicht verstanden zu werden ... und auf der anderen Seite die irrationale Hoffnung auf Besserung/Liebe/Erlösung.


    Das Gegenwartsliteratur dies besser abbildet als phantastische, kann ich nicht sehen.


    Text"arbeit" hatte ich im Grunde (schon wegen der Länge) kaum erwartet, eher ein paar Worte zum Gesamteindruck (unverständlich, langatmig, zu sentimental oder eben doch einigermaßen lesbar). ich bin gerade an einem Punkt, wo mich Zweifel an der Tragfähigkeit des Projektes überkommen ...


    Gruß
    K.

  12. #12
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
    Registriert seit
    27.April 2001
    Ort
    Diedorf
    Beiträge
    567
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Chanan (aus "Martin Lundgrens Traum")

    Lieber Kassandra,


    ich habe hier schon einiges, das du als "Phantastik" bezeichnen würdest, veröffentlicht, z. B. "Tradition", "Eismanns Wille", "Crisis", die hast du offenbar alle nicht gelesen. Deine Beispiele allerdings, da bin ich mit Robert einer Meinung, die sind keine fantastische Literatur in der Hoffmann-Gogol- oder meinetwegen Shelley-Verne-Tradition, sondern grundlegende Mythen der Menschheit, die aber gerne, das gebe ich zu, zu "Phantastik" verwurstet werden. So gibt es z. B. ein "Nibelungen"-Computerspiel, das auf fernen Planeten spielt.
    Etwas anderes sind deine "Lundgren"-Storys, die "angeblich" auf anderen Planeten spielen (Der Mars als Seelenlandschaft, nehme ich an. Reichlich altbacken.). Die hast du selbst, ich wiederhole, als "Genre" bezeichnet. Dafür gibt es, denke ich, einige Foren und Fanzirkel.
    Hier, das ist meine Erfahrung, bringt eine Veröffentlichung von "Genre"-Texten nichts, egal, ob das jetzt Krimis oder SF ist, weil hier einfach keiner in der Lage ist, sie adäquat zu kritisieren. Du magst dazu in der Lage sein, aber du willst ja nicht.


    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  13. #13
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Waldsachsen
    Beiträge
    255
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Chanan (aus "Martin Lundgrens Traum")

    Lieber Klammer,


    Natürlich kann man auch "Eismanns Wille" (gerade gelesen) als "Phantastik" (Kritik dort) bezeichnen, aber mit Sicherheit nicht als SF wie Du in einem der Vorbeiträge.


    Auch die Aussage zu den "geeigneten Foren und Fanzirkel" ist leider unzutreffend, zumindest meiner bescheidennen Kenntnis nach, und ich bin schon ein paar Jahre in diesem Umfeld aktiv.


    Ich weiß auch nicht so recht, wie Du zu der Einschätzung "reichlich altbacken" kommst, aber offensichtlich sind die Geschmäcker verschieden ...


    Gruß
    K.

  14. #14
    Administrator
    Registriert seit
    31.October 1998
    Beiträge
    248
    Renommee-Modifikator
    22

    AW: Chanan (aus "Martin Lundgrens Traum")

    Es hat etwas mit der Konstruktion poetischer Räume zu tun. Das -isch setzt hier einen einfachen Bezug zum nomen. Phantastisch hat den Bezug zum Phantasten. Damit ist viel gesagt. Klassisch hat den Bezug zum Klassiker.
    Was Du dann schreibst, in Deiner Selbstreferenz, phantasisch müßte es heißen. Aber dieser Begriff ist ungefähr so beliebt wie Hundekuchen.


