Die auf wenig Gegenliebe bei den Deutschen stoßende Weimarer Republik benötigte zu ihrer Existenzbehauptung die Garantie für Auskommen und innere Entwicklung. Die Entente-Mächte hatten es nach ihrem Sieg 1918 versäumt, den Willen der Deutschen zu brechen. Sie waren darin uneins geblieben: die Franzosen hatten erkannt, daß man das Reich zerschlagen müsse, und sie besaßen den Willen dazu. Dagegen konnten sich die Angelsachsen durchsetzen, die Deutschland als Geschäftspartner schätzten und zugleich versuchten, die deutsche Industrie in ihr System einzubinden, wofür sie den Willen der Deutschen zu benötigen glaubten, um eben die Leistungen einzuholen, die für ihre Geschäfte von größten Vorteil waren: Erfindungsreichtum, Arbeitsdisziplin und Gewinnstreben. Daneben rechneten sie mit einem neuen Krieg, der wieder größte Gewinne abwerfen würde, ganz gleich, gegen wen sich die Deutschen richten würden: wahrscheinlich waren Frankreich und Polen.

Die Weltwirtschaftskrise zerstörte die Weimarer Republik und brachte die Ränder in die Offensive. Doch darf man jetzt nicht denken, daß die Wirtschaftskrise die Ursache der Naziherrschaft oder des Zweiten Weltkriegs sei. Nein, sie wirkte als Katalysator, aber dieser Katalysator mußte kommen. Die Weltwirtschaftskrise hätte auch schon 1928 beginnen können oder erst 1930 oder 31, aber sie mußte kommen, weil einerseits der Kapitalismus immer zyklische Krisen benötigt, um den Konzentrationsprozeß fortzusetzen, sich zu reinigen und neu aufzustellen und weil die deutsche Wirtschaft weder autark organisiert war, noch die Weimarer Republik souverän ihre Politik bestimmen konnte (Schuldknechtschaft), also jedwede weltwirtschaftliche Verschiebung zuerst die Deutschen treffen mußte. Die Niederlage im Weltkrieg führte u.a. zum Verlust der deutschen Selbständigkeit. Das Reich diente fortan als Puffer für die Verluste der Siegerstaaten im internationalen Wettbewerb. Die Siegermächte bedienten sich bei den deutschen Bankkonten, um eigene Verwerfungen auszugleichen. Im Inneren der Republik schwelten die unterschwellig wirkenden Vorbehalte gegen das „System“, wie man die Weimarer Republik rechts und links von der Mitte nannte, darauf hinarbeitend, diese Übergangsform zu zerstören. Und sie standen in den Startlöchern, die Bolschewiken zur Errichtung ihrer Diktatur des Proletariats und die Nazis zur Errichtung ihres Führerstaates, vor Augen ihre Partner in Rußland oder Italien. Es waren aber nicht die Kommunisten oder Nationalsozialisten, die die Republik schließlich scheitern ließen, sondern die Mitte der Gesellschaft, die das sozusagen erfüllte, was mit der Gründung der Republik bereits angelegt worden war: einen neuen Staat, der sich scheinbar von den Zwängen des Versailler Vertrages befreite und einen Krieg anstrebte, in dem die alte Weltgeltung wieder erreicht werden sollte, einen Krieg, den das Reich allein nicht gewinnen konnte. Als sich die Mitte der Gesellschaft auf die Extremen zubewegten, da war es mit der Weimarer Republik vorbei. Die Nationalsozialisten waren bis 1928 für die Mitte nicht wählbar gewesen, denn das Wirtschaftsprogramm der Nazis sah - ganz ähnlich wie bei den Kommunisten - weitreichenden Staatssozialismus vor. Erst Hitlers Annäherung an die Großindustrie und seine Verzichtserklärung auf Staatssozialismus ab 1930 änderte das. Nunmehr konnte sich die Mitte ihrer Besitztümer sicher sein, was Hitler den Weg zu den Herzen der Mitte öffnete. Die Kommunisten ihrerseits konnten die Erfolge Sowjet-Rußlands anführen, das nicht nur unverschont von der Weltwirtschaftskrise geblieben war (Autarkie sei Dank!), sondern immens aufgeholt hatte. Etwas Ähnliches schwebte den deutschen Kommunisten mit dem Reich vor - war das eine Alternative für die bürgerlichen Deutschen? Es ist hier die Rede vom Potential für eine sozialistische Revolution. Dieses bestand in den Lohnabhängigen, also Arbeitern und Angestellten sowie deren Angehörigen. Ein paar Zahlen, die auf Schätzungen beruhen [1]:


Jahr
Lohnabhängige in Mill.
arbeitslos (Jahresdurchschnitt) in Mill.
Reichsbevölkerung in Mill.
von Arbeitslosigkeit betroffen
1919
17,331
unerheblich
60,9
kaum
1923
20
0,818
61,6
3,8%
1927
21,2
1,312
63,2
6,2%
1929
22,4
1,9
63,6
8,9%
1930
21,9
3,076
64,2
14,2%
1931
20,6
4,52
64,8
21%
1932
18,7
5,6
65,2
26%

Die erfolgte Neuorientierung des besitzenden Bürgertums zu den Nazis hin zeigte sich nach dem frühzeitigen Ende des vierten Reichstages 1930. Der Regierung Brüning war eine Finanzvorlage zur Deckung des Haushaltsdefizits von den Abgeordneten des Reichstages disloziert und nachfolgend abgelehnt worden, was vorzeitige Neuwahlen zur Folge haben mußte, da jeder Staat Ausgabensicherheit benötigt. Im (fünften) Reichstag bildeten 18,3% Nationalsozialisten die neue Hoffnungsträgerstellvertreterschaft des Bürgertums. Das ist keine Mehrheit, aber doch eine kleine Revolution für die Weimarer Republik, denn zusammen mit den Kommunisten, Deutschnationalen und der Volkspartei kam man zusammen auf 43% Republikfeinde (6% mehr als 1928), während die Systemparteien zusammen gerade noch auf 50% der Stimmen kamen, aber untereinander zerstritten waren, so daß eine Regierung auf parlamentarischer Basis nicht gebildet werden konnte.

wahlergebnis_1930.JPG





[1] Zahlenbasis: Petzina, Abelshauser, Faust: Arbeitsbuch. S. 119. (In: Horst Möller: Weimar. München 1993. S. 288.)