    Ich habe auch über Dein Schreiben und das Klammers nachgedacht. Du bist ein Schriftsteller, Kassandra, ein moderner Schriftsteller. Klammer ist ein Traditionalist, der sich moderne Mäntel überstreift, weil diese ihm eine mögliche Form des Ausdrückens sind. Diese Mäntel allerdings besitzen keine sinnstiftende Kraft. Bei Dir aber fußt alles auf dem Bezug zur Handlung, bei Klammer ist die Handlung zumeist nur ein Vehikel. Klammers Schreibe benötigt einen aristokratischen Leser, wie Barthes das nennt, das ist einer, der Freude an der Sprache hat, wenn er liest und den die Handlung quasi nicht sonderlich interessiert. Bei Dir aber kommt es immer darauf an, daß etwas passiert. Du bist deshalb ein moderner Mensch, ein Mensch des kapitalistischen Zeitalters, einer, der arbeitet, der schafft und Text erzeugt, die einen Plot wiedergeben. Freude am Fabulieren hast Du nur dann, wenn Du sie in einem technischen Sinne als Wortgesetze führen kannst. Du setzt die Worte aneinander, führst sie einem Ziel zu. Du schreibst quasi pragmatisch. Müßige Gedanken sind Dir ein Greuel, Du überliest sie geflissentlich.
    Um es auf den Punkt zu bringen: Du gehörst jener Klasse der Schreiber an, die in meiner Poetik ein Mauerblümchendasein fristen müssen, bestenfalls. Ich suche Menschen des Wortes, die nicht pragmatisch denken, sondern die Lust am Möglichen spielerisch handhaben. Zum Spiel aber gehört die Suche nach dem Wesentlichen. Und, mal ehrlich: das ist Dir relativ.


    Kritik kann sich auf vielen Ebenen bilden: Form, Idee, Ausführung, Botschaft, Vorbilder, Ziel, Erwartungshaltung, ... Im Wolkenstein-Forum wird jedem, der kömmt, Kritik an seinem Wort gegeben, aber die Maske der Vorbilder ist da nebensächlich. Am Ende wären wir in einem Seminar, in dem jeder nachweisen zu müssen glaubt, er sei ein Adept von X. Das ist aber nicht das Ziel dieses Forums. Hier geht es um den kreativen Schreibprozeß und um Bewahrung.

  15. #15
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Waldsachsen
    Beiträge
    255
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Chanan (aus "Martin Lundgrens Traum")

    Hallo Robert,


    offenkundig hast Du Dich von meiner Anmerkung zur Klammers Geschichte in die Irre leiten lassen. Ich hatte im übrigen nicht einmal behauptet, sie sei schlecht.


    Du behauptest, meine Geschichte(n) seien überwiegend handlunsgbezogen, ohne den Beweis anzutreten. Wenn ein Mann mit seinen zwei Hunden 12 Seiten lang durch eine Wüstenlandschaft marschiert, so ist das mitnichten das, was sich ein actionhungriger Leser wünscht. Das gilt für den "brennenden Mann" ebenso wie für "Chanan". Im Grunde geht es nur um den Protagonisten und seine Gedankenwelt, die Umgebung ist austauschbar.


    Was den "aristokratischen Leser" anbetrifft, naja, da habe ich Zweifel, ob man einen solchen heutzutage (bei 50.000 Neuerscheinungen im Jahr) überhaupt noch auf sich aufmerksam machen kann - nach meiner Erfahrung nicht.
    Und obwohl ihr (Klammer und Du) keine Österreicher seid, scheint mir auf Euch das Statement eines dort ansässigen Kollegen zuzutreffen: "Wer in Österreich in einer Literaturzeitschrift mit einer Auflage von über 100 Exemplaren veröffentlicht, ist in den Augen der dortigen Kulturträger ein angepaßter Schmierfink."


    Das scheint - entschuldige, wenn ich irre - auch eine der Maximen Eures Verlags zu sein: Sehr klein, aber sehr fein. Das klingt zunächst nicht einmal schlecht, aber der Grat zischen elitärer Selbstbehauptung und narzißtischer Selbstbefriedigung ist relativ schmal.


    Und abschließend: wenn Ihr mit dem Text nichts anfangen könnt (und bis jetzt war ja noch keine textbezogene Antwort dabei) - dann lösch ihn halt.


    Gruß
    K.

  16. #16
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Chanan (aus "Martin Lundgrens Traum")

    Eben genau das meine ich, Kassandra. Wie hast Du gerade argumentiert? Sehr vernünftig. Ich gratuliere Dir dazu. Das kannst Du also. Kannst Du auch anders? Ich meine jetzt nicht unvernünftig, sondern vielmehr spreche ich von anderem, eben nicht dem Vernünftigen. Es gibt neben weiß und schwarz auch grün und rot und gelb, ockerfarben will ich jetzt nicht vergessen, andere Farben sind mir momentan schnurz. Ich hab hier auch keine Wertung abgegeben, obwohl ich gern eine abgegeben hätte. (Man muß ja nicht immer alles sagen, um verstanden zu werden.)

    Zum Vorwurf der Exklusivität. Nun ja, wer heute alles als kreativ gilt und gar erst die, die sich exklusiv dünken. Ich weiß nicht, ob ich mir diese Jacke anziehen möchte. ich weiß, daß heute kein Mensch mehr die Leute liest, die seinerzeit gelesen wurden, als Goethe und Schiller schrieben. Goethe hat von seinem Meisterwerk Dorothea 200 Stück verkauft. Schillers Bühnenstücke waren keine finanziellen Erfolge. Mozart, Haydn etc. waren nur einige Meister unter vielen. Hofmannsthal oder Rilke konnten von ihrem Schreiben nicht leben, etc. Entscheidend ist, welches Ziel man mit seinem Schreiben resp. literarischen Arbeiten verfolgt. Wenn ein Meisterwerk in der Schublade liegt und keiner es zur Kenntnis nimmt oder nehmen kann, ist auch keinem geholfen. Man muß also klappern. Allerdings ist das ein Bereich, in dem ich nicht besondere Begabung zeigte. Vielleicht finde ich noch jemanden, der klappern kann. Nur her mit ihm, solange er mir nicht erklären will, wie was zu schreiben/lektorieren ist.

    Zu Deinem Text will ich mich itzt nicht äußeren. Vielleicht später einmal, sofern Du mich darum bittest. 16 Seiten sind schon arg viel.

  17. #17
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Waldsachsen
    Beiträge
    255
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Chanan (aus "Martin Lundgrens Traum")

    Robert, ich glaube schon, daß ich weiß, was Du meinst: einen Text, der jenseits aller Erwartungen und Handlungszwänge funktioniert.
    Würde ich auch gern einmal wieder schreiben, aber einen 400-Seiten-Roman bekommt man auf diese Weise nicht hin. Und "Martin Lundgrens Traum" hat derzeit eben Priorität, weil mir das Projekt wichtig ist. Danach wird man sehen ...


    Gruß
    K.

  18. #18
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: Chanan (aus "Martin Lundgrens Traum")

    16 Seiten A 4. Das ist nichts, was sich so leicht weglesen ließe, schon gar nicht am Bildschirm. Also manchmal...

+ Antworten

Ähnliche Themen

  1. Christoph Hein: "Meine Figuren haben Rechte!"
    Von aerolith im Forum Buch- und Autorenforum
    Antworten: 7
    Letzter Beitrag: 21.08.18, 23:40
  2. Carlos Castaneda "Tensegrity" Die magischen Bewegungen der Zauberer
    Von Michael im Forum Buch- und Autorenforum
    Antworten: 9
    Letzter Beitrag: 26.07.18, 19:52
  3. Antworten: 42
    Letzter Beitrag: 26.03.18, 18:15
  4. "Der Traum vom Meer" - Teil III
    Von in nomine Kassandrae im Forum Forum für das geschriebene Wort
    Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 20.10.15, 11:43
  5. Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 10.09.01, 19:20

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Ja
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